Jeanne's Magisches Wörterkabinett


  • Willkommen, wo Wunder, Magie und Zauber Wörter aneinanderreihen und ihnen neue Bedeutung verleihen!




    Oder auch einfach nur Sätze bilden, die möglichst den Sinn transportieren, den ich vermitteln will.



    Dieser Ort ist eine Oase wirrer Gedanken und soll Heimat einiger meiner Kurzgeschichten und Gedichte werden, die ich je nach Laune und Inspiration entweder auf deutsch oder englisch verfasse.


    Jedes Gedicht fängt ein Gefühl ein, einen Gemütszustand und hilft mir, meine Gedanken und Empfindungen zu sortieren. Ich schreibe also primär für mich selbst.


    Allerdings würde ich mich sehr darüber freuen, wenn der eine oder die andere sich meine Werke durchliest und einen Kommentar dalässt. Knallharte Kritik ist gern gesehen - ich muss nicht mit Samthandschuhen angefasst werden.


    Wenn ich erst einmal ein paar Stücke hier veröffentlicht habe, werde ich auch eine Übersicht anlegen. Autorenehrenwort!

    Das [wir alle gleich sind] zu wissen, aber nicht fähig zu sein, zu diesem Wissen zu stehen, das macht Diskriminierung aus.

  • Fragments of Older Days



    When the morning rises I miss your greetings
    I still try to consider your feelings
    Though you are not around anymore
    So what am I living for
    If I am supposed to leave tears behind
    Sorrow caused to my own kind
    The ones that loved you the most
    Punished with the haunting of your ghost
    Carrying on though they'd like to stop
    The burden on their shoulders to drop


    When at midday lunch time arrives
    I wonder why everyone tries to survive
    Moving on with their empty hearts
    Being alone with their numerous scars
    We barely spoke, I'm full of regret
    For not having talked to my own dad
    How can I look in the mirror now
    I just have to keep my head low
    Maybe it's true that the more it hurts
    Losing it the more it was worth


    When the evening sets I feel all empty
    What you've truly meant to me
    Leaves my mind and sinks deep down
    To my smashed kingdom, the broken crown
    Once for power and liberty on my head
    Forces me getting stuck instead
    The more I struggle the faster I fall
    Desperation reaching out greedily its claw
    To suck in the last drops of dew
    Leaving me just to return anew


    When the night deafens my ears
    I am filled up with neverending fears
    Of losing what's precious, of dieing tonight
    Caught up in a fragile body shaken by fright
    Waiting for the sun to rise again
    For a new day, a new beginning
    But there needs to be an end for a new start
    And though it tores me, kills me, hits me hard
    I cannot give up on what hurts so bad
    For I got addicted to be driven mad


    I wonder whether you ever had
    Found some happiness in life, my dad
    Let me be happy for both of us from up here
    Don't just leave as heritage the fear
    Of always being unsatisfied
    Getting lost in the darkest night
    Where the only thing you see
    Is not who you are but who you would have liked to be



    Dieses Gedicht hab ich als einziges mehrfach überarbeitet. Es hat eine besondere Bedeutung für mich und ist mein persönlicher Favorit unter meinen Werken. Ich habe es aus einer sehr starken emotionalen Regung heraus geschrieben. Aber da es auf englisch ist, enthält es bereits eine gewisse Distanz zu meiner Gefühlswelt, dem auslösenden Ereignis und den eingeflossenen Erinnerungen.

    Das [wir alle gleich sind] zu wissen, aber nicht fähig zu sein, zu diesem Wissen zu stehen, das macht Diskriminierung aus.

  • Hey Jeanne und herzlich willkommen hier im E&S-Bereich c:


    Dein erster Beitrag "Fragments of Oder Days" ist direkt ein englisches Gedicht, das sieht man hier ab und zu und ich habe immer großen Respekt davor. Mein Englisch ist ziemlich gut, aber ich würde mir nicht zutrauen, wirklich Lyrik in der Sprache zu schreiben!
    Dein Gedicht hat eine schöne Aufteilung und geht quasi einen Tagesablauf nach einem scheinbar doch sehr großen Verlust durch. Ich möchte inhaltlich da gar nicht so sehr interpretieren.
    Es ist im Rhythmus sehr frei und scheint kein durchgehendes Metrum zu haben, das ist bei englischer Lyrik vielleicht auch zu viel verlangt. Ein paar Reime (wie low-now) passen auch eher nicht, aber das sind alles eher so ästhetische Sachen und machen das Gesamtwerk nicht unbedingt schlechter.
    Ich finde die Emotionen sehr schön, die in dem Gedicht mitschwingen (und die - laut Nachtrag - ja durchaus deine eigenen sind!), das zeigt mir wieder mal, wie gut sich Literatur zum Verarbeiten persönlicher Erlebnisse eignet!


    Es findet auch gerade ein Gedicht-Wettbewerb zum Thema Familie statt, vielleicht sieht man dich ja teilnehmen!


    In diesem Sinne, bis zum nächsten Mal ^-^

  • @Nexy


    Danke für den ausführlichen Kommentar. Ich bin sehr dankbar für Feedback jeder Art!


    Das mit dem Metrum ist tatsächlich eine Art Schwachpunkt von mir. Wenn ich ein Gedicht schreibe, habe ich immer eine Melodie im Kopf. Die ist aber offensichtlich nicht für jeden gleich. Den Reim "low" auf "now" wollte ich ursprünglich auch wieder rausnehmen. Habe ihn aber als rein optischen Reim beibehalten.

    Das [wir alle gleich sind] zu wissen, aber nicht fähig zu sein, zu diesem Wissen zu stehen, das macht Diskriminierung aus.

  • Tumult



    Die Stille eines leeren Raums
    Unendlich tief und weit
    Frisst mich auf
    Spuckt mich aus
    Kurz bemessen in Zeit
    Die Leere eines stillen Traums


    Die Angst vor der Einsamkeit
    Immer da und leise
    Fesselt mich
    Erdrückt dich
    Spielt eine klagende Weise
    Die Einsamkeit neben der Angst


    Das Toben verzweifelter Herzen
    Verschlingt mich ganz und gar
    In meinem Namen
    Andere zu warnen
    Deren Stolpern ich nicht sah
    Die Verzweiflung tobender Herzen



    Dieses Gedicht habe ich aus einem unbestimmten Gefühl heraus geschrieben. Der Titel steht für das innere Chaos, das diese Verse geboren hat. Es ist in der Hinsicht besonders, als dass ich für gewöhnlich nur Gedichte schreibe, die ein festes Reimschema verfolgen, bei dem jeder Vers einen Partner hat. Auch in diesem Zusammenhang steht es wohl für Unruhe.

    Das [wir alle gleich sind] zu wissen, aber nicht fähig zu sein, zu diesem Wissen zu stehen, das macht Diskriminierung aus.

  • Salut! (:
    Ich möchte dir kurz etwas Feedback zu deinem Gedicht "Tumult" da lassen, nachdem es mich rein optisch schon beim ersten Lesen sehr angezogen hat. Eine wirkliche Geschichte habe ich darin leider noch nicht erkannt, aber das kommt dann hoffentlich, während ich es interpretiere, haha.


    Tumult
    Es mag ein wenig ungewöhnlich sein, aber ich beginne mal mit deinem kleinen Nachwort und möchte mich anschließend auch sofort wieder davon trennen. Zunächst einmal schreibst du, dass du kein festes Reimschema verwendest, was für mich persönlich einfach nicht stimmt, und was ich dann gleich auch aufzeigen werde. In dem Zusammenhang der formellen Unruhe, die du darin erkennst, kommst du auf den Titel "Tumult". Inwiefern ich diesen Titel inhaltlich als passend betrachte, werde ich am Ende dann sehen; formell jedoch sehe ich ihn keineswegs unterstrichen.
    Dann beginne ich doch einfach mal mit der ersten Strophe. Die Strophe ist deutlich in einem Muster abccba aufgebaut, sie wird also wie auch die beiden folgenden Strophen in der Mitte gespiegelt. Optisch ähnelt der Aufbau auch dem Bild einer Sanduhr, Vergänglichkeit könnte also ein interessantes Motiv sein, um das Gedicht zu betrachten. Inhaltlich beginnt die Strophe mit dem tristen Bild eines "leeren Raums". Zu Beginn herrscht also eine bedrückte Stimmung; das lyrische Ich scheint sich verloren zu fühlen. Im vierten Vers, also dem ersten gespiegelten Vers, wird es "ausgespuckt". Es entflieht dem leeren Raum, da es lediglich davon geträumt hat. Besonders interessant sind der erste und der letzte Vers, da sie in ihrer Struktur sehr ähnlich sind. "Die Stille eines leeren Raums" und "Die Leere eines stillen Traums" zeigen eine starke Zusammengehörigkeit der beiden Verse. Während der Traum durch die Sanduhr von oben nach unten läuft, löst sich der Traum im Sand auf; seine Idee der Leere bleibt jedoch erhalten. Die Form stellt eine Art Filter dar, durch den der Kerngedanke des lyrischen Ichs sichtbar wird.
    Entsprechend beginnt die zweite Strophe auf einer höheren Ebene der Reflexion, das lyrische Ich ist sich bereits seiner "Angst vor der Einsamkeit" bewusst, die jedoch erneut durch den Filter läuft. Dabei wird das lyrische Ich immer mehr mit seinen Ängsten konfrontiert, sieht sich zeitweise sogar davon "[e]rdrückt", was übrigens sehr schön zu der Kürze des zugehörigen Verses passt. Den fünften Vers kann ich leider nicht wirklich einordnen. Das Subjekt ist noch immer die Angst, welche "eine klagende Weise" spielt. Vielleicht wurde die Weise hier auch nur des Reimes wegen gewählt; eine Erklärung wäre lieb, mh. Im sechsten Vers taucht jedoch ein bekanntes Bild auf, wenngleich auch etwas anders als noch in der ersten Strophe. In diesem Fall wurden die "Angst" und die "Einsamkeit" vertauscht, besonders ist jedoch die Veränderung von "vor" zu "neben". Das lyrische Ich scheint zu erkennen, dass die Einsamkeit bereits vorhanden ist und gleichberechtigt neben der Angst steht. Erneut durchläuft es also einer Art Reifeprozess.
    Auch die dritte Strophe folgt dem bekannten Schema und auch hier lässt sich sagen, dass das lyrische Ich auf einer höheren Ebene als noch zuvor beginnt, da es nun seine Außenwelt miteinbezieht. Inhaltlich finde ich diese Strophe jedoch etwas schwieriger zu greifen, aber ich versuche es einfach mal. Das lyrische Ich berichtet, dass es von dem "Toben verzweifelter Herzen" verschlungen werde; es scheint also mit starken Emotionen von Außen konfrontiert zu werden. Da es sein eigenes Herz weder explizit ein- noch ausschließt, wäre beides möglich. Ich denke aber eher, dass es sich einschließen würde, wenn es diesen Vers auch auf sich beziehen würde, da zuvor auch immer Wörter wie "mich" verwendet wurden. Vielleicht ist es also mit Streitigkeiten innerhalb der Familie konfrontiert; vielleicht stehen die Eltern vor der Trennung (wobei die Sprache nicht gerade auf ein junges lyrisches Ich deutet, mh). Nun möchte das lyrische Ich aber in "(s)einem Namen" andere "warnen" und natürlich stellt sich die Frage: Vor was? Vor der Einsamkeit, die es nun fühlt? Na gut, dann deute ich mal spontan alles um, haha. Es überlegt sich, ob es sich trennen soll. Es hat Angst vor der Einsamkeit und fühlt sich dennoch ohnehin einsam, was der Grund für die anstehende Trennung sein dürfte. Nun möchte es andere vor den Fehlern warnen, die es in der eigenen Beziehung erlebt hat. Der letzte Vers, "Die Verzweiflung tobender Herzen", zeigt letztendlich, dass der emotionale "Tumult" für beide Beteiligten nur noch größer wird, je näher die Trennung rückt - was wiederum schön durch die Sanduhr dargestellt wird. Inhaltlich passt der Titel also auf jeden Fall; formal auch, wenngleich ich das ein wenig anders begründe, haha. :3 (Und eine komplette Fehldeutung des Gedichtes bitte ich zu entschuldigen!)


    Alles in allem ein schönes Gedicht, an dem ich nicht viel zu kritisieren habe. Es waren eher einzelne Verse, und zwar insbesondere die fünften der ersten zwei Strophen, die vielleicht etwas erzwungen wirkten. Reimschema und Verszusammengehörigkeit sind aber auf jeden Fall gegeben, auch wenn du das nicht so siehst. (:


    Au revoir! (:

  • @Flocon


    Danke erst einmal für diesen sehr ausführlichen Kommentar! Ich hab das Gedicht überarbeitet beim Hochladen und dann vergessen, mein Nachwort anzupassen. Das nehme ich heute noch in Angriff. Danke für diesen wichtigen Hinweis!


    Ich habe fast den Eindruck, du machst dieses Gedicht mit deiner Interpretation erst zu etwas Besonderem, weil es auf die Schnelle entstanden ist und ich mir möglicherweise gar nicht so tiefgehende Gedanken dazu gemacht habe. Allerdings hast du es tatsächlich gut erfasst, wovon es handelt.


    Ich werde es noch einmal jetzt am Wochenende - wenn möglich - verbessern. Vielen Dank für das Feedback und à bientôt :)

    Das [wir alle gleich sind] zu wissen, aber nicht fähig zu sein, zu diesem Wissen zu stehen, das macht Diskriminierung aus.

  • Echo
    or: The Tale of the non-reflective Mirror



    Get over it, stop being a pussy; that's what I get all the time
    Get a grip, start living your life; words stinging in my eyes
    Try harder if it doesn't work; you haven't given it all you've got
    Work harder, be smarter, stop pretending it's hard
    Stop crying, start smiling, we push through and so should you!
    Wake up early, get late to bed, use every moment you have
    Don't eat too much, that's just enough, your life isn't that tough
    Keep on going, always moving, never pause to rest
    Find your dream, the further it seems, become your very best!
    We all have power, sometimes sink lower but get back up again
    I keep the stain of past mistakes and long lost ways


    My heart is right and my mind is wrong
    It is not an easy fix and not simply done
    By a string of positive thoughts lined up as a chant
    Greatness and determination to grant
    Light to bring uncovering the truth behind
    Locked up in a fogged up mind
    My eyes hurt from tears held back
    A constant ache from every step
    Your words don't hurt but my chest does throb
    Thoughts running and racing never stop -


    I am not crazy, not out of my mind
    I am not just lazy but trapped inside
    Hiding my eyes and hiding my voice
    Muting the cries and handing out lies


    What if your way is not my path, feet covered in shards of broken glass


    What if I cannot do what you can do, hands painted in ink of unspoken words


    They once were given the key to my sanctuary but tossed it away


    Day by day, imprisoned in my mind and all that's left of me is what the world kept of me -



    Ist mir gerade eingefallen. Es folgt einfach dem Strom.

    Das [wir alle gleich sind] zu wissen, aber nicht fähig zu sein, zu diesem Wissen zu stehen, das macht Diskriminierung aus.

    Einmal editiert, zuletzt von Jeanne_Dark ()

  • Einsicht - Aussicht - Weltsicht



    Eine Depression ist nicht anstrengend. Man hat ja gar keine Energie, die abgezweigt werden könnte. Da ist nur Leere. Eine schwere, dunkle Leere, die einen runter zieht. Eine Kälte tief in meinem Inneren. Dort, wo kein Sonnenstrahl je hinkommt und wohin niemand gehen mag. Es ist einsam dort. Still und reglos. Mein Herz schlägt dort nicht mehr. Es schweigt und blutet vor sich hin. Manchmal vergesse ich diese Welt. Ich drehe mich um, schaue in eine andere Richtung und erlebe eine Pause. Ein Durchatmen, ein wenig Licht bevor der Vorhang wieder fällt.


    Ich bewege mich auf einer Bühne im Dunkeln. Die Zuschauerränge sind leer; milchiges Licht dringt durch ein kleines Loch in der Wand. Überall liegt Staub, der Putz bröckelt. Ich kann mich nicht erinnern, wann das letzte Mal jemand hier war – ob überhaupt jemals jemand hier war – und was ich hier eigentlich tue. Ich tanze und singe ohne das jemand es sieht. Der einzige, der mit mir auf der anderen Seite des Vorhangs steht, ist mein Bruder. Er sieht mir lächelnd zu, aber er sagt nichts. Denn alles, was er sagen würde, wäre nur das Echo seiner Stimme, das auch nach zwei Jahren noch in diesem einsamen Theater nachhallt.


    Seine Umarmungen sind nur vage Erinnerungen; alles was bleibt, ist ein blasser Dunst, ein weicher Schatten, der sich meinem Griff entzieht. Nichts, was ich hier berühre, ist real. Die Luft ist erfüllt von einer zarten Sehnsucht, die der Härte der Wirklichkeit nichts entgegenzusetzen vermag. Die Worte bleiben mir immerzu im Hals stecken; so oft schon wollte ich sie freilassen. Doch immer dann, wenn sie mir bis auf die Zunge rutschen, bemächtigt sich meiner die Erinnerung daran, dass keines meiner Worte je so genommen, so gehört wurde, wie ich es wollte.


    Eine innere Ruhe überkommt mich. Eine Art Friede. Ein kleines Lächeln nur für mich. Vielleicht wird mich niemals jemand hier singen hören, tanzen sehen. Aber ich werde dennoch weiter singen und tanzen. Es ist doch nur ermüdend mit Gewalt gegen diese Schwere anzugehen. Der Staub, die Dunkelheit, die Kälte und die Einsamkeit wohnen hier. Immer wieder kriechen sie zurück und krallen sich in meinem zerrissenen Herzen fest – treiben ihre Klauen tief in das empfindliche Fleisch.


    Hier schneit es immerzu. Aber ich kann das reine Weiß nicht sehen; es vermischt sich mit dem Staub und das fehlende Licht lässt mich nicht einmal die Flocken erkennen. Ich kann meine eigene Stimme nicht hören, denn nichts wirft sie zurück. Hier unten herrscht absolute Windstille ganz gleich wie chaotisch es um mich herum zugeht. Akzeptanz. Sie bringt ein klein wenig Wärme und erinnert mich daran, nicht zu vergessen, was ich geschafft habe. Es mag nicht viel sein und so vieles hätte besser und schöner gemacht werden können.


    Gleichzeitig hätte es in so vielen Momenten für immer zu Ende sein können. In all den Momenten, in denen der Schmerz unerträglich wurde. Diesen Momenten, in denen die Welt ein besserer Ort ohne die eigene Existenz erschien. Diese Momente verräterischer Stille, die ihre Messer rücksichtslos in den Rücken stießen, der sich unter Verzweiflung krümmte. Momente, die so viele Tränen kannten, dass die Schultern ganz wund wurden. Ob es nun die Hoffnung auf bessere Zeiten oder die Angst vor dem Ende war – irgendwas türmte sich wie eine unsichtbare Mauer auf und verhinderte den einen letzten Schritt, der den Abgrund hinab führt.


    Vielleicht liegt hier der größte Schatz verborgen. Das eine Geheimnis. Die Antwort auf die Frage, was meinem Leben Sinn verleiht. Eine ruhige Wasseroberfläche, die nur selten in kleinen Wellen kräuselt. Unendliche Tiefen bergen ein Geheimnis so alt wie die Welt und doch mit und in mir geboren. Ich kann diese Welt keinem begreiflich machen. Ich kenne weder die passenden Worte noch Bilder oder Töne.


    Schon möglich das man eines Tages ein Buch über mein Leben schreibt. Aber selbst, wenn man alle Menschen, die mich kannten, befragen würde und all meine Texte und Bilder dazu nähme – es wäre dennoch nur ein Mosaik. Mühsam zusammengesetzt aus lauter kleinen und großen Fragmenten, hier und da etwas geschliffen und bearbeitet. Es wird ein Abbild der Wahrheit sein; nicht die Wahrheit selbst. Dieses Wissen stimmt mich traurig. Niemals wird jemand wirklich verstehen, was in mir vorgeht. Zugang zu meiner Bühne haben. Das Stück meines Lebens in seiner Gesamtheit begreifen.


    Ich fühle mich dem Leben entrückt. Ich sollte mich wieder auf die Bühne zurückziehen. Denn dort ist das Leben. Es steckt nicht in der inhaltsleeren Darstellung einer Person, die immer lacht und nur Stärke kennt. Das Leben steckt in Tanz und Gesang. Hier wartet es auf mich. Und ich werde mich in seine offenen Arme fallen lassen.



    Lebewohl, wer oder was immer du zu sein dich verpflichtet fühlst.
    Lebewohl, wen und was du dich abzulehnen verpflichtet fühlst.


    Lebewohl.


    Lebe. Wohl.


    Lebe wohl.


    Lebe.


    Wohl.


    Lebe, denn nichts anderes ist wichtig.


    Lebe, als wärst du der Held deiner eigenen Geschichte.


    Lebe, denn niemand kann es für dich tun.


    Lebe wohl.




    Anmerkung der Autorin: Diesen Text habe ich vor einiger Zeit verfasst. Es ist ein Monolog, den ich anlässlich einer Geschichte geschrieben habe, die ich nie richtig angefangen habe. Quasi ein Fragment. Meine Idee dazu war, den Protagonisten im Rahmen des Verschwindens seines Bruders über sein Leben und dergleichen zu sinnieren. Letztlich erschien mir das Ganze jedoch zu unoriginell und ich verwarf die Idee wieder.

    Das [wir alle gleich sind] zu wissen, aber nicht fähig zu sein, zu diesem Wissen zu stehen, das macht Diskriminierung aus.

  • Zahnräder der Nacht


    Dieser Moment wenn dir klar wird
    Dein Herz ist nicht deins
    Dieser Moment wenn du erkennst
    Es sind nicht Tränen die du weinst
    Dieser Moment wenn du verstehst
    Dass du niemals lebst


    Keine Zeit kann heilen
    Was zu keiner Zeit zerbrach
    Kein Wort kann heilen
    Was kein Mund je sprach
    Keine Berührung kann heilen
    Schmerz kann man nicht teilen


    Und doch ist da diese Melodie
    Dieser stille Gesang in dir
    Dieser kleine letzte Funken Magie
    Der niemals erlöschen wird
    Deine ganz eigene Harmonie


    Du wurdest nicht anders geboren
    Aber wuchsest anders heran
    Du hast dein Herz nicht verloren
    Du fingest nie mit einem an


    Was sie sehen das bist du nicht
    Was du bist sehen sie nicht
    Weiß das sich im Licht bricht


    Dir wohnt nur Leere inne
    Eine tonlose Stimme -


    Ein Schrei durchdringt die Stille
    Hallt in der Dunkelheit nach
    Es erwachen Bewusstsein und Wille
    Auf einen Schlag bist du wach
    Ein weiterer Traum verblasst
    Stummer Zeuge deiner Last.



    Das war mal geplant als Beitrag zu der Collaboration "Erwachen". Im Nachhinein bin ich ganz froh, dass es nicht dazu kam.

    Das [wir alle gleich sind] zu wissen, aber nicht fähig zu sein, zu diesem Wissen zu stehen, das macht Diskriminierung aus.

  • Hallo @Jeanne_Dark  (:


    Nachdem dein Topic in der Feedbackkette erwähnt wurde, hab ich mir gedacht, ich schreib dir mal einen Kommi.


    Einsicht - Aussicht - Weltsicht
    Dieser Text ist sehr stark und gerade deshalb, weiß ich nicht, ob ich viel dazu schreiben kann. Die Gefühle die hier beschrieben werden, kann ich recht gut nachvollziehen, auch wenn meine Depression einen anderen Ursprung hat und wenn man vergleichen möchte, wohl einen vergleichsweise banalen Auslöser. Doch der Ich-Erzähler hier spricht von der Depression ausgelöst durch die Trauer um den Verlust seines Bruders. Du hast hier viele ausdrucksstarke Beschreibungen benutzt, die die Stimmung sehr gut transportieren. Alles ist auf eine unangenehme Art düster und doch scheint diese Dunkelheit dem Ich-Erzähler so bekannt zu sein, dass er sich nicht davor fürchtet. Deshalb ist sie wohl auch so bedrückend für mich als Leser — vor allem, wenn man eine ähnliche Dunkelheit erlebt hat.
    Später spricht der Ich-Erzähler über seine suizidalen Gedanken, von denen ich als Leserin echt froh bin, dass es nicht dazu gekommen ist. Ich kann aber nachvollziehen, dass alles irgendwann zu viel wird. Den Satz „Diesen Momenten, in denen die Welt ein besserer Ort ohne die eigene Existenz erscheint.“ konnte ich sehr gut nachfühlen. Obwohl ich denke, dass viele Suizide Verzweiflungstaten sind, weil man etwas nicht mehr aushält, so ist es auch oft so, dass die Depression einem einredet, die Welt wäre besser dran ohne einen. Dass man nichts beiträgt und es deshalb kein Verlust wäre, wenn man einfach „nicht mehr da“ wäre. Ist natürlich eine große Lüge.
    Gegen Ende begreift auch der Ich-Erzähler, dass die Welt ihn wohl niemals völlig wird verstehen können. Irgendwie ist das ja eine harte Erkenntnis, aber im Grunde ist es wahr: wir können einander nie vollständig verstehen. Wir können versuchen Dinge aus der Sichtweise des anderen zu sehen, aber wir werden ihn deshalb trotzdem nie verstehen. Man wünscht sich aber Verständnis so sehr! Trotzdem sollte man nie vergessen, dass Verständnis möglich ist, vielleicht nicht in einem vollkommenen Ausmaß, aber trotzdem genug.
    Die vielen „Lebe wohls“ am Ende des Textes, hab ich sowohl als Abschied empfunden, als auch als neuen Lebensmut. Ich glaube, der Ich-Erzähler hat sich von seinem Bruder verabschiedet, aber gleichzeitig, hat er sich auch von der Trauer verabschiedet, die ihn so sehr festhält. Er hat sich selbst gesagt, dass er „wohl leben“ soll und darum geht es. Man muss eine verstorbene Person nicht vergessen, aber man sollte sich von der Trauer auch nicht komplett am Leben hindern lassen. Und nachdem der Text doch sehr bedrückend war, war das ein sehr schönes Ende.


    Wow, dieser Text hat mich sehr angesprochen und auch nachdenklich gemacht. Ich bin beeindruckt von der Art, wie du mit dem Thema umgegangen bist, sehr realistisch und doch hast du dich diesem interessanten Bild mit der Bühne bedient. Dein Schreibstil gefällt mir hier auch sehr. Da kann ich nur sagen: weiter so und fröhliches Schreiben! (: