Sternenhimmel [Update 09.08.18]




  • Narim, der Steuerzwerg


    § Teil 1: Enteignung §






    „Das könnt Ihr nicht machen!“, brüllte der alte Bauer, dessen Gesicht inzwischen die Farbe überreifer Tomaten angenommen hatte.
    Narim seufzte. Er rutschte unruhig auf dem abgewetzten Sattel seines Maultieres herum und beobachtete von seinem erhöhten Standpunkt aus, wie ein Trupp bewaffneter Reiter sich auf dem Hof am Fuße der Senke verteilte und ein ergrauter Beamter mit angespannter Haltung auf Kleinjung einredete.
    Ihm gerade erklärte, dass er nichts dagegen ausrichten könnte, dass sein Hof für den Bau einer neuen Verbindungsstraße durch das Reich geräumt werden musste.
    Der Zwerg schüttelte den Kopf. Er hatte den alten Mann mehr als einmal darauf hingewiesen, dass man ihn sehr wohl von seinem Land werfen konnte, wenn es den Interessen des Staates diente. Doch die typische fingrensche Sturheit war nicht zu durchdringen. Vermutlich würde auch die Entschädigung, die die königliche Schatzkammer für eine Enteignung zu zahlen verpflichtet war, den Bauern nicht über den Verlust seines Landes hinwegtrösten, das laut eigener Aussage schon seit den Tagen der Felskriege von seinen Vätern und Großvätern bearbeitet worden war. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen trieb er sein treues Reittier weiter den Hügel hinauf. Er würde gern etwas für den Mann tun, doch ihm waren die Hände gebunden – eigentlich war es seiner persönlichen Ansicht nach tatsächlich nicht fair, dass man einer Familie einen Beutel Geld in die Hand drückte und sie damit von ihrem angestammten Familiensitz vertrieb, sie ihrer Lebensgrundlage beraubte. Natürlich, die Entschädigung war nicht zu verachten, aber was nutzte einem das im ersten Moment, wenn man sich ein neues Heim suchen musste, dazu verdammt war, sich wer-weiß-wo eine neue Existenz aufzubauen? Von der emotionalen Belastung ganz zu schweigen.
    Aber Recht und Gerechtigkeit waren nun einmal zwei verschiedene Paar Schuhe, wie der Zwerg wohl wusste.
    Manchmal verfluchte er sich dafür, dass er eine für seine Rasse ungewöhnlich einfühlsame Haltung hatte. Natürlich waren Zwerge an sich keine gefühlskalten, emotionslosen Wesen, aber es ließ sich nicht leugnen, dass seine reinrassigen Verwandten eine grundsätzlich rationalere, in gewisser Weise logischere Herangehensweise an viele Aspekte des Lebens hatte. Was es ihnen leider etwas schwieriger machte, mit anderen Rassen zusammenzuleben.
    Ein flüchtiges Lächeln stahl sich auf Narims Lippen. Bei seinen Eltern war es anders gewesen. Streng genommen war er ein Halb-Zwerg, und er war auf seine Weise stolz darauf. Er sagte sich immer, dass er die besten Eigenschaften seiner Eltern geerbt hatte, zumindest hatte seine Mutter ihm diese Worte immer zärtlich ins Ohr geflüstert, wenn er einmal wieder mit einem blauen Auge oder einer blutigen Nase nach Hause gekommen war.
    Kinder konnten sehr, sehr grausam sein.
    Schnell schob der Mann die trüben Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf seinen Weg. Als Mischling schien er nirgendwo wirklich hinzugehören, doch glücklicherweise hatte er seine Berufung genau aufgrund seines vielfältigen Blutes schließlich gefunden. Denn für das, was er tat, waren sowohl ein scharfer, logisch denkender Verstand als auch ein gewisses Einfühlungsvermögen in die Lebensumstände seiner Klienten unabdingbar.
    Denn Narim Hochspross Denzel war Abgabenbeauftragter. Und diese Stellung erforderte ein nicht unerhebliches Maß beider Charakterzüge.
    Er war so tief in Gedanken versunken gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, dass sein kleines Gehöft bereits in Sichtweite war. Er hätte es sich ohne Probleme leisten können, in einer der größeren Städte eine Niederlassung aufzubauen, den reichen Handwerksmeistern und Stadtadligen bei der Verwaltung ihrer Steuern zu helfen und sich somit ein stattliches Vermögen aufzubauen. Doch die engen Straßen und zusammengedrängten Massen, die sich zwischen den hohen Mauern zusammenpferchen ließen, behagten ihm noch deutlich weniger als die Aussicht auf ein einträgliches Vermögen. Abgesehen davon war seine Profession so rar, dass er auch ohne Sitz in Nahburg oder Sippstadt oder einer anderen der großen Ansiedlungen in der Gegend ein gutes Auskommen hatte. Kaufleute aus verschiedenen Ecken der Gegend suchten seinen Rat, genauso wie die kleineren Gehöfte, die mit dem komplizierten Steuersystem des Reiches einfach nicht zurechtkamen.
    Narim stieg von seinem Maultier ab, tätschelte ihm die blasse Schnauze und reichte seinem Stallknecht die Zügel, der schon diensteifrig auf seinen Herrn gewartet hatte. Früher einmal hatte Narim sich mit dem Gedanken getragen, ein stolzes Pferd zu erwerben, ein rotbraunes oder geschecktes vielleicht, irgendetwas Repräsentatives, Edles. Aber ein Zwerg auf einem edlen Zuchtpferd … der erhebliche Größenunterschied würde ihn der Lächerlichkeit preisgeben. Abgesehen davon waren kleinere, robustere Tiere für die anstrengenden Wegstrecken im Hügelland die deutlich bessere Wahl.
    Dennoch … ein Steinbock wäre vielleicht auch eine akzeptable Alternative, überlegte Narim, als er nachdenklich sein gepflegtes, heimeliges Haus betrat.
    Er erwog den Gedanken ernsthaft, als er seinen Mantel ablegte und gierig den Duft frischen Bratens einsog, der sich unaufdringlich in sein Bewusstsein stahl. Sein Magen meldete sich sofort lautstark zu Wort, und es erforderte ein erhebliches Maß an Selbstdisziplin, um nicht sofort in die Küche zu laufen und nachzusehen, was seine entzückende Haushälterin wieder Feines gezaubert hatte.
    Ein tiefer Seufzer entschlüpfte seinen Lippen, als er seine prall gefüllte Ledertasche zurechtrückte und sich die Treppe hinauf in den ersten Stock begab. Trotz der Tatsache, dass die Leute in der Regel eher zu ihm kamen und ihn um seine Dienste baten und er viel seiner Arbeit per Post erledigen konnte, war es mitunter unabdingbar, dass er Termine außer Haus wahrnahm, um seine Klienten zu beraten. Zumindest hielt er das für seine berufliche Pflicht – einige seiner Kollegen schickten eher ihre Bediensteten oder Angestellten auf solcherlei Botengänge, doch Narim zog es vor, sich selbst ein Bild der Sachlage zu machen, sofern ihm das möglich war.
    Der Papierkram, der mit seiner Arbeit einherging, war ihm allerdings weit weniger recht. Mit einem leisen Seufzen ließ er sich in seinen Arbeitssessel plumpsen und machte sich daran, die aktuellen Fälle zu bearbeiten.
    'Das wird ein langer Abend ...', dachte er, nahm eine glattgestrichene Tontafel zur Hand und begann, erste Notizen in das weiche Material zu ritzen.





  • Kaufleute aus verschiedenen Ecken der Gegend suchten seinen Rat, genauso wie die kleineren Gehöfte, die mit dem komplizierten Steuersystem des Reiches einfach nicht zurechtkamen.

    Wer kommt schon mit dem Steuersystem zurecht?
    Hallo Sheo! (:  
    Das ist ein sehr geniales Projekt! Und ich glaube auch, dass das sicherlich hilft sich Sachverhalte besser zu erschließen. Ich hab ja selbst während meiner Ausbildung mit dem Gedanken gespielt, meine Lerninhalte irgendwie "kreativ" zu verarbeiten, irgendwie kam's aber doch nicht dazu. Umso mehr freut's mich, dass du uns an deinen Lerninhalten auf die Art etwas teilhaben lässt. Ich werd da sicherlich mehr lernen als in jedem Sozialkundeunterricht!
    Die Enteignung an sich ist hier zwar nur ein kleiner Teil, aber benötigt im Grunde ja auch nicht vieler Worte. Vor allem, nachdem du Narim ja darüber hast nachdenken lassen. Dafür nimmt die Szenerie und die Beschreibung des Halbzwerges viel Raum ein -- du erzählst viel über ihn, seine Arbeit, seinen Hintergrund, sogar seine Familie und seine jetzigen Lebensverhältnisse! Wow, so viel hatte ich anfangs gar nicht erwartet, als ich zu lesen begonnen hab. Apropos: sehr schöner Einstieg in die Geschichte. Ich konnte mir den wütenden Bauern richtig gut vorstellen -- der mir natürlich auch leid tat. Enteignet zu werden ist ja keine schöne Sache. Wusste allerdings tatsächlich, dass das in DE immer noch gemacht wird. Ein Beispiel aus meiner Region: für den Bau der dritten Startbahn am Münchner Flughafen würden nicht wenige Menschen ihr Zuhause verlieren. Einfach, weil sie zu nah dran wohnen oder sogar auf dem Gelände, das am Ende die Startbahn werden soll. Dein Bauer ist hier leider eine Einzelperson, außerdem schreibst du auch noch -- wenn ich das richtig verstanden hab -- eher in einer Monarchie(?), wo Demonstrationen wohl eher nicht so gern gesehen wären und sich wohl auch niemand ein Protestbanner ans Haus hängt.
    Aber sag mal: was ist denn ein Abgabenbeauftragter genau? Ist er nun ein Mann des Staates oder hat er auch private Kunden? Das kam jedenfalls für mich nicht ganz raus, aber vielleicht hab ich's auch einfach nicht verstanden. ^^"


    Freu mich jedenfalls auf Weiteres! (:

  • Salut! ♥
    Ich dachte mir gerade, dass du bestimmt immer noch so viel zu tun hast und dass dir ein kleiner Kommi vielleicht kurz ein bisschen Stress nehmen könnte. Vielleicht bewegt dich das ja auch dazu, dein Projekt wieder fortzuführen. :3 Und wie ich gerade schockiert feststellen musste, ist das tatsächlich mein erster Kommi in deinem Topic. D:


    Narim, der Steuerzwerg
    In der Geschichte wird von einem Halb-Zwerg, Narim, berichtet, der in seinem Land als Abgabenbeauftragter arbeitet. Zunächst beobachtet er, wie ein Bauer von seinem Grundstück enteignet wird; anschließend wird mehr auf das Leben von Narim eingegangen. Die Art, wie von der Enteignung erzählt wird, gefällt mir wirklich gut, weil sowohl das Mitgefühl des Zwerges zum Vorschein kommt; gleichzeitig aber auch eine enorme Nüchternheit durchklingt, sodass es insgesamt mehr den Eindruck macht als wäre es halt einfach der triste Alltag. Und genau das scheint am Ende ja auch bestätigt zu werden, wenn die Geschichte letztlich mit der Papierarbeit aufhört. Interessant fand ich schon beim ersten Lesen das generelle Setting. Ganz sicher, wo die Geschichte spielt, bin ich mir immer noch nicht. Zum einen sind fantastische Elemente wie Zwerge vorhanden, zum anderen wirkt es schon durch Begriffe wie "Staat" weit entfernt von einer Märchenwelt. Vielleicht ist da ja die eine oder andere Analogie versteckt. Wäre sicher spannend, ob der Zwerg nicht auch für eine bestimmte Art von Mensch stehen könnte. Auch bei dem Namen bin ich mir leider nicht ganz sicher, ob da eine größere Bedeutung dahintersteckt. Die Dorfnamen lassen zumindest mal darauf hoffen, aber mit Narim Hochspross Denzel kann ich gerade nicht viel verbinden. (Meine Kurzrecherche ergibt, dass sich Narim auf einen Charakter aus Stargate oder eine ethnische Gruppe im Südsudan beziehen könnte; Hochspross bezieht sich vermutlich auf die Größe) Vielleicht kannst du das ja nochmal aufklären, sofern da mehr dahintersteckt. Außerdem wäre es auch interessant zu erfahren, was denn genau ein Halb-Zwerg ist, bzw. was da gemischt wurde. Das würde das Bild von Narim sicher noch etwas verbessern. :3


    Ansonsten ist mir das hier noch aufgefallen:

    Ihm gerade erklärte, dass er nichts dagegen ausrichten könnte

    Durch den Absatz, der vorher bereits gesetzt wird, wirkt das als etwas, das für sich steht und war für mich jedes Mal wieder ein kleiner Stolperstein. Wenn es mit einem Semikolon zum vorigen Satz gehören würde, wäre das wohl noch durchgegangen; so fehlt da irgendwie etwas. (Übrigens hab ich mir bei mehreren, vorwiegend längeren Sätzen gedacht, dass sich da auch mal ein Semikolon gut machen würde, um den Satz besser zu strukturieren! Vielleicht als kleiner Tipp :3)


    Die Idee dahinter, den Lernstoff einzubauen, finde ich übrigens auch toll. Ich bin mal gespannt, was du da sonst noch so einbauen kannst. Das GG lässt hier prinzipiell ja doch einiges zu, haha. :3


    Au revoir! ♥

  • Ich stell mich in die Ecke und schäm mich. Für die so arg verspäteten Antworten auch eure tollen Kommentare gibt es keine Entschuldigung. Aber vielleicht seid ihr ja doch noch nicht in die Weiten des Netzes geflüchtet :)


    Mollymauk - zu "Seelenfreund"



    Cyndaquil - zu "Historia" ...


    ... und zu "Narim, der Steuerzwerg - Teil 1"




    Musicmelon zu "Freudenbällchen" ...


    ... und zu "Taumeln"




    éléphant zu "Narim, der Steuerzwerg - Teil 1"



    Vielen, vielen Dank für eure Stimmen und eure Verbesserungsvorschläge vor allem! Ich hoffe, ihr seid noch bei mir und wir lesen uns demnächst mal wieder!


    glg


    ~ Sheo

  • Es folgen drei ... ja, sind es Geschichten? Szenen? ich weiß es nicht genau. Es sind jedenfalls Schreibschnipsel, die aufgrund meiner Würfe von Story Cubes (die gibt es sogar als App, sehr sehr nützlich zur Inspiration!) entstanden sind. Von der letzten Geschichte ist ein Screenshot des Wurfes noch erhalten und beigefügt. Viel Spaß!




  • Das Flackern der Dämmerung




    Andrea verzog das Gesicht und widerstand nur mühsam dem Drang, sich wie ein Wahnsinniger die Beine zu kratzen. Vor lauter Aufregung war er durch ein Büschel Brennnesseln gelaufen und die entsprechenden Stellen juckten und stachen nun intensiv. Doch er konnte es sich nicht leisten, ein verräterisches Geräusch zu machen, also holte er langsam und tief Luft und ging, dieses Mal vorsichtiger, hinter ein paar hüfthohen Brombeersträuchern in Deckung.

    Er bog lautlos ein paar Zweige zur Seite, sodass er die Stelle der Lichtung gut im Blick hatte, wo er seine Falle gegraben hatte. sorgfältig unter einem Geflecht aus Zweigen und Blättern verborgen würde seine Beute sie nicht entdecken können - hoffte er zumindest.

    Eigentlich war es für die Bewohner seines Heimatdorfes Maulbach verboten, diesen Teil des Waldes zu betreten. In Geschichten, wie man sie nachts am Lagerfeuer flüsterte oder als Mahnung an kleine Kinder erzählte, hieß es nur, dass niemand je von hier zurückgekehrt sei. Die meisten glaubten, dass ein schreckliches Ungeheuer irgendwo hier draußen hausen musste, das jeden fraß, der es wagte, sein Territorium zu betreten. Manche schworen, es handle sich um ein Rudel mannshoher Wölfe, die ihre Opfer mit einem Bissen hinunterschlingen konnten. Andere behaupteten, die Erdmenschen aus den alten Sagen und Legenden würden die unglücklichen Seelen in ihr unterirdisches Reich verschleppen und dort als Sklaven für sich schuften lassen.

    Was immer der Grund für die mysteriösen Vorfälle in diesem Teil des Waldes war, niemand hatte je etwas Genaues beobachtet und war zurückgekehrt, um davon zu berichten. So oder so: Die Bewohner Maulbachs mieden das Waldstück, soweit es ihnen möglich war. Bis auf abenteuerlustige Jugendliche natürlich, doch selbst sie wagten sich selten weiter als ein paar Meter vor, seit die kleine Tochter des Müllers spurlos verschwunden war.

    All das hielt Andrea jedoch nicht von seinem Vorhaben ab - wenn überhaupt irgendetwas das gekonnt hätte. Er hatte schon zu lange unter den Spötteleien und Streichen der anderen Kinder leiden müssen, die sich über seine verstorbenen Schaustellereltern lustig machten.

    Er würde es schaffen, die mysteriöse Gestalt zu fangen, die hier hauste - er musste es einfach.

    Sein Favorit für das verantwortliche Wesen hinter den Geschichten war eine sagenhaft schöne Nymphe, die Männlein und Weiblein gleichermaßen in ihren Bann zog und im nahen Waldsee in ihr nasses Grab lockte. Seine Fallgrube hatte der Jugendliche bewusst abseits des Sees gegraben, damit die magische Kraft des Wassergeistes nicht mehr so stark war. Um ihn so weit fort von seinem gewohnten Terrain zu locken, hatte er einen besonders verlockenden Köder gewählt – eine Regenbogenforelle. Denn jedes Kind wusste, dass diese besonders seltene Art Fisch eine unglaubliche Versuchung für magische Kreaturen darstellte, die mit dem Wasser verbunden waren, und sie dazu veranlasste, alle Vorsicht fahren zu lassen. Es hatte Andrea fast einen ganzen Erntemond gekostet, um an einen solchen Fisch zu kommen und alle Vorbereitungen abzuschließen.

    Und nun hockte er im Gebüsch, im verbotenen und möglicherweise verwunschenen Teil des Waldes, und wartete.

    Er schüttelte den Kopf, um seine Aufmerksamkeit wieder auf die Falle zu lenken und sich auf sein Vorhaben und seine Beute zu konzentrieren. Doch nach einer scheinbaren Ewigkeit des Wartens, in der viele Eichenblätter zerrupft und seine Beine fast blutig gekratzt wurden, gingen seine Gedanken erneut auf Wanderschaft.

    Wenn er tatsächlich eine Nymphe fangen konnte ... dann würde er nicht nur im ganzen Land berühmt, sondern auch so reich werden, wie er es sich nur vorstellen konnte! Dass so ein seltenes, magisches Geschöpf gigantische Summen bei den richtigen Leuten erzielen konnte, daran hatte Andrea keinen Zweifel. Dann könnte er endlich aus diesem Rattennest von Dorf verschwinden, in die Welt hinausgehen, vielleicht nach Garón oder in die Hauptstadt Reya oder sogar ins ferne Campanien!

    Seine Schwärmereien von unbekannten Ländern und gewaltigen Reichtümern wurden von einem erstickten Fauchen unterbrochen.

    Erschrocken kippte Andrea nach hinten und landete unsanft auf dem Hinterteil. Für einen Moment erstarrte er, das Herz schlug ihm bis zum Hals.

    Das Fauchen wurde zu einem klagenden Krächzen, begleitet von wildem Rascheln und Knacken, das Andrea vor allem eines unmissverständlich klar machte: Etwas war in seine Falle getappt.

    Er sprang auf, vergeudete nun keine Zeit mehr darauf, unentdeckt zu bleiben, und kämpfte sich ohne nachzudenken aus dem Gebüsch heraus. Die Aufregung verdrängte die leisen Zweifel, die bereits an seinem Verstand kratzten, und er näherte sich langsam der Grube. Er später über den Rand - und runzelte verwirrt die Stirn.

    Eine Nymphe war das definitiv nicht.

    Das Tier, das sich zwischen Laub und Zweigen unter ihm wand, sah für Andrea im ersten Moment wie eine Schlange aus. Der langgezogene Körper war mit glänzenden, dunklen Schuppen bedeckt und der Kopf schien ihm erst bei näherer Betrachtung irgendwie ... kräftiger zu sein. Außerdem wölbten sich kleine Höcker auf den Schultern, die ...

    Schultern? Das passte wirklich nicht zu einer Schlange!

    Andrea beugte sich weiter vor und erkannte, dass da tatsächlich kleine, aber kräftige Gliedmaßen durch das Laub traten, das mit dem seltsamen Tier in die Grube hinabgefallen war.

    ‚Was bist du?‘, dachte Andrea und fuhr sich ratlos durch die dichten, schwarzen Haare. Dann fielen ihm Geschichten ein - Geschichten aus dem fernen Ländern im Norden, wo es eine Echse geben sollte, die einen langen Schwanz besaß, einen kräftigen Kopf und die sich, wenn man den Erzählungen Glauben schenkte, so tarnen könnte, dass nur ein mächtiger Zauber sie aufspüren könnte.

    "Bist du ... ein Chamäleon?"

    Beim Klang seiner Stimme hielt die Echse inne und drehte den Kopf in seine Richtung. Einen Moment zog Andrea scharf die Luft ein und wagte nicht, sich zu rühren. Obwohl diese Kreatur nur die Größe eines kleinen Hundes hatte, strahlte sie auch etwas Rohes, Gefährliches aus, und zugleich fand er sie ... wunderschön.

    Das Reptil legte den Kopf schräg, um den Menschen über ihm mit seinen goldenen Augen zu mustern. Andrea fiel nun auf, dass winzige Buckel auf der Rückseite des Kopfes zu entstehen begannen. Er kannte das von Ziegen, die erst kleine Beulen entwickelten, bevor ihre stolzen Hörner daraus hervorbrachen.

    „Ein Chamäleon ...“, murmelte er überzeugter, aber auch ein wenig enttäuscht. Er konnte sich zwar nicht erklären, wie eine solche Kreatur so weit in den Süden kam, und es würde ihm bestimmt auch eine Menge Münzen einbringen, aber ... nach einer fantastischen Kreatur sah das wirklich nicht aus.

    Eine winzige Zunge schlängelte aus dem Maul des kleinen Wesens, das trotz seiner Ausstrahlung seltsam verloren und hilflos wirkte. ‚Vielleicht ein Jungtier?‘, überlegte Andrea. Aber im Grunde spielte das ja keine Rolle - nicht wahr?


    Er wandte sich um und lenkte seine Gedanken auf ein viel naheliegenderes Problem, das er in Begeisterung und Eifer für seine Pläne außer Acht gelassen hatte: Wie sollte er das Tier aus dem Loch bekommen?

    Aber ihm würde schon etwas einfallen.

    Ganz bestimmt.


    Was sie an diesem Ort am meisten liebte, war der Geruch. Eigentlich seltsam, wenn man bedachte, dass es sich um einen Platz handelte, der so geschichtsträchtig war.

    Laia atmete die staubige, schwere Luft tief ein, dann seufzte sie und stellte den schweren Wälzer, in dem sie gerade geblättert hatte, ins Regal zurück.

    Noch immer keine konkreten Hinweise. Und das, obwohl sie schon seit Wochen unermüdlich die große Bibliothek durchsuchte. Der alte Zauberer, von dem sie den Turm geerbt hatte, hatte eine Fülle und schier unglaubliche Vielfalt an Wissen aus allen Ecken der Welt zusammengetragen, ja sie hatte sogar Werke in den endlos scheinenden Reihen gefunden, die man längst verloren geglaubt hatte!

    Doch trotz all der gefundenen Schätze, trotz all der Magie, die im Laufe von Jahrhunderten tief ins Mauerwerk gesickert war, gab es bislang keinen Hinweis auf das, was sie wirklich suchte. Natürlich hatte sie einige Abhandlungen über die Kreatur gefunden, doch behandelten die meisten sie wie ein Fabelwesen, andere waren eher unglaubwürdig und wieder andere verfolgten einen ernsthaft wissenschaftlichen Ansatz, enthielten sogar Skizzen von Skeletten und Analysen alter Mythen, doch kamen sie mehrheitlich zu dem Schluss, dass die Kreaturen vor langer Zeit ausgestorben waren.

    Keine Hinweise, dass es heute noch lebende Exemplare gab.

    Laia pustete sich eine rote Strähne aus dem Gesicht und sah sich ratlos im Raum um. Es konnte einfach nicht sein, dass das alles war! Irgendwo hier müsste es einen Hinweis geben! Wenn nicht hier, dann bestand keine Hoffnung ...

    Eiskalte Nadelstiche sammelten sich in ihrem Nacken und rieselten ihre Wirbelsäule hinunter.

    Eine Möglichkeit gäbe es vielleicht noch. Aber die war riskant ... und es war ungewiss, was für einen Preis sie fordern würde.

    Lange hatte sie diese Lösung erwogen und alles versucht, um sie zu umgehen, aber ... sie schluckte. Vielleicht blieb ihr doch keine andere Möglichkeit ...

    Sie holte wieder tief Luft, machte auf dem Absatz kehrt und sich schnellen Schrittes auf den Weg zu den Treppen. Selbst, als sie reflexartig fluchte, wieso ein mächtiger Magier nicht dazu Umstände war, das mühsame Treppensteigen einfacher zu gestalten, verlangsamte sie ihren Schritt nicht - sonst hätte sie ihre Meinung vielleicht geändert.

    Als sie schließlich vor der schweren Tür im Keller Stand, die sie bisher nur einmal zu öffnen gewagt hatte, gönnte sie sich ein paar Minuten, um wieder zu Atem zu kommen. Und nach einem Grund zu suchen, die Pforte aus Erlenholz nicht aufschließen zu müssen.

    Ihr Atem beruhigte sich, ihr Herzschlag jedoch nicht.

    Als hätte jemand Gewichte an ihre Gliedmaßen gehängt, bewegte sie sich langsam vorwärts. Sie zog den eisernen Schlüssel aus ihrer Tasche, schob ihn ins Schloss, drehte ihn, bis es unerträglich laut in ihren Ohren klickte.

    Dann öffnete sie die Tür.

    Im Raum herrschte wie üblich völlige Finsternis und die Luft war feucht und schwer, ganz im Gegensatz zur beruhigend trockenen Luft in der Bibliothek.

    Eigentlich war es auch absolut still, doch ein leises Rascheln erinnerte sie daran, das der Schein trügen konnte.

    Ihre Brust erzitterte. Sie konnte sich nicht rühren, keinen Schritt weiter ins Innere des Gewölbes gehen, das sich weit unter dem Turm erstreckte.

    Doch das musste sie auch nicht.

    ‚Du missachtest mich‘, erklang eine dumpfe, wabernde Feststellung aus der Dunkelheit. Die Härchen auf Laias Armen richteten sich schlagartig auf.

    „Mir war nicht … bewusst … dass Ihr meiner Aufmerksamkeit so sehr bedürft“, entgegnete sie mit zittriger Stimme und rieb sich die Arme. Wie schon bei ihrem vorigen Besuch vermied sie es, nach der Quelle der Stimme Ausschau zu halten.

    Ein lautes Kratzen wie von Krallen über Stein erfüllte den Raum, dass man meinen könnte, ein mächtiges Biest grabe sich mit seinen stählernen Klauen durch das Mauerwerk, doch Laia wusste es besser.

    Ihr Gesprächspartner lachte bloß.

    Bedürfen? Nein. Aber sie gebührt mir, anmaßende Sterbliche!“

    Der rauere, beinahe drohende Ton ließ Laia einen Schritt zurückweichen, doch ihr Rücken stieß fast sofort gegen etwas Festes, Warmes. Sie wollte schreien, doch jeder Laut erstickte in ihrer Kehle.

    „Ich weiß, wonach du suchst“, flüsterte es dicht an ihrem Ohr. Laia war zu keinem klaren Gedanken mehr fähig, erstarrt vor Angst.

    „Aber zuerst musst du mir eine … Gefälligkeit erweisen. Dann verrate ich dir, wo du ihn finden kannst – den letzten Drachen.“


    Der Lärm war fast noch unerträglicher als der Gestank, der durch die offene Tavernentür strömte. Nur zwei Dinge hielten Andrea davon ab, den Gastraum, der diese Bezeichnung kaum verdient hatte, zu betreten: Zum einen, dass es bereits dämmerte und er keine andere Unterkunft mehr finden würde. Zum anderen, dass sein Magen bereits mit der Intensität eines campanischen Streifenwolfes knurrte.

    Also sog er noch einmal frische Luft ein und schulterte seinen schweren Rucksack, bevor er in die Hitze und den Mief des Gastraumes eintrat. Zu seiner Erleichterung fand er noch ein kleines, freies Eckchen am Tresen und ließ sich seufzend auf einen Hocker fallen, während um ihn herum eine Mischung aus derben Scherzen, grölendem Gelächter und gelallten Kneipenliedern auf ihn eindrückte.

    Der Wirt beäugte ihn misstrauisch, doch als der junge Mann ein paar silberne Münzen auf den Tisch warf, verschwanden diese schnell in seiner Schürze und der glatzköpfige, hagere Mann verschwand durch eine Tür, die wohl in den Kochbereich führte. Kurze Zeit später kehrte er mit einem großzügig gefüllten Teller leicht angebrannter Bohnensuppe und einem schäumenden Krug Bier zurück.

    Andrea nickte dem Mann dankbar zu und machte sich hungrig über seine Speise her. Seit er vor ein paar Jahren zu seinen Reisen aufgebrochen war, hatte er schon allerlei Fraß hinunterwürgen müssen, um nicht zu verhungern. Nicht selten hatte er sich mit einem angeschimmelten Stück Brot zufrieden geben müssen, wenn er Glück gehabt hatte – so viel zur Romantik der Abenteuerreisen! Umso erfreulicher war es für ihn, dass die Suppe vor ihm zwar dünn und leicht angebrannt war, aber so gut schmeckte, als würde er im Palast des Königs residieren.

    Der Wirt wandte sich wieder dem Polieren seiner Gläser zu, die zwar schon etwas zerkratz, aber ansonsten in tadellos sauberem Zustand waren. Andrea sah sich um: Auch sonst schien sich niemand ernsthaft für ihn zu interessieren. Außer vielleicht einer sehr zerwühlt aussehenden jungen Dame, die ihn aufreizend anlächelte, nach einem schnellen Kopfschütteln seinerseits aber nur mit den Schultern zuckte und sich dem nächsten potentiellen Kunden zuwandte.

    Andrea setzte seinen Krug an die Lippen und unterdrückte ein erleichtertes Aufatmen.

    Niemand nahm Notiz von ihm – gut so. Vielleicht hatte er seine Verfolger endlich abgeschüttelt.

    Er begann sich, nicht zum ersten Mal, zu fragen, ob er anders gehandelt hätte, wenn er an jenem Tag, der ihm wie eine Ewigkeit zurückliegend schien, erkannt hätte, was da in seine Fallgrube gestolpert war. Aber wie hätte er auch ahnen können, dass er einen lebendigen Drachen gefangen hatte?

    Als er erkannt hatte, worum es sich handelte, war es bereits zu spät gewesen und nun befand er sich auf der Reise durch die Länder, die er schon immer hatte machen wollen, mit zahlreichen Verfolgern auf den Fersen, die in seinen Zukunftsvisionen bestimmt nicht vorgekommen waren – und einem mittlerweile zur Größe einer Ziege herangewachsenen Drachen, der ihm ein treuer Begleiter geworden war und irgendwo im nahen Waldstück auf die Rückkehr seines Herrchens wartete.

    Da Andrea nicht gewusst hatte (und es auch bis jetzt nicht hatte in Erfahrung bringen können), welches Geschlecht das Tier besaß, hatte er es einfach Luar getauft – ‚goldener Mond‘. Er hatte damals gehofft, dass das noch harmlose Reptil ihm Glück bringen und ein gutes Leben ermöglichen konnte.

    Ob das immer noch möglich war … das musste sich erst zeigen.




  • Sheogorath

    Hat den Titel des Themas von „Sternenhimmel [Update 15.03.18]“ zu „Sternenhimmel [Update 30.05.18]“ geändert.
  • Markttag


    In dieser Szene kommt jemand etwas ausführlicher zu Tode.



    Mit einem zufriedenen Grunzen betrachtete Garna sein Werk. Die kleine Holzfigur, die er gerade geschnitzt hatte, war fabelhaft gelungen, fand er.

    Der haarige, aschhäutige Troll schlug seinem Jungen, der hinter dem Marktstand gesessen und gespielt hatte, grob gegen den Hinterkopf und warf ihm das bearbeitete Stück Holz in den Schoß.

    "Bist ja dumm wie Brot", murmelte er kopfschüttelnd vor sich hin, "aber mit dem Pinsel biste ganz ordentlich, Kleiner."

    Sein Sohn reagierte, wie üblich, nicht. Er griff nach seinen Farben und seinem Pinsel und machte sich sofort daran, dem Holzsoldaten mit konzentrierten Strichen Leben einzuhauchen.

    Garna schüttelte den Kopf und wandte sich wieder seiner Auslage zu, um sie zu arrangieren und die verschiedenen Spielzeuge gewinnbringend zu präsentieren.

    Seine Frau hatte immer gut mit dem Kind umgehen können, das weder sprach noch irgendwelche besonderen Talente zu besitzen schien. Wann man vom Malen absah - das war wohl das einzige, wozu der Knabe sich motivieren ließ. Er selbst dagegen ... wusste oft einfach nicht, was er mit ihm anfangen sollte. Also tat er das, was er für sinnvoll hielt: Er ließ das Kind gemäß seinen Fähigkeiten beim Geschäft mithelfen.

    Wenn es denn ein Geschäft zu machen gab. Der heutige Markttag war zwar, wie immer, sehr gut besucht. Es waren nicht nur Menschen unterwegs, die das nötigste für ihren Lebensunterhalt besorgen mussten, auch gut gekleidete Leute mit eindeutig größeren Brieftaschen flanierten zwischen den Ständen.

    Es gab nur ein Problem. Garna war es gewohnt und gelehrt worden, potentiellen Kunden gegenüber ein höfliches Lächeln zu zeigen, sie freundlich zu bedienen, um ihnen ein gutes Gefühl zu geben. Anscheinend war ein freundlicher, zuvorkommender Troll für die fleischfarbenen Zweibeiner aber etwas absolut Unverständliches und geradezu grotesk oder furchteinflößend. Deshalb setzte er eine betont grimmige Miene auf und gab auf dem Menschenmarkt das perfekte Bild des grobschlächtigen, übellaunigen Trolles - was den Marktbesuchern offenbar mehr Sicherheit gab und sie seinen Stand in Augenschein nehmen ließ.

    'Verstehe einer dieses Pack', dachte Garna und unterdrückte ein tiefes Seufzen. 'Unhöfliches Gesindel ...'

    Eine junge Frau in einem rüschenbesetzten Kleid blieb stehen und betrachtete Garnas kunstvoll geschnitzte Spielzeuge. Sie nahm ein schlafendes Eichhörnchen in die Hand, drehte es nach allen Seiten und legte es unentschlossen wieder zur Seite.

    "Guter ... Mann", bagann sie unsicher, und Garna musste sich zwingen, nicht mit den Augen zu rollen. "Hätten Sie ... Frösche? Mein Edwin liebt ... Frösche."

    Der Troll rieb sich grob über die knollige Nase. 'Komischen Eindruck macht die', dachte er stirnrunzelnd, 'aber dem Armenhaus scheint die auch nicht entsprungen zu sein. Da sollte man was holen können ...'

    "Sicher", erwiderte er betont grob und bückte sich unter den Tresen. "Ich hab hier n schönes Exemplar. Richtige Schönheit."

    Die Frau nahm die dicke, unbemalte Figur in die behandschuhten Hände und befühlte sie genau. Eigentlich handelte es sich ja um eine Kröte, mit kleinen groben Warzen und allem, aber Garna bezweifelte, dass die gute Dame den Unterschied bemerken würde.

    "Wenn sie wollen", ergänzte der Troll, "kann das Tier jede Farbe kriegen, die Ihrem Jungen gefällt!" Ungewollt war er wieder in den höflichen, geschäftsmäßigen Ton verfallen, den er favorisierte, aber seine aktuelle Kundin schien es nicht zu kümmern, ob er den stereotypen Troll gab oder nicht.

    Als sie aufsah, hätte Garna allerdings schwören können, etwas Hartes in ihrem Blick aufblitzen zu sehen. Doch bevor er sich darüber nähere Gedanken machen konnte, sprach sie erneut: "Rot. Rot ist eine schöne Farbe."

    Sie reichte ihm die Kröte mit wieder gesenktem Blick zurück, und der flüchtige Eindruck stechender Kälte war verschwunden.

    Garna zögerte einen Moment, dann nahm er die Holzfigur mit einer seiner großen Hände, die noch immer in einem der ledernen Arbeitshandschuhe steckte, auf. Er beugte sich hinunter, und setzte sie vor seinem Sohn ab, der gerade den noch feuchten Soldaten fertig angemalt und auf einer dünnen Schicht Stroh zum Trocknen abgestellt hatte.

    "Rot", instruierte Garna knapp und richtete sich wieder auf, um der Dame den Preis zu nennen - doch der Platz vor seinem Stand wurde nur noch von ein paar neugierigen Kindern bevölkert.

    Er fluchte in seiner Muttersprache Nervan, wovon er hoffte, dass es niemand in Hörweite verstehen konnte, und schaute nun ernsthaft grimmig drein.

    Doch bevor er weitere Verwünschungen wegen des verpassten Geschäftes ausstoßen konnte, hörte er ein grauenhaftes, kehliges Röcheln neben sich.

    Alarmiert wirbelte er herum - und sah, wie sein Sohn mit weit aufgerissenen Augen auf dem boden herumrollte und sich verzweifelt an den hals griff.

    Garna brüllte erschrocken auf und stürzte zu seinem Kind, dessen Gesicht bereits bläulich anlief.

    Verzweifelt rüttelte er das immer schwächer werdende Kind, rief immer wieder seinen Namen. Irgendjemand schrie entsetzt auf - vielleicht er, vielleicht einer der Schaulustigen, er konnte es später nicht mehr sagen.

    Gelblicher Schaum sammelte sich auf den Lippen des kleinen Trolls, die Krämpfe wurden heftiger - dann zuckte er noch ein letztes Mal, und plötzlich lag er still.

    Garnas hoher, verzweifelter Schrei war weit über den Marktplatz zu hören.




  • Sheogorath

    Hat den Titel des Themas von „Sternenhimmel [Update 30.05.18]“ zu „Sternenhimmel [Update 25.06.18]“ geändert.
  • Hallo, Sheo.


    Ich habe mir mal dein jüngstes Update mit Markttag angesehen. Um das Lästige gleich abzuhaken:

    So, dann die Geschichte selbst ... Sie ist ja relativ kurz, hat mir aber ziemlich gut gefallen. Sie hat einen eher mysteriösen Ausgang mit der Frau, die da wohl am Tod des jungen Trolls nicht ganz unschuldig ist. Die Idee mit einem Troll, der eigentlich höflich wirken will, aber es nicht kann, weil es offenbar die Leute abschreckt, finde ich ja fast schon wieder gesellschaftskritisch, also in Bezug auf das nach außen getragene Bild von einem selbst und dass es - selbst entgegen der eigenen Vorlieben - an die Vorstellungen der Gesellschaft angepasst werden muss. Ist auf jeden Fall ein interessanter Aspekt von Garnas Charakter, dass ihn das beschäftigt.

    Zu Beginn war ich zugegebenermaßen kurz irritiert, wegen der Art, wie Garna mit seinem Sohn umgeht. Ich meine, ihm zu sagen, er sei "dumm wie Brot" ist jetzt nicht so väterlich. Andererseits ist er am Ende der Geschichte sichtlich betroffen - man merkt also, dass es da durchaus eine Verbindung zwischen den beiden gibt. Vielleicht ist dieser unfreundliche Kommentar auch darauf zurückzuführen, wie Trolle mit ihren Kindern für gewöhnlich reden, wer weiß (also irgendwie kulturell bedingt). Die Art, wie der Junge stirbt, ist natürlich ein bisschen rätselhaft und man weiß nicht genau, was die Frau gemacht hat, aber die Anhaltspunkte scheinen erkennbar. Was auch immer sie gemacht hat, die Holzkröte dürfte dabei eine Rolle gespielt zu haben. Garna selbst war nicht betroffen, weil er halt immer noch die Handschuhe anhatte, als er die Kröte zurücknahm und an seinen Sohn zum Bemalen weitergab, der dann was auch immer abbekam (ein Kontaktgift oder so etwas).

    Wirklich etwas zu kritisieren habe ich soweit nicht, denke ich. Einzig und allein: Die Beschreibungen des Marktes sind für die Atmosphäre sicher ausreichend, aber, naja, vielleicht könnte hier noch etwas mehr ins Detail gegangen und kurz auch ein paar andere Stände, Produkte oder Händler in der Beschreibung erwähnt werden, je nachdem, ob es passt. Muss aber wie gesagt nicht, fand es so okay.


    Man liest sich!

  • Huhu Thrawn !


    Erstmal danke für die Korrekturen, sind auch schon ausgebessert ;)



    Sie ist ja relativ kurz, hat mir aber ziemlich gut gefallen. Sie hat einen eher mysteriösen Ausgang mit der Frau, die da wohl am Tod des jungen Trolls nicht ganz unschuldig ist.

    Das freut mich schonmal sehr. Und ja, da hast du sehr richtig kombiniert!


    Die Idee mit einem Troll, der eigentlich höflich wirken will, aber es nicht kann, weil es offenbar die Leute abschreckt, finde ich ja fast schon wieder gesellschaftskritisch, also in Bezug auf das nach außen getragene Bild von einem selbst und dass es - selbst entgegen der eigenen Vorlieben - an die Vorstellungen der Gesellschaft angepasst werden muss. Ist auf jeden Fall ein interessanter Aspekt von Garnas Charakter, dass ihn das beschäftigt.

    Eigentlich sollte Garna sich ja umHöflichkeit bemühen und fast schon schleimerisch versuchen, Kunden für sich zu gewinnen - wie so ein klischeehafter Gebrauchtwagenhändler. Dann hab ich mir die Szene vorgestellt und mir gedacht: Wenn so ein Troll grinst, laufen die Leute doch schreiend davon. Und dann dachte ich: Wäre es nicht paradoxerweise so, dass sie einem grimmigen Troll eher 'trauen' bzw. als weniger bedrohlich ansehen würde, weil das dem entspricht, was sie erwarten und eher argwöhnisch werden, wenn das Verhalten davon abweicht? Gesellschaftskritisch ... vielleicht ein wenig. Es geht so auf die Schiene, dass man dazu neigt, dem zu misstrauen, das anders erscheint, als man es erwartet hat. Vielleicht.


    Zu Beginn war ich zugegebenermaßen kurz irritiert, wegen der Art, wie Garna mit seinem Sohn umgeht. Ich meine, ihm zu sagen, er sei "dumm wie Brot" ist jetzt nicht so väterlich. Andererseits ist er am Ende der Geschichte sichtlich betroffen - man merkt also, dass es da durchaus eine Verbindung zwischen den beiden gibt. Vielleicht ist dieser unfreundliche Kommentar auch darauf zurückzuführen, wie Trolle mit ihren Kindern für gewöhnlich reden, wer weiß (also irgendwie kulturell bedingt).

    Ich stelle mir Garna als jemanden vor, der mit der Behinderung seines Kindes nicht umgehen kann. Er ist nicht aus Bösherzigkeit grob oder etwas in der Art, sondern weil es ihm schwer fällt, auf die besonderen Bedürfnisse seines Kindes einzugehen. Das hat er lieber seiner Frau überlassen, als die noch lebte, und hat nun Schwierigkeiten, mit ihm zurechtzukommen. Vielleicht ist er auch ein wenig Nähescheu und deshalb so ruppig, vielleicht eine Mischung aus allem.

    Kulturell ist es aber nicht bedingt, aber guter Ansatz ... das könnte man in anderen Geschichten bestimmt unterbringen :thinking:


    Die Art, wie der Junge stirbt, ist natürlich ein bisschen rätselhaft und man weiß nicht genau, was die Frau gemacht hat, aber die Anhaltspunkte scheinen erkennbar. Was auch immer sie gemacht hat, die Holzkröte dürfte dabei eine Rolle gespielt zu haben. Garna selbst war nicht betroffen, weil er halt immer noch die Handschuhe anhatte, als er die Kröte zurücknahm und an seinen Sohn zum Bemalen weitergab, der dann was auch immer abbekam (ein Kontaktgift oder so etwas).

    100 Punkte. Die Dame ist also nicht so harmlos und zart, wie sie vorgibt


    Die Beschreibungen des Marktes sind für die Atmosphäre sicher ausreichend, aber, naja, vielleicht könnte hier noch etwas mehr ins Detail gegangen und kurz auch ein paar andere Stände, Produkte oder Händler in der Beschreibung erwähnt werden, je nachdem, ob es passt. Muss aber wie gesagt nicht, fand es so okay.

    Nein, du hast aber recht. Das ist alles sehr weiß und wenig athmosphärisch.



    Vielen lieben Dank für deinen Kommentar - wir lesen uns bestimmt bald wieder! (mwähähä)


    lg


    ~Sheo

  • Fallender Stern




    An diesem Tag schwebte das Licht wie feiner, nebliger Schleier zwischen den Baumriesen umher. Gleichzeitig schien es nur zäh durch die flatternden Kronen der stummen Hüter des Waldes zu tropfen, um dann wahllos an Büschen, Steinen und Zweigen kleben zu bleiben.

    Die seltsame Atmosphäre fiel dem Mann, der durch diesen Teil des Waldes hetzte, jedoch nicht auf. Das vertrocknete Laub, das den unebenen Boden wie ein Teppich bedeckte, wirbelte unter den flinken Echsenfüßen auf und segelte anschließend in paradoxer Ruhe wieder zur Erde.

    Stir allerdings hatte momentan auch für diese Details kein Auge, sondern konzentrierte sich auf das, was unmittelbar vor ihm lag. Als er einen umgestürzten Stamm auf seinem Weg ausmachte, sprintete er los und stieß sich mit seinem kräftigen Beinen vom Boden ab. Ein lächerlicher, umgestürzter Baum war für den reptilienhaften Trandoshaner kein Hindernis. Er landete sicher auf der anderen Seite und setzte seinen Weg fort, ohne anzuhalten. Als ein weites Dickicht aus Farnen ausmachte, das sich wie ein kleines Meer an den Boden einer Senke schmiegte, sprang er beherzt zwischen die rauschenden Blätter. Er kroch weit in diesen eigenen kleinen Wald hinein, sodass man ihn von außen unter den hüfthohen Pflanzen nicht mehr erkennen konnte. Dann rollte er sich auf den Rücken und stieß ein erschöpftes Zischeln aus.

    Trandoshaner waren eine reptiloide Spezies, die aufrecht ging und eigentlich auf dem Planeten Trandosha beheimatet war. Neben der kurzen, echsenhaften Schnauze und den spitzen Zähnen zeichnete sie vor allem ihre geschuppte, schlangenhaft weiche Haut aus.

    Zum Glück für den jungen Stir Onsosss trug seine die Farbe frischer Lärchennadeln, hier und da gescheckt mit kleinen und großen Flecken dunkleren Tannengrüns. Die perfekte Tarnfarbe.

    Stirs rasender Herzschlag erreichte allmählich wieder eine normale Frequenz, und auch sein Atem normalisierte sich langsam.

    Dann lachte er. Es war eigentlich nicht viel mehr als ein kurzes, abgehacktes Krächzen, das in seiner Situation eigentlich völlig unangebracht war. Aber vielleicht verlor er auch langsam den Verstand. Das hatten ihm seine Bekannten und Freunde jedenfalls schon bescheinigt, als er sich der Rebellion seinerzeit angeschlossen hatte.

    Er würde der Großen Zählerin keine Ehre erweisen, wenn er sich einem Haufen von Versagern anschloss, deren Unterfangen zum Scheitern verurteilt war, hieß es. Er solle lieber seinem natürlichen Jagdinstinkt fröhnen, so wie der berühmte Kopfgeldjäger Bossk es tat, hieß es. Das sei ein wahrer Trandoshaner, ein Vorbild für jedes Mitglied der T'doshok!

    Unbewusst sammelte sich ein tiefes Grollen in Stirs Kehle, als er an all die Kommentare dachte, die er hatte ertragen müssen. Aber es war ihm egal gewesen. Er hatte sich dem Aufstand gegen das Galaktische Imperium angeschlossen, weil er an die Sache der Rebellen geglaubt hatte. Weil er der festen Überzeugung gewesen war, dass er seinem Volk damit den größten Dienst erweisen würde - den Schatten des Imperium zurückzuwerfen, der irgendwann mit Sicherheit auch auf Trandosha fallen würde, dass er seine Leute vor Versklavung und Leid bewahren könnte und sie ihm eines Tages dankbar sein müssten. Und die Große Zählerin würde ihn, wenn er die Jagd auf das Imperium erfolgreich beendet hatte, für seinen Erfolg mit Ruhm und Anerkennung überhäufen!

    Er öffnete die Augen. Seine geschlitzten Pupillen verengten sich, als das flackernde Licht durch den Farnwald sickerte und den Reptilienmann sanft berührte. Das Rauschen des Windes in den Zweigen, das sanfte Wiegen des Laubes und der Sträucher … dieser Ort strahlte einen Frieden aus, wie ihn der Trandoshaner schon lange nicht mehr verspürt hatte. Er lauschte aufmerksam den Gesängen der Vögel im Geäst und den Bewegungen der Kleintiere im Unterholz.

    Denn natürlich wusste er, dass diese Ruhe nur eine Illusion war. Bald würde die Schlacht auch hier ankommen.

    Stir versuchte, den Gedanken an seine Kameraden zu verdrängen, die er auf dem Schlachtfeld zurückgelassen hatte. Ja, er hatte an die Sache geglaubt. Lange hatte er das. Hatte Kampf um Kampf bestritten, Seite an Seite mit seinen Gefährten Siege errungen und Niederlagen erlitten, war geflohen und hatte triumphiert und so manchen Becher Schnaps für diejenigen vergossen, die sie verlassen hatten s nd in der Ewigkeit weiterjagen würden.

    Ob es ein bestimmter Moment gewesen war, der alles geändert hatte, ob er irgendwann einfach des Krieges müde geworden war oder er zu viele Freunde hatte sterben sehen in einem Kampf, der immer aussichtsloser schien, ihn einfach die Ernüchterung übermannt hatte, die immer stärker werdende Angst vor dem endgültigen Sieg des Imperators … er wusste es nicht, wahrscheinlich war es eine Kombination aus allem. Er hatte es jedenfalls nicht bewusst kommen sehen. Es hatte sich angeschlichen wie ein geschicktes Raubtier, und selbst der geschulte Jäger in ihm hatte es erst bemerkt, als es seine eiskalten Klauen und Zähne in sein Fleisch versenkt hatte.

    Er hatte mitten auf dem Schlachtfeld gestanden, inmitten dieses riesigen Waldes, die brennend heißen Laserschüsse überall um ihn herumzischend, die Schreie der Getroffenen und Sterbenden wie eine grausame Melodie des Krieges in seinen Gehörgängen, den Geruch von verkohltem Metall und verbranntem Fleisch ekelhaft stechend in seinen Nüstern.

    Und plötzlich hatte etwas in ihm ausgesetzt.

    Er war nicht wie sonst todesmutig nach vorn gestürmt, hatte nicht mit dem festen Glauben an eine gerechtere Galaxis im Kopf dem nächsten imperialen Soldaten das Genick gebrochen und seine Klauen in die weiche Kehle eines anderen getrieben. Er war gerannt. Ohne nachzudenken, war er instinktiv Schüssen und Schlägen ausgewichen und nur gerannt. Und noch bevor seine Mitstreiter realisieren konnten, dass das nicht zu einem ausgefeilten Plan gehörte, dass er nicht wie üblich von einem günstigeren Winkel aus die Feinde ins Visier nehmen würde, war er schon weit vom Ort des Geschehens entfernt gewesen.

    Stiche in seinem Herzen machten ihm erste Anzeichen von Schuldgefühlen bewusst. Er schluckte schwer und vor seinem geistigen Auge tauchten die Gesichter der Männer und Frauen auf, mit denen er gesungen, gelacht, getanzt, geschrien und getötet hatte. Und wie in einem grausamen Fluch verwandelten sich die Bilder jedes einzelnen in entstellte Leichen oder langsam und qualvoll Sterbende.

    Hitze schoss erbarmungslos durch Stirs Rückgrat und und spülte die Erkenntnis der Realität gnadenlos in seinen Verstand.

    „Was habe ich getan …“, flüsterte er, als er vollständig realisierte, was passiert war.

    Stir Onsosss war nicht nur ein Unikat in den Reihen der Rebellen, nicht nur der hervorragende Fährtenleser und Kämpfer, geachtet unter Kameraden und gefürchtet unter Feinden – er war auch der Anführer seines Zuges gewesen. Ein Offizier. Verantwortlich für all die Seelen, die jetzt wie Vieh abgeschlachtet wurden, weil sie sich auf sein Führung und Stärke verlassen hatten!

    Ehre … Anerkennung … darauf konnte er kaum noch hoffen. Der Schock lähmte ihn, und nur am Rande registrierte er, dass die Gesänge verstummt waren und sich nichts mehr durchs Unterholz bewegte.

    Dann hörte er das Echo eines Baumes, der irgendwo in der Nähe krachend zu Boden ging.

    Ein Teil von ihm wollte aufspringen und kämpfen, alles tun, um seine kopflose Flucht wieder gut zu machen, wenigstens einen von denen retten, die er hatte schützen sollen.

    Doch ein größerer, schwererer Teil von ihm wusste auch, dass es bereits zu spät war. Dass er nichts tun konnte, um die Schlacht zu wenden oder seine Kameraden zu retten, die er im Stich gelassen hatte.

    Er umklammerte fest den Griff der Pistole, die er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte.

    Eines konnte er noch tun.



  • Sheogorath

    Hat den Titel des Themas von „Sternenhimmel [Update 25.06.18]“ zu „Sternenhimmel [Update 09.08.18]“ geändert.