[MD] Die Legende des Dämons

Die Kronen-Schneelande erwartet euch!


Alle Informationen zum zweiten Teil des Erweiterungspasses "Die Schneelande der Krone" findet ihr bei uns auf Bisafans:

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  • Die Legende des Dämons

    Vorwort
    Wer öfter vor vielen Jahren in diesem Bereich des Fanfiction-Topics unterwegs war, der dürfte diesen Titel schon länger kennen. "Die Legende des Dämons" ist nicht nur eine Geschichte, deren Entstehen jahrelang in meinem Kopf herumgeisterte, sondern sie ist auch das erste schriftliche Werk, das ich je verfasst habe. Hätte ich für die Kurzgeschichten-Rubrik auf bisafans.de nicht ebenso eine solche verfassen wollen, bezweifle ich, ob ich je überhaupt Mut und Spaß gehabt hätte, diese hier anzufangen. Nachdem ich "Mystery Dungeon: Erkundungsteam Dunkelheit" durchgespielt habe, war ich von der Geschichte begeistert. Von der Wende im Mittelteil bishin zu den einzelnen Charakteren, wo jeder einzelne seine eigene Persönlichkeit hatte; mit "... Erkundungsteam Himmel" wurde dieser Aspekt um etliche Extramissionen erweitert und umso mehr war ich davon begeistert, was für eine Welt mir dem Spieler geboten wurde. Es ist daher ein gewagter Versuch, die Geschichte fortzusetzen. Tatsächlich verspüre ich trotz der festen Vorgeschichte (die Spiele selber) keine eingeschränkte Freiheit - im Gegenteil: Ich habe die Freiheit darüber zu entscheiden, wie ich die Charaktere weiter entwickeln lassen will, welche ich neu einführe, welche Bedrohung dieses Mal die Aufmerksamkeit der Protagonisten erfordert und wie ich die Geschichte an sich erzählen will. Ich hoffe, ihr habt viel Vergnügen und Freude und auch Spannnung darauf, wie die Geschichte von Mystery Dungeon 2 fortgeführt wird.


    Vorgeschichte

    Hier möchte ich eine kleine Bitte äußern: Spielt für die Vorgeschichte lieber das Spiel "Pokémon Mystery Dungeon: Erkundungsteam Zeit/Dunkelheit/Himmel". Auch wenn diese etwas älter sind, so höre ich immer noch gern dessen Soundtrack und habe vor Kurzem selber noch einmal eingefangen, es zu spielen. Es ist einfach eines der besten Spiele für den Nintendo DS, die ich je gespielt habe - kein Wunder, dass ich dem diese Fanfiction als Sequel widme. Dieses Spiel ist es wert, dass es sich angeschafft wird! Nur für jene, die keinen DS zur Hand haben, lasse ich hier einen Überblick über die wichtigsten Ereignisse, die im Spiel geschehen.


    SPOILER-Warnung an alle, die das Spiel noch nicht kennen und es doch lieber selber spielen wollen!




    Klappentext

    Drei Jahre sind vergangen, seit das Raum-Zeit-Komplott von Darkrai von dem Team Mystery vereitelt. Max (ehemals ein Mensch und nun ein Reptain) und Jimmy (ein Panflam) haben in Ironhard, einem Impergator, einen schlagkräftigen Freund gefunden und sind seitdem zu dritt auf Missionen und Abenteuer unterwegs. Bald aber sollen sie erneut aus ihrem Alltag gerissen: Sie erhalten die Mission, die Wiederkehr eines Dämons zu verhindern, der vor vielen Jahrtausenden für große Zerstörung gesorgt hatte. Ihre Mission führt sie zu vielen versteckten Orten in ganz Ekunda und sie werden feststellen, dass dieser Auftrag alles von ihnen abfordert, nicht nur körperlich, sondern auch geistig.


    Kapitelliste

    1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - 8 - 9 - 10



    Wichtige Informationen

    Bis auf die Einführung neuer Charaktere und mancher örtlicher Begebenheiten ist so ziemliche jede Ortsnennung und die Ausgangsituation nicht meiner eigenen Ideen entwachsen; eigene Inhalte werden in dafür spezifischen "Informationsspoiler" am Ende entsprechender Kapitel kenntlich gemacht. Wer die Vorgeschichte kennen will, dem empfehle ich vom Herzen, sich das Spiel "Erkundungsteam Zeit/Dunkelheit/Himmel" zu besorgen (entweder für Handheld oder auf Emulator).


    Aufgrund der oben geschilderten Ausgangssituation verzichte ich, altbekannte Charaktere mit Namen zu versehen. Mitglieder der Knuddeluff-Gilde zum Beispiel heißen also nachwievor Knuddeluff, Plaudagei, Krebscorps und so weiter. Geht es um die Einführung neuer Charaktere, die tragende Rollen entweder in diesem oder zukünftige Werke haben werden, so erhalten diese eigene Namen.


    Die Welt, in der sich die Geschichte abspielt, wird um einiges weiter gefasst als in den Spielen. Neben der Knuddeluff-Gilde haben sich auch andere Gilden im Laufe der im Klappentext beschrieben drei Jahr etabliert. Auch unterstehen sämtliche Gilde einer sogenannten Regierung, die ihre Gesetzgebung auf zwei von vier Kontinenten durchgesetzt hat. Einer dieser beiden Kontinente heißt Ekunda, auf dem sich die Handlung hauptsächlich abspielen wird. Weitere Details über die Welt werden im Laufe der Handlung enthüllt.





    -/ Startpost wird im Laufe der Geschichte um weitere Informationen ergänzt






  • 1

    Nächtliches Treffen


    Der Königsberg verdiente seinen Titel. Für jene, die den Weg zu diesem nicht kannten, blieb sein Aufgang in einem dichten Nebel inmitten eines waldläufigen Tals verborgen. Umgeben von einer ringförmigen Gebirgskette ragte der Königsberg in die höchsten Punkte des Himmels hinein. Kein anderer Berg auf der Welt übertraf ihn und so wurde er als die letzte Herausforderung für jeden erfahrenen Bergsteiger angesehen – erst wenn sie diesen höchsten Berg bestiegen haben, galten sie als Legenden in ihrem Gebiet. Doch noch keiner vermochte die Spitze auch nur zu erspähen. Nicht einmal jene, die fliegen konnten, erreichten je diese Höhen, da sie von den rauen Einheimischen wieder vertrieben wurden. Es war eine gänzlich andere Welt als anderorts. Hier stählten die einheimischen Pokémon sich selbst, indem sie große Felsbrocken einen Hang rauf schoben und diesen wieder losließen, nur um ihn wieder hochzuhieven. Oder sie übten sich in der Meditation und harrten Stunden in eisiger Höhe aus. Wer den Königsberg erklimmen wollte, musste sich in den Augen der Einheimischen in Sachen Willen und Stärke beweisen, andernfalls wurden sie schnell wieder heimgeschickt.

    Doch die Spitze blieb trotz allem nicht unbewohnt. Ein einzelnes Pokémon lebte dort seit vielen Jahrzehnten und eben jenes stand nun am Eingang seiner Höhle, die in den Berg hineinführte. Und wie ein stiller Wächter blickte auf das im Nebel verborgende Tal hinab. Als sich der Vollmond hinter einer Wolke auftat und dessen Licht auf die Szenerie vor ihm fiel, glitzerte ihm ein silbriges Meer entgegen, aus dem schattenhafte Silhouetten von tiefer gelegenen Bergspitzen herausschauten. Der Blick des Pokémons fiel auf den Mond und seine Haltung war angespannt, als würde es etwas erwarten. Der Wind flatterte um seine weiß-rot-gestreifte Halskrause und er versuchte dessen eisige Kühle zu ignorieren. Dennoch schlotterte er und musste zittern, während sein Blick immer noch dem Mond galt.


    „Ich hoffe, du lässt dich heute noch blicken“, murmelte Lashon etwas ungeduldig. Als Pokémon der Art Laschoking war er nicht gerade an die eisige Luft gewöhnt, die seine rosafarbene Lederhaut umspielte. Zwar fand er seine Seelenruhe an diesem Ort, den er sich vor Jahren zu seiner neuen Heimat gemacht hatte, dennoch war er nicht erpicht darauf mitten in der Nacht aus seinem Traum geweckt zu werden und von einem alten Freund aus seiner Jugend aus dem Bett geholt zu werden. Mittels Telepathie hatte er Lashon die Dringlichkeit eines Treffens nahegebracht, sodass dieser nun gespannt seine Ankunft erwartete. Der Grund, dass er diese Art von Traumbesuch nicht erneut als einen weiteren Scherz seines Freundes erachtete, lag in der Ernsthaftigkeit dessen Stimme. Es war das zweite Mal schon, dass er sofort das Gefühl hatte, dass etwas Ernstes am Geschehen. Und schon beim ersten Mal handelte es sich auch tatsächlich um eine Angelegenheit, die das Wohlergehen der gesamten Welt betraf. Umso mehr wartete Lashon halb erfroren und angespannt auf seinen angekündigten Besuch.

    Und endlich hörte er es in der Entfernung. Ein leises aber melodisches Klingeln, das die Ankunft seines Freundes ankündigte. Und da sah er schon dessen Silhouette vor dem Mond auftauen. Zunächst wirkte sie wie ein kleiner schwarzer Punkt, der immer größer wurde. Immer schärfer wurden ein Körper, der nur einen halben Meter maß, recht kleine Arme und lange Füße und ein ebenso zierlich wirkender runder Kopf sichtbar. Der Schwanz, der genauso lang wie der Körper war, schien die kleine Gestalt in der Luft zu halten, die breit lächelnd vor Lashon in der Luft Halt machte. Dieser erwiderte dieses Lächeln und er merkte wie seine Anspannung sich löste: „Willkommen, Mew!“

    „Danke, dass du mich erwartet hast, Lashon“, sagte Mew mit einer ruhigen Stimme. Er befand sich nun auf Augenhöhe mit Lashon. „Ich bedaure, dass ich dich zu solch später Stunde noch aus dem Schlaf gerissen haben.“ Lashon glaubte ihm, da er die Schuld von Mews Gesicht ablas. Doch konnte er es sich nicht verkneifen zu erwähnen, dass er fast erfahren hätte ob er in der Lotterie gewonnen hat oder nicht. „So wie ich dich kenne,“ druckste Mew vergnüglich, „hast du nicht mit dem einen Los verloren, sondern mit allem.“ – „Da magst du vielleicht Recht haben“, erwiderte Lashon ebenso vergnügt und deutete mit einem Kopfnicken und einer halben Drehung in seine Höhle. „Soll ich uns ein Feuer machen und etwas Tee ansetzen?“

    „So gerne ich auch dem zusagen würde“, antwortete Mew mit verzogener Miene, „doch ich habe leider nicht viel Zeit … im Grunde haben wir alle sie nicht.“ Lashon blickte unruhig in Mews blaue Augen, in den genau wie beim ersten Mal sowohl eine Ernsthaftigkeit als auch eine Spur von Angst lagen, worüber Lashon nun erst recht bestürzt war. „Was ist es?“

    Und Mew begann zu erzählen. Während er erzählte fühlte Lashon mit Unbehagen, wie der eisige Wind immer kälter wurde und er nun immer stärker zittern musste. Doch er war sich dessen sicher, dass es nicht nur der Wind war. Er sah an Mews Blick, dass er von dem, was er erzählte, auch vollständig überzeugt war. Als er geendet hatte, wollte Lashon es aber nicht wirklich realisieren.

    „Ich bin mir dessen sicher“, sagte Mew, als Lashon seine Zweifel offen zugab. „Ich fühle dessen Präsenz immer stärker … ich kann es mir nicht erklären, wie, aber es eine Frage der Zeit, bis es tatsächlich passiert.“

    „Aber habt ihr nicht damals dafür gesorgt, dass er für immer fort ist?“, warf Lashon ein, der angesichts der von Mew geschilderten Bedrohung unruhig von einem Bein zum nächsten sprang. „Davon waren wir alle überzeugt, dass wir ihn auf immer verbannt haben … und was noch schlimmer ist, dass ich keinen der anderen davon in Kenntnis setzen kann“.

    „Sag mir nicht, dass ihr noch immer zerstritten seid…“, rieb sich Lashon fassungslos seine Muschelkrone und Mew nickte bedauernd.
    „Jeder macht sein eigenes Ding, die Einheit der Wächter ist nicht mehr“.

    „Oh je…“, murmelte Lashon nachdenklich und sah Mew abwartend in die Augen. „Und was hast du nun vor zu tun?“

    „Wenn ich das wüsste!“, rief Mew fast hysterisch. Sein Gegenüber war durchaus bestürzt, seinen sonst immer gut gelaunten Freund derartig ohne Rat und Hilfe zu sehen. Er dachte an das, was Mew ihm erzählt hatte. Eine unangenehme Frage formulierte sich auf der Zunge, die er auch Mew stellte. Dieser wirkte nachwievor niedergeschlagen. Ehe er antwortete, blickte er betrübt nach unten: „Ich schätze, in einem Jahr.“

    „Ein Jahr?“, rief nun Lashon offenkundig bestürzt und seine Krone rutschte etwas von seinem Kopf und gab dabei einen peinlichen Flecken an glänzender Glatze frei. Schnell versuchte er sich mittels Richten der Krone zu fassen, doch die Kurzfristigkeit hing wie ein Damoklesschwert über ihn, weswegen er fahrig und sichtlich panischer werdend zweimal auf und abging. Mew beobachtete ihn dabei und als er und Lashon sich wieder in die Augen blickten, bemerkte er, dass Mew erneut schuldbewusst dreinblickte. „Ich müsste dich daher um einen Gefallen bitten, Lashon…“, sagte er mit einer Furcht, die seinen Freund beunruhigte. Doch trotzdem wollte er trotz aller Bedrohung Mew zur Seite und versicherte ihm, dass er zu allem bereit wäre.

    „Vortrefflich, Lashon!“, rief Mew mit sichtlich gespielter Begeisterung. „Denn du müsstest an meiner statt die anderen davon in Kenntnis setzen, da ich ja nicht mehr in der … Lage bin …“. Mew erkannte direkt, dass seine Bitte Lashon für einen Moment erstarren ließ. Er ahnte sehr gut, was er von seinem Freund verlangte, und versuchte schnell die Lage zu retten, ehe aber Lashon ihn unterbrach: „Ich? Alle?“

    „Ich weiß“, versuchte Mew ihn zu beschwichtigen, „dass ich viel von der abverlange, aber ich habe so ungefähr einen Plan wie wir es anstellen könnten.“

    „Hast du vielleicht daran gedacht, dass ich viel zu alt bin, um zu so einer Reise aufzubrechen?“

    „Ich weiß, dass das viel verlangt ist, aber …“

    „´Viel verlangt´ ist dabei noch untertrieben formuliert; du verlangst Unmögliches für den Zeitraum, der uns bleibt.“

    „Das weiß ich doch auch, und nichts wäre mir lieber, dich dabei rauszulassen. Doch du bist der Einzige, dem ich das zurzeit erzählen kann. Und du kennst die anderen auch. Ich hoffte auch mehr, dass du zwischen uns Waffenruhe stiften könntest.“

    „Wenn es wenigstens nur das wäre“, sagte Lashon relativ geplättet und er fühlte sich schlecht dabei, Mew derartig verzweifelt zu sehen. „Doch du vergisst, dass es an sich schon sehr schwierig ist, auch nur zu einem zu gelangen. Selbst wenn du mich von A nach B hin und her teleportieren würdest.“ Er sah es Mew an, dass er das aussprach, was Mew schon die ganze Zeit zu befürchtet haben schien. Beide erkannten, dass ein Jahr offenbar zu wenig an Zeit sei, um rechtzeitig alles zu erledigen, was erforderlich war. Lashon ging auf und ab und seine Gedanken kreisten sich sowohl um Mew als auch um dessen Erzählungen. Dann fiel ihm eine andere Idee ein. Er bat Mew zu warten und ging für ein paar Momente in seine Höhle, bis er dann wieder zwei Keksen in der Hand wieder zurückkehrte. „Hier“, sagte er zu Mew und warf ihm einen in seine kleinen Arme. „Vielleicht hilft uns das beim Nachdenken“

    „Tausend Dank, Lashon!“, mampfte Mew; Honigkekse waren seine liebste Süßspeise. „Ich wusste, dass dich das etwas aufheitern würde, Mew.“, lächelte Lashon aufmunternd. Er fand, dass eine positivere Einstellung eher förderlich war als reine Panik. Das merkte auch Mew, der wieder begann, sanft in der Luft hin und her zu schweben. Seinem Gesicht war es anzusehen, dass der Honigkeks ihn wieder zu seinem alten Selbst beförderte.

    „Na also“, sagte Lashon etwas munterer. „Essen hilft jedem. Sowohl alt als auch … jung …“. Gerade fiel ihm ein Detail an, das ihm beim Holen der Kekse ins Auge gefallen war. Und dieses Mal war er es, der Mew einen Vorschlag bereitete. Er wusste schon sehr gut um Mews Reaktion Bescheid und tatsächlich weiteten sich vor Überraschung dessen Augen: „Jemand anderes damit beauftragen? Glaubst du ich überlasse das Schicksal dieser Welt gewöhnlichen Pokémon?“

    „Ich weiß, was du damit sagen willst, und ich denke auch, dass keineswegs gewöhnliche Pokémon diese Aufgabe erfüllen könnten. Aber hör mich an, Mew“. Dieser wollte offenbar nichts mehr davon hören, daher wurde Lashon etwas energischer: „Bitte!“

    Mews Aufmerksamkeit galt nun dem Laschoking und dieser erzählte, dass er dabei an ganz bestimmte Pokémon dachte und dass er relativ davon überzeugt war, dass sie am ehesten dazu geeignet waren, sich dieser Sache anzunehmen. Mews Gesicht blieb während seiner Erzählung ohne Ausdruck und als Lashon geendet hatte, blickte er gedankenverloren in den Vollmond, der allmählich von einer größeren Wolke verschluckt wurde und das Licht bereits weniger wurde.

    „Du bist dir sicher, dass es ihnen gelingen könnte?“, blickte er zwar mit Zweifel, aber auch hoffnungsvoll.

    „Zumindest mehr als mir in meinem Alter gerade“, nickte Laschoking zuversichtlich. Mews Mund verzog sich zu einem schmalen Lächeln: „Dann hast du mein Vertrauen, Lashon, auch wenn mir nicht ganz wohl dabei ist …“

    „Ich weiß, Mew“, entgegnete Lashon. Dann nickt auch Mew endlich: „Schicke sie dann zuerst zu mir, dann kann ich sie in alles Weitere einweihen.“

    Lashon verstand. Mew bedankte sich bei ihm einer Verbeugung in der Luft, ehe er sich umdrehte und in Richtung des beinahe in Wolken verschwundenen Mondes schwebte. Sehr kurz darauf hörte Lashon erneut das sanfte Klingeln und als das Mondlicht verschwand und er im Dunkeln stand, kehrte er auch in seine Höhle zurück, die von einer kleinen Lichtkugel erhellt wurde. Diese löschte er nun mit seinen Psychokräften, doch zuvor fiel sein Blick auf das Detail, das ihn auf die Idee brachte, von der er Mew überzeugt hatte. Es war eine Zeitung, die er sich jeden Tag auf seine Erlaubnis hin in seine Höhle fliegen ließ. Und das Titelblatt beschrieb die Taten eines einzelnen Erkundungsteams, das in den letzten Jahren den Status einer Legende erreicht hatte.

  • 2

    Das Team Mystery


    Ein Zurren und Knistern ertönte. Der schattenhafte Körper wurde in die Luft gehoben und blieb zwischen den zwei Magnethufen der beiden Magnetilo in der Luft hängen. Das Gengar, dessen selbstsicheres Grinsen erloschenwar, blickte mit seinen zu roten Schlitzen verengten Augen zu den drei Pokémon auf, die seine jahrelange Verbrecher-Karriere beendet hatten. Zwei von ihnen blickten zurück, der andere wirkte nach dem Kampf noch immer nervös, während der andere sich wieder desinteressiert abwandte. Der Dritte von ihnen, der Anführer des Teams, war im Gespräch mit Oberwachtmeister Magnezone, der auf dessen Augenhöhe schwebte. Dessen Auge konnte man ansehen, dass er sichtlich erleichtert war, diesen Verbrecher endlich gefasst zu haben. Auch das Reptain, das mit ihm sprach, war ebenso froh, einen Auftrag, der Wochen gedauert hatte, endlich zu einem erfolgreichen Ende geführt zu haben.

    „Der Einsatzleiter wird sich sehr freuen, wenn wir dieses Gengar endlich der Justiz überführen können“, zurrte Magnezone in seiner gewohnt neutral klingenden Stimme. „Wir haben auch bereits die Belohnung für euch dabei, wenn ihr sie bereits empfangen nehmen wollt.“

    „Nun, für diese Art von Zeitverschwendung wollen wir schon entschädigt werden“, sagte das hünenhaft wirkende Pokémon mit blauer ledriger Haut und einem markant ausgeprägten Körperbau. Dessen Hände waren noch immer zur Hälfte zu einer Faust geballt und in seinen krokodilähnlichen Augen lag weiterhin der Funke von Herausforderung. Doch als sein Blick erneut auf das geschlagene Gengar fiel, schnaubte er abfällig und wandte sich Magenzone zu: „Der Kerl hier war für uns am Ende keine wirkliche Herausforderung!“

    „Für dich vielleicht, Iro“, sagte das deutlich kleinere Pokémon zu seiner Linken. Dieses hatte Ähnlichkeit mit einem Schimpansen mit orange-rötlichem Fell, an dessen Hintern eine kleine handgroße Flamme brannte, was aber für ein Panflam durchaus einen Normalzustand darstellte. Dieses versuchte aber den Blick des Gengars zu vermeiden, das den seinen suchte. Doch das Impergator lachte herzhaft: „Du musst wissen, wovon du redest, Chim-Chim. Schließlich hat er dich mit seinem Schattenspiel als Marionette benutzt und wollte dich gegen uns kämpfen lassen.“

    „Danke, dass du diesen Kampf erwidert hast!“, sagte das Panflam nun sichtlich erbost und sich seinen Hinterkopf, an dem sich eine Beule befand. „Und hör auf mir diesen Kosenamen zu geben! Es heißt Jimmy, verstanden?“

    „Wie du meinst“, zuckte Iro mit den Schultern, „dennoch fand ich es sehr unterhaltsam, welche Figuren er dich hat machen lassen“. Den von unschönen Gesten begleiteten Protest von Seiten Jimmys ignorierte er und er blickte spöttisch grinsend zum Gengar: „Vielleicht kannst du im Gefängnis als eine Art Show-Act auftreten, um andere zu unterhalten.“

    Auch wenn sich die Augen verengten, erwiderte es mit einem ebenso spöttischen Grinsen: „Vorher aber werde ich ausbrechen und dann deinen Körper zur Schau stellen, dann werden die anderen was zum Lachen haben.“

    „Versuch es nur!“, trat nun Iro an das Gengar heran. „Du und ich, Eins-gegen-eins? Nachdem was ich heute mit dir im Kampf erlebt habe, habe ich nicht gerade Lust einen komplett einseitigen Kampf zu bestreiten.“

    „Ohne euren großartigen Anführer und seiner Agilität hättest du ganz schön welche kassiert bekommen!“

    „Sollen die Magnetilo dich freilassen und dann wollen wir es ausprobieren!“, sagte Iro sichtlich herausfordernd und seine Hände formten vollständig eine Faust. Gerade als er einen weiteren Schritt auf das Gengar machen wollte, hielt ihn ein laubgrüner Arm davon ab. Iro begegnete dem Blick seines Anführers, dessen topasgelbe Gecko-Augen ihn mahnend ansahen. Offensichtlich hatten er und Oberwachtmeister Magnezone mit halbem Gehör während ihres Gesprächs vom Wortgefecht der anderen mitbekommen. Nun trat das Reptain zwischen beide und blickte dem Gengar bestimmt in die Augen: „Wenn wir dich deswegen tatsächlich freilassen würden, würdest du doch nur die Flucht ergreifen, habe ich Recht?“
    Das Gengar sagte nichts, doch es lächelte überheblich. Sein Gegenüber nickte nur im Gefühl, bestätigt worden zu sein, und wandte sich an seine Teamkollegen: „Es ist besser, dass wir jetzt nach Hause gehen, bevor er uns zu weiteren Fehlern anstacheln will“.

    Das Gold, das als Belohnung zur Ergreifung des Gengars ausgesetzt war, hatte er schon in seinen Schatzbeuten verstaut und die drei Erkunder verabschiedeten sich von den Polizisten. Dann rief das Gengar ihm nach: „Dein Name ist Max, habe ich richtig gehört? Den merke ich mir! Denn wenn ich aus dem Gefängnis herauskomme, wirst du der erste auf meiner Liste sein!“

    „Ignoriert ihn“, sagte Max zu Iro und Jimmy, die sich auf die Drohung hin wieder umdrehen wollten. Beide taten wie geheißen, doch das Gengar setzte nach: „Ich, Shadow, werde mich rächen!“

    Je mehr sich die Erkunder von den Polizisten entfernten, die in eine andere Richtung gingen, umso mehr verstummte das Rufen des Gengars mit dem Namen Shadow.


    „Ein alberner Name!“, war Iros einziges Urteil, als sie den Fuß des Bergkammes erreicht hatten, auf dem sie Gengar in seinem Versteck gestellt hatten. Nun lag vor ihnen eine weitreichende Ebene, deren grüne Wiesen im ersten Goldschimmer des Sonnenuntergangs lagen. Iro streckte sich während des Gehens und gähnte gelangweilt; von allen dreien waren ihm die wenigsten Kratzer vom Kampf anzusehen. Jimmy hingegen, der sorgenvoll seine Schürfwunde am Arm begutachtete, schüttelte es bei dem Namen: „Er ist im jeden Fall passend! Ihr beide habt gesehen, was er mit seinen Schatten alles anstellen kann!“

    „Ich bin immer wieder erstaunt, wozu Geister-Pokémon in der Lage sind“, stimmte ihm Max zu. Die einzigen Kratzer befanden sich an seinen Armen, deren Blätter am unteren Teil leicht eingerissen waren. Max‘ Fähigkeit, diese Blätter zu einer smaragdgrün leuchtenden Klinge verschmelzen zu lassen, forderte nach jedem Gebrauch seinen Tribut. Zum Glück war Shadow kein mit Klauen besetztes Stahl-Pokémon, dachte Max sich, denn sonst hätte er entweder eine oder gleich beide Klingen im Schlagabtausch eingebüßt. Und nur sehr langsam und unter Schmerzen hätten sich neue bilden können. Doch konnte er in solchen Situationen dann auf Jimmy und auch auf Iro zählen. Letzterer lachte herzhaft über die Aussagen seiner Teamkollegen: „Ja, das haben wir gesehen! Und es sah einfach witzig aus, ich kann es nicht oft genug sagen!“

    „Warte nur, bis du davon betroffen bist …“, versuchte Jimmy zu murmeln, doch Iro, der ihn hörte, lachte wieder auf: „Als ob es bei mir funktionieren würde! Mein Körper ist perfekt darauf trainiert, dass er das tut, was ich ihm befehle, und er hat mich noch nie enttäuscht!“

    Jimmy verdrehte genervt die Augen: „Seit du dich zu einem Impergator entwickelt hast, bist du schon fast zu sehr von dir überzeugt. Schon als Karnimani warst du fast unerträglich mit deinem Geprahle.“

    „Nun ja“, hüstelte Iro gekünstelt, „ich habe auch guten Grund dazu. Wer von uns beiden hat denn eigenhändig ein Stahlos zu Fall gebracht? Das normal-gläubige Volk würde nun vermuten, dass es ein Feuer-Pokémon wie du es zu Stande gebracht hättest. Doch wo warst du noch gleich? Stimmt, vor lauterAngst in einer Ecke verkrochen.“

    „Du verdrehst wie immer die Tatsachen, aber das ist schon in Ordnung“, sagte Jimmy über Iros Stimme hinweg. „Was mir offensichtlich und schon als Panflam rein biologisch an Stärke im Gegensatz zu einem Protzer wie dir fehlt, mache ich durch andere Qualitäten wieder wett.“

    „Ach? Und die wären?“, sagte Iro, blieb stehen und blickte dem Panflam herausfordernd in die Augen. Dieses blieb ebenfalls stehen, so fühlte sich auch Max dazu gezwungen, wieder einmal den üblichen Kleinkrieg zwischen beiden anzusehen.

    „Ich meine mich erinnern zu können, dass von mir der Plan kam, wie wir Shadow am besten in die Ecke drängen konnten“, sagte Jimmy mit grimmigen Gesicht.

    „Ein guter Plan!“, spottete Iro grinsend. „Dich als Ablenkung anzubieten, während Max und ich die eigentliche Arbeit machen sollten. Aber nicht mal das hast du hinbekommen.“

    „Was genau meinst du damit?“, sagte Jimmy erbost.

    „Nun ja, der Sinn einer Ablenkung ist es, dass das Ziel auch tatsächlich abgelenkt ist. Doch Shadow hatte dich dermaßen schnell im Griff, dass Max und ich eher mit deiner Rettung abgelenkt waren.“

    Jimmy stieg verlegene Röte in sein Gesicht: „Na gut ... aber Shadow hat dermaßen schnell reagiert ... du hättest auch keine Chance gehabt ihn abzulenken.“

    „Doch“, entgegnete Iro grinsend, „er wäre davon abgelenkt gewesen mich kontrollieren zu wollen. Aber das wäre ihm nicht gelungen. Und zwar ... du weißt schon.“

    „Weiß ich was?“, sagte Jimmy knirschend. Iro blickte ihn herausfordernd an und grinste eine Spur fieser: „Ich bin stärker als du.“

    „Jetzt geht das schon wieder los“, sagte Jimmy aufgeheizt und seine Hinternflamme loderte wild auf. In beiden lag der Funke für einen Kampf, wie Max feststellen musste. Gleich ist es vorbei, dachte er sich. Jetzt hatte er nur noch auf seinen Einsatz zu warten.

    „Oho, der kleine Mann will den Großen markieren!“

    „So groß wie du will ich nicht sein, so wie du deinen Kopf in den Wolken hast!“

    „Jahrelanges Training haben mich überhaupt erst dahin gebracht. Dagegen bist du wohl auf dem Boden geblieben.“

    „Du willst wohl meinen Flammenwurf spüren, was?“

    „Mir egal, ich brauche nur meine Faust im Gegensatz zu dir!“

    „Hier und jetzt?“

    „Nur zu!“

    „Hohlbirne!“

    „Zwerghand!“


    „Und Schluss!“, schritt Max nun mit seiner leuchtenden Laubklinge ein, indem er sie zwischen den Konkurrenten hielt. Diese schnaubten nach dem Wortgefecht, doch sie hielten ein. Jimmys Flamme loderte nicht mehr und Iros Faust entspannte sich. Beide blickten sich mit musternden Blick an.

    „Hohlbirne?“, sagte Iro ungläubig. „Mehr ist dir nicht eingefallen?“

    „Zwerghand war neu, Hut ab“, gab Jimmy zwischen den Zähnen zu. Sein Gegenüber grinste: „Sieht so aus, als ginge diese Runde wieder an mich, Jimmy“

    „Seid ihr fertig?“, fragte Max sicherheitshalber nach, ehe er zum Weitergehen auffordern wollte. Er hatte mit einem Blick zum Himmel gemerkt, dass dessen Farbe ein tiefes Purpur angenommen hatte. Bald würde die Nacht hereinbrechen. Iro und Jimmy blickten sich abschätzend an, ehe sie sich grinsend zu Max wandten: „Du kennst uns doch!“ Auch Max grinste nun.

    Einige Zeit später, als die Sonne sich immer mehr zur Ebene neigte und der Himmel immer dunkler wurde, erblickten die drei in der Ferne ein Haus auf der Wiesenebene. Licht, das aus dessen Fenstern fiel, erschien ihnen wie kleine leuchtende Punkte und beim Näherkommen bemerkte das Team Mystery, das dieses Licht aus verschiedenen Fenstern in verschiedenen Stockwerken zu kommen schien.

    „Da fällt mir ein“, sagte Panflam, als sie den Weg entlang gingen, der auch an dem Haus vorbei ging. „Hat hier nicht vor Kurzem eine Art Herberge oder Taverne aufgemacht?“ Auch Max erinnerte sich an diese Neuigkeit, die vor zwei Wochen in Schatzstadt die Runde machte, bevor sie zu ihrem Auftrag aufgebrochen waren. Er war sich sicher, dass es sich bei dem Haus um jene Herberge handeln musste. Da die Sonne ohnehin zur Hälfte untergegangen war und sie erst mitten in der Nacht in Schatzstadt ankommen würden, beschlossen sie in der Herberge einzukehren. Dann könnten sie am nächsten Tag in die Knuddeluff-Gilde heimkehren und Bericht über ihren Missionsverlauf erstatten. Max klopfte vorher an Eichenholztür und als dann von innen ein munteres „Kommt herein“ heraus gerufen kam, traten er, Jimmy und Iro ein.

    Links und Rechts an der Wand befanden sich Tischreihen, die bis zum hinteren Teil des Erdgeschosses verliefen. Ein Kronleuchter, der von der Decke hing und mit Hilfe von Leuchtorbs – Kristallkugeln, die von Erkundern für gewöhnlich als Lichtquelle in der Dunkelheit verwendet wurden – das gesamte Haus erleuchtete. Eine große hölzerne Treppe führte ins erste und auch einzige Geschoss und Max erkannte die oberen Ende von Türen, die offenbar zu den einzelnen Zimmern führten.

    „Willkommen zur Munteren Kuh!“, ertönte eine heitere Stimme von links dieser Treppe und das Trio blickte in die Perlmuttaugen einer Miltank, die breit grinsend hinter einem Tresen stand. „Kommt nur herein, hier gibt es bequeme Speisen und Getränke und warme Zimmer … äh, ich meine, warme Mahlzeiten und warme Zimmer… also ... ich …“

    „Wir nehmen sowohl als auch“, fiel Max lachend in das Rotanlaufen der Miltank, die sich darauf hin wieder fing. „Verzeihung, ich mache das hier noch nicht lange und zudem sind noch nicht viele Kunden hierher gekommen.“

    Iro blickte sich verstohlen um und bemerkte tatsächlich nur zwei Pokémon, die hinter ihnen in einer Ecke an einem Tisch saßen. Er sah, wie ein breitschultriges Maschok seinem Gegenüber, einem Pokémon mit roter Schale und Krebsscheren, auf dessen Kopf tippte und zu den drei Neuankömmlingen nickte. Daraufhin blickte sich dieses um und schon beim Erblicken dieses Trios hüpfte er freudig auf. Noch bevor Iro Max auf die Schulter klopfen konnte, krabbelte auch schon das Krabbenpokémon auf sie zu: „Hey hey! Team Mystery, schön euch zu sehen!“

    „Krebscorps!“, rief Jimmy und beide gaben sich andächtig die Hände. Jimmy merkte aber trotz aller Vorsicht, dass Krebscorps‘ Griff sehr kräftig war und durchaus seine Hand brechen könnte. „Ich dachte du befändest dich noch immer für deinen Auftrag an der Ostküste.“

    „Von da komme ich auch, der Auftrag war ein Klacks!“, wackelte Krebscorps sehr stolz mit seinen Händen. Iro blickte überrascht zu dem Krebs-Pokémon runter: „War das nicht der Auftrag, wo du im Sturm -Kap einen seltenen Gegenstand besorgen sollst?“

    „Das war nicht so schwierig, im Grunde war das ziemlich einfach für einen Auftrag der Klasse A.“

    „Das sagst du so leicht“, pfiff Jimmy durch die Zähne. Aufträge dieser Klasse waren selbst für erfahrenere Erkunder selten allein zu schaffen, zumal Krebscorps gerade mal zwei Wochen unterwegs war, von denen die meiste Zeit für die Reise hin und zurück draufgingen. Doch bevor sie weiter mit ihm angeregt sich unterhalten konnten, wurde Max von der Miltank angestupst, woraufhin er sich peinlich berührt zu ihr wandte.

    „Das macht doch nichts!“, sagte sie, als er sich entschuldigte. Tatsächlich war sie es nun, der eine peinliche Röte entstieg. „Seid ihr … seid ihr wirklich das Team Mystery? Habe ich es richtig gehört?“ Als Max nickte, lächelte sie breit. Sie verschwand für eine kurze Zeit unter der Theke, ehe sie dann mit einem Bündel an Zeitungsartikeln hervorkam. Die oberste Schlagzeile fiel Max direkt ins Auge: Erfolge des Team Mystery.
    „Ihr steht wie viele andere große Persönlichkeiten in fast allen Zeitungen, die ich hier hereinbekomme!“, sagte die Miltank atemlos und durchsuchte sorgfältig den Stapel. „Da gab es den Artikel ... und den und den ...“, und nacheinander holte sie einzelne Bündel heraus, die sie auf den Tisch in ihrer Nähe legte. Die Erkunder bekamen eine Schlagzeile zu sehen, die Team Mystery schlägt Entführer-Bande lautete, ehe diese von einer anderen verdeckt wurde: Red Scorpion und Rosendorn – neue Elite-Gilden.        

    „Sind die alle über die ganzen Erkunder-Gilden, die in den letzten Jahren im Lang gegründet wurden?“, sagte Jimmy und nahm mit brennendem Interesse den Artikel über die Red Scorpion- und Rosendorn-Gilde in die Hände.

    „Sehr wohl!“, sagte die Miltank mit glühenden Wangen. Und ich habe auch tatsächlich einen aus der Red Scorpion-Gilde hier zu Gast. Ein sehr eigensinnigeer Geselle, aber sehr nett. Er sagte, er sei wegen eines Auftrages in der Nähe und wollte sich nach der langen Reise von der Nordwüste erholen, ehe er morgen aufbricht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich tatsächlich eine Gilde in der Wüste etabliert haben soll. Als ich ihn nach dieser fragte, tat er sehr geheimnisvoll und meinte, er sei nicht dazu befugt, Details zu verraten. Aber jedem das Seine denke ich mir da und wo wir gerade davon red- oh Schreck, die Brötchen!“

    Die Miltank, die wie ein Wasserfall geredet hatte, ließ die Erkunder perplex zurück, als sie in einen Hinterraum verschwand, in dem Max die Küche vermutete. Wenige Sekunden später kam sie mit einem Tablett wohlriechender Brötchen wieder und reichte jedem der Erkunder mindestens eines.

    „Es tut mir wahnsinnig Leid!“, sagte sie bestürzt und ihre Farbe wich aus dem Gesicht. „Ich bin mega aufgeregt, wenn ich Erkunder treffe. Das, was ihr tut, finde ich dermaßen aufregend, dass ich mich nicht unter Kontrolle habe.“

    „Hey hey, das ist doch kein Problem!“, rief Krebscorps heiter aus.

    Nachdem sich die Miltank an die Präsenz der neu angekommenden Erkunder gewöhnt hatte, brachte sie allen einen Becher köstlichen Sinelbeeren-Saftes, den gerade Jimmy aufgrund seiner Verletzung am Arm trank. Der Miltank ist diese nicht entgangen und kaum, als Jimmy seinen Becher auf den Tisch abgesetzt hatte, nahm sie seinen Arm genau unter die Lupe.

    „Sieht schlimmer aus als es ist, tatsächlich...“, und ohne ein weiteres Wort nahm sie ihren unbenutzten Becher und goss den Saft über die Wunde. Panflam keuchte auf und Max fragte sich, was dies für einen Sinn haben sollte, als dann alle Anwesenden sahen, wie die Haut in nur wenigen Sekunden erholte und narbenfrei glatt wurde.

    „Sinelsaft hat bei solch oberflächlichen Wunden eine starke heilfördernde Wirkung. Daher kann man beherzt einen Schuss auf diese geben.“, sagte die Miltank mit einem Lächeln. Jimmy begutachtete erstaunt das Resultat.

    „Du scheinst dich mit sowas auszukennen“, sagte Iro anerkennend. Die Miltank winkte ab: „Das ist fast medizinisches Basiswissen, nicht der Rede wert!“ Doch Jimmy schüttelte den Kopf: „Fühlt sich tatsächlich besser an. Vielen Dank ...“. Er zögerte, doch die Miltank verstand: „Mein Name ist Rose“. Sie lächelte dabei und setzte sich zu ihnen. Ihr Blick fiel auf das Erkundungsteam.

    „Kommen solche Verletzungen häufig vor?“

    Jeder vom Team blickte sich in die Augen, ehe Panflam verlegen antworte: „Wir haben es meistens nicht mit den ungefährlichsten Missionen zu tun. Da kann sowas“, und er bewegte dabei seinen Arm, „oder andere Dinge sehr schnell passieren.“

    Rose blickte ihneine Zeit lang forsch an, bis sie sich an das gesamte Team wandte: „Habt ihr schon mal überlegt, einen Heiler mit euch zu führen?“

    „Einen was?“, sagte Iro. Jimmy stupste ihn mit seinem wieder gesunden Arm an.

    „Ein Pokémon, das sich wie Rose mit der Heilung von Wunden und weiteren Sachen auskennt. Und eigentlich ist der Gedanke gar nicht so abwegig.“

    Iro schnaubte belustigt: „Dass du das gut fändest, kann ich mir denken, wo du zerbrechlich wie Porzellan bist!“

    „Klappe!“, entgegnete Jimmy, der rot anlief. Max ließ sich den Gedanken im Stillen durch den Kopf gehen. Es stimmte tatsächlich, dass entweder er, Jimmy oder Iro deutlich schlimmere Verletzungen erfahren haben, seit sie zu dritt unterwegs waren. Gerade Iro hatte sich mehr Verletzungen zugezogen als Max und Jimmy in ihrer gesamten Laufbahn als Erkunder. Zwar hatten sie seit Darkrai kein derartig bedrohliches Pokémon bekämpft, doch war Iro ungestüm auf den Missionen. Selten konnten sie eine abschließen, ohne dass sich Iro eine weitere Schürfwunde oder Prellung zusätzlich zugezogen hatte. Und da sie mittlerweile recht professionelles Erkundungsteam zunehmend gefährlichere Aufträge annahmen, gerieten auch er selber und Jimmy, meistens unfreiwillig, in Gefahr, sodass auch sie Verletzungen davon getragen hatten. Tatsächlich wäre es durchaus hilfreich, einen Heiler dabei zu haben.

    Er blickte hinüber zu Rose. Max fragte sich, ob sie dafür geeignet wäre. Oder ob sie ein anderes Pokémon kenne, das als Heiler in Frage käme. Er gebot mit einer Geste Jimmy und Iro, die beinahe in ihr übliches Wortgefecht verfallen wären, Schweigen und fragte sie, worauf sie sofort rot anlief.

    „Ich denke, ihr solltet euch woanders umschauen, Team Mystery!“

    „Warum denn?“, wollte Max wissen. Rose begutachtete ihre leere Tasse, als wollte sie deren Tonqualität bestimmen wollen. Sie bemerkte nicht, dass ein neues Pokémon soeben in der Taverne eingetroffen war.

    „Im Ernst, die besten Pokémon, die als Heiler in Frage kämen, sind entweder Psycho- oder Pflanzenpokémon. Meine Kenntnisse hingegen sind von eher bescheidener Natur.“

    „Du scheinst dir aber ziemlich sicher zu sein, so wie du Jimmys Arm behandelt hast“, lächelte Max ihr aufmunternd zu. Rose schüttelte verlegen den Kopf.

    „Das ist wirklich nichts. Ich bezweifle, dass ich als Heilerin was taugen würde. Eher bin ich-“


    „Ich höre wohl nicht Recht, Rose!“

    Das Pokémon, das vor wenigen Sekunden in der Taverne eingetroffen war, hatte sich zu ihnen an den Tisch begeben. Es war eine hochgewachsene hübsche Guardevoir mit rubinroten Augen und tiefblauem Haar, das sichelförmig gebogen bis zum Nacken fiel. Rose schaute zu ihr auf und ihre Augen weiteten sich vor Aufregung. Prompt stand sie auf und schloss die Guardevoir in die Arme, welche herzlich die Begrüßung zurück gab.

    „Was machst du denn hier?“, hörte das Team Roses gedämpfte Stimme.

    „Habe dir doch versprochen, dass ich vorbeikomme“, sagte die Guardevoir, löste die Umarmung auf und lächelte in die Runde. Sie grüßte Krebscorps und Maschock. Auch das Team Mystery grüßte sie, als würde sie es schon bereits kennen. Max war sich jedoch sicher, dass er einer Guardevoir mit so einer Farbgebung noch nie zuvor begegnet war.

    „Du hast schonmal von ihr gehört, Max!“, rief Krebscorps, der sich über Max‘ Miene und die vom Rest des Teams amüsierte. „Sagt dir der Name Mimi etwas?“

    „Die Mimi?“, sagte Jimmy überrascht. „Ein neues Mitglied, das aber schon zu den wenigen Mitgliedern gehört, die Aufträge ab dem S-Rang alleine annehmen dürfen?“

    „Genau die!“, sagte Maschock, der sichtlich beim Anblick von der Guardevoir errötet war. Er war schon dabei, aufzustehen und Mimi seinen Platz anzubieten, als sie sich schon elegant neben Rose auf den Stuhl setzte, den die Miltank soeben für sie herbeigeholt hatte. Da er als einziger stand, räusperte er sich verlegen, tat so, als hätte er sich strecken wollen, und fuhr an das Team Mystery gewandt fort: „Sie ist allerdings immer unterwegs, daher kann es sein, dass ihr sie nie zuvor gesehen habt. Und selbst wenn, hättet ihr nicht sagen können, ob sie es ist.“

    „Wie meinst du das, Maschock?“, sagte Jimmy verdutzt. Mimi kicherte vergnügt.

    „Das liegt vermutlich an meinen Fähigkeiten“, und sie lehnte sich zu Jimmy rüber und fuhr mit ihrer porzellanfarbenen Hand über dessen Wange. Jimmy erschauerte leicht. Gespannt wartete das Team, was als nächstes passieren würde, als Mimi wenige Sekunden später die Augen schloss und sich konzentrierte. Dann leuchtete sie mondhell auf. Und während ihre Gestalt leuchtete, schrumpfte sie zusammen. Ihre langen Arme und Beine zogen sich zusammen, das Haar wuchs in sich zurück und es dauerte keine fünf Sekunden mehr, bis ein weiteres Panflam auf dem Platz erschien, wo sie zuvor gesessen hatte. Max bemerkte eine verblüffende Ähnlichkeit zu Jimmy. Doch handelte es sich nicht um eine Ähnlichkeit. Ähnlich interessiert wie Iro stellte er fest, dass es sich um eine exakte Kopie von Jimmy handelte. Die Übereinstimmung reichte vom Haarwirbel auf dem Hinterkopf bishin zum umkehrten Spiralmuster auf der Brust. Jimmy stand auf so auch der andere, sodass sich beide Panflam von Angesicht zu Angesicht standen. Beide grinsten sich, der eine begeistert und der andere belustigt. Dann leuchtete der andere Jimmy wieder auf und es erschien wieder Mimi, die Guardevoir. Jimmy klatschte begeistert. Auch Krebscorps, Maschock und Rose stimmten in den Beifall ein. Iro kommentierte trocken, dass ein Jimmy schon schlimm genug sei und dass er dankbar war, dass Mimi den Anblick aufgelöst hatte. Auf sein verschmitztes Lächeln hin lachten alle.

    Wie alle anderen Gäste kam auch Mimi von einem Auftrag. Sie erzählte, wie sie ein älteres Pokémon von Schatzstadt durch die Labyr-Berge eskortiert hat. Mit einer leicht bitteren Stimme erklärte sie, dass ihr Auftrag eine Zeitverschwendung war, da ihr Klient etwas senil gewesen sei und ihm kurz vor dem Ausgang des Gebirges eingefallen ist, dass es doch keinen Freund in der Nähe vom Mühsalberg hatte und es deswegen nach Schatzstadt zurück eskortiert werden wollte.

    „Mit anderen Worten“, sagte Mimi, die einen beherzten Schluck vom Getränk nahm, das Rose ihr dargereicht hatte, „bis auf einen Wanderausflug konnte ich nicht viel dem Auftrag abgewinnen. Ich habe dann auf die Belohnung verzichtet, da ich im Grunde nichts geleistet habe.“

    „Du bist zu bescheiden“, sagte Rose. „Die Labyr-Berge sind alles andere als ein Urlaubsort geworden, habe ich gehört. Hast du mitbekommen, wie Pokémon häufiger von Überfällen in diesen berichtet haben?“

    „Unwahrscheinlich ist es nicht“, nickte Mimi. „Wie die Höhlen ist auch der Außenbereich ein vertracktes Labyrinth. Es ist ein Leichtes, sich dort zu verstecken und arglosen Reisenden aufzulauern.“

    „Feiglinge!“, sagte Maschock aufgebracht und schlug mir der Faust auf den Tisch. Krebscorps pflichtete ihm bei.

    „Gibt es in der Gilde Pläne, wie man gegen diese Räuber vorgeht?“, fragte Max. Mimi zuckte die Achseln.

    „Plaudagei machen diese Umstände ebenso Sorgen, da man durch die Laby-Berge am ehesten in die nördlichen Gefilde von Ekunda gelangt. Doch er zögert, Teams dorthin zu schicken, da man nicht weiß, wie viele es sind und womit sie gewappnet sind. Schließlich sind selbst professionelle Erkundungsteams ihnen zum Opfer gefallen.“

    „Bist du ihnen begegnet?“, fragte Max. Mimi schüttelte den Kopf.

    „Ich hatte Glück. Wie es scheint schlagen sie nie am selben Punkt zu. Man kann stets zwischen drei Routen aussuchen, die durch die Berge führen. Als hat man zu zwei Dritteln die Wahrscheinlichkeit, dass man gut durchkommt.“

    „Worüber ich auch froh bin!“, sagte Rose, die mit einem großen Eintopf an ihren Tisch zurückkehrte, aus dem es kräftig dampfte. „Das Leben als Erkunder hört sich neben all den Geschichten auch richtig gefährlich an.“ Sie reichte jedem eine Schüssel und bald war die Taverne von den Klanggeräuschen von Löffeln in Schalen erfüllt.

    „Du warst dennoch mal Feuer und Flamme dafür, auf Erkundungen zu gehen, oder, Rose?“, sagte Mimi und blickte ihre Freundin an. Rose hielt inne und starrte in den Topf. Dann schüttelte sie milde lächelnd den Kopf: „Das war ein dummer Kindheitstraum von mir. Ich habe nicht mal die Fitness dafür, ich könnte schon körperlich nicht mithalten.“

    „Aber das stimmt doch nicht“, sagte Mimi erschrocken, doch Rose fiel ihr ins Wort: „Sieh dich an. Sie alle anderen hier am Tisch an. Und dann sieh mich an.“

    Ein betretenes Schweigen trat ein, doch Rose winkte dieses sehr schnell wieder ab: „Ich kenne meine Stärken, was das betrifft: Ich kann für das leibliche Wohl sorgen, entweder in Form von warmen Speisen und bequemen Betten.“
    Ein ehrlich zuversichtliches Lächeln fuhr über ihr Gesicht. Dann aber verzog sich nachdenklich ihre Miene. Sie blickte in den Topf und dann nach oben zu einem der Zimmer: „Wo steckt eigentlich der andere Erkunder? Ich habe ihm doch gesagt, dass es heute Eintopf gibt, und da war er begeistert.“ Sie verließ die Runde und stapfte nach oben. Mimi blickte ihr nach.

    „Stimmt“, sagte Jimmy, „sie sagte doch, dass ein Mitglied der Red Scorpion-Gilde auch hier übernachtet.“

    „Red Scorpion?“, fragte Mimi verdutzt. „Die Erkundergilde, die ihre Basis in der Nordwüste hat ?“

    „Hey hey, genau diese“, sagte Krebscorps. “Ich habe mich auch schon bereits gefragt, was so ein Erkunder soweit südlich von seiner Gilde zu suchen hat."

    „Rose meinte, er sei wegen einem Auftrag hier“, sagte Max. Mimi strich mit ihren Fingern über ihr Kinn.

    „Ja“, sagte sie nachdenklich, „es lässt sich erwarten, dass Aufträge in der Wüste eher knapp sind. Dennoch ist es verwunderlich, dass er soweit hier draußen von der Wüste ist, oder?“ Darauf gaben die anderen keine Antwort. Sie blickten zu Rose, die wieder zu ihnen trat.

    „Er will, dass ich ihm das Essen nach oben bringe“, sagte sie müde. „Draußen ist es schon längst dunkel und wenn ich ehrlich bin, bin ich recht müde. Hättet ihr was dagegen, wenn ich die Runde für heute auflösen würde?“

    Auch Max spürte nun eine jähe Müdigkeit in sich aufsteigen. Ein Blick zu seinen Teamkollegen genügte zu wissen, dass auch sie daran dachten, sich schlafen zu legen. Unter lautem Scharren der Stühle trennten sich die Erkunder voneinander, wünschten sich und Rose eine gute Nacht und begaben sich auf ihre jeweiligen Zimmer. Mimi, Krebscorps und Maschock würden im Erdgeschoss übernachten, das Zimmer des Team Mystery befand sich im ersten Geschoss die Treppe hoch.

    Es war ein gemütlich eingerichteter Raum. Drei Betten standen nebeneinander, während an der Wand ein Spiegel sowie eine Kommodo aufgestellt wurden. Da Iro recht hünenhaft und damit schwer war, nahm er die Matratze vom Bettgestell und legte sie auf den Boden. Auf die Art konnte das Team nicht dafür belangt werden, für ein neues Gestell aufzukommen. Die drei erinnerten sich belustigt an das eine Mal, wo Iro in einer entfernten Stadt tatsächlich ein Bett zusammenkrachen ließ, weil er sich drauf geschmissen hatte. Er hatte sich jüngst zu einem Impergator weiterentwickelt und war daher nicht mehr so leicht, wie er es als Karnimani war.

    „Verrückt“, dachte sich Max, während er den anderen beiden zusah, wie sie sich erneut ihr Wortgefecht lieferten und sich dabei zudeckten. Seit fast einem Jahr schon war das Team Mystery um ein Mitglied reicher.

    Ironhard vom Team Mystery. Funktion: Kämpfer
    Max vom Team Mystery. Funktion: Anführer
    Jimmy vom Team Mystery. Funktion: Kartenleser

    So vermochte man in dieser Zeit über sein und andere Erkundungsteams zu sprechen. Ein jedes Mitglied müsste nun eine bestimmte Funktion zu erfüllen haben, damit das Team so effizient wie möglich arbeiten konnte. Auch Plaudagei hat hin und wieder einfließen lassen, wie modern Erkundungsteams geworden seien, dass die Aufgaben derartig aufgeteilt wurden. Max konnte sich nicht wirklich mit dem Gedanken anfreunden, Mitglieder des Teams sich durch ihre Position definieren zu lassen. Er und Jimmy haben das Team einst gegründet, um gemeinsam einem Mysterium auf die Spur zu gehen. Dabei hat ihre anfängliche Freundschaft stets im Hintergrund gestanden. Und das sollte sich auch nie ändern, so fand Max. Auch was das Aufnehmen weiterer Mitglieder betrifft, sollte dies das entscheidende Kriterium sein. Andernfalls, so beschloss Max nun im Stillen für sich, würde er diese nicht als Mitglieder akzeptieren. Mit einem Blick zu Jimmy und Iro, die beide von selber ihr Gefecht beendet haben, bestätigte sich Max in seinem Beschluss. Es war ihm egal, ob seinem Team ein Heiler fehlte oder nicht. Solange er und seine Freunde zusammen blieben und aufeinander aufpassten, so würden sie alles überstehen. Und er war sich dessen bewusst, dass Jimmy und Iro diese Ansicht teilten.

    Sie sprachen kein Wort mehr miteinander. Der Tag war recht lange gewesen und es fiel ihnen umso leichter ein einzuschlafen.


    „Auf einen guten neuen Tag!“, dachte sich Max lächelnd und schloss die Augen.

  • Hi, Silvers !


    Nachdem du schon zwei Kapitel hochgeladen hast, wollte ich dir auch mal einen kurzen Kommentar hinterlassen. Also, um mal mit dem einfach Formalen anzufangen: Startpost sieht soweit ganz gut aus - ist auch immer besser, einen Klappentext zu haben, damit die Leser ungefähr wissen, was sie erwartet. Das einzige, was ich ein bisschen vermisse, sind vielleicht ein paar kurze Informationen zu den spezifischen Charakteren, die da aus ähnlichem Grund oftmals ganz hilfreich sind. Aber vielleicht werden die ja auch erst noch im Lauf der Geschichte ergänzt, dann will ich nichts gesagt haben.


    Die Geschichte selbst stellt dann erst einmal die Charaktere vor, was soweit auch ganz gut passt. Man lernt das Team Mystery erst einmal kennen und sieht, was ihre jeweiligen Rollen im Team sind und wie sie miteinander interagieren. Finde ich grundsätzlich ganz schön gemacht, aber ich finde es vielleicht ein bisschen schade, dass man den eigentlichen Kampf mit Shadow nicht miterlebt, sondern eher in der Retroperspektive erzählt bekommt. Ich will mich da jetzt nicht zu sehr einmischen, wie du die Geschichte erzählst, ich dachte nur, dass vielleicht so ein Kampf sich hier auch ganz gut geeignet hätte, um aktiver zu zeigen, wie die drei zusammenarbeiten und welche Konflikte es dabei vielleicht gibt - wenn man zum Beispiel in so einem Kampf Iro dann mehr zu einer "Haudrauf"-Taktik tendieren sieht, dann kann man daran vielleicht gut seinen Charakter erkennen. Das wäre vielleicht ein bisschen mehr "Show" als "Tell". Aber wie gesagt, ich will mich da nicht zu sehr einmischen.


    Ansonsten mag ich in Kapitel II die Beschreibung der Taverne ganz gerne - es sind ein paar kurze Sätze, die sagen, wie das Haus von innen aussieht und vermitteln so einen ganz guten Eindruck von dem Ort, ohne einen da mit zu langen Beschreibungen zu erschlagen, was manchmal ja den Lesefluss zu sehr verlangsamen kann. So wie du das hier gelöst hat, finde ich das ganz gut.


    Was ich ansonsten noch anmerken würde: Also, du hast noch einige formale Rechtschreibfehler in dem Text. Da ist mir jetzt kein spezifischer, sich immer wiederholender Fehler aufgefallen, aber manchmal unterbrechen dann eben so ein paar Sachen den Lesefluss, weil ich darüber stolpere (aber ich bin da auch ein Zwangsneurotiker). Ich würde empfehlen, vielleicht irgendwann, wenn du die Zeit dazu hast, mit Blick auf so etwas noch einmal die Texte zu prüfen, aber muss natürlich jetzt nicht in der nächsten Zeit sein.


    Ansonsten ... Ich hoffe, du bleibst beim Schreiben am Ball und schönen Sonntag!

  • 3

    Die Legende



    Am nächsten Tag war das Team Mystery unterwegs nach Schatzstadt. Sie hatten ein ausgiebiges Frühstück bei Rose eingenommen. Es war schwierig gewesen, noch etwas Essen bekommen zu haben, denn übernacht schien eine ganze Menge neuer Pokémon eingetroffen zu sein. Rose hatte alle Hände voll zu tun, die Gäste sowohl zu verabschieden als auch die neuen zu empfangen, sodass sie nicht mehr viele Worte mit dem Team wechseln konnte. Da Max, Jimmy und Iro allerdings einen angenehmen Schlaf gehabt hatten, versprachen sie ihr, sie würden recht bald wieder ein Zimmer mieten. Rose dabei lächeln zu sehen hat Max ein gutes Gewissen beschert. Mit gut gefülltem Magen dachte er an die vielen Neuankömmlinge, auf die er einen kurzen Blick erhaschen konnte. Da gab es sehr viele Pokémon, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Da war ein großer Steinhaufen, dessen gelben Augen wie gemeißelt waren. Ein anderes hingegen ähnelte einem Breitschwert, das sich hinter einem prächtig geschmückten Schild in seiner Scheide befand. Und auch ein Wailord war zugegen, worüber Max sich sehr gewundert. Schließlich kam es nicht oft vor, dass Wasser-Pokémon sich außerhalb des Wassers befanden. Dann fiel ihm peinlich berührt ein, dass Iro dann auch zu diesen besonderen Ausnahmen zählte.
    Gerne wäre Max noch etwas dageblieben, doch Iro hatte ihn dazu gedrängt, dass sie Plaudagei Bericht erstatten mussten. Max kam dies seltsam vor. Sonst war Iro es egal, wann sie den Erfolg ihrer Missionen berichteten. Doch er dachte sich nicht viel dabei. Er blickte zu seinen Teamkollegen, die ein paar Schritte hinter ihm her gingen. Jimmy und Iro befanden sich wieder einmal in einem Wortgefecht, doch lachten sie durchgehend über ihre Wortwahl. Max musste grinsen, als Iro zugab, dass Jimmy durchaus seine Qualitäten besaß. Er hatte es gewusst, dass Iro Jimmy trotz aller gespielter Rivalität respektierte.
    Er blinzelte nach oben. Es war ein herrlicher Sommertag. Die Sonne glühte von einem ewig blauen Himmel herunter und ein sanfter Windhauch sorgte auf der von Schweiß leicht benetzten Haut bei allen drei Pokémon für eine kühle Brise. Die weite Wiesenebene, die sich vor ihnen erstreckte erblühte in einem derartigem Grün, dass Max‘ eigene Hautfarbe hingegen verblasste. Es war ein Tag, an dem jedes Pokémon gut drauf sein musste. Beherzt setzte Max einen Spurt an. Er wollte einfach diese Atmosphäre auskosten. Jimmy und Iro vergaß er in der Sekunde, in dem er sich der Natur hingeben wollte. Er blickte nach hinten und sah, wie sich Iro und Jimmy in Form kleiner dunkler Punkte in weiter Entfernung aufhielten. Max hatte nicht bemerkt, wie schnell und wie weit er gelaufen war. Er musste versehentlich zur Agilität eingesetzt haben, denn niemals hätte er so eine Entfernung nur durch Laufen zurückgelegt. Er hob den Arm und rief den beiden zu. Die Gestalten ließen sich nicht anmerken, dass sie ihn gehört hatten. Sie waren noch immer in ihr Gespräch vertieft. So sah es für Max jedenfalls aus. Da sie nicht näher kommen wollten, hob er nun beide Arme: „Hey, ihr beiden! Kommt ihr?“
    Sein Echo hallte über die Wiesenebene. Sekunden verstrichen und noch immer wurden die schwarzen kleinen Punkte nicht größer. Sie schienen sogar noch kleiner zu werden, als würden sie sich von ihm wegbewegen. Beunruhigt setzte Max abermals zum Spurt an. Und direkt ging er auch in die Agilität über. Obwohl er nun sechs Schritte innerhalb einer Sekunde tat, so kamen Iro und Jimmy ihm nicht näher. Sie schienen die Distanz zwischen Max und sich konstant zu halten. Nun war Max verärgert. Die beiden wussten, dass er von allen dreien der Schnellste war, weshalb sollten sie sich einen Spaß und ihn zu einem Laufduell herausfordern.
    Doch relativ schnell erkannte Max, dass es sich nicht um ein solches handelte. Obwohl er fast eine Minute lang gelaufen war und die Agilität ihm allmählich die Ausdauer austrieb, schien er nicht einmal dem Ende der Wiesenebene näher gekommen zu sein. Vor ihm erstreckte sich ein Meer von Grün und um ihn herum waren keine Berge zu erkennen, wie er es sonst auf seinen Reisen gewohnt war. Konnte es sein, dass sie in die falsche Richtung gelaufen waren? Unmöglich, dachte sich Max, denn Rose hatte ihnen vorher noch die Richtung beschrieben, ehe sie die Taverne verlassen hatten.
    Max hielt inne, denn etwas stimmte nicht. Rose hatte doch nicht die Zeit, um ihnen irgendetwas zu beschreiben. Wenn er so darüber nachdachte, stimmte so einiges nicht. Er dachte an die ganzen fremdartigen Pokémon und daran, dass er sich auf einer endlosen Grünebene befand. Er blickte sich nach Jimmy und Iro um. Sie waren nun verschwunden. Und der Wind heulte auf und blies Max unsanft ins Gesicht. Eine klamme Kälte umfasste ihn, die er sich nicht erklären konnte, denn zuvor war es ein sonniger Tag wie es ihn seit langer Zeit nicht mehr gegeben hatte. Doch mit einem Blick erkannte Max, dass dichte dunkle Wolken diese verdeckt hatten und sich in rasender Geschwindigkeit über den gesamten Himmel ausbreiteten. Und mit dem Wind kam ein Heulen, gefolgt von einem Grollen. Es war die Ankündigung eines Sturms. Max stieg jähe Panik auf. Er war vollkommen schutzlos inmitten dieser grünen Ebene, die sich in dem Moment auch noch so flach wie ein Spiegel glättete. Bei einem Blitz würde er der höchste Punkt in der Landschaft sein. Max musste sofort einen Unterschlupf suchen, ehe es soweit kommen konnte, und er sprintete los. Er forderte alles von seiner verbliebenen Ausdauer ab und legte sie in die Agilität. Mit Mach Eins raste er über die Ebene, doch die sich aufbauenden Sturmwolken fegten über ihn hinweg und verhüllten in Dunkelheit. Max fluchte in sich hinein, er war nicht schnell genug und inmitten der Dunkelheit, die ihn immer mehr einschloss, vermochte er nichts zu erkennen. Er fürchtete bereits das Schlimmste, jeden Moment würde ein Knall ertönen und ihn erwischen. Dann wäre es aus mit ihm. Als das Grollen ertönte, schloss Max die Augen. Sein Körper war vor Zerreißen gespannt angesichts des bevorstehenden Donners. Doch statt eines Knalls erfüllte ein Brüllen die Luft. Es war nicht das eines Sturms, vielmehr schien dieses zu einem Wesen zu gehören. Doch welches Wesen auf dieser Erde wäre zu so einem Gebrüll in der Lage?
    Wieder ertönte es und dieses Mal gefror Max das Blut in den Adern. Ein markerschütternder Schrei zerriss die Luft und Max spürte, wie etwas Großes und Schweres direkt hinter ihm auf dem Boden landete. Der Atem des Wesen war schwer und es klang danach, als würde es tief Luft holen. Max traute sich nicht, nach hinten zu blicken. Mittlerweile umgab ihn absolute Dunkelheit und alle anderen Geräusche, selbst die des Sturms, waren verstorben. Er hörte den hechelnden Atem des Wesens hinter ihm. Sein Herz klopfte ihm nun im Kopf, sodass er nicht mal seine eigene Gedanken hören konnte. Doch er wusste was er zu tun hatte. Es erschien aber lebensmüde. Doch gab es für ihn keinen anderen Ausweg. Max schloss die Augen und zählte bis Drei. Dann nahm er allen Mut zusammen, machte sich auf das Schlimmste gefasst und drehte sich um. Als er dann wieder die Augen öffnete, blickte er in ein gelbes Licht. Doch war dieses Licht nicht von dieser Welt. Es durchdrang ihn und dessen gieriger Glanz verriet, dass es seine Seele durchleuchtete.Obwohl Max nicht seinen Blick von dem Licht abwenden wollte, versuchte er zu erspähen, zu was diese Lichter gehörten. Doch dann schrie dieses Wesen markerschütternd auf. Dessen Maul öffnete sich und Max stieg nicht nur fauliger Geruch, sondern die Hölle entgegen. Tausende von Schreie kamen ihn aus einem dunkelroten Schleier entgegen. Sie riefen etwas, doch er konnte nicht ausmachen, was sie sagten. Dann, mit einem jähen Satz, kam dieser Schleier näher. Max schrie panisch vor Entsetzen auf. Nun war ihm klar, dass auch er nun zu diesen Seelen gehören sollte und er wusste wonach sie schrien: „Rette uns! Hilf uns! Töte uns!“

    „Nein!“, wollte Max sich wehren, hob seinen Arm und fuhr eine immergrün leuchtende Klinge herab.
    Die Schreie erstarben und auch der rote Schleier löste sich auf. Er schwebte nun in einer dunklen Schwerelosigkeit und fühlte nichts außer den Schrecken in seinen Gliedern. Etwas Warmes an seinen Wangen verriet ihm, dass Tränen aus seinen Augen kamen. Zu schrecklich und verzweifelt klangen die vielen Seelen, die nach Erlösung flehten. Max tat es nur unendlich Leid, dass er nicht einer einzigen helfen konnte. Die Trauer, die in ihm aufstieg, ließ seinen gesamten Körper taub werden. Er schloss die Augen und hoffte, er fände bald die Erlösung aus diesem real gewordenen Albtraum.
    Und dann plötzlich leuchtete ein Licht neben ihm auf. Es war ein weißes, Wärme spendendes Licht. Es war, als würde Max das erste Mal seit Jahrzehnten ein solches Licht gesehen. Eines, das ihm nach Jahren der Qual Hoffnung versprach. Und plötzlich gesellten weitere Lichter neben diesem. Eines von sanfter rosaner Farbe, dann ein hellblaues sowie ein Dunkelblaues. Denen folgte Sphären von rotem, grünem, violettem und braunem Licht. Diese sieben umtanzten die weiße Kugel, ehe sie zusammen nach oben stiegen. Max, der nicht wollte, dass seine einzige Hoffnung auf Rettung davon schwebte, griff nach diesen. Er musste aufstehen und zum Sprung ansetzen und währenddessen füllte kalte und zugige Luft den Raum, der sich immer mehr aufhellte. Dann landete auf einem rauen Steinboden und das unsanft, denn er stolperte vorneüber weg und er spürte, wie raues Gestein seine Knie aufrieb. Max stöhnte.


    „Deine Freunde landeten ebenso elegant hier“, ertönte eine Stimme über ihn. Max richtete sich auf und blickte einem Laschoking in die Augen. Dieses stand auf einem Felsweg, der an einer Steilwand vorbei hinauf führte. Max bemerkte, dass er sich nicht mehr im Zimmer der Taverne befand. Er kniete auf einem Felsvorsprung eines Berges, der der höchste eines Gebirges zu sein schien. Zu seiner Rechten erstreckte sich bis in die Ferne ein Meer von niedriger gelegenen Bergspitzen. Auch kam ihm die Luft, die er einatmete, ziemlich dünn vor und der eisige Wind umfasste beißend seinen noch immer zitternden Körper.
    „Wo bin ich hier?“, fragte er das Laschoking, welches freundlich lächelte.
    „Du befindest dich auf dem Königsberg, junger Max. Dem höchsten Berg der Welt. Mein Name ist Lashon und ich bin derjenige, der dich und deine Gefährten hierhergebracht hat.“
    „Wie...?“, fragte Max, der es nicht glauben konnte, dass er scheinbar über mehrere Kilometer aus der Taverne getragen wurde. Lashon schien seine verdutzte Miene nicht richtig zu deuten, denn er lachte herzlich, woraufhin Max verwirrt zurückblickte.
    „Würdest du mir glauben, wenn ich sagte, dass du gleichzeitig hier und in der Taverne bist?“
    „Irgendwo muss ich ja sein“, sagte Max trocken zurück. Lashon druckste. „Deine Verwirrung ist nur verständlich. Komm mit mir, hier ist es mir doch was zu zugig, um zu reden. Deine Freunde warten oben in meiner Höhle.“
    „Meine Freunde?“
    „Das mürrische Impergator und das impulsive Panflam gehören doch auch wie du zum Team Mystery, oder? Ich war mir sicher, ich habe die richtigen Pokémon hierhergeholt...“.
    Lashon wandte sich um und ging den Felsweg hinauf. Max, der sich nicht sicher war, ob er ihm trauen sollte, folgte ihm nur zögerlich. Letztlich war es die Erwähnung von Iro und Jimmy, die ihn dazu brachte. Noch immer blickte er auf die vielen einzelnen Bergspitzen herab, die geheimnisvoll im Mondlicht schimmerten. Ein Schauer fuhr ihm über den Rücken, als er sah, wie steil es vom Pfad aus nach unten ging. Es war offensichtlich, dass ein Fehltritt mehr als nur Knochenbrüche bedeuten würde. Wie aus der Ferne rief ihm Lashon zu. Max hatte nicht bemerkt, dass dieser mehrere Schritte vorausgegangen war und nun mit leichter Ungeduld auf ihn wartete.
    „Ich hoffe, du verzeihst die Hektik eines alten Mannes“, sagte er, als Max aufgeschlossen war. „Wir haben leider nicht viel Zeit und ich habe vieles mit euch zu besprechen, ehe ich euch wieder in eure Körper schicke.“
    „In unsere Körper?“, sagte Max verdutzt.
    „Glaubst du wirklich, ein Pokémon wie ich hätte die Macht, euch drei von Ekunda bis herher zu teleportieren? Selbst Legendäre Pokémon hätten Schwierigkeiten, das kannst du mir glauben. Es gibt eine simplere Lösung. Zumindest, wenn ich nur mit euch reden will. Und es ist einfacher, euer Unterbewusstsein hierher zu verfrachten, als mich dreimal zur gleichen Zeit in den euren zu manifestieren. Und auf deinen fragenden Blick hin“, fügte er hinzu, als er sich Max zuwandte, „eure richtigen Körper befinden sich nachwievor in der Taverne, in der ihr eingestiegen seid. Und sie haben alle den Anschein, als würdet ihr tief und fest schlafen.“
    „Ich verstehe“, sagte Max.

    Nach wenigen Metern weitete sich der Pfad zu einem Kreis. Ein noch viel schmalerer führte weiter nach oben. Max stellte mit einem Blick nach oben fest, dass sie sich ziemlich nahe an der Spitze befinden mussten. Denn nicht mehr viel an Berg ragte nach oben inmitten des Nachthimmels. Von seinem Standpunkt aus wirkte es für Max, als würde sich nur noch ein felsiger Hügel über ihn auftürmen. Lashon lächelte ihm zu: „Die Aussicht von da oben ist einfach umwerfend! Ich wünschte wir hätten die Zeit, dass ich euch diese zeigen kann, doch es erforderlich dass-“
    „Max!“ Jimmy trat aus einem im Schatten verborgenen Höhleneingang hervor, aus der es orange-rötlich schimmerte. Im selbigen Schatten schälte sich eine hünenhafte Gestalt hervor, die sich sofort als Iro herausstellte. Max war nach froh, wieder die beiden so nahe vor sich zu sehen. Jimmy redete aufgeregt davon, dass er eine fantastische Herreise geträumt habe und wie er von Lashon empfangen wurde. Auch Iro erzählte von seiner Ankunft an diesem Berg. In Max stieg ein seltsames Gefühl auf. Nur er allein hat von einem unheilvollen Wesen geträumt, das ihn verschlingen wollte. Gerne hätte er gewollt, dass sowohl er als auch der Rest des Teams die gleiche Art von Traum gehabt hätten. Lashon hatte Mühe, Jimmys Redefluss zu unterbrechen. Als er die Aufmerksamkeit aller drei hatte, bat er sie mit einer Geste in die Höhle hinein.
    Der orange-rötliche Schimmer stellte sich als ein prasselndes Kaminfeuer heraus, das einen großen Hohlraum der Höhle erleuchtete. Obwohl nicht viel an Mobiliar zu erkennen war, so wirkte diese doch einladend. Ein bis zur Decke reichendes Bücherregal, wo es keine Lücke gab, stand neben einem großem Bett, auf dem ein großer Haufen Stroh lag. In eine Ecke war ein größeres Becken eingelassen, dass genug Platz für Lashon bot. In der Mitte des Raums war ein Kreisrunder Teppich ausgelegt, der mit einer Vielzahl von Symbolen geschmückt war. Max zählte insgesamt sieben, als er sich den Teppich näher anschaute, und seltsamerweise fühlte er sich bei den Farben, die die Symbole zierten, an seinen Traum erinnert. Mit unruhigem Gefühl folgte er der Bitte Lashons, auf diesem Platz zu nehmen. Zuvor hatte dieser von dem großen Strohhaufen mehrere Büschel mit seinen Psy-Kräften abgehoben und auf dem Teppich verteilt. Jimmy und Iro gesellten sich zu ihm und Lashon machte es sich ihnen gegenüber gemütlich. Das Feuer des Kamins befand sich zur Rechten des Teams und dessen Licht erleuchtete nur eine Seite von Lashons Körper, während die andere im Halbschatten lag.


    „Bevor ich zu dem Grund komme, weswegen ich euch hierher geholt habe, möchte ich euch vorher fragen, ob ihr mit der Legende von Arceus vertraut seid.“ Er blickte zu jedem der drei Pokémon. Max konnte sich auf den Namen kein Reim machen, Iro zuckte mit den Schultern, nur Jimmy blickte die beiden erstaunt an: „Ihr habt nie von Arceus gehört?“
    „Ich muss nicht jeden berühmten Erkunder oder dergleichen kennen, oder?“, sagte Iro. Jimmy schlug sich an die Stirn, während Lashon schmunzelte.
    „Dass du bei Arceus‘ Namen an einen Erkunder denkst, lässt sich bei deiner Profession erahnen. Die Realität ist doch dabei etwas ... besonderer“. Laschon schloss die Augen und das Feuer im Kamin senkte sich, sodass die Höhle fast in vollkommender Dunkelheit lag. Dann erfüllte eine Vielzahl von Lichtern den Raum, die aus dem Nichts aufleuchteten. Wie hunderte von kleinen Sternen umgaben sie die vier Pokémon. Jimmy keuchte erstaunt auf und Max und Iro beobachten sie interessiert, wie sie sich zu mehreren Gruppen formierten.
    „Am Anfang, bevor es Zeit und Raum ihre eigene Geburtsstunde hatten, schuf Arceus, der Gottvater, der Schöpfer der ersten Pokémon, das Universum. Ein riesiger Knall, den Arceus ausführte, ließ das Universum expandieren und sehr bald darauf formte Arceus mit seinem feurigen Atem die einzelnen Welten, auf denen Leben gedeihen sollte.“
    „Verzeihung, aber könntest du das Ganze vielleicht weniger geschwollen erklären?“, sagte Iro mit erhobener Hand. Er beachtete nicht die kritischen Blicke, die ihm Max und Jimmy zuwarfen. „Ich kann so eine Wortwahl nicht sonderlich leiden“, sagte Iro bestimmt. Lashon, der während seiner Erzählung die Augen geschlossen gehalten hatte, lächelte kaum merklich im schwachen Sternenlicht. Dann fuhr er fort:

    „Es war Arceus zu verdanken, dass auch diese Welt von ihm erschaffen wurde. Und er krönte den Abschluss seiner Schöpfung mit der Erschaffung der ersten Pokémon, eure am weitesten entfernten Vorfahren.“
    Bei Lashons Worten hatten die Sterne angefangen zu tanzen und die meisten von ihnen taten sich nun zu einer leuchtenden Sphäre zusammen, die bald an Farbe und Form gewann. Schnell erkannten die drei, dass es sich um eine Darstellung ihrer Welt handelte, denn man konnte deutlich Ozeane von Kontinenten unterscheiden.
    „Arceus war zufrieden mit seinem Werk und zog sich daher zurück. Er hoffte, dass die Welten, die er erschuf, im stetigen Gleichgewicht sein mögen. Jedoch ...“, und auf der Sternenwelt schienen sich eine Vielzahl von Veränderungen sowohl auf den Ozeanen als auch auf den Kontinenten abzuspielen, „die Macht der Natur hat Arceus unterschätzt. Kaum hat er sich zur Ruhe gelegt, so begann sie die Harmonie der Welt zu bedrohen. Erdbeben rüttelten das Land auf, Flutwellen verschlangen Landstriche. Wintereinbrüche hielten jahrelang an. Die Welt drohte im Chaos zu versinken.“
    „Wieso konnte Arceus das nicht verhindern?“, fragte Jimmy.
    „Weil es ihm als Gott untersagt war, in die Welt einzugreifen“, sagte Lashon, worauf Iro schnaubte: „Obwohl er sie selber erschaffen hatte?“
    „Ich möchte daran erinnern, dass es sich hierbei um eine Legende handelt. Die Erklärung, die sie liefert, ist wohl die, dass Arceus selbst als Gottheit einer Regelung unterlag. Sei es eine, die nur für Götter galt, oder weil Arceus sich selbst dieser Einschränkung warf. Er wollte, dass es den Pokémon, die er erschuf, von selbst gelingen würden, die Harmonie wiederherzustellen. Als er jedoch erkannte, dass sie alleine nicht dazu in der Lage waren, so beschloss er, zumindest noch indirekt einzugreifen.“
    „Indirekt?“, wiederholte Max. Lashon nickte zu der Sternenwelt, auf der sich mehrere andersfarbige Lichter auftaten. Und Max, dem eine Aufregung empor stieg fühlte sich erneut an den Traum erinnert.
    „Auch wenn Arceus selber nicht mehr dazu befugt war, einzuschreiten, so konnte er Teile seiner göttlichen Macht auf einige seiner Kinder verteilen. So kam es dazu, dass insgesamt sieben Auserwählte zu den Hütern der Welt ernannt wurden. Und durch die Kraft, die Arceus ihnen gab, waren sie in der Lage, die Gewalten der Natur unter Kontrolle zu bringen. Die Erdbeben hörten auf, die Meere beruhigten sich, der Winter wurde gemäßigt. Und da die Hüter ihre Kräfte durch Arceus, einem Gott, erhielten, sollten sie auch zu Halbgöttern werden, die die Zeit überdauern würden. Arceus‘ Plan ging auf: Sieben Hüter, die die Balance ihrerer Welt sicherstellen. Bis zu jenem Tag ...“, und nun tat sich ein achtes Licht auf der Sternenwelt auf, doch wirkte dieses mehr so, als würde es das Licht um sich herum in sich hineinsaugen. Max kam ein klammes Gefühl der Kälte auf, er ahnte, dass dies nichts Gutes zu bedeuten hatte.
    „Ein achtes Kind, dass beinahe von Arceus auserwählt wurde, wollte sich mit dessen Urteil nicht zufrieden geben. Es war der Ansicht, dass es selbst besser als Hüter geeignet war als das andere. Arceus, der das Kind dazu aufforderte, seinem Urteil Vertrauen zu schenken, reagierte erbost, als das Kind sich mit anderen Nichterwählten zusammentat und diese gegen ihren Vater rebellieren wollten. Da Arceus den Frieden und die Harmonie seiner Welt in Gefahr sah, hat er diese kurzer Hand aus dem Paradies verstoßen.“
    „Verstoßen?“, sagte Jimmy erschrocken und Iro pflichtete ihm dabei: „Nicht gerade sehr väterlich von ihm, oder? Hätte er nicht etwas sanfter mit seinem Kind umgehen können?“
    „Das Kind hat damit angefangen, andere Pokémon gegen Arceus aufzuwiegeln. Der Frieden und deren Stabilität, die Arceus mit der Ernennung seiner Hüter hatte bewahren wollen, drohte erneut zu zerbrechen.“
    Lashons Miene weichte auf, so als würde ihn etwas bedrücken. Er seufzte, dann fuhr er fort: „Arceus hatte sich zwischen zwei Parteien entscheiden müssen; und nur schweren Herzens traf er die Wahl. So kam es dann, dass das Kind und sein Gefolge aus dem Paradies verbannt wurden und dass sie auf sich gestellt in der Einöde ausharren mussten. Und erst ab dem Zeitpunkt begann die Legende ihren katastrophalen Wendepunkt...“ Die Sternenwelt wurde jäh vom geöffneten schwarzen Loch verschlungen, sodass die Höhle im Dunkeln lag. Erst allmählich loderte das Feuer auf und der Halbschatten legte sich erneut über die Vier. Lashons Gesichtzüge waren verschwommen, während dieser in sich versunken war. Dann erzählte er, ohne die Augen zu öffnen:
    „Das Kind, das den Aufstand angefangen hatte, war von Trauer erfüllt und voller Zorn auf seinen Vater. Und diese starken Gefühle waren es, die das Kind veränderten, und zwar in einer Hinsicht, die niemand erwartet hätte. Es heißt, dass die feinen Gesichtszüge des Kindes sich verzerrten, dass seine Trauer in Hass umschlug und seine Wut seine Begierde nach Rache anfachte. Und auch entwickelte es unvorstellbare Kräfte, solche die Arceus nie vorgesehen hatte. Das Pokémon, das es einst war, wurde zu einer schrecklich verzerrten Gestalt: Einem Dämon, der sich Kyurem nannte, anders gesagt: Das kalte Nichts“
    Die Schrei des Ungeheuers tönte leise in Max‘ Unterbewusstsein, als Lashon vom Dämon erzählte und erneut ergriff ihn eine eisige Kälte. Er ahnte nun, von welchem Wesen er geträumt hat. Neben sich hörte er, wie es Jimmy schüttelte. Auch ihn schien die Erwähnung eines Dämons Unruhe zu bereiten. Von Iro kam keine Reaktion, doch Max war sich sicher, dass er dessen Kiefer niemals derartig angespannt gesehen hatte.
    „Der Dämon Kyurem war getrieben von blinder Rache und seine Kräfte waren wahrhaft dämonisch. Obwohl sie mit ihm gegen Arceus ins Feld ziehen wollten, so betrachtete er seine Verbündeten nicht mehr als solche. Er bemächtigte sich ihrer Kräfte und machte sich auf in Richtung des Paradieses, um sich Arceus zu stellen. Auf dem Weg dahin bemächtigte er sich der Kräfte jener, die seinen Weg kreuzten. Unglücklicherweise wäre es für sie besser gewesen, wenn sie vorher verstorben wären ...“
    „Wieso?“, warf Jimmy erschrocken ein. Er schlug entsetzt die Hand vor dem Mund, als Lashon die Antwort gab: „Sowohl von seinen Verbündeten als auch seiner restlichen hatte sich der Dämon deren Seelen einverleibt, um so seine Macht zu stärken.“
    Jetzt wusste Max auch, von wem die Vielzahl der Schreie kam, als das Wesen in seinem Traum seinen Schlund geöffnet hatte. Und das Entsetzen, das ein Wesen so eine Macht haben kann, betäubte ihn fast. Iro, dessen Fäuste laut beim Zusammenballen geknackt haben, versuchte gefasst zu bleiben: „Aber es heißt, dass sie noch am Leben waren, oder? Vielleicht hätten sie sich ihre Seelen vereint zurück erkämpfen können, oder?“
    Lashon sah in an. Seine Miene war todernst: „Sag mir, Ironhard, warum kämpfst du gern? Was treibt dich an, ein Erkunder zu sein und mit Max und Jimmy hier Abenteuer zu bestreiten?“
    Iro gab keine Antwort, doch offenbar verlangte Lashon keine.
    „Ihr müsst wissen, ganz gleich was ihr tut, eure Seele ist es, die den entscheidenen Antrieb gibt. Ganz gleich, was eure Gründe sind, die Seele ermöglicht es, dass ihr bei allen Dingen irgendetwas empfindet. Sei es Trauer oder Glück, Verzweiflung und Hoffnung oder gar Friede oder Hass. Die Seele ist, die euch erst dazu befähigt zu leben. Ohne eine Seele könnt ihr zwar leben, da euer Körper noch funktionieren wird. Doch nichts wird euch zu irgendwas mehr bewegen, ihr werdet keine Freuden, kein Glück, keine Gefühle mehr spüren. Ihr werdet zu einer leeren Hülle, die regungslos vor sich hinstarren wird. Und dann ist es auch nicht mehr wert, zu leben, wenn von außen euch nichts mehr erreichen kann.“
    Jimmy schüttelte fassungslos den Kopf. Max hingegen kam eine leise ungute Vorahnung: „die Legende geht noch weiter, oder?“
    „Gewiss“, sagte Lashon. „Und zwar wird sie an der Stelle fortgeführt, wo Arceus seine Hüter losschickte, um dem Dämon Einhalt zu gebieten. Es ist ungewiss, wie viele Seelen sich Kyurem bis dahin einverleibt hatte, doch war er stark genug, um es mit allen sieben Hütern gleichzeitig aufzunehmen. Und auch deren Seelen hätte er sich nach einem tagelangen Kampf einverleibt, wenn Arceus nicht am Ende eingeschritten wäre. Zusammen-“
    „Jetzt konnte er doch einschreiten?“, rief Iro empört. „Vorher hieß, dass er überhaupt nicht mehr in das Geschehen eingreifen konnte. Und jetzt konnte er es doch?“
    „Iro“, versuchte Max, ihn zu beruhigen, doch schob dieser seine Hand weg. Lashons Miene blieb unbeeindruckt hat. Er wartete, bis Iros Temperament sich gelegt hatte, dann erzählte er weiter:
    „Arceus wusste, welche Konsequenzen sein Einschreiten letztendlich bedeuten würde. Denn er verstoß gegen eine Regel, die ihm auferlegt wurde. Doch zum Wohle der Welt opferte er sich, indem er sich dem Dämon stellte und seinen Hütern zur Hilfe eilte. Mit vereinten Kräften gelang es ihnen, den Dämon in seine Schranken zu weisen. Sie hatten die Möglichkeit, ihn an Ort und Stelle zu vernichten, doch Arceus, der sich selbst die Schuld über das Entstehen des Dämons eingestand, brachte es nicht über sich, sein Kind zu vernichten, ganz gleich wie entstellt es nun war. Gemeinsam mit den Hütern entschied er sich dazu, den Dämon in einem Stein zu versiegeln und diesen Stein in die Weiten des Weltraums zu verbannen, sodass Kyurem auf ewig diese Welt verlassen würde. Und dies kennzeichnete das Ende des Kampfes zwischen Göttern und dem Dämon.“
    Eine lage Stille trat ein, die gelegentlich vom Knistern und Rauschen des Feuers unterbrochen wurde. Allen drei Erkundern stand das Entsetzen und die Beklommenheit ins Gesicht geschrieben. Dann war es Jimmy, der zögernd das Wort ergriff: „Du hast gesagt, dass diese Legende in gewisser Hinsicht damit zu tun hat, dass du uns hierher gebracht hast, oder?“ Lashon sah ihn ernst an, dann seufzte er: „Lass mich vorher den Rest erzählen, ehe ich dazu komme. Denn es stimmt, diese Legende wird euer Bezugspunkt für den Auftrag sein, den ich für euch habe.“
    Er schien sich wieder zu sammeln, dann beendete er die Legende:
    „Obwohl der Dämon gebannt war, so hatte er dennoch irreparablen Schaden verursacht. Das Paradies hatte er entweiht und dessen Mauern eingerissen. Und auch kann Kyurem als der Grund angesehen werden, weswegen in vielen Köpfen der Pokémon die Saat des Bösen eingepflanzt wurde. Ohne Kyurems Auftauchen hätten sie alle die Harmonie aufrecht erhalten wollen und ein immer währender Frieden hätte walten können. Doch nun begannen negative Eigenschaften wie Habgier, Trauer, Zorn die Herzen einiger zu erfüllen und so standen Pokémon, die Gutes anderen tun wollen, gegenüber jenen, die bewusst andere schaden, um sich selbst zu befriedigen.
    Doch den größten Preis zahlte Arceus: Da er in das Weltgeschehen eingegriffen hatte, war er als Gottheit nun dazu verpflichtet, sich für immer aus dieser Welt zurückzuziehen. Nie wieder sollte er mit seinen Kindern in Kontakt treten und ihnen Weisungen oder seine Kraft geben. Und dies tat Arceus auch. Zuvor hat er seine Hüter zu den Wächtern der Welt ernannt, damit sie an seiner statt die Welt in ihrem Gleichgewicht halten. Doch ohne die weise Führung Arceus‘ begann selbst die Einheit der Wächter, Kyurems dunkler Aura zu unterlegen. Es kam sogar soweit, dass sich zwei der Wächter einen erbitterten Kampf miteinander lieferten, sodass sie zur Ruhe gelegt werden mussten.
    Arceus, der nur Frieden für seine Welt wollte, hat mit seinen Entscheidungen letztendlich das Gegenteil erreicht. Seit Kyurem herrschte stets ein Konflikt zwischen Gut und Böse, der auch heute noch ausgetragen wird. Ihr, meine drei Erkunder, seid Kämpfer der guten Seite. Und dann gibt es Pokémon wie einst Darkrai, die die Welt nur unterwerfen und zerstören wollen. Die Welt heute lässt sich derartig leicht aus dem Gleichgewicht bringen, während er sehr schwierig, nahezu unmöglich erscheint, dieses wieder aufzubauen.“


    Max, Jimmy und Iro blickten einander in die Augen. Max war es dann, der zögerlich sprach: „Also ist Kyurem für alles Leid auf der Welt verantwortlich?“ Lashon schüttelte den Kopf.
    „Er hat lediglich die Saat für alles Böse auf der Welt gesät; es lag dann an den Verfehlungen der Pokémon, dass sie sich vom Guten abwandten. Eigentlich gab es stets schlechte Gedanken von Neid, Wut und dergleichen. Kyurem war das erste Pokémon, die diese bewusst nährten und denen ihr Handeln zu Grunde legten. Und dies stieß auf viele Nachahmer, die sich von Arceus verlassen fühlten, weil er die Welt verließ und vorher zuließ, dass vielen ihrer Mitpokémon ihre Seele entrissen wurde.“
    „Und was wird diese Legende mit unserem Auftrag zu tun haben?“, warf Jimmy ein. Lashon seufzte.
    „Leider sehr viel. Denn im Laufe der Zeit haben sich die meisten der Wächter voneinander abgewandt und sind nur noch mit ihren Sphären beschäftigt. Doch einer von ihnen mit dem Namen Mew, der ein guter Freund von mir und als Psycho-Pokémon für sowas empfänglich ist, erhielt vor wenigen Nächten eine Vision, von der er mir erzählte.. Und zwar handelt es sich um die Vision eines Ereignisses, das in sehr bald eintreten wird. Und Mew ist sich sicher, dass es passieren wird. Auch ich spüre allmählich, wie es näher rückt. Auch ihr dürftet zumindest die ersten Anzeichen bemerkt haben.“
    „Wovon redest du?“, fragte Jimmy.
    „Ist euch nicht aufgefallen, dass die Schlagzeilen der Zeitungen immer häufiger von Verbrechen aller Art berichten? Ich habe gelesen, dass die Vielzahl der Erkundergilden überhaupt erst zu Stande kam, gerade weil allerorts Kriminelle ihr Unwesen treiben.“
    „Das stimmt schon“, stimmte Jimmy ihm nachdenklich zu, „doch was hat es mit der Legende zu tun? Die ganzen Verbrechen geschehen doch unabhängig von dieser, oder?“
    „Ich fürchte nicht ganz“, entgegnete Lashon. „Für mich sind dies klare Zeichen, dass ein dunkler Einfluss immer stärker wird. Und nach dem, was mir Mew erzählt hat, komme ich ebenso wie er zu der Überzeugung, dass etwas dieser Welt näher kommt.“
    Jimmy fragte nach, was es sein würde, doch Max überkam eine unangenehme Vorahnung und es war, als würde die ihn umfassende Kälte fest in ihrem Griff halten. Auch Lashon schauerte, als er antwortete: „Kyurem kehrt zurück. Der Meteor, in dem er verbannt wurde, wird in einem Jahr auf die Erde einschlagen und Kyurem wird aus seinem Gefängnis befreit sein.“


    „Was?“, sagte Jimmy entsetzt. Er sackte in sich zusammen und Max hörte sehr leise, wie Iros Faust vor Anspannung fast zerriss. Die Stille, die eintrat, fühlte sich wie mehrere Stunden an und Max hörte in weiterer Entfernung das Gebrüll eines Wesens und ein Beben der Erde. Lashon blickte jeden der drei Erkunder eingehend an.
    „Und deswegen habe ich euch hierher geholt, Team Mystery. Ihr müsst dafür sorgen, dass Kyurems Komet nicht auf den Planeten trifft.“
    Jimmy lachte, nachdem er realisiert hatte, worum sie Lashon bat. Max war sich nicht sicher, ob er diesen richtig verstanden hatte.
    „Wir sollen also einen gewaltigen Brocken, der aus dem Weltraum geschossen kommt, zu dritt aufhalten? Na denn, wir haben ein Jahr Zeit fürs Training, wir fangen besser an, oder?“ Iro versuchte entspannt tapfer zu klingen, doch Max hörte, wie seine Stimme nervös klang. Nie hatte er Iro derartig erlebt. Lashon schien ihn nicht verstanden zu haben, dann dämmerte es ihm, worauf er erschrak: „Um Himmels willen, um so etwas bitte ich euch nicht! Normalsterbliche Pokémon wären nie dazu in der Lage, ganz gleich wie mächtig sie wären“
    Er räusperte sich, dann fuhr er fort: „Ich habe eine andere Mission für euch, die unweigerlich entscheidend für das Abwehren von Kyurems Komet sein wird. Und zwar müsst ihr die Sieben Wächter aufsuchen, jene Pokémon, die von Arceus mit göttlichen Kräften ausgestattet wurden. Ihr müsst sie davon in Kenntnis setzen, dass Kyurem zurückkehrt. Nur sie wären vereint in der Lage, Kyurems Kometen abzufangen und diesen entweder zu zerstören oder zurück in den Weltraum zu schicken.“
    „Sagtest du nicht“, erwiderte Max, „dass einer der Wächter nicht schon Bescheid wüsste? Könnte dieser dann nicht die anderen warnen?“
    Lashon ließ sich tiefer in seinen Strohballen sinken. Es war das erste Mal, das er über etwas wahrlich zu trauern schien. Mit dem Blick zum Boden antwortete er Max: „Wie ich schon beim Erzählen der Legende gesagt habe, die Wächter haben sich im Laufe der Jahrtausende, die der Verbannung Kyurems folgten, zerstritten. Die meisten von ihnen treten nicht mehr in Kontakt miteinander und haben sich von daher von den anderen isoliert. Selbst wenn einer von ihnen, in dem Fall ist es Mew, Bescheid weiß, so ist er außer Stande, die anderen zu kontaktieren. Deswegen kam er auch erst zu mir, um meine Hilfe in Anspruch nehmen. Doch was soll ich tun? Ich bin zu alt, um mich irgendwo hin aufzumachen!“. Und Max bemerkte tatsächlich, wie alt Lashon war. Umso schärfer sah er das faltige Gesicht und den für ein Laschoking schmalen Körper.
    „Ich weiß, dass ich vermutlich viel von euch verlange, Team Mystery“, sagte Lashon in bedrücktem Ton und sah jeden der drei Erkunder eindringlich an. „Doch ich kann mir keine geeigneteren Persönlichkeiten vorstellen, die dieser Aufgabe gewachsen sind. Ihr habt zweimal schon die Welt gerettet, vor nicht weniger gefährlichen Dingen. Doch wir können nicht warten, bis Kyurems Komet auf den Planeten trifft, um ihn dann zu bekämpfen. Kyurem ist nicht wie Dialga, Palkia oder Darkrai, die ihr bekämpft hat. Er ist noch nicht einmal ein Pokémon. Er ist ein Dämon und sollte er wieder auf dem Planeten landen, so wird dessen dunkler Einfluss weitaus mehr Pokémon verderben als es jetzt schon welche sind. Und nicht zu vergessen, sein Hunger nach Seelen; ich will nicht wissen, wie viele Unschuldige seinem blinden Hunger zum Opfer fallen werden. Ich bitte euch daher um eure Hilfe!“
    Lashon, der sich wieder aufgerichtet hatte, ließ seinen Kopf voran auf den Boden sinken. Perplex blickten sich die drei Erkunder an. Max sah richtig, dass alle nicht wussten, was sie wie zu tun hatten. Dann redete Max beruhigend auf das Laschoking ein:
    „Lashon, wir verstehen jetzt, weswegen du uns hergeholt hast, doch bist du dir sicher, dass wir dafür geeignet sind? Wir haben nie etwas von den Wächtern vorher gehört, wie sollen wir sie aufsuchen, wenn wir keinen Anhaltspunkt oder Gerüchte darüber gehört haben, wo wir sie überhaupt aufsuchen können?“
    Lashon blickte auf und eine Art Hoffnungsschimmer lag in seinen Augen: „Wenn ich euch sage, wie ihr anfangen könnt, und der Rest wird sich danach ergeben, würdet ihr diese Aufgabe übernehmen?“
    „Wir... also ...“, sagte Max unsicher und blickte zu Jimmy und Iro, die zugehört hatten. In beiden Gesichtern lag nervöse Anspannung, doch nachdem sie sich gegenseitig vergewissert hatten, dass keiner von beiden sich zurückziehen würde, nickten beide Max zu. Dieser erwiderte und dann lag etwas mehr Entschlossenheit in seiner Stimme, auch wenn diese zitterte: „Wir übernehmen den Auftrag, Lashon. Sag uns nur, wie wir anfangen können.“
    Still lief eine Träne entlang Lashons Wange, ehe dieser dankbar den Kopf verneigte und sich aufrichtete. Auch das Team Mystery stand auf, denn Lashon bat es, ihm nach draußen zu folgen. Kalter Wind empfing sie, doch die Dunkelheit schien sich nun zu lichten. Am Horizont nahm der Himmel bereits ein helleres Blau an. Der Morgen dämmerte.

        
    „Sucht zuerst Mew im Geheimnisdschungel auf. Er wird euch dann alls Weitere erklären. Ich werde euch nun zurück in eure Körper schicken und ...“
    „Moment mal!“, rief Jimmy. „Wo liegt der Geheimnisdschungel? Ich habe noch von so einem Ort gehört.“
    „Ich leider auch nicht“, sagte Lashon bedrückt, während er die Arme hob. „Aber ich bin sicher, ihr Erkunder werdet eine Spur finden, die euch zum Geheimnisdschungel führen wird.“
    „Aber das reicht uns nicht ...“, wollte Jimmy protestieren, doch jäh wurde er in die Luft erhoben und mit einem leisen Plopp verschwand er. Auch Iro ereilte dasselbe Schicksal wenige Sekunden darauf. Als Max dann letztendlich in die Luft gehoben wurde, begegnete er Lashons Blick.
    „Ich danke euch, Team Mystery. Und viel Glück!“
    Und dann fühlte Max sich wie durch ein enges Rohr gezwängt und er spürte, wie die Landschaft unter ihm verschwamm und hinter einem dichten Nebel verschwand.





  • 4
    Cephal


    Zurück in ihren Betten wachte das Team Mystery nahezu zeitgleich auf. Obwohl Max sich fühlte, als hätte er nicht lange fest geschlafen, spürte er keine Müdigkeit in seinem Körper. Vielmehr war es die Aufregung über das, was Lashon ihnen offenbart hatte. Falls die Begegnung mit ihm wirklich real gewesen ist, dachte Max. Er blickte zu den anderen. Ihre Umrisse konnte er nur spärlich wahrnehmen. Draußen dämmerte es und fahles Licht fiel in das Zimmer. Vielsagend wechselten sie Blicke.
    „Wir drei haben alle das Gleiche geträumt...“, begann Jimmy zaghaft.
    „Folglich hat sich wirklich ein Pokémon die Mühe gemacht, uns gleichermaßen zu kontaktieren.“, sagte Iro. Max nickte.
    „Also haben wir einen neuen Auftrag angenommen, oder?“
    „Es scheint so“, bestätigte ihn Jimmy, der sogleich wieder in sein Bett zurückfiel. Er stöhnte. „Warum müssen immer wir es sein, die die Welt retten müssen? Und dieses Mal haben wir uns bewusst dafür entschieden!“
    „Nun ja“, korrigierte ihn Iro. „Ihr habt wenn vorher die Welt gerettet, und das zwei Mal. Ich bin erst seit Kurzem in diesem Geschäft, wie ihr wisst.“
    „Aber selbst dann waren wir nie wirklich allein“, sagte Jimmy, der sich wieder aufrichtete. „Beim ersten Mal hatten wir Reptain dabei, und beim zweiten kämpfte Cresselia an unserer Seite. Und dieses Mal ...“
    „Dieses Mal bin ich dabei!“, sagte Iro stolz und rieb sich seinen Bizeps. Jimmy stöhnte.
    „Problem damit?“, sagte Iro grimmig.
    „Nö“, sagte Jimmy. Iro schnaubte.

    „Wir haben zuerst mal das folgende Problem: Der Geheimnisdschungel“, ging Max dazwischen, da er schon den Kleinkrieg kommen sah. Jimmy und Iro verstummten.
    „Wir haben alle keine Ahnung, wo sich dieser aufhalten soll, habe ich Recht?“, fragte Max in die Runde. Das darauf folgende Schweigen verstand er sofort.
    „Und wir kennen bestimmt auch keine Person, die uns etwas über diesen erzählen könnte“, überlegte Max weiter, doch da meldete sich Jimmy aufgeregt: „Plaudagei! Er weiß doch generell sehr viel, dann vielleicht auch etwas darüber.“
    „Glaubst du, dass Plaudagei uns Glauben schenken wird?“, sagte Iro. Jimmy blickte ihn von der Seite an: „Warum sollte er nicht?“
    „So, wie ich ihn bisher kennen gelernt habe, ist er nicht gerade der Typ, der etwas auf solche Legenden geben würde. Gewiss würde er die Existenz solcher Pokémon nicht leugnen, von denen Lashon uns erzählt hat, aber dass der Zusammenhang mit der Legende um Arceus und Kyurem mit diesen wahr sein würde, halte ich eher für unwahrscheinlich.“
    „Da ist was dran“, sagte Max nachdenklich. „Und ich finde nicht, dass wir ihm von unserem Auftrag erzählen sollten. Generell keinem.“
    Max hatte es schon geahnt, wie die beiden reagieren würden, denn verdutzt sahen sie ihn an.
    „Aber Max“, sagte Jimmy, „wie sollen wir in irgendeiner Art und Weise diesen Auftrag erfüllen, wenn wir uns keinem anvertrauen sollen?“
    „Entschuldige, Jimmy.“, nickte Max ihm zu. „Ich meinte natürlich, dass wir nicht alles von unserem Auftrag jemandem anvertrauen sollten. Denn so wie es klingt, steht uns innerhalb eines Jahres eine große Katastrophe davor, wenn Kyurems Komet auf diesen Planeten auftrifft. Ich finde, wir würden nur unnötige Panik verbreiten, wenn wir so etwas jemandem erzählen.“
    „Du weißt schon, dass wir von einem verdammten Meteor reden, der auf den Planeten krachen wird, oder?“, sagte Iro skeptisch. „Meinst du nicht, dass andere sich nicht auf den Einschlag vorbereiten sollten?“
    „Was macht das denn für einen Unterschied?“, stöhnte Jimmy, der auf seinem Bauch lag und abwechselnd zu den beiden hochblickte. „So viel ich weiß, würde es so oder so das Ende der Welt bedeuten, wenn so ein Riesenmeteor auf die Erde kracht. Da kann man sich so viel vorbereiten, wie man will“
    „Würdest du dann schon ein Jahr vorher hören wollen, dass das Ende der Welt bevorsteht?“, fragte Max. Jimmy überlegte, dann legte er sich mit gequältem Blick auf den Rücken: „Wahrscheinlich nicht... eher würde ich mein Leben genießen wollen, ehe es abrupt endet.“
    „So denke ich auch“, nickte Max und wandte sich Iro zu. „Unsere Aufgabe wird es lediglich sein, die Wächter aufzusuchen, damit sie in der Lage sind, eben das zu verhindern. Sollten wir auf irgendeine Art erfolgreich sein, so braucht keiner was davon zu erfahren und alle können ungestört unseren Alltag genießen.“
    „Und wenn wir versagen?“, sagte Iro skeptisch. Max seufzte.
    „Dann haben sie bis kurz vor Schluss ihre Tage ohne Sorge verbracht. Ich mag es mir nicht ausmalen, wie es ist, die Tage zu zählen, bis die Welt untergeht. Lieber würde ich meine Tage in Ungewissheit verbringen, ehe es dazu kommt. Dann hätte ich eine Sorge weniger.“
    „Und was genau willst du Plaudagei dann erzählen?“
    „Dass wir von einer Legende der Sieben Wächter erfahren haben und dass wir uns gerne dieser Art von Herausforderung stellen würden, diese aufzusuchen. Vielleicht diese auch sogar bekämpfen, das wäre auch vermutlich in deinem Sinne, oder?“
    Max grinste verführerisch und Iro erwiderte allzu gerne das Grinsen. Er ließ die Knöchel seiner Faust knacken: „Diese Idee könnte dann auch sogar von mir sein.“
    „Ich werde definitiv erzählen, dass es deine ist!“

    Alle lachten, selbst Jimmy ermutigte sich zu einem schwachen Lächeln. Da der Magen aller drei knurrte standen sie auf und richteten ihre Betten ordentlich. Sie einigten sich, Plaudagei in der Knuddeluff-Gilde nach dem Geheimnisdschungel zu fragen und sonst so diskret wie möglich bezüglich ihres Auftrages zu sein. Dann machten sie sich auf in die Haupthalle der Taverne. Der Duft von frisch gebackenen Brötchen stieg ihnen in die Nase. Max würde definitiv den Teil seines Traumes wahr werden lassen wollen, in dem er Rose seine Wiederkehr in ihre Taverne versichern würde. Am Beginn der Treppe nach unten hörte er ihre Stimme und dem Klang nach schien sie empört: „Bezahl vorher deine Zeche!“
    Dann hörte Max, wie eine Tür zugeschlagen wurde und Rose wütend schnaubte: „So was aber auch!“
    „Alles in Ordnung?“, sagte Max, als das Team an ihre Theke trat. Rose sah ihn mit glasigen Augen, ehe sie sich fing. Sie schüttelte den Kopf.
    „Ja... gewiss... es ist nur so, dass ... ach schon gut. Wollt ihr Brötchen mit Marmelade und Honig?“


    Sie servierte den dreien einen Korb dampfender Brötchen sowie Schalen von Marmelade und Honig, in denen die Brötchen getunkt werden konnten. Iro verschlang gleich zehn hintereinander und Max war verblüfft. Solch lockeres sowie geschmackvolles Gebäck hatte er nie vorher kosten können. Auch Jimmy stand die Sorglosigkeit ins Gesicht geschrieben, als er genussvoll an seinem Brötchen kaute.
    „Freut mich, dass es euch schmeckt!“, lächelte Rose ihnen zu, als sie die Freude auf den Gesichtern der drei Erkunder erkannte. „Der Erkunder der Red Scorpion-Gilde fand auch Gefallen an meinem Frühstück, bis er dann urplötzlich aufsprang und verschwand.“
    „Ber di Zeffe gefrellt hat?“, mampfte Iro mit vollem Mund, worauf Rose seufzte.
    „Genau der“, sagte sie, wandte sich ihrer Küche zu und wollte gerade in diese hineingehen, als die Tür der Taverne jäh aufgestoßen wurde. Eine dunkle schuppige Gestalt fiel wie ein Blitz herein und kam wenige Zentimeter vor dem Thresen, an dem das Team Mystery ihr Frühstück genoss, zum Halt. Max wurde beinahe vom Stuhl geworfen, als die Gestalt mit ihm zusammenstieß.
    „Verzeihung, Rose!“, sagte das Pokémon, griff mit seiner weißen Klaue in einen Beutel und holte einen kleineren aus Leder hervor, in dem es klimperte, und platzierte diesen auf den Thresen.
    „Behalt den Rest! Tut mir Leid, ich habe es eilig!“, und das Pokémon verschwand so blitzartig durch die Tür wie es hereingekommen war. Jimmy und Iro blickten ihm verdutzt nach: „Was war das denn?“, sagten beide im Chor. Rose lächelte und nahm den Geldbeutel in ihre Hufe und zählte das Gold. Sie nickte zufrieden.
    „Ein sonderbarer Geselle, dieser Erkunder“, sagte sie und verstaute das Gold unter ihren Thresen. „Erst den ganzen gestrigen Abend nicht zu uns gesellen und am nächsten Morgen direkt die Taverne verlassen, bevor alle anderen beim Frühstück sind. Erlebe ich auch zum ersten Mal.“
    „Nun ja, wie lange noch mal bist du schon Wirtin?“, grinste Iro amüsiert. Rose warf ihm einen herausfordernden Blick zu, dann fiel ihr Blick auf Max. Ihre Miene veränderte sich: „Alles in Ordnung, mein Lieber?“
    „Hey, Max?“, sagte Jimmy, der nun auch bemerkte, dass Max seit dem Zusammenstoß mit dem Pokémon wie in sich versunken war.
    Tatsächlich verschwamm Max‘ Blick vor seinen Augen und er fühlte, wie sich sein Magen umdrehte und sein Kopf Karussell fuhr. Max versuchte aufzustehen, doch kaum hatte er seine Füße auf den Boden gestellt, knickten seine Beine in sich zusammen und er fiel zur Seite. Er hörte nicht mehr, wie Jimmy erschrocken aufschrie, Iro jäh aufstand und Rose schon dabei war, um den Thresen zu laufen. Er landete seitlich und als sein Kopf den Boden berührte, fuhr ein heller Blitz über seine Augen, der seine Sicht nahm.


    Dann veränderte sich alles und er hörte gequälte Rufen, die schmerzerfüllt klangen. Ein Szenenwechsel fand statt und er sah, wie er selber nun, offenbar ebenso vor lauter Schmerz, sich die Hände an die Ohren hielt und Iro neben ihm zusammensank. Er war ohnmächtig und an seinem Kopf befand sich eine blutende Wunde. Wieder fand ein Szenenwechsel statt und er sah, wie eine massige in Schatten gehüllte Gestalt sich auf ein Pokémon zubewegte, das seine in Schuppen und Leder gewandten Arme in Kampfstellung brachte. Dann wurde es schwarz und eine weibliche Stimme, die Max noch nie zuvor gehört hatte, ertönte. Er konnte nicht alles von dieser verstehen. Es war, als spräche sie durch einen lauten Sturm. Nur Fetzen konnte er vernehmen: Ich danke ... führen ... Geheimnisdschungel.


    Seine Wange glühte auf und ein peitschender Schmerz durchzog diese. Max schlug die Augen auf. Er lag auf dem Rücken und über sich sah er die besorgten Blicke von Jimmy, Iro und Rose. Langsam richtete er sich auf. Sein Bauch fühte sich wieder normal an und doch keuchte er. Auch kam es ihm fast peinlich vor, dass er scheinbar einfach so umgefallen ist.
    „Alles in Ordnung?“, fragte Rose sichtlich besorgt. Sie sank auf ihre Kniee und fühlte Max‘ Puls an seinem Hals. Er nickte zuversichtlich.
    „Du hast uns einen Schrecken eingejagt“, sagte Jimmy erleichtert lächelnd. „Was war denn los?“
    „Hast du etwas Schlechtes gegessen?“, fragte Iro. Er bemerkte nicht, wie Rose empört zu ihm aufblickte. Jimmys Blick ruhte lange auf Max, dann hellte sich seine Miene auf: „War es etwa ein Dimensionaler Schrei?“
    „Ich denke schon“, antwortete Max.
    Iros Blick wanderte zwischen seinen Teamkollegen hin und her:“Ist es das, wovon ihr beide ihr mir mal erzählt habt, als ich euch beigetreten bin?“
    Beide nickten. Das Impergator rieb sich den Kopf: „Das ist ein höchst sonderbarer Anblick, wisst ihr?“
    „Du sagst es“, lächelte Jimmy verlegen, „ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt.“ „Glaubt ihr, ich habe es?“, lachte Max und nahm Iros Hand und zog sich an dieser hoch. Rose blickte verwirrt die drei an: „Dimensionaler Was?“.
    Jimmy erklärte ihr, dass Max manchmal in der Lage war, Bilder oder Stimmen aus der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft zu vernehmen, sofern er mit etwas in Berührung kam, das mit diesen in Verbindung stünde. Auf die Art habe Max stets verborgene Zuammenhänge auf ihren Erkundungen entdeckt. Rose schien dies sehr zu faszinieren. Dann wandte sich Jimmy wieder Max zu: „Aber was hast du eigentlich gesehen? Oder gehört?“

    „Beides“, antworte Max und eigentlich hatte er seine Vision schildern wollen, als ihm dann wieder einfiel, wen er gesehen hatte. Blitzschnell wandte er sich an Rose: „Der Erkunder von vorhin: Weißt du, wohin er unterwegs war?“
    „Hey, Max...“, wollte Jimmy fragen, doch Max winkte ab. Rose wirkte perplex.
    „Der... Erkunder? Aber warum ...?“
    „Es ist wichtig, dass wir ihn aufspüren. Weißt du, wohin er unterwegs ist?“
    „Er...“, stotterte Rose völlig verdutzt. „Er sagte, er müsse für einen Auftrag zum Apfelwald. Er wirkte wie alarmiert, als ich ihm sagte, dass Mimi ebenfalls schon zu diesem aufgebrochen ist. Und dann...!“
    „Dann müssen wir auch dahin. Jimmy! Iro! Folgt mir, schnell!“
    Völlig perplex folgten beide ihm. Jimmy warf an der Tür nach draußen Rose einen mit Gold befüllten Beutel zu, den sie wie versteinert auffing. Ohne sich zu regen sah sie, wie die Tür nun wieder zu fiel.

    „Jetzt warte mal, Max!“, keuchte Jimmy, der Mühe hatte, mit den Schritten seiner größeren Teamkollegen mitzuhalten. „Was hast du gesehen? Und wieso ist der Erkunder auf einmal so wichtig geworden?“
    „Ich sah ihn in meiner Vision, aber das ist nicht mal der Hauptgrund“, rief Max gegen den Fahrtwind. In der Ferne sahen sie schon die im blassen Morgennebel verborgenen Baumspitzen des Apfelwaldes. Max setzte zu noch mehr Geschwindigkeit an. Hinter sich hörte er die bebenden Schritte Iros und das Getippel von Jimmys Füßen.
    „Da war noch eine Stimme. Sie hat für etwas gedankt. Und sie weiß etwas über den Geheimnisdschungel! Und eventuell wäre sie in der Lage, uns dahin zu führen.“
    „Moment, wirklich?“, rief Jimmy verdutzt. Er vergaß dabei, richtig zu rennen, und wäre beinahe über seine eigenen Füße gestolpert.
    „Hat sie das denn so gesagt?“, rief Iro Max von hinten zu.
    „Es ware nur Fetzen, doch mein Gefühl sagt mir, dass dem so ist.“, rief Max nach hinten zurück. Er spürte, wie sein Herz immer schneller klopfte und wie Adrenalin seine Adern erfüllte. Hinter ihm blickte Iro hinab zu Jimmy: „Lag sein Gefühl bei sowas je richtig?“ Jimmy fehlte die Energie, um noch zu antworten. Doch er nickte überdeutlich.

    Die Bäume kamen ihnen immer näher. Deren Grün wurde immer satter, während sich der Himmel immer mehr lichtete. Und nun sah Max auch eine Gruppe von Pokémon, die vor dem Eingang zum Wald kauerten.
    „Was ist mit denen los?“, sagte Iro überrascht. Max erkannte, was für ihn so sonderbar war.#


    Als sie an die Gruppe der Pokémon herantraten, bemerkten sie, dass viele von ihnen sehr mitgenommen aussahen und einige Wunden offenbarten. Ein paar andere waren ohnmächtig an einen Baum gelehnt, auch sie sahen danach aus, als hätte man ihnen vorher übel mitgespielt. Über ein anderes beugte sich eine schlanke Guardevoir, die dieses verarzte. Max erkannte das blaue Kurvenhaar: „Mimi!“
    Überrascht drehte sie sich und lächelte, als sie das Team Mystery erblickte: „Gut, dass ihr hier seid, es scheint, als könnten wir alle eure Hilfe brauchen.“
    Sie ließ die Hände von der Schürfwunde, die sich am pelzigen Arm eines bärhaften Ursarings befand. Sie schrumpfte in sich zusammen und bald war die Haut wieder normal. Das Ursaring brummte dankbar und lehnte sich sichtlich erschöpft an den nächst gelegenen Baum. Max‘ Blick fuhr über diese Szenerie.
    „Was ist hier nur passiert?“, fragte er erschrocken Mimi, welche betroffen seufzte.
    „Hier ist nichts passiert, diese Pokémon haben sich alle aus dem Inneren des Apfelwaldes heraus gequält. Ich habe sie hier vor einer Stunde ungefähr gefunden, als ich hierher kam.“
    „War das... etwa das Werk eines Pokémons?“, sagte Jimmy nervös. Mimi nickte, auch wenn ihr selber das Unglauben ins Gesicht geschrieben stand. Hinter sich hörten sie ein röchelndes Husten. Mimi schritt sofort an das Team Mystery vorbei und ließ sich neben einem Lohgock nieder, dessen hühnerhafter Schnabel angebrochen wirkte.
    „Halt still“, murmelte Mimi diesem zu und hielt ihre Hände an dessen Schnabel. Das schmerzverzerrte Gesicht des Lohgocks löste sich und sichtlich entspannter schloss es seine himmelblauen Augen.
    „Dankeschön!“, sagte er aufrichtig zu Mimi, welche bescheiden abwinkte.
    „Ihr seid ebenfalls Erkunder, oder? Das erkenne ich an euren Schatzbeuteln“, während es sprach, zuckte sein Körper, als hätte dieser noch immer Schmerzen. Mimi holte aus ihrem Beutel eine kleine blaue Beere hervor und hielt sie dem Lohgock hin, doch dieser lehnte ab: „Wir von der Wild Heart-Gilde lehnen es ab, unsere Körper mit der Energie von Sinelbeeren zu versorge! Gib diese besser einem der anderen Unglücksraben hier!“, und er wies mit seiner vogelartigen Krallenhand zu ein paar der anderen angeschlagenen Pokémon.
    „Seid ihr auch von einer Erkundergilde?“, fragte Mimi an diese gewandt. Eine grazile Wie-Shu, dessen fliederfarbener Körper von vielen kleinen Wunden übersät war, löste sich von der Gruppe: „Wir sind von Rosendorn. Wir haben im Apfelwald einen Auftrag übernommen; wir sollten einen Ganoven ausfindig und dingfest machen.“ Beschämt blickte sie zu ihren Kolleginnen, dann fuhr sie fort: „Dann hat der Ganove aber uns gefunden und neutralisiert. Ich habe uns drei gerade noch rauszerren können, aber ... es war schrecklich!“
    Mimi, die bemerkt hatte, dass die Wie-Shu ihren Arm seltsam steif hielt und dabei schmerzerfüllt nach Luft japste, hielt mit deren Erlaubnis ihre Hände dagegen. Ein unschönes Knacken ertönte, doch das Team Mystery hörte sie erleichtert aufkeuchen und dann sahen sie ihren Arm wesentlich freier bewegen.
    „Wirklich vielen Dank!“, sagte sie. Mimis Blick fiel auf die anderen beiden, doch die Wie-Shu winkte ab. „Sie werden wieder. Sie sind nur ohnmächtig, aber sie haben nichts Schlimmes am Körper erfahren bekommen.“
    „Dann ist ja gut“, nickte Mimi zufrieden. Das Team Mystery trat an die Gruppe heran und auch das Lohgock richtete sich unter Mühen wieder auf. „Dann hat euch also dasselbe Schicksal ereilt wie mir und Ursus“, sagte es mit Blick auf die Erkunderinnen von Rosendorn.
    „Wir sollten uns was schämen, Lohahn“, brummte das Ursaring mit Namen Ursus vom Baum aus zu ihnen zu. „Schließlich ist der Apfelwald ein Haupteinsatzgebiet der Wild Heart-Gilde.“
    „Damit ich es richtig verstehe“, sagt die Wie-Shu mit Blick auf die beiden angeschlagenen Wild Heart-Erkunder. „Ihr seid auch wegen einem Ganoven hier?“
    „Bei uns ist es ein Skaraborn, doch ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses-“
    „Mich und meine Kolleginnen ebenso bedient hat wie euch? Doch, ich schätze, genau das ist passiert.“
    „Ein Skaraborn als Ganove?“, sagte Mimi sichtlich verdutzt. Die anderen Erkunder starrten sie an.
    „Jetzt sag nicht“, sagte Lohahn sichtlich perplex, „dass du auch von einer anderen Gilde bist und ebenso den gleichen Auftrag hast.“
    „Genau das! Dieser Auftrag ging vor einer Woche in der Knuddeluff-Gilde ein. Ich hätte nicht erwartet, dass Wild Heart und Rosendorn ebenso diesen Auftrag erhalten haben.“

    „Nicht nur Rosendorn, Knuddeluff und Wild Heart!“, meldete sich eine neue Stimme. Bereit zum Kampf wandten sich alle Anwesenden um und sahen, wie ein beschupptes und in Leder gewandtes Drachen-Pokémon sich aus dem Wald heraus auf sie zubewegte. Max erkannte sofort, dass es sich um das Pokémon aus seiner Vision handelte. Es war nur wenige Zentimeter größer als und seine purpurfarbenen Schuppen zogen sich über seinen ganzen Körper. Nur die Arme sowie seine beiden Flügel an diesen waren mit einem mit Metall verschlossenen Ledermantel umhüllt.
    „Bist du nicht eben an uns vorbei in den Wald gehuscht?“, sagte das Lohgock mit Namen Lohahn aufgebracht. „Du hast dich auch ruhig um uns kümmern können!“
    „Ich habe gesehen, dass sie hier bereits alles im Griff hatte“, sagte das nickte in Richtung von Mimi. „Ich fand es dann wichtiger mich zu vergewissern, dass der Ganove sich noch immer in Reichweite befindet.“
    „Du hast dir doch kaum die Zeit genommen, das zu urteilen“, meldete sich Mimi, doch der Erkunder lächelte ihr zu: „Ich habe direkt, als ich dich aus der Ferne gesehen habe, erkannt, dass du eine erfahrene Heilerin bist. Andernfalls wärst du wahrscheinlich wie ich auch direkt auf der Suche nach dem Ganoven gewesen.“
    „Was das betrifft“, sagte die Wie-Shu aus Rosendorn. „Was hat ein Knarksel wie du hier zu suchen? Und aus welcher Gilde kommst du?“
    „Und wie ist dein Name überhaupt?“, brummte Ursus.
    Sichtlich unberührt vom skeptischen Ton nahm das Knarksel eine gerade Haltung an und beugte seinen mit zylinderförmigen Auswüchsen besetzten Kopf: „Cephal aus der Red Scorpion-Gilde, zu euren Diensten.“
    „Red Scorpion?“, sagte die Wie-Shu. „Die Gilde in der Wüste?“
    Cephal lachte: „Ich kann mir denken, dass dies euch überrascht. Was glaubt ihr, wie überrascht ich war, als ich eben mitbekam, dass drei, wenn nicht sogar noch mehr Gilden, mit ein und demselben Auftrag beschert wurden.“ Und er kramte eine Handvoll von Papier aus seinem Beutel heraus, den er um seinen Körper hängen ließ. Er stöberte in diesen, bis er ein einzelnes herausholte. Max erkannte, dass dieses die Form eines Ganoven-Steckbriefes hatte, aus dem Cephal nun laut vorlas:


    Wenn die Kompetenz euer Gilde tatsächlich den Gerüchten entspricht, so fände ich es wirklich hilfreich, wenn ihr meinen lästigen Verfolger loswerden könntet, der mir seit geraumer Zeit nachstellt. Es handelt sich um ein ziemlich aufdringliches und aufbrausendes Skaraborn mit Namen Herakles.
    Ich werde ihn meine Spur bis zum Apfelwald aufnehmen lassen. Dort erwarte ich, dass ihr ihn dingfest macht. Ich hoffe, ihr könnt meine Skepsis, was euch Erkunder-Gilden betrifft, widerlegen. Ich werde mich erkenntlich zeigen, wenn ihr den Auftrag übernehmen und auch erfüllen könntet.


    Die Umstehenden sahen ihn verblüfft an.
    „Diesen Auftrag haben wir auch erhalten, und das Wort für Wort“, sagte die Wie-Shu perplex. Auch Lohahn und Ursus sahen sich an. Cephal, der zufrieden lächelte, rollte das Papier wieder zusammen und steckte es zurück in seinen Beutel: „Habe ich es mir doch gedacht, dass ihr alle über diesen Auftrag geredet habt. Ich habe ihn angenommen aus dem Grund, weil er interessant formuliert war. Ich meine“, und er klopfte gegen seinen Beutel, „kein Name, keine Angabe, wie die Belohnung aussehen wird geschweige noch, um welches Pokémon es sich handelt, das den Auftrag erteilt hat. Wer würde da kein Interesse daran haben?“
    „Glaube aber ja nicht, dass du unseren Ruhm einheimsen kannst!“, sagte Lohahn tapfer und richtete sich zur voller Größe auf, worauf er Iro ebenbürtig war. „Wir waren zuerst hier, ohnehin ist das hier unser Revier!“
    „Auch wenn es sich schön reimt“, sagte Cephal nun etwas ernster, „es kommt darauf an, dass der Ganove so oder so zur Rechenschaft gezogen wird. Da ist mir egal, ob ich den Ruhm teile oder nicht.“
    „Dass ihr überhaupt von sowas wie Ruhm dabei sprecht!“, empörten sich Mimi und die Wie-Shu. Mimi blickte kühl Cephal ins Gesicht: „Es geht doch mehr darum, dass dieser Ganove dem Klienten keinen Schaden mehr zufügt. Denn so wie ich es sehe, scheint dieser ihm lange schon zuzusetzen. Und er tut mir einfach dann Leid.“
    „Oder sie“, korrigierte die Wie-Shu sie. „Aber ich gebe dir Recht! Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass dieses Skaraborn uns alle hat alt aussehen lassen.“
    „Eine Schande für euch Rosendorn, was?“, brummte Ursus hämisch. Die Wie-Shu sah ihn finster an. Cephal gewann mit einem Winken seiner mit Leder überzogenen Flügel deren Aufmerksamkeit wieder.
    „Ich glaube, euer Fehler war, blindlings in ihn hineingelaufen zu sein, ohne vorher euch ein Bild von dem Schurken gemacht zu haben. Deshalb bin ich auch zuerst in den Apfelwald hinein anstatt mich um euch zu kümmern.“
    „Du scheinst ja wohl schon alles geplant zu haben, oder?“, blickte Lohahn ihn von der Seite herausfordernd an. Cephals Miene veränderte sich nicht. Zuversichtlich lächelnd wandte er sich ihm zu: „Eine grobe Idee habe ich bereits, nachdem ich mir ihn angesehen habe. Ein Prachtexemplar eines Skaraborn, das muss ich ihm lassen. Alleine dürfte es jeder von uns in der Tat schwierig haben, aber zusammen-“
    „Ich arbeite bestimmt nicht mit Kerlen wie euch zusammen!“, rief die Wie-Shu aus und entfernte sich von der Gruppe. Bestürzt erkannte Max, dass sie dabei war in den Apfelwald einzutreten. Doch Cephal schob ihr einen seiner Flügel in den Weg.
    „Mit deinen Teamkolleginnen schon hattest du keine Chance. Glaubst du, das ändert sich, wenn du alleine hineingehst?“
    „Und außerdem bist du noch ziemlich angeschlagen“, versuchte Mimi dazwischen zu reden. Trotzig blickte die Wie-Shu von ihr zu Cephal und dann wieder zurück. Als dann ihr Blick auf ihre noch immer ohnmächtigen Teamkolleginnen fiel, seufzte sie bedrückt und wandte sich vom Wald ab. Sie trottete zu ihren Freundinnen und setzte sich betrübt. Dann blickte sie zur Gruppe hinüber: „Ich denke, es ist besser wenn wir uns weiterhin ausruhen. Rosendorn überlässt euch das Feld!“
    „So habe ich das aber nicht gemeint!“, sagte Cephal überrascht, doch es war dann Lohahn, der ihm mit seiner Hand Schweigen gebot.
    „Ich kann sie verstehen, Red Scorpion-Erkunder. Ich denke, dass wir von Wild Heart uns erst hier einmal ausruhen werden. Sollten wir zu Kräften und die Frauen auch, werden wir zu euch stoßen und euch gegebenfalls unterstützen. Stimmst du mir da zu, Ursus?“
    Das Ursaring brummte einvernehmlich. Cephal wirkte recht baff, so kam es Max vor.
    „Seid ihr euch da sicher?“, fragte er die Erkunder, welche alle nickten. Ratlos rieb sich Cephal den Kopf, ehe er sich an Mimi und das Team Mystery wandte: „Ich schätze, dann bleiben wir fürs Erste wohl nur zu fünft, oder?“
    „Sieht ganz so aus“, sagte Mimi und wandte sich Max und den anderen zu: „Ihr werdet auch mitkommen, auch wenn ihr diesen Auftrag nicht angenommen habt, oder?“
    Max blickte von ihr zu Cephal. Er dachte an seine Vision vom Dimensionalen Schrei. Es war definitiv Cephal, der in Angriffsstellung gegangen ist. Und bei der großen Gestalt, gegen die er antrat, musste es sich um den Ganoven, dem Skaraborn Herakles, handeln. Aber nachdem er sich mit einem Blick auf die Erkunder von Wild Heart und Rosendorn vor Augen geführt hat, dass dieses Skaraborn außerordentlich gefährlich sein musste, nickte er ihr zu. Auch Jimmy und Iro pflichtetem ihm bei.
    „Also gut“, sagte Cephal strahlend und wandte sich dem Wald zu. „Dann wollen wir uns in den Wald des Insekts wagen!“


    Die Gruppe verabschiedete sich von den zurückbleibenden Erkundern und bald trennte sie von diesen mehrere Reihen von Bäumen und Büschen.
    Cephal ging auf dem weichen Erdpfad voran. Mimi und das Team Mystery folgten ihm dicht. Und obwohl der süßliche Apfelduft deren Nasen erfüllte, lag eine Anspannung in der Luft, die alle Anwesenden spüren konnten. Mimi warf immer wieder Blicke auf Cephal, der fokussiert nach vorne blickte.
    „Hast du denn schon einen Plan, wie wir das Skaraborn im Kampf besiegen können?“
    „Wenn er erstmal uns sieht“, antwortete Iro, bevor Cephal reagieren konnte, „dann wird er sich sofort ergeben!“
    Cephal lachte dann laut auf: „Ich habe mir gleich schon gedacht, dass du eher der Draufgänger bist! Doch ich fürchte“, und sein Ton wurde etwas sachlicher, „dass wir nicht mit einer Lösung ohne Kampfhandlungen rechnen können.“
    „Du glaubst Pokémon wirklich gut einschätzen zu können, oder?“, sagte Mimi skeptisch. Cephal warf ihr interessiert einen Blick über seine Schulter zu. Mimi räusperte sich verlegen: „Ich meine, obwohl du das Skaraborn und Iro nur einmal kurz gesehen hast, glaubst du, sie direkt beschreiben zu können?“
    Cephal blickte von ihr hinüber zu Max, Jimmy und Iro. Dann wandte er sich dem Weg vor ihnen zu, der eine Rechtskurve nahm. Max hörte ihn vergnügt kichern.
    „Vielleicht mag ich nicht direkt die Persönlichkeiten beim ersten Anblick erkennen, doch ich habe ein Gespür dafür, zu was ein Pokémon fähig ist. Nehmen wir das Impergator hier zum Beispiel: Seinen Körper zieren viele Narben, und aufgrund seiner Aussage habe ich die Bestätigung meiner Annahme, dass es sich gerne in Kämpfe stürzt, habe ich Recht?“
    „Wenn du wüsstest“, sagte Jimmy verschmitzt lächelnd. Iro schnaubte trotzig.
    „Und auch bei dir und dem Reptain habe ich gleich schon eine gewisse Ausstrahlung erkannt, die mir verriet, dass ihr was drauf habt. Was das Panflam betrifft...“, und Cephal blieb stehen, um sich Jimmy in Augenschein zu nehmen, der nervös zusammenzuckte. Er musterte ihn eine Weile, dann wandte er sich allen zu: „Manchmal muss man zweimal hinblicken, um ein gewisses Potenzial zu erkennen. Ach übrigens, was sind denn eure Namen eigentlich?“

    Als Mimi und das Team Mystery ihre Namen nannten, nickte Cephal begeistert. Gerade beim Team Mystery hat er interessiert aufgehorcht: „Das berühmte Team Mystery also. Ich habe schon Legenden von euch gehört. Es heißt, ihr habt die Welt gerettet, und das zwei Mal?“
    „Wie man es nimmt; wir hatten auch viel Hilfe dabei“, sagte Max verlegen. Cephal lächelte umso breiter: „Ich mag Pokémon, die bescheiden sind und anderen ihren Anteil zugestehen. Ich persönliche halte nichts von Kulten um einzelne Persönlichkeiten. Jeder, der involviert ist, trägt seinen Anteil bei, oder nicht?“
    Ohne eine Antwort abzuwarten ging Cephal wieder voran. Aber Max stimmte ihm im Inneren zu und er konnte nicht umhin, Cephal für diese Ansicht zu mögen. Auch Mimi wirkte wesentlich weniger skeptischer als vorher.
    „Ehm, Cephal?“, rief Jimmy von hinten ihm zu. Cephal schob seinen Nacken nach hinten.
    „Was kannst du uns eigentlich über das Skaraborn erzählen? Du hast es doch gesehen, oder?“
    Cephal stapfte schweigend über den weichen Erdboden. Dann kicherte er: „Ich sage es mal so: Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass dieses in der Lage war, die anderen zu besiegen.“

    Sie traten nun auf eine größere von Bäumen befreite Fläche. Vereinzelt lagen halb verfaulte sowie rote Äpfel auf dem Boden verteilt, die allesamt einen süßlichen Duft verbreiteten. Cephal nahm sich mit Begeisterung einen solchen und biss hinein, wobei er diesen fast zur Gänze aß. Während er kaute, wandte er sich zu den anderen zu: „Ich glaube, dass man kaum ein solches Exemplar eines Skaraborns gesehen hat. Und es ist auch gut, dass ihr dabei seid. Die Fähigkeiten eines jeden von euch könnten brauchbar sein.“
    „Nun sag uns schon endlich, womit wir es zu tun haben“, sagte Mimi ungeduldig. Cephal lächelte geheimnisvoll.
    „Nun, zuerst kann man sagen, dass es über drei Asse verfügt...“
    „Asse?“, fragte Jimmy skeptisch. Cephal nickte.
    „Drei große Stärken, die alle schon für sich sprechen. Und dann noch kombiniert ...“, und jäh beginn Cephal mit voller Vorfreude zu lächeln. „Wir haben einen interessanten Kampf vor uns, kann ich sagen. Und danach...“, und er wandte sich an Max, „würde ich mich gerne mit dir duellieren!“
    Max blinzelte dreimal. Auch den anderen stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, hielt Cephal ihm einen seiner lederüberzogenen Arme entgegen: „Bei dir, Max, habe ich ein Gefühl, wie ich es schon lange nicht mehr hatte. Von allen, die ich bisher begegnet bin, hast du enormes Potenzial, das sehe ich sofort. Ich ernenne dich hiermit zu meinem Erzrivalen!“
    „Okay“, sagte Max langsam, der noch immer wie erstarrt wirkte. Iro schaute grimmig zu Cephal. Jimmy blickte von einem zu anderem. Mimi war es dann, die sich räusperte:
    „Glaubst du nicht, dass du etwas zu vorschnell bist? Zum Einen müsst ihr erst einmal gegeneinander gekämpft haben, damit man euch überhaupt als Rivalen bezeichnen könnte. Und zum Zweiten-!“

    Cephal gebot ihr mit einer Geste zu schweigen und drehte sich wieder nach vorne um. Auch die anderen hatten es gehört. Ein lautes Knacken war zu vernehmen gewesen und Max spürte, wie die Luft sich mit Anspannung fühlte. Und ein Surren ertönte. Es fing leise an, doch wurde lauter und durchdringender, bis es wieder erlosch. Fast wie von selbst fuhr Max seine Laubklingen aus, Iro lockerte seine Gelenke und Jimmy ließ zögerlich sein Feuer stärker auflodern.
    „Es ist in der Nähe...“, sagte Cephal, trat ein Schritt weiter vor und spähte in das vor ihm liegende Grün des Waldes. „Haltet euch bereit, und achtet auf-!“
    Doch jäh raschelte es laut auf und etwas Wuchtiges schoss auf Cephal zu. Ihm blieb keine Zeit mehr zu reagieren, und diese dunkelblaue Gestalt traf mit der Geschwindigkeit einer Kugelsaat auf dessen weiße Schuppenbrust ein. Cephal japste nach Luft, ehe die Wucht ihn von den Füßen riss und über die Köpfe der anderen in die hinten liegenden Baumreihen schleuderte.
    „Cephal!“, rief Jimmy und wollte ihm zur Hilfe eilen, doch Iro stieß ihn zurück nach vorne. Jimmy sollte das Pokémon sehen, das sich nun vor den verbliebenen vier Pokémon aufbaute, welche allesamt erstarrt vor Verblüffung und teilweisem Entsetzen waren.


    Es war ein Skaraborn und Max war sich sicher, dass es sich um den gesuchten Ganoven Herakles handeln musste. Doch verstand Max direkt auch, warum der anonyme Auftraggeber sich an mehrere Gilden gewandt hat. Definitiv wollte er sicher gehen, dass dieser zur Rechenschaft gezogen werden würde, denn Max konnte sich nicht vorstellen, dass ein einzelnes Pokémon dazu in der Lage wäre. Allein dessen Horn sprach schon für sich. Max hatte bisher nur einmal ein Skaraborn gesehen und er war beeindruckt von dessen Größe. Doch dasjenige von Herakles war doppelt so groß und kantig. Und um dem die Krone aufzusetzen, wirkte auch sein Käferpanzer, der der Stahlplattenrüstung eines Stolloss‘ ähnelte, um ein Vielfaches dicker und robuster als der seiner Artgenossen. Am Meisten aber beunruhigte ihn der Anblick der Augen, mit denen Herakles jeden der vier Erkunder betrachtete. Sie waren blutunterlaufen. Und Max war sich sicher, dass es nicht an Schlafmangel lag. Aus ihnen sprach pure Kampfeslust.
    „Schon wieder Erkunder?“, spuckte das Skaraborn verächtlich aus. „Hier muss doch irgendwo ein Nest von euch sein...“.
    Mimi trat hervor: „Herakles, ich bin Mimi von der Knuddeluff-Gilde! Du bist ein gesuchter Ganove des A-Ranges und wir sind hier um-“
    „Tu mir den Gefallen und halt die Schnauze!“, fuhr Herakles sie genervt an. „Diesen Vortrag habe ich mir schon von den anderen Versagern an Erkundern anhören müssen!“ Und mit piepsig hoher Stimme fuhr er fort: „Ergib dich auf der Stelle oder werden dich dazu zwingen, mit uns mitzukommen. Zum Teufel damit!“ , und wieder spuckte er aus.
    „Ihr könnt mich nicht in Ruhe lassen, oder? Dass sie sich auch an jede Gilde auf diesem Kontinent wenden muss. Wenn ich sie erwische...“
    „Was immer du vorhast,“, sagte Mimi trotzig und entschlossen, „wir werden nicht zulassen, dass du ihr weiter nachstellst!“
    „Ihr nachstellen? Sie hat mich doch erst dazu gebracht, dass ich sie über den verdammten Kontinent verfolge.“
    „Was willst du damit sagen?“, sagte Max. Auch er trat nun vor, eine Laubklinge hielt er bis vor seinem Bauch. Herakles lachte höhnisch.
    „So so, ihr nehmt also einfach stumpf jeden Auftrag an, der euch zuschwebt, ohne euch zu informieren, ob eventuell ich der Geschädigte bin und nicht sie?“
    „Beantworte mir erst das: Wer ist sie?“, sagte Mimi. Wieder lachte das Skaraborn auf.
    „Ah, nicht mal ihren Namen hat sie hinterlassen? Ist es euch nicht verdächtig vorgekommen, dass sie anonym bleiben will, während ihr mich dingfest machen sollt? Ich hätte mehr erwartet, dass sie euch wenigstens persönlich die Lüge von mir als ihr Verfolger erzählt hat. Doch dabei war sie es, die mir was Wertvolles gestohlen hat!“
    „Was hat sie denn gestohlen?“, fragte Jimmy überrascht. Herakles reckte sein Horn in die Höhe: „Ein wertvolles Erbstück, dass ich um jeden Preis zurückhaben will. Und jeden, der sich mir in den Weg stellt, wird mich kennenlernen!“
    „Warum hast du dich nicht selber an eine Gilde gewendet? Eine hätte dir es zurückbeschaffen können. Vorausgesetzt, deine Geschichte würde stimmen“, sagte Mimi. Max hörte raus, dass sie nicht vorhatte, ihm Glauben zu schenken. Herakles stieß einen zornigen Schrei aus:
    „Ich konnte kaum reagieren nach dem Diebstahl, schon haben sich die ersten Erkunder an meine Fersen geheftet. Ich musste sie aus dem Weg räumen, sonst wäre ich unschuldig im Gefängnis gelandet!“
    „Selbst wenn!“, rief Mimi ebenso laut zurück. „Dadurch, dass du Erkunder großen Schaden zugefügt hast, hast du dich strafbar gemacht. Allein deswegen sollst du nun zur Rechenschaft gezogen werden!“
    „Schaut, was mir diese Erkunder von vorhin mir angetan haben!“, rief Herakles und deutete mit seinen Käferarmen auf eine große Kerbe auf seinem Käferpanzer. „Dieses verdammte Ursaring hat es mir angetan! Ich konnte mich kaum erklären, da haben sie mich angegriffen. Und sowas nennt sich Erkunder?“
    „Wir sind-“, wollte Mimi rufen, doch Herakles fuhr ihr harsch ins Wort: „Ihr seid Möchtegern-Polizisten sowie blinde Soldaten, die auf die Befehle der sogenannten Klienten hören! Ich bin durch mit euch und sehe euch als Feinde an!“


    Und das Skaraborn preschte mit laut surrenden Flügeln voran. Dessen Horn war bedrohlich gegen die Erkunder gerichtet und ihnen blieb kaum Zeit, ihren Gegenagriff vorzubereiten. Max spürte, wie etwas Schweres an ihm vorbei huschte. Es war Iro, der sich vor ihnen stellte und mit seinen beiden Klauen das mächtige Horn auffing. Zwar schob ihn die Wucht langsam nach hinten, doch schaffte er es mit angestrengt konzentrierter Miene, Herakles zum Halt zu bringen. Dessen Augen weiteten sich vor Überraschung, ehe er zu einem wütenden Schrei ansetzte. Mit einer Kraft, die der Iros gleich kam, hob er sein Horn und damit Iro von den Füßen. Überrascht lockerte er seinen Griff. Herakles nutzte diesen Moment, um sein Horn aus den Klauen des Impergators gleiten zu lassen. Mit einem unheimlichen Dumpfen schlug das Horn auf Iros Kopf auf. Jimmy schrie, doch Iro knickte nicht ein. Ein dünnes Rinnsal Blut lief an seiner Wange vorbei. Er kicherte und blickte Herakles trotzig in die Augen: „War das alles?“
    Herakles Blick verengte sich und er wollte zu einem zweiten Schlag ansetzen. Doch kaum hatte er sein Horn ein weiteres Mal nach unten schnellen lassen wollen, umschlangen dieses mehrere Ranken in der Luft. Herakles schnaubte wütend und blickte nach hinten, wo die Ranken herkamen. Ein riesiges Tangoloss, dessen Körper überall mit tiefblauen Ranken übersatz war, befand sich hinter ihm. Es versuchte, Herakles nach hinten zu ziehen, doch dies erwies sich als sehr schwierig. Denn Herakles war immer noch drauf und dran, Iro sein Horn überzuziehen.
    „Schnell, beeilt euch!“, rief es und Max hörte Mimis Stimme. Sofort verstand er und setzte zum Spurt an. Als er bei Iro ankam, wich dieser zur Seite, sodass Max ein direktes Angriffsfeld vor sich hatte. Seine beiden Laubklingen glühten immergrün und er führte sie in steilem Winkel nach oben und das Horn Herakles‘ an dessen Ansatz. Ein Geräusch, als würden zwei dicke Hölzer aneinander geschlagen werden ertönte. Herakles biss die Zähne zusammen, doch Max vernahm deutlich, wie dieser Kontakt ihm Schmerzen zufügte. Max verlagerte seine Kraft auf seine Schultern und seinen Rücken, um mitten in der Luft seinem Schlag Nachdruck zu verleihen. Auch Mimi in ihrem Tangoloss-Körper sah darin das Signal, noch einmal Schwung zu holen. Und dieses Mal riss es Herakles von Füßen. Er wurde nach hinten geworfen und sank mit seinen Flügeln auf den Boden und sofort machte sich Mimi daran, ihn mit ihren Ranken zu fesseln.
    Max sah darin das Ende des Kampfes und auch Jimmy jubelte. Iro und Mimi hingegen blieben angespannt. Und sie bewiesen ein besseres Gespür, denn Herakles sträubte sich gegen die Vielzahl von Ranken, die ihn fixieren wollten. Unter all diesen stieß er einen noch zornigeren Schrei aus und sein Horn leuchtete weiß auf. Und blitzartig durchschnitt er mit diesem die Ranken, worauf er sich aufrichtete. Schnaubend und keuchend blickte er wutentbrannt erst das Team Mystery und dann Mimi an. Dann flatterten seine Flügel enorm schnell und dieses Mal erhob er sich wenige Zentimeter vom Boden ab.
    „Vorsicht, Skaraborn sind schnell und wendig, wenn sie fliegen!“, rief Mimi dem Team Mystery zu. Dieses ging in Angriffsstellung. Obwohl Herakles wütend war, lachte er spöttisch: „Ihr werdet es nun sehen!“, und preschte erneut und dieses Mal viel schneller los.
    Doch kaum war er losgestartet, erklang wieder ein Krachen, welches lauter war als das von Max, als er gegen das Horn hieb. Iro hat sich wieder vor Herakles geworfen, dieses Mal aber hat er eine Faust gegen den dicken Panzer des Skaraborns eingesetzt, welches kurz die Luft wegblieb. Auch Max spürte, wie die Wucht des Schlags über seine Haut hinwegfegte und ihm einen Schauer versetzte. Iro stand felsenfest auf seiner Position. Herakles wich von ihm zurück und besah sich die Stelle, die die Faust getroffen hatte. Feine Risse bildeten eine kreisförmige Formation.
    „DU!“, rief er zornig und wollte auf Iro einschlagen, welcher sich mit grimmiger Miene die Faust rieb. Doch ein Flammenstoß schoß an Iro vorbei auf ihn zu und Herakles musste zur Seite ausweichen. Die Flammen trafen auf einen Baumstamm, welcher komplett Feuer gefangen hätte, wäre Mimi nicht in die Form eines Schilloks gewechselt, um das Feuer zu löschen. Jimmy fluchte, dass sein Flammenwurf nicht getroffen hatte, und wollte es erneut versuchen, als Mimi dann blitzartig, dieses Mal in der Gestalt eines Rattikarls, an seiner Seite auftauchte: „Hier ist es zu riskant! Du könntest den Apfelwald in Schutt und Asche legen!“ „Da hat sie Recht, trotzdem gehst du mir auf die Nerven!“, sagte Herakles, der nun auf die beiden zuraste. Mimi stellte sich schützend vor Jimmy, welcher ratlos zusah, wie das Skaraborn immer näher kam. Doch von dessen Seite sprang Iro herbei, griff in der Luft nach dem Horn und hielt Herakles zurück, indem er sich hinter ihm stellte und beide Arme überkreuzt vor dem Horn hielt.
    „Du schon wieder!“, rief Herakles zornig und wollte Iro abvon sich schütteln, doch dieser blieb standhaft.
    „Er ist stark!“, rief er angestrengt den anderen zu. „Beeilt euch!“
    Und Max und Mimi stürmten auf das Skaraborn. Max formte ein weiteres Mal seine Laubklingen und ließ sie dieses Mal auf die Stelle herabfahren, die Iro zuvor getroffen hatte. Tiefe Kerben, wie schon beim Treffer auf das Horn, zogen sich über die bereits rissige Stelle, die darauf hin noch mehr aufwies, welche sie über den gesamten Panzer zogen. Herakles versuchte erneut, Kraft zu sammeln und seinen Anhänger von sich wegzuschleudern, doch dieser biss die Zähne umso fester zusammen und es war deutlich, dass er nicht nachgeben würde. Auch Mimi verstand dies. Unter einem erneuten Leuchten nahm sie an Höhe zu und in der Gestalt des Ursarings, das sie zuvor verarztet hatte, holte sie mit ihrer bärhaften Faust aus. Es folgte ein drittes Dumpfen, dem das Geräusch von Scherben folgte. Herakles stieß einen ohrenbetäubenden Schrei aus, sodass auch Iro von ihm abließ. Durch die Wucht des Schlages wurde er nach hinten geworfen. Das Einzige, was von dem Skaraborn an Ort und Stelle blieb, waren die groben Splitter seines einstmals an ihm befestigten Panzers. Mimi blickte erstaunt auf die Tatze, die sie als Ursaring besaß.
    „Dabei kann ich stets die halbe Kraft derer benutzen, deren Gestalt ich annehme. Ich frage mich, ob alle Pokémon von Wild Heart so stark sind...“
    „Gut, dass sie es sind“, sagte Max keuchend und ließ seine Laubklingen zurückfahren. „Wir hätten sonst Schwierigkeiten gehabt, seinen Panzer zu durchbrechen.“
    „Ich war leider beschäftigt, ihn von euch fernzuhalten!“, lächelte Iro tapfer und leckte sich dabei das Blut von seiner Wange. Mimi trat sofort und besorgt an ihn heran, um seine blutende Kopfwunde zu untersuchen.
    „Zum Glück nur eine Platzwunde“, atmete sie erleichtert auf und behandelte mit einem Leuchten ihrer Hände diese. Jimmy trat an sie heran.
    „Es ist vorbei, oder?“, sagte er unsicher mit sorgenvollem Blick auf den Körper von Herakles.
    „Wenn er nicht mehr aufsteht, dann ja“, sagte Iro, trat Jimmy heran und tätschelte ihm den Kopf. „Danke, dass du mit deinem Flammenwurf ihn von mir abgehalten hast. Auch wenn ich ihn gut ein weiteres Mal hätte abwehren können.“ Aufmunternd lächelnd zwinkerte er Jimmy zu, welcher nur schwach lächelte.
    Auch wenn Max gerne in dieses eingestiegen wäre, so konnte er ein Gefühl nicht loswerden. Jetzt, wo sie Herakles besiegt haben, fragte er sich, ob jener Klient sich erkenntlich zeigen würde. Und würde dieser in der Lage sein, sie in den Geheimnisdschungel zu führen? Und auch ein anderes Gefühl beschlich ihn zunehmend. Das Gefühl von Gefahr erfüllte seinen Instinkt, doch konnte Max nicht zuordnen, woher dieses kam. Das Gefühl, dass sie beobachtet wurden, überkam ihn und Max blickte sich um, als Jimmy schon entsetzt aufschrie: „Da!“


    Herakles regte sich. Unter langsamen und bedrohlichem Knurren richtete er sich auf. Und Max wusste, woher das Gefühl der Gefahr kam. Man hätte meinen können, ein Skaraborn ohne Panzer würde keinen bedrohlichen Anblick ergeben. Doch auch mit einer schicht deutlich dünneren Panzers war Herakles Blick, mit dem er die Erkunder regelrecht anstarrte, erschreckend. In seinen Augen lag blanker Hass sowie eine Gier nach Vergeltung. Und ohne ein Wort zu sagen, ließ er seine noch intakten Flügel flattern. Dieses Mal taten sie dies so schnell, dass man sie weder hören noch sehen konnte. Kaum waren die Erkunder dabei, erneut in Angriffsstellung zu gehen, als Herakles auch schon los spurtete. Ohnen seinen Panzer war er erschreckend schneller und es verging kein Augenblick, als er mit wahnsinnig geweiteten Augen bei den Erkundern ankam. Blitzartig fuhr sein Horn herab, traf Iro mit enormer Wucht auf den Kopf, worauf dieser zusammenbrach.
    Jimmy, der vor Schreck ein paar Schritte zurückgewichen war, sah, wie auch Max und Mimi wie aus Leibeskräften schrien und sich die Köpfe hielten. Hilflos sah er zu, wie Herakles blitzartig nach links und rechts aushieb und beide ebenso heftig mit ihrem Horn traf. Mit entsetztem Blick sah er in Schockstarre zu, wie nun Max und Mimi ebenso bewusstlos zu Boden fielen und sich Herakles nun ihm langsam zuwandte.
    „Jetzt du noch“, sagte er langsam und schritt auf Jimmy zu. Erst spät wich Jimmy zurück, während sein entsetzter Blick dem Skaraborn galt, dessen Horn mit der Kerbe bereits hoch erhoben wurde. Jimmy wollte zum Flammenwurf ansetzen, doch Mimis Warnung sowie seine Angst hinderten ihn daran. Sein Rücken stieß an einen Baum. Nun war jeder Ausweg verloren. Das Einzige, was er jetzt sah, war die dunkle Gestalt des Skaraborn, welches nun sein Horn herabfahren ließ. Jimmy schloß die Augen und fürchtete, das Ende sei nun gekommen.
    Da fuhr ein tosender Sandsturm aus dem Boden zwischen ihnen hervor. Erschrocken wich Herakles zurück und Jimmy sah, wie eine dunkle Gestalt aus einem Erdloch vor ihm hervorschoss. Diese ähnelte in ihrer Haltung Max, vor allem, als sie weiß leuchtende Klingen gegen das Horn führte. Sie trafen es an derselben Stelle, die auch Max‘ Klingen erfahren hatten, und dieses erklang ein Krachen, dem ein schmerzerfüllter Schrei folgte.
    „Jimmy, zielen und treffen!“, erklang eine tiefe aber vertraute Stimme. Der Sandsturm, der aus dem Boden kam, lichtete sich und Jimmy sah nun, wie Cephal Herakles‘ Körper mit seinen Drachenflügeln packte, sich umdrehte und Jimmy diesen entgegen warf. Total verdutzt sah Jimmy den Körper auf sich zu zufliegen, ohne sich zu regen.
    „Feuer auf die Flügel!“, rief Cephal mit Nachdruck und dieses Mal, als hätte ein Mechanismus in ihm eingesetzt, stieß Jimmy einen Schwall von Flammen aus seinem Mund hervor. Und dieses Mal traf dieser. Herakles schrie erneut, doch dieses Mal erstarb dieses. Sein Körper hing, als die Flammen erlischen, ein paar Sekunden in der Luft, dann sackte dieser zu Boden. Jimmy blickte erstaunt auf das, was er angerichtetet hatte.
    Herakles‘ Flügel waren versengt, sein mächtiges Horn lag nicht weit von den Überresten seines mächtigen Panzers entfernt. Und Jimmy sah, dass in Herakles Augen eine endgültige und ungläubige Geschlagenheit lag. Und doch stieß dieser schwache röchelnde Atemzüge heraus. Jimmy wollte erschrocken zurückweichen, doch hinderte der Baum hinter ihm ihn daran. Cephal lachte, trat an Herakles heran und begutachtete ihn.


    „Keine Sorge, er wird das überstehen. Und seine drei Asse sind auch nun aufgebraucht. Gute Arbeit, Jimmy!“



  • 5
    Die Geheimniswahrerin


    Cephal beugte sich über Max, Mimi und Iro, die alle dicht beieinander lagen und bewusstlos waren. Er fühlte bei allen den Puls und untersuchte die Stellen, die Herakles mit seinem Horn getroffen hatte.
    „Mach dir keine Sorgen, Jimmy. Es sieht übler aus als es ist. Sie kommen schon bald wieder auf die Beine.“
    Erleichtert atmete Jimmy auf. Seine Furcht, die er vor Herakles hatte, als dieser wieder auf die Beine kam, legte sich allmählich. Dennoch blickte er sorgenvoll auf das Skaraborn, welches etwas entfernt von ihm an einen Baum gelehnt war. Herakles war nicht mehr wieder zu erkennen, nachdem sein prominentes Horn und sein dicker Panzer nicht mehr an seinem Körper befestigt waren. Jimmy schoss das Bild durch den Kopf, was passieren würde, sollte dieser wieder erwachen.
    „Selbst wenn“, antwortete Cephal, als Jimmy ihn darauf ansprach, „er ist jetzt sowieso harmlos. Der tut keinen mehr was, selbst wenn er wollte.“
    „Weshalb bist du dir da so sicher?“, fragte Jimmy.
    „Ganz einfach“, sagte Cephal gelassen und malte mit seiner weißen Klaue drei Stricke in den Erdboden. „Jetzt, wo er seine drei Asse nicht mehr zur Hand hat, ist dieses Skaraborn genauso harmlos wie ein pazifistischer Trickbetrüger.“
    „Mit den drei Assen meinst du...“, sagte Jimmy und blickte sich um. Sein Blick fiel auf das Horn sowie auf die Splitter des Panzers. Cephal nickte.
    „Das waren die beiden offensichtlichsten; eine starke Offensive gepaart mit einer guten Defensive. Du hast ja gehört, wie es gerummst hat, als Iro gegen den Panzer geschlagen hat.“ „Du hast das gesehen?“, sagte Panflam und sein Blick weitete sich vor Überraschung. In Cephals Gesicht zeichnete sich Schuld ab und Jimmy war erstaunt, wie selbst ein ausgewachsenes Knarksel klein wirken konnte, als dieses verlegen nach unten blickte.
    „Ich habe mich recht schnell aufrappeln können, nachdem mich Herakles aus der Bahn geworfen hat“, sagte er. „Ich wollte direkt wieder zu euch stoßen, doch ich sah, wie gut ihr mit ihm klar kamt. Dennoch beschlich mich das Gefühl, dass er sein drittes Ass einsetzen würde. Und ich wollte mich gerade entsprechend wappnen, als ihr dann schon seinen Panzer zerschmettert hat.“
    „Dieses dritte Ass ... was war es?“, fragte Jimmy. Cephal deutete auf Herakles.
    „Das hast du mit deinem Flammenwurf gezielt ausschalten können, und dies war seine Trumpfkarte, könnte man meinen.“
    „Du meinst die Flügel?“
    „Genau die“, sagte Cephal und blickte zu Jimmy. „Ist dir Käfergebrumm ein Begriff?“
    Jimmy schüttelte den Kopf und Cephal nickte, als ob er eine Bestätigung erhalten hatte.
    „Eine selten bei Käfer-Pokémon gesehene Technik. Stell dir vor, du hättest mit einem Schlag hunderte von Bienen in deinen Ohren brummen.“
    Cephal musste lachen, als Jimmy instinktiv und in Schrecken die Hände an seine Ohren hielt.
    „Und das ist mit Max und Mimi passiert; und da beide vom Typ her gegen Käfer-Pokémon im Nachteil sind, haben sie diese Technik umso schlimmer erfahren als du und ich es hätten können.“
    „Deswegen konnten sie sich nicht rühren, als Herakles so nahe bei ihnen waren. Und deshalb konnten sie sich auch nicht verteidigen.“
    „Genau. Auf dieses Ass wollte ich euch hinweisen, bevor er mich so überrumpelt hat“


    Cephal setzte sich auf den Boden und nestelte an den Verschlüssen seines Ledermantels, der seine Flügel bedeckte. Jimmy bemerkte, dass bis auf zwei fast sämtliche der fünf Klammern geöffnet waren. Auf einen bittenden Blick von Cephal hin half Jimmy ihm dabei, diese wieder zu verschließen.
    „Ein Glück, dass ich am Ende nicht darauf zurückgreifen musste“, murmelte Cephal, mehr zu sich selber als an Jimmy gewandt. Dieser begutachtete das Lederwerk, das bis zu den Schultern des Knarksels reichte.
    „Wofür sind diese Ledermäntel eigentlich, Cephal?“, wollte Jimmy wissen.
    Gerade als dieser antworten wollte, regten sich Max und Iro zur selben Zeit. Jimmy eilte zu ihnen und half ihnen dabei, sich aufzurichten. Verwirrt blickten beide sich um. Ihr Blick fiel zuerst auf Cephal, auf die umher liegenden Reste des Kampfes und dann auf Herakles selbst. Da beiden die Verwirrung ins Gesicht geschrieben stand, erklärte Jimmy ihnen, was vorgefallen war. Nur musste er mittendrin abbrechen, weil auch Mimi wieder zu Bewusstsein kam. Und Jimmy erklärte auch ihr von vorne, wie Cephal in letzter Sekunder eingeschritten war, ihn rettete und wie er selber mit seinem Flammenwurf Herakles‘ Flügel neutralisierte. Auch wenn alle drei noch sichtlich benommen waren, so verstanden sie Jimmys Ausführungen.
    „Wir schulden dir unseren Dank, Cephal!“, sagte Mimi und versuchte sich aufzurichten, doch wackelten ihre Kniee und sie sank wieder herab. Cephal fing sie sanft dabei auf.
    „Ich denke, wir können echt von Glück reden, dass wir dir begegnet sind“, pflichtete Max ihr bei. Iro nickte zustimmend.
    „Dennoch muss ich mich bei euch entschuldigen“, sagte Cephal reuevoll. „Ich hätte euch viel früher warnen und auch rechtzeitiger eingreifen können. Dass ihr getroffen wurdet, ist mein Fehler gewesen!“
    „Mag sein“, winkte Mimi ab, „aber man kann es auch als eine überlegt zurückhaltende Strategie von dir bezeichnen. Wer weiß, was passiert wäre, wenn du dich direkt gezeigt hättest? Ich bin sicher, dass Herakles auch dich irgendwie erwischt hätte, und dann wären wir alle erledigt gewesen.“
    „Nun, in dem Fall...“, wollte Cephal ansetzen und hob seine lederbekleideten Flügel, als ein Dumpfen ertönte, gefolgt von einem Rascheln. Alle blickten sich um. Iro, der als Einziger stand, hatte sich vom Kreis entfernt und mit der Faust gegen einen nahestehenden Baum geschlagen. Durch den Schlag fielen ein paar Äpfel auf den Boden, doch Iro kümmerte es nicht. Er schnaubte wütend.
    „Dieser verdammte...!“, zischte er und schlug wieder zu. Wieder fielen Äpfel auf ihn herab. „Er hat mich doch noch K.O. schlagen!“
    „Er hat dich eiskalt erwischt“, versuchte Jimmy ihn zu beruhigen, doch Iro wandte sich mit zornig funkeldem Blick ihm zu: „Versuch es nicht, Jimmy! Ich kann das nicht auf mir sitzen lassen! Ich fordere eine Revanche, sobald dieser Mistkerl aufwacht. Dann wird er mich kennen lernen.“
    „Wenn du deine Kraft beweisen willst“, sagte Cephal tonlos, „dann wirst du dies bei einem Pokémon tun müssen, das nicht seiner eigentlichen Kampfkraft beraubt wurde. Andernfalls wäre es unnötiges Nachtreten.“
    Iro blickte von ihm zu Herakles und wieder zurück. Dann stieß er ein letztes Schnauben aus, verschränkte die Arme und wandte sich ab.
    „Er schmollt meistens, wenn er Pokémon nicht mit seiner Kraft besiegen kann“, flüsterte Jimmy Cephal und Mimi zu und das so leise, dass nur Max ihn noch hören konnte. Verständnisvoll nickte Cephal. Dann wandte er sich an Mimi: „Wie machen wir das eigentlich jetzt?“
    Verwirrt blickte Mimi ihn an. Cephal nickte an ihr vorbei zu Herakles.
    „Wir haben alle dazu beigetragen, diesen Ganoven zu schnappen. Ich würde vorschlagen, dass wir ihn nahe deiner Gilde, also in Schatzstadt, der Justiz übergeben und uns die Belohnung teilen. Wäre das in Ordnung?“
    „Wer soll sie uns denn geben? Der Auftrag wurde nicht von Oberwachtmeister Magnezone erteilt. Wenn, sollte sich der Klient oder die Klientin mit uns in Verbindung setzen.“
    „Stimmt, da ist etwas dran“, sagte Cephal und hielt inne, als ob er sich auf etwas konzentrieren würde. Dann richtete er sich auf. Er erhob seine Stimme, was Max jedoch unnötig fand, da sowohl er als auch die anderen ihn bereits gut hören konnten. Doch Cephals Blick galt nicht ihnen, sondern er blickte an ihnen vorbei inmitten des Dickichts.
    „Ich bin mir sicher, dass es der Verfasser des Auftrags kaum erwarten kann, sich bei uns zu bedanken. Er versucht erst die richtigen Worte zu finden, bevor er aus seinem Versteck kommt, nicht wahr?“
    Verwirrt folgten die Erkunder um ihn seinem Blick. Max versuchte tiefer in den Wald zu spähen, doch konnte er kein Pokémon zwischen den tiefhängenden Zweigen und Ästen erkennen. Doch Cephal schien sich sicher sein, dort jemanden zu vernehmen. Er schob seinen Fuß etwas nach vorne und schloss dabei die Augen. Umso mehr schien er an Gewissheit zu gewinnen, denn nun rief er in den Wald hinein: „Vierbeiniges Wesen, das uns aus rund zwanzig Metern beobachtet, neben einer Buche stehend. Oder ist es eine Eiche? Jedenfalls, ich weiß, dass du da hinten stehst.“
    „Wie kannst du das so genau...“, wollte Mimi ungläubig wissen, als dann auch aus weiter Entfernung tatsächlich etwas raschelte. Es kam aus der Richtung, in die Cephal gespäht hatte. Und dann schälte sich eine schlanke und grazile Gestalt aus dem Dickicht hervor. Für einen Moment dachte Max, ein wiesengrüner Cephal käme auf sie zu, denn der Kopf des Pokémon wuchs wie bei Cephal in die Breite, doch bestand er aus zur Seite wachsendem Fell,welches sich in jeweils eine Locke am Ende verlief. Dem Kopf folgte eine schlanke Gestalt, die zur Hälfte ebenfalls mit dem wiesengrünen Fell bedeckt war. Alle vier Beine endeten in Hufen, die von dem grünen Fell umzogen wurden und daher wie Stiefel wirkten.
    Die Augen des Pokémon, das in stolzer und erhabener Haltung auf sie zuschritt, wandten sich jedem der Anwesenden zu, dann ruhten sie auf Cephal: „Du verfügst über ein feines Gespür.“
    Ihre Stimme klang recht jugendhaft, fand Max.

    „Ich hatte gehofft, unentdeckt zu bleiben. Doch wollte ich mich vergewissern, dass dieser hier...“, und ihr Blick fiel verächtlich auf Herakles, „tatsächlich eurer Justiz übergeben und aus meiner Sphäre geschafft wird.Was das betrifft“, und sie verbeugte sich andächtig vor den Erkundern. „Ich danke euch! Seid euch meiner Gunst gewiss und gehet in Frieden.“
    „Vi...ri...dium...“, röchelte Herakles, als seine fast zur Gänze geschlossenen Augen sie erblickten. Doch sie gab ihm keine Aufmerksamkeit.
    „Moment...“, versuchte Mimi dazwischen zu reden, doch Viridium wandte sich, ohne sie zu beachten, um und war dabei im Wald zu verschwinden, als Max ein seltsames Gefühl beschlich. Die Art, wie sich das Pokémon bei ihnen bedankt hat, kam ihm seltsamer Weise vertraut vor. Dann fiel ihm ein, dass er ihre Stimme schon einmal gehört hatte. Jäh trat er hervor: „Bitte warte!“
    Das Pokémon hielt inne. Kaum merklich wandte Max dem Kopf zu: „Gibt es einen Grund, dass ihr mich an diesem Ort weiter festbinden wollt?“
    „Den gibt es tatsächlich“, sagte Max und trat einen weiteren Schritt. Sein Blick fiel auf den bewusstlosen Herakles und dann auf das Pokémon. „Was war der Grund, dass Herakles es auf dich abgesehen hatte?“
    „Uns hat er erzählt, dass du ihm ein Erbstück gestohlen hättest“, pflichtete ihm Cephal bei. „Gewiss, er hat nicht mit sich reden lassen, aber ich finde schon, dass wir diese Angelegenheit klären sollten.“
    Ihr Blick wandte von Max zu Cephal und wieder zurück, dann lächelte sie kühl: „Das Einzige, was ihm abhanden gekommen ist, ist seine Ehre. Doch das hat er sich selbst zuzuschreiben. An mich hat er sich nur geheftet, weil er glaubte, ich könnte sie ihm irgendwie wiedergeben. Doch wollte er mir nicht glauben, als ich ihm sagte, dass dies nicht möglich sei. Seither verfolgte er mich durch das ganze Land. Ich hoffe, das reicht als Erklärung.“
    Und wieder wandte sie sich ab und wollte verschwinden, dann wagte Max einen gewagten Versuch: „Ist es vielleicht möglich, dass du den Weg in den Geheimnisdschungel kennst? Und dass Herakles von dir eine Art Schlüssel ergattern wollte?“


    In einer gewissen Entfernung fiel ein Apfel dumpf auf den Boden. Auf der Lichtung, auf der sich die Erkunder und Viridium versammelt hatten, wehte kein Wind und alle Äste wirkten wie erstarrt. Viridium, die ihren Blick nach vorne geheftet hatte, drehte sich langsam um. Argwöhnisch nahm sie Max in Augenschein. Er glaubte für einen kurzen Moment, Unglauben, Entsetzen, aber auch eine gewisse Neugier in ihren Augen zu erkennen. Dann aber verengte sie irritiert die Augen: „Ich ... weiß nicht wovon du redest. Geheimnis... wie war das?“ „Geheimnisdschungel“, wiederholte Max nachdrücklich, ohne seinen Blick von Viridium abzuwenden. Aus seiner Ahnung wurde Sicherheit, als er sah, wie sie kaum merklich mit ihren Hufen scharrte.
    Jimmy trat an Max heran: „Bist du dir sicher, dass sie den Weg kennt?“
    „Ich erkenne ihre Stimme aus meinem Dimensionalen Schrei wieder“, sagte Max. „Und ihre Reaktion spricht für sich. Also ja, ich bin mir sicher.“
    „Nun mal langsam“, sagte Viridium, welche stolz ihren Kopf in die Höhe streckte. „Ich lasse mir doch nicht unterstellen, dass ich über irgendetwas eine Ahnung hätte, wovon ich noch nie in meinem Leben gehört habe. Ich bin zwar in vielen Wäldern dieser Welt gewandert, aber keiner von ihnen trug den Namen Geheimnisdschungel.“
    „Es handelt sich auch nicht um einen Wald, sondern um einen Dschungel, und Mew ist der Wächter, habe ich Recht?“
    Jetzt verriet sich Viridium endgültig, denn ihr Blick weitete sich erneut, sodass es auch die anderen sahen. Erschrocken blickte sie von einem zum anderen, dann seufzte sie resigniert. Als sie dann Max wieder in die Augen blickte, sah er, wie eine Herausforderung aus ihren Augen geschossen kam.
    „Woher hast du von diesem Ort gehört? Von ihm hier kannst du es nicht erfahren haben“, und sie nickte verächtlich zu Herakles hinüber. Max blieb standhaft, ohne seinen Blick von ihr abzuwenden.
    „Mew schickte nach uns“, sagte er bestimmt.
    „Das denke ich nicht“, sagte Viridium kalt lächelnd. „Mew hätte mich informiert, wenn er euch erwarten würde, was er aber nicht tat. Ich bin mir sicher, dass du dir das ausgedacht hast.“
    „Also kennst du den Ort?“, fragte Max.
    „Ich stamme von dort, wenn du das meinst“, antworte Viridium. „Und gerade deshalb bin ich mir sicher, dass du anderweitig von meiner Heimat gehört haben muss. Es ist nämlich eine strikte Regel, dass absolut niemand die Existenz des Geheimnisdschungels außerhalb seiner Grenzen verraten darf. Wenn er dies überhaupt kann.“
    „Was meinst du damit?“, fragte Jimmy neugierig. Viridium blickte ihn kühl an. Dann schüttelte sie den Kopf.
    „Wie ich schon sagte, du kannst es nicht von Mew selbst erfahren haben. Wie auch immer du von dem Geheimnisdschungel erfahren hast, ich frage dich hiermit, alles zu vergessen. Und das gilt für euch auch!“, und sie blickte sowohl Jimmy als auch Iro, Mimi und Cephal in die Augen, wobei letzterer mit seiner Klaue an seinem Kinn grübelte.
    „Es stimmt aber!“, rief Jimmy hektisch ein, als Viridium ein paar Schritte von ihnen weg gegangen war. Wütend stampfte sie mit ihren Hufen auf.
    „Ich verschwende meine Zeit nicht mit Lügnern! Geht in Frieden und lasst mich in Ruhe!“ Und sie wäre fast im Gebüsch verschwunden, als Cephals stimme sie erreichte: „Dann kannst du dich darauf einstellen, dass die Jagd nach dir mit Herakles nicht enden wird!“

    Max blickte zu ihm hin und sah erschrocken, dass Cephal ein böses Grinsen aufgesetzt hatte. Auch Viridium schien dieses zu spüren, denn sie drehte sich um und trat wieder auf die Lichtung. Ihr Blick begegnete Cephals und Max spürte, wie eine unheimliche Spannung sich zwischen diesen ausbreitete.
    „Was meinst du damit?“, sagte Viridium mit unterdrückter Wut. Cephals gemeines Grinsen wurde breiter und er fing einen Bogen um sie herum zu laufen. Ihr Blick folgte ihm, während sie standhaft an Ort und Stelle stehen blieb.
    „Ich meine nur, dass meine Gefährten hier es nicht leicht hatten mit Herakles. Er hat nicht nur Max, sondern auch Iro und Mimi außer Gefecht gesetzt. Nicht zu vergessen sind auch die anderen Erkunder, die von ihm erledigt wurden. Glaubst du etwa, mit einem einfachen ‚Danke‘ wären wir als Belohnung zufrieden?“
    „Es geht doch nicht um die Belohnung, Cephal“, versuchte Mimi ihm ins Gewissen zu reden, doch er gebot ihr mit einer erhobenen Klaue zu schweigen. Herausfordernd blickte er Viridium in die Augen: „Es wäre nur fair, wenn wir ein bisschen mehr als Gegenleistung fordern dürften, findest du nicht auch?“
    „Treibe dein Glück nicht soweit“, sagte Viridium kühl. Cephal lachte kurz auf.
    „Sonst was? Wirst du uns dann angreifen? Dann nur zu, dieser Herakles war jetzt nicht wirklich eine Herausforderung“.
    „Ich habe doch schon in meinem Schreiben an eure Gilden bereits gesagt, dass ich mich erkenntlich zeigen werde, Und ich habe mich zu erkennen gegeben und euch sogar gedankt. Ich habe mehr gegeben als ich es gemusst hätte.“
    „Mir reicht es nicht“, sagte Cephal trotzig, „jedenfalls nicht nach den Strapazen, die ich und andere auf uns genommen haben“.
    Viridium musterte ihn mit verengten Augen: „Was wäre für dich denn eine angemessene Belohnung? Ein Kuss vielleicht?“
    „Mit sowas kannst du mir nicht drohen“, lächelte Cephal schwach. „Ich habe da eine einfache Bitte an dich“.
    „Wenn du von mir verlangst, dass ich dich in den Geheimnisdschungel führen soll, dann bin ich schneller von hier weg, als du blinzeln kannst.“
    „Wer redet denn von mir? Ich will dich einfach darum bitten, dass du das Team Mystery in den Dschungel führst. Das ist alles.“
    „Du ... was?“ Viridium blickte Cephal überrascht in die Augen. „Du verlangst das nicht für dich?“
    „Wieso denn? Hast du das etwa erwartet?“, fragte Cephal. Auch dieser wirkte perplex. Als er dann Mimi und dem Team Mystery in die Augen blickte, schien er zu verstehen, woraufhin er lachte. Jetzt stand Viridium die Irritation förmlich ins Gesicht geschrieben.
    „Ich war etwas wütend, dass du Max und Jimmy als Lügner bezeichnet hast, obwohl sie die Wahrheit sagten. Und ich musste dich irgendwie hier behalten, bis du dich bereit erklärt hast, sie mitzunehmen. Tut mir natürlich Leid, wenn ich dabei etwas drohend klang.“
    Er blickte zu Max: „Ich glaube euch, wenn ihr sagt, dass ihr in diesem Geheimnisdschungel was zu erledigen habt. Und als Dank, dass ihr uns geholfen habt, Herakles zu besiegen, verhelfe ich euch dazu. Das war schließlich nicht euer Auftrag, denn den haben Mimi und ich angenommen. Daran ändert sich nichts“.
    Mit einer fieseren Stimme und mit selbst sicherem Grinsen wandte er sich wieder an Viridium: „Wenn du dem Team Mystery den Zutritt in den Geheimnisdschungel verwehren solltest, dann werde ich überall rumerzählen, dass es diesen Ort gibt und dass du dessen Geheimniswahrerin bist.“
    „Und ich nehme an, ich hätte dein Wort, dass du dies eben nicht tun würdest, wenn ich das Team Mystery in den Dschungel führte, oder?“, sagte Viridium mit schiefem Lächeln.
    Cephal nickte: „Meines und Mimis. Stimmt doch, oder?“, und er wandte sich an Mimi, die ratlos zwischem ihm und Viridium hin und her blickte. Dann aber nickte sie eifrig zustimmend.
    Viridium musterte nun sie, als würde sie Mimi prüfen wollen, ob sie vertrauenswürdig sei. Dann fiel ihr Blick auf das Team Mystery und Max sah ihr an, dass ein innerer Kampf in ihr tobte. Dann schnaubte sie lange aus, wandte sich um und ging ein paar Schritte von ihnen weg. Max spürte, wie das Gefühl von Niederlage ihn schon packte, als Viridium dann stehen blieb und zu ihnen zurück blickte: „Was ist denn denn? Wollt ihr nun zum Geheimnisdschungel oder nicht? Dann folgt mir, ehe ich es mir anders überlege!“

    Ein Gefühl der Dankbarkeit erfüllte Max‘ Brust und er sah Jimmy und Iro ebenso die Erleichterung an. Er wandte sich an Cephal, doch dieser winkte ab: „Geht schon, ihr drei. Mimi und ich kümmern uns um diesen hier“, und er ging auf den bewusstlosen Herakles zu und warf ihn sich mit einem Flügel auf seine Schulter. Mimi trat nun an Max heran: „Ich weiß zwar nicht, auf was für einen Auftrag ihr unterwegs seid, doch ich hoffe, ihr könnt mir bald mehr von eurem Abenteuer erzählen. Jedenfalls...“, und sie umarmte jedes Mitglied des Team Mysterys herzlich, „vielen Dank euch allen! Ohne euch hätten wir es nicht geschafft, Herakles zu stellen!“
    „Ich habe euer Wort!“, rief Viridium zu ihnen hinüber, „Ich weiß, wo ich euch antreffen kann. Wenn ich also erfahre, dass-“
    „Schon klar“, rief Cephal über seine Schulter, während er sich mit Herakles auf den Rückweg machte. Er hielt inne. Dann wandte er sich zu Max um: „Ich freue mich schon auf den Tag, wo wir uns wiedersehen werden! Bis dahin, macht’s gut!“
    „Wiedersehen!“, rief ihnen zu, als sie an Cephals Seite trat. „Ich bleibe für eine Weile bei Rose. Hoffentlich sehen wir uns da, wenn ihr zurückkommt!“
    Dann verschwanden sie und Cephal im Gebüsch und Max, Jimmy und Iro nickten einander zu, ehe sie Viridium folgten.
    „Damit das klar ist“, sagte sie hörbar genervt, „ich führe euch nur, weil ich keine andere Wahl habe. Und ich glaube euch immer noch nicht, dass Mew euch sehen will. Ich führe euch nur bis zum Dschungel, den Weg zu Mew müsst ihr aber selber finden, verstanden?“
    Sie wartete nicht die Antwort des Teams, sondern sie schritt ohne ein weiteres Wort zu sagen los.


    Einige Zeit später verließen sie den Apfelwald und schritten auf eine am Horizont befindliche Bergkette hinter einer weiten Ebene zu. Max, der die Wunderkarte von Ekunda vage im Gedächtnis hatte, ahnte, dass sie in Richtung Norden unterwegs waren. Jimmy, der einen ähnlichen Gedanken zu haben schien, holte im Gehen die Karte aus dem Beutel, den Max um sich herum trug.
    „Labyr-Berge“, sagte er nach einem Blick auf diese. „diese Gebirgskette ist ziemlich weitläufig. Was genau ist unser Ziel, Viridium?“
    Sie gab keine Antwort. Sie tat stattdessen, als hätte sie Jimmy nicht gehört. Als dieser sich dreimal räusperte, brummte sie genervt.
    „Ich wollte nur wissen, wohin es geht“, wiederholte Jimmy zaghaft. Max konnte förmlich das Augenrollen Viridiums hören, als sie genervt nach vorne sprach: „Wir müssen über diese Berge und dann in den dahinter liegenden Wald. Reicht das, Roter?“
    „Das wäre dann“, murmelte Jimmy und fuhr mit dem Finger über die Karte. Er deutete auf den besagten Wald, der auf der Karte abgebildet war: „Trübwald ... ich glaube, ich habe schonmal davon gehört. Ist der nicht in einem dauerhaften Nebel eingehüllt?“
    „Wie der Nebelwald etwa?“, fragte Max zurück.
    „Das weiß ich nicht. Viridium, warst du schonmal im Ne-“
    „Tu mir bitte den Gefallen und stell mir keine unnötigen Fragen, Roter!“, sagte Viridium nun sichtlich genervter. Sie beschleunigte ihre Schritte, als hätte sie es nicht eilig genug zum Ziel zu kommen. Max hatte keine Mühe, sie aufzuholen: „Entschuldige, aber ich fände es sehr nett, wenn du uns etwas freundlicher behandeln könntest. Wir wollen dir und dem Dschungel wirklich nichts Böses.“
    Viridium blieb stehen und blickte Max an: „Hör mir mal gut zu! Ich bin nicht eure Freundin, daher kann ich mit euch reden, wie es mir passt. Und ihr braucht mich, ich aber euch nicht. Wenn es euch nicht passt, dann könnt ihr meinetwegen gehen. Ich wäre froh, euch loszuwerden! Ich bekomme so oder so schon Ärger daheim, da ist es mir jetzt egal ob ihr jetzt geht und das Geheimnis um mich herum posaunt.“
    „Und warum fliehst du dann nicht von uns?“, sagte Max mit leiser Wut. Viridium verdrehte die Augen: „Weil ich nunmal zugesagt habe euch zu führen; und ich halte mein Wort für gewöhnlich und werde gewiss nicht anfangen, das zu ändern. Letztendlich will ich keinen Ärger von Mew, solltet ihr tatsächlich von ihm eingeladen worden sein, was ich immer noch bezweifle.“
    Stolz übernahm sie die Führung und Max gesellte sich wieder zu Jimmy und Iro.
    Es ging auf den Mittag zu, als sie endlich am Fuß des Labyr-Gebirges angekommen waren. Eine unebene und steile Wand aus scharfem Gestein türmte sich vor ihnen auf. Ein direkter Aufstieg oder ein Pfad, der über diese Steine führte, waren nicht zu erkennen. Jimmy nahm wieder die Wunderkarte zur Hilfe.
    „Laut der Karte gibt es wohl eine Straße, die durch die Labyr-Berge führt. Doch ... oh je ...“
    „Was ist denn?“, fragte Max. Jimmy blickte geknickt auf.
    „Der Zugang zu dieser Straße befindet sich auf der anderen Seite. Auf unserer ist hier keine Straße eingezeichnet.“
    „Das heißt, wir müssten das gesamte Gebirge umlaufen?“, brummte Iro wenig begeistert. Lange Wandertouren waren nicht das, was Iro Freude bereitete, wenn diese nicht alle paar Meter mit einem Faustkampf bestückt waren. Auch Max war nicht wohl bei dem Gedanken, Stunden damit zu verbringen, um ein Gebirge herumzulaufen. Als er selber auf die Karte blickte, stellte er bei all den eingezeichneten Wegen und Routen fest, dass diese tatsächlich auf der anderen Seite lagen, während sich vor ihnen eine unüberwindbar erscheinende Mauer auftürmte.
    „Wären wir alle doch nur Flug-Pokémon“, seufzte Jimmy wehmütig. „Wir könnten über diese Berge einfach hinwegfliegen“.
    Max blickte zu Viridium, um ihre Reaktion zu sehen. Doch wirkte diese regelrecht gelassen. Unsicher blickte sie nach links und rechts entlang der Bergkette, als suchte sie etwas. Dann schien sie es gefunden zu haben, denn sie wandte sich nach rechts und ging die Bergwand entlang. Überrascht folgte das Team Mystery ihr und Jimmy nahm die Karte unter die Lupe.
    „Wenn wir hier langgehen, brauchen wir noch länger, als wenn wir anders herum gehen würden“, sagte er mit einem Anflug von Panik. „Viridium, wir gehen in die falsche Richtung!“
    „Du meinst, deine vermeintlich akkurate Karte zeigt dir, dass wir falsch gehen?“, sagte sie gelangweilt, ohne sich umzuwenden. Max legte seine Hand auf Jimmys Kopf, um ihn zu beruhigen. Niemand hatte ihn zuvor in seiner Navigation kritisiert. Dies wollte er nicht auf sich sitzen lassen, denn er trat mit der Karte an Viridium heran: „Aber sieh dir doch die Karte an! Selbst die kleinsten Wege durch das Gebirge sind eingezeichnet, und diese liegen nunmal auf der anderen Gebirgsseite. Und wenn wir jetzt rechts gehen, dann-“
    „Roter... wie, meinst du, bin ich überhaupt zum Apfelwald gekommen? Habe ich mich vielleicht dorthin teleportiert?“
    Jimmy entgegnete dem nichts. Viridium feixte. Sie kamen an einer besonders rau erscheinenden Felswand an, vor der sich viele Geröllbrocken häuften, auf diese Viridium zuschritt. Sie ging diese ein paar Mal ab, dann ging sie hinter einem, der der Bergkette am nächsten war, und verschwand. Max dachte sich, dass sie kurz eine Notdurft ablassen musste, doch Viridium tauchte nach ein paar Minuten noch immer nicht auf. Iro fing an einen Scherz zu machen, dass Viridium ein wesentlich großes Geschäft hinter dem Felsen zu erledigen hatte, als dann ihre Stimme zu ihnen drang. Doch war sie leise, als würde sie aus größerer Entfernung zu ihnen kommen. Verdutzt blickten sich die Erkunder an, dann trat Max als Erster an den Felsen heran und sah hinter diesen. Vor sich sah er nur den hinteren Teil des Felsen, wobei die rechte Hälfte durch das Gebirge im dauerhaften Schatten verborgen war.
    Doch bedeckte der Schatten kein Gestein, sondern einen leeren Luftraum, der in tiefe Dunkelheit innerhalb der Felswand führte. Jimmy trat heran und musste auch vorausgehen, da sein Feuer die Dunkelheit vertrieb und einen tiefen und niedrigen Höhlenkorridor beleuchtete. Iro musste sich ducken, um diesen zu begehen. Kühle und nach Erde riechende Luft empfing, als sie ein paar Meter diesen Korridor beschritten. Dann war Tageslicht am Ende zu erkennen, das einen kleinen Felspfad beleuchtete, der wieder nach oben führte. An der Stelle war die Decke sehr niedrig und Iro musste sich etwas mehr als er es gewohnt war verbiegen, um durchzupassen. Draußen wurden sie von Viridium empfangen, welche schadenfroh dieses Schauspiel betrachtete.
    „Wenn du größer gewesen wärst, Blauer, hättest du wirklich um das gesamte Gebirge laufen müssen. Und was deine ach so akkurate Karte betrifft, Roter“, wandte sie sich dann an Jimmy zu. „Es gibt Dutzende Schleichwege, die nur wenigen, meistens Räubern, bekannt sind. Ihr könnt euch glücklich schätzen, dass ich euch diesen hier gezeigt habe, denn sonst hättet ihr eurer Karte folgen müssen.“ Sie konnte sich ein höhnisches Kichern nicht verkneifen, ehe sie sich dem Weg, der vor ihnen lag, zuwandte. Der Weg wurde wieder breiter, auch wenn er mit sehr vielen spitzen Gesteinsbrocken übersät war. Und da dieser von beiden Seiten von Bergwänden eingeschlossen war, lag er im Schatten. Es war, als befänden sie sich nun in einer kleinen Schlucht.
    „Wir müssen nur noch diesem Weg folgen, dann sind wir auch fast im Trübwald“, sagte Viridium mit einem Nicken in Richtung des Weges, als das Team Mystery sich näherte. Dort, wo sie stand, war der Boden weniger unfreundlich und Jimmy ließ sich seufzend auf seinen Hintern fallen. Viridium funkelte ihn an.
    „Nicht trödeln, Roter!“, sagte sie gereizt. Jimmy hob eine Hand.
    „Nach der Begegnung mit Herakles haben wir uns nicht gerade ausruhen können. Und wir sind jetzt die ganze Zeit über gewandert. Können wir nicht eine Pause einlegen?“
    „Es mangelt dir wirklich an Ausdauer, nicht wahr?“, sagte Viridium leise.
    „Und tu nicht so, als hättest du keine harte Zeit gegen ihn gehabt“, brummte Iro, der sich schnaufend an eine der Felswände lehnte. Auch Max fühlte, wie sich die Strapazen vom Kampf und von der Wanderung in seinen Gliedern bemerkbar machte. Offenbar hatte ihn die Aussicht, bald den Geheimnisdschungel zu sehen, mit Energie versorgt, die jetzt aber nachließ. Besorgt richtete sich sein Blick nach oben zum Himmel, der zu beiden Seiten von schwarzem Gestein durchzogen war.
    „Du sagtest, dass dieser Schleichweg auch Räubern bekannt sei, Viridium?“, sagte er. Viridium warf ihm einen Seitenblick zu, ehe sie sich wieder nach vorne wandte.
    „Ich bin ein paar von ihnen begegnet, als ich das letzte Mal hier durchgegangen bin. Doch das war keine nennenswerte Begegnung, ich hätte diese fast schon vergessen.“
    „Das heißt, sie sind nicht gerade bedrohlich, oder?“
    Viridium blickte Max nun direkt an. Erschrocken erkannte Max die Empörung in ihren Augen.
    „Diese ‚Räuber‘ sind ein Witz, Grüner! Selbst er hier-“, und ihre Augen huschten in Richtung von Jimmy, „hätte es spielend leicht mit ihnen. Jedenfalls braucht ihr mit dem, was ihr drauf habt, keine Angst zu haben.“
    „Wenn du wüsstest, was wir schon zu dritt oder schon zu zweit alles bewerkstelligt haben...“, sagte Max und setzte sich zu Jimmy auf den Boden. Auffordernd blickte Viridium in die Runde: „Ihr habt mich darum gebeten, euch zum Geheimnisdschungel zu führen. Ich habe zwar zugesagt, dies zu tun, doch könnt ihr nicht von mir verlangen, dass ich warte, bis ihr euch ausgeruht habt.“
    „Dann geh doch einfach vor?“, schlug Iro knirschend vor. Viridium blickte leicht errötet an, dann lachte sie kurz auf. „Meinetwegen. Ich gehe dann einfach vor und ihr kommt rechtzeitig nach. Doch gebt mir nicht die Schuld, wenn ihr mich aus den Augen verliert!“
    „Wäre es für dich nicht die Chance, ganz abzuhauen?“, sagte Max. In seinen Augen funkelte nun die Herausforderung, die Viridium auch verstand. Kühl begegnete sie seinem Blick: „Grüner, ich wäre euch schon etliche Male losgeworden, hätte ich die Chance ergriffen. Leider bindet mich mein Versprechen an euch. Doch auch dieses hat seine Grenzen. Strapazier sie nicht!“

    Einige Zeit lang blickten sich beide an, dann nickte Max zustimmend: „Wir brauchen nicht lange, gib uns fünf Minuten, dann beeilen wir uns damit, dich einzuholen.“
    „Einverstanden“, sagte Viridium und sie drehte sich. Über ihre Schulter rief sie: „Aber ich werde nicht auf euch warten, sollte ich am Trübwald ankommen!“, ging dann voraus.


    Eine halbe Stunde später, als sie das Ende des Schleichweges erreichte, blickte sie zurück. Ihr hoffnungsvoller Ausdruck schwand, als sie die drei Erkunder in einiger Entfernung auf sich zuspurten sah. Ihre Miene glättete sich und sie empfing mit das Team mit gespielt freudiger Miene. Dieses brummte missvergnügt, worüber sie sich doch wunderte.
    „Was ist mit euch passiert? Ausgeruht sieht aber anders, oder?“
    „Die Räuber, von denen du uns sagtest, sie würden keine Bedrohung darstellen“, sagte Max und Jimmy deutete auf seinen Kopf, während Iro seinen Arm hochhielt. Auf beiden befanden sich frische Kratzer und kleinere Schürfwunden.
    „Sie haben uns von oben überrascht, und zwar mit einer Steinlawine!“, rief Jimmy aus. Max blickte wütend zu Viridium: „Du hättest uns sagen müssen, womit wir es genau zu tun haben!“, sagte er.
    Viridium verzog dabei keine Miene: „Ihr habt die Begegnung doch überstanden, oder nicht?“
    „Tu nicht so!“, rief Jimmy gereizt. „Sie sagten uns, dass sie von dir beauftragt wurden, jeden, der dich verfolgt, aus dem Weg zu räumen.“
    Viridum blickte nachdenklich drein, dann dämmerte es ihr: „Stimmt, habe ich total vergessen. Mein Fehler, bitte verzeiht. Wenn ihr fertig mit Jammern seid, können wir weiter?“
    „Werden uns im Nebelwald ebenso welche erwarten, die uns für dich erledigen sollten?“
    „Letztens bin ich ihnen nicht begegnete“, warf Viridium schmunzeld zurück. Nachdem sie ein paar Schritte gegangen war, wandte sie sich dem Team Mystery wieder zu: „Das war ein Scherz, falls das nicht offensichtlich gewesen sein sollte. Wollt ihr mir nun folgen oder nicht?“
    „Ich hätte Lust, Nein zu sagen“, murrte Jimmy und Iro räusperte sich zustimmend.
    Auch wenn Max sich ebenso angenehmere Gesellschaft vorstellen konnte, so blieb ihm und seinen Freunden keine andere Möglichkeit als Viridium zu folgen.


    Sie erreichten den Anfang eines Waldes, dessen dunkle Baumstämme und dichte Baumkronen für eine trübe Dunkelheit sorgten, die bereits von Spuren eines gräulichen Nebels durchzogen wurde. Viridium wandte sich Jimmy zu: „Du solltest dein Feuer möglichst klein halten, Roter. Zwar gibt es hier keine Räuber, doch manche Bewohner dieses Waldes können ziemlich ungehalten sein, wenn sie Fremdlinge entlang ihrer Bäume gehen sehen.“
    Mit einem Flackern ähnelte die Flamme, die an Jimmys Hintern brannte, der einer Kerze und dicht zusammen betraten die vier Pokémon den Wald. Nur wenige Schritte empfing sie dichterer Nebel, sodass sie nicht weiter als einen Nebel sehen konnten. Jeder Ast, der in ihr Sichtfeld kam, wirkte wie ein knorriger Arm, der sie von oben herab angreifen wollte. Max hörte Jimmys nervöses Keuchen und das Knacken der Knöcheln von Iros Fäusten. Viridium schien jedoch gelassen ihren Weg zu finden. Über Hebungen und Senkungen und über einen halb verwitterterten Baumstamm, der über eine tiefere Grube führte, fanden sie ihren Weg durch den Trübwald. Das Gefühl, dass irgendetwas in dem Nebel lauerte, ließ Max nicht los, doch fühlte auch er sich sicher, zumal seine Freunde als auch Viridium anwesend waren. Hin und wieder warf er einen Blick nach hinten und vergewisserte sich, dass sowohl Jimmy als auch Iro noch immer da und nicht zwischenzeitlich verschwunden waren.

    Wenige Augenblicke später passierten sie zwei dicht beieinander stehende Bäume und Max hatte das Gefühl auf eine Lichtung getreten zu sein. Viridium hielt inne.
    „Wir sind da“, sagte sie mit einem Blick zu beiden Seiten. Panflam trat an ihre Seite und blickte aufgeregt von einer Seite zur anderen.
    „Sind wir im Geheimnisdschungel angekommen?“, sagte er. Viridium druckste
    „Ich hätte euch längst verlassen, wenn dem so wäre. Doch wir sind so gut wie da. Seht her.“
    Und sie stieß einen langsamen und melodischen Pfiff in den dichten Nebel vor ihnen hinein, der in diesem widerhallte. Es vergingen einige Sekunden und Max hatte den Eindruck, dass das, was Viridium vorhatte, nicht geklappt hatte. Er war in der Erwartung, dass sie es wieder versuchte, als er es dann hörte.


    Ein Quietschen wie das einer rostigen Schraube. Und es kam aus dem Nebel heraus auf sie zu, denn es wurde immer lauter und deutlicher zu vernehmen. Und das Team sah, wie ein geisterhaft blaues Licht sich in dem trüben Grau auftat, das wenig später von zwei darüber liegenden gelben Lichtern begleitet wurde. Als sich dann eine schattenhafte Silhouette diese umfasste, wusste Max, dass sich ein Pokémon ihnen näherte. Ein Pokémon, dessen Körperbau Ähnlichkeiten mit einer altertümlichen Laterne aufwies. Ein blaues Feuer brannte innerhalb einer Glaskugel, von der ein gelb leuchtendes Augenpaar auf die Erkunder herabblickte. Das Pokémon wackelte in der Luft, als es wäre mit der Spitze seines schwarzen Laternenhuts an diese gehängt. Lippen besaß es keine. Die Laterne blickte stumm erst auf Max, dann auf Jimmy und Iro. Letztlich blickte es Viridium an, die sanft und freundlich lächelte.
    „Ich habe drei Pokémon, die in das Geheimnis eingeweiht werden. Zeige ihnen bitte den Weg.“

    Die Laterne schang nach hinten, was einem Nicken gleichkommen sollte. Sie drehte sich wie von Geisterhand in der Luft um und schwebte langsam von ihnen weg zurück in den Nebel. Rasch wandte sich Viridium an die Erkunder: „Weicht nicht vom Weg, den Lucien vor euch geht. Nimmt jede Kurve, die er nimmt, ganz gleich, ob sie nach vorne, zur Seite oder nach hinten führt. Und nun beeilt euch!“
    Sie bugsierte das Team dazu, der Laterne zu folgen. Es war am Anfang für das Team schwierig, ihre Geschwindigkeit der Laterne anzupassen, die mal schemenhaft, mal deutlicher zu erkennen war. Sie beschrieb einen seltsamen Weg. Die ersten Schritte schwebte sie geradewegs voraus, dann nahm sie eine scharfe Rechtskurve, nur um dann mit einer scharfen Linkskurve wieder in dieselbe Richtung wie am Anfang zu gehen. Manchmal blieb sie mitten in der Luft stehen und schwebte wieder zurück. Viridium musste die Erkunder immer wieder daran erinnern, es der Laterne möglichst genau gleich zu tun. Dies bedeutete, dass sie an der exakt gleichen Stelle anhalten und umkehren sollten. Dieses Hin und Her zog sich über mehrere Minuten und Max fing an zu zweifeln, ob die Laterne überhaupt wusste, was sie tat.
    „Sie weiß sehr wohl, was sie tut!“, erboste sich Viridium, als Max sie über seine Schulter hinweg darauf ansprach, der er die Laterne nicht aus den Augen verlieren wollte.
    „Lucien weiß als Einziger, wie er den Weg vom Trübwald in den Geheimnisdschungel zu gehen hat. Niemand anderes kann sich den Weg merken und keiner kann sich die Zeit erlauben, den Weg zu protokollieren.“
    „Doch ich habe das Gefühl, wir bewegen uns von kaum von der Stelle, so oft wie wir hin und her, vorne und zurück gehen“, rief Jimmy dazwischen. Wieder hörte Max, wie Viridium die Augen verdrehte.
    „Roter, kannst du eins und eins nicht zusammenzählen?“
    „Was soll das heißen?“, fragte Jimmy hörbar verwirrt.
    „Du kannst hier und sonst wo auf der Welt laufen soweit du willst: Nie wärst du in der Lage, über den Geheimnisdschungel zu stolpern.“
    „Aber wie soll das möglich-“
    „Der Dschungel befindet sich in einer anderen Dimension“, dämmerte es Max. Viridium gratulierte ihm zu dieser Erkenntnis.
    „Vor vielen Jahren hatten wir im Geheimnisdschungel ziemlich unangenehmen Besuch. Um zu verhindern, dass er weiterhin für jene, die uns Schaden zufügen wollten, zugänglich war, hat ein mächtiges Pokémon die Gnade walten lassen und den gesamten Dschungel in einer anderen Dimension versteckt. Nur vier Portale gibt es weltweit und jeder der vier Kontinente enthält eines dieser Portale. Und das von Ekunda ist hier im Trübwald verborgen.“
    „Kann man trotzdem nicht Gefahr laufen, dass man durch Zufall über dieses Portal stolpert und damit in den Dschungel gelangt?“, sagte Iro skeptisch.
    Die Erkunder schlugen eine rechtwinklige Kurve nach rechts ein und gingen in gerade Richtung. Max hatte das Gefühl verloren, ob sie jetzt nach Rechts vom Startpunkt aus gesehen gingen oder wieder gerade aus. Doch er schien zu ahnen, warum sie all das taten.
    „Was das Portal hier betrifft, so hat das den Raum kontrollierende Pokémon einen Zusatzweg eingebaut, den er nur einem Pokémon beigebracht hat. Nur dieses ist dann neben der Gottheit in der Lage, den Weg in und auswendig zu kennen. Und das ist nunmal Lucien, der gerade vor uns schwebt. Und ich muss sagen, dass dies eine sehr effektive Methode darstellt. Eine kleine Abweichung vom Weg, den Lucien vor einen geht, und schon müsstest du von Neuem anfangen, den zu gehen. Daher sagte ich euch, dass ihr den Weg genaus gehen müsst, wie Lucien es euch vorgemacht hat.“
    „Hat?“, sagte Max verwirrt und wagte es nach hinten zu blicken. Viridum nickte nach vorne und Max sah beim Zurückblicken, dass Lucien inmitten der Luft vor ihnen verharrte.
    „Glückwunsch“, sagte Viridium müde lächelnd. „Ihr habt die Prüfung von Lucien, dem Laternecto, bestanden. Einfach jetzt unter ihm hergehen.“


    Max tat, wie Viridium es beschrieb. Dankend wandte er sich an Lucien, der daraufhin als Antwort quietschte. Als Max unter ihm trat, spürte er augenblicklich, wie sich die Atmosphäre veränderte. Fremdartige und vielseitige Gerüche stiegen in seine Nase und auch befremdliche Geräusche erreichten sein Ohr. Während vorher die Luft kühl und feucht war, so war sie jetzt wärmer und tropischer. Max blickte sich nach hinten und er lächelte Jimmy und Iro zu, de genauso vom plötzlichen Wechsel überrascht waren. Auch wenn sie noch nicht viel durch den Nebel sehen konnten, sie waren im Geheimnisdschungel angekommen.

  • Hallo Silvers,

    du hast um einen Kommentar zu deiner Geschichte gebeten, also bekommst du einen, auch wenn du mit mir vorlieb nehmen musst. ^-^


    Mit deinem Storyansatz hast du dir ja einiges vorgenommen, Hut ab. Zum Glück kenne ich die Geschichte von PMD2 und kann mit den Anspielungen etwas anfangen, allerdings ist mein Eindruck, dass man auch ohne dieses Wissen alles versteht, was ich sehr gut finde. Dass von allen Charakteren aus dem Original ausgerechnet Krebscorps seinen Weg hineingefunden hat, ist schon kurios, aber nett.


    Loben will ich vor allem, dass du es schaffst, alle Figuren relativ gut zu charakterisieren. Am langweiligsten ist vielleicht noch Max als Protagonist, aber alle anderen gefallen mir sehr gut, weil sie auch so unterschiedlich sind. Besonders herausheben möchte ich Cephal, bei dem ich mir anfangs nicht sicher war, ob er nicht in Wahrheit ein Komplize des gesuchten Ganoven ist, und Viridium, das seine Überheblichkeit tatsächlich auf Dauer durchhält, ohne dass es aber nervt. Aber auch die kleinen Rollen wie das Wie-Shu oder der schweigsame Lucien sind dir gelungen. Es ist schön zu sehen, dass du dich nicht stur an der Handlung entlanghangelst und möglichst schnell zu den sieben Wächtern kommen möchtest, sondern viele Dialoge und Szenebeschreibungen mit einbaust. Und trotzdem lernt man die Charaktere spätestens ab Kapitel 4 auch über ihre Taten kennen, Rose ist mir in der Hinsicht ebenfalls aufgefallen mit ihrem Sinelbeerensaft. Der Traum in Kapitel 3 hat mich im Übrigen erfolgreich verstört, auch wenn er zur Geschichte ansonsten wenig beiträgt.


    Vom Formalen her mag ich deinen Stil (dass ich alle 5 Kapitel gelesen habe, sagt ja schon mal einiges), auch wenn es hier und da mal aus Versehen ein Wort fehlt oder vielleicht ein anderes besser gepasst hätte. Auf eines möchte ich kurz hinweisen, was aber nicht nur auf dich zutrifft, und das ist die Verwendung von dieser/diese/dieses, die ich an manchen Stellen etwas gehäuft finde. Ob es eine Regel gibt, wann man das Wort verwenden sollte, weiß ich gar nicht, aber in meinen Ohren klingt es ohne oft besser, weil es dezenter klingt, wenn eine extra Heraushebung gar nicht nötig ist.

    Noch eine Kleinigkeit: Die Schriftgröße bis Kapitel 4 ist recht groß, wenn man normalerweise Schriftgröße 10 aus dem Forum gewohnt ist. Ich habe in meinem Browser einfach eine Stufe herausgezoomt, damit es angenehmer zu lesen war. Falls das aber Absicht ist, will ich nichts gesagt haben.

    Ansonsten möchte ich den Startpost loben, der einen ganz guten Überblick bietet und ein paar wichtige Dinge erklärt, aber auch nicht zu viel vorwegnimmt. Hat mir auf jeden Fall sehr weitergeholfen, um reinzukommen.


    Ein paar Worte noch zum aktuellsten Kapitel: Mir ist aufgefallen, dass darin ein paar Mal das Setting wechselt, aber die Übergänge sind immer fließend. Außerdem wurde die Erzählung nicht langweilig, weil immer noch etwas unerwartetes passiert, wie die Steinschlagräuber und der letztendliche Weg in den Geheimnisdschungel. Ich hoffe, es gelingt dir, das durchzuhalten. Der dimensionale Schrei ist ein etwas simples Element, um die Handlung voranzubringen, aber da das in den Spielen schon so ist, nehme ich es mal als gegeben hin. Oh, und das mit den Cliffhangern scheinst du draufzuhaben.


    An ein paar Stellen bin ich über die Tiervergleiche (hühnerartig, schimpansenartig, etc.) gestolpert, weil sie im Kontext einer Pokémonwelt nicht ganz passen wollen. Oder gibt es in deiner PMD-Welt auch weiterhin Tiere? Im Gegenzug finde ich es aber toll, wie sowohl beim Kampf gegen Gengar (auch wenn nur davon erzählt wird) als auch gegen Herkules klar wird, dass die Mitglieder von Team Mystery zwar nicht unerfahren sind, aber trotzdem sehr auf Teamwork setzen und nicht etwa übermächtig sind. Die Fähigkeiten der Einzelnen herauszuarbeiten, ist dir echt gut gelungen. Mimis Fähigkeit ist vielleicht etwas OP (ich dachte im Übrigen erst, sie wäre ein Ditto, das nur meistens als Guardevoir erscheint), aber du hast sie dann ja gut erklärt.


    Ich bin gespannt, wie es weitergeht!

    Und plötzlich schien ein neuer Kontinent

    am Horizont, wir sind noch lange nicht am End’!
    __________________________________________________________- Flocon

    2 Mal editiert, zuletzt von Mandelev ()

  • Hallo Silvers,


    die Dämonenlegende ist mir persönlich zu einem Teil bekannt und beim Durchlesen der fünf Kapitel hatte ich schon einige Male ein vertrautes Gefühl. Im direkten Vergleich hast du aber ausreichend erweitert und vor allem Geschehnisse und Dialoge besser strukturiert, sodass aus der Handlung noch mehr herausgeholt wird. Zum größten Teil ist das auch angenehm zu lesen, wobei ich sagen muss, dass einige Wortwechsel eher anstrengend sein können. Speziell die zwischen Jimmy und Iro neigen dazu, nicht witzig zu sein, obwohl sie sich teils schlagfertige Aussagen zuwerfen und das hat besonders bei den vielen Neckereien irgendwann einen etwas faden Beigeschmack. Selbiges Problem tritt auch bei Viridium auf, wobei sie sich zum Ende hin schon etwas offener gegenüber der Gruppe gezeigt hatte. Eventuell würde es helfen, hier mit animehaften Dialogen etwas zurückzufahren.

    Die Geschichte an sich ist nach wie vor interessant. Obwohl von Anfang an klar ist, worauf der Plot hinauslaufen wird, ist der Weg das Ziel und es wird spannend zu sehen, was Team Mystery auf der Suche nach den Legenden alles erlebt. Die Suche nach dem Geheimnisdschungel war hier schon interessant gemacht und mit einer großen Gruppe an Charakteren, die ihren Auftritt feierte, sowie einer launischen Wegbegleiterin hat sich doch einiges getan. Obwohl mir auf dem Weg durch den Dschungel äußerliche Details etwas gefehlt haben, hat mir Laternecto als führendes Licht durchaus zugesagt.


    In diesem Sinn: Wir lesen uns!

  • 6
    Flora und Fauna des Geheimnisdschungels



    Regen fiel. Während sich das Team Mystery durch den lichter werdenden Nebel schlug, wurden die Geräusche lauter, die sie empfingen. Durchgehendes Gezwitscher sowie das Trommeln des Regens ergaben einen harmonischen Rhythmus, zu dem man durchaus hätte einschlafen können, wie Max fand. Hinter sich hörte er Jimmy fluchen. Ein Feuer-Pokémon wie er es war hatte verständlicherweise eine Abscheu gegen Regen und umso lauter fluchte Jimmy, als er in ein kleines Schlammloch fiel, das Max unbewusst verfehlt hatte. Von Iro, der als Drittes sich aus dem Nebel schälte, war ein unterdrücktes Kichern zu vernehmen.

    Als sie den letzten Rest des Nebels verließen, bemerkte Max, wie eine bisher unbemerkte Taubheit ihn verließ. Jäh spürte er, wie er bis zum Bauch inmitten von großblättrigen Pflanzen stand, die kreuz und quer in alle Richtungen wucherten. Im Dunkeln vermischten sie sich zu einem dunkelgrünen undurchsichtigen Geflecht und Max musste behutsam seine Schritte tätigen, um sich so geschickt wie möglich durch dieses bewegen. Er fragte sich, ob der gesamte Dschungel von so einem Pflanzengewirr überzogen war, denn dieser Anblick erfüllte sein gesamtes Blickfeld. Ein erneutes Fluchen von Jimmy ließ ihn wieder zurückblicken. Max stutzte, als er nur Iros große blaue Gestalt und Viridiums schlanken Körper aus dem Dickicht herausragen sah. Dann aber blickte er nach unten und er konnte so gerade noch die orange-rötliche Schädeldecke von Jimmy sehen, die sich hektisch nach links und rechts drehte.

    „Benötigst du Hilfe?“, fragte Max, der über diesen Anblick leicht amüsiert war.

    „Nein“, brummte Jimmy trotzig, doch dann senkte sich seine Schädel etwas. „Vielleicht doch“, und die Schädeldecke drehte sich zu Iro um. Zumindest glaubte sie es, dies zu tun, denn sie drehte sich nicht vollständig zu ihm um und blickte an ihm vorbei. „Iro, meinst du, ich könnte…“, doch ein brummendes Vergiss es von Iro ließ Jimmy verstummen. Er wollte schon Viridium fragen, doch bevor er die Frage stellen konnte, besann er sich darauf, diese Sinnlosigkeit nicht auszusprechen.


    „Na gut, dann werde ich mir meinen Weg frei brennen, wenn es unbedingt sein muss“, und zu Max‘ Schrecken holte er schon Luft, als blitzartig Viridium an seine Stelle und seinen Schädel mit ihrem Huf in das Dickicht hineindrückte. Max war bestürzt über den Ausdruck, der in ihrem Gesicht lag. Kalte Wut stand ihr ins Gesicht geschrieben.

    „Wag es ja nicht!“, zischte sie scharf. Forsch blickte sie daraufhin zu Max. „Sorg dafür, dass er sein Feuer für sich behält, klar?“

    „Ich würde aufpassen“, kam es gedämpft aus den Pflanzen heraus. Jimmy schien mit seinem Gesicht auf den Boden gepresst zu werden, und das Rascheln ließ den Eindruck zurück, dass er sich dagegen sträubte. Max, noch immer bestürzt, sicherte Viridium die Vorsicht zu und bat sie, von Jimmy wegzutreten. Nachdem sie einige Sekunden lang sich vergewissert hatte, dass Max die Warnung verstanden hatte, trat sie endlich zurück. Sofort tauchte Jimmys Schädeldecke wieder. Man hörte ihn Dreck ausspucken. Iro verdrehte die Augen und griff mit seinem dicken Arm in das Dickicht hinein und zog kurz darauf Jimmy hervor, der überall mit Dreck und kleinen Blättern übersät war.

    Ohne das Team eines weiteren Blickes zu würdigen schritt Viridium an ihnen vorbei. Sie folgten ihr durch die Pflanzen, welche mit jedem Meter ihre Formation veränderten. Mal wuchsen sie zu einer Seite sehr, sodass man auf der anderen relativ frei gehen konnte. Dann aber türmten sie sich wie eine Flutwelle auf, sodass das Team Mühe hatte, mit Viridium Schritt zu halten, die so elegant durchschritt, als würden ihr die Pflanzen freiwillig Platz machen. Ziemlich oft blickte Max nach hinten, um zu prüfen, dass sich Iro und Jimmy sich nicht in diesem Wirrwarr verfingen. Iros große Gestalt verfing sich so in den feinen, aber doch kräftigen und stabilen Ranken, dass er stehenbleiben musste, um brummend diese von sich zu reißen. Jimmy hatte er auf seine Schulter gesetzt. Doch er ist so schnell runter geglitten, dass er sich mit beiden Händen an Iros kräftigem Hals festhielt. Man sah es dem Impergator deutlich an, dass ihm dies Situation ganz und gar nicht behagte.


    Endlich dann kamen sie an eine Stelle, die einer Waldlichtung ähnelte. Hier konnten sich alle drei relativ freier bewegen und Jimmy glitt ebenso erleichtert wie Iro auf den Boden und legte sich rücklings auf diesen. Seinem Gesichtsausdruck nach schien dieser Boden bequem zu sein. Und auch jetzt spürte Max, wie er endlich einmal aufatmen konnte, seit sie unterwegs waren. Er konnte es noch nicht ganz realisieren, dass sie es tatsächlich in den Geheimnisdschungel geschafft hatten, dessen Existenz kaum jemandem bekannt war. Er fühlte sich wie damals, als er mit Jimmy den Weg zum Nebelsee entdeckte. Um ihn herum erstreckte sich ein gänzlich fremder Ort und er wusste, dass etwas großes, etwas mächtiges, etwas besonderes erwartete. Dies stellte einen Moment dar, wo er Jimmy um ein Vielfaches dankbar war, dass sie zusammen damals beschlossen hatten, der Knuddeluff-Gilde beizutreten. Er wandte sich an Viridium, die das Team ungeduldig beobachtete. Ihrer Haltung nach konnte sie es kaum erwarten, die drei endlich zu verlassen. Bei dem Gedanken, dass sie gleich auf sich gestellt sein würden, stieg Max eine Beklommenheit hervor. Doch sein Blick wandte sich an Jimmy, der sich wieder aufgerichtet hatte, und nun zu einer mit dichtem Moos bewachsenen Stelle der Waldlichtung schritt. Von ihm kam ein leichtes Knurren. Auch von Iro kam ein Knurren, woraufhin sich ein Knurren bei Max meldete, welches aus seiner Magengegend kam. Ihm fiel ein, dass sie seit dem Frühstück bei Rose nichts mehr gegessen hatten. Er blickte wieder zu Jimmy, der begierig ein paar große Pilze mit großem Hut begutachtete, der fast bis zum Boden fiel. Max war sich sicher, dass Jimmy daran dachte, diese erst mit Feuer braten und dann essen zu wollen. Und obwohl ihm die Idee aufgrund seines knurrenden Magens nahezu verführerisch vorkam, so drang trotz des lauten Magens die Stimme der Vernunft zu ihm durch, die ihn ermahnte, nicht so einfach wildfremde Pilze aufzuheben, geschweige sie essen zu wollen. Umso erschrockener stellte er fest, dass Jimmy tatsächlich drauf und dran, einen Pilz in die Hand zu nehmen.

    „Jimmy, nicht!“, rief Max ihm zu und zum Glück hielt Jimmy inne und blickte verwirrt zu ihm hinüber. Ehe er was sagen konnte, meldete sie sich Viridium mit einem bedeutsamen Nicken zu Wort: „Hör besser auf das, was dein Anführer sagt. Es sei denn, du willst für eine sehr lange Zeit außer Gefecht sein.“

    Jimmy, der mit sichtlichem Hunger von Max zu Viridium und dann zum Pilz blickte, blickte einige Sekunden sehnsüchtig die Pilze an, dann aber trat er zurück. Viridium näherte sich der Stelle: „Siehst du das Sekret, das von der Huthaut abgesondert wird? Dies ist ein schnell wirkendes Nervengift. Schon der Hautkontakt genügt, dass es dich betäubt und du in einen sehr tiefen Schlaf fällst.“

    „Und der wächst einfach so inmitten des Dschungels?“, rief Jimmy erschrocken. Max und Iro traten hinzu, um die Form des Pilzes zu betrachten.

    „Nun ja“, sagte Viridium, die sich wiederrum von der Gruppe entfernte, „wir, also die Bewohner des Dschungels, wissen natürlich, wie man diese umgeht. Ich habe nur für eine Weile … vergessen, dass ihr nicht von hier seid. Ich wollte gerade dich warnen, da hat dein Anführer es schon für mich erledigt.“


    Max warf einen Seitenblick auf Viridium. Er glaubte ihr zwar, dass sie rechtzeitig eingeschritten wäre, doch sah er es ihr, dass sie deswegen einen innerlichen Konflikt hatte und dass es ihr nichts ausgemacht hätte, Jimmy in so einen Tiefschlaf fallen zu sehen. Leichte Wut stieg in ihm auf, doch er besann sich zur Ruhe. Er deutete mit einem Klopfen auf Jimmys und Iros Schultern an, sich etwas von dem Pilz zu entfernen, der nach wie vor durchaus schmackhaft aussah. Sie wandten sich an Viridium und Iro blickte grimmig zu ihr hin.

    „Gibt es noch irgendetwas, vor das du uns warnen willst?“

    Sie begegnete seinem Blick mit einem kühlen Lächeln. Dann schüttelte sie sanft mit dem Kopf:

    „Das Einzige, worauf ihr achten müsst, ist lediglich, dass ihr diese Art von Pilzen vermeidet anzufassen und dass ihr euch mit dem Feuer“, und ihre Stimme wurde schärfer, „zurückhalten werdet! Ihr werdet nur unnötig Aufmerksamkeit erregen und euch Ärger einhandeln.“

    „Von wem denn?“, antwortete Iro herausfordernd. „Von dir? Oder von Mew?“

    Viridium blieb dessen unbeeindruckt. Sie machte auf dem Absatz kehrt, doch in der halben Drehung wandte sie sich dem Team zu: „Haltet euch bedeckt und ihr werdet ohne behelligt zu werden zu Mew gelangen.“

    „Was das betrifft“, warf Max ein, denn Viridium hatte sich schon umgedreht und war drauf und dran in den Dschungel zu verschwinden. Sie wandte ihren Kopf ihm zu, ohne etwas zu sagen. Max verstand, dass sie seine offenbar letzte Frage abwartete: „Wo können wir Mew finden? Wie gelangen wir zu ihm?“

    Einige Sekunden verstrichen. Dann wandte sich Viridium an Max und ein Lächeln kräuselte ihren Mund: „Ihr seid Erkunder, oder nicht? Ihr könnt doch bestimmt selber euren Weg zu Mew finden.“

    Dann verschwand sie im Dickicht, ohne das leiseste Geräusch zu erzeugen. Das Team Mystery blickte eine Weile in die Richtung, ehe dann Jimmy seufzte.


    „Was tun wir jetzt?“, wandte er sich an seine beiden Kollegen. Max blickte sich um. Er horchte in den Dschungel hinein. Der Regen hatte mittlerweile aufgehört und Vogelgesang war umso deutlicher zu vernehmen. Zwar stieg ihm das Gefühl auf, beobachtet zu werden, doch bei dem Leben, das um sie herum stattfand, freundete er sich rasch mit dem Gedanken daran, sich daran gewöhnen zu müssen. Er blickte in die Gesichter der anderen, die ihn erwartungsvoll anblickten.

    „Wir sollten uns erst einmal einen Überblick verschaffen“, sagte er nach einigem Überlegen und er blickte an den umstehenden Baumstämmen entlang nach oben in das Blätterdach, durch das nun vereinzelt schwaches, gelbliches Licht fiel. Die Rinden der Bäume wirkten sehr rau, doch boten sie für einen erfahrenen Kletterer einen gewissen Halt. Mit einem prüfenden Blick war sich Max sicher, dass man ab einer gewissen Höhe sehr gut bis zur Spitze klettern konnte. Er konnte dickere Äste und auch miteinander verschlungene Ranken erkennen und mit einem vielsagenden Blick wandte er sich an Jimmy. Dieser verstand und nahm Anlauf. Kurz vor einem naheliegenden Baum sprang er in die Höhe und griff geschickt in dessen Rinde. Jimmy, dem als Schimpanse das Klettern in den Genen zu liegen schien, nutzte den Schwung des Anlaufs, um kurz angewinkelt auf dem Baumstamm sich abzusetzen, dann drückte er sich mit seinen Füßen nach oben und beinahe instinktiv packte er sowohl mit seinen Händen und Füßen an Stellen, die ihm am griffigsten waren. In einem Zusammenspiel von Hand- und Fußarbeit kletterte er innerhalb von zehn Sekunden bis zum blätterdichten Baumkronenbereich, vor dem sich vom Stamm abstieß, für einen kurzen Augenblick in der Luft schwebte und dann zielgenau einen dicken Ast umfasste und sich an diesem hochzog. Jimmy war nur noch schemenhaft zwischen den Blättern wahrzunehmen, sein Hinterfeuer hatte er auf Viridiums Geheiß ausgestellt. Max war beeindruckt, wie leicht Jimmy das Klettern in dieser neuen Umgebung gefallen war.

    Er hörte ihn von oben zu sich und Iro rufen: „Ich klettere bis nach oben, dann komme ich wieder zu euch!“

    Jimmy musste sich in größerer Höhe befinden als Max es zunächst vermutet hatte. Zwar schien es bereits zu dämmern und der Farbe des Lichtes nach, das durch das Blätterdach fiel, ging die Sonne entweder auf oder unter. Ihm kam der Gedanke, ob es besser wäre, wenn sie die Nacht an Ort und Stelle bleiben und erst am nächsten Morgen aufbrechen würden, sollte es nun auf die Nacht zugehen. Er wollte sich gerade an Iro wenden und ihn nach seiner Meinung fragen, als von oben ein erstickter Schrei zu hören war.

    „Jimmy?“, rief Max nach oben zurück. Als keine Antwort kam, blickte er nervös zu Iro, der angespannt ebenso nach oben blickte. Max schätzte den Baumstamm ab, den Jimmy erklommen hatte. Er zweifelte, dass er von selbst es schaffen würde. Jedenfalls nicht in der Eile, die ihn in Unruhe versetzte. Er wandte sich an Iro: „Du musst mich nach oben schleudern“, da hörte auch von oben ein immer lauter werdendes Krachen von Ästen und Rascheln von Blättern. Dann fiel mit einem Schreckensschrei Jimmy wieder aus dem Blätterdach heraus, sichtlich in Panik. Er wäre mit dem Kopf voran gefährlich auf dem Boden aufgekommen, hätte Iro in einem Reflex nicht einen breiten Wasserstrahl aus seinem Mund gefeuert, der Jimmy am Rücken traf und ihn in seinem Fall bremste. Ein leises Dumpfen ertönte, als Jimmy mit dem Bauch voran auf dem weichen Moosboden landete. Sofort war Max an seiner Seite.

    „Mir geht es gut“, hustete Jimmy einen Klumpen Dreck, als Max ihm half, sich wieder aufzurichten. Seine Augen waren vor Schreck geweitet und er atmete hektisch. Dann wanderte sein Blick zwischen Max und Iro hin und her: „Bibor!“


    Und dann hörte Max es. Ein Brummen wurde immer lauter, welches durch das Dickicht des vor ihnen liegenden Dschungels auf sie zukam. Max, der mit Jimmy wieder auf seinen Beinen stand, ließ sofort seine drei tiefgrünen Blätter an den Armen zu einer leuchtenden Laubklinge verschmelzen. Iro trat zu seiner Linken, während Jimmy zu Max‘ Rechten stand. Alle drei blickten gebannt und kampfbereit in das Grün des Dschungels, während das Brummen immer lauter wurde. Unverkennbar handelte es sich um das Brummen eines wütenden Bibor-Schwarmes.

    Vermutlich lag es daran, dass er ein Pflanzen-Pokémon war, denn Max spürte deutlich, wie viele von von denen auf ihn und seine Kollegen zukam. Er spürte, dass es töricht und nahezu gefährlich war, in dieser engen Formation einem solchen Brummen von vielen entgegen zu treten. Und jetzt spürte er anhand des Raschelns zur Seite gestoßener Büsche und Äste, dass sie in alarmierender Geschwindigkeit auf sie zukamen. Er wusste, dass ihm nur noch Sekunden verblieben.

    Runter!“, schrie Max so laut er konnte. Im gleichen Moment drückte er Jimmy das Gesicht nach vorne und Iros Arm zog er nach unten, während er sich selbst bäuchlings nach vorne warf. Zum Glück folgten beide seinen Bewegungen, ohne Widerstand zu leisten. Und dieser hätte sie viel gekostet, denn noch während sie fielen, schoss ein gelb und schwarz gestreifter Zug messerscharf über sie hinweg. Unangenehm fühlte sich Max an Herakles erinnert, denn das Gebrumme, dass über sie hinweg fegte, drang stechend in sein Gehör ein. Er schrie auf vor Schmerz und hielt sich die Ohren zu, um dem etwas Linderung zu verschaffen. So schnell wie es gekommen war hörte es auf. Das Brummen verstarb hinter ihnen. Eine Zeit lang verging, in der Max die Augen geschlossen hielt und nur noch das aufgeregte Atmen seiner beiden Kollegen hörte, welche sich nun aufrichteten, denn leise wirbelten sie Blätter und Dreck auf. Er spürte Iros kräftige Hand unter seinen Schultern und scheinbar ohne Mühe wurde er von diesem auf die Beine gestellt. Max dankte ihm keuchend, denn das Käfergebrumme lag noch immer in seinen Ohren.

    „Ach du meine…“, sagte Iro perplex, der in die Richtung starrte, in die der Zug gefahren war.

    „Es tut mir leid!“, keuchte Jimmy schuldbewusst, der sich Dreck vom Oberkörper klopfte, „als ich oben an der Spitze den Dschungel überblicken wollte, schien ich auf dem Weg irgendein Nest aufgerührt zu haben. Sie schossen jedenfalls aus den Bäumen heraus auf mich zu, sodass ich vor Schreck gefallen bin und dann-“

    Er verstummte. Und Max und Iro verstanden sofort, warum Jimmy abbrach. Das Brummen kehrte zurück. Erst war es leise zu vernehmen, doch wurde es schnell und bedrohlich lauter.

    „Ich übernehme das!“, sagte Jimmy im Versuch, tapfer zu wirken. „Schließlich habe ich euch das eingebrockt.“


    Und er holte auch mehrmals tief Luft und trat ein paar Schritte hervor. Max, der an Viridiums Warnung dachte, wollte gerade eingreifen, als Iro schon dies erledigte. Mit einem Arm stieß er unsanft Jimmy zur Seite, doch er achtete nicht auf ihn. Angespannt und konzentriert blickte er in das Dickicht, aus dem das Brummen gefährlich laut klang. Mit einem Atemzug, der wie ein Donnergrollen klang, zog Iro seinen Bauch ein und seine Backen weiteten sich. Dann als im Bruchteil einer Sekunde das erste spitz verlaufende Gesicht eines Bibors aus dem Gebüsch hervortrat, stieß Iro mit einem lauten Rauschen einen gewaltigen Wasserstrahl von seinem Mund aus, der sich sofort weitete und nicht nur das anführende Bibor, sondern auch die ganze Schar traf, die dem folgten. Gelb und schwarz gestreifte Körper verteilten sich zu allen Seiten. Durch die Kraft des Wassers, wurden einige an die umstehenden Baumstämme geworfen, worauf sie bewusstlos auf den Boden sackten. Andere wurden erbarmungslos nach hinten in ihre Artgenossen geschleudert und in den Dschungel zurückgeworfen. Der Wasserstrahl erstarb und Iro, der tief Luft holend keuchte, sackte auf die Knie und stützte sich mit seinen Händen vom Boden ab. Jimmy pfiff vor lauter Ehrfurcht. Max war zutiefst beeindruckt. Iro war nicht der Typ, der zu solchen Attacken ansetzte. Er war, wie er es schon des Öfteren bewiesen hatte, ein Pokémon für die ehrliche Handarbeit, wie Iro es scherzhaft zu sagen pflegte. Dann aber einen solchen Wasserschwall von Iro kommen zu sehen, hatte Max dann doch sichtlich überrascht. Doch erkannte er gleich, dass es seinen Preis hatte. Iro wirkte, als hätte er statt mit einer Vielzahl von Bibors es mit einer gleichen Zahl an Stahlos zu tun gehabt. Zwar hatte er die Begegnung überstanden, doch hatte sie an seinem Körper gezehrt. Und erschrocken musste Max nun fast starr vor Bewunderung und Schreck zusehen, wie Iro sichtlich k.o. zu Boden glitt. Ganz offenbar war Iros Attacke eine, die er nur einmal verwenden konnte.

    Doch entgegen seiner Befürchtung, dass nun er und Jimmy allein es mit den Bibor aufnehmen mussten, konnte er sich etwas entspannen. Das Brummen zog nun über sie hinweg und schien sich dabei in verschiedene Richtungen aufzuteilen. Dann verstarb es endgültig. Iros Attacke schien die meisten von ihnen verscheucht zu haben, denn nur noch die Bibor, die vom Wasserschwall an die Baumstämme geschleudert wurden, verblieben auf der Lichtung, welche allmählich wieder zu Bewusstsein kamen. Jimmy, der behutsam auf sie zuging, redete langsam auf sie ein. Sogar seine hintere Flamme ließ er erlöschen: „Wir wollen euch wirklich nichts Böses! Wenn ich euch erschreckt haben sollte, dann tut es mir leid!“


    Die zwei Bibor, die erwacht waren, blickten mit ausdrucklosem Gesicht zu Jimmy. Max war sich nicht sicher, ob sie ihm zuhörten oder gar nicht verstanden. Dann aber sah er einen gierigen roten Glanz in ihren Facetten-Augen. Obwohl sie einige Schritte von Jimmy entfernt waren, wusste er, dass sie blitzartig zustechen würden. Instinktiv setzte er zum Spurt an, war direkt an Jimmys Seite und parierte mit seiner Laubklinge die dicke Nadel, die vom rechten Arm des Bibors ausging. Jimmy, der zu spät reagiert hätte, wich erschrocken zurück, stolperte und landete auf seinen Hintern. Er blickte hoch zu Max und dem Bibor, welche sich stumm anstarrten. Max konnte sich vage in den Facetten des Bibors spiegeln sehen. Dann blieb ihm nur eine Sekunde Zeit, die zweite Nadel des Bibors mit seinem anderen Arm abzuwehren. Den Stachel am hinteren Leib, der nachsetzte, entging er ebenso knapp. Verbissen sammelte Max nun Energie in seinem Mund an, die sich in grün leuchtenden Kugeln freisetzte. Anders als das Bibor traf er. Die Kugelsaat erfasste das Gesicht des Bibors und traf es teilweise in und zwischen die Augen, woraufhin in der Luft zurücktaumelte. Sichtlich zornig über diesen Angriff setzten die anderen zwei Bibor nach, drauf und dran, Max mit ihren Nadeln aufzuspießen. Max befand sich durch die Anwendung der Kugelsaat noch in einer zur Abwehr ungünstigen Position. Er hatte Schwierigkeiten auf die Schnelle seine Haltung zu verändern, um es mit den beiden Bibors aufzunehmen. Doch ehe er sich fassen konnte, schoss ein dünner zischender Flammenstreif über seinen Kopf hinweg, der daraufhin über die Lichtung glitt. Dies war Grund für die zwei Bibor innezuhalten und sich erst dem nun erlöschenden Flammenschweif und dann Jimmy zu wenden, der entschlossen ihren Blick erwiderte. Demonstrativ ließ er mehrere kleinere Feuerzungen aus seinen Mundwinkeln schießen. Die drei Bibor brummten leise mit ihren Hautflügeln, dann kamen sie offenbar zu dem Entschluss, dass sie den beiden Pokémon unterlegen waren. Stumm schwebten sie auf das Blätterdach zu und verschwanden in diesem.

    Leicht keuchend wandte sich Max Jimmy zu, der auf dessen Blick entrüstet die Hände hob: „Ich musste es tun, sonst hätten sie sich ziemlich übel erwischt!“.

    Max begegnete seinem Blick und er konnte ihm keinen Vorwurf machen. Dennoch verzog er den Mund. Das Gefühl, dass sie beobachtet wurden, hatte ihn nicht losgelassen und er wusste, dass der Einsatz von Jimmys Feuer Konsequenzen mit sich bringen würde. Er dachte an die Schärfe, die in Viridiums Warnung lag. Doch er schaffte es zum Teil sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass das Feuer Jimmys zur Notwehr eingesetzt wurde. Zu diesem Urteil würden, so hoffte er es, auch jene gesichtslosen Beobachter kommen. Optimistisch und nur noch leicht beunruhigt lächelnd trat er mit Jimmy an Iro heran, der sich allmählich wieder aufrichten konnte. Zwar keuchte er, doch lag ein zufriedener Ausdruck auf seinem Gesicht. „Ich hoffe, die bringen mehr von denen! Das ist eine gute Gelegenheit zum Üben meiner Aquahaubitze.“

    „Wir können von Glück reden, wenn wir es möglichst unbeschadet zu Mew schaffen“, sagte Max mit strengem Blick. „Vergiss nicht, dass wir dieses Abenteuer lebendig überstehen wollen.“ Er wandte sich nach hinten und blickte zurück zur Stelle, wo er und Jimmy gegen die Bibor kämpften. „So wie es aussieht, waren sie uns richtig feindlich gesinnt.“

    „Ich verstehe es aber trotzdem nicht“, meldete sich Jimmy, der zuerst zur Stelle und dann nach oben blickte: „Ich habe versucht, sie davon zu überzeugen, dass wir nichts Böses wollen. Hätten sie nicht einsehen müssen, dass wir gut sind?“

    „Was das betrifft“, entgegnete Max, „ich glaube entweder, dass sie uns nicht zuhören wollten, oder dass sie … nun ja, wilde Bibor waren.“

    „Glaub mir“, schmunzelte Iro, der seine Gelenke bewegte und knacken ließ. „Nachdem, was ich schon in der kurzen Zeit vom Geheimnisdschungel gesehen habe, würde ich es dem zutrauen, dass dieser fast nur von wilden Pokémon bewohnt wird.“


    „Was es aber uns nicht unbedingt einfacher machen würde“, sagte Max mit einem schiefen Lächeln. Iro begegnete belustigt seinem Blick: „Wann war für unser Team denn je etwas einfach?“

    „Da ist was dran“, pflichtete ihm Jimmy. „Soweit ich mich erinnere, sind wir stets vom Schicksal erwählt worden. Selbst als wir damals nur zu zweit waren, Max.“

    Max sagte nichts. Gedankenversunken betrachtete er die Blätterdecke, durch die nun immer schwächer werdendes Licht dran. Es ging wohl auf den Abend zu, dachte er sich. Doch anderes beschäftigte ihn. Es kam ihm so vor, als liege das Gespräch mit Lashon schon mehrere Wochen zurück, obwohl gerade Mal ein Tag vergangen ist, seit er sie kontaktiert hatte. Es war eine Sache, ihm zuzusagen, die sieben Wächter aufzusuchen, und eine andere, sich tatsächlich auf den Weg zu machen. Nun, da sie gefühlt erst seit einer Stunde sich im Geheimnisdschungel aufhielten und schon eine erste direkte Konfrontation mit dessen Gefahren hatte, fragte Max sich, warum er nicht vorher daran gedacht hatte, dass der Weg eventuell schwierig sein würde. Er hatte den Eindruck, dass sie sich nicht gut vorbereitet hatten. Denn da standen sie, nach einer Stunde fast kampfunfähig. Iro würde nicht ein zweites Mal innerhalb von kurzer Zeit eine Aquahaubitze vollbringen können und Jimmy wurde dazu verdammt, sein Feuer zurückzuhalten. Und auch merkte er bei sich selber, dass seine Reflexe zwar scharf waren, doch er als Pflanzen-Pokémon gegen solche des Typs Käfer nicht viel ausrichten konnte. Und es bedurfte des Brechens eines Verbotes, dass er die Begegnung mit den Bibor ohne Schaden überstanden hatte. Und noch dazu war das Team auf sich gestellt in einem Land, welches in einer anderen Dimension lag. Selbst wenn er es wollen würde, so konnte er sich keine Hilfe von Verbündeten wie Cephal oder anderen Erkundern erhoffen. So wie es den Anschein, waren sie umringt von potenziellen Feinden und sie hatten sich nicht großartig auf ihr Ziel hin fortbewegt. Max wusste nicht einmal, wo dieses überhaupt lag. Dann aber fiel ihm ein, weswegen es überhaupt zu dem Angriff der Bibor kam. Jimmy zufolge hatte dieser sie aufgeschreckt, als er auf den Baum kletterte. Max wandte sich an Jimmy mit dem Funken an Hoffnung, dass sie zumindest ein Teilproblem lösen konnten: „Hast du von oben eigentlich was gesehen? Irgendein Hinweis, wo wir Mew antreffen könnten?“

    „Hm? Was?“ Auch Jimmy schien in tiefen Gedanken verloren gewesen zu sein, denn verdutzt blickte er zu Max auf. Als er verstand, wonach er gefragt wurde, hellte sich ein Blick auf und ein leises Lächeln fuhr zu Max‘ Erleichterung über seinen Mund: „Bevor mich die Bibor angegriffen habe, habe ich in der Ferne einen riesigen Baum ausmachen können, der alle anderen überragte. Es sah auch ganz danach so aus, als bilde er das Zentrum des Dschungels, denn dieser scheint ihn zu umgeben. Er liegt …“, und er wollte mit dem Finger in die entsprechende Richtung zeigen, doch er stutzte. Er blickte nach rechts und links und verzog das Gesicht.

    „Ich weiß es nicht mehr, in welche Richtung er liegt“, gestand er sich schuldbewusst ein. Iro schnaubte. Jimmy funkelte ihn zornig an.

    „In all dem Chaos mit den Bibor konnte ich mir das nicht merken, okay? Und die Bäume dieser Lichtung sehen alle gleich aus, keine Ahnung, von welchem ich aus den Riesenbaum gesehen habe.“

    „Na dann“, entgegnete ihm Iro, „klettere hoch und finde es heraus. Und pass dieses Mal besser auf.“


    Jimmy wollte gerade zurückfauchen, als Max zwischen die beiden trat. Es sei noch Zeit genug, auszumachen, wohin es zu Mew geht. Er deutete nach oben zum Blätterdach, durch das so gut wie kein Licht mehr fiel. In nur wenigen Augenblicken würde sie von einer unheimlichen Dunkelheit umgeben sein, die es unmöglich machen würde, irgendetwas zu erkennen. Max zweifelte, dass eventuelles Mondlicht nicht gut genug durch die Blätter dringen würde, um den Weg zu erleuchten. Doch zu seiner Überraschung leuchteten andere Dinge auf.

    Da sie immer mehr Dunkelheit umgab und einander nicht mehr wahrnehmen konnten, ließ Jimmy wieder seine hintere Flamme aufleuchten, welche die Züge seiner Kollegen merkwürdig hervor hob. Doch hinter ihm leuchteten weißblaue und grünliche unförmige Sphären auf, die an Leuchtkraft zu gewinnen schien. Auch Iro und Jimmy bemerkten dieses Phänomen an mehreren Stellen der Lichtung. Direkt erkannte Max, dass diese Lichter nicht auf auf die Lichtung beschränkt waren. Aus dem Gebüsch heraus funkelten ihnen weitere entgegen, teils waren sie deutlicher zu erkennen, dann aber waren manche so sehr von darüber liegenden Blättern bedeckt, dass sie wie ein glimmendes Augenpaar wirkten, das sie zu beobachten schien. Max schritt an Jimmy vorbei und näherte sich vorsichtig den Lichterpaaren, die ihm am nächsten waren. Beim genauen Hinsehen erkannte er die Form wieder. Es waren die Pilze, die Jimmy zuvor essen wollte und vor denen Viridium eindringlich gewarnt hatte. Deren Hüte leuchteten in verschiedenen Farben auf, das von einem dünnen Film eines Sekrets kam, das von deren Haut abgesondert wurde. Feine Tropfen träufelten auf den Boden, welcher den Eindruck machte, als hätte er Pocken. Die Pilze hatten eine Art Trance erweckende Wirkung, als Max‘ Blick sich in deren Glanz verlor. Doch blieb sein zum Glück wach. Er konnte verstehen, warum Viridium vor der starken einschläfernden Wirkung des Giftes gewarnt hatte. Obwohl sie ihn faszinierten, wäre Max nie auf die Idee gekommen, sie zu essen. Stattdessen aber kam ihm eine andere und er griff in den Erkunderbeutel.

    „Was machst du da?“, rief Jimmy überrascht auf, der nun zusah, wie Max einen langen bräunlichen Schal hervorholte. Max antwortete ihm nicht, er blickte konzentriert auf die Pilze. Dann ließ er zielgenau seine Laubklingen hervorschnellen. Seine Präzision enttäuschte ihn nicht. Die Pilze trennten sich vom Boden auf und weil sie von einem leicht hügeligen Boden gewachsen waren, kullerten sie herab in den Schal, den Max vor ihnen auf den Boden ausgebreitet hatte. Ihre Leuchtkraft verloren sie aber nicht, worauf Max gesetzt hatte und er nun zufrieden lächelte. Er hob den Schal vorsichtig an zwei gegenüberlegenden Ecken mit den Spitzen seinen Finger an und trug ihn ganz sachte zu der Stelle, von der Iro sie mit skeptischem und neugierigem Blick beobachtet hatte. Er breitete den Schal wieder vor seinen Füßen aus. Da die Pilze nun auf einen Haufen lagen, ging von diesem ein intensiveres Licht als von einem einzelnen aus, der die nähere Umgebung geisterhaft beleuchtete. Die ihnen am nächsten gelegenen Baumstämme wurden fahl angeleuchtet und die Dunkelheit hinter ihnen blieb erhalten. Es war, als befänden sie sich in einem Käfig mit den Stämmen als Stangen, der sie von der umliegenden Dunkelheit abschirmte.

    „Nette Idee“, sagte Iro anerkennend. Jimmy nickte eifrig. Max lächelte.

    „Da wir auf Jimmys Feuer verzichten müssen, dachte ich mir, dass wir damit unser Lager gestalten könnten“. Er lächelte zuversichtlich, dann blickte er zu Jimmy, der betreten den Kopf senkte.

    „Was ist los?“, sagte Iro.

    „Ich glaube, das wird Ärger geben, dass ich mein Feuer gegen die Bibor angewandt habe“, nuschelte Jimmy. Max sah in ein paar Augenblicke an, als er dann zu einem aufheiternden Ton ansetzte: „Keiner wird dir einen Vorwurf machen, wenn du dein Feuer zur Notwehr einsetzt!“

    „Ja, schon, aber …“, sagte Jimmy und in seiner Stimme lag so etwas wie eine ängstliche Vorahnung. „Was, wenn hier vor uns schon Feuer-Pokémon waren, mit denen der Geheimnisdschungel schlechte Erfahrung gemacht hat?“

    „So wie ich das sehe“, warf Iro ein, ehe Max eine Antwort formulieren konnte, „konnten sie wohl kaum so schlimm gewesen sein. Ich meine, Viridium hätte sich von Anfang an weigern können uns zum Dschungel zu führen, wenn sie einen absoluten Hass auf Feuer-Pokémon hegen würde, oder? Jedenfalls, ich denke sie hätten uns gleich aus dem Weg geräumt, wenn wir per tu nicht willkommen wären und-“

    „Iro!“, rief Max scharf dazwischen. Er hat beobachtet, wie Iros Worte Jimmy sichtlich beunruhigten. Ihm wurde sein Patzer peinlich bewusst und er verstummte, brachte doch ein Kichern zu Stande. Jimmy blickte verstört zu ihm auf: „Was gibt es denn da zu lachen?“

    „Das klingt jetzt lächerlich“, druckste Iro vergnügt, „doch ich denke, dass sie einfach nur verhindern wollen, von einem Feuer-Pokémon im Kampf besiegt werden zu wollen. Deswegen mögen sie die Vorstellung nicht, wie dieses in ihrer Heimat Feuer einsetzt – im Kampf hätten sie absolut keine Chance. Sie haben Angst gegen dich zu verlieren, Jimmy! Und damit kommen sie nicht klar!“


    Er grinste aufmunternd. Max war sich nicht sicher, ob Iro es ernst meinte oder nur einen Versuch unternahm, Jimmy etwas Mut einzureden. Er fand, dass es eher ein fruchtloser Versuch war, denn Jimmy sah nicht danach aus, als wäre er zuversichtlicher geworden. Iros Grinsen erlosch, doch der Klang seiner Stimme blieb zuversichtlich: „Selbst, wenn sie uns aus dem Weg räumen wollten. Soll uns das Verbot dann noch kümmern, Jimmy? Feuer frei sage ich nur. Wir werden uns so oder so unseren Weg bahnen! Wie, kommt ganz auf jene an, die sich uns in den Weg stellen wollen.“

    Max und Jimmy blickten sich an. Dann blickte Max streng zu Iro: „Wir wollen aber keinen unnötigen Schaden anrichten, wir sind schließlich keine Barbaren!“

    „Wenn es zum Kampf kommt“, entgegnete Iro trocken, „kann meist für nichts garantiert werden, wenn wir uns verteidigen müssen. Und ich denke, das kann ich von uns behaupten. Zu dritt werden wir mit jedem fertig! Wie mit diesem… diesem …“

    Er schnippte fahrig mit den Fingern, während er angestrengt in die Luft starrte. „Wie hieß nochmal das Gengar, das wir zuletzt gefasst haben?“

    „Shadow?“, fragte Max. Iro reckte ihm dem Daumen entgegen.

    „Auch, wenn er uns gut beschäftigt hat, haben wir ihn dennoch besiegen können. Und vergessen wir nicht, dass wir zusammen meine Schwester befreit haben. Ich sage euch nochmal“, und er schlug die Faust in seine Hand, „Uns kann keiner was vormachen!“

    Dieses Mal gelang es Iro, dass seine Zuversicht sowohl Max als auch Jimmy ansteckte. Max konnte ihm nicht widersprechen. Seit Iro dem Team beigetreten war, haben sie Kämpfe mit weitaus weniger Mühe und Kraftaufwand bewältigen können. Zumal haben sie vielfältigen Möglichkeiten, wie sie ihre Kräfte kombinieren konnten, dazugewonnen. Max sah lächelnd und dankbar zu, wie Iro sich auf den Boden rückte und zu der Dunkelheit über sich hinaufblickte, als würde er einen sternenübersäten Nachthimmel beobachten. Auch Jimmy wirkte wesentlich entspannter.


    „Wir sollten Nachtschichten machen, denn ich glaube wir werden zur leichten Beute, wenn wir alle zusammen einschlafen“, schlug Max vor. Von Iro kam ein zustimmendes Brummeln, nur Jimmy wirkte wieder was nervös.

    „Wenn du Angst hast, allein eine Schicht zu übernehmen“, wollte Max ansetzen, doch Jimmy reagierte prompt. Er sprang auf und ballte überambitioniert die Fäuste. Trotzig blickte er zu Max: „Ich werde die erste Schicht übernehmen! Und bei Gefahr schreie ich laut, da ich ja kein Feuer einsetzen darf. Einverstanden!“

    Verdutzt blickte Max in das angespannte Gesicht von Jimmy. Auch Iro hatte seinen Kopf ihm zugewandt. Dann nickte er langsam und lag sich rücklings auf den Boden. Er sah noch, wie Jimmy leicht zitternd aufstand, aber mit entschlossener Miene wachsam sich umblickte. Dann schloss Max nicht mehr so angespannt wie zuvor die Augen. Iro hatte Recht, dachte. Selbst wenn es öfter im Dschungel zu kämpfen kommen sollte. Wenn er, Jimmy und Iro zusammen sich den Gefahren stellten, werden sie auf irgendeine Art und Weise aus denen hervorgehen.

    Er hatte das Gefühl, dass der gesamte Tag zu viel für seinen Körper gewesen ist. Vom Aufstehen an ist es nur unterwegs gewesen. Er hat sich beeilt, Cephal einzuholen, hat gegen Herakles gekämpft, ist Viridium den langen Weg zum Geheimnisdschungel gefolgt, ist von Bergräubern überfallen worden und obendrauf haben sie es mit einem Schwarm Bibor zu tun gehabt. Er spürte, wie zusätzlich zu den Erlebnissen das fahle Licht der Pilze, das in sein Gesicht schien, dafür sorgte, dass eine Müdigkeit seinen gesamten Körper in nur einem Augenblick durchflutete. Er spürte, wie sein Körper schwer wurde und schließlich in sich zusammensackte. Schwerelos schwebte er in einem Dunkeln, die Strapazen waren wie fortgeblasen. Dann schlug er sich mit Stahlklingen an seinen beiden Armen durch dichtes Unterholz und Buschwerk. Er war zu spät. Iro und Jimmy sind schon zu Mew gestoßen und Max knurrte wütend, dass er so spät dazu stoßen würde. Er konnte sich schon das amüsierte Lächeln von Iro vor sich sehen, wie er lachend eine Handvoll Beeren sich in den Mund werfen und Max von einem sehr hoch gelegenen Ast eines riesigen Baumes zurufen würde, dass die Versammlung der Wächter bereits begonnen hatte. Sie hätten sich bereits alle zum Kriegsrat versammelt, denn Kyurems Komet steht bald bevor.

    Endlich, nachdem er sich durchgeschlagen hatte, stand er vor einem riesigen Baum mit aalglatter Rinde, der sich bis in die höchsten Himmelsschichten erstreckte. Max blickte sich nach dem Eingang um und löste dabei seine Schwerter von den Armen und verstaute sie vorsichtig in seinen Beutel. Er konnte keinen finden, nur eine Masse an Ranken tummelte sich vor ihm. Sie gab ein zurrendes und knackendes Geräusch von, als würden sie sich von Geisterhand bewegen. Unsicher trat Max langsam heran: „Entschuldigung? Wo finde den Eingang zu Mew?“

    Beim Klang des Namens teilte sich der Rankenhaufen in zwei Teile auf, wobei einer nur halb so groß wie Max und der andere ihn um einen Kopf überragte. Ehe Max realisieren konnte, was passierte, krochen sie langsam auf sie zu. Instinktiv fuhr Max seine Laubklingen aus und er tat gut daran. Die Ranken warfen sich auf ihn, doch lässig schnitt er die beiden Haufen in zwei Teile. Ein Schrei, der von beiden kamen, ließ ihn zusammenzucken. Er kannte die Stimmen. Mit rasendem Herz trat er keuchend an den kleinen Rankenhaufen heran. An den Stellen, wo die Laubklingen ihn durchtrennt hatten, wurde orange-rötliches Fell freigelegt und aus dem Inneren des Haufens drang ein schmerzerfülltes Klagen.

    „Jimmy“, hauchte Max entsetzt und blickte mit weit aufgerissenen Augen an seinen Armen entlang. Sofort ließ er die Laubklingen zurückfahren und schwer atmend versuchte er, Jimmy aus dem Wirrwarr von Ranken und Dornen zu befreien.

    „Max… hilf … mir … Max…“, drang Jimmys Stimme wimmernd hervor. Max versuchte es immer wieder, doch je mehr Ranken er mit seinen Händen durchtrennte, umso mehr bildeten sich neue. Dann entglitt ihm Jimmys rankenüberzogener Körper aus seinen Händen, denn dieser wurde nach hinten gezogen und drohte im Unterholz zu verschwinden. Max schrie, doch obwohl er seine Stimmbänder vibrieren spürte, hörte er nicht mehr seine eigene Stimme. Doch es blieb ihm keine Zeit, Jimmy hinterher zu jagen, denn Iro schien es genauso zu ergehen. Aus dem großen Rankengeflecht drangen Kampfgeräusche. Auch Iro schien sich nicht mit seinem Schicksal abgeben zu wollen. Max trat an seinen Haufen heran, doch die Ranken waren wie dicke Äste, die er nie von Hand hätte durchtrennen können. Max blieb nur eines übrig, obwohl ihm die Vorstellung nicht behagte. Er holte eine der Stahlklingen aus dem Beutel hervor und hob sie über den Kopf. Doch gerade, als sein Arm herabschnellte, tat sich der Rankenhaufen auf und Iros stämmiger Arm schoss aus diesem hervor und fing den von Max in der Luft. Erleichtert atmete Max auf, als Iro aus den Ranken hervortrat, doch dieser blickte schwer atmend und wütend auf ihn herab.

    „Was soll das, Max?“, fauchte er. „Willst du mich umbringen?“

    Max verstand nicht, wieso sich Iro so furchteinflößend vor ihm aufbaute und ihm die Sicht auf den großen Baum hinter ihm nahm. Dann sah er erschrocken, wie Iro seine Faust ballte, ausholte und Max ins Gesicht schlug.


    Max fuhr blitzartig hoch und keuchte. Sein Herz pochte laut in seiner Brust und er spürte Schweißtropfen kalt an seinen Augen entlanglaufen. Vorsichtig fuhr er mit seiner Hand über sein Gesicht. Es schien noch komplett zu sein statt zersplittert zu sein. Max brauchte eine Weile um zu kapieren, dass er die Szene nur erträumt hatte. Mit einem Gefühl der Erleichterung, bemerkte er, dass Iro und Jimmy beide in seiner Nähe schliefen. Es war also nur ein Alptraum, dachte sich Max und er atmete tief ein und aus und schloss die Augen, um sich zu beruhigen. Beide waren nicht in Gefahr.

    Trotzdem wirkte die Umgebung verändert. Max öffnete wieder die Augen und mit einem Mal stieg die Anspannung wieder in ihm an. Die Pilze, die er als Lagerfeuer-Ersatz aufgebaut hatte, lagen auf der ganzen Lichtung verstreut und schienen sogar auch in der Luft zu schweben. Und wütend stellte er fest, dass auch Jimmy ihn oder Iro nicht geweckt hatte, als er beschloss, sich schlafen zu legen. Es wäre doch selbstverständlich gewesen, dass entweder Max oder Iro die nächste Schicht übernommen hätten und …

    Er hielt in seinen Gedanken inne. Irgendetwas stimmte nicht. Und er hatte auch das ungute Gefühl, dass er wusste, wohin er blicken musste. Langsam und vorsichtig wanderte sein Blick nach oben zu dem Paar an Pilzen, das in der Luft hang. Er wusste nicht, warum er bei deren Anblick das Gefühl von Gefahr verspürte. Dann wurde ihm bewusst, dass die Pilze nicht so einfach in der Luft schweben könnten und dass diese auch generell eine ganz andere Form und Glanz aufwiesen. Und erst jetzt bemerkte er, wie sie sachte auf und ab hüpften und offenbar seinen Blick erwiderten.

    Dies waren keine Pilze. Irgendwer oder Irgendetwas beobachtete ihn aus der Dunkelheit. Sowohl Es als auch Max starrten sich eine Zeit lang wortlos an. Dann ertönte eine kalte und tonlose Stimme: „Gut geschlafen?“


    Ehe Max reagieren konnte, spürte er erschrocken, wie etwas blitzartig seinen Körper hochkroch. Dann stach ihm etwas schmerzhaft in seinen Nacken und er fühlte, wie sich schlagartig eine wohlige Wärme in alle Richtungen in seinem Körper ausbreitete. Er versuchte, seine beiden Kollegen zu warnen. Er spürte zwar, wie seine Stimme funktionierte, doch hörte er sie nicht mehr. Das letzte, das er spürte war, wie er nach vorne kippte und Dunkelheit den letzten Rest an Licht verschlang, den die Pilze von sich gaben.




  • Hallo Silvers,


    die Dialoge fand ich in diesem Kapitel durchaus gut gelöst. Besonders gefallen hat mir das nach dem Angriff der Bibor, als Iro versuchte, die Gruppe aufzumuntern. Man merkt regelrecht, dass er nicht so oft große Reden schwingt und ihn besonders Max darauf hinweisen musste, nicht zu sehr in weitere Fettnäpfchen zu treten. Die Beteiligung aller drei wirkte sehr natürlich und war angenehm. Selbiges, als Iro auf Jimmys Verwirrung hin nur schnaubte. Subtil, aber passend.

    Beim Plot ist hier ja nun doch einiges passiert. Die große Reise durch den Geheimnisdschungel hat begonnen, der erste große Unfall mit den Pilzen ist überstanden und Viridium hat die Gruppe aus irgendeinem Grund verlassen. Zumindest ging nicht direkt hervor, dass das Team Mew selbst finden musste, um Erfolg bei ihrem Plan zu haben. Der Bibor-Angriff nach der Auskundschaftung in den Baumkronen ist zwar durch den Pokémon-Anime etwas klischeebehaftet, aber er passte zur Umgebung und du hast ihn insgesamt gut gelöst, ohne dass die drei panisch davongelaufen sind. Besonders die Kampfperformance wusste zu überzeugen und war abwechslungsreich.

    Zuletzt bleibt noch die Frage, was da beim Lagerfeuer passiert ist. Ich nehme mal an, dass die Pilze Halluzinationen auslösen können oder andere Psychokräfte hinter diesen Phänomenen stecken. Jedenfalls scheint dem Team mindestens ein Pokémon feindlich gesinnt zu sein. Mal sehen, wo das hinführt.


    Wir lesen uns!

  • 7
    Der Waldläufer


    Nachdem er von widerlichen Kleintieren geträumt hatte, die vergnügt auf seinem Körper herumgekrabbelt waren, fuhr Iro aus dem Schlaf hoch. Nichtsahnend musste er diese Bewegung bereuen, denn jäh durchfuhr ihn ein stechender Schmerz, der von seinem Nacken ausging. Während seine Hand den Nacken rieb, blickte er um sich, worauf er stutzte. Er befand sich nicht mehr auf der Lichtung, sondern saß am Ufer eines Flusses, der entlang einer Felswand floss. Ringsum und oberhalb dieser Felswand wuchsen dichtbewachsene Bäume und Büsche und Sonnenlicht fiel in gasigen Streifen durch die Blätter. Iro musste sich noch immer im Geheimnisdschungel befinden, doch konnte er sich keinen Reim darauf machen, wie er hierhergekommen war. Und mit größer werdende Unruhe stellte er fest, dass sich Max und Jimmy nicht in seiner Nähe befanden, nachdem er sich dessen dreimal vergewissert hatte. Er wollte aufstehen, denn er hatte den Verdacht, dass sie ihm einen Streich spielen wollten und oberhalb der Felswand sich auf die Lauer legten. Doch als er sich fast gänzlich aufgerichtet hatte, erschrak er, als seine Knie scheinbar unter seinem Gewicht nachgaben. Iro schaffte es, sich an einem moosbewachsenen Felsen zu klammern, der in seiner Nähe aus dem Boden ragte. Jetzt verstand er gar nichts mehr. Er konnte es sich nicht vorstellen, wie seine Beine auf einmal ihn nicht mehr tragen wollten. Noch dazu spürte er nicht nur in ihnen, sondern in seinem gesamten Körper ein leicht taubes Gefühl, das sich bis in seine Fingerspitzen ausbreitete. Er war sich sicher, dass dieses Gefühl zuvor stärker gewesen sein musste, denn als er die Finger, Arme, Beine sowie den Rest seines Körpers bewegte, verflog dieses Gefühl immer mehr. Er horchte in sich hinein und konnte auch fast bestimmen, dass der Ursprung dieses Kribbelns von seinem Nacken ausging. Noch einmal, dieses Mal langsamer, ließ er seine Finger über die leicht pochende Stelle fahren. Neben seiner glatten Haut spürte er drei kleine Beulen, die ziemlich genau über seine Wirbelsäule lagen. Es war, als sei ihm ein Buckel auf seinem Nacken gewachsen.
    Ihm wurde klar, dass Jimmy und Max dies nicht getan haben konnten. Er blickte sich um. Noch immer war keine Spur von ihnen zu sehen. Er wollte seinen Kopf nach oben recken, um nach ihnen zu rufen, doch die Schwellung auf seinem Nacken machte dies nicht leicht. Er verkrampfte sich und musste seinen Blick nach unten senken, um den Nacken zu entlasten. Jetzt sah er, dass er auf sandigem Grund stand, durch den sich ein aufgewühlter Streifen von Dreck und Blättern zog, der sich in einiger Entfernung im Dschungel verlor. Ihm wurde auch weiter bewusst, dass er selbst Spuren von Dreck und Blättern an seinem Körper kleben hatte, die er sich daraufhin, so gut es ging, abklopfte. Sein Blick versteinerte sich. Wenn ihm schon das widerfahren war, dann war es klar, dass auch Max und Jimmy ...

    Iro wollte gerade zum Spurt ansetzen und der Spur folgen, als über ihm sich etwas regte. Jäh hielt er inne und blickte gespannt zum Felsvorsprung.
    „Wer ist da?“, rief er, die halbe Faust schon geballt.
    Zu seiner Überraschung schob sich langsam ein Stück Brokkoli über den Rand, dessen Stiel ein Augenpaar folgte, welches neugierig zu ihm hinunter spähte. Iro ließ seine Knöchel knacken, welches offenbar bis nach oben zu dem Wesen zu vernehmen war, denn dieses zuckte wieder zurück.
    „Ich bin kein Feind! Bitte nicht schlagen“, drang eine kindlich verspielte Stimme zu Iro, woraufhin das Stück Brokkoli sich wieder hervorschob und das Augenpaar offenbarte. Fragend starrte es Iro, der den Blick skeptisch erwiderte. Dann nickte er, ohne aber den Eindruck zu erwecken, dass er sich entspannen würde. Doch es reichte dem Wesen wohl, denn nun folgten dem Brokkoli und den Augen ein blattgrünes Paar an Segelohren. Und als es vom Felsrand in die Luft sprang, bemerkte Iro eine gewisse Ähnlichkeit zu Jimmy. Das kleine Wesen landete leichtfüßig auf dem Felsen vor ihm und blickte ihn munter lächelnd an. Nun hatte Iro bessere Gelegenheiten, den kleinen affenartigen Körper zu begutachten. Tatsächlich ähnelte dieses Pokémon Jimmy, doch statt rötlich-orangem Fell war sein Oberkörper mit hellem ockerfarbenen Haar bedeckt, während die Beine von einem blattgrünen bedeckt waren. Und sein langer Schwanz, der bis zu seinem Nacken reichte, endete in einer Form, der einem aufgehenden Samen ähnelte. In einer seiner breiten Hände, denen ein kleiner Daumen anhaftete, hielt er einen geflochtenen Korb, aus dem ein Sammelsurium kleinerer runder Dinge Iro entgegen leuchtete. Und diesen hielt das affenartige Pokémon ihm hin.
    „Ich habe dir etwas zu Essen mitgebracht“, sagte der Affe munter auf Iros fragenden Blick. Iro nahm sich einen Apfel aus dem Korb und musterte ihn. Er sah durchaus schmackhaft aus und bei dessen Anblick knurrte ihm der Magen. Doch dieser vermittelte ihm die Warnung, dass es im Moment nicht gerade ratsam war, von einem fremden Pokémon, das er nicht kannte, etwas anzunehmen. Zumal hatte Iro Dringenderes zu erledigen. Wortlos legte er den Apfel zurück in den Korb und wandte sich, ohne ein weiteres Wort zu sagen, vom Affen ab und schritt in Richtung des Unterholzes der Bäume, zwischen denen er offenbar zum Fluss geschleift worden war. Er hatte nur ein paar Schritte laufen können, als sich der Affe geschickt mit einer Hand in seinen Weg schwand.
    „Geh zur Seite bitte“, sagte Iro im nicht ganz gelungenem Versuch, höflich zu klingen. Doch der Affe ließ sich nicht beirren und hielt ihm breit lächelnd den Korb weiterhin hin. Wieder verzog sich Iros Magen bei dessen Anblick.
    „An denen wurde nichts gedreht! Siehst du?“, sagte der Affe und schnippte sich lässig eine Beere aus dem Korb in seinen Mund. Ein paar Sekunden vergingen, in denen sich beide anstarrten. Dem Affen schien es nachwievor gut zu ergehen und umso lauter knurrte Iros Magen begierig, doch zwang er sich zu konzentrieren. Nicht zu wissen, was mit den anderen passiert war, erfüllte ihn mit Unruhe und er hatte das Gefühl, dass er keine Zeit zu verlieren hatte. Er wollte schon weitergehen, als der Affe dieses Mal den Korb ablegte und mit ausgestreckten Armen versuchte, Iro den Weg zu versperren. Iro, der unweigerlich an Jimmy dachte, druckste und schob ihn zur Seite.
    Als hätte er einen Schalter umgelegt, klammerte sich der Affe an dessen Arm. Leise fluchend schwang Iro ihn, um ihn abzuschütteln, doch sofort erkannte er, dass er es mit einem Wesen zu tun hatte, das daran gewöhnt war, sich an Dinge zu klammern, die wild in der Luft schwangen. In offenbar richtigen Momenten ließ er mit einer Hand los, nutzte in der Sekunde, die ihm blieb, den Schwung, um sich an eine andere Stelle des Arms zu schwingen. Bei dem Größenunterschied, der zwischen beiden lag, schien Iros Körper eine Art Spielplatz darzustellen, auf dem er sich mit sichtlicher Freude dranhangelte.
    Iro blickte sich um. Als einzige Lösung, die ihm durch den Kopf schoss, wollte er der Arm gegen einen naheliegenden Baum hämmern, um so den Affen zum Loslassen zu motivieren. Und dieser tat es auch. Doch wartete er so geschickt den Zeitpunkt zum Absprung ab, dass Iro die Bewegung nicht mehr rechtzeitig stoppen konnte, als er ausgeholt hatte, und den Arm seitwärts gegen den Baum hieb. Der Arm, der nun frei war, traf ungebremst auf den Baumstamm. Ein dumpfes Geräusch erklang und Iro spürte eine Vibration durch seinen Körper fahren. Er hatte zwar schon gegen härtere Dinge geschlagen, doch war er erstaunt, dass sein Unterarm fast auf sowas wie Eisen stieß. Instinktiv fuhr er mit der anderen Hand über diesen und rieb sich ihn. Der Affe keckerte belustigt, worauf Iro ihm einen zornig funkelnden Blick zuwarf.
    „Tut mir… he he … Leid“, versuchte der Affe sich grinsend zu fangen. „Sie sagten mir nur, ich soll dich aufhalten, bis ein Urteil gefällt ist.“
    „Was soll das heißen? Wer hat dir das gesagt?“, zischte Iro und sah den Affen an. Eine unangenehme Vorahnung stieg in ihm auf. Er sah auch, wie das Lächeln des Affen etwas betretener wirkte.
    „Hör zu“, sagte er beschwichtigend, „ich weiß, dass du von außerhalb kommst, und du weißt daher nicht, wie hier mit Auswärtigen verfahren wird. Man will sichergehen, dass wir euch vertrauen können, deswegen hat man euch getrennt. Aber nur vorübergehend!“, ergänzte er sich hektisch, als Iro empört die Augen aufriss.
    „Was dich und das Pflanzen-Pokémon betrifft, so habe ich ein gutes Gefühl, dass ihr hier geduldet werden werdet. Was aber den anderen- hey!“

    Iro brauchte eine Weile zu realisieren, über was der Affe berichtet hat. Und was auch mit Jimmy und Max passiert zu sein schien. Er hatte den Affen mit beiden Armen an dessen Oberkörper gepackt und ihn auf Augenhöhe. Mit kalter Wut blickte er zähneknirschend den Affen an: „Wo?“
    „Ähm… wie meinen?“, sagte Affe völlig perplex, während seine Glieder schlaff nach unten hingen. Unwirsch schüttelte Iro ihn: „Wo wurden sie hingebracht?“
    „Ich vermute“, sagte der Affe, dem das Schütteln offenbar ganz und gar nicht behagte, denn nun sträubte er sich gegen Iros Griff. „Sie haben … den einen zum Waldschrat … und den anderen … mir wird schlecht“, und er würgte darauf hin, doch Iro ließ nicht locker. Er erinnerte sich an das, was der Affe über ihn und Max sagte, dann wurde er energischer: „Wo haben sie Jimmy hingebracht? Das Feuer-Pokémon?“
    Weil der Affe offenbar unfähig war weiter zu sprechen, oder bewusst nur so tat, verharrte er für eine Weile in der Luft, während Iros Griff um seinen Körper eisern und immer fester wurde. Dann aber hob er einen Arm und wies über Iros Schulter in den Dschungel hinein.
    „Gerade aus, und dann…“, würgte er mit nun grünem Gesicht, doch Iro nahm sich nicht die Zeit, ihm weiter zuzuhören. Er ließ den Affen prompt fallen und wandte sich um zum Spurt. Er zerdrückte dabei mit einem Fuß den Korb mit den Früchten, was er aber ignorierte. Zielstrebig sprintete er in das Unterholz.

    Obwohl ihm eine Vielzahl von feinen Zweigen, von denen einige mit Dornen besetzt waren, ihm entgegenschlug, ignorierte Iro das Brennen, das von den feinen Schnittwunden kam. Er ahnte, dass sein Leiden nicht so besorgniserregend war wie das, das offenbar Jimmy erwartete. Der Affe hatte sich klar genug ausgedrückt, dass Feuer-Pokémon allein für ihre Anwesenheit im Dschungel bestraft werden würden. Der Affe hatte bei ihm und Max ein gutes Gefühl, und was der einzige nennenswerte Unterschied zwischen ihnen und Jimmy? Auch wenn Iro in seiner Gewohnheit Dinge durch den Kopf schossen, die er Jimmy gegenüber spöttisch kommentierte, doch war es nicht dasselbe, seine Reaktion auf diese zu sehen. Und nun, wo er Jimmy nicht mehr vor sich hatte, um ihn zu triezen, kamen ihm die sonst mit Spott belegten Eigenschaften gar nicht mehr so amüsant vor.
    Iro legte einen Gang zu. Sein Blick war stur nach vorne gerichtet, nur manchmal blickte er nach rechts und links und einige Male nach hinten, um sich zu vergewissern, dass er nicht beobachtet wurde. Vor ihm hob sich der Boden in einem steilen Winkel, sodass er seine Arme dazu nehmen musste, um sich ohne Geschwindigkeitsverlust hochzuziehen. Dennoch musste er, als er das Ende des steilen Aufstiegs erreichte, innehalten um zu verschnaufen. Noch immer schien sein Körper mit der restlichen Betäubung zu tun zu haben, denn ein leichtes Kribbeln erfüllte noch seine Beine. Keuchend blickte sich Iro um. Ihm war beim Spurt nicht aufgefallen, dass die Bäume in seiner Umgebung lichter geworden waren. Auch befand er sich offenbar auf einer höheren Ebene des Dschungels, denn durch ein großes Loch zwischen den Bäumen konnte er auf das smaragdgrüne Meer an Baumspitzen herabblicken, das sich vor ihm auftat. Und zum ersten Mal, seit er mit Max und Jimmy im Geheimnisdschungel angekommen war, erblickte er auch vollständig den Himmel, welcher von einem tiefen Blau erfüllt war. Die Sonne hatte bereits den Zenit passiert, der Mittag ist offenbar schon vergangen. Iro fragte sich gerade, wie lange er ohnmächtig gewesen, als er wie durch einen dunstigen Schleier einen großen Umriss in der Ferne ausmachte. Er erinnerte sich an das, was Jimmy ihnen letzte Nacht erzählt hatte, und Iro stellte fest, dass seine Beschreibung durchaus treffend war.
    Ein großer Baum ragte aus dem smaragdgrünen Meer heraus. Iro, der die ihm am nächsten stehenden Bäume betrachtete, deren Größe ihn schon beeindruckten, kam zur Erkenntnis, dass jener riesige Baum nochmals eine aberwitzige Größe haben musste. Eine, die kein Pokémon auf der Welt glauben würde, sofern er diese nicht mit eigenen Augen sah. Und schon beim Anblick spürte Iro, wie von dem Baum eine mächtige Präsenz ausging, die ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Nicht zuletzt staunte er über den Dschungel, als er diesen in Augenschein nahm. Er musste sich kilometerweit erstrecken und ihm kam die ernüchternde Befürchtung, dass in der Richtung, in die er Jimmy vermutete, sich nicht weniger an Dschungel erstrecken würde. Wie weit müsste er noch laufen, bis er zu diesem stieße? Und würde er ihn überhaupt finden? War Jimmy versteckt, oder was hatte er zu befürchten? Würde er sich freikämpfen können?
    Iro schüttelte den Kopf. Der Affe hätte etwas angemerkt, wenn Jimmy ein deutlich schlimmeres Schicksal ereilt hätte als an einem ganz anderen Ort aufzuwachen, nichts ahnend, wo sich seine beiden Teamkollegen fand. Doch jäh schoss Iro ein erschreckendes Bild durch Kopf, wie Jimmy inmitten von Dunkelheit kopfüber und mit Ranken gefesselt in der Luft hing, wobei er geknebelt war. Iro konnte oder wollte sich nicht vorstellen, wie es war, an so einem Ort zu warten, ohne sich wehren zu können. Er setzte wieder zum Spurt an und mit Freude spürte er, wie seine Beine die Betäubung vollständig abgeschüttelt hatten. Er legte nun an Geschwindigkeit zu, Büsche und dicke Blätter verschwommen zu grünen Streifen und dann -
    Iro entfuhr ein wütender Schrei. Er hatte zu spät bemerkt, wie der Boden vor ihm fast senkrecht fiel. Zu schnell, als dass er hätte abbremsen können, stürzte Iro tief in eine unter ihm liegende Ebene. Gerade noch rechtzeitig vermied er es, mit seinem Kopf auf dem Boden zu landen. Mehr schlecht als recht konnte er sich mit seinem Oberkörper abrollen, doch nun schlugen ihm am gesamten Körper Zweige entgegen und Ranken wickelten sich um seinen Körper. Nach Sekunden des Sturzes blieb Iro schwer atmend auf dem Boden liegen. Der Schreck über den unerwarteten freien Fall saß ihm tief in der Brust, die sich hob und senkte. Langsam prüfte er die Beweglichkeit seines Körpers. Erst die Finger, dann über den Überkörper bis zu den Zehen. Mit Erleichterung und dennoch nicht begeistert spürte er, wie ein sanfter Schmerz durch alles zog, das er bewegte. Langsam richtete er sich auf. Seine Glieder protestierten zwar, doch musste er sich zu Eile gebieten. Er stützte sich mit seinen Händen vom Boden ab und stutzte. Seine Krallen streiften einen Holzboden, der so sehr aber mit dem Waldboden verschmolzen war, dass er dessen Färbung angenommen hatte. Ein einzelner Baum wuchs in Iros Nähe, welcher von drei spitzen Steinen flankiert wurde. Iro wunderte sich, dass sich inmitten des Dschungels ein Holzboden befand, zumal dieser alt war und bereits zu verwittern begann. Neugierig klopfte Iro behutsam, doch echote das Klopfen mehrmals zwischen den Bäumen. Er glaubte, eine Reaktion unterhalb des Bodens zu vernehmen. Denn etwas pochte sehr leise zurück, sodass Iro fast seinen Kopf seitwärts legen musste, um es deutlicher zu vernehmen. Er spürte sein Herz vor Aufregung schneller schlagen. Konnte sich Jimmy vielleicht unterhalb des Bodens befinden? Iro wusste, dass es nur einen Weg gab, es herauszufinden. Auf dem Holz kniend ballte er die Faust und blickte sich nach einer geeigneten Stelle um, die er durchbrechen konnte. Er sammelte Kraft in seiner Faust, worauf diese schwach leuchtete. Dann ließ er sich von oben herab auf das Holz schnellen. Das Geräusch von Eisen, das auf Eisen getroffen ist, ertönte und erfüllte die Luft. Iro verharrte unentschieden. Die Faust ruhte auf dem Holz, das nur eine leichte Delle davongetragen hat. Und ein Schmerz machte sich in seiner Faust, woraufhin er diese zurückzog. Perplex blickte er auf die eingedellte Stelle. Doch bevor er zornig einen Schrei ausstoßen konnte, spürte er plötzlich, wie sein Schlag etwas bewirkt hatte.
    Der Boden unter unter ihm erzitterte und er spürte das Knacken von Ästen und Ranken, die durchtrennt wurden. Und der Holzboden löste sich vom Rest des Waldbodens, Dreck und Blätter wirbelten herum. Iro hatte Schwierigkeiten, sein Gleichgewicht auf dem Holz zu halten, das unregelmäßig mal rechts und dann links angehoben wurde. Dann hörte er, wie etwas Schweres mit einem dumpfen Geräusch aus dem Waldboden gezogen wurde. Dem folgten drei Geräusche derselben Art und dann zog es Iro fast den Holzboden unter seinen Füßen weg. Iro sprang und lief von der Stelle weg. Erst als er sich umdrehte, erkannte, dass der Holzboden einem Ungetüm an Pokémon gehörte, das offenbar im Boden verdeckt geruht hatte. Die Steine, der kleine Baum sowie der Holzboden gehörten zum Panzer eines dinosaurierartigen Pokémon, dessen Beine so dick und braun wie Baumstämme waren und den massigen Körper über den Boden trugen. Das Pokémon, das sich den Dreck abschüttelte, war doppelt so groß wie Iro und mit einer Drehung, dass der Boden bebte, blickten Iro kastanienbraune Augen entgegen. Sie waren von Dreck und Blättern fast vollständig verdeckt, doch Iro konnte direkt ablesen, dass er dem Pokémon mit seinem Schlag seinen Schlaf geraubt hatte. Dieses brüllte markerschütternde und ließ seine Baumkrone wild tanzen, aus der es mehrfach krachte und raschelte. Iro reagierte, weil er von der riesigen Erscheinung verblüfft war, zu spät und sah, wie mehrere Ranken, so dick wie sein Arm, aus der Baumkrone schossen. Mit der Wucht von Eisenkugeln trafen sie ihn auf der Brust, woraufhin er nach hinten geworfen wurde. Mit dem Rücken landete er in einer moosbewachsenen Steinformation, die sich nach oben hin auftürmte. Iro konnte nur für einen Augenblick sich dieser Lage bewusst werden, denn wieder schlugen die armdicken Ranken nach ihnen. Noch immer auf dem Rücken liegend, strengte Iro seine Bauchmuskeln an und schwang seinen Schweif nach oben. Er riss sich oben und dort, wo zuvor sein Bauch gewesen war, durchschlugen die Ranken die Steine. Fast rutschte Iro auf dem Moos der Steine aus, auf die er landete. Er blickte dem Pokémon in die Augen, welche wie die eines Raubtieres sich auf ihn fixierten. Seine Faust kribbelte stark und Iro fuhr ein Lächeln über den Mund. Er musste sich eingestehen, dass dieses Wesen das ist, was er unter anderem erhofft hatte, seit er mit Max und Jimmy im Geheimnisdschungel angekommen war. Was gäbe er nun dafür, die Begegnung mit so einem Ungetüm in einem Kampf enden zu lassen, der endlich mal alles von ihm fordern würde. Doch der Gedanke an Max und Jimmy ließ Iro das Gesicht verziehen. Es war gerade dringender, sie zu finden, woraufhin er dem Wesen zunickte und die Steine hochkletterte. Er konnte auf der höher gelegenen Ebene gerade noch die Richtung ausmachen, in die er Jimmy zu finden hoffte. Doch er verharrte eine Sekunde zu lang an der Stelle. Er blickte sich nach hinten und erkannte, dass das Pokémon eine große Reichweite mit seinen Ranken hatte. Vereint schlugen sie Iro in den Magen. Auch wenn ihm fast die Luft wegblieb, konnte er sich mit seinen Füßen vom Boden abstoßen. Doch Iro hat auch die Kraft unterschätzt, die in den Ranken lag, denn nun riss es ihn vom Boden und rücklings flog er durch die Baumkronen, die sich hinter ihm. Während sich sein Bauch vor Schmerz verkrampfte, schlugen ihm von hinten Zweige in den Rücken.
    Er flog für mehrere Sekunden, bis ihn dann Lianen auffingen, die am Rande einer Klippe aus den Baumkronen hingen. Als wäre er in ein Spinnennetz gefallen, verfing sich Iro mit Armen und Beinen in dem Dickicht aus Ranken, die so dick und fest wie Seile waren. Ein paar von ihnen wickelten sich gefährlich um seinen Hals, worauf Iro innehielt. Ganz behutsam befreite er seinen Hals, doch währenddessen hörte er ein Geräusch. Ein Krachen. Dann ein zweites. Mit einer unguten Vorahnung blickte Iro nach oben und sah, wie einige Ranken, die arg gespannt zu sein schienen, sich mitten in der Luft durchtrennten und eine Kettenreaktion auslösten. Deren Folge war, dass Iro zwar aus seiner Lianenfalle gelöst wurde, er aber nun einige Meter tief nach unten fiel. Er sah braunen Boden unter sich rasend schnell auf ihn zukommen. Iro handelte blitzartig, wie er es selten getan hatte. Er dreht sich in der Luft, sodass er mit dem Gesicht voran auf den Boden blickte. Dann sammelte er wie zuvor gegen die Bibor Wasser im Mund. Ein Schwall Wasser entfuhr kurz darauf von diesen. Zwar rauschte es längst nicht so stark wie gegen die Bibor, doch entfaltete es die gewünschte Wirkung. Iro spürte, wie sein Sturz leicht vom Wasser gebremst wurde, als dieses in geringer Entfernung auf den Boden strömte. Je näher er dem Boden kam, umso mehr spürte er, wie der Wasserdruck seinen Fall soweit bremste, dass er fast in der Luft schwebte. Dann schob er sich mit seinem Körper nach und brach seine Hydropumpe. Unsauber landete er auf dem abschüssigen Boden und Iro kullerte erneut diesen herab und blieb bäuchlings am Ende liegen. Ein wütendes Knurren entfuhr ihm, als er ein paar Sekunden verstreichen ließ. Er würde durchdrehen, wenn er noch ein weiteres Mal Dreck und Schmerzen an seinem gesamten Körper spüren würde. Er richtete sich auf und jäh erstarrte er.


    Wäre er an diesem Ort aufgewacht, hätte Iro direkt vermutet, sich an einem ganz anderen Ort zu befinden. Denn die Landschaft, die sich vor seinen Augen erstreckte, schien einer Geistergeschichte entsprungen zu sein. Es war totenstill, nicht einmal ein Wind wehte. Zum Ersten Mal, seit er aufgewacht war, dominierte Grau und Schwarz die Farbgebung. Nur vereinzelt waren kleinere Sträucher und Grasflecken zu sehen, die an kohlschwarzen Baumstämmen wucherten. Soweit Iro sich umblickte, waren sämtliche Bäume seiner Umgebung rußfarben. Nahezu alle waren eingerissen, Teile der Rinde waren abgebröckelt und offenbarten nacktes weißes Holz, das schon fast an Knochen erinnerte. Wo einst ein Blätterdach gewesen war, ragten kahle verbrannte Äste in den Himmel, sodass die Bäume wie verbrannte Arme wirkten, die in Pein nach oben gegriffen hatten, um Halt zu suchen. Einzelne, kümmerliche Blüten ließen vermuten, dass sich wieder Leben auftat, doch Iro konnte es sich nicht ausmalen, wie lange es gedauert haben musste, bis es soweit kam. Langsam schritt Iro weiter. Der Schmerz, der seinen Körper erfüllt hatte, schien sich bei dem Anblick der trostlosen Landschaft zurückgezogen haben. Nun erfüllte Iro das Gefühl von Entsetzen und Mitleid, je tiefer er in den Geisterwald hineinschritt. Dicht einander gedrängt raubten ihm die schwarzen Baumstämme einen großen Teil seiner Sicht und als er sich an einer besonders engen Gruppierung vorbeizwängen wollte, krachten sämtliche Bäume in sich zusammen. Ruß schwebte in der Luft und Iro vermied es, diesen einzuatmen. Er stieg über Asche und totes Holz und blickte sich um. Weit und breit war kein anderes Leben auszumachen. Iro wollte rufen, doch irgendetwas, vermutlich eine innere Eingebung, hinderte ihn daran. Iro fühlte sich wie auf einen Friedhof, den er einst mit Max und Jimmy im Rahmen einer Mission besucht hatte. Andächtig waren die drei auf der Suche nach Informationen an den Gräbern entlang gelaufen, um die Ruhe der Toten nicht zu stören. Die Bäume erinnerten ihn an jene Grabsteine und Iro wurde das Gefühl nicht los, dass mehr als nur Flora in diesem Teil des Dschungels Leben aushauchte. Mit einem Mal verstand er die kalte Wut, die in Viridiums Augen gelegen hatte, als sie Jimmy ermahnt hat, sein Feuer auf gar keinen Fall zu benutzen. Mitleid regte sich mit ihm, während er weiter auf der Suche nach Jimmy zwischen den toten Bäumen schritt.
    Dann endlich hörte er entfernt ein leises Plätschern, das aber mehrfach verstärkt durch die Bäume hindurch hallte. Iro, der für einen Moment vergaß, dass es mehr Geräusche als das Krachen von totem Holz gab, sprintete los, dem Echo dabei folgend. Er gelangte nur wenige Augenblicke später an einem kleinen Teich, der in vielen kleinen Rinnsalen in diverse Richtungen floss. Hier war der Boden von wesentlich mehr grünen Pflanzen bedeckt. Wie ein grünes Auge stach dieser Ort inmitten aus dem Aschgrauem hervor. Und in dessen Mitte konnte Iro eine kleine Gestalt erkennen, die zur Hälfte und mit dem Hintern voran, im Wasser versunken war. Als er näher trat, erkannte Iro das rötlich-orangene Fell.

    „Jimmy“, murmelte Iro und war mit einem Satz bei ihm.
    Auf dem ersten Blick wirkte Jimmy nicht verletzt. Tatsächlich, so erkannte Iro, hatte Jimmy den Nerv, seelenruhig zu schlafen. Und Iro war sich sicher, dass er einmal hätte aufwachen müssen. Unwirsch rüttelte er an Jimmy.
    „Aufwachen, Schlafmütze!“, rief Iro laut aus. Doch Jimmy rührte sich nicht. Nun schnippte Iro auf Jimmys Nase und rief noch lauter: „He! Aufwachen!“
    Wieder gab Jimmy keine Reaktion. Iro wollte nun eine Stufe höher gehen und Jimmy wahrhaft unsanft aus dem Schlaf klopfen, als er etwas in Jimmys Hand bemerkte, die leicht von seinem Körper verdeckt war. Iro schob dessen Arm zur Seite und ließ seinen eigenen sofort zurückschnellen. Ein Pilz mit großem Hut ist aus Jimmys Hand gefallen, an dem Bisspuren zu erkennen waren. Iro war sich sicher, dass diese Art von Pilz einmalig im Dschungel war und dass eine Verwechslung ausgeschlossen war. Und als er Jimmy tief schnarchen hörte, war ihm klar, was für ein Pilz das war. Er blickte sich schwach lächelnd um. Nichts Anderes wuchs in der Nähe und so wie Iro aufgewacht war, war es nur selbstverständlich, dass auch Jimmy Hunger verspürt haben musste. Er setzte sich neben Jimmy auf den Boden und sah ihn eine Weile an.
    „Es hätte dich schlimmer treffen können“, sagte Iro in einem beruhigten Ton. In einem Tiefschlaf zu fallen war auch besser als irgendwo gefangen zu sein und eventuell auch noch gefoltert zu werden. Was aber ist Max zugestoßen, wenn er sich nicht hier befand? Iro versuchte, sich an das zu erinnern, was der Affe gesagt hatte.
    „Den einen haben sie zum Waldschrat gebracht“
    Was oder Wer war der Waldschrat?“ Iro hatte das Gefühl, dass es sich um eine wichtige Persönlichkeit handeln musste. Vermutlich war der Waldschrat auch das mächtigste Pokémon im Dschungel. Ob es sich bei ihm um Mew, den Wächter, handelte? Doch wie sollte er ihn finden? Iro blickte sich um. Nur schwarze Baumstämme erfüllten sein Blick. Er bemerkte, dass sie unterschiedlich dick waren. Einige ließen vermuten, dass deren Blätterdach imposant gewesen sein musste, während das der wesentlich dünneren bescheidener ausgefallen sein musste. Und dazwischen waren vier viel dünnere Baumstämme zu erkennen, welche jedoch zu einem verschmolzen. Iro sprang auf. Er sah, wie ihm ein glitzerndes Augenpaar durch die Geisterbäume beobachtete. Sein Herz schlug schneller, auch wenn Iro noch nicht wusste, ob er jetzt froh oder alarmiert sein sollte. Zwar war er froh, wieder in Gesellschaft von Lebenden zu sein, doch erinnerte er sich daran, dass vermutlich alle Einwohner Feinde ihm, Jimmy und Max gegenüber waren. Und dazu glaubte er, das Augenpaar wiederzuerkennen.
    „Viridium?“, rief er in dessen Richtung und trat einen Schritt auf es zu. Urplötzlich wandte sich das Wesen um und galoppierte davon, einen grünen Feuerschweif, der vom Kopf ausging, hinter sich ziehend. Iro, der panisch bestürzt war, wollte hinterher laufen, doch er konnte Jimmy nicht einfach zurücklassen. Vorsichtig, ohne den Pilz zu berühren, löste er Jimmy vom Boden, klemmte ihn sich unter seinen linken Arm und spurtete los.
    Iro hatte mittlerweile Übung, durch den Dschungel zu laufen, ob lebendig oder nicht. Er sprang über tiefer liegende kahle Baumstämme und die Umgebung verschwamm wieder zu einem farblich verwaschenen Streifen aus Grau und Schwarz. Und in einiger Entfernung tauchte zwischen den geisterhaften Bäumen wieder das vertraute kräftige Grün eines unversehrten Dschungels hervor. Iro sprang über das Buschwerk, das den Übergang vom toten Gebiet in das lebendige darstellte, und es war, als hätte jemand einem Krakeelo beigebracht, wie es laut zu schreien hatte. Nahezu ohrenbetäubend nach der Stille des Totlandes empfingen ihn Vogelgezwitscher und das Rascheln von dicken Blättern, die von Iros breitem Körper zur Seite geschoben wurden. Er wusste nicht mehr, wo er sich befand, doch spürte er, dass das vierbeinige Wesen vor ihm her trabte. Immer wieder, wenn ihm eine tiefhängende Pflanze ins Gesicht schoss, drehte er im Laufen seinen Körper, sodass Jimmy, der nachwievor seelenruhig und nichtsahnend schnarchte, vor diesen geschützt war. Iro, der mittlerweile an Schmerz gewöhnt zu sein schien, spürte schon gar nicht mehr, wie die Zweige ihn peitschten. Er lief noch eine Weile so weiter, als sich plötzlich vor ihm eine Farbexplosion auftat, woraufhin Iro innehielt.
    Er war auf einer Lichtung angekommen, die ringsum von Pflanzen verschiedenster Art bedeckt war, die dichtes Buschwerk schmückten. Links ragten Palmen mit dichter Rinde und dünnen Blättern in die Höhe. Rote Blumen wuchsen direkt über große Blätter, die wie ein Rock bis zum Boden reichten. Sonnenblumen häuften sich zu seiner Rechten ganz in seiner Nähe wuchsen dickblättrige Blüten mit orangenem Stempel, der in die Tiefe der Blume zu gehen schien. Iro wurde das Gefühl nicht los, dass er beobachtet wurde. Und tatsächlich schob sich ein gelbes Augenpaar aus einem Busch vor ihm hervor, welches ihn erwartungsvoll anblickte. Iro wusste direkt, dass er erwartet wurde, denn das Pokémon schien keineswegs überrascht, ihn hier zu sehen. Es war klein, vermutlich einen Kopf kleiner als Jimmy, und ähnelte einer bläulichen Frühlingszwiebel, von der fünf glatte Blätter in die Höhe ragten. Die gelben Augen waren unverwandt auf Iro gerichtet, der vergeblich versuchte, das ausdruckslose Gesicht nach einem Zeichen von Feindseligkeit zu untersuchen.
    „Hallo“, sagte Iro dann zaghaft. Die Zwiebel ließ ein kurzes Nicken vernehmen.
    „Hallo“, sagte sie formal. Ihr Blick fiel auf Jimmy, der von Iros linker Seite baumelte. „Ich sehe, du hast deinen Freund, wiedergefunden.“ Die Gleichgültigkeit in deren Stimme ließ Wut in Iro sich aufbäumen. Mit grimmigem Blick trat er an die Zwiebel heran, welche unbeeindruckt stehen blieb. Mit seiner rechten Hand deutete Iro auf Jimmy.
    „Sag mir sofort, wie ich Jimmy wieder wach bekomme!“
    Die Zwiebel blinkte zweimal. Erneut musterte sie Jimmy. Ihr Mund zuckte kaum merklich.
    „Wie ich sehe, hat dein Freund eine Ladung von Fungus Luminis abbekommen“, stellte sie fest und klang dabei so, als sei dies durchaus vermeidbar gewesen. Ihr Blick richtete sich wieder auf Iro: „Weswegen seid ihr hierhergekommen?“
    „Was geht dich das an?“, fuhr Iro ihn an. Wieder blinzelte die Zwiebel zweimal und Iro deutete es so, als hätte er sie zu ihrer eigenen Überraschung respektlos behandelt. Als sie wieder sprach, lag auch eine deutliche Kühle in ihrer Stimme.
    „Nun, schließlich seid ihr in unsere Heimat eingedrungen, obwohl das mittlerweile so gut wie unmöglich sein sollte. Wie wir gehört haben, hat euch Viridium in den Dschungel geführt. Womit habt ihr sie genötigt? Wie habt ihr sie dazu gezwungen?“
    „Nun hör aber auf“, rief Iro mit leichter Zornesröte im Gesicht. „Ihr tut so, als seien wir Todfeinde und habt uns getrennt, ohne dass wir uns richtig erklären konnten. Wir wurden von Bibor angegriffen und-“
    „Nun, wilde Pokémon, vor allem Bibor, sollte man auch nicht unnötig reizen, oder?“, unterbrach ihn die Zwiebel spöttisch, ohne ihren prüfenden Blick von Iro zu lassen. „Das beantwortet aber nicht meine Frage.“
    Iro schloss die Augen und holte tief Luft. Mit einer ruhigeren Stimme, so hoffte er es jedenfalls, beantwortete er der Zwiebel ihre Fragen.
    Seine Vermutung, dass ein zweifaches Blinzeln seitens der Zwiebel von Überraschung zeugte, bestätigte sich, denn als Iro von Mew, dem Wächter, und dessen Einladung an das Team sprach, weitete sich auch deren Blick. Iro war klar, dass sie nicht damit gerechnet hatte, dass er ihr sowas zu erzählen hatte. Sie erinnerte ihn an Viridiums Reaktion, als Max ihr vom Anliegen des Teams berichtet hatte.
    Als Iro geendet hatte, fiel der Blick der Zwiebel wieder auf Jimmy, ehe sie sich an Iro wandte: „Nun ... ich weiß nicht so recht. Mal angenommen, ihr sagt die Wahrheit und der Wächter hat euch wirklich eingeladen, wieso hat Viridium nichts davon erzählt?“
    Iro zuckte mit den Achseln: „Was weiß ich, warum eure Hochwohlgeborenheit -“, doch er fasste sich, als die Zwiebel zornig mit ihren Augen funkelte und ihre Blätter zitterten.
    „Sprich nicht so respektlos von der Geheimniswahrerin! Ihr verdankt ihr das Privileg, überhaupt hier sein zu dürfen!“
    „Privileg!“, schnaubte Iro verächtlich und deutete auf Jimmy. Er spürte, wie eine Ader auf seiner Schläfe pochte.
    „Das hier soll ein Privileg sein? Entführt und eingeschläfert zu werden?“
    „Du weißt, wo du ihn aufgelesen hast?“, schnappte die Zwiebel wütend. Ihr und Iros Blick trafen sich. Dann schnaubte Iro lange aus und er spürte, wie sein Puls sich beruhigte.
    „Tut mir leid“, murmelte er leise, mehr zu sich als zu der Zwiebel.
    „Wie war das?“, fragte sie.
    „Tut mir Leid!“, rief Iro deutlich. „Es ist nur …“, und wieder deutete er auf Jimmy.
    „Wir wollen gewiss kein Ärger. Ich habe gesehen, was dort hinten passiert ist, und ich kann verstehen, warum ihr gerade Feuer-Pokémon misstrauisch seid. Doch das soll mich nicht daran hindern, euch aus dem Weg zu räumen, wenn ihr mir den Weg zu Jimmys Heilung versperrt!“
    Er stampfte auf. Die Augen der Zwiebel huschten von Iros Fuß, zu Jimmy in seinen Armen und schließlich zu Iro selbst hoch. Dann sprach sie, nicht aber mit Iro, sondern mit einem unsichtbaren Dritten: „Was meinst du, Kronjuwild? Können wir ihnen trauen? Ich bin mir nicht ganz sicher bei seiner latenten Gewaltbereitschaft“.


    Mit einem Schlag erwachte die Lichtung zum Leben. Iro zuckte zusammen, als um ihn herum Blätter raschelten und Zweige knackten. Sämtliche Pflanzen regten sich und entpuppten sie sich alle als Pokémon, welche ihre Gesichter effektiv verborgen hatten. Die Palmen drehten sich und zeigten jeweils drei Gesichter, die wie Kokosnüsse nahe deren Baumkrone wuchsen. Die Sonnenblumen ähnelten allesamt Sonnflora aus der Knuddeluff-Gilde, außer dass sie nicht so fröhlich wie ihr Artgenossin wirkten. Einige von ihnen blickten neugierig, andere skeptisch und ängstlich. Die dickblättrigen Blüten mit dem tiefen Stempel offenbarten sich ebenso als Pokémon, die unterhalb ihrer Blüten der Zwiebel ähnelten. Offenbar handelte es sich bei ihnen um eine höhere Entwicklungsstufe. Den einzig positiv anmutenden Blick erhielt er von einer Blubella, der die roten Blumen auf dem Kopf wuchsen und deren Blätter wie ein Rock zu Boden fielen. Sie schenkte ihm ein glühendes und bewunderndes Lächeln. Und hinter der Zwiebel trat nun ein weiteres Pokémon hervor. Es hatte vier Beine und ein glänzendes Augenpaar und Iro erkannte es als das Pokémon wieder, das ihn zuvor im toten Dschungel beobachtet hatte. Das, was er aus der Ferne als grünen Feuerschweif hielt, zeigte sich als ein immergrünes Buschwerk, das zweifach aus seinem Kopf wuchs und ein prächtiges Geweih umrahmte. Iro wusste auch, warum er es zunächst für Viridium hielt. Das Pokémon vor ihm trat ebenso mit einer Eleganz an ihn heran wie Viridium sie an den Tag legte. Und das Geweih und die hochgewachsene Erscheinung verliehen ihm zusätzlich etwa Imposantes, gar Königliches. Eine Weile lang musterte der Blick des Pokémons Iro und auch Jimmy in dessen Armen, dann fuhr ein warmes Lächeln über seinen Mund und mit einer tiefen ruhigen Stimme sprach er zur Zwiebel.

    „Keine Sorge, Myra. Ich sehe es ihm an, dass er dem Dschungel keinen boshaften Schaden zufügen will. Seine Absichten sind, trotz seiner Persönlichkeit, edel.“ Die Blubella, die Iro noch mit glühendem Blick beobachtete, nickte eifrig. Das Pokémon nickte seinen Mitstreitern zu, woraufhin sie etwas zurücktraten. Dann trat er auf Iro zu und nickte zum Gruß mit dem Kopf.


    „Sei gegrüßt. Mein Name ist Kronjuwild, Waldläufer des Geheimnisdschungels“





  • Hallo,


    als Iro neben Vegimak aufwacht und von ihm mehr oder weniger verwöhnt wird, war amüsant und hast du gut gelöst. Auch die anschließende Dschungelbegehung mit den Chelterrar war recht spannend. Ich mochte vor allem, wie du auf subtile Art die natürliche Angst der Wasser-Pokémon gegenüber Pflanzen eingebracht hast und dass selbst Iro nicht davor gefeit ist, Respekt zu haben. Dadurch wirkt er charakterlich auch etwas nahbarer. Der verbrannte Waldabschnitt war dennoch überraschend und noch mehr, dass Jimmy dort war. Persönlich erwarte ich, dass Kronjuwild eine Prüfung vorbereitet hat, um das Heilmittel zu überreichen. Bin sehr gespannt.


    Wir lesen uns!

  • 8
    Das Heilmittel


    Nur zögerlich ließ sich Iro dazu überreden, Kronjuwild und seinen Begleitern in die Tiefen des Dschungels zu folgen. Dieses Mal war der Weg, den er hinter ihm beschritt, um ein deutliches angenehmer. Es war, als würde das Buschwerk respektvoll zur Seite weichen und Platz schaffen, sobald sich Kronjuwild und sein Gefolge näherte. Ein paar Mal, als Iro wieder nach hinten blickte, staunte er, dass sie dann doch tatsächlich durch scheinbar undurchdringliche Büsche gegangen sind.

    Allgemein war Kronjuwild eine angenehme Persönlichkeit. Anders als Viridium, die nichts lieber getan hätte als vor dem Team Mystery Reißaus zu nehmen, war Kronjuwild aufrichtig interessiert an den Fremden, den er wenige Minuten zuvor begrüßt hatte. Mit seiner sanften tiefen Stimme hatte er Iro gefragt, wie sein Name war und was sein Anliegen im Geheimnisdschungel war. Auf Iros ungläubigen Blick hin hatte er belustigt gekichert.

    „Viridium hat uns nur das Wesentlichste erzählt, nämlich, dass sie drei Fremdlinge in den Dschungel geführt hat. Was sie aber hier wollen, das hat sie uns nicht verraten.“

    Es war klar, dass Kronjuwild schon auf der Lichtung nach dem Grund des Aufenthalts gefragt haben wollte, als sein mandelfarbener Blick dann auf die immer noch tief schlafende Gestalt Jimmys gefallen war. Iro hatte erklärt, wo er Jimmy aufgelesen hatte, und hatte ebenso ungläubig feststellen müssen, dass Kronjuwild diese Schilderung mit steinerner und ernster Meine zur Kenntnis genommen hatte.

    „Ich weiß, wie wir deinen Freund davon heilen können“, hatte er ohne Umschweife gesagt. „Wenn du uns vertrauen kannst, dann bringen wir dich zu einer Heilerin, die nicht weit weg von hier im Dorf wohnt.“

    Iro hatte bei diesen Worten die Blicke der umstehenden Pokémon gesucht, die ihn gemustert hatten. Jedes einzelne hatte er auf ein Anzeichen von List oder Hinterhalt abgesucht, doch hatte er stets entweder aufrichtiges Interesse, bekräftigende Ermutigung und vereinzelt auch widerwillige Skepsis vorfinden können. Doch Kronjuwild hatte nicht auf eine Antwort bestanden. Er hatte sein Angebot nochmal wiederholt und war allen voran in den Geheimnisdschungel geschritten. Seine Gefährten hatten daraufhin Anstalten gemacht, ihm zu folgen. Iro, der die Situation als nicht derartig gefährlich eingeschätzt hatte, zwischen all diesen fremden Pokémon einherzugehen, hatte sich Jimmy nochmal enger unter die Schultern geklemmt und war Kronjuwild gefolgt.


    Nun schritt die Prozession ohne Widerstände durch den Dschungel. Iro konnte es immer noch nicht glauben, dass er keine deutliche Spur von Feindlichkeit in der Luft spürte. Immer wieder blickte er zu den Pokémon, die ihnen folgten, als würde er eines dabei ertappen wollen, wie es sich hinten an ihn heranschlich. Lediglich die Blubella schritt dicht hinter ihm und warf ihm wie schon auf der Lichtung einen bewundernden Blick zu. Zwar spürte Iro keine Gefahr bei ihr, doch war ihm diese Art von Blick, welche kein Pokémon zuvor ihm zugeworfen hatte, fremd und auch etwas unwohl. Es schien sie nicht stören, dass er seine Schritte beschleunigte und zu Kronjuwild stieß, der mit wachsamen Auge voranging.

    „Wie kommt es eigentlich, dass Viridium dir mitgeteilt hat, dass sie mich, Jimmy und Max in Geheimnisdschungel geführt hat?“

    „Überrascht dich das etwa?“, sagte Kronjuwild erstaunt und warf einen kurzen Blick nach hinten zu Iro.

    „Tatsächlich ja. Ich hatte nämlich nicht den Eindruck, dass sie erpicht darauf war. Irgendjemandem davon zu erzählen.“

    Kronjuwild lachte leise.

    „Ja, das kann ich mir denken. Als Geheimniswahrerin achtet sie sehr genau darauf, wen sie einweiht. Sag mir, Iro. Wirkte sie, als hätte sie eine innere Schlacht geführt, als sie deinen Freund erblickt hat?“

    Sie schlugen eine Kurve und der Waldboden hob sich leicht, sodass es bergauf ging. Im Slalom umgingen sie einige Baumgruppen und Iro versuchte sich währenddessen zu erinnern. Tatsächlich gab es einen kurzen Augenblick, in dem Viridium sehr lange zu überlegen schien. Kronjuwild, der weiter voraus auf den höchsten Punkt der Hebung gesprungen war und aufmerksam prüfte, ob alle Pokémon noch der Kolonne angehörten, blickte zu ihm. Er lächelte, während Iro ihm von der Begegnung mit ihr berichtete und die anderen an ihnen vorbeischritten. Sein Blick verlor sich leicht in dem Teil des Dschungels, aus dem sie gekommen waren. „Sie scheint sie immer noch zu unterdrücken…“, sagte er mehr zu sich als zu Iro, der überrascht dreinblickte. Kronjuwild fing sich wieder und schüttelte den Kopf: „Ich muss ihr nochmal deutlich machen, dass sie als Geheimniswahrerin keinen Fehler gemacht hat. Denn sie schien sich deswegen wirklich Vorwürfe zu machen, als sie uns davon berichtet hat.“

    „Und mit uns meinst du dich und die anderen?“, fragte Iro und wies mit seinem freien Arm über die nun vor ihnen schreitenden Pokémon, denen sie nun mit etwas Abstand folgten. Iro ahnte zwar, dass Kronjuwild das Gespräch vertraulich halten wollte, doch wurde er nicht das Gefühl los, dass die Pokémon nun langsamer zu gehen schienen. Bestimmt waren sie erpicht darauf, mehr vom Gespräch mitzubekommen, dachte sich Iro. Kronjuwild schien dies dann doch nicht zu stören, denn er antwortete, ohne zu flüstern: „Nur mir und dem Waldschrat, die anderen vor uns wissen es von mir wiederrum.“

    „Aber wieso erzählt sie es dir dann?“, fragte Iro ungläubig. Kronjuwild schien seine Antwort gut zu überlegen, denn einige Momente schritt er stumm neben Iro. Die anderen kannten Pokémon vor ihnen kannten wohl auch den Weg, denn sie drehten sich nicht um, um Kronjuwild nach der richtigen Richtung zu fragen. Irritiert blickte Iro zu der Blubella, die offenbar mit Absicht zurückgefallen war und Iro immer wieder glühende Blicke und ein breites Lächeln zuwarf. Iro beschloss, sich nicht davon ablenken zu lassen, denn Kronjuwild sprach wieder.

    „Sie gehört wie ich zum Zirkel des Dschungels. Wie sie dir und deinen Freunden erzählt, ist der Geheimnisdschungel in einer anderen Dimension versteckt worden, um das Eindringen Unerwünschter zu verhindern.“

    Kronjuwild warf Iro einen flüchtigen Blick zu, ehe er fortfuhr: „Du kannst dir vorstellen, was für ein Umbruch dies für uns alle bedeutete. Wir leben seit 30 Jahren in Isolation von der Außenwelt und diese hat die Existenz des Geheimnisdschungels vergessen, es sei denn man erinnert sie daran.“

    Iro nickte, auch wenn diese Erklärung nicht seine Frage beantwortete.

    „Dieses neue Leben, das uns durch den Wächter Mew und einem anderen mächtigen Pokémon gegeben wurde, rief eine Art von Unmut hervor. Viele sprachen sich dafür aus, den Kontakt zur Außenwelt zu halten, während viele die Trennung von dieser befürworteten. Und bestimmt kannst du selber bestätigen, dass aus Unruhen Spannungen erfolgen, welche sich in Konflikten entladen können. Und für diese Art von internen Streitereien ist der Zirkel zuständig, diese zu schlichten. Mew, der Wächter, leitet eigentlich diesen, doch meistens ist er derartig mit seiner Aufgabe für den Dschungel beschäftigt, dass sich der Waldschrat um diese Angelegenheit kümmert.“

    „Was für ein Pokémon ist der Waldschrat?“, fragte Iro neugierig. Wenn diesem von Mew ein solches Vertrauen entgegengebracht wurde, konnte es sich nur um ein starkes Pokémon handeln, und wie es schon Gewohnheit bei ihm war, kribbelte es in Iros Fingern.

    „Das weiß ich selber nicht, denn mir und Viridium zeigt er sich stets in einer hellen Kugel aus Licht, wenn wir mit ihm sprechen. Mew selber habe ich nur einmal in meinem Leben gesehen, als ich sehr jung war. Damals als…“, und Kronjuwild hielt jäh inne. Erstaunt sah Iro die Angst, die in den Augen des Waldläufers lag, als er sich offenbar an etwas erinnerte. Als seine weiten Augen den seinen begegneten, erlang Kronjuwild seine ruhige Art rasch wieder. „Jedenfalls hat der Waldschrat in Streitfragen ein gewichtetes Wort, wenn es nicht zu einer Einigung der Parteien kommt. Des Weiteren hat er einen strengen Blick auf die Geschehnisse, die sich im Dschungel abspielen. Im Falle von euch Fremden hat er euch von Anfang an beobachtet, seit ihr in den Dschungel eingetreten seid.“

    „Dann weiß er auch, dass es Viridium war, die uns hineinführte. Die ganze Zeit über, als wir sie begleitet haben, hat sie davon geredet, dass sie Ärger bekommen würde. Hat sie da etwa gelogen, um uns Angst zu machen?“

    „Nun“, sagte Kronjuwild, der über seine nächsten Worte nachzudenken schien, „gewiss hat es dem Waldschrat nicht gefallen, dass sie euch hierhergebracht, ohne uns in Kenntnis zu setzen. Wie habt ihr sie eigentlich überreden können, wenn ich fragen darf?“

    Iro, dem es unangenehm war vor Kronjuwild zuzugeben, dass Viridium mehr oder weniger dazu erpresst wurde, ihn, Max und Jimmy in den Dschungel zu führen, wollte seine Antwort verlegen geben, doch Kronjuwild schüttelte jäh den Kopf.

    „Verzeih mir, ich denke, das ist eine Angelegenheit, die nur ihr was angeht. Sie, als Geheimniswahrerin, hat das alleinige Recht auszusuchen, wen sie in das Geheimnis einweiht. Seit sie diese Aufgabe wahrgenommen hat, ist sie dieser auch gewissenhaft nachgegangen. Zwar hat sich die Zahl der Besuche in den dreißig Jahren eher spärlich gehalten… ehrlich gesagt: Nimm die Anzahl meiner Beine und diese stellt nicht mal das Maximum dar.“

    Traurig blickte Kronjuwild zu Boden, während er und Iro wie die Gruppe an Pokémon vor ihnen nun einen Hügel hinabstiegen, wobei der Weg im Slalom an mehrere Baum- und Buschgruppen vorbeiführte.

    „Was ich aber nicht verstehe“, sagte Iro, der aufmerksam zugehört hatte, „wieso wird es überhaupt zugelassen, dass es Portale in den Dschungel gibt? Und warum gleich vier und nicht nur eines?“

    Kronjuwild blickte auf und in seinen Augen lag ein autoritärer und sachlicher Ernst: „Ich bin leider nicht befugt, dich in dieses große Geheimnis einzuweihen, Iro. Dies obliegt dem Wächter selber. Und ich bitte dich, nicht weiter danach zu fragen.“

    „Okay“, sagte Iro, der seltsam betroffen wirkte, so, als hätte er etwas Beleidigendes gesagt, ohne dass er es wusste. Er fragte Kronjuwild stattdessen, was seine Aufgabe im Dschungel war. Kronjuwild war wieder freundlicher, als er ihm antworte: „Ich bin für die innere Ordnung zuständig. Wie du jetzt leibhaftig erlebt hast, ist euer Empfang in diesem Dschungel recht zwiespältig abgelaufen. Ihr habt zum Beispiel einen Schwarm wilder Bibor aufgescheucht, habe ich vom Waldschrat gehört? Und diesen auch noch erfolgreich in die Flucht geschlagen?“

    Iro nickte und Kronjuwild wirkte wesentlich beeindruckt, doch seine Worte ließen ein ungutes Gefühl zurück.

    „Wenn du sagst, dass der Waldschrat uns die ganze Zeit beobachtet, dann tut er auch das jetzt, oder? Egal ob du dabei bist oder nicht?“

    „Dies kann man erwarten“, sagte Kronjuwild beflissen. „Doch ich denke, du kannst dich relativ glücklich schätzen.“

    „Was meinst du?“, sagte Iro skeptisch. Kronjuwild lächelte.

    „Wenn du und deine Freunde vom Waldschrat tatsächlich als Feinde angesehen worden wärt, hätte er längst drastischere Maßnahmen gegen euch unternommen. Es wundert mich schon, dass er euch nur voneinander getrennt hat.“

    Nur von uns getrennt?“, wiederholte Iro scharf. Demonstrativ ließ Jimmy einen nichtsahnenden zufriedenen Schnarcher von sich, worauf sich Kronjuwild ihm zuwandte. „Dein Freund benötigt dringend ein Heilmittel. Es ist nicht gut, wenn das Gift der Pilze zu lange ihn in diesen Zustand versetzt.“

    „Was würde sonst passieren?“, fragte Iro tonlos und mit dunkler Vorahnung. Kronjuwild schwieg für ein paar Sekunden.

    „Sein Organismus arbeitet unaufhörlich weiter und zehrt an seinen Körper. Wenn das Gift zu lange in ihm verweilt, wird es so sein, als würde innerhalb von zwei Tagen verhungern und unweigerlich…“, und das letzte Wort fuhr nicht mehr über seinen Mund, doch Iro fühlte sich in seiner Vorahnung bestätigt.

    Sterben, vollendete Iro Kronjuwild Satz in Gedanken.

    „Mach dir keine Sorgen, Iro!“, sagte der Waldläufer eindringlich. „Im Dorf wird sich Lilli um ihn kümmern und im Nu auf den Beinen sein.“

    „Wer ist denn Lilli?“


    Doch diese Frage sollte ich in nächsten Minuten von selbst beantworten. Sie waren gerade durch einen Vorhang aus Zweigen und Blättern getreten und Iro fühlte sich, als wäre er in ein gigantisches Zelt getreten. Er stand auf dem höchsten Punkt einer Grube, die sich im weiten Kreis von ihm austreckte. Während ringsum die Bäume des Dschungels unbekümmert wuchsen, wirkte es, als sei die Grube nicht natürlichen Ursprungs, sondern in den Waldboden gegraben. Spiralförmig führte ein Weg auf mehrere Ebenen, auf denen Holzhütten standen. Ein künstlicher Bach füllte Becken, die sich in gerader Linie über- und untereinander in die Ebenen eingelassen waren und von manchen führten Nebenarme in einige Hütten. Vom letzten Becken aus, das in der tiefsten Ebene lag, verlief der Bach in eine Art handbreiten Tunnel und Iro ahnte, dass er von dort aus seinen Weg durch den Untergrund des Dschungels gesucht hatte, denn es staute sich kein Wasser an. Anders als in einer Schlucht waren die tief eingelassen Ebenen kein Bild von rauem Stein und abschüssigem Geröll. Scheinbar unbekümmert wuchsen sowohl auf den Wegen als auch auf dem abschüssigen Boden dichte Büsche, sodass die ganze Grube den Eindruck machte, als sei Iro gerade in ein braun-grünes Auge getreten. Ein Rascheln über ihn ließ ihn aufblicken. Das Sonnenlicht fiel in breiten Strahlen durch das lichte Blätterdach, durch das sich mehrere Seile spannten. Als sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten, sah er improvisierte Baumhäuser in den Kronen der Bäume, die offenbar sowohl für Vögel als auch für kleinere Dschungelbewohner genug Raum darstellten, um sich einen Schlafplatz zu errichten. Und ein leise schmachtendes Geräusch ließ Iros Blick nach links wandern. Nicht weit von ihm hat sich eines Pokémon, welches zu Kronjuwilds Gefolge gehörte, auf den Stempel einer dickblättrigen Blüte gesetzt und anfangs war Iro erschrocken, wie diese sich unter dem schmachtenden Geräusch zusammentaten, als wäre die Blüte ein Raubtier, das darauf gewartet hätte, seine Beute einzusperren. Doch die Blütenblätter erstarrten mitten in der Luft, sodass sie mehr wie ein Dach wirkten, und Iro verstand, dass auch diese Blüte eine Art von Schlafplatz darstellte. Kronjuwild beobachte vergnügt, wie Iro diese Szenerie begeisterte, als etwas seine Aufmerksamkeit nach rechts forderte. Eine vertraute Stimme ertönte: „Hallo, Kronjuwild. Und hallo, rüpelhafter Hüne!“

    Iro wandte sich um und sah den Affen mit dem Brokkoli auf dem Kopf, welcher lässig mit einer Hand und einem Fuß von einer Liane zu ihrer Rechten hing. Genüsslich biss er in ein großes Stück runden,grünen Obstes und lächelte schelmisch zu Iro. Sein Blick fiel auf die schlafende Gestalt Jimmys.

    „Du hast ihn also gefunden. Gratuliere“, sagte der Affe und Iro konnte nicht deutlich heraushören, ob er sich tatsächlich für ihn freute oder nicht. Kronjuwild überging dies und blickte dem Affen in die Augen.

    „Du hast ihm anfangs Essen gebracht, Chuck?“

    Chuck blickte verlegen, als fürchtete er, gegen eine Regel verstoßen zu haben, doch Kronjuwild lächelte ihm aufmunternd zu: „Gut gemacht.“

    „Ist nur so“, murmelte Chuck und schielte auf einen von Kronjuwilds Hufen, „ich habe mich ungefragt an Lillis Vorräten bedient und … nun. …“

    „Ich denke, Lilli wird es verstehen. Sie ist ja so herzensgut. Ah, da kommt sie ja schon!“


    Ein vielschichtiges Rascheln kündigte Lillis Ankunft an. Iro sah, dass sie aus Blättern verschiedenster Größen, Arten und Formen zusammengesetzt schien. Während vier große gummiartige Blätter wie von ihrer schneeweißen Hüfte bis zum Boden fielen wie ein Rock, formten dünnere, länglichere, aber doch kräftig aussehende sowohl ihre Haare als auch ihre Hände. Ihre gelben mandelförmigen Augen waren geweitet, als sie auf Kronjuwild zueilte: „Endlich bist du hier! Bella war eben bei mir und sie sagte mir, dass einer der Fremdlinge von Fungus Luminis…“, und ihr Blick fiel erst auf Iro und dann auf Jimmy, den er noch immer unter dem Arm geklemmt hielt.

    „Ich darf doch“, sagte sie knapp und der Iro war erstaunt, wie ihre dünnen Blätterhände mühelos, kraftvoll und doch vorsichtig Jimmy aus Iros Arm lösten, ehe er ihn ihr freiwillig geben konnte. Lilli wollte sich schon, mit Jimmy in ihren Armen, wieder abwenden, scheinbar um ihn sofort zu heilen. Doch jäh blieb sie stehen. Iro, der noch dabei war, die letzten fünf Sekunden gänzlich wahrzunehmen, blickte nun verwirrt, genau wie Kronjuwild. Beide blickten zu Lilli, die wie erstarrt Chuck ins Visier nahm, als sähe sie einen gefürchteten Feind. Ehe Iro oder Kronjuwild fragen konnten, was los sei, sprach sie mit leiser Stimme: „Chuck … wo hast du die Grarzbeere her?“

    Aus irgendeinem Grund hörte Iro in weiter Ferne Donnergrollen und er fühlte eine sich anbahnende Wut, die in Lillis Stimme lag. Auch hörte er, und das beunruhigte ihn, auch Furcht aus dieser heraus. Chuck, der dies offenbar nicht zu bemerken schien, blickte verdutzt auf die Beere, nachdem er noch einen Bissen getätigt hatte. Er schluckte, vermutlich auch, weil er jetzt spürte, dass ein drohendes Unheil in der Luft lag.
    „Die Sache ist die, Lilli, du warst nicht zugegen, als ich unserem Freund hier“, und er wies zu Iro, ohne diesen anzusehen, „etwas zum Essen zusammensuchte für den Moment, in dem er aufwacht. Und diese lag in einem kleinen Korb in deiner Hütte. Da dieser eh fast leer war, dachte ich, dass ich-“

    „Hast du etwa beide genommen?!“, rief Lilli schrill und Iro begriff nicht, weshalb sie sich so aufregte. Kronjuwild schien es derweil zu dämmern, weil er nun Oh verdammt murmelte und sichtlich besorgte Blicke zwischen Iro und Jimmy warf. Als Chuck dann zögernd nickte, schrie sie vor Entsetzen auf. Ihr Schrei hallte über das ganze Dorf und alle Blicke der Dorfbewohner, von unten aus der Grube als auch von oben aus den Bäumen, waren auf die fünf Pokémon gerichtet. Jimmy drohte ihr aus dem Arm zu fallen. Iro wollte ihn schon, doch Lilli schaffte es von selbst, ihren Griff zu festigen.

    "Was ist denn los?“, fragte Iro bestürzt Kronjuwild, dem offenbar die Worte fehlten, doch es war Lilli, die mit weiten Augen antwortete: „Die Beere! Die Beere!“

    Und als Iro immer noch nicht verstand, sagte Lilli mit größtem Nachdruck: „Die Grarzbeere ist der wichtigste Bestandteil des Heilmittels, das ich für deinen Freund benötige! Jetzt sind keine mehr da!“


    Lilli, Kronjuwild sowie das gesamte Dorf schienen sich mit einem Mal von Iro wegzubewegen. Er spürte, wie sein Magen sich jäh verkrampfte und überstülpte, sodass ihm schlecht wurde. Was auch immer Lilli und Kronjuwild in weiter Ferne sagte, ihre Worte erreichten ihn nicht. Stattdessen hörte Iro seine eigenen Gedanken in zehnfacher Lautstärker und in rasendem Tempo sich wiederholend: Das Heilmittel konnte nicht hergestellt werden. Eine Zutat fehlte. Und wenn Jimmy das Heilmittel nicht bekam, würde er sterben. Die Aussicht, dass Jimmy dann im Schlaf friedlich sterben würde, stellte keineswegs eine beruhigende dar. Der Gedanke brachte Iro an den Rand des Erbrechens. Doch mit diesem formte sich ein zweiter Gedanke in seinem Kopf. Einer, der ihn wieder ins Dorf zurückholte, und auch wenn Jimmys Hinterflamme erloschen war, so brannte nun ein Feuer in Iro. Und mit dem Feuer kam ein Vorhaben, und wenn ihm dieses nicht gelinge…

    Doch es musste gelingen. Was Anderes konnte er sich nicht erlauben.

    „Wo kann man diese Beeren finden?“

    „Was?“, sagte Lilli fahrig, während ihre Blätter aufgeregt hin und her raschelten.

    „Wo kann ich diese Gaza… irgendwas-Beeren finden?“, sagte Iro nachdrücklich. Sein Herz klopfte ihm im Hals und er bemühte sich sehr, seine Stimme nicht zittrig vor Aufregung werden zu lassen. Kronjuwild warf ihm einen prüfenden Blick von der Seite zu.

    „Du hast doch nicht etwa vor…“, sagte er und Iro nickte ihm zu ohne den Rest des Satzes abzuwarten. Wieder wandte er sich an Lilli, dieses Mal eine Spur ungeduldiger. Die Verwirrtheit stand ihr ins Gesicht geschrieben und dann endlich begriff auch sie, worauf Iro hinaus wollte.

    „Diese Beeren sind ziemlich rar zu finden, selbst außerhalb des Dschungels wachsen weltweit nur Einzelne.“ Auf Iros Blick hin ergänzte sie rasch.

    „Aber auch hier im Geheimnisdschungel wachsen welche. Es ist nur …“, doch Iro, der auf diese Nachricht gehofft hatte, war drauf und dran zu wissen, wo sie wuchsen. Es war dann Kronjuwild, der Iros Eifer bremste: „Es wird nicht so einfach sein, wie du denkst. Die Grarzbeere wächst auf einem bestimmten Baum, dessen Standort sich nicht so einfach bestimmen lässt. Er wandert, verstehst du?“

    Iro blickte zu Kronjuwild. Ein bitteres Lächeln kräuselte seinen Mund.

    „Dieser Baum wächst nur auf dem Rücken eines Chelterrars. Und wie man mir vor unserem Zusammentreffen erzählt hat, bist du nur wenige Momente davor einem solchen begegnet, nicht wahr?“

    „Du meinst…“, sagte Iro düster und jäh verkrampfte sich sein Magen. Die Erinnerung an die armdicken Ranken drohten für einen Augenblick, ihm die Luft zuzuschnüren. Doch eine grimmige Begierde erfüllte nun Iros Faust. Er spürte, dass nicht nur der Zeitpunkt näher rückte, wo er die Zutat für Jimmys Heilmittel beschaffen, sondern auch derjenige, an dem er die offene Rechnung mit diesem Ungetüm begleichen würde. Laut ließ Iro die Knöchel und wandte sich gänzlich Kronjuwild zu: „Wo kann ich dieses Chelterrar finden?“

    Iro blickte sich nach der Richtung um, aus die er mit Kronjuwild gekommen war. Wenn er es schaffte, den gesamten Weg, den er gegangen war, abzulaufen, würde er unweigerlich auf das riesige Pokémon treffen. Doch als Kronjuwild antwortete, spürte Iro, wie sich eine unsichtbare Barriere vor ihm auftat, der ihn in seinem Eifer bremste. Denn Kronjuwild fasste Iro streng ins Auge: „Ich muss dich bitten, dass du mir diese Angelegenheit überlässt. Ich werde gehen und das Chelterrar darum bitten, mir friedlich die Beere zu überlassen.“

    Iro entging nicht die Betonung auf dem Wort. Trotzig erwiderte er Viridiums Blick. Schon öfters, wenn er sich herausgefordert gefühlt hatte, blendete Iro seine restliche Umgebung völlig aus. Er sah in Kronjuwilds tiefbraunes glänzendes Augenpaar, welches sich unnachgiebig in das Iros bohrte. Iro spürte, dass der Waldläufer ihn daraufhin ablas, wie er sich verhalten würde.

    „Die Sache ist die, dass Voru, also das Chelterrar, von dem wir reden, nicht gerade dafür ist, dass sich hier Fremde im Geheimnisdschungel aufhalten. Ganz gleich, ob andere von uns ihnen vertrauen. Und du kannst dir, so hoffe ich, doch denken, dass es deiner Bitte eher nicht nachgehen würde.“

    „Wer sagt, dass ich es darum bitten wollen würde?“, sagte Iro und ballte seine Faust. Kronjuwilds Blick huschte für einen Moment zu dieser, dann sah er wieder eindringlich in Iros Augen.

    „Ich habe dir meine Hilfe zugesagt, doch das heißt nicht, dass ich den inneren Frieden des Dschungels bewusst riskiere, indem ich dich hier tun lasse, was du willst. Wenn du alleine gingest und Voru dazu aufforderst, dir seine Frucht zu überlassen, wirst du definitiv eine Ablehnung erwarten. Und wenn du dann versuchtest, die Frucht mit Gewalt zu holen, wirst du die Vorurteile vieler nur bestätigen, dass Außenseiter nur Schaden bringen würden. Ich habe vor, diese nicht schüren zu lassen!“

    Bestimmt stampfte Kronjuwild mit seinen Hufen und raschelte bedeutsam mit seinem Geweih. Iro verstand zwar, konnte sich aber ein höhnisches Grinsen nicht verkneifen, das Kronjuwild verärgert entgegen nahm.

    „Und du glaubst, dass dieser Voru dir die Frucht überlassen wird? Einfach so? Wohlwissend, für wen diese Frucht gedacht sein wird?“

    „Ich muss ihn nicht darum bitten“, entgegnete Kronjuwild, „doch der Anweisung des Waldschrats wird sich Voru nicht widersetzen. Deshalb bitte ich dich drum, hierzubleiben und mich die Sache diplomatisch klären zu lassen. Das ist das beste Ergebnis für uns alle.“

    Iro trat einen Schritt auf Kronjuwild zu. Erneut wirkte es, als würde der halbe Dschungel um ihn herum zum Leben erwachen. Viele von Kronjuwilds Begleitern, die eine Eskalation zu fürchten schien, richteten sich auf und waren bereit, Kronjuwild zur Hilfe zu eilen. Mit einem raschen Blick bedeutete Kronjuwild ihnen, sich sofort wieder zu entspannen. Iro hingegen fühlte sich in einer vorher unterschwelligen Vorahnung bestätigt. Es war deutlich, dass einige von ihnen nur zurückhaltend waren, weil der Waldläufer es ihnen nahegelegt hatte. Es bedeutete nicht, dass sie Iro und vor allem Jimmy gegenüber ihre eigenen Vorbehalte hatten, auch wenn man ihnen keinen finsteren Blick wie bei Viridium ansah. Für einen Moment überlegte Iro sich, ob er sie alle daraufhin ansprechen sollte, doch Kronjuwilds strenger und eindringlicher Blick brannte auf ihn. Iro wusste, dass er es ihm zu verdanken hatte, dass er seit einiger Zeit relativ sicheres Geleit durch den Dschungel hatte. Bestimmt wäre er ungemütlicheren Dschungelbewohnern als Voru begegnet, wenn er weiterhin auf sich allein gestellt gewesen wäre, noch dazu mit Jimmy unter einem Arm geklemmt. Daher gab er der Kronjuwilds Bitte nach. Erleichtert lächelte Kronjuwild ihm zu.

    „Danke, Iro. Du hast mein Wort, dass ich alles tun werde, um den Waldschrat davon zu überzeugen, dass Voru kooperieren soll. Denn ich bin mir sicher, unter all der Feindseligkeit steckt der Wille, den Geheimnisdschungel zu schützen. Und das willst du ja auch, oder?“


    Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sich Kronjuwild um. Er machte sich aber nicht direkt auf dem Weg. Er ging zu einer der riesigen Blüten, die verschlossen waren und stupste sie an. Für einige Augenblicke passierte nichts, dann stampfte Kronjuwild gegen sie. Die Blüte zuckte, dann fielen im langsamen Tempo die Blätter zu Boden und die bläuliche Frühlingszwiebel mit Namen Myra kam zum Vorschein. Auch von der Entfernung aus konnte man es ihr ansehen, dass sie tief und fest geschlafen hatte, ehe der Waldläufer sie unwirsch geweckt hatte. Iro konnte nicht vernehmen, was sie miteinander besprachen. Er sah nur, wie Myra ihm einen kurzen Blick zuwandte, zögerte und dann schließlich Kronjuwild zunickte, der sich daraufhin niederließ. Sie sprang auf seinen Rücken und sofort waren sie und Kronjuwild durch den Blättervorhang verschwunden.

    „Keine Sorge“, sagte Lilli und legte behutsam eine ihrer Blätterhände auf Iros Schultern. Da er sie und den Rest des Dorfes vollkommen vergessen hatte, zuckte Iro zusammen, dann aber fiel sein Blick auf Jimmy, der von ihr gehalten wurde und selig schlummerte, wie ein Kind in den Armen seiner Mutter. Sorge mischte mit Furcht in Iros Gesicht, ehe er sich an Lilli wandte: „Kümmre dich bitte gut um ihn, ja?“, sagte er.

    „Aber natürlich!“, sagte Lilli, richtete sich zur vollen Größe auf und trug Jimmy davon. Iro sah ihr nach. Ein Knacken neben ihm ertönte. Chuck aß nun einen großen Apfel. Iro hielt er einen anderen hin. Und da sein Magen empört aufschrie bei dessen Anblick, nahm ihn sich Iro dieses Mal und biss hinein. Er schmeckte köstlich und Iro zweifelte, dass nicht mal im Apfelwald solch vorzüglichen Äpfel wuchsen. Ehe er es sich versah, hatte er ihn mit Stiel und Kern in den Mund geworfen. Er warf einen Blick zum Dorfeingang und Chuck folgte diesem.

    „Kronjuwild und Myra werden es schon schaffen!“, sagte Chuck munter.

    „Werden sie?“, sagte Iro tonlos.

    „Kronjuwild und Myra sind absolute Profis, wenn es um … Rettorik geht oder wie das heißt. Ich glaube, selbst den Waldschrat werden sie überzeugen.“

    „Bist du ihm je eigentlich begegnet? Oder Mew?“, fragte Iro Chuck. Dieser gluckste.

    „Dieses Privileg hat nur der Zirkel leider. Wir wissen nur, dass sie die Ordnung des Dschungels aufrecht erhalten. Meistens aber sind es nur Kronjuwild und Viridium, die wir sehen, da sie tagtäglich mit uns in Kontakt stehen. Kronjuwild ist auch deswegen so beliebt bei uns allen, da er immer und überall im Dschungel zugegen ist, während Viridium außerhalb des Dschungels sehr viel unterwegs ist.“

    „Weißt du eigentlich, warum?“, sagte Iro. Er sah, wie Chuck verlegen nach unten blickte.

    „Das weiß ich zwar, aber es ist ein Geheimnis, dass nur der Zirkel selbst dir offenbaren darf, wenn er es will. Tut mir leid“, doch Iro winkte ab. Er stellte sich gerade vor, wie Kronjuwild und Myra nahezu über Stock und Stein innerhalb des Dschungels flogen, um so schnell wie möglich zum Waldschrat zu gelangen. Doch etwas wunderte ihn an diesem Bild.

    „Myra ist ziemlich frühreif, oder?“, sagte er zu Chuck. „Sie wirkt recht jung und trotzdem wird ihr von Kronjuwild so ein Vertrauen entgegen gebracht?“

    Darauf erhielt er keine Antwort. Wieder blickte er nach unten und er war bestürzt darüber, wie offenkundig traurig und mitleidig Chuck zu ihm aufblickte. Er setzte sich auf den Boden und das Lächeln, das die ganze Zeit sein Gesicht erfüllt hatte, erlosch.

    „Myra ist über dreißig Jahre alt. Sie wirkt nicht so, doch ist sie für uns alle eine vertrauenswürdige Ansprechperson. Was auch immer du ihr anvertraust, sie behält es für sich.“

    „Dreißig?“, wiederholte Iro ungläubig und blickte zum Vorhang, durch den Myra verschwunden war. „Und sie hat sich in all den Jahren nicht einmal entwickelt?“

    Chuck schluckte nervös, als würde seine Antwort von ihm viel abverlangen: „Nun ja … sie kann es nicht.“

    „Was?“, sagte Iro. „Sie sieht doch wie ein Pokémon aus, das sich entwickeln kann. Selbst dir sehe ich an, dass du auch dich entwickeln kannst.“

    „Ich weiß, und ich könnte es auch, wenn ich wollte. Doch ich mag nun mal meinen Körper. Es ist leichter, mit diesem an Bäumen zu klettern, als wenn ich größer und schwerer wäre. Aber die Sache ist die: Selbst wenn Myra es wollte, sie könnte nicht. Weil …“

    Er brach ab. Erschrocken stellte Iro fest, dass nun Tränen über Chucks Wangen fiel.

    „Das Feuer von vor dreißig Jahren“, sagte eine neue Stimme hinter den beiden tonlos. Chuck und Iro blickten sich um und sah in die blauen Augen der Blubella. Auch bei ihr war Iro bestürzt zu sehen, wie das vorherige Glühen wie erloschen und ihr Lächeln sehr schwach war. Chuck deutete ihr an, dass sie nicht weitererzählen müsste, doch die Blubella schüttelte den Kopf. Sie wandte sich an Iro: „Ich habe mich dir noch nicht vorgestellt: Ich bin Bella, Myras Schwester.“

    „Ihre Schwester?“, sagte Iro und blickte sie das erste Mal aufmerksamer an. Ihr sah man es hingegen an, dass sie sämtliche ihrer Entwicklungsstufen hinter sich hatte. „Wie kann es sein dass…“

    „Das Feuer von vor dreißig Jahren“, wiederholte Bella tonlos, „hat uns alle sehr hart getroffen. Ich glaube, so viele uns sind von einem Schicksal getroffen worden, das ich sonst keinem wünschen würde…“

    „Bella…“, murrte das Kokowei, das sich nicht weit von ihnen im Boden verwurzelt und offenbar still der Unterhaltung gelauscht hatte. Bella wandte sich ihm zu und schüttelte den Kopf: „Warum sollen wir ihn nicht davon erzählen, Koko? Ich finde, er sollte wissen, was genau passiert vor vielen Jahren.“

    „Feuer!“, rief das Kokowei und auch andere, die in Hörweite waren, wandten sich ihnen zu und lauschten. Koko schien es nicht zu kümmern. Sie schloss die Augen, als wäre sie fest entschlossen sich vorzustellen, ganz woanders zu sein. Auch Chuck gestikulierte, dass Bella aufhören soll, doch sie ließ sich nicht beirren. Sie holte tief Luft: „Viele, die heute alt genug sind um davon aus erster Hand zu erzählen, haben Familie in diesem Feuer verloren. Meine Schwester und ich, Koko, wir alle hier“, und sie wies über das Dorf und Iro sah, wie viele der Pokémon, die sich in Hörweite befanden, schmerzerfüllt das Gesicht verzerrten. Auch er wollte nun Bella darum bitten, aufzuhören, doch sie erhob ihre Stimme und einige der Umstehenden entfernten sich nun, um nicht mehr mitzubekommen.

    „Viridium hat sogar ihre gesamte Familie verloren, da sie es nicht rechtzeitig aus dem Feuer geschafft hatten. Sie ist vermutlich nun das Pokémon ihrer Art. Kannst du dir vorstellen, was das für ein Gefühl sein musst?“

    Ihre Augen schwammen in Tränen, doch sie fuhr verbissen fort, wild entschlossen, Iro alles zu erzählen. Die Luft war erfüllt von schmerzerfüllten Klagelauten und Iro spürte, wie diese sich im ganzen Dorf ausbreiteten. Er selber stand hilflos da und musste bestürzt mitansehen, wie Bella vor ihm trotz ihrer Tränen in die Augen blickte.

    „Mew, der Wächter, ist vollkommen zornig geworden. Er hat sich die Eindringlinge, die uns das angetan haben, vorgenommen und … und …“, sie würgte und Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben. Dass selbst sie jetzt ins Stocken geriet, ließ Iro nur vermuten, dass Mew ein äußerst mächtiges Pokémon sein musste. Es war dann Chuck, der heiser fortfuhr: „Ich bin erst nach dem Brand auf die Welt gekommen, doch ich habe Geschichten gehört, dass Mew sich in ein enormes Monster verwandelt haben soll, um diese Mistkerle zu erledigen.“

    „Hat er sie …?“, fragte Iro tonlos, und es war Bella, die daraufhin nickte.

    „Ja. Er hat sie ohne Gnade getötet. So groß war sein Zorn. Und alle von uns haben gedacht, das wäre die verdiente Strafe gewesen.“

    Sie schlotterte angesichts dieser Vorstellung. Dann atmete sie tief ein und aus, während sie dabei zitterte: „Letztlich aber hat es die Toten nicht zurückgebracht. Dürfen wir sagen, dass es eine gerechtfertigte Rache war?“

    „Nun, wenn man bedenkt, dass diese Dreckskerle auf irgendeinen Schatz aus waren…“, sagte Chuck, doch Bella lachte hysterisch auf.

    „Du meinst einen Schatz, den es nur in Gerüchten und Hörensagen gibt? Einen, den der Geheimnisdschungel nie besessen hatte?“

    „Das meine ich doch“, sagte Chuck abwehrend, doch Bella schüttelte den Kopf.

    „Denjenigen, der dieses Gerücht in die Welt gesetzt hatte, würde ich nur allzu gerne kennenlernen!“, sagte sie bitter. „Der soll es nie wieder wagen, sowas zu verbreiten. Wir haben friedlich gelebt und haben jeden willkommen geheißen. Und womit danken uns einige Dreckskerle das? Indem sie den Dschungel in Brand stecken, nur weil man ihnen sagte, dass es nie einen Schatz gab“


    Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. Iro sah, dass sich alle Dorfbewohner mittlerweile von ihnen entfernt haben. Sie schienen genug mit ihren Erinnerungen zu kämpfen, denn grimmig blickten sie vor sich hin, die Münder von einigen waren nur noch hauchdünne Linien, so schmal waren sie. Iro wusste nicht, was er sagen sollte. Das Ausmaß des Feuers, das so viele Leben gefordert hatte, konnte er sich nicht vorstellen. Es war klar, dass man dabei gewesen sein musste, um es vollständig nachzuempfinden. Seine Abneigung, die er Viridium über gehegt hatte, war mit einem Mal verflogen und jähes Mitleid für sie, ihre Familie und die von so vielen anderen, machte sich breit. Dann aber rief er sich zur Erinnerung, dass sie nichtsdestotrotz sowohl ihn, Max als auch Jimmy in den Dschungel geführt hatte. Gerade Jimmy musste nicht nur für sie, sondern für den restlichen Dschungel einen absoluten Todfeind darstellen. Und nun stand Iro inmitten eines Dorfes, umgeben von den Bewohnern des Dschungels, von denen einige nicht nur ihm, sondern auch Jimmy wohlgesinnt waren. Oder waren sie es? Und konnte er nun mit dem Gedanken darauf vertrauen, dass Lilli Jimmy auch wirklich heilen würde? Und dass sich Kronjuwild mit Myra in dem Moment vor dem Waldschrat sich für ihn einsetzen würden?

    „Wir haben aber irgendwann angefangen einzusehen“, sprach Bella mit leiser Stimme und sie blickte Iro dabei fest in die Augen, als hätte sie ihm sein inneres Denken angesehen, „dass nicht alle Pokémon von außerhalb so böse sein können. Es gab schließlich eine Zeit, in der wir tagein tagaus Besuch hatten. Und dieser war aufrichtig und nett und wir hatten immer viel Spaß mit diesen Fremden.“


    Sie seufzte.
    „Mittlerweile fehlt es vielen von uns, diesen Kontakt zur Außenwelt zu haben. Auch wenn wir alle, Kronjuwild miteingeschlossen, absolut wütend waren, so konnten wir diese Wut nicht all die Zeit aufrecht erhalten. Die Übeltäter sind von Mew, dem Wächter, getötet worden, was ihn genauso schockiert hatte wie uns, trotz allem was passiert war. Und wenn man bedenkt, was uns diese Trennung von der Außenwelt uns langfristig brachte. Natürlich fühlten wir uns sicher, doch haben wir mit denen, die dem Dschungel hätten schaden können, auch jene ausgeschlossen, die ihm und uns hätten helfen können, diese grauenvolle Nacht zu überwinden.“

    Einige Augenblicke lang schwieg Bella. Sie sah sich im Dorf um und Iro wusste, dass sie den Blick eines jeden Pokémon suchte, das sich in ihrer Sichtweite befand. Nur einige erwiderten mit einem zaghaften Lächeln, andere hingegen blickten weiterhin mit trübem Blick vor sich hin.

    „Auch, wenn fast dreißig Jahre seitdem vergangen sind, haben wir erst vor Kurzem zugelassen, dass die Wunden heilen, vernarben und verblassen.“

    „Wie meinst du das?“, sagte Iro. Bella blickte wieder zu ihm auf.

    „Alle hier, die du im Dorf siehst, Kronjuwild voran, haben irgendwann angefangen, an das Gute in den Pokémon von der Außenwelt zu glauben. Sie haben sich, angeführt von Kronjuwild, dafür ausgesprochen, dass der Dschungel wieder mit dieser verbinden sollte, dass er wieder in seine ursprüngliche Dimension zurückversetzt werden sollte.“

    „Doch nicht alle waren dafür, oder?“, sagte Iro, der Unangenehmes ahnte. Bella schüttelte traurig den Kopf.

    „Der Dschungel hat sich daraufhin gespalten. Während wir hier die Öffnung nach außen hin befürworten, wollen die anderen nachwievor es verhindern, dass ungezügelt Fremde in unseren Dschungel kommen. Es sei nachwievor zum Schutz des Dschungels und aller, wenn diese Einwanderung streng kontrolliert werde. Doch sorgen wir damit nicht auch für Unmut, wenn wir mit so einem Misstrauen an Fremde herantreten?“

    Iro wusste, dass sich Bella mit dieser Frage auch an ihn richtete. Er blickte betreten zu Boden.

    „Nun, ihr hättet alle eure Gründe, jetzt wo ich die Geschichte von diesem Ort kenne“, sagte er, doch Bella schüttelte den Kopf.

    „Wir müssen wieder auf Pokémon von außen mit offenem Herzen zugehen können. Selbst Mew hat es sehr bedauert, den Dschungel in eine Dimension zu schicken. Das sagt doch aus, dass auch er den Kontakt zur Außenwelt suchen würde, wenn er die Zeit als reif erachtet, oder?“

    „Hat er sich denn nicht konkret dazu geäußert?“, fragte Iro erstaunt.

    „Es heißt“, sagte Bella, die sich umblickte und die Stimme daraufhin senkte, sodass Iro sich etwas zu ihr hinabbeugen musste, um sie besser zu verstehen.

    „Es heißt, dass Mew in einen tiefen Schlaf verfallen sein sollte, weil er sich so stark dafür geschämt hatte, die Kontrolle verloren zu haben. Seither hat der Waldschrat stets die Angelegenheiten hier im Dschungel geklärt, wenn sie seine Aufmerksamkeit gefordert hatten. Wie diese hier“, und sie wies mit ihrem Arm über das Dorf. Iro blickte irritiert, woraufhin Bella ergänzte: „Dieses Dorf ist ein Produkt dessen, das die Spaltung des Dschungels hervorgerufen hat. Uns wurde nahegelegt, mit unserem naiven Gedankengut in einen Teil des Dschungels zu ziehen, wo wir andere, die anders denken, nicht unnötig aufzuregen.“

    „Was?“, rief Iro empört. Er merkte nicht, wie er sich entrüstet aufgerichtet hatte und gewiss hätte er es vermieden, seine Stimme nicht so laut über das Dorf schallen zu lassen. Fassungslos blickte er Bella in die Augen und seine Faust knackte. Chuck wich etwas erschrocken zurück und die anderen Bewohner blickten finster zu Iro. Doch er erwiderte deren Blick nicht. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihm breit: „Heißt das, ihr werdet vom Rest des Dschungels als verrückt angesehen, nur, weil wieder ihr auf Pokémon von außen zugehen wollt?“

    Bella sagte nichts, doch ihr Blick sprach Bände. Iros Gedanken kreisten weiter. Für ihn war es, als wären Bella und die anderen Ausgestoßene, die unsinniges Zeug daherreden würden. Dabei empfand Iro das komplette Gegenteil: Gegen etwas, das sich wie Gift durch ihren Geist zog, haben sie nach all der Zeit selber ein Heilmittel entdeckt. Und die anderen – diejenigen, die die Trennung weiterhin befürworteten -, waren zu sehr von ihrer Abneigung gegen Außenseiter geblendet, als dass sie dieses Heilmittel als solches erachten würde. Und eine weitere düstere Vorahnung formte sich, die er auch Bella gegenüber äußerte: „Was wird der Waldschrat sagen, wenn Kronjuwild ihn darum bittet, dass für Jimmy eine Grarzbeere anfällt?“

    Bellas Blick ließ nichts Gutes ahnen, und als sie trübselig wegschaute, war das der Finger, der einen Knopf in Iro drückte. Er wandte sich um und in seinen Augen lag grimmige Entschlossenheit.


    „H-hey, wohin gehst du?“

    Es war Chuck, der sich wie zuvor Iro in den Weg stellte. Dieses Mal aber würde Iro nicht auf das Spiel eingehen. Er wusste, dass von nun jede Sekunde zählte, in der Jimmy in diesem Zustand verblieb. Er dachte an Max. Auch wenn die Sorge um ihn eindringlich quälte, so war die um Jimmy größer und auch dringlicher. Er schämte sich etwas, dass er nicht an ihn gedacht hatte, da er so von der Geschichte Bellas und von der Dringlichkeit um das Beschaffen der Grarzbeere eingenommen war. Nun aber sah er Max, Jimmy als auch den Grund, weswegen sie überhaupt in den Dschungel kamen, vor sich. Es war, als läge sein Weg hell erleuchtet vor ihm und er wüsste daher, wie er diesen nun zu gehen hatte. Und er hatte ein Gespür, dass er auf Voru treffen würde, ganz gleich in welche Richtung der durch den Dschungel spurten würde. Doch ehe er durch den Blättervorhang treten konnte, hat sich Chuck in Iros Augenhöhe diesen gegriffen, sodass er ihm direkt ins Gesicht blicken konnte. Offenbar konnte Chuck Iros nächstes Vorhaben deutlich ablesen, denn seine Augen weiteten sich vor erstauntem Entsetzen.

    „Du bist doch des Wahnsinns!“, war sein Ausruf darauf. „Du erwartest doch nicht, dass ein Wasser-Pokémon wie du ein solches wie Voru … und dann noch im Kampf …“

    „Chuck, du hast mich das letzte Mal nicht aufhalten können. Du bist zwar wie alle hier in Ordnung, doch, wenn du es nun wagen solltest, dich mir in den Weg zu stellen, dann kann ich für nichts garantieren. Und es gilt auch für dich!“, sagte er dann an Bella gewandt, die an seine Seite trat. Diese schüttelte vehement den Kopf

    „Ich hatte nicht vor, dich aufzuhalten. Im Gegenteil“, und sie hielt ein kleine, runde und blaue Beere. Es war eine Sinelbeere.

    „Die wirst du benötigen, denn ich zweifle, dass Voru mit dir reden wird. Und nimm sie!“, sagte sie nachdrücklich, als Iro sie unwirsch mit einer Hand ablehnen wollte. Er nahm sich die Beere und schloss sie sanft in seiner Faust ein. Er dankte Bella, während er nur noch einen flüchtigen Blick für sie übrig hatte. Er sah grimmigen Stolz in ihren Augen und er nickte lächelnd, ehe er durch den Vorhang trat. Er war kaum ein paar Schritte aus dem Dorf und wollte sich vergewissern, von wo er mit Kronjuwild gekommen war, als er in den Ästen über sich etwas rascheln hörte. Chuck hatte sich nach dem Verlassen des Dorfes auf den nächstbesten Baum geschwungen und ist Iro über die Äste gefolgt.

    „Ich habe es dir gesagt“, knurrte Iro und wollte sich auf einen Weg festlegen, als Chuck ihn von oben ansprach: „Ich wollte dir nur den Weg zu dem Ort zeigen, an dem sich Voru für gewöhnlich aufhält!“

    „Du … wirklich?“, sagte Iro und blickte überrascht hoch. Der Mittag schien vorbei und das Sonnenlicht fiel nicht mehr so stark durch das Blätterdach, deswegen war Chuck keine bloße Silhouette mehr. Iro sah, wie der Affe nun leicht errötete, als wäre er über seinen eigenen Entschluss erstaunt und betreten zugleich. Doch schüttelte er den Kopf und nickte dann bekräftigend. Ein dankbares Lächeln fuhr über Iros Mund und er folgte dem Affen, der von Ast zu Ast und von Baum zu Baum schwang.


    Nach mehreren Hügeln und Senken und nach mehreren Stellen, wo sich Iro durch dichtes Buschwerk zwängen musste, da Chuck den direkten Weg nahm und nur selten zurückblickte, kam Iro in einem Teil des Dschungels an, in dem das Blätterdach dichter bewachsen war und die Baumstämme mehr im Schatten als im Licht lagen. In der Ferne schien es, als würde die Nacht hereinbrechen, denn hinter mehreren Bäumen verlor sich der Dschungel in Dunkelheit. Iro musste noch über einen herabgefallenen, vermoderten Baumstamm klettern, der süßlich roch. Er hatte aufgehört zu zählen, mit wie vielen Schrammen und feinen Kratzern sein Körper bedeckt war, doch Iro hatte sich an das leichte Brennen gewöhnt.

    Er rutschte vom Baumstamm aus einen Erdhügel hinab und fand sich inmitten einer weiten Lichtung wieder, die wie das Dorf eine Grube darstellte, wenn auch nicht so tief. Nur tiefer gelegenes Buschwerk wuchs aus den Boden, dessen Rest von herabgefallenen Blättern und Zweigen bedeckt wurde. Jüngere Bäume, denn ihre Stämme waren recht glatt und waren ziemlich schmal, standen vereinzelt auf der Lichtung und ein größerer ragte aus deren Zentrum hervor. Iro erkannte diese Art sofort und jäh hallte die Wucht vom Schlag eines armdicken Astes in seinem Bauch nach, den er sich rieb. Weitere Details seiner letzten Begegnung mit dem Träger dieses Baumes traten in sein Gedächtnis und Iro fühlte sich tatsächlich hin und her gerissen zwischen der Aufnahme eines Kampfes, um für Ausgleich zu sorgen, und der Sorge um Jimmy, die Eile gebot. Iro war sich nicht mal sicher, ob seine Anwesenheit auf der Lichtung bemerkt wurde. Ihm kam die simple und für ihn persönlich eher langweilige Idee, ganz langsam, auf Zehenspitzen, auf den Baum zuzugehen und blitzschnell eine dieser Grarzbeeren abzugreifen, bevor das Ungetüm davon Wind bekam.

    „Feigling“, flüsterte eine ungebetene Stimme in Iros Hinterkopf. Seine Finger juckten sehr und zum ersten Mal musste Iro den Drang verspüren, seine Hand nicht laut knackend zur Faust zu ballen. Wäre er nur ein Geist-Pokémon, dachte er sich. Doch dachte er mehr an Shadow, dem Gengar, das er mit Max und Jimmy jüngst der Justiz überstellt hatte. Er erinnerte sich, wie Shadow Jimmys Körper kontrolliert hatte, um ihn gegen Max und Iro aufzuhetzen.

    In Gedanken an Jimmy und Max fasste sich Iro ein Herz und wollte zum ersten und zum, so hoffte er es sehr, letzten Mal den Weg eines Diebes gehen. Doch mit dem ersten Schritt, den er im Schleichtempo ansetzte, wurde ihm klar, dass so eine Karriere ihm ohnehin versagt bleiben würde. Denn ein Ast, den er unter seinen breiten Beinen nicht zu sehen vermocht hatte, knackte und dieses Geräusch hallte in der gesamten Lichtung wider. Und die Erde erwachte jäh zum Leben und eine tiefe, laute und knurrende Stimme ertönte.


    „Du wagst es, den Fremden hierherzubringen, Chuck?!“

    Der Boden fing und unter lautem Rascheln und Beben schüttelte sich die riesige Gestalt Vorus aus dem Bodes heraus. Seine baumdicken Beine stampften auf den Boden und Iro blickte in dessen raubtierhafte Augen, die ihn wie zuvor feindselig anfunkelten. Jetzt schnellte Iros Hand unwillkürlich zur Faust zusammen und er spürte jäh die Aufregung und Spannung, die ihn vor einem Kampf erfüllte. Sein Blick wanderte schon zur Krone des Baumes auf Vorus Rücken, in der er neben den ersehnten Grarzbeeren auch jene armdicken Ranken erspürte. Doch Voru schien für den Augenblick nicht daran interessiert, diese nach Iro peitschen zu lassen. Abschätzig musterte er ihn.

    „Du hättest dankbar sein sollen, dass dir wie dein anderer Freund vom Waldschrat Gnade erwiesen worden war. Ich hätte nichts dagegen gehabt, dich unter den Spinnern im Dorf zu wissen, sofern du dort auch geblieben wärst.“

    „Wo ist Max?“, sagte Iro scharf. Voru blickte ihn verwirrt an.

    „Heißt er etwa so? Dem Waldschrat wollte er per tu nicht seinen Namen nennen, als er von ihm ausgefragt wurde.“

    „Wo versteckt ihr ihn?“, wollte Iro nun eindringlich wissen und trat einen Schritt auf Voru zu, doch erbost trat dieser mit beiden Vorderbeinen auf, sodass die Erde erbebte und um Iro herum weitere Risse bekam.

    „Du hast hier keine Forderung zu stellen, Außenseiter!“, rief Voru mit seiner tiefen Stimme. „Ich warne dich nur ein einziges Mal: Kehre um und lebe mit den anderen Spinnern im Dorf, die, verräterisch wie sie sind, dich mit offenen Armen empfangen haben.“

    „Erst will ich eine Grarzbeere!“, rief Iro gegen die Lautstärke von Vorus Stimme an, woraufhin dieser rau und kalt lachte: „Du klingst genauso naiv wie Kronjuwild! Auch er und Myra kamen vorher zu mir und baten mich, eine meiner Grarzbeeren zu überlassen. Was denkt ihr eigentlich, mit wem ihr hier spricht?!“

    Erneut stampfte Voru wütend aus und sein Blick wurde immer kälter und gnadenlos. „Ich sterbe lieber als dass ich bereitwillig eine Beere abgebe für ein Ding, das ohnehin nur Schaden verursachen wird. Der Dschungel ist besser dran, wenn er nicht mit so einem Dreck belastet ist.“

    „Hör mal! Jimmy ist mein Freund! Untersteh dich, so über ihn zu reden!“, rief Iro zornig und schlug mit seinem Schweif auf dem Boden aus. Dort, wo er aufschlug, riss der Boden ebenfalls auf. Nun blickten sich zwei Augenpaare und es war schwierig auszumachen, welches dem anderen mehr Verderben wünschte. Voru lächelte spöttisch: „Ich dachte, andere Außenseiter wüssten um die Gefahren, die von so einem Ding wie deinem ‚Freund‘ ausgehen, Bescheid. Und trotzdem gebt ihr euch mit ihnen ab? Es ist eine Schande, dass muss ich sagen. Bedauerlich, bei einem Pokémon deines Kalibers, dass du dich mit Abschaum wie diesem Affen da abgeben muss…“


    „Hör mal, Voru“, sagte eine neue Stimme. In seinem Zorn hatte Iro vergessen, dass er nicht allein hierhergekommen war. Chuck hatte sich zwischen ihn und Voru herabfallen lassen. Er sah dem kleinen Affen, dass diese Tat alles an Mut von ihm gefordert hatte, denn er zitterte wie Espenlaub, als er in Vorus irritierte, aber nicht weniger zornige Augen blickte. Iro fragte sich, wie er diesen zusammenbekommen hatte.

    „Was willst du, Chuck?“, sagte Voru mit kalter gefühlsloser Stimme. Der Affe schluckte mehrmals.

    „Nun … vielleicht sollten wir alle den Außenseitern eine Chance geben“, sagte er in schnellem Tempo. „Es können wohl kaum alle so böse sein wie ihr denkt, oder?“

    „Wie wir denken?“, sagte Voru mit unterdrückter wütender Schärfe. „Hast du nicht auch gedacht, dass der Geheimnisdschungel ohne Eindringlinge besser bestellt wäre?“

    „Stimmt schon, aber…“, wollte Chuck entgegnen, doch sofort fuhr ihm Voru ins Wort.

    „Lass dich nicht von der Wahrheit abbringen, die die Gefahr um die hier beschreibt“, sagte er kalt und nickte zu Iro, der nicht weniger zornig zurückfunkelte. „Du bist erst später, nach dem Feuer geboren, und du kannst den Schmerz nicht nachvollziehen, den wir erlitten haben“

    „Ist es denn dennoch ein Grund, für immer zornig auf Außenstehende zu sein?“, sagte Chuck zitternd, doch Voru bäumte sich auf und das Stampfen seiner Beine auf dem Boden war markerschütternd.

    „SOLLEN WIR ETWA VERGESSEN, WAS UNS ANGETAN WURDE?“, schrie er, sodass es zehnfach im Dschungel widerhallte und vermutlich auch bis zum Dorf zu vernehmen war. Chuck wirkte wie Eis, vollkommen in seiner Bewegung erstarrt. Es staunte Iro und es rang ihm Bewunderung ab, wie Chuck dennoch den Mut fand, Voru die Stirn zu bieten. Seine Stimme aber wurde schwächer.

    „Nein, das sollen wir natürlich nicht… dennoch“, und in einem offenbar letzten Anflug von Kühnheit blickte er Voru ins Gesicht. „Ich habe Jimmy, also den anderen Affen gesehen. Er hat meine Größe, Voru. Und ich bezweifle, dass ein Pokémon seiner Statur in der Lage wäre, dem Dschungel zu schaden. Und ich bezweifle, dass er es ohnehin tun würde, denn schließlich ist er mit Iro befreundet!“

    Voru verstand direkt, wer mit dem Namen gemeint war, denn er blickte abfällig zu Iro: „Ich sehe, deine Lügen haben den Verstand von diesem her perfekt manipuliert“, und er entschied sich Chuck keine Beachtung mehr zu schenken. Jetzt hatte er sich Iro wieder vollkommen zugewandt: „Ich sehe, ich muss dem ein Ende setzen, ehe diese Lügen andere beeinflussen.“

    „Ich glaube, dass ihr alle lügt!“

    Jäh ließ Chuck seine grünen Hände vor den Mund schnellen, als fürchtete er, weitere Worte würden aus diesem kommen. Stille breitete sich aus, dann ertönte ein leises Zischen, das mit jedem Laut deutlicher zu vernehmen war: „Was hast du gesagt?“


    „Ich … ich …“, stammelte Chuck, doch nun versagte ihm endgültig die Sprache. Und Voru hatte keine weitere Antwort erwartet, denn er ließ die Baumkröne erzittern. Iro, der die Bewegung schon kannte und auch schon erahnt hatte, seit er das Zischen gehört hatte, spurtete nach vorne. Die armdicken Ranken hätten den zur Salzsäule erstarrten Chuck zerschmettert, wenn Iro ihn nicht rechtzeitig von dort losgerissen hätte. Ein tiefer Krater entstand an dessen Stelle, doch die Ranken fuhren nicht zurück. Als wären sie dicke Schlangen suchten sie in der Luft ihre Beute. Es war, als hätte Voru vergessen, dass Iro anwesend war. Iro warf einen Seitenblick auf ihn, da er hauptsächlich damit beschäftigt war, Chuck vor den Ranken zu schützen. Doch es bestürzte ihn, dass in Vorus Blick die kalte Wut geschrieben stand und dass er bereit war, Chuck dafür, dass er ihm Paroli geboten hatte, zu bestrafen. Und Iro war sich sicher, dass es Voru egal war, ob Chuck diese Strafe überleben würde oder nicht. Iro tat es leid, was er jetzt tat. Er warf Chuck hinter sich, sodass er endlich wieder beide Hände frei hatte. Chuck selber landete sanft auf einem aufgewühlten Stück Erde, worüber Iro froh war. Jetzt richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Ranken, die immer noch Chuck zu zerschmettern suchten. Doch mit zwei kräftigen Griffen packte sich Iro diese und obwohl sie sich wild hin und her wandte, schaffte er es, sie von Chuck fernzuhalten.

    „Ich bin dein Gegner!“, rief er Voru zu, der sich endlich an ihn erinnerte. Jäh verengte sich sein Blick: „Erleide dann du das Schicksal dieses Verräters!“

    Und dieses Mal richteten sich seine Ranken gegen Iro, doch er, der nun Erfahrung mit diesen hatte, hechtete nach vorne und wich ihnen knapp aus. Die Ranken bäumten sich auf, um ihn jetzt von oben zu erschlagen, doch benötigten sie ein paar Sekunden, bis sie alle sich aufbäumen konnten. Dieses kurze Zeitfenster nutzte Iro, indem er von seinem Maul aus einen Wasserstrahl auf Voru schickte. Längst war dieser nicht so gewaltig wie die Fontäne, die Iro gegen den Bibor-Schwarm verwendet hatte, doch zeigt er trotzdem die erwünschte Wirkung. Voru prustete zornig, während Dreck zu Schlamm wurde an den Körper des Chelterrars spritzte.
    Die Ranken erschlafften in ihrer Bewegung, was Iro auch beabsichtigt hatte. Er rannte los, die Faust erhoben. Er ließ Energie in dieser ansammeln und stellte sich vor, wie kühle Luft von außen und kühles Wasser aus dem Inneren seines Körpers diese erfüllte. Die Vorstellung wurde zur Realität, als eiskalte, gasige Luft sich um seine Faust schloss. Der Eishieb war eine zweite Natur von Iro und er wusste, dass dieser Voru ziemlich schaden würde. Doch dieser, so musste Iro zähneknirschend feststellen, hatte sich nach Wasserangriff wieder fangen können. Zornig funkelten seine Raubtier-Augen ihn an und er selber bäumte sich. Dieses Mal legte er so viel Gewicht wie nur möglich in seine dicken Vorderbeine und er stampfte ein weiteres Mal auf. Dieses Mal erbebte die Erde gewaltig und Iro schüttelte es. Seine Konzentration auf seinen Eishieb schwand, da er sich auf dem sich auftuenden Boden halten musste. Nun stand er wieder mit zwei normalen Fäusten da und einer geschwundenen Verteidigung. Denn Voru ließ nun seine Ranken seitwärts peitschen, die Iro auch nun mit derselben Wucht trafen, die sie zuvor auch seinem Bauch zu teil werden ließen. Iro flog über die Lichtung, doch glücklicherweise landete auch er auf einen Haufen aufgewühlter Erde wie schon Chuck. Doch seine linke Brusthälfte schmerzte ziemlich und Iros Atmung fiel schnapphaft aus. Es hätte nicht viel gefehlt und seine Rippen wären gebrochen gewesen. Doch er konnte sich noch nicht dem Schmerz geben. Er wusste aus eigener Erfahrung, dass Voru für ein Pokémon seiner Größe schnell in seinen Bewegungen war. Doch als sein Blick auf diesen fiel, stutzte er. Voru hatte Schwierigkeiten, sich vom Fleck zu bewegen, und sofort sah, woran es lag. Bei seinem letzten Stampfer hatten sich Vorus Vorderbeine sehr tief in den Schlammboden eingegraben, den Iro mit seiner letzten Wasser-Attacke verursacht hatte. Es war, als müsste Voru seine Beine nun aus Treibsand heraus ziehen. Das war die Chance, dachte sich Iro, doch kaum hatte er sich aufgerichtet, knickte er vor lauter Schmerz in seiner Brust ein.

    „Mist“, zischte Iro vor sich hin, während seine Hand die Brust hieb. Wieso ausgerechnet jetzt? Die Gelegenheit, aus Vorus Baum Beeren abzugreifen, war so günstig wie nie zuvor. Doch dies schien offenbar Chuck auch für sich gedacht zu haben. Verdutzt und ohne, dass er es gemerkt hatte, sah Iro, dass Chuck wieder bei Sinnen war und sich nun von einem obigen Ast auf Voru fallen ließ und in dessen Baumkrone verschwand. Auch dieser stutzte in seinen Bemühungen, aus dem Schlammboden sich zu lösen. Doch seine Augen verengten sich direkt, als er wusste, was auf ihn gelandet. Ohne Vorwarnung leuchtete sein Panzer und die Blätter ringsum und die seines Baumes hellgrün auf. Iro konnte nur noch ein panisches Aufschreien von Chuck hören, als Voru auch schon einen Zyklon an Blättern, Dreck und Ästen erzeugte, der seinen Körper umfasste. Iro hörte Chuck schmerzhaft aufschreien und kurz darauf sah er erschrocken, wie dieser aus dem Baum geschleudert, während ihn mehrere Blätter umschwirrten. Jedes einzelne von ihnen leuchtete wie eine von Max‘ Laubklingen und Iro wusste, dass sie auch genauso scharf waren. Mit Entsetzen sah er, dass dies Voru nicht genug war, denn nun schnellten seine Ranken in der Luft und wie in Zeitlupe sah Iro entsetzt, wie der kleine Körper des Affen in seine Richtung gepeitscht wurde. Trotz aller Schmerzen richtete sich Iro rasch auf und fing den geschundenen Chuck auf.

    „Bitte nicht! Chuck!“

    Chuck war nicht tot, denn seine Augen waren geöffnet, doch es hatte nicht viel gefehlt. Ein schwächliches Röcheln kam von dem Kleinen und aus irgendeinem Grund ähnelte er Jimmy mehr denn je. Seine Hand reckte sich zitternd nach oben und Iro nahm diese. Ihre Blicke begegneten sich.

    „Tut mir leid, I-Iro. Ich h-habe es ve-versucht“, stotterte Chuck. Dann schlossen sich seine Augen und sein Körper erschlaffte.


    Hätte Iro nicht den sehr schwachen Herzschlag verspürt, der immer noch vom kleinen Körper des Affen aufging, hätte er nicht garantieren können, nicht in Rage zu fallen. Doch mit der erschreckenden Erkenntnis, dass Voru einen Mitbewohner des Dschungels hätte töten können und es wäre ihm ziemlich egal gewesen, klärte sich seine Sicht. Auch sein Schmerz trat respektvoll zurück angesichts der stillen Wut, die Iro nun erfüllte. Iro legte den Körper des Affen zur Seite. Er würde sich später um ihn kümmern, dafür sorgen, dass er rechtzeitig versorgt wurde. Erst einmal galt es, seinen Feind zu besiegen, dem es nun gelang, sich aus dem Schlamm zu befreien. Beide standen sich nun gegenüber, doch Iro wusste, was er zu tun hatte. Und in seinem stillen Zorn und in seiner Entschlossenheit war Iro erstaunt, wie einfach es umzusetzen war. Alles, was er tun musste, war, den genauen Moment abzuwarten. Dann kam er auch schon direkt. Zielgerichtet schnellten die Ranken auf ihn zu, ohne aber einen weiteren Plan hinter sich zu haben. Iro hingegen wehrte sie mit seinem wasserüberzogenen Schweif ab, wodurch sie aus ihrer Flugbahn gerieten. Jäh packte sich Iro in dem Moment alle Ranken und klemmte sie sich wie schon zuvor Jimmy unter seiner Schulter. Auch hier war Iro fest entschlossen, kein einziges Mal loszulassen. Voru brüllte zornig auf und wollte die Ranken dazu benutzen, Iro hin und her zu schleudern, sodass er sie loslassen möge. Doch Iro, der sämtliche Kraft in seinen Arm sammelte, war dies leid. Dieses Mal ging es nach seinem Willen und er war es auch, der die Ranken dazu nutzte, Voru zu schleudern. Und mit Staunen und Entsetzen musste dieser nun feststellen, dass Iro stärker war als er. Obwohl er sich dagegen sträubte, riss es Voru von den Füßen. Seitlich ließ Iro ihn gegen Erdwand prallen. Der Boden erzitterte leicht. Das war für den Schlag bei der ersten Begegnung. Er verlagerte seine Kraft, nun schleuderte es Voru erst langsam, dann aber immer schneller zur anderen Seite. Als Voru dann wieder gegen Erde schlug, erbebte der Boden nun. Das war für Jimmy. Und nun forderte Iro alles von seinem Körper ab. Wieder riss es Voru in die Luft doch dieses Mal dachte Iro nicht dran, Voru gegen die Erde prallen zu lassen. Er schleuderte weiter, sodass das Chelterrar nun die Erdwand durchbrach sowie die zweite. Und nun drehte sich Iro im Kreis, während Vorus Körper immer leichter zu werden schien. Es wurde hingegen schwerer, die Ranken festzuhalten, da sie immer mehr seinem Griff zu entgleiten schienen. Doch Iro fand ohnehin, dass er genug Schwung geholt hatte, und ließ endlich los. Was er noch sah, bevor es ihn auf den Hintern warf, war, wie ein braun-grünes verschwommenes Etwas mit einem ohrenbetäubenden Krachen und Knacken gegen einen mächtigen Baum flog, worauf dieser sich um mehrere Zentimeter nach vorne beugte. Das Brüllen, das Voru im Flug von sich gegeben hatte, erstarb und sein massiger Körper fiel zu Boden. Ein letztes Beben erfüllte die Lichtung, dann war es still.


    Iro keuchte und blickte auf seinen geschlagenen Feind, der sich nicht rührte. Die Sorge, dass er es vielleicht übertrieben haben mochte, rührte ihn nur ein wenig. Dann aber war es, als würde ihm die Luft ausgelassen werden. Er sackte auf die Knie und erst jetzt spürte er, was er von seinem Körper gefordert hatte. Seine Arme waren wie ausgezerrt und ausgeleiert und hingen schlaff von seinem Oberkörper. Doch Iro war zufrieden mit sich und lächelte schwach. Ein pfeifendes Geräusch ertönte hinter ihn und eine vertraute Stimme sprach.

    „Der Wahnsinn … du bist echt der Wahnsinn!“

    „Wie bist du…?“, wandte sich Iro an Chuck, der mit geschundenem Körper und stark zitternden Beinen an seine trat. Und auch wenn seine Augen nur halb geöffnet waren, wirkte Chuck relativ wach, der sich nun die Szenerie ansah, die vor beiden Pokémon zu betrachten. Beklommen musste Iro eingestehen, dass er nie zuvor eine solche Verwüstung eines Ortes gesehen hatte. Bäume und Büsche befanden sich nicht mehr an ihren ursprünglichen Plätzen. Zersplittertes Holz, aufgewühlte Flecken an Erde, Blätter und Äste bedeckten wie ein Mosaik die Lichtung. Iro dachte, jetzt fiele ihnen die Aufgabe zu, in diesem Wirrwarr die Grarzbeeren rechtzeitig zu finden. Doch Chuck, der bewundernswerte Ausdauer bewies, hatte keine sonderlichen Schwierigkeiten. Nach nur wenigen Schritten grub er aus den Blättern zweierlei an Beeren aus. Er nahm sich so viele wie er tragen in seine Arme und trat wieder an Iro heran. Er sah, dass Chuck sowohl die grünen Grarzbeeren als auch die kleineren blauen Sinelbeere in den Armen hielt. Eine Sinelbeere nahm Chuck zu sich, woraufhin er sofort wieder an Energie zu gewinnen schien, denn sein Blick wurde wachsamer. Und eben dieser weitete sich erstaunt, als Iro eine Sinelbeere ablehnte, die Chuck ihm hinhielt. Iro zog es vor, dass sein Körper auf eine natürliche Art und Weise zur Erholung kam, und das kam nach einem großen Mahl und ausreichend Schlaf zu Stande. Iro bemühte sich, seine Arme zu bewegen und um sich aufzurichten. Erst beim zweiten Anlauf geling ihm es und er schaute sich um. Auch er hob einige der grünen Beeren, die offenbar alle von Vorus Baum gefallen sind, als Iro diesen hin und her geschleudert hatte. Er warf einen Blick auf das noch immer ohnmächtige Chelterrar. Voru hatte etwas Mitleid Erregendes an sich, so zusammengesunken und kaputt zwischen Dreck und Ästen lag. Obwohl es ihm widerstrebte, warf Iro eine Sinelbeere in seine Richtung. Er war froh, dass die Beere ihr Ziel fand, denn sie landete nur wenige Zentimeter vor Vorus Mund. Chuck machte große Augen.

    „Warum…“, wollte er fragen, doch Iro zuckte mit den Schultern, was er aber schnell bereute, denn diese schmerzten ziemlich.

    „Ich erweise meinem Gegner postum immer Respekt, ganz gleich was vorher war“, sagte Iro unter einem Keuchen. „Das ist etwas, was ein Pokémon wie er nie tun würde, nicht wahr? Das ist dann für mich ein weiterer Sieg.“


    Mit genügend Beeren im Arm traten er und Chuck den Rückweg an. Chuck aber hatte Probleme, mit seiner Menge in den Armen einen Baum hochzuklettern. Als der Affe dann Iro darum bat, dass er von ihm getragen werden wollte, fühlte sich Iro stärker als je zuvor an Jimmy erinnert. Jäh flog ein Lächeln über sein Gesicht. Endlich würde Jimmy aus seinem Tiefschlaf aufwachen. Und zusammen könnten sie auch endlich Max suchen gehen. Für eine Sache war er Voru dankbar: Er hatte gesagt, dass auch Max Gnade erwiesen worden war und nur vom Waldschrat verhört wurde. Das heißt, dass ihm kein übles Schicksal zuteil wurde. Und selbst wenn es bedrohlicher für ihn werden würde: Er und Jimmy würden Max rechtzeitig zu Hilfe kommen und dann, und Iros Zuversicht wurde immer größer und kräftespendend, wäre das vereinte Team Mystery in der Lage, selbst dem Wächter Mew die Stirn zu bieten. Natürlich wäre Iro derjenige, der die meiste Arbeit in so einem Kampf erledigen würde.

    Breit grinsend verließ er mit dem zufrieden lächelnden Chuck die Lichtung, ohne nochmal einen Blick zurückzuwerfen.

  • Hallo,


    nachdem du letztens die Außenseiterthematik angesprochen hast, war ich auf die Umsetzung gespannt. Die tiefe Kluft zwischen den Pflanzen-Pokémon hast du nachvollziehbar beschrieben und ich fühle mich etwas an eine Rebellenbewegung erinnert. Da diese Einstellung wohl nicht erst seit kurzem besteht, scheint es hier an einer Entscheidung von oben zu scheitern, die nun eingeholt werden muss. Zeit also für Iros Auftritt und seine schlagkräftigen Argumente! Der Kampf gegen Voru war sehr angenehm zu lesen und hier zeigte sich dein ausgezeichnetes Verständnis für eine bildliche Kampfdarstellung. Unterhaltung war geboten und ich bin gespannt, wie das Heilmittel wirkt.


    Wir lesen uns!

  • 9
    Der Waldschrat


    Mit offenem Mund empfing Lilli die Grarzbeeren, die Iro und Chuck ihr in die Arme legten. Sie konnte es sichtlich nicht glauben, dass Iro und Chuck es gelungen war, diese zu ergattern. Ehe sie aber fragen konnte, wie genau die beiden es vollbracht hatten, erinnerte Iro sie an die Dringlichkeit, die Jimmys Heilung betraf. Sofort war Lilli wieder in ihrem Element. Mit ernstem Blick nickte sie Iro zu und ging zu ihrer Hütte. Doch sie war die Einzige, die ihren Blick von dem Duo abwandte. Seit sie in das Dorf zurückgekehrt sind, ruhten die Blicke aller auf ihnen. Ein erschrockener Aufschrei hatte sie empfangen und wildes Gemurmel und Unglauben hatte die Luft erfüllt. Einzig Bella ist juchzend vor Freude auf sie zugelaufen.

    „Ihr habt es wirklich geschafft!“, hatte sie immer wieder gerufen, während sie erst Iros Bein – das nächste, was sie bei seiner Größe erreichen konnte – und dann Chuck umarmte. Und das ungläubige Kopfschütteln und Geflüster hörte nicht auf, selbst nachdem Lilli in ihre Hütte zurückgekehrt war. Chuck blickte betreten zu Boden. Iro vermutete, dass er noch nie zuvor im Zentrum einer solchen Aufmerksamkeit stand. Vielleicht war es ihm auch peinlich, denn er war zu leise um zu erklären, dass es eigentlich nur Iro selbst war, der Voru besiegt hatte. Iro verstand es nur allzu gut, dass er nicht zugeben wollte, dass sein Teil eher gering ausfiel. Wenn Chuck nur wie er denken würde, dann wüsste der kleine Affe, dass er auf eine andere Art Großes geleistet hatte. Iro selber störte das Gemurmel nicht. Er war froh, dass er und Chuck ohne weitere Zwischenfälle ins Dorf zurückkehren konnten. Und jetzt, da er sowohl sich, Chuck als auch endlich Jimmy in Sicherheit wähnte, sehnte sich sein Körper nach einer guten Runde Schlaf. Es war ohnehin erstaunlich, wie ihn Körper nach all dem noch zu tragen vermochte. Doch er spürte einen Blick besonders heiß auf sich brennen und er wusste schon, von wo dieser herkam. Diese Konfrontation stand noch aus, das wusste Iro. Er schritt daher los und ignorierte weiterhin die Blicke der anderen, die ihn verfolgten.

    Dann endlich stand er vor Kronjuwild. Dieser hatte sich auf einem Flecken weicher Erde niedergelassen und die Ankunft Iros im Dorf von dort aus schweigend beobachtet. Mit ausdrucklosem Gesicht starrte Iro an und nicht die Spur seines üblichen warmen Lächelns war in seinem Gesicht zu sehen. Iro spürte, wie eine Anklage in der Luft lag, doch blickte er entschlossen und trotzig zurück. Er wusste, dass er entgegen Kronjuwilds Wunsch, im Dorf zu bleiben, gehandelt hatte. Doch wie er sich selbst schon davon überzeugt hatte, selber etwas zu unternehmen, so wollte er sich vor dem Waldläufer rechtfertigen.

    „Sag es schon“, forderte Iro ihn heraus, „bringen wir es hinter uns, dann kann ich mich endlich schlafen legen.“

    „Woher weißt du, dass ich dich hier nachwievor willkommen heiße?“, entgegnete Kronjuwild tonlos. Iro blickte ihn verdutzt an. Als Kronjuwild dann beharrlich schwieg, pochte eine Ader in Iros Schläfe: „Hör mal, ich hatte nicht die Zuversicht wie du, dass du den Waldschrat überzeugen könntest, uns die Beere freiwillig aushändigen zu lassen. Ich bin Voru begegnet, und ich bin mir sicher, dass er niemals kooperiert hätte.“

    „Du hast dennoch dein Versprechen nicht eingehalten“, sagte Kronjuwild kalt. „Du hast mir zugesagt, auf meine Rückkehr zu warten und mich die Angelegenheit klären zu lassen“

    „Hättest du Erfolg gehabt?“, fragte Iro bissig. „Und sei ehrlich zu dir selber: Hätte der Waldschrat einem Spinner wie dir seine Hilfe zugesagt?“


    Mit einem Mal war Kronjuwild auf den Beinen. Da er Iro um einen halben Kopf überragte, wirkte er recht bedrohlich, wie er abschätzig von oben au Iro herabsah. Ein wütendes Zischen drang an Iros Ohren. Die Bewohner des Dorfes, die in ihrer Nähe standen, zischten wüste Worte und es war klar, dass Iro in ihren Augen etwas Unverschämtes zu einem ihrer Anführer gesagt hatte

    „Spinner?“, sagte Kronjuwild kalt.

    „Wenn ich mir das Dorf hier so ansehe“, sagte Iro deutlich hörbar über das immer lauter werdende Zischen hinweg, „werdet ihr doch ohnehin vom Rest des Dschungels als solche angesehen, oder nicht? Wieso wären diese dann auf einmal bereit, dir zu helfen? Wenn der Waldschrat eine solche Persönlichkeit wie Voru ist, dann habe ich doch nur Recht, wenn ich sage, dass es besser war, die Sache selber in die Hand zu nehmen.“

    „Nein, das war es nicht“, sagte Kronjuwild ernst. „Du bist eigenmächtig raus und hast Ärger gesucht, obwohl ich dich inständig darum gebeten habe, hier zu bleiben. Du ahnst nicht, wie wütend der Waldschrat ist, jetzt da Voru, einer der treuesten Verteidiger des Dschungels, total erledigt ist.“

    „Und wenn er mehrere Orden haben sollte oder dergleichen, du hättest ihn hören müssen, wie er über Jimmy geredet hat. Du bist ihm vorher begegnet, du weißt, wovon ich rede!“

    „Ich stimme dir zu, dass Voru kein Sympathieträger ist. Aber er ist nun einmal mit vollem Eifer dabei, den Dschungel um alles in der Welt zu verteidigen. Und indem du ihn jetzt einfach so zum Kampf herausgefordert hast und ihn auch noch schwer verletzt hast-“

    Jetzt platzte Iro der Kragen: „Vor welcher Gefahr wollte er den Dschungel verteidigen? Jimmy war tief und fest am Pennen, von ihm ging doch keine Gefahr aus. Voru wollte Jimmy tot sehen. Glaubst du etwa, ich würde einfach dann hier in Ruhe sitzen bleiben und warten, bis Jimmy an diesem Gift verstirbt?“ Zornig knirschten seine Zähne. Iro konnte es nicht begreifen, wie Kronjuwild seine Lage nicht verstand. War er am Ende genauso engstirnig wie die anderen, die nur an das Wohl des Dschungels dachten. Doch was Kronjuwild dann tat, machte Iro vollkommen perplex.

    Der Waldläufer lächelte. Und es war das warme wohlwollende Lächeln, mit dem er Iro bei ihrer ersten Begegnung begrüßt hatte.

    „Tatsächlich habe ich erwartet, dass du von selber losgehst“, sagte Kronjuwild. Iro klappte leicht der Mund auf.

    „Wieso … aber …?“, sagte er und blickte ihm in die Augen. „Wieso hast du gesagt…?“

    „Versteh mich nicht falsch, ich habe meinen Wunsch, dass du im Dorf bleiben solltest, ernst gemeint“, sagte Kronjuwild streng, doch sein Lächeln ließ nicht nach. „Ich wollte nur, dass es für dich die letzte verbleibende Möglichkeit darstellt, wenn du verstehst, was ich meine.“

    „Nein“, sagte Iro prompt und er konnte es nicht verstehen, wie Kronjuwild heiter auflachte.

    „Ich erwarte auch nicht, dass du nach nur einem Tag Jahrzehnte des Denkens in diesem Dschungel verstehst. Was du wissen musst“, sagte Kronjuwild und er ließ sich wieder entspannt zu Boden sinken. „Ganz gleich, was alle sagen. In ihrem Tiefsten sind sie von großen Taten sehr beeindruckt. Selbst jene, die die Trennung des Dschungels von der Außenwelt weiterhin befürworten, werden es nicht vermeiden können, einen gewissen Respekt zu haben. Mein Plan war es daher, dich erst gehen zu lassen, wenn es auch offiziell gewesen wäre, dass dir nichts anderes übrig geblieben war. Zu gehen, wenn du keine andere Wahl hast, ist wesentlich leichter nachzuvollziehen als wenn du einfach darauf losstürmst, ohne auf ein offizielles Wort zu sagen. Denn so wirkt es“, und Kronjuwild betonte das Verb, „dass du genauso rücksichtslos und ungestüm bist wie jene, die den Dschungel einst erst in Flammen haben aufgehen lassen. Und so, wie du mit Voru umgegangen bist, macht es erst recht den Eindruck, dass du nur ein weiterer brutaler Fremder seist, der sich nicht um die Meinung anderer schert.“

    „Das kannst du laut sagen“, schnaubte Iro so laut, dass die Umstehenden ihn finster anstarrten.

    „Und was meine Meinung ist, interessiert keinen, nicht wahr? Und ich bezweifle, dass die anders denken würden, selbst wenn ich auf dein Okay gewartet hätte. Voru hat sich da klar und deutlich ausgedrückt, dass er lieber sterben würde als einem Feuer-Pokémon zu helfen.“

    „Du hattest dein gutes Recht, so früh es geht loszueilen. Und deswegen ist hier keiner wütend auf dich“, sagte Kronjuwild bestimmt.


    Iro blickte sich im Dorf um. Einige der Pokémon blickten woanders hin, um Iros Blick nicht zu begegnen, andere hingegen entgegneten dem, zwar noch immer finster über die Art, wie er vorher mit Kronjuwild geredet hat, aber tatsächlich spürte Iro von ihnen keinen Groll darüber ausgehen, was er mit Chuck unternommen hatte. Beim Gedanken an den kleinen Affen krampfte sich Iros genauso so schmerzhaft zusammen, als hätte ihn Vorus Ranken dort hart getroffen. Er blickte sich nach ihm. Kronjuwild schien zu wissen, nach wem Iro suchte, denn lächelnd nickte er nach rechts. Und zu seiner Erleichterung sah Iro, wie Chuck zwar sichtlich angeschlagen, aber mittlerweile putzmunter sich mit Bella unterhielt, während er etliche andere Beeren verspeiste.

    „Ist dir bewusst, dass du bei vielen sehr schnell einen guten Eindruck hinterlassen hast?“, fragte Kronjuwild. Iro blickte ihn an und sah, wie Kronjuwilds Lächeln breiter wurde, als er eine verdutzte Miene auf dem Gesicht des Impergators erblickte.

    „Ich gebe zu, dass wir alle mit Vorsicht Vorbehalte hatten. Wir wussten nicht, ob wir dir vertrauen konnten und ob du tatsächlich ein gewalttätiger Fremder wärst. Deswegen haben wir uns anfangs entschieden, euch alle nur im Blick zu behalten und zu sehen, wie sich die Dinge entwickelte. Dass der Waldschrat selber dann so frühzeitig eingeschritten ist …“, und Kronjuwild senkte seinen Blick. „Es tut mir leid, dass euch ein solcher Empfang zu Teil geworden ist. Gegen den Waldschrat sind mir machtlos, wenn er etwas entschieden hat.“

    Iro wusste nicht, was er ihm entgegnen konnte, dann aber sah Kronjuwild ihn fest an.

    „Dein Freund war schon vergiftet, ehe wir aktiv einschreiten konnten und solange dein anderer im Gewahrsam des Waldschrats ist, können wir nicht aktiv seine Freilassung fordern. Und –“

    „Könnt ihr nicht? Oder wollt ihr nicht?“, sagte Iro scharf. Kronjuwild hielt seinen Blick, dann senkte er seinen Kopf.

    „Sich dem Waldschrat entgegen zu stellen, heißt gleichzeitig einen immensen Verrat zu begehen. Wir alle fürchten uns davor, was passiert, wenn wir uns tatsächlich offen gegen die Beschlüsse des Waldschrats stellen. Das einzige, was uns vor lauter Angst blieb, war, die Nachwirkungen seiner Entscheidungen im Auge zu behalten. Und dann war es in dem Moment das einzige Vorgehen, dich im Blick zu behalten. Chuck hat auch daher beschlossen, dir einen Essenskorb vorzubereiten.“

    Mit dem Anflug eines Lächelns blickte Kronjuwild zu dem Affen hinüber. „Er ist ein gutes Pokémon. Eines der wenigen hier in diesem Dschungel, der keine direkten Vorbehalte gegenüber Außenseitern hat.“

    „Und was ist mit dir?“, fragte Iro. Kronjuwild seufzte.

    „Es ist … schwierig, den Schmerz und den Zorn der Vergangenheit zu unterdrücken. Es hat schließlich uns allen viel Zeit gekostet einzusehen, dass nicht jeder Außenseiter auch ein Feind ist. Hätte ich sie nicht, hätte ich mich dir auch schon viel früher gezeigt. Ich hätte dich begrüßen müssen, sobald du aufgewacht warst. Und genauso hätte ich dich direkt zu deinem Freund führen müssen. Chuck, der viel reineren Herzens ist als ich und einige andere, hat meine Arbeit auf sich genommen, ohne dass es ihm überhaupt bewusst gewesen ist. Ich schäme mich, dass ich mich so dir und deinen Freunden gegenüber verhalten habe…“

    Kronjuwilds Stimme wurde brüchig und Iro war perplex zu hören, dass der Waldläufer den Tränen nahe war. Iro sagte nichts, sondern sah nur zu, wie Kronjuwild zutiefst betreten zu Boden blickte.

    „Was… hat dich bewogen, dich mir zu zeigen? Wieso bringt ihr alle sowohl mir als auch nun Jimmy ein Vertrauen entgegen, dass ihr uns hier aufnimmt?“

    „Ist dir das denn nicht klar?“, sagte Kronjuwild lächelnd und schüttelte den Kopf, als könnte er den Ansturm seiner Tränen so unterdrücken. „Es war deine zwar ruppige, aber vorsichtige Art, die uns dazu bewegte, uns vorsichtig dir anzunähern. Und je mehr wir von dir wussten, umso eher fiel es uns leicht, dir zu vertrauen. Und damit fingen wir auch indirekt an, deinen Freunden zu vertrauen. Schließlich hat auch Viridium uns schon kurz nach eurer Ankunft erzählt, dass ihr ein zwar seltsamer, aber nicht unbedingt gefährlicher Haufen seid. Das waren ihre andeutenden Worte.“

    „Doch ich weiß nicht“, sagte Iro irritiert, „von welcher Art du redest? Schließlich habe ich Chuck anfangs geschüttelt wie ein Obstbaum und gegenüber Myra …“

    „Hast du geäußert, uns alle aus dem Weg zu räumen, wenn wir dir im Weg stehen würden, wenn du deinen Freund zur Heilung verhelfen willst. Das haben wir alle mitbekommen und das war auch der Grund, weswegen wir dir vertrauten.“

    „Das verstehe ich nicht“, sagte Iro. Kronjuwild legte den Kopf zur Seite und lächelte.

    „Du hast deutlich gemacht, dass du für deine Freunde so ziemlich alles tust. Das Entscheidendste aber war“, und Kronjuwild legte großen Wert auf die Betonung seiner Worte, „du hast für uns Verständnis gehabt. Du hast nachvollziehen können, warum wir so misstrauisch gewesen sind, vor allem deinem feurigen Freund gegenüber. Das war es, das uns dermaßen beeindruckt hat. Und deswegen haben wir beschlossen, trotz deines Hangs, ungestüm in Aktion zu treten, dir Vertrauen entgegen zu bringen.“

    Kronjuwild lächelte breit. Iro spürte mit einem Mal, wie sein Ärger sich lichtete. Als Kronjuwild aufmunternd lächelte und sich aufrichtete, lächelte auch Iro schwach und müde.

    „Ich werde mal nach Lilli und deinem Freund sehen“, sagte Kronjuwild. „Du hast nun wirklich alles getan, was getan werden musste. Ich schlage vor“, und er führte Iro zu eine der Blüten, deren Blätter sich über dem Boden ausbreitete, „du ruhst dich hierauf aus? Du musst nur sanft über den Blütenstempel streichen, dann faltet sich die Blüte zusammen und du hast deine Ruhe.“

    „Ist das nicht die Blüte von jemanden?“, fragte Iro, der sich bei dem Gedanken, in Jemandes Bett zu schlafen, unwohl fühlte. Doch Kronjuwild schüttelte sanft den Kopf. „Bella hat vorhin schon gesagt, dass sie dir liebend gern ihre Blüte überlässt. Wenn du mich fragst“, und er beugte sich verschwörerisch zu Iro hinunter, sodass er ihm ins Ohr flüsterte. „Sie hat einen Narren an dir gefressen, seit du unserer Geschichte Verständnis entgegengebracht hast.“

    Kronjuwild zwinkerte Iro kumpelhaft zu, was aber bei einem Würdenträger wie ihm etwas fremdartig wirkte. Dann machte er sich auf in Richtung einer Hütte, die eine Ebene tiefer lag. Dort wohl wurde soeben das Heilmittel für Jimmy fertig gestellt. Bei dem Gedanken, dass der Schimpanse bald wieder bei Bewusstsein, löste sich die letzte Anspannung, die Iros Körper befallen hatte, noch bevor er zu Voru aufgebrochen war. Er merkte schon gar nicht mehr, wie er sich auf die überraschend bequemen Blütenblätter fallen ließ und seine Hand kurz über den Blütenstempel fahren ließ. Das schmachtende Geräusch der sich schließenden Blüte nahm er auch nur am Rande wahr. Angenehme Dunkelheit umgab ihn immer mehr, nur noch ein dünner Lichtstreifen fiel durch das vollende Blütendach. Es roch auch angenehm und beruhigend innerhalb dieser. Und es war, als hätte Iro seit Tagen nicht mehr geschlafen. Denn ehe sich Iro versah, fiel er in einen tiefen Schlaf und sein Körper befand sich mit einem Mal in Schwebe. Eine Leichtigkeit erfüllte seine Glieder. Und Iro atmete tief ein und dann ebenso tief aus.

    Das tut gut, dachte sich Iro, lass mich nur so liegen. Weckt mich nicht auf.


    Doch nach nur ein paar Sekunden schon, so kam es Iro jedenfalls vor, hörte er eine schrille, unangenehme aber auch vertraute Stimme von außen. Und deren Urheber pochte dumpf an den Blütenblättern.

    „Komm schon raus, Iro, du wahnsinniger Teufelskerl!“

    „Ich habe dir doch gesagt, dass er Schlaf braucht!“, drang eine weitere vertraute Stimme an Iros Ohren. Es hörte sich entweder nach Lilli oder Bella an. Beiden jedenfalls würde er es zutrauen, dass sie Iro eine vollständige Genesung wünschten. Doch die ungeduldige Stimme ließ sich nicht beirren: „Er hat schon schlimmeres eingesteckt und ist mit weniger Schlaf schon gekommen! Jetzt mach schon die Tür… die Blüte auf, Iro!“

    Iro wusste es nun: Diese Stimme von einer Nervensäge hätte er nicht vermisst. Doch hat er es vermisst, so nun wieder mit deren Urheber zu sprechen. Mit einer Hand suchte er im Dunkeln nach dem Stempel und streichelte diesen. Die Blütenblätter erzitterten und ein erneutes schmachtendes Geräusch und der plötzliche Lichteinfall verrieten ihm, dass die Blüte sich öffnete. Noch während ihre Blätter herabfielen, richtete er sich auf und er hatte es geahnt: Etwas rötlich-oranges schoss durch den Spalt zwischen den herabfallenden Blütenblättern und warf sich auf seinen Kopf. Für einen Moment rauften die beiden, dann hielt Iro mit beiden Armen Jimmy vor sich, der ihm ein breites und freches Grinsen schenkte. Auch Iro grinste zurück: „Nur fürs Protokoll: Ich habe dich nur gerettet, weil ich dich nicht dauernd mit mir rumtragen wollte. Meinetwegen hättest du ruhig weiter pennen können!“

    „Weiß ich doch!“, grinste Jimmy und löste sich aus Iros Griff. „Doch es war besser, dass ich jetzt aufgewacht bin. Ich habe gehört, dass du hier Ärger gesucht hast, ohne dass Max und ich dich nicht davon abhalten konnten. Stimmt das?“

    Ein Funkeln lag in Jimmys Augen, der nicht zu seinem gespielt strengen Tonfall passte. Iro winkte ab und richtete sich ab. Zwar hätte er gewiss mehr Schlaf brauchen können, doch fühlten sich seine Glieder etwas fester an und es war, als wäre sein Körper bereit für eine gesunde Prügelei. Iro streckte sich ausgiebig.

    „Wie lange habe ich geschlafen?“, fragte er Jimmy.

    „Die ganze Nacht lang, es dämmert gerade. Dein Freund ist erst seit drei Stunden wach.“

    Lilli trat an die beiden heran. In einem Korb, der an einem ihrer blättrigen Arme hing, lag ein großes Sortiment an Früchten und Gemüse. Sie setzte ihn vor Iro und Jimmy griff schon hinein, als sie ihm sanft die Hand weghielt. „Du hast eben schon meine halben Vorräte verputzt. Die andere Hälfte gehört Iro!“

    „Iro teilt gerne, nicht wahr?“, sagte Jimmy und grinste seinen Kollegen an. Ohne auf Lillis Protest einzugehen nahm er sich eine Beere und blickte Iro herausfordernd an. Ein breites Lächeln lag in seinem Gesicht. Verständnislos suchte Lillis Blick den Iros.

    Ist das normal bei euch?

    Die Frage stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Iro lächelte, winkte lässig ab und nahm sich selber einen großen Apfel aus dem Korb. Er schmeckte vorzüglich und Iro merkte nach nur wenigen Bissen, wie Energie in seinen Körper erfüllte. Ehe er es sich versah, schlang er auch die restlichen Beeren runter. Jimmy konnte gerade noch zwei für sich stibitzen. Mit einem Schlag fühlte sich Iro zwar nicht satt, aber wieder soweit bei Kräften, dass er sich aufrichten konnte. Doch ein Schmerz zuckte wie ein Blitz durch seine linke Brusthälfte. Dort hatte Vorus Ranken ihn hart getroffen und Iro fühlte, dass tatsächlich nicht mehr viel gefehlt hätte, um seine Rippen zu brechen. Vorsichtig tat Iro seine Atemzüge und er bemerkte erleichtert, dass der Schmerz ihn nicht schnapphaft atmen ließ. Lilli aber blickte ihn sorgenvoll an: „Du solltest dich wirklich noch etwas hinlegen, du siehst immer noch ziemlich mitgenommen aus.“

    „Es wird schon“, winkte Iro ab, der etwas Anderes merkte. Ein großer Durst überkam ihn, was auch kein Wunder war. Er hat länger nichts mehr getrunken und hat im Dschungel auch zu mehreren mächtigen Wasserangriffen angesetzt. Jetzt fühlte er sich wie ein Schwamm, der zehnmal stark ausgewringt wurde. Iro blickte sich um und erblickte eines der Becken voll Wasser, das nicht weit von ihnen stand. Ohne einen Blick auf die anderen zu werfen stand er auf und tauchte nur wenige Sekunden später seinen Kopf ins Becken. Es war tief genug, dass er seinen Kopf zur Gänze eintauchen konnte und Iro saugte mit offenem Maul einen Schwall ein. Er spürte, wie eine kühle Nässe seinen Körper erfüllte. Statt sich schlaff und ausgetrocknet zu fühlen verspürte Iro nun, wie das frische Wasser ihn belebte und sämtliche Müdigkeit aus den Gliedern trieb. Er hob seinen Kopf aus dem Becken und spürte die angenehme Luft kühl auf seiner nassen Haut.

    „Du hattest aber Durst“, kommentierte eine belustigt klingende Stimme. Als Iro sich umblickte, sah er Bella neben sich, die ihn freudig anstrahlte. „Ich hoffe, meine Blüte war bequem?“

    „Das war sie!“, sagte Iro, der sich das restliche Wasser vom Kopf schüttelte. „Vielen Dank, Bella.“


    Sie errötete leicht und blickte schüchtern zu Boden, als Jimmy und Lilli an die beiden herantraten. Iro bemerkte, wie die Dorfbewohner dem Schimpansen einen argwöhnischen Blick zuwarfen, den er nicht zu bemerken schien. Lillis Blick folgte dem Iros.

    „Mache dir keine Sorgen“, flüsterte sie Iro zu, „es ist für uns alle ungewohnt, ein Feuer-Pokémon in unserer Mitte willkommen zu heißen.“

    „Zu dulden trifft es eher“, murmelte Iro, mehr für sich, doch Lilli verstand ihn. Ihr Blick fiel auf Jimmy, der sich munter mit Bella unterhielt.

    „Du hast einen guten Freund“, sagte sie und lächelte Iro zu. „Du musst wissen, als er aufgewacht ist, hat er sofort nach dir und deinem anderen Freund, Max, gerufen. Offenbar, wollte er euch warnen, bevor er ausgeknockt wurde.“

    Iro lächelte, wenn auch gezwungen.

    „Es hat etwas gedauert, bis ich ihm genau erklären konnte, wo er ist und was genau passiert ist und-“

    „Hast du ihm alles gesagt?“, fragte Iro scharf. Er vergaß in dem Moment flüstern, denn Jimmy blickte verdutzt auf. Lilli warf ihm und Iro einen Blick zu, ehe sie fortfuhr: „Ich habe ihm erzählt, dass er ohnmächtig und vergiftet war und dass ihr bei uns im Dorf aufgenommen wurdet. Und dass du geholfen hast, das Gegenmittel herzustellen.“

    Iro spürte Erleichterung in sich aufsteigen. Nur ungern hätte er es gewollt, dass Jimmy vom Ausmaß der Katastrophe erfuhr, die Pokémon seines Typs in dem Dschungel verursacht haben. Und dass er deswegen als eine Art Todfeind von den Dschungelbewohnern außerhalb des Dorfes angesehen wurde. Iro wollte nicht, dass Jimmy sich damit belasten musste. Jetzt hätte er sich dafür auf die Zunge beißen können, dass er so laut war, denn als Jimmy fragte, warum sie überhaupt getrennt wurden, war Iro um eine Antwort verlegen. Es war dann Bella, die dann für ihn einsprang: „Wir hatten unschöne Erlebnisse mit Fremden vor vielen Jahren, seither sind die meisten Einwohner des Dschungels etwas … misstrauisch.“

    Die kurze Pause schien Jimmy zum Glück nicht zu kümmern, denn er fragte nicht weiter nach diesem Misstrauen. Als er aber stattdessen fragte, was genau passiert war, sprang wieder Iro ein. Ein anderes Mal würde er Jimmy über die Wahrheit der Vergangenheit aufklären wollen. Doch nun, da er ihn endlich bei Bewusstsein und bei offenbar vollen Kräften vor sich sah, wurde es an der Zeit, dass die beiden auch Max in ihre Gruppe zurückholten. Iro wandte sich an Lilli, doch bevor er fragen konnte, wo sich der Waldschrat aufhielt, hörte er etwas über sich in den Bäumen rascheln. Als er aufblickte, sah er einen Jimmy mit grüner Körperfarbe auf sich fallen. Chuck landete freudig lachend auf Iros Kopf und genervt wischte sich Iro ihn vom Kopf. Leichtfüßig landete Chuck neben Jimmy und wieder einmal wurde die erstaunliche Ähnlichkeit in den Proportionen der beiden Affen deutlich. Da Chuck und Jimmy bisher die Bekanntschaft noch nicht gemacht haben, holten sie dies nach. Und es war erstaunlich, wie augenblicklich sich die beiden gut verstanden. Chuck kommentierte Iros Draufgängertum in den Momenten, wo er auf der Suche nach Voru, und Jimmy gab ihm mehrere dieser Geschichten zum Besten, über die sich Chuck köstlich zu amüsieren schien. Vergeblich versuchte Iro sich Gehör bei den Affen zu verschaffen, worauf Bella ihm zulächelte.

    „Weißt du … wenn ich die beiden so ansehe“, sagte sie und sie blickte die beiden stolz an, „so fühle ich, dass unser Dorf nun tatsächlich im Recht ist, dass wir wieder den Kontakt nach außen hin zu suchen.“

    „Sei da mal nicht so vorschnell“, sagte Iro verbissen und Bella blickte überrascht und auch empört auf. Erst jetzt wurde sich Iro der Bedeutung seiner Worte bewusst.

    „Natürlich wäre es besser, wenn ihr mehr Vertrauen zur Außenwelt hättet und euch dieser öffnen würdet, doch ich will nur sagen, dass nicht jedes Pokémon wie Jimmy ist. Es kann nie schaden, vorsichtig zu sein.“

    „Sollten wir also jedem Pokémon anfangs mit Misstrauen begegnen?“, sagte Bella skeptisch und mit weiten Augen. Iro war um eine Antwort verlegen. Es gab gewiss sehr viele Pokémon, die auf ihre Art zwar chaotisch aber sympathisch waren. Er dachte dabei an Cephal und an Mimi, die beide trotz der kurzen gemeinsamen Zeit einen sehr angenehmen Eindruck hinterlassen hatten. Aber er dachte auch an Pokémon wie das Gengar Shadow und an die Banditen der Labyr-Berge, die skrupellos ihre Opfer ausrauben wollten.

    „Nicht unbedingt mit Misstrauen, aber man sollte sich vor Augen führen, dass einige einfach ziemlich unangenehme Gesellen sind“

    Eine neue aber vertraute Stimmte erklang hinter Iro. Er blickte sich um und zu seiner Überraschung sah er Viridium auf die Gruppe zulaufen. Ihr teilnahmsloser Blick ruhte erst eine Weile auf Iro, ehe er dann auf Jimmy, der verdutzt ihn erwiderte.

    „Gut, dass du wach geworden bist“, sagte Viridium tonlos und tatsächlich hörte Iro keinen Sarkasmus in ihrer Stimme, auch wenn er genauso keine Freude wahrnahm. Er sah, wie Viridium nun scheinbar interessierte die beiden in Augenschein nahm, ehe sie weitersprach: „Ich dachte, es würde euch interessieren, dass es eurem grünen Freund nachwievor gut geht und immer noch im Gewahrsam des Waldschrats ist!“

    „Du meinst Max?!“, rief Jimmy erschrocken. Iro indes spürte eine Erleichterung, dass Max noch immer kein schlimmes Schicksal ereilt ist. Mit weiten Augen suchte Jimmy den Blick seines Kollegen: „Wir müssen dann sofort los, Iro!“

    Iro nickte. Viridium blickte die beiden an.

    „Ich könnte es wie Kronjuwild versuchen es euch auszureden, aber ihr werdet trotzdem gehen, oder?“

    „Ganz recht“, sagten Iro und Jimmy bestimmt. Obwohl Jimmy noch nicht die genauen Umstände kannte, war er sprichwörtlich Feuer und Flamme, denn sein Hintern loderte jäh auf. Reflexartig erschraken Bella, Lilli und auch Chuck und mit einem Mal ruhten finstere Blicke auf den beiden. Viridium ließ zwar keinen Muskel zucken, doch ihr Blick verengte sich bedrohlich, während sie das Feuer von Jimmy in Augenschein. Jimmy, der sich daran erinnerte, dass das Benutzen seiner Flamme scharf verurteilt werden würde, ließ sie wieder zurückfahren. Stattdessen wollte er seine Faust ballen, doch Iro wandte sich ihm zu: „Halte dich kampfbereit, Jimmy. Ich werde dein Feuer löschen, sollte es zum Brand kommen. Und du hast mein Wort!“

    Der letzte Satz war für Viridium, die nun Iro scharf ansah. Beruhigt schien sie keineswegs. „Ich muss dich daran erinnern, dass das Benutzen seines Feuers sämtliches Vertrauen, das in dir gesetzt wurde, zunichte macht. Kämpft meinetwegen, so viel ihr wollt, es könnte mich nicht weniger kümmern. Doch wenn der Dschungel auch nur ein bisschen in Brand gerät…“

    „Wenn ihr aufhören würdet, uns zu trennen und auch vergiften oder aus dem Weg räumen zu wollen, dann würde es dazu nicht kommen!“, entgegnete Iro bissig. „Wir wollten die ganze Zeit nur zu Mew, um mit ihm zu reden, doch ihr wart es, die die Sache unnötig kompliziert gemacht haben. Wir wären längst fort, wenn ihr uns einfach in Ruhe gelassen hättet!“

    Eine Stille trat ein. Viridium blickte Iro noch finsterer an. Bella trat an Iros Seite. Als er ihrem Blick begegnete, sah er eine Traurigkeit in ihm, die ihn überraschte.

    „Ich weiß zwar, was du meinst“, sagte sie leise, „aber um ehrlich zu sein, ich bin froh, dass so gehandelt wurde. Und ich weiß, das klingt ziemlich herzlos…“

    „Was?“, sagte Iro scharf. Er blickte zu Lilli und Chuck, die seinen Blick mieden. Bella lief eine Träne übers Gesicht.

    „Überleg doch, wenn wir uns unter diesen Umständen begegnet wären“, wollte sie sagen, doch ein schnelles Klappern von Hufen näherte sich ihnen. Alle wandten sich dem Eingang des Dorfes zu, durch den gerade Kronjuwild gesprungen kam, der sich hektisch umblickte. Als er dann Jimmy und Iro erblickte, war er mit einem Satz bei ihnen.

    „Ihr müsst hier fort! Schnell!“, sagte er, während er schnell atmete.


    „Was ist passiert?“, fragte Viridium scharf.

    Doch in dem Moment passierte es. Ein eisiger Windhauch wehte durch den Eingang, der die Lianen zur Seite blies. Und ein wilder Sturm an Blättern fegte über das Dorf hinein. Viele schrien erschrocken auf, als dieser Blätterwirbel bedrohlich surrend über ihre Köpfe schoss. Wie ein wütender Schwarm von Motten flogen die Blätter zwischen den Baumkronen hin und her, sodass sie viel von dem einfallenden Licht der Morgensonne schluckten und das Dorf daher im Halbdunkel lag. Iro spürte regelrecht, wie der Hauch von Gefahr die Lichtung erfüllte. Instinktiv stellte er sich vor Bella und Lilli und auch Jimmy, der leicht zitterte, stellte sich an seine Seite und ließ seine Flamme lodern.

    Doch dies löste etwas aus. Ein weiterer Schwarm an Blättern sauste durch den Dorfeingang und nahmen direkten Kurs auf Jimmy, worauf sie ihn umgaben. Entsetzt und panisch schrie Jimmy auf und hielt sich schützend die Arme vors Gesicht. Iro versuchte, die Blätter wegzustoßen, doch es waren dafür zu viele. Kronjuwild rief durch das Rauschen, dass Jimmy seine Flamme wieder abstellen sollte, was dann auch geschah. Die Blätter ließen von Jimmy ab und versammelten sich in der Luft vor ihnen. Sie formten eine Art Sphäre, in der sich die Blätter wie wütende Insekten regten. Sie schienen sich in einer bestimmten Position zu arrangieren. Dann leuchtete ein glühweißes Licht aus dem Inneren der Sphäre und sie sahen, dass sich ein groteskes Gesicht aus den Blättern geformt hatte. Ein schmaler Spalt in der unteren Sphärenhälfte stellte den Mund dar und weiß leuchtende Augen, wo ein einzelnes Blatt jeweils die Pupille darstellte, blickten ihnen entgegen.

    „Der Waldschrat“, flüsterte Kronjuwild Iro und Jimmy zu. Der Schimpanse schluckte nervös, während Iro gegen die Kälte kämpfte, die seinen Rücken entlang lief. Das Antlitz des Waldschrats war nicht zu vergleichen mit dem von Voru. Auch dieses war von einem kalten Blick erfüllt, doch noch größere Bosheit funkelte in den Augen, welche sich auf Iro richteten.

    „Du bist also derjenige, der Voru besiegt hat“, sprach das Gesicht mit so einer durchdringenden Stimme, dass sich Jimmys Haare vom Körper aufstellten. Iro versuchte, einen ruhigen Atem beizbehalten. Tatsächlich brachte er ein kühnes Lächeln hervor. Der Waldschrat lächelte kalt.

    „Wegen dir ist sehr viel Aufruhr im Dschungel entstanden. Viele haben mir Druck gemacht, dass ich dich endlich persönlich aus dem Weg schaffen. Dich und deinen …“, und er warf einen verachtenden Blick auf Jimmy, „Freund“.

    „Wo wir gerade dabei sind“, sagte Iro mit unterdrückter Anspannung. „Wo ist Max?“

    „Du meinst das Reptain? Er ist noch immer in meiner Nähe und sehr bald wird er zu der Einsicht kommen, dass es besser ist, dass ihr fortgeht.“

    „Da bin ich anderer Meinung!“, entgegnete Iro. Kronjuwild versuchte, auf sich aufmerksam zu machen, doch weder der Waldschrat noch ein anderes Pokémon schenkten ihm keine Beachtung. In dem Moment ruhten alle Blicke auf die Begegnung dieser Pokémon. Der Waldschrat nahm Iro fest in seinen Blick.

    „Anderer Meinung?“

    „Allerdings“, sagte Iro, der jetzt die Faust ballte. „Wir gehen erst, wenn wir haben weswegen wir überhaupt hergekommen sind!“

    Die Augen des Waldschrats funkelten ihn an. Ihr war Blick so durchdringend, dass Iro sich bis zu den Knochen hin untersucht fühlte. Da sie auch nicht blinzelten, war es ungeheuer schwierig, dem Blick Stand zu halten.

    „Ich erinnere mich an Viridiums Worte, als sie mir mitteilte, dass sie euch hierher geführt hat“, sagte der Waldschrat und warf Viridium einen kurzen finsteren Blick zu. „Jedenfalls denke ich, dass ihr vergeblich hergekommen seid. Wenn Mew euch tatsächlich erwarten würde, hätte er es mir mitgeteilt. Da dies aber nicht passiert ist, so muss ich davon ausgehen, dass ihr lügt und dass ihr andere Absichten habt!“

    „Wir lügen nicht!“, rief Jimmy dazwischen. Iro wollte ihn davon abhalten, doch er war nicht mehr zu bremsen. „Wir wurden beauftragt, Mew aufzusuchen. Wir sind uns sicher, dass Mew uns erwartet. Es geht darum, dass wir-“

    „RUHE!“, donnerte der Waldschrat und seine Stimme echote verzerrt im Dorf. Blätter wirbelten vom Boden auf und Jimmy verstummte jäh.

    „Mew hat mir damals aufgetragen, den Dschungel um jeden Preis zu beschützen. Den Zirkel habe ich daraufhin einberufen, um die Ordnung innerhalb und außerhalb diesen aufrecht zu erhalten. Wie ich jedoch feststellen muss“, und seine Stimme wurde bedrohlich knurrend, während seine Augen sich an Kronjuwild und Viridium wandten, „ist er nicht dieser Aufgabe nicht nachgekommen. Enttäuschend zu sehen, dass er im Ernstfall des tatsächlichen Eindringens so schlampig gearbeitet hat!“

    Viridium stieß einen Klagelaut aus und mit Tränen im Gesicht lief sie am Waldschrat vorbei aus dem Dorf heraus. Dieser hatte keinen Blick mehr für sie übrig.

    „Sie werde ich noch brauchen müssen“, sagte er in einem Ton, als würde er es bedauern. Doch er nahm Kronjuwild fest ins Visier. „Um dich aber brauche ich mir keine Sorgen zu machen, wenn ich dich aus dem Zirkel entlasse. Deine neuesten Ansichten haben mir ohnehin schon die ganze Zeit missfallen. Und was euch beide betrifft“, und seine kalten Augen wandten sich wieder Iro und Jimmy zu. „Nach allem, was passiert ist, bin ich trotzdem gewillt, euch eine allerletzte Chance zu geben. Wenn ihr augenblicklich den Dschungel verlässt, werdet ihr keinen weiteren Schaden mehr davon tragen. Ihr könnt in Frieden ziehen und werdet über die Geschehnisse hier kein Wort gegenüber jemanden verlieren, habt ihr verstanden?“

    „Und was ist mit Max?“, sagte Jimmy aufgeregt. Der Waldschrat entgegnete seinem Blick. Dann lächelte er abfällig.

    „Er wird solange bei mir bleiben, bis ich mich von eurer Abreise vergewissert habe. Dann werde ich ihn euch nachschicken lassen. Und dies ist mein letztes Angebot! Nehmt es an und bleibt am Leben! Lehnt ihr ab, so werdet ihr die stärksten Konsequenzen erleben, zu denen ich fähig bin!“

    Eine Stille trat ein, die nur vom Rascheln der umher fliegenden Blätter unterbrochen wurde. Dann trat Iro vor. Der Waldschrat blickte ihm erwartungsvoll in die Augen. Dann trat auch Jimmy an seine Seite. Eine ungeheure Spannung lag in der Luft und die Blicke der Dorfbewohner huschten zwischen dem Waldschrat und den beiden Erkundern hin und her. Doch sahen sie nicht, dass zwischen den beiden ein tiefes Einverständnis bestand. Keine Sekunde lang hatte es sich verändert. Und beide blickten dem Waldschrat in die Augen. Obwohl beiden die Anspannung ins Gesicht geschrieben stand und Jimmy zitterte wie Espenlaub, so knirschten beide zornig mit den Zähnen und sagten einstimmig: „Vergiss es!“


    Die Augen des Waldschrats verengten sich.

    „Also dann“, sagte er tonlos und mit vollkommener Kälte, und bevor er ein weiteres Wort sagen konnte, traf ihn die vereinte Kraft von Feuer und Wasser ins Gesicht. Ein verzerrter Wutschrei ertönte bis sich das Blättergesicht auflöste und die Blätter reglos zu Boden fielen. Auch die, die in der Luft umherschwirrten, segelten langsam zu Boden.

    „Was habt ihr getan?“, sagte Lilli mit beiden Händen vor dem Mund. „Habt ihr eine Ahnung, was ihr angerichtet habt?“

    „Ihr habt den Waldschrat angegriffen, auch wenn es nur sein Medium war“, sagte Kronjuwild tonlos und blickte zu Iro. „Das kommt einer Kriegserklärung gleich, das wisst ihr, oder?“

    „Keine Sorge, Kronjuwild“, sagte Iro verbissen und wandte sich dem ehemaligen Waldläufer zu. „Es gibt ohnehin nur die eine Schlacht, die wir gewinnen werden.“

    Und mit grimmigen Lächeln wandte er sich Jimmy zu: „Holen wir uns Max zurück, dann zeigen wir es diesem Waldschrat“.

    Zwar zitterten Jimmy noch die Beine, aber er nickte zustimmend.

    Doch Iro täuschte sich, wenn er glaubte, die richtige Begegnung mit dem Waldschrat wäre die einzige Schlacht. Ein immer lauter werdendes Brummen erfüllte die Luft. Alle bis auf Kronjuwild blickten sich um, der seinen Blick zum Dorfeingang wandte.

    „Haltet euch bereit, sie kommen!“

    Ein Schwarm an Bibor schwirrte durch den Eingang des Dorfes. Wieder schrien die Dorfbewohner panisch auf und Iro sah, wie sich die meisten der Blüten mit einem Mal verschlossen und sich die Bewohner auf diese aufteilten. Diejenigen, die nicht Zuflucht in einer Blüte finden konnten, flüchteten durch das wilde Gewächs das Dorfes in den Dschungel hinein. Nahezu wahllos griffen die Bibor die Dorfbewohner an, denen sie begegneten. Sie stachen mit ihren Nadeln und Stacheln zu und deren wütendes Summen erfüllte die Luft. Ein heilloses Durcheinander entstand. Und Iro sah, wie nun viele der Bibor ihre Aufmerksamkeit auf ihn, Jimmy, Bella, Lilli, Chuck und Kronjuwild richteten. Aus mehreren Richtungen kamen sie auf sie zu. Iro wusste nicht, welche er zuerst abwehren sollte. Er versuchte auf die Schnelle, Wasser in seinem Mund zu sammeln, doch es würde nicht genug sein, um alle auf einmal zu erwischen. Er entschloss sich daher, die Bibor mit einzelnen Stößen zu erwischen. Und er traf auch erst eines, dann das zweite und dann auch das dritte, die frontal auf ihn zugeschossen gekommen waren. Jimmy hatte mit einem gezielten kurzen Flammenwurf die Flügel von einem anderen Bibor beinahe versengt. Während dieses davon trudelte, wandten sich die beiden um. Sie mussten auch die anderen beschützen. Denn nur ihretwegen befanden sie sich überhaupt in Gefahr. Doch zu ihrer Verblüffung stellten sie fest, dass Kronjuwild und die anderen keinen Schutz brauchten. Bella wich geschickt den Stacheln des Bibors aus und bewegte sich dabei mit ihren Blumen auf dem Kopf so graziös, dass das Bibor immer weniger zustach. Iro war sich sicher, dass es wie hypnotisiert war. Lillis Blätterarme waren offenbar widerstandsfähiger als Iro es vermutet hatte. Sie wehrte den Stachel ihres angreifenden Bibors gekonnt ab, der sie offenbar nicht ganz stechen konnte. Lilli nahm sich daraufhin das Bibor beim Stachel und schwang es wie einen nassen Sack in der Luft, bis sie es an einen nahegelegenen Baumstamm schleuderte. Doch Kronjuwild schaffte es, mit drei Bibor auf einmal fertig zu werden. Mit seinem immergrün leuchtenden Geweih warf er das erste Bibor im hohen Bogen zurück, und in nur wenigen Sekunden schaffte er es, zweimal nach hinten mit seinen Hufen auszutreten, um so die anderen beiden Bibor auszuknocken.

    „Iro, Jimmy! Ihr solltet besser los!“, rief er ihnen zu. Offenbar überraschte es ihn, dass die Erkunder noch immer im Dorf waren. Jimmy wollte protestieren, denn schließlich konnten sie alle nicht mit den Bibor allein lassen. Doch Iro legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter, worauf Jimmy zu ihm aufblickte. Iro nickte ihm zu und Jimmy schien zu verstehen. Nach einem Blick zu Kronjuwild und Lille, der voller Dank war und um Vergebung bat, liefen die beiden auf den Ausgang zu und mussten dabei einigen weiteren Bibor ausweichen. Chuck, der als einziger Deckung gesucht hatte, trat an sie heran. Sein Rufen war unter dem Summen der Bibor kaum zu verstehen, doch Iro verstand, dass er sie zu dem Ort führen wollte wo sich der Waldschrat aufhielt.

    „Er soll den Baum des Anfangs beschützen und sich daher dort immer aufhalten“, rief Chuck von oben zu Iro zu, während er mit Jimmy zwischen den Baumkronen huschte. Iro musste abermals darauf aufpassen, dass er nicht in zu hohes Buschwerk hinein lief oder über große Wurzeln stolperte. Ab und an blickte er hinter sich in der Erwartung, dass die Bibor ihm folgen würden. Doch keine Spur war von ihnen zu sehen. Als Jimmy auf einem dicken moosbewachsenen Ast ausrutschte und zu Boden fiel, musste Iro diesen auffangen. Als Chuck sich kurz darauf zu ihnen hinunter schwang, legten sie eine Verschnaufpause ein, denn sie sind jetzt durchgehend gerannt, um dem Angriff auf das Dorf zu entkommen.

    „Es ist alles unsere Schuld, oder?“, keuchte Jimmy, der sich die Rippen hielt. Sein Blick galt Chuck, der betroffen zu Boden blickte.

    „Kronjuwild hat schon seit einiger Zeit geahnt, dass der Waldschrat zu so einem drastischen Schritt greifen würde. Alles, was dazu fehlte, waren nur ein paar Fremdlinge, die wir aufnehmen würden.“

    „Doch ich verstehe nicht“, sagte Jimmy, der sich nun auf den Boden hockte, „wieso Fremdlinge so dermaßen als Feinde angesehen werden. Wir haben ihnen nichts getan, oder?“

    Chuck warf einen kurzen Blick zu Iro zu. War es an der Zeit, Jimmy die Wahrheit zu erzählen? Doch für die ganze Geschichte würde keine Zeit bleiben. Zumal wurde Iro das Gefühl nicht los, dass ihre Fährte aufgenommen wurde. Wenn sie länger an Ort und Stelle verbleiben würden, wäre es eine zu große Zeitverschwendung, sie abzuwehren. Max war nun eine Geisel des Waldschrats und Iro mochte sich nicht vorstellen, was er mit seinem und Jimmys Anführer machen würde, wenn sie zu lange trödelten. Jimmy stimmte dem schließlich zu, als Iro ihnen den Gedanken erläuterte und richtete sich auf. Die drei machten sich wieder auf dem Weg. Jimmy bekam immer mehr den Dreh raus, auf den Ästen des Dschungels herumzuspringen und er erkannte auch, dass das Hängen an den Lianen in seiner Natur lag. Er und Chuck hatten es sehr viel einfacher als Iro, der sich nun dazu entschied, sämtliche große Hindernisse wie Buschgruppen mit einem Nassschweif aus dem Weg zu schlagen. Endlich dann schien sich der Dschungel und Chuck landete am Ende eines Hügels auf den Boden. Als Iro und Jimmy dann zu ihm traten, sahen sie, wie Angst in seinem Gesicht stand.

    „Hier ist es, hinter diesen Bäumen“, hauchte Chuck. Iro und Jimmy spähten durch die Baumreihe vor ihnen. Sie konnten nicht viel erkennen, außer etwas Mächtigem, dass sehr viel von einer Lichtung einnahm. Beide blickten sich an. Iro bemerkte, wie auch Jimmy angespannt aber entschlossen wirkte. Beide nickte und schoben sich daraufhin durch die Baumreihe.


    Iro hatte vorher den unterschiedlichen Baumarten nichts abgewinnen können. Doch mit einem Schlag wurde ihm die majestätische Ausstrahlung von diesem einem Exemplar bewusst. Er zweifelte für eine Sekunde, ob er es überhaupt als Baum bezeichnen konnte. Er hat schon eine mächtige Aura vernommen, als er den Baum auf der Suche nach Jimmy aus der Ferne gesehen hatte. Aus der Nähe betrachtet war dieses Gefühl aber kaum auszuhalten. Iro hatte den Eindruck, als sei der Baum eine Art göttliche Bestie, die vor etlichen Jahrtausenden in einen tiefen Schlaf gesunken war. Seine Wurzeln machten den Eindruck von meterdicken und stahlharten Tentakeln, die vorher wild in der Luft gepeitscht haben und mitten in dieser erstarrt waren. Deren Enden gruben sich in die Erde und Iro ahnte sofort, dass keine Kraft der Welt je diesen Baum entwurzeln könnte. Iros Blick galt dem Stamm, der fast die gesamte Szenerie einnahm. Noch dazu war, als würden mehrere Stämme sich zu seinem verschlingen, von denen weitere dicke Verästelungen in den umliegenden Dschungel führten. Spiralförmig schlangen sie sich nach oben und nach nur wenigen Metern wurden sie von derartig tief hängenden Ranken und Lianen verhangen, dass Iro nicht sehen konnte, wo die Krone des Baumes anfing. Doch war es sofort zu erkennen, dass dieser Baum ein paar hundert Meter groß war, wenn er aus der Ferne schon sehr imposant gewirkt hatte. Ein Keuchen neben ihm verriet, dass auch Jimmy genauso von diesem Anblick überwältigt war.

    „Dies muss wohl das Herzstück des Dschungels“, hauchte Jimmy ehrfürchtig. „Sieh nur, wie viele Äste und Ranken in den Dschungel führen.“

    „Achte lieber darauf, dass wir nicht aus dem Hinterhalt angegriffen werden“, sagte Iro ernst, der nicht das Gefühl wurde, von irgendetwas beobachtet zu werden.

    Dann lenkte ein schmerzhaftes Keuchen seine Aufmerksamkeit auf den Boden. Er und Jimmy konnten es nicht direkt erkennen, da die Quelle des Geräusches von einer Vielzahl von Ranken verdeckt wurde. Dann erkannten sie Beine, die einer antilopenähnlichen Gestalt zu gehören schien.

    „Viridium“, rief Jimmy und mit einem Satz war er bei ihr. Als Iro hinzukam, erschrak er über ihren ziemlich schlimmen Anblick. Viridium, die die ganze Zeit über grazil und unverwundbar gewirkt hatte, sah nun danach aus, als hätte sie einige Peitschenhiebe abbekommen. Blau angelaufene Striemen waren auf ihrem gesamten Körper zu erkennen und sie selber war fast bewusstlos. Noch dazu zog sich eine feine und blutende Schnittwunde über ihren Körper.

    Auch wenn Iro am Anfang nicht viel Sympathie für sie übrig hatte aufgrund der Art, wie sie mit ihm, Max und vor allem Jimmy umgesprungen war, doch spürte er jähes Mitleid und einen lodernden Zorn in sich aufflammen. Er konnte sich schon gut vorstellen, wer ihr das angetan hat. Jimmy machte sich daran, die Ranken zu durchtrennen, die sie offenbar unter die Erde ziehen wollten. Jimmy war zwar nicht kräftig, doch gelang es ihm ein paar Ranken mit seinen Zähnen zu durchbeißen. Iro packte sich immer wieder mehrere Ranken auf einmal und riss sie auseinander. Bald schon haben sie Viridium befreit und sie von den Wurzeln des Baumes weggezogen. Jimmy beugte sich zu ihr hinunter und fühlte ihren Puls.

    „Sie ist noch am Leben, aber“, und fassungslos blickte er sich ihren Körper, der, nachdem er von den Ranken befreit war, umso geschundener wirkte. Iro blickte sich indes nach dem Missetäter um, auch wenn er nicht wusste, was er tun würde, wenn er diesen erblickte.

    „I-Iro … Ji-Jimmy …“, sagte Viridium. Dies veranlasste Iro dann doch, sich ihr zuzuwenden, denn es war das erste Mal, dass sie die beiden mit ihrem Namen ansprach. Doch Jimmy gebot ihr mit einer ruhigen Bewegung zu schweigen. „Schon dich, Viridium. Deine Wunden sehen ziemlich schlimm aus.“

    „Ich kann“, ächzte Viridium, als sie sich wieder aufrichten wollte, doch ihre Beine schienen sie nicht tragen wollen. Frustriert und verbittert ließ sie ihren Körper vorsichtig zurück auf den Boden gleiten. Iro fand diesen Anblick Viridiums im Vergleich zu Vorher nur erbärmlich. Seine Hand ballte sich unwillkürlich zur Faust zusammen. Er verstand nicht, warum man ihr so etwas antun wollte, doch dann erklang eine Stimme, als hätte sie seine innere Wut gehört. Der Klang der Stimme war es, der sie mehr erschrak als der Anblick Viridiums.

    „Sie hat versucht, sich aktiv gegen die Befehle des Waldschrats zu widersetzen. Es ist doch klar, dass sie daraufhin bestraft werden sollte!“


    Iro und Jimmy wandten sich langsam um und blickten nach oben zu einer Wurzel des Baumes, die sich mitten in der Luft wölbte. Und auf dieser stand ein Pokémon, dessen kalte topasgelbe Augen im Halbschatten glommen und zu ihnen hinunter spähte. An einem seiner Arme leuchtete es immergrün; eine Laubklinge hob sich deutlich von seinem Körper ab.

    „Max!“, rief Jimmy überglücklich und richtete sich auf. Doch Iro erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte. Es war beunruhigend, wie teilnahmslos Max wirkte. Ganz im Gegenteil, er schien gar nicht erfreut sie zu sehen, denn sein Blick verengte sich, als er Jimmy ins Visier nahm, der ihm zuwinkte. Jetzt spürte auch er, dass Max die Freude nicht teilte.

    „Dir scheint es gut zu gehen, was für ein Glück“, lächelte Jimmy. Max lächelte nicht zurück. Iro wurde indes das Gefühl nicht los, dass Gefahr in der Luft lag. Und als er einen Blick auf Viridiums Schnittwunde warf und dann auf Max‘ Laubklinge, verstand er sofort. Und das nicht zu spät, denn als er sah, wie Jimmy sich Max nähern wollte, hielt Iro ihn zurück, während er Max fest ins Visier nahm.

    „Hast du das Viridium angetan?“, sagte Iro scharf. Max sagte nicht, doch ein leichtes und boshaftes Lächeln, das gar nicht zu ihm passte, fuhr über seinen Mund. Er sprang von der Wurzel und landete leichtfüßig wenige Meter von Iro und Jimmy entfernt auf dem Boden. Jetzt aus nächster Nähe betrachtet sah Iro bestürzt, dass in Max‘ Augen das sonst so freundliche Funkeln verschwunden war, sodass deren stechendes Gelb nun das erste Mal bedrohlich wirken. Wie schon bei Voru hatte es den Anschein, als stünden sie einem Raubtier gegenüber. Max musterte Jimmy, dann fiel sein Blick auf Viridium. Erst dann wandte er sich an Iro, der ihn argwöhnisch anstarrte: „Ja und nein … von mir stammt lediglich der Schnitt auf ihrem Körper“

    „Aber… wieso?“, sagte Jimmy mit beiden Händen vor dem Mund. Max lächelte kalt.

    „Ich habe es schon gesagt; sie hat ihre verdiente Strafe erhalten, als sie sich gegen den Wunsch des Waldschrats stellte.“

    „Was meinst du damit?“, sagte Iro mit mahlenden Kiefern. Max begegnete seinem Blick.

    „Sie hat den Waldschrat doch tatsächlich darum gebeten, dass er euch verschönen möge. Dass sie ihn davon überzeugen wollte, dass ihr im Grunde gut Pokémon seid.“

    Max spuckte verächtlich aus. Iro glaubte immer mehr, ein gänzlich anderes Reptain vor sich zu sehen, eine Art schlechte Kopie von Max, ein böser Zwilling.

    „Der Befehl des Waldschrates ist unumstößlich, sofern er sich zu etwas entschlossen hat. Viridiums Versuche, ihn umzustimmen, haben von offenem Verrat an ihn und damit an den ganzen Dschungel gesprochen.“

    „Und du bist auf einmal zum Fürsprecher des Waldschrats geworden?“, zischte Iro. Er hatte es allmählich satt zu hören, dass alles nach diesem Wesen gehen sollte. Er trat auf Max zu, der ihn interessiert, aber auch spöttisch ansah.

    „Du willst nicht gegen mich kämpfen. Ich versichere dir, es täte dir nicht gut“, sagte er ernst und jäh leuchtete seine zweite Laubklinge auf. Iro hielt inne und blickte verblüfft auf die Klinge. Nun schien auch Jimmy der Geduldsfaden zu reißen.

    „Max! Du wirst doch nicht deine eigenen Freunde angreifen?!“

    „Freunde?“, sagte Max und seine Stimme klang wie aus weiter, unbegreiflicher Ferne. „Freunde, die mich im Stich gelassen haben? Die mich meinem Schicksal überlassen haben, während sie jeweils sich retteten?“

    „Das stimmt nicht“, wollte Jimmy dem entgegnen, doch Iro gebot ihm mit einer Handgeste zu schweigen.

    „Wenn du ein Problem daraus machen willst, dass du nicht als erster gerettet werden solltest, kann ich dir dabei nicht helfen, Max“, sagte Iro und legte eine Betonung auf da letzte Wort, als zweifelte er daran, dass sein Anführer vor ihm stand. Doch Max winkte lächeln ab.

    „Im Grunde genommen bin euch dankbar. So konnte ich viel Zeit mit dem Waldschrat verbringen und letztlich hat er mich davon überzeugen können, dass es als Pflanzen-Pokémon meine Sicht, diesen Ort“, und er wies in Richtung des Baumes, „und damit den gesamten Dschungel zu beschützen.“

    Iro hatte nur einen kurzen Blick für den mächtigen Stamm des Baumes übrig, ehe er sich an Max wandte.

    „Erkläre es mir, was ist so toll an diesem Baum?“

    „Das“, sagte Max und obwohl seine Stimme ruhig klang, spürte Iro die Drohung in dieser, „ist für dich nicht von Bedeutung. Ich bezweifle, dass du es verstehen würdest.“

    „Willst du sagen, ich bin blöd“, fauchte Iro. Jimmy schien es die Sprache verschlagen zu haben, Max so reden zu hören. Max lachte und es war ein kaltes Lachen.

    Blödheit würde ich es jetzt nicht nennen, aber es ist anstrengend, auf Pokémon deinesgleichen aufzupassen. Sag mir, Ironhard“ – Iro entging nicht der spöttische Unterton – „wie lange hat es ohne meine Führung gedauert, dass du in Schwierigkeiten geraten bist? Ich habe gehört, Voru hatte dir schon eine erste Lektion verpasst, nur wenige Minuten, nachdem du aufgewacht bist? Ich muss ehrlich zugeben, das ist rekordverdächtig, selbst für deine Verhältnisse.“

    „Zu deiner Information“, sagte Iro mit zornigem Nachdruck, „Der Ärger hat mich gesucht und nicht umgekehrt“

    „Wie dem auch sei, du hast es dann nach einer Warnung nicht dabei belassen. Dass du dann auch Jimmy aus der Narbe herausgeholt hast, dass du dich bewusst mit den Aussätzigen verbündet hast und dass du dir dann noch trotz einer Absage vom Waldschrat von Voru eine Beere genommen hast – hast du etwa wirklich geglaubt, dass der Waldschrat weiterhin tatenlos sein würde? Hätte er mich früher überzeugt, hätte ich ihm gleich geraten, direkt einzugreifen. Lieber die Bedrohung im Keim ersticken, bevor sie zu einem Problem ausartet, dass mit Gewalt niedergemäht werden muss.“

    „Max… das kannst du doch nicht ernst meinen …“, sagte Jimmy fassungslos. Seine Arme hingen schlaff vor Entsetzen herab. Max schüttelte den Kopf.

    „Ich bedaure es sehr, Jimmy. Nach allem, was wir durchgemacht haben, kann ich es verstehen. Es ist aber nun einmal so, dass dieser Ort hier heilig ist und dass es für mich eine Pflicht darstellt, diesen zu beschützen. Doch gerade aufgrund unserer gemeinsamen Geschichte“, und er hielt eine Laubklinge vor sich, „werde ich euch eine allerletzte Chance geben, dass diese Angelegenheit noch friedlich gelöst werden kann!“

    „Und die wäre?“, fragte Iro, auch wenn er schon vermutete, was kommen würde.

    „Verlasst diesen Dschungel augenblicklich. Bildet nun zu zweit das Team Mystery, denn ich verlasse es und bleibe hier!“

    „Du machst doch Witze!“, rief Jimmy nun hellauf entsetzt. „Du kannst doch nicht all das einfach wegschmeißen! Was ist mit unseren Abenteuern? Unseren Erlebnissen? Bedeuten sie dir gar nichts mehr?“

    „Vorher vielleicht schon“, sagte Max ohne die geringste Reue in seiner Stimme. „Aber damit schließe ich ab. Und ihr solltet es auch tun! Dies ist mein letzter Befehl als euer Anführer!“

    Während Iro aufmerksam aufblickte, war Jimmy den Tränen nah. „Max… wie kannst du nur … nach all der Zeit?“

    „Mach dir mal keinen Kopf drum, Jimmy!“, sagte nun Iro zu dessen größter Überraschung. Seine Faust hatte sich eisenhart geschlossen. „Du weißt doch genauso wie ich, dass Max uns niemals etwas befehlen würde.“

    Er wandte sich an Max.

    „Wie lange willst du diese Scharade noch mit uns spielen, Waldschrat?“

    Max‘ Blick verengte sich, während Jimmy zwischen ihm und Iro hin und her blickte. „Du meinst … das ist nicht Max?“

    „Bestimmt hat der Waldschrat Besitz von seinem Körper genommen“, sagte Iro ernst und ließ Max nicht aus den Augen. „Aber damit hat er einen großen Fehler getan. Was kann er schon groß machen als unsere Moral zu untergraben? Das ist doch alles nur ein einzelner großer Bluff!“

    Max‘ Augen blieben unverändert verengt auf Iro gerichtet, doch in ihnen funkelte es.

    „Ich bin sicher, Max wehrt sich gerade darin! Und wenn er dazu gezwungen werden sollte, uns anzugreifen“ – Max ging ein wenig in die Kniee – „dann wird es ihm nicht gelingen. Denn unser Max würde nie-!“


    Mit einem Satz und blitzartig, wie es die Agilität stets ermöglichte, war Max bei Iro und eine seiner Laubklingen hob er in die Luft. Iro, der nur einen Augenblick Zeit hatte, dies zu realisieren, sprang nach hinten, doch es war zu spät. Zwar entging er einem direkten Treffer, doch die Spitze der Klinge, die nicht weniger scharf war als der Rest, hatte seine Brust streifen können. Ein feiner Schnitt zog sich über diese und Blut sickerte heraus. Ein Schmerz, der unangenehm in der Brust zog, ließ Iro keuchen und in die Knie gehen. Jimmy schrie erschrocken auf und schlug sich die Hände vor dem Mund. Iro starrte zu Max hoch, der teilnahmslos seinen Blick begegnete.

    „Glaubst du immer noch, ich werde zu irgendetwas gezwungen, was ich nicht tun will?“

    Eine Zeit lang starrten sich beide in die Augen und es war schwierig zu erraten, wessen Blick zornerfüllter war. Dann kicherte Iro auf. Max und Jimmy sahen ihm verständnislos dabei zu, wie er sich wieder aufrichtete.

    „Also gut“, sagte der Alligator und in seinen Augen lag auf einmal eine beunruhigende Wildheit. „Wie es scheint, muss ich dich aus Max‘ Geist raushauen!“, und er holte mit seiner Faust und schlug zu, doch Max wich dem aus und wollte erneut mit seiner Laubklinge zuschlagen. Doch Iro, der seit einem Jahr mit Max und Jimmy unterwegs war und sie zusammen gegen Verbrecher kämpften, kannte deren Techniken und Gewohnheiten. So grinste er, als er Max‘ Arm mit seinem eigenen auffing. Max befand sich nun in einer für ihn ungünstigen halben Drehung, aus die er sich erst befreien musste. Doch dies nutzte Iro aus und schlug erneut mit seiner Faust zu, die dieses Mal von eiskalter Luft umgeben. Doch auch Max kannte Iro nun seit einem Jahr und auch er nutzte nun das Wissen über seine Angriffsgewohnheiten. Er sprang mit beiden Füßen in die Luft und diese nutzte auch, um den Eishieb Iros in der Luft aufzufangen, bevor dieser richtig an Kraft zunahm. Und noch in der Luft feuerte Max aus seinem Mund einen Hagel von grün leuchtenden Saatkörnern ab, die Iro ins Gesicht trafen, worauf dieser losließ. Max sprang nach hinten und Iro, der einige Saatkörner zu Boden spuckte, trat ebenfalls zurück. Jimmy, der zutiefst schockiert die Szene betrachtete, stand wie angewurzelt da.


    „Wirst du helfen oder nicht?“, fragte Iro ihn. Jimmy war weiterhin wie erstarrt und seine Antwort konnte er auch nur stammeln. Doch schon lief Max auf ihn zu, beide klingenbesetzten Arme vor sich gekreuzt. In seinen Augen lag mörderische Absicht. Und Jimmy war zu erstarrt, als dass er rechtzeitig reagieren konnte. Doch Iro schaffte es noch, zwischen Jimmy und Max eine Welle rauschenden Wassers zu bringen, die er mit seinem Schweif von oben herabsausen ließ. Max prang sofort wieder zurück, da er sonst in den Nassschweif gelaufen wäre. Dies nutzte Iro aus, um sich schützend vor Jimmy zu stellen.

    „Wenn du nicht vorhast, gegen Max zu kämpfen, dann geh in Deckung!“, rief Iro über seine Schultern Jimmy zu. Als dieser noch immer in Schockstarre war, rief Iro Chuck zu sich. Er hoffte dabei, dass sich Chuck nachwievor noch in ihre Nähe befand und alles bisher beobachtet hatte. Und glücklicherweise schob sich der grüne Affe durch die Baumreihen und lief auf Jimmy zu. Einen angsterfüllten Blick warf er auf Max zu, doch Iro nickte ihm aufmunternd zu. Er würde dafür sorgen, dass Max zur Besinnung kam. Chuck schaffte es dann endlich, Jimmy fortzubringen, während Iro Max keine Sekunde aus den Augen ließ.

    „Du wirst vergeblich versuchen, mich anderweitig zu überzeugen, Ironhard“, sagte Max kalt. Beide ließen sich gegenseitig nicht aus den Augen. Sie beide waren wie Raubtiere, die einander musterten und ihre nächste Bewegung abschätzten.

    „Für euch gibt es kein Zurück mehr“, sagte Max. „Für dich, für Jimmy, für Chuck und auch für alle, die sich dem Waldschrat widersetzt haben. Ich lasse nicht zu, dass im Geheimnisdschungel ein solche gefährliches Gedankengut die Runde macht.“

    „Tu mir einen Gefallen, Max, und halt die Klappe“, sagte Iro herausfordernd.

    Max folgte dem und setzte zu einem neuen Hieb an, den Iro aber abwehrte. Auch er setzte nun zum Schlag an, doch Max war flink genug, rechtzeitig zurückzuspringen. Iro setzte zu einem Wasserstoß an, doch auch dem entging Max.

    „Du hältst dich zurück, Iro!“, sagte Max wenig später, nachdem dieser Austausch von Angriffen keine Treffer erzielt hat. „Du hast wohl doch Angst, mich allzu sehr zu verletzen?“

    „Nur weil du gerade Max wie einen absoluten Mistkerl darstellst, heißt das nicht, dass er nicht mehr mein Freund ist“, sagte Iro. Max lachte kalt auf.

    „Wie ungemein rührend. Du wirst feststellen, dass dein Mitleid deinen eigenen Untergang besiegeln wird.“

    „Wir werden sehen“, sagte Iro keuchend, denn es war anstrengend sich zurückzuhalten und Max‘ kräftigen Angriffen auszuweichen. „Erst einmal werde ich dich da aus seinem Körper rausholen!“

    „Und was dann, Iro? Glaubst du wirklich, du änderst irgendetwas an eurer misslichen Lage? Ich habe euch aus einem sehr guten Grund eine letzte Chance gegeben. Dem Waldschrat willst du nicht begegnen. Er verfügt über Kräfte, die deine weit überschreiten.“

    „Und seit wann ist das für dich ein Problem, Max?“, sagte Iro keuchend. „Du und Jimmy habt es schon mit aus gefährlicheren Gegnern zu tun gehabt und trotzdem seid ihr irgendwie heil daraus gekommen.“

    „Nicht ganz so heil; meistens hatten wir auch Glück“, sagte Max tonlos, doch er schüttelte den Kopf.

    „So oder so werdet ihr bald aus dem Dschungel verschwunden sein und endlich wird der Frieden zurückkehren!“

    „Bist du dir da sicher?“, entgegnete Iro zornig. Max sah ihn finster an.

    „Ich habe mittlerweile einen guten Einblick in den Dschungel bekommen. Und ich muss dir sagen, es wird keinen Frieden mehr geben. Nicht mehr nach heute.“

    „Und du bist dir dessen sicher?“, sagte Max kalt. Iro lachte auf, er konnte es nicht anders.

    „Hast du es nicht bemerkt, Waldschrat? Glaubst du allen Ernstes, dass jeder Bewohner des Dschungels mit deiner Politik einverstanden ist? Gerade jetzt, was du durch Max‘ Mund sagst, bestätigt mich in einer Sache!“


    „Die da wäre?“, sagte Max knapp. Iro begegnete seinem Blick und lächelte.

    „Alle tun so, als wäre der Waldschrat nach Mew das mächtigste Pokémon im Dschungel. Doch was ich bisher gesehen habe war, dass du nichts Anderes bist als ein Feigling. Du musst andere einschüchtern, damit sie deinen Wünschen und Befehlen folgen. Und wenn ich mir ansehe, welch niederträchtige Kumpane dich wirklich respektieren, dann ist es einfach nur erbärmlich. Diejenigen, die wirklich dezent sind und auch tatsächlich einen Verstand haben, sie fürchten sich vor dich. Und doch wagen sie es, dir Paroli zu bieten. Du magst es Verrat nennen, doch ich nenne es Mut! Und seit ich verstanden habe, worum es geht“, und mit diesen Worten ballte Iro die Faust so fest wie er konnte und hielt sie Max entgegen, „werde ich alles dransetzen, dich und alle, die deiner verkehrten Weltsicht folgen, zum Schweigen zu bringen!“

    Max ist die ganze Zeit über an Ort und Stelle ruhig stehen geblieben, doch nun blitzten seine Augen auf und sein Mund verzerrte sich zu einer wütenden Grimasse. Iro wusste, dass er den Waldschrat in Max soeben hervorgeholt hat, denn er benutzte Worte, die Max selbst im besessenen Zustand nie sagen würde:

    „Meine Aufgabe ist es den Geheimnisdschungel zu beschützen! Ich lasse nicht zu, dass ein Außenseiter wie du dreißig Jahre an Frieden zunichtemachst!“

    Und er spurtete auf Iro los, der sich bereit machte. Er musste den nächsten Schlag zielsicher treffen lassen. Es tat ihm im Herzen weh, dem Körper von Max so etwas anzutun, doch sah er darin die einzige Chance, ihn aus dem Griff des Waldschrats zu befreien. Doch bevor er ausholte, hörte er Schritte hinter sich und wie sich etwas vom Boden abstieß. Etwas Grünes landete auf seiner Schulter. Es war Chuck, den Iro nun dabei beobachtete, wie er von der Schulter aus Max entgegen sprang der im Laufen überrascht stehen blieb. Dies kam dem grünen Affen sehr gelegen, denn er warf sich an seinen Hals.

    „Was zum? Hau ab, Chuck! Lass los!“


    Max versuchte sich von Chucks Klammergriff zu lösen, doch wie schon bei seiner ersten Begegnung mit Iro wusste dieser sich geschickt von Arm zu Arm zu hangeln und dabei keineswegs von ihm abzulassen. Iro wusste nicht, ob und wann er zuschlagen sollte, denn er wollte nicht Chuck treffen, der nun Max wie einen Baum behandelte. Doch Max war wesentlich kleiner als Iro und bot weniger Fläche zum Greifen. Und als Chuck dann tatsächlich in die Leere griff, schlug nun Max zu. Seine Faust traf dem Affen ins Gesicht, worauf er einige Zentimeter von Max weg auf den Boden geworfen wurde. Doch während sich Chuck die getroffene Stelle rieb, grinste er, was Iro nicht verstehen konnte. Doch konnte er gut nachvollziehen, dass es Max gar nicht gefallen hat, so angefallen zu werden. In blinder Wut wollte er auf Chuck mit seinen Klingen einschlagen, doch Iro stellte sich zwischen den beiden und fing dessen Arme an den Handgelenken auf.

    „Sehr gut, Iro!“, sagte Chuck und holte Luft. Dann rief er sehr laut: „Am Nacken!“

    Iro verstand nicht, was Chuck meinte, dann sah er einen anderen Affenkörper die Szene betreten. In Windeseile ist Jimmy um sie herum gelaufen und nun sprang er auf Max‘ Rücken. Seine Arme klammerten sich um dessen Hals.

    „Nein!“, schrie Max zornig auf und wollte sich wehren. Doch Chuck warf sich bereits auf seine Beine und hielt sie fest, so gut er konnte. Iro begegnete Jimmys Blick, der aus irgendeinem Grund angewidert wirkte. Direkt darauf verstand Iro auch warum. Erschrocken und bevor er reagieren konnte, riss Jimmy den Mund weit auf und biss in Max‘ Nacken hinein. Max brüllte nun vor Schmerz auf und Iro wollte Jimmy von Max wegwischen, denn dies ging eindeutig zu weit. Wenn Jimmy nicht aufpasste, würde er einen gewaltigen Schaden anrichten. Doch es war schnell vorbei wie es passiert. Jimmy zog den Mund zurück und schien dabei etwas zwischen den Zähnen stecken zu haben. Max stieß nun ein ohrenbetäubendes Brüllen von sich, das in Iros Ohren schrill nachklang. Jimmy stemmte sich nun mit aller Kraft von Max Rücken ab. Iro sah ein paar Blutstropfen in die Luft fliegen. Max‘ Schreien erstarb mit einem Mal und auch seine Bewegungen erschlafften. Sowohl Iro als auch Chuck ließen jäh von Max ab und beide sahen, wie dessen arme nach unten hingen, wie Max auf die Knie sank und ohne ein weiteres Geräusch dumpf auf dem Boden aufschlug.

    Eine Stille legte sich über sie, in der Iro zwischen Chuck, Jimmy und Max hin und her blickte, der ohnmächtig auf dem Bauch lag. Dann richtete er sich an Chuck, der erschöpft keuchte. Er wollte schon fragen, was das gewesen war, doch Chuck richtete sich auf und hob ihm Hand entgegen und bat damit, dass Iro schweigen sollte. Sein Blick hingegen galt Jimmy.

    „Hast du es?“


    Iro fragte sich was er meinte und ratlos blickte er zu Jimmy, der ein seltsam dumpfes Ja von sich gab. Nun sah Iro, wie Jimmy, der auf dem Rücken gelegen hatte, aufstand und unter Würgen etwas auf den Boden spuckte. Angewidert und doch neugierig trat Iro an das schleimige Etwas heran und erkannte, dass es die Form eines kleinen punktierten Pilzes, aus dessen Stiel feine, winzige Tentakeln sprossen, die an der Luft zappelten. Ehe Iro fragen konnte, was es für ein Pilz rief Chuck von hinten zu ihnen: „Worauf wartet ihr noch? Zerstört es!“

    Jimmy, der offenbar wusste, was es mit ihm auf sich hatte, warf dem Pilz einen angewiderten und zornigen Blick zu, ehe er ihn mit einem Flammenstoß anzündete. Augenblicklich färbte sich der Pilz kohlschwarz und schrumpelte zu einem noch kleineren Häufchen zusammen. Ein scharfer Geruch stieg aus ihm heraus und Iro hörte ein feines Zischen. Dann ließ Jimmys Flammenstoß nach und wieder legte sich Stille über sie.

    „Der Parasitenpilz eines Parasek“, sagte Chuck, der an die beiden herangetreten war und das Resultat begutachtete. Angewidert kickte er den verbrannten Pilz fort in ein umstehendes Gebüsch.

    „Was?“, sagte Iro verwirrt und blickte zu Chuck und dann Jimmy.

    „Chuck meint, das war es, das Max dazu veranlasste, sich so auszuführen.“

    „Aber“, sagte Iro und blickte zu Chuck, der aber traurig den Kopf schüttelte.

    „Ich hätte nicht gedacht, dass der Waldschrat zu so einem drastischen Mittel greifen würde. Du musst wissen, dass Parasek von einem Parasiten auf ihrem Körper gesteuert werden, der auf ihrem Körper gedeiht. Zwar kann man aus einem voll ausgewachsenen Exemplar ihrer Pilze wertvolle Medizin herstellen, doch mit deren Sprösslingen ist nicht zu spaßen. Gerade bei Pflanzen-Pokémon können sie sehr einnehmend sein.“

    „Chuck hat sich daran erinnert, dass der Waldschrat ziemlich eng mit den Parasek zusammen arbeite“, ergänzte Jimmy, der Max mit tiefer Traurigkeit betrachte. Es war ein unangenehmer Anblick, ihren Freund so ohnmächtig zwischen ihnen liegen zu sehen.

    „Und nachdem ich gehört habe, wie Max mit euch, seinen Freunden, geredet hat, hat es mir allmählich gedämmert“, fuhr Chuck an Iro gewandt fort. „Ich habe nämlich gedacht, dass Max genauso in Ordnung sei wie ihr, doch er hat sich genauso wie Voru angehört. Zuerst konnte ich es nicht begreifen, doch als du dann sagtest, dass der Waldschrat von Max Besitz ergriffen hatte, kam mir der Gedanke, dass es tatsächlich genauso sein musste. Ein Parasitenpilz, der mit Gedankengut des Waldschrats getränkt ist – nach allem, was ich über seine Macht gehört habe, traue ich es ihm zu, dass er zu sowas imstande gewesen ist. Doch ich musste sichergehen, dass es bei Max auch der Fall war. Daher-“

    „Daher hast du dich so an Max herangeschmissen?“, fragte Iro und Chuck nickte. Sein Blick fiel auf Max sichtlich geschundenem Körper. Sorge stand ihm ins Gesicht geschrieben.

    „Jetzt muss man nur noch hoffen…“

    „Was denn?“, fragte Jimmy, der aufhorchte. Chuck begegnete ängstlich dem Blick der beiden.


    „Der Parasitenpilz übernimmt den ganzen Körper. Und es heißt, dass dieser dann auf den Pilz zum weiteren Überleben angewiesen ist. Wenn er also nun entfernt wird …“, und er verstummte, als er die entsetzten Blicke von Jimmy und Iro sah. Beide sahen sich an und Iro sah es Jimmy an, dass auch ihm die Gefahr drohte, dass ihm der Boden von den Füßen weggerissen werden würde. War es so, wie Chuck es befürchtete? War Max‘ Körper nun ebenso auf den Parasitenpilz angewiesen gewesen? Würde Max nun nach dessen Entfernen sterben? Doch bevor Iros und Jimmys Welt tatsächlich zusammenbrach, hörten sie ein leises, unregelmäßiges Treten von Hufen auf sie zukommen. Sie wandten sich um und sahen Viridium auf sie zu humpeln. Obwohl ihr Körper sehr geschunden war, besaß sie noch immer etwas von ihrer üblichen graziösen Art. Ohne die anderen zu beachten, trat sie an Max heran und senkte ihren Kopf zu ihm hinunter. Schweigend beobachten die drei Pokémon sie. Dann sagte sie leise, sodass sie es kaum vernehmen konnten: „Sein Puls ist schwach, aber er lebt noch.“

    Doch sie nahm ihren Kopf nicht von Max weg. Sie beugte ihn noch viel näher an ihn heran, sodass ihre Stirn Max‘ Rücken berührte. Und wie aus der Ferne erklang Musik. Sie war schaurig und fühlte sich wie ein kalter Windhauch auch und verwirrt blickten sich Iro und Jimmy um. Chuck hingegen starrte Viridium mit tiefer Bewunderung an.

    „Es ist ihr Lied“, hauchte er und auch die beiden Erkunder hörten, wie Viridium deutlich vernehmbar die Melodie summte. Und erstaunt sahen sie, wie ihr Körper hell aufleuchtete und wie dieses Leuchten sich auch auf Max übertrug, dessen gesamter Körper ebenfalls aufleuchtete.

    „Viridiums Gesang hat heilende Kräfte“, erklärte Chuck den beiden. „Sie sind zwar nicht so wirksam, wie wenn Lilli sich um die Heilung von uns kümmert, aber …“, und in seinen Augen lag tiefste Bewunderung für Viridium. „Ich hätte nicht gedacht, dass sie je für Pokémon von außen ihre Kräfte einsetzt.“

    Viridiums Gesang erstarb allmählich. Sie richtete sich auf und blickte zu Max hinunter. „Macht euch keine Sorgen, Jimmy und Iro. Es dauert nicht mehr lange, dann kommt er zu sich.“

    Und endlich zuckte Max‘ Körper. Erst regten sich seine Fingerspitzen und Zehen, dann zuckten auch die Lider seiner Augen. Und dann schlug Max endlich die Augen auf.

  • 10

    Der Wächter


    Max fuhr augenblicklich hoch, was er aber dann sofort bereute. Sein Gesicht verzog sich vor Schmerz und er rieb sich den Nacken an der Stelle, wo zuvor noch der Pilz noch gewesen war. Bei diesem Anblick war Jimmy deutlich ein schlechtes Gewissen anzusehen, das sich seltsam mit seiner Freude vermischte, dass Max endlich wieder zu sich gekommen ist. Vorsichtig trat er einen Schritt auf ihn zu: „Hey, Max? Tut es sehr weh?“

    Bei den Worten hielt Max in seinen Bewegungen inne. Dann richtete er langsam seinen Kopf hoch und blickte überrascht, fast verblüfft, in Jimmys Gesicht. Dann blickte er sich so schnell um, dass es ihm wieder einen Schmerz in den Nacken trieb, denn erneut zuckte er zusammen, stöhnte und rieb sich diesen. Langsam und vorsichtig begegnete er dem Blick von Viridium, die ausdrucklos diesen erwiderte. Dann blickte er Chuck an, der nervös auf einen Stück Waldboden schielte. Dann endlich traf er Iros Blick. Und sofort war Max entgegen aller Schmerzen auf den Knien und nahm Jimmy in so eine heftige Umarmung, dass dieser röchelte.

    „Jimmy! Iro! Ein Glück, euch geht es gut!“, flüsterte Max mit brüchiger Stimme. Er zitterte am ganzen Leib, sodass Jimmys Körper ebenfalls zitterte. Dann löste sich Max aus der Umarmung, stand mühevoll auf und wollte auch Iro in die Arme schließen, als er dann die waagerechte Schnittwunde auf dessen Brust sah, aus der noch ein Rinnsal Blut träufelte. Max machte große Augen: „Was ist mit dir passiert? Wer war das? Und wo sind wir hier?“

    Erst jetzt ließ Max seinen Blick über die Umgebung schweifen. Sein Hauptaugenmerk galt vor allem dem riesigen Baum, der vor ihnen bis in den Himmel hinaufragte. Jimmy und Iro warfen sich einen Blick zu.

    „Kannst du … kannst du dich daran erinnern, was passiert ist?“, sagte Jimmy vorsichtig. Max, der mit sorgfältigem Interesse die riesigen Wurzeln des Baumes betrachtet hatte, blickte ihn verwirrt an. Wieder rieb er sich den Kopf und machte eine Miene, als würde er angestrengt versuchen, sich an etwas zu erinnern.

    „Ich weiß noch, wie ich euch warnen wollte, dass wir bei unserem Lager beobachtet wurden. Dann hat mich von hinten irgendetwas in den Nacken gestochen und mir wurde schwarz vor Augen.“

    Max hielt inne und blickte vor sich in die Luft. Iro bemerkte, wie sich sein Blick trübte und wieder aufklarte.

    „Ich wachte, kopfüber von einer Decke hängend, an einem absolut dunklen Ort auf. Kein anderes Pokémon war dort und ich konnte mich nicht befreien. Ich war gefesselt und konnte mich nicht freischneiden. Ja … und dann ertönte eine Stimme …“, und Max hielt inne, um sich an weitere Einzelheiten zu erinnern. Iro hatte eine Ahnung, um wessen Stimme es sich handelte. Nur langsam, mit mehreren Denkpausen dazwischen, fuhr Max fort.

    „Erst fragte mich die Stimme, wer ich und die anderen beiden Fremdlinge seien, die in den Geheimnisdschungel eingedrungen sind. Ich habe ihm natürlich erklärt, dass wir von Mew eingeladen wurden, doch dies schien die Stimme nicht geglaubt zu haben, denn dauernd hat sie verlangt, dass ich die Wahrheit sagen sollte. Und das habe ich auch getan, nämlich, dass wir von Mew eingeladen wurden. So ging es eine Zeit lang weiter, dann hat die Stimme von sich für eine ganze Weile nicht mehr hören lassen. Und dann hing ich inmitten der Dunkelheit und ich machte mir Sorgen um euch. Was ist mit euch passiert oder Wohin wurdet ihr verschleppt waren meine Gedanken, die ganze Zeit über. Und- argh!“, und Max keuchte vor Schmerz auf, während er sich ununterbrochen den Nacken rieb. Jimmy, der diesen Anblick nicht mehr ertragen konnte, wandte sich an Viridium und fragte sie, ob sie nicht etwas dagegen tun konnte. Sie schüttelte teilnahmslos den Kopf. Doch Max winkte im Versuch, tapfer zu wirken, ab.

    „Es ist schon in Ordnung, Jimmy! Irgendein Gift oder dergleichen muss mich nochmal betäubt haben, denn nach einiger Zeit hörte ich wieder diese Stimme und dieses Mal forderte sie von mir, ich müsste mir als Pflanzen-Pokémon meiner Pflicht bewusst sein. Dann hat mich hinten am Nacken irgendetwas wieder gestochen und ich bin wieder ohnmächtig geworden. Und letztendlich bin ich in eurem Kreis aufgewacht…“, schloss Max geplättet und blickte alle Anwesenden ins Gesicht, vor allem Jimmy und Iro.

    „Was ist mit mir passiert? Habt ihr mich hier gefunden? Was ist mit euch passiert, seit ich das erste Mal ohnmächtig geworden bin?“

    Jimmy und Iro warfen sich einen panischen Blick zu. Beiden bedeuteten sich gegenseitig, dass sie es nicht über sich bringen konnten, Max zu erzählen, dass er sie angegriffen hatte. Chuck hingegen schien dies nicht klar, denn bevor beide Erkunder eingreifen konnten, plapperte dieser schon los: „Nun, ihr wurdet alle vom Waldschrat getrennt. Iro ist in einem von hier fernen Teil des Dschungels aufgewacht und Jimmy wurde vergiftet zur Narbe gebracht. Und dann ist Iro-“, doch Max fiel ihm entsetzt ins Wort: „Vergiftet?! Aber…“, und er blickte erschrocken zu Jimmy, der finster zu Chuck blickte.

    „Am besten“, sagte Iro mit erhobener Stimme, um Chuck damit Schweigen zu gebieten, „wir erzählen dir, was vorgefallen ist. Das heißt“, sagte er mit einem verärgerten Blick auf Jimmy, „Ich erzähle es dir. Denn es ist so …“


    Und Iro erzählte Max die Kurzfassung von all den Geschehnissen, die ihm und Jimmy widerfahren sind, seit sie voneinander getrennt wurden. Iro erzählte, wie er auf Chuck traf, und stellte kurz darauf die beiden einander vor. Dann berichtete er, wie er Jimmy in einem zerstörten Teil des Dschungels fand, wie er von Kronjuwild in das Dorf aufgenommen wurde und auch, was getan werden musste, um für Jimmy das Heilmittel gegen die Vergiftung herstellen zu können. Und er weihte Max auch in den Konflikt ein, der im Dschungel vorherrschte und erzählte vom Waldschrat und davon, dass dieser sowohl für die Trennung als auch für Jimmys Vergiftung verantwortlich war. Max hörte wortlos zu, doch an seinem Blick konnte Iro deutlich das Entsetzen, die Verblüfftheit als auch die Wut über den Waldschrat ablesen. Chuck hat währenddessen einige Ergänzungen getätigt und stimmte Iro und Max in ihrer Wut über den Waldschrat zu. Viridium hielt sich mit Bemerkungen ihrerseits zurück, doch wirkte es nicht mehr so, als hätte sie nicht mehr eine gänzliche Abneigung gegenüber dem Team.

    „Ich war nicht weniger überrascht als du, als ich aufgewacht bin“, kommentierte Jimmy, nachdem Iro seine Erzählung beendet hatte. Eine widerwillige Bewunderung für ihren Kämpfer funkelte in seinen Augen, als er sich Max zuwandte: „Jedenfalls wollten wir gerade aufbrechen, um dich aus den Fängen des Waldschrats zu befreien, als das Dorf auch schon von diesem angegriffen wurde.“

    „Angegriffen?“, sagte Max ungläubig und blickte zu Chuck und Viridium. „Er hat euch, seine Freunde, angegriffen?“

    „Nun ja“, sagte Chuck mit einem schiefen Lächeln. „Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich je dicke mit dem Waldschrat gewesen bin. Es war …“, und er suchte Hilfe bei Viridium, die aber seinen Blick nicht erwiderte. Max blickte von ihr zu Iro. Er hatte seinem Anführer auch von dem Zirkel erzählt und welche Rolle Viridium, Kronjuwild und auch der Waldschrat in diesem spielten. Als würde sie seine Gedanken lesen, wandte sich Viridium Max zu: „Ich bezweifle, dass es nach all den Vorkommnissen noch einen Zirkel geben wird“.

    Ein Hauch von Bitterkeit lag in ihrer Stimme, auch wenn Max, Iro, Jimmy und Chuck nicht zuordnen konnten, wem diese galt.

    „Kronjuwild wurde entlassen“, sagte Chuck trocken. „Dich hingegen würde er noch brauchen, meinte er“

    Gebrauchen!“, zischte Viridium abfällig und wandte sich ab. Dann fiel Iro ein, dass sie aus dem Dorf gestürmt war, bevor die Bibor angegriffen haben. Und es hatte ihn überrascht, sie an diesem Ort vorzufinden, bevor sie auf Max getroffen sind. Gerade wollte Iro sie darauf ansprechen, als Max schon das Wort ergriff: „Was ist dann passiert? Ihr seid dann hierher gekommen, oder?“

    „Chuck hat uns geführt“, sagte Jimmy und warf Chuck ein Lächeln zu, das dieser verlegen erwiderte. „Als wir dann hierhergekommen sind, haben wir erst Viridium gefunden. Sie sah gar nicht gut aus. Und dann … dann …“, und Jimmy verstummte. Nervös blickte er zu Iro, der mit steinernem Blick auf den Boden starrte. Max blickte von einem zum anderen und dann wieder zurück.

    „Wir haben wenig später dann dich auch gefunden“, sagte dann Iro recht hastig.

    „Du wurdest von irgendeinem Gewirr von scharfen Ranken festgehalten, aus dem wir dich rausholen mussten. Eine von diesen Mistdingern hat mich dabei scharf erwischt“, und er strich sachte mit seinem Finger über die Schnittwunde auf seiner Brust. Er war sich nicht sicher, ob Max dies glaubte.

    „Viridium war es dann zu verdanken, dass du aufgewacht bist. Sie hat mitgeholfen, dich da rauszuholen, daher wirkt auch sie etwas … angeschlagen“, endete Iro matt und warf Viridium einen flüchtigen Blick zu. Diesen begegnete sie und ihr Blick hätte nicht schärfer sein können. Jetzt lag es an ihr, dass sie diese Version Max gegenüber glaubhaft machte. Iro hatte die Befürchtung, dass sie Max ohne Weiteres die Wahrheit über die Geschehnisse an diesem Ort beibringen würde. Doch zu seiner großen Erleichterung nickte sie knapp und wandte sich ab. Max blickte von einem zum anderen und erneut zitterte er. Doch nicht nur Schmerzen, wie Jimmy und Iro bestürzt feststellten. Tränen liefen aus Max‘ topasgelben Augen und als er sprach, war seine Stimme erfüllt von abgrundtiefer Dankbarkeit: „Ihr habt so viel auf euch genommen! Ich weiß nicht wie-“

    „Vergiss es!“, warf Iro scharf ein. „Du hättest dasselbe für uns gemacht, und für uns war es das Mindeste.“

    „Tatsächlich?“, warf Jimmy spöttisch ein. „Du hast also diesen Wowu oder wie auch immer er heißt, ganz mühelos schlagen können?“

    „Willst du auf etwas Bestimmtes hinaus?“, sagte Iro und fasste Jimmy ins Auge. Dieser grinste.

    „Mir hat man erzählt, dass er dich beim ersten Mal ganz schön alt aussehen ließ. Du willst halt nicht zugeben, dass jemand für einen Moment stärker war als du, wo du doch andauernd das Gegenteil behauptest.“

    „Nun, das konnte ich bei der nächsten Begegnung schnell bereinigen!“, entgegnete Iro fuchsig. „Und überhaupt, ich war mehr darauf konzentriert, dich zu suchen, als du dein Nickerchen gehalten hast.“

    Jimmy stieg ein sanftes Rosa ins Gesicht, doch sein Grinsen erlosch nicht. „Wäre es andersrum gewesen, hätte ich das Gegengift für dich viel schneller herstellen können!“

    Eine Zeit lang blickten sich beide in die Augen, dann grinste auch Iro: „Zu denken, dass ich deine freche Art fast vermisst hätte!“

    „Du bringst mir auch nicht gerade Sonnenschein!“

    „Siebenschläfer!“

    „Haudrauf-Lukas!“


    Verdutzt blickten sich beide an. Dann lachten sie herzhaft und auch Max und Chuck stimmten in das Lachen mit ein. Selbst Viridiums Mundwinkel zuckten leicht, doch sie behielt ihre Haltung. Für einen Moment wirkte es, als wären sie voneinander nie getrennt worden. Jimmy war bei bester Gesundheit, auch Max war wieder Herr seiner Sinne. Das Team Mystery war wieder vereint.

    Iro reckte sich genüsslich und blickte nach oben. Er stellte fest, dass den mächtigen Stamm des Baumes ins Auge fasste, der sich bis in den Himmel erstreckte. Es dauerte ein paar Sekunden, bis auch Max, Jimmy und Chuck aufhörten zu lachen und sie ihren Blick zum Baum wandten. Mit einem Mal lag eine Spannung in der Luft, die die Heiterkeit aus den Gesichtern trieb. Die Geschehnisse brachen über sie herein. Und Iro wurde sich bewusst, dass sie bisher nie dem Waldschrat selbst begegnet waren. Immer hat er durch ein Medium oder durch jemanden selbst gesprochen. Und Iro wusste, dass die direkte Konfrontation noch mit ihm bevorstand. Und ihm kam noch ein weiterer Gedanke, der instinktiv seine Faust knacken ließ. Der Waldschrat, so hat es sich bisher stets angehört, war lediglich die Nummer Zwei im Dschungel. Da gab es noch den Wächter, Mew, dem sie noch zu begegnen hatten. Er selber hat es zugelassen, dass sein eigener Untergebener all dies verursacht hatte. Iro konnte es nicht verhindern. Eine brennende Wut stieg in ihm hervor und er konnte schlecht sagen, ob sie stärker war als die auf dem Waldschrat. Er blickte sich um. Max stand eine unsichere Anspannung ins Gesicht geschrieben während Jimmy sichtlich nervös war.

    „Der Größe nach zu urteilen“, schloss Max, als er Iro von der Seite ansah, „ist das der Ort, an dem sich Mew aufhält, oder?“

    „Das ist er“, sagte Viridium andächtig. „Dies ist der Baum des Anfangs. Hoch oben in dessen Krone residiert Mew.“

    „Du meinst, dort schläft Mew“, knurrte Iro verbissen. Max blickte verdutzt zu ihm auf. Iro erzählte ihm, was Bella über Mew berichtet hatte, dass er sich demnach vor dreißig Jahren schlafen gelegt haben soll. Max blickte gedankenverloren zum Baum hoch.

    „Wie hat Mew dann Lashon kontaktieren können, wenn er die ganze Zeit am Schlafen war?“

    „Wer?“, fragte Viridium spitz, doch Iro ließ die Knöchel seiner Fäuste knacken.

    „Ich denke, diese Fragen wird er uns sehr bald beantworten können, wenn wir erstmal bei ihm sind!“

    Nun galt Viridiums perplexer Blick Iro: „Ihr wollt doch nicht da hoch, oder? In das Allerheiligste des Geheimnisdschungels?“

    Daraufhin wandte sich Iro ihr zu: „Ich dachte, wir hätten dir erzählt, warum wir überhaupt in den Geheimnisdschungel kommen wollten.“

    „Also hat euch Mew tatsächlich eingeladen?“, hauchte Chuck mit vor Ehrfurcht geweiteten Augen.

    „Wegen der Gastfreundlichkeit sind wir wohl kaum hier, oder?“, sagte Iro verbissen, warf dabei sowohl Chuck als auch Viridium einen halb entschuldigenden Blick zu. Max blickte ihr bestimmt ins Gesicht: „Wir sagen dir nachwievor die Wahrheit, Viridium. Mew wird es dir bestätigen können, sobald wir ihn aufgeweckt haben.“

    „Aber“, sagte Viridium, verstummte aber bei dem entschlossenen Blick, den Max, Iro und nun auch Jimmy ihr zuwarfen. Ihre Augen huschten mehrmals von den Erkundern zu dem Baum und wieder zurück und Iro hörte wie schon im Apfelwald, wie zwei Seiten sich in ihr einen erbitterten Kampf lieferten. Dann nickte sie und wandte sich ab, so als wollte sie nicht direkt Zeugin dessen sein, was gleich passieren würde. Die Erkunder warfen sich einen vergewissernden Blick zu. Sie nickten und dann begannen sie den Aufstieg.


    Die mächtigen Wurzeln schafften sie alle drei zusammen, doch als sie auf der höchsten standen und nur noch den turmhohen Baumstamm, der sich wie eine raue braune Wand vor ihnen ausbreitete, vor sich hatten, blickten sie sich um. Vergeblich hätten sie auf einen verborgenen Treppenaufgang gehofft. Die Lianen, die ringsum den Baum von der Krone fielen, stellten die einzige Möglichkeit dar, weiter nach oben zu gelangen. Jimmy hatte es am leichtesten und obwohl Max noch immer etwas benommen war und daher noch gelegentlich gezittert hatte, schaffte auch er es, konzentriert die Lianen hochzuklettern. Nur Iro, der um einiges größer und schwerer war als seine Kollegen musste sich genau nach einer Liane umsehen, von der er überzeugt war, dass sie sein Gewicht aushalten würde. Und auch das Sich-hoch-Ziehen erwies sich für ihn alles andere als leicht. Doch Iro dachte nicht daran, dass er seinen kilogrammschweren Körper hochhieven musste. Ihn erfüllte die Aussicht, endlich auf Mew treffen zu können, mit einer derartigen Energie, wie er sie schon beim Kampf gegen Voru erfahren hatte. Und noch etwas Anderes trieb ihn an: Wenn Mew sich tatsächlich dort oben in der Spitze des Baumes befand, dann würde auch der Waldschrat höchst selbst in seinem echten Körper ihm zur Seite stehen. Beiden einen Denkzettel zu verpassen für all das, was ihm und seinen Kollegen passiert war – nur daran konnte Iro verbissen denken. Und gekonnt ignorierte er den Schmerz, der sich beharrlich seine Arme und Gelenke zog, während er sich hoch hangelte. Jimmy und Max hörten sein zorniges Knurren nur halb, da sie sich schon weiter oben befanden.

    Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis auch Iro endlich in einer Höhe angekommen war, wo nun dicke Äste des Baumes eine Art Gitter bildeten, auf dem die drei Erkunder sicher stehen konnten. Ab der Stelle konnten sie an diesen weiter nach oben klettern, nur bestand dieses Mal die Schwierigkeit darin, durch das Gittergeflecht zu schlüpfen. Auch hierbei erwies sich Iros Größe als nachteilig, während Jimmy es nachwievor am einfachsten hatte. Iro überhörte seinen spöttischen Kommentar, dass Größe und Kraft nicht immer von Vorteil wären. Er musste Jimmy daran erinnern, dass sie jederzeit auf Abwehr stoßen könnten. Zumindest traute er es dem Waldschrat zu, dass er, feige wie er war, noch etwas gegen sie werfen würde. Je weiter die Erkunder nach oben kletterten und dabei nichts passierte, legte sich der Gedanke nicht, aber umso stärker wurde die Anspannung. Dass der Waldschrat sie ohne Weiteres nach oben ließ, beunruhigte Iro. Jeden Moment rechnete er mit einer Art Falle und sei es auch durch Lianen, die ihre Opfer an den Fußgelenken packten und sie nach unten warfen. Besorgt warf Iro bei den Gedanken einen Blick nach unten. Die Lichtung, wo sie Chuck und Viridium zurückgelassen haben, war nur noch ein kleiner brauner Fleck inmitten eines nahezu endlosen Meers an Grün, das der restliche Geheimnisdschungel bildete. Von hoch oben konnte Iro die Klippe ausmachen, von der er das erste Mal den Baum des Anfangs erblickt hatte, als er sich auf die Suche nach Jimmy begeben hatte. Sie wirkte recht winzig und musste sich in einiger Entfernung befinden. Weiter rechts von der Klippe sah Iro ganz verschwommen, hinter Dunst verborgen, die Anfänge der Narbe, wie Chuck das Stück Wald zu nennen pflegte, der tot und verdorrt war. Bei dem Anblick stieg Iro ein seltsames Gefühl hoch.

    Letztendlich hat der Waldschrat nur seine Heimat verteidigen wollen, dachte er sich. Iro hat nicht die Blicke vergessen, die einige der Dorfbewohner im entgegen geworfen haben, als er das erste Mal dort eingetroffen war. Er erinnerte sich, dass viele von ihnen schlimme Verluste inmitten dieses verheerenden Feuers erlitten hatten. Und er konnte es ihnen nicht groß verübeln, dass sie ihm und vor allem Jimmy gegenüber Misstrauen hegten.

    Trotzdem, sagte er knurrend, während er sich durch ein enges Astgeflecht kämpfte. So wie der Waldschrat gegen die Bewohner des Dschungels vorgegangen ist, kann das nicht so weitergehen!

    Jimmy schnalzte ungeduldig mit der Zunge, als Iro endlich auf seiner und Max‘ Höhe angekommen war. Iro warf ihm einen wütenden Blick zu, worauf Jimmy süffisant lächelte. Max hingegen, der sich aufmerksam umgesehen hatte, deutete etwas weiter hoch auf eine Öffnung inmitten des Baumstamms, an deren Rändern zahlreiche Lianen und Ranken verliefen und den Eindruck machten, als handelte es sich bei der Öffnung um eine unförmige Lippe. Im Inneren der Öffnung schien ein weißblaues Licht zu pulsieren, dass den oberen Rand der Öffnung geisterhaft beleuchtete. Und mit einem Mal spürte Iro auch eine mächtige Präsenz ihn umgeben wie einen kalten Windhauch. Er wusste auf Anhieb, dass diese Präsenz aus dem Inneren der Baumhöhle waberte. Eine unheimliche Stille legte sich über sie, die nur vom zarten Knacken und Rascheln der Äste unter ihren Füßen unterbrochen wurde. Der Augenblick war gekommen, das wussten sie. Stumm nickten sie sich wie schon am Boden gegenseitig zu, dann kletterten sie die letzten Meter hoch und traten einer nach dem anderen in die Baumhöhle ein.


    Schon beim Eintreten merkten sie alle drei, dass die Ranken und Lianen merkwürdig pulsierten, als würde in ihnen eine Flüssigkeit strömen. Als sie eintraten, fanden sie sich in einer Art Kuppel wieder, die vollständig von diesen lebendig wirkenden Lianen und Ranken bedeckt war. Sie befanden sich genau in mittlerer Höhe dieser Kuppel, der Boden befand sich wenige Meter unter ihnen sowie eine dicht bewachsene Decke weniger Meter über ihnen, die aus dicht miteinander verwachsenen Ästen bestand. Sonnenlicht fiel in wenigen hauchdünnen Streifen durch diese, doch beleuchtet wurde diese Kuppel von einem weißblauen Licht, das sich auf dem Boden im Zentrum der Kuppel befand. Iro vermutete eine große leuchtende Sphäre als Lichtquelle, die die Ranken ringsum sie herum als scharfes Relief zeigt. Die Ranken schienen alle auf das Licht zuzulaufen oder gingen sie alle von diesem aus? Getragen von einer Welle der Neugier, die sich mit ihrer höchsten Vorsicht paarte, kletterten die Erkunder an den Ranken herunter. Auf dem Boden durchfuhr sie ein unangenehmer Schauer von Gefahr, denn die pulsierenden Ranken unter ihnen fühlten sich an, als würden sie sich jeden Moment auf das Team Mystery stürzen. Glücklicherweise blieben sie ruhig, tatsächlich bewegten sie sich so um die Füße der Erkunder, dass sie auf festerem Holzboden standen und sie auch die Möglichkeit hatten, ihr Augenmerk auf die Sphäre vor sich zu richten, der sie sich nun vorsichtig näherten. Sie erkannten, dass es sich nicht um eine Sphäre handelte, sondern um eine geschlossene Blüte, ähnlich denen im Dorf, deren Blätter so hell leuchteten, dass aus der Ferne das Licht ihre Konturen verdeckte. Die Blüte machte einen zarten und zerbrechlichen Eindruck, doch spürten sie eine solch mächtige Erhabenheit und Aura von dieser ausgehen, dass sie sich alle nicht trauten, noch einen Schritt weiterzugehen. Sie blickten sich um.

    Nichts Anderes außer ihnen und dieser sonderbaren Blüte befand sich in dieser Kuppel. Damit war klar, dass sich Mew innerhalb dieser Blüte befand, schloss Iro. Er und Jimmy mussten Max, der skeptisch auf diese Schlussfolgerung reagiert hat, erklären, dass es diese Art von spezieller Blüte gab, in der ein Pokémon bis zu einer bestimmten Größe bequem Platz finden und einschlafen konnte.

    „Also wird sich Mew wohl darin befinden…“, sagte Max tonlos, der argwöhnisch die Blüte beäugte. „Ich weiß nicht … sollen wir ihn einfach so wecken?“

    Jimmy blickte unsicher zur Blüte, doch Iro schob ihn zur Seite: „Mew hat lange genug geschlafen, finde ich!“

    Und gerade wollte er die Faust heben, um die Blüte gewaltsam zu öffnen, da wurde er unter panischem Aufschrei von Max und Jimmy an beiden Armen zurückgehalten. Iro blickte die beiden zornig an: „Was soll das denn?“

    „Denke doch mal nach!“, sagte Max mit so einer Schärfe, dass Iro tatsächlich in seinem zornigen Eifer innehielt. „Dies muss das heilige Zentrum des Geheimnisdschungels sein. Wenn du es so derartig ruppig anfasst, kann was weiß ich alles passieren!“


    „Das ist doch nur eine Blüte!“, entgegnete Iro trotzig, doch Max, der vielmehr als nur eine harmlose Blüte zu spüren glaubte, schüttelte den Kopf. Als Iro keine Anstalten machte, nicht mehr mit erhobener Faust auf die Blüte loszugehen, ließen er und Jimmy von ihm ab. Max räusperte sich und hob Iro bedeutungsvoll eine flache Hand entgegen. Er wollte die Blüte offenbar mit allergrößter Sorgfalt und größtem Respekt berühren. Langsam und andächtig trat Max auf diese zu, darauf bedacht, keinen zu hastigen Schritt zu unternehmen. Und gerade war seine Hand wenige Zentimeter von der Blüte entfernt, da leuchtete sie scharlachrot auf. Max und Jimmy schrien erschrocken auf, Iro ballte sofort seine beiden Fäuste. Alle drei traten zurück und mit einem Mal erwachte der Boden zum Leben. Ranken wölbten sich auf und formten sich zu einer Masse, die sich vor ihnen auftürmte. Inmitten dieser Ranken taten sich Löcher auf und ein weißglühendes Augenpaar funkelte ihnen bedrohlich entgegen. Iro hörte Max neben sich keuchen. Als er seinen Anführer anblickte, sah er dessen Augen sich vor Angst weiten und der Anblick dieses Ungetüms ihn erzittern ließ.

    „Wie aus meinem Albtraum“, hauchte Max, mehr zu sich als zu einem der beiden anderen. Iro verstand nicht direkt, was er meinte, doch ließ er es dabei belassen. Endlich tauchte der Waldschrat auf und es kribbelte ihn schon in der Faust, diese gegen sein groteskes Rankengesicht zu schleudern. Doch der Anblick der Rankenformation machte ihn wütend. Wieder einmal zeigte sich der Waldschrat nicht in seiner wahren Gestalt und Iro tat mit einem Brüllen seine Wut kund. Daraufhin erzitterte das Ungetüm.

    „Nun denn“, ertönte eine kalte Stimme, so klar und deutlich, dass Iro nun wusste, dass der Waldschrat tatsächlich leibhaftig anwesend war. Die Ranken, die sich aufgetürmt hatten, fielen wieder auseinander und offenbarten ein überraschend kleines Wesen, dessen kleinen Flügel am Rücken fast unsichtbar in der Luft flatterten. Sein immergrünes Haar war nach hinten gerichtet und kleine Arme, Hände, Beine und Füße verliehen ihm die Ähnlichkeit mit einer Art Elfe. Doch es waren die Augen des Wesens, die die Bedrohlichkeit sprichwörtlich ausstrahlten. Pupillenlos leuchteten sie ihnen weiß entgegen und die Augen waren zu bedrohlichen Schlitzen verengt.

    Nun keuchte Jimmy erschrocken auf: „Celebi?!“

    Doch Max schüttelte jäh den Kopf: „Das ist nicht das Celebi, das wir kennen, Jimmy. Sieh dir dessen Färbung an.“

    „Oh ja“, sagte Jimmy matt, aber nicht minder eingeschüchtert über diesen Anblick. Sie mussten wohl die Celebi meinen, der sie einst in einer dunklen Zukunft begegnet sein mussten, dachte sich Iro. Damals habe ein solches Pokémon ihnen und einem anderen Pokémon geholfen, in diese Zeitlinie zurückzukehren, als es damals darum ging, die Lähmung des Planeten zu verhindern. Damals schon, als Max und Jimmy Iro diese Geschichte erzählt hatten, haben sie andächtig und ehrfürchtig von der Macht jener Celebi berichtet, die selbst einer Gottheit, die die Zeit kontrollierte, standhielt. Und offenbar war es auch diese Tatsache, dass sie bei dem Celebi vor sich eine Art Furcht verspürten, denn auch Iro spürte, wie eine unheimliche Präsenz von dem Celebi ausging, in dessen weißglühenden Augen nun pure Abneigung lag.


    „Nachdem ich euch so viele Warnungen habe zukommen lassen, besitzt ihr zudem noch die Unverfrorenheit, in das Allerheiligste des Geheimnisdschungels einzudringen?“, zischte Celebi. Das Team blickte ihm halb nervös, aber auch halb trotzig entgegen. Iro konnte deutlich sehen, dass auf der Stirn des Celebi eine Ader pulsierte.

    „Nun denn“, sagte es kurz angebunden und schloss die Augen. Mit einem Schlag knisterte die Luft und eine Kälte, wie Iro sie noch nie zuvor gekannt hatte, machte sich im Inneren des Baumes breit. Celebi fuhr vor sich seine Hände zusammen, ehe er sie dann in einer fließenden Bewegung kreuzte und über sich in der Luft hielt. In dem Raum zwischen ihnen formte sich eine schwächliche Sphäre aus schwarzer Energie, die aber derartig schnell an Energie dazugewann, dass den Erkundern für eine Weile selbst die Luft wegblieb. Die schwarze Energiekugel wurde immer größer und immer mehr strahlte sie eine solche Macht aus, dass Max, Jimmy und Iro mit einem Mal eine grausige Erkenntnis bewusst wurde. Sie würden diesen Angriff nicht überleben, selbst wenn sie nicht so angeschlagen gewesen wären. Dafür staute sich zu viel an Energie an. Und sie konnten auch nicht voranstürmen und Celebi daran hindern. Denn sie ahnten, dass sie in diese Sphäre hineingesogen werden würden, wenn sie sich ihr zu sehr näherten. Und zum Fliehen war es auch nun zu spät, sie alle würden es nicht mehr aus dem Baum heraus schaffen.

    Celebi machte Anstalten, den schwarzen Energieball auf sie zu schleudern, denn seine Augen öffneten sich und es suchte seine Ziele. Jimmy schrie verzweifelt auf und Iro machte sich auf das Schlimmste an Aufprall gefasst. Doch dann schien Celebis Konzentration mit einem Mal nachzulassen und sein Energieball wurde unter immer schwächer werdenden Tosen kleiner, bis er ganz erlosch. Dann erkannte das Team auch, was Celebi ablenkte. Hinter sich leuchtete die Blüte nun in einem gleißendem Licht auf, dem sich Celebi zuwandte.

    „Ausgerechnet jetzt?“, hörte das Team Mystery ihn verdrießlich murren, während er seine Aufmerksamkeit der Blüte zuwandte, deren Blätter nun leicht zitterten und sich wenig später auch langsam, nach und nach, von der Blüte schälten. Das Licht erstarb nur langsam und als sämtliche Blüten nach unten gefallen waren, sah es so aus, als wäre inmitten des Hohlraumes im Baum ein Altar entstanden, auf dem sich eine kleine Gestalt zusammengerollt hatte und nun sich leicht regte. Bis zum Zerreißen gespannt beobachtete das Team, wie sich ein Pokémon, nicht viel größer als Jimmy, langsam und zitternd aufrichtete. Es war mager und seine Haut spannte sich weißlich über seine Knochen. Die Wangen des Pokémons waren eingefallen und dunkle Ringe lagen um seine Augen, deren Lider zuckten. Dann öffneten sie sich einen Spalt breit und das Pokémon stieß ein so lautes Gähnen aus, dass es trotz der angespannten Lage ansteckend wirkte. Es versuchte aufzustehen, doch wie es Iro anhand seiner Statur schon vermutet hatte, kippte es sofort vornüber und plumpste vom Altar. Verblüfft sah sich das Team an, während das Pokémon sich unter einem schwächlichen Kichern mit aller verbliebener Kraft vom Boden stemmte: „Oh je, ich sollte etwas mehr Sport machen, was?“.

    Dann lachte es schwächlich, aber vergnügt.

    Das war Mew? dachten sich die Erkunder ungläubig. Celebi hingegen blieb davon unbeeindruckt.

    „Ich weiß nicht, ob es ein guter oder ein schlechter Zeitpunkt ist, dass du jetzt erwachen muss, Mew“, sagte er im beiläufigen Ton. Mew, der offenbar erst jetzt Celebis Anwesenheit bemerkte, blickte verdutzt auf. Zumindest wirkte es so, denn seine Augen waren noch halb verklebt vor lauter Müdigkeit.

    „Guten Morgen, Celebi“, murmelte Mew, während er sich die Augen rieb. „Ich bekomme vom Baum die ganze Zeit mitgeteilt, dass im Dschungel ein regelrechter Aufruhr herrscht. Und ich dachte, ich löse mich mal vom Schlaf und sehe nach dem Rechten.“

    „Um den Aufruhr kümmere ich mich nachher“, sagte Celebi ungeduldig. „Vorhin wollte ich mich um dessen Ursache annehmen“, und er deutete abfällig über seine Schulter auf das Team Mystery. Mew folgte dem Wink und sah ganz danach aus, als würde ihn die Anwesenheit der drei Erkunder verblüffen. Seine trüben Augen ruhten auf jedem der drei Erkunder und sichtlich nervös, weil er so viele Pokémon anwesend waren, beugte er sich zu Celebi vor: „Du, Celebi … wer sind diese Pokémon?“

    „Sie sagen die ganze Zeit, du hättest sie eingeladen“, sagte Celebi knapp. „Aufgrund dieser Lüge sind sie ganz offensichtlich Eindringlinge von außen, die dem Dschungel Schaden zufügen wollen.“

    „Wollen wir nicht!“, rief Jimmy hastig ein, obwohl seine Knie zittern. Mew erwiderte seinen Blick halb verdutzt, halb neugierig.

    „Eingeladen?“, sagte er in Gedanken versuchen. „Ich hab keine Pokémon hierher eingeladen, das wüsste ich doch.“

    Celebi fuhr ein triumphierendes Lächeln über sein Gesicht.

    „Du gestattest also?“, sagte er prompt und formte wieder seine Hände vor sich, als Mew aber dann sich wieder meldete.

    „Ich bin schon in Erwartung dreier Pokémon, nur habe ich sie selber nicht eingeladen, das will ich damit sagen“, sagte er mit immer klarer werdenden Blick, den er nun auf die drei Erkunder richtete. „Sagt, ihr drei: Seid ihr das Team Mystery?“

    Ja!“, sagten die drei Pokémon mit so starkem Nachdruck, dass Mew leicht erschrak und drohte, nach hinten zu kippen. Celebi warf einen Blick zwischen ihnen hin und her, dann aber schüttelte er den Kopf und wandte sich wieder an Mew: „Und wenn schon, sie haben jedenfalls den Aufruhr verursacht, weswegen du aufwachen musstest. Ich werde sie nun-“, doch nun riss Iro der Geduldsfaden. Zornig trat er einen Schritt vor und deutete auf Celebi: „Du hast uns das alles erst eingebrockt! Hättest du von vorneherein mit Mew-“

    „Ihr wisst ganz genau, weswegen ich so mit Vorsicht gehandelt habe!“, fauchte Celebi zurück.

    Vorsicht?!“, schrie Iro mit Zornesröte. „Du wolltest uns töten lassen!“

    Mew machte ein Gesicht, als verstünde er die Welt nicht mehr. Er sah Iro perplex an, ehe er sich an Celebi wandte: „Ist das wahr?“

    „Du hast mir den Auftrag gegeben, den Geheimnisdschungel vor allen von außen kommenden Gefahren zu schützen. Und da einer von ihnen“, und er ruckte den Kopf in Richtung Jimmy, „einer von der Art ist, habe ich zurecht Gefahr für diesen gesehen!“

    „Aber“, sagte Mew, der aus allen Wolken zu fallen schien, denn wieder drohte er nach vorne zu kippen, während er ungläubig die drei Erkunder anstarrte. „Du musst doch gewusst haben, dass ich das Team Mystery erwarten würde. Schließlich bin ich mit dem Gedanken wieder schlafen gegangen. Ich dachte, du wüsstest daher…“

    Iro spürte nun, wie eine andere Wut sich gegenüber Mew in ihm breitmachte. Mew konnte doch unmöglich annehmen, dass Celebi exakt seinen Gedankengang erahnen konnte. Doch genau dies schien der Fall zu sein, denn Mew starrte Celebi an, als hätte dieser ihn schwer enttäuscht. Celebi hingegen blickte trotzig zurück: „Wenn du mir keine neuen Anweisungen gibst, kann ich nur mit dem arbeiten, was du mir am Anfang mitgegeben hast!“

    „Aber … du bist doch … ich habe …“, stammelte Mew, offenbar sichtlich erschrocken über eine Erkenntnis, die ihm zuteil wurde. Er blickte von Celebi zum Team Mystery und wieder stammelte etwas vor sich, das sich ganz nach einem Oh anhörte.

    „Oh?“, rief Iro empört. Celebi funkelte ihn zornig an. „Habt ein bisschen mehr Respekt vor Mew, wenn ich bitten darf!“

    Bitten darf?“, rief nun Jimmy so schrill, dass seine Hinterflamme wild aufloderte. Celebi schwebte ein paar Handbreite über ihn und zischte bedrohlich: „Stell dein Feuer aus, und zwar sofort!“

    „Du hast uns gar nichts zu befehlen!“, konterte nun Max hitzig und stellte sich schützend vor Jimmy. Gleich würde das Pulverfass zur Explosion gebracht werden, dachte sich Iro, und er freute sich darauf, seiner angestauten Wut endlich Ausdruck verleihen zu können. Doch eine unsichtbare Wand schien sich zwischen jedem einzelnen auszubreiten und Iro vermutete, dass dies Celebis Werk sein musste. Dann sah er aber, wie Mews Augen bläulich leuchteten. Deren Licht flackerte aber sofort und Mew fasste sich an den Kopf, als hätte er Kopfschmerzen. Celebi funkelte ihn zornig an: „Du siehst, dass ich Recht mit denen habe. Sie sind jähzornig und wollen sogar dich nun angreifen!“

    „Verdient hättet ihr beide es!“, fauchte Iro zurück, und bevor sich die Pokémon wieder in die Wolle kriegen konnten, fuhr Mew mit einem scharfen und lauten Ruhe! dazwischen. Diese Lautstärke bereute er, denn wieder hielt er sich den Kopf.

    „Ich habe keine Zeit“, sagte er andächtig und mit leiserer Stimme, „mir anzuhören, was in der Zeit, in der ich schlafen war, vorgefallen ist. Auf eure Version“, und er nickte zum Erkundungsteam, „bin ich am ehesten gespannt. Deine“, und er wandte sich an Celebi, „brauche ich mir nicht anzuhören.“

    Bevor Celebi was sagen könnte, leuchteten Mews Augen weiß auf, worauf Celebi wie versteinert wirkte. Seine Augen verengten sich zu bedrohlichen Schlitzen und er zischte „Wenn du darauf bestehst“, bevor sich sein Körper in funkelnde Lichter auflöste, die sich auf Mew zubewegten und in dessen Körper strömten. Entsetzt beobachten die Erkunder, wie Mews Körper an Masse zunahm, seine Haut färbte sich zunehmend mit einem hellen Rosa, die Wangen wurden voller und offenbar gewann Mew auch wieder an Kraft, denn nun richtete er sich gar nicht mehr zitternd auf, spreizte seine Finger und er reckte sich ausgiebig.


    „Ah ja, das ist schon besser!“, sagte er sichtlich zufrieden und stieß sich kräftig in die Luft ab, in der er wie von unsichtbaren Seilen baumelnd hängen blieb. Er vollführte rasend schnell mehrere Loopings und kreiste in der Luft, als wäre er eine Motte, die von einem Licht angezogen wurde. Dann hielt er inne und blickte in die Gesichter der Erkunder, die starr vor Entsetzen waren. Selbst Iro schien inmitten seiner Wut gestoppt.

    „Was ist denn los?“, fragte Mew perplex und er sank entmutigt etwas nach unten. Keiner der drei Erkunder vermochte etwas zu sagen, sie starrten sich nur gegenseitig.

    „Du hast..“, war es dann Max, der das Schweigen brach, doch konnte er nicht die Worte finden, die seinem Entsetzen Ausdruck verliehen.

    „Du hast gerade einfach deinen … Kollegen oder Freund …“, sagte Iro mit starrem Blick auf Mew, der diesen verdutzt erwiderte. Er schien tatsächlich nicht zu begreifen, warum das Team Mystery ihn entsetzt anstarrte. Dann aber schien er sich an etwas zu erinnern und sein Blick hellte sich auf.

    „Ah, jetzt weiß ich was ihr meint!“, und er lachte herzhaft. Iro trat nun ein paar Schritte von Mew zurück. Mew war vollkommen verrückt und er fand es nicht ratsam, sich in dessen Nähe zu begeben. Und Mew hörte nicht auf zu lachen.

    „Es ist nicht so, wie ihr denkt“, sagte er munter und blickte jedem Erkunder eindringlich ins Gesicht.

    „Celebi war kein Pokémon, ich habe nur-“

    „Doch!“, warf Jimmy ängstlich ein. „Wir haben einst ein Pokémon namens Celebi getroffen, und dieses hat durchaus gelebt, genau wie das Celebi, dass du eben getötet hast!“

    Getötet!, prustete Mew mit einem Kichern. „Ich würde dir Recht geben, wenn Celebi tatsächlich gelebt hätte.“


    Die Erkunder wechselten ratlose und perplexe Blicke, doch bevor sie ihr weiteres Entsetzen über den wahnsinnigen Mew kundtun konnten, rief dieser mit erhobener Stimme: „Celebi war meine eigene Erschaffung, die ich jederzeit wieder herbeirufen und aufnehmen kann, wie es mir beliebt!“

    „Du … bist in der Lage Pokémon zu erschaffen?“, sagte Max atemlos und sein Blick wirkte alarmiert. Er erinnerte sich an das, was Lashon ihnen erzählt hatte, dass nämlich die Wächter zu Halbgöttern wurden, als Arceus sie zu denen ernannt hatte. Konnten sie daher auch gottgleiche Kräfte erhalten haben? Doch Mew schüttelte bedeutend den Kopf.

    „Celebi war eine Verkörperung eines Teils meiner Kraft, die ich von mir abgespalten habe, als ich mich schlafen gelegt habe. Der Vorteil war, dass mein Gedankengut und ein Bruchteil meiner Kraft nachwievor einen Körper hatten, der anstelle meines richtigen Körpers über den Geheimnisdschungel wachen sollte, während ich selber abwesend bin. Ihr habt ja vermutlich gesehen, aus was ich gestiegen bin“, und er nickte in Richtung des Altars, von dem die Blütenblätter nachwievor schlaff zu Boden fielen.

    „Du meinst also …“, sagte Jimmy und Mew nickte.

    „Celebi war nichts weiter als ein Teil von mir selbst. Und wenn ich mich dazu entschließe, ihn wieder in mich aufzunehmen, geht das ohne Widerspruch und ohne Schmerzen. Und ich erhalte sowohl diesen Teil meiner Kraft als auch all die Erinnerungen, die dieser Ersatzkörper während seiner Zeit gesammelt hat. Auf die Art weiß ich direkt, was während meiner Abwesenheit passiert ist und –“.

    Augenblicklich brach Mew ab, der in der Luft erstarrt schweben blieb. Eine Stille legte sich über sie und Max hätte meinen können, die Zeit wäre stehen geblieben wie damals, als er mit Jimmy und Reptain im Schemengehölz gewesen war. Doch sah er, wie Mews Augen sich immer mehr weiteten und sein munteres Lächeln augenblicklich erstarb. Mew selber schien es nicht zu merken, wie er immer mehr in der Luft zitterte und mit einem Mal zu Boden fiel. Keiner der Erkunder vermochte ihn aufzuhelfen, denn noch immer wussten sie nicht, was sie von Mew halten sollten.

    „Nein…“, hauchte Mew sichtlich entsetzt. Seine Augen huschten hin und her, ohne aber einen der Erkunder anzublicken. „Das … glaube ich nicht … das hat er gesagt? … Nein … aber das ist doch … nein … unmöglich!“


    Dreißig Jahre an Erinnerungen schienen in Mew offenbar einzubrechen wie Wasser eines gebrochenen Dammes. Und diese Flut schien Mew vollkommen unvorbereitet zu treffen. Sein Körper zitterte und seine Augen waren nur noch verschwommene blau-weiße Flecken, während sie in ihren Höhlen sausten. Und sein entsetztes Flüstern wurde immer mehr zu einem hysterischen Aufschrei. Dann erschrak so heftig, dass er pfeilschnell in die Luft sauste und dort hängen blieb.

    „Nein!“, sagte er nur aufgebracht und mit einem Mal entschwebte er Richtung Baumkrone, in der er verschwand. Perplex starrten sich die Erkunder an. Max und Jimmy standen wie Iro der Unglaube ins Gesicht geschrieben. Doch bevor einer von ihnen etwas sagen konnte, ertönte ein lautes, durchdringendes Klingeln und feine blaue Lichtstreifen fielen durch die Krone in die Baumhöhle. Wenig später schwebte Mew durch diese wieder zu ihnen herab und sein Ausdruck war noch schockierter als zuvor. Wortlos setzte er sich auf den Altar und ließ den Kopf hängen. Doch Iro konnte erkennen, dass er zitterte, und zu seiner Überraschung fuhr Mew seine Hände an die Augen:

    „Wie konnte Celebi das nur tun? Gegen unsere Freunde? Ich … ich …“, und das Team musste ratlos zusehen, wie Mew in Tränen ausbrach und heftig schluchzte. Es schüttelte ihn gewaltig und sein Schluchzen wurde markerschütternd. Keiner der drei Erkunder vermochte Mew zu trösten, zumal sie überlegten, ob Mew diese Qualen verdient habe oder nicht. Dann aber fasste sich Jimmy ein Herz: „Sie … Ihr … du hast nicht gewusst, dass Celebi sich so aufgeführt hat?“

    „Nein“, brachte Mew unter großer Anstrengung und Tränen hervor. Mit geschwollenen Augen blickte er zu ihm hoch. Das Weiß seiner Augen war blutunterlaufen, während sie in Tränen schwammen.

    „Aber hast du ihm nicht gesagt“, sagte Jimmy halb vorsichtig, halb unsicher, „dass du uns erwartest? Schließlich warst du vor Kurzem doch wach, oder?“

    „Die Sache ist die“, würgte Mew bruchhaft hervor. „Als ich mich wieder schlafen legte, war Celebi nicht mehr anwesend. Und ich konnte nicht mehr auf seine Rückkehr warten, daher habe ich mich schlafen gelegt und fest daran gedacht, dass ich euch erwarte.“

    „Dann konnte Celebi doch nicht wissen, wenn du es ihm nicht gesagt hast, oder?“, warf Max skeptisch.

    „Ich dachte“, schlotterte Mew, „Celebi würde meine Gedanken in sich spüren … schließlich ist er ein Teil von mir. Ich dachte, er würde wissen, was ich weiß, auch wenn ich es ihm nicht erzähle.“

    „Tja, dann hast du dich wohl geirrt, wie es scheint“, sagte Iro finster. Jimmy warf ihm einen strengen zu, doch Iro blieb gnadenlos: „Schließlich hat Celebi alles daran gesetzt, um uns aufzuhalten!“

    Bei diesen Worten stieß Mew einen wehklagenden Schrei aus und vergrub das Gesicht in seine Hände. Instinktiv fuhr Jimmys Hand zu Mews körper, um ihn trösten zu wollen, doch Jimmy zog sie auf halber Länge wieder zurück. Iro ahnte, dass er an das dachte, was ihm der Waldschrat angetan hatte. Und da der Waldschrat in gewisser Hinsicht gleich Mew war, war es für Jimmy wohl schwierig, seinem Missetäter Sympathien entgegen zu bringen.

    „Ich hätte das nie von Celebi gedacht, dass er so sein würde“, sagte Mew, der zwar nun aufgehört hatte zu schluchzen, doch seine Stimme blieb weiterhin brüchig. „Dreißig Jahre sind nun vergangen, seit ich mich schlafen gelegt habe, und Celebi hat all dies zugelassen, was im Geheimnisdschungel passiert.“

    Er verstummte und blickte betrübt zu Boden. Iro suchte den Blick seiner Kollegen.


    „Was ich nicht verstehe“, sagte er unter Räuspern, „wieso hast du dich überhaupt schlafen gelegt? Wo hat der Sinn gelegen?“

    „Hat euch Kronjuwild das nicht erzählt, was der Grund war?“, fragte Mew und blickte zu Iro auf.

    „Viel über den Zirkel oder über den Geheimnisdschungel selber wollte er nicht erzählen. Bella meinte, du hättest dich geschämt und dem Waldschrat die Angelegenheiten überlassen.“

    „Nun“, seufzte Mew tief. „Alles, was sie sagte, stimmt auch. Ich habe mich geschämt, als ich mich in meinem Zorn den damaligen Eindringlingen gewidmet und sie… nun ja … getötet habe…“, und seine Stimme verlor sich, als wäre Mew über seine Worte regelrecht entsetzt. Es dauerte eine Weile, dann schloss er die Augen und tat einen tiefen Atemzug.

    „Doch das ist dennoch nicht die ganze Wahrheit. Der Grund, warum ich mich schlafen gelegt habe, ist ein anderer. Und eigentlich war es kein richtiger Schlaf. Ihr müsst wissen, der Baum des Anfangs“, und er wies mit einem Arm über die Baumhöhle, „ist überlebenswichtig für alle Pflanzen, die auf der Welt wachsen. Er ist der älteste Baum der Welt und von seiner Saat gehen sämtliche Pflanzen und Bäume der Welt aus. Doch er ist genauso auch von diesen abhängig. Das Feuer von vor dreißig Jahren stellte einen enormen Angriff auf das Leben dieses Baumes dar. Stellt euch vor, in eurem Körper breitet sich eine tödliche Krankheit aus, die das Herz zu erfassen droht. So war es auch bei diesem Baum. Zwar konnnte das Feuer unter Kontrolle und die Übeltäter beseitigt werden, doch stand der Baum unter einem immensen Schock, der sein Ende bedeutet hätte. Und wenn der Baum des Anfangs stirbt, bedeutet dies auch das Ende aller Pflanzen nicht nur des Geheimnisdschungels, sondern auch aller Pflanzen auf der ganzen Welt!“

    Bedeutungsvoll blickte Mew in die Gesichter der drei Erkunder, ehe er wieder traurig zu Boden blickte.

    „Um dieser tödlichen Gefahr für den Baum entgegen zu wirken, bin ich bereitwillig mit diesem eine Symbiose eingegangen. Solange ich lebe, überlebt der Baum, und ich lebe, solange der Baum noch lebt. Und ich ließ dem Baum meine Kraft zukommen, damit er die nötige Energie erhielt, um sich langsam aber sicher zu erholen. Doch es würde Jahrzehnte dauern, wenn nicht noch länger, bis sich der Baum von dieser Krise erholen würde. Zuvor habe ich Palkia aufgesucht, das Pokémon, das den Raum kontrolliert. Mit dessen Einwilligung und Hilfe habe ich den Geheimnisdschungel in eine andere Dimension versteckt und nur vier Portale weltweit errichtet, die Zugang zu diesem gewähren. Dann habe ich mit einem Bruchteil meiner Kraft Celebi erschaffen, der an meiner statt für Frieden und Ordnung im Geheimnisdschungel sorgen sollte.“

    Bei diesen Worten schnaubte Iro verständlich. Mew schien ihm dies nicht zu verübeln. Tatsächlich gab er Iro mit einem traurigen Seufzen Recht.

    „Celebi hat neben meiner Kraft auch das Wissen, wie diese vier Portale zu erreichen sind, sowie mein damaliges Empfinden empfinden. Auf dieser Basis hat sich eine eigene Persönlichkeit ausgebildet, die aber strikt dieser einen Eingabe von mir folgte: Beschütze den Dschungel vor sämtlichen Gefahren, die von außen kommen!“

    „Aber das ist doch nur verständlich!“, warf Jimmy ein. Mew blickte ihn verblüfft an, sowie auf Iro. Doch Jimmy ließ sich nicht beirren, auch wenn er dabei rot anlief: „Es ist doch klar, dass nach den schlimmen Ereignissen erstmal keiner in den Geheimnisdschungel kommen sollte. Doch es überrascht mich dann schon, dass selbst nach dreißig Jahren Celebi diesen Gedankengang verfolgte, oder nicht?“

    „Nicht nur er, Jimmy“, warf Iro knirschend ein. „Da gab es noch einige andere, die seinen Gedanken teilten. Nur die aus dem Dorf wirkten, als hätten sie sich Gedanken gemacht, dass man nicht ewig an seinem Groll hängen kann.“

    „Und sie taten absolut gut daran!“, sagte Mew. „Doch da Celebi letztendlich nur eine Erschaffung meinerseits war, konnte er nur mit dem arbeiten, was ich ihm bewusst und auch unterbewusst mitgeteilt habe.“

    „Unbewusst?“, sagte Max. Mew blickte in sein Gesicht und die drei Erkunder konnten nun sehen, dass abgrundtiefe Scham in Mews Gesicht stand. Er blickte zu Boden, als fürchtete er, dass die Blicke der Erkunder ihn verbrennen konnten.

    „In dem Moment, wo ich Celebi erschaffen habe, habe ich noch immer einen regelrechten Hass auf jene verspürt, die von außerhalb in unsere friedliche Gemeinschaft gekommen sind und so viele ihrer Mitglieder in den Tod gerissen hat. Und obwohl ich Celebi sagte, er solle für Frieden und Ordnung sagen, hat er auch den Teil meines Unterbewusstseins übertragen bekommen, der ihm so etwas sagte wie Vertraue keinem Ausländer! Sie stellen eine Gefahr für den Geheimnisdschungel dar!

    Mew zitterte, als hätte er Angst vor seinen eigenen Worten.

    „Ich war blind vor Wut und Hass“, sagte Mew so leise, dass die Erkunder ihn kaum hören konnten.

    „Ich habe es zugelassen, einem potenziell reinen Wesen diese Gedanken einzuflößen und dieses hat es für sich übernommen und ist dabei genau zu der Art von Monster geworden, das ich einst war. Und ich habe nie gemerkt oder mitbekommen, dass dieses Wesen – Celebi – sein oder eher mein früheres Gedankengut weiter verbreitet hat. Hätte ich es mitbekommen, dann wäre ich sofort aus dem Schlaf gefahren. Aber … nun …“.

    Erneut standen Mew Tränen ins Gesicht geschrieben. Erneut tauschten die Erkunder Blicke.

    „Und ihr drei musstet all das ertragen!“, sagte Mew und schüttelte den Kopf. „Ihr wurdet voneinander getrennt. Einer wurde vergiftet. Einer musste sich den widrigsten Umständen stellen. Und ein anderer wiederum-“

    „Du willst also sagen“, unterbrach in Iro mit nervöser, aber auch mit bestimmter Wut, „dass du unschuldig bist und von all dem nichts wusstest?“

    Mew blickte ihn eine Zeit lang an, dann nickte er und senkte den Kopf.

    „Und trotzdem ist und bleibt es meine Schuld, weil ich Celebi zu dem gemacht habe, was er war. Könntet …“, und er blickte nervös, fast ängstlich, zu den Erkundern hoch, „könnt ihr mir je verzeihen, dass durch mich euch all das widerfahren ist?“

    „Du machst wohl Witze!“, rief Iro, ohne auf die Mienen von Max und Jimmy zu achten. „Jetzt sollen wir alles vergeben und vergessen, was war, nachdem man uns mehrfach beseitigen wollte?“

    „Iro“, sagte Max beschwichtigend, doch Iro wehrte ab. Zornig blickte er hinunter zu Mew, der wieder beschämt den Kopf sinken ließ.

    „Ihr habt durchaus das Recht, wütend zu sein, und gerne nehme ich jede Strafe an, die euch in den Sinn kommt.“

    Stille legte sich über sie. Iro sah es Jimmy an, dass auch er mit einer Wut darüber zu kämpfen hatte, was ihm angetan wurde. Max, der von all diesen Geschehnissen nur die Erzählversion mitbekommen hatte, blickte unentschlossen zwischen seinen Freunden und Mew.

    „Mew“, sagte dann Jimmy leise, aber bestimmt, „wir haben nicht das Recht, darüber zu urteilen, ob wir dir vergeben oder nicht.“

    Max, Iro und auch Mew blickten ihn verdutzt an. Jimmy holte tief Luft und wandte sich dann an Iro: „Zumindest Max und ich nicht. Iro hingegen hat sich als Einziger von Anfang an durch den Dschungel gekämpft. Er hat mich gerettet. Wenn ich weiterhin ohnmächtig gewesen wäre, hätten wir zu zweit nie Max befreien können. Also …“, schloss er und blickte seinem Anführer in die Augen: „Wenn einer darüber entscheiden darf, ob er all die ganzen Geschehnisse vergeben will, dann ist es Iro, oder nicht?“


    Max blickte von Jimmy zu Iro. Dann gab er mit einem Nicken sein Einverständnis. Wie Mew starrten sie nun Iro an, der ein flaues Gefühl im Magen bekam. Die Vorstellung, allein für so eine gewichtige Entscheidung verantwortlich zu sein, behagte ihm nicht, doch wusste er eigentlich schon, wie er diese treffen wollte. Bestimmt trat er auf Mew zu und seine Faust formte sich schon, als er dann doch innehielt. Er überragte Mew fast um einen ganzen Meter, der gespannt und ängstlich zu ihm hochblickte. Iro spürte, dass Mew ihm gewähren würde, dass Iro ihm einen saftigen Faustschlag zu verpassen. Doch nun zweifelte Iro daran, ob sein Verlangen nach Vergeltung wirklich befriedigt werden würde. Es war nicht Mew, auf den er eine weißglühende Wut hegte. Es war Celebi, der sich nun wieder in Mew befand. Doch Mew hat von all dem nichts geahnt und Iro glaubte ihm widerwillig, dass er eingegriffen hätte. Doch nun meldete sich eine Stimme in seinem Hinterkopf. Iro erkannte sie sofort als die von Bella wieder und er hatte das Bild vor Augen, wie sie vor ihm stand und traurig seufzte: „Auch wenn wir alle absolut wütend waren, so konnten wir diese Wut nicht all die Zeit aufrecht erhalten … und wenn man bedenkt, was uns diese Trennung von der Außenwelt langfristig brachte …“

    Iro stieß einen entladenen Seufzer von sich.

    „Ich kann nicht verhehlen, dass ich nachwievor wütend auf Celebi bin und wenn ich könnte, würde ich diesem ordentlich in die Fresse hauen. Da er aber nun mal nicht zugegen ist“, sagte Iro mit großer Überwindung und holte nochmals tief Luft. „Ich denke, ich kann dir verzeihen, Mew, schließlich … hast du von all dem nichts bekommen!“

    Max und Jimmy warfen Iro ein strahlendes Lächeln zu, welches er halb verlegen, halb widerwillig annahm. Mew blickte ihn einige Zeit mit offenem Mund an, ehe sich seine Augen wieder mit Tränen füllten: „Ich … bin wirklich sehr gerührt von diesem … diesem Großmut … ich … ich-“

    „Lass stecken!“, knurrte Iro Mew zu, worauf dieser leise auflachte.

    „Lashon tat wirklich gut daran, euch zu beauftragen! Ihr seid nicht nur stark, dass ihr euch durch den Gefahren des Dschungels stellen konntet, sondern auch noch edel in eurem Charakter!“

    Iro knurrte, doch Max und Jimmy wussten, dass er trotzdem dieses Lob gerne hörte. Mew, der nun deutlich entspannter gewirkt hatte, als Iro ihm verzieh, wurde mit einem Mal wieder ernster. Sein Blick klarte sich auf und nun sah er das Team Mystery eindringlicher an.

    „Ich nehme an, Lashon hat euch erzählt, weshalb ihr euch überhaupt erst an diesem begeben habt?“

    „Das hat er“, sagte Max, der leicht seine Haltung lockerte. Doch nun sind sie bei einem Thema angekommen, das sowohl seine Konzentration als auch die seiner Freunde verlangte.

    „Dann wisst ihr auch, dass Kyurem in einem Jahr auf diesen Planeten zurückkehren wird und dass er davon abgehalten werden muss.“

    „Ist es wahr?“, sagte Jimmy ängstlich mit erhobener Hand. „Kann Kyurem wirklich die Seelen der Pokémon verschlingen?“


    Mew blickte ihn eine Weile ernst an, ehe er nickte, worauf Jimmy dann schluckte.

    „Mir ist zwar nicht begreiflich, wie Kyurem sich diese Macht aneignen konnte. Kein anderes Pokémon beherrscht so eine, ganz gleich von wie viel Zorn und Trauer es erfüllt ist.“

    „Was ist Kyurem für ein Pokémon gewesen?“, sagte Max. Mew sah nun ihm in die Augen und Iro sah, dass tiefe Traurigkeit Mew erfüllte.

    „Einst war der Dämon Kyurem ein geliebter Bruder von mir mit dem Namen Kuroshiro. Ein einzigartiges Pokémon und sehr mächtig. Er war das erste Drachen-Pokémon, das Arceus, also unser aller Vater, erschaffen hat. Dementsprechend war Kuroshiro auch sehr stolz drauf. Und –“

    „Stimmt eigentlich alles an der Legende, die Lashon uns erzählt hat?“, fiel Iro Mew ins Wort. Wieder einmal ignorierte er die strengen Blicke seiner Freunde und er zuckte mit den Achseln. „Ich will nur wissen, ob die Wächter wirklich so mächtig sind, wie es in der Legende heißt.“

    „Das tut aber gerade nichts zur Sache, Iro!“, sagte Jimmy ungeduldig. „Willst du mal vom vielen Kämpfen nicht mal eine Pause einlegen?“

    „Ich will nur wissen“, sagte Iro fuchsig, doch Mew lächelte sanft: „Celebis Erinnerungen haben mir gezeigt, dass du generell ein ziemlicher Draufgänger zu sein scheinst. Ironhard war dein Name, nicht wahr? Lashon hat mir einiges über das Team Mystery erzählt, als ich ihn vor wenigen Nächten aufgesucht habe, wie dessen Mitglieder heißen und was ihr in den letzten Jahren vollbracht habt. Und ich muss wirklich sagen“, und sein Blick glühte auf, als er jedes der drei Pokémon, vor allem Max und Jimmy betrachtete, „dass ihr zweimal die Welt vor verheerenden Katastrophen gerettet habt, hat mich am Ende davon überzeugt, euch den Auftrag zu übergeben, den ich für euch habe. Lashon hat wirklich die Richtigen für diesen ausgesucht!“

    Er lächelte das Erkundungsteam an. Max, dem gar nicht wohl dabei schien, hob peinlich berührt die Hand: „Ich will nicht undankbar erscheinen, dass du und Lashon so ein Vertrauen in uns setzt, aber … nun ja, wir sind nicht die stärksten Kämpfer. Wir hatten in den meisten Dingen viel Glück und vor allem Hilfe“

    Iro hüstelte und Jimmy verdrehte die Augen.

    „Iro ist vielleicht da schon anders gestrickt, doch was mich und Jimmy betrifft-“

    „Stell dich nicht so in den Hintergrund, Max!“, sagte Iro scharf. „Du bist genauso in deinem Bereich fähig. Und wenn wir Jimmys Fähigkeiten als Unterstützung dazu nehmen-“

    „Ich kann auch kämpfen!“, protestierte und Iro fühlte wie immer den Funken von Herausforderung in sich aufflammen. Doch dieses Mal fuhr Max sofort zwischen den beiden. Auch Iro und Jimmy erkannten, dass es momentan nicht der beste Zeitpunkt war, um das übliche freundschaftliche Streitgespräch zu führen. Mew hingegen hatte die Szene interessiert beobachtet und er strahlte, als das Team seine Aufmerksamkeit wieder ihm widmete.

    „Bescheiden auch noch dazu! Ich glaube, ihr könntet es schaffen, dessen bin ich mir sicher!“

    „Was mich aber dann wundert“, rief Jimmy. „Wieso sollten wir zuerst zu dir geschickt werden? Ich meine, du warst derjenige, der Lashon überhaupt von Kyurems drohender Ankunft erzählt hat…“

    Mew nickte, doch schien er nicht zu verstehen, worauf Jimmy hinauswollte, sodass dieser hastig ergänzte: „Aber ist es nicht unsere Aufgabe, die anderen Wächter aufzusuchen? Wieso werden wir zuerst zu dem geschickt, der schon von Kyurems Rückkehr weißt?“

    „Ah“, sagte Mew, der nun verstanden hatte. „Das hat einen ganz einfachen Grund. Ich finde es für ratsam, wenn ich euch so viel wie möglich an die Hand gebe, was ihr über eure Mission wissen müsst. Ihr solltet wissen, mit was für Pokémon ihr es zu tun haben werdet und was euch weiterhin erwarten wird.“


    Seine Augen leuchteten auf und sieben Lichtkugeln in einer anderen Farbe erschienen zwischen ihm und den Team Mystery. Gebannt sahen die Erkunder zu, wie sie vor ihnen tanzten.

    „Die Sieben Wächter, um deine Frage zu beantworten, Ironhard“, sagte Mew ernst, „sind in der Tat sehr mächtige Pokémon, die einen bestimmten Aspekt der Natur übernehmen, um dieses in Gleichgewicht zu halten. Meine Aufgabe“, und eine Lichtkugel in heller rosa Farbe stieg in die Luft, „ist es, dafür zu sorgen, dass die Pflanzen der Welt stets die Fähigkeit haben, erneut zu gedeihen, selbst wenn sie zerstört werden. Ich habe euch ja erzählt, dass in der Hinsicht der Baum des Anfangs eine zentrale Rolle spielt. Dann gibt es da noch Giratina“, und eine purpurne Lichtkugel trat an die Stelle der rosafarbene, „sie erhält das Gerüst der Welt aufrecht, das sich unterhalb der Erdoberfläche erstreckt. Arktos überwacht den Winter. Heatran sorgt dafür, dass die Vulkane die Welt nicht mit Feuer und Stein überziehen. Und dann wären da noch Groudon, Kyogre und Rayquaza!“

    In der Reihenfolge, wie die letzten fünf Namen genannt wurden, traten jeweils eine hellblaue, eine rote, orangene, eine dunkelblaue sowie eine grüne Lichtkugel in die Luft. Mews Augen hörten auf zu leuchten, worauf auch die Lichtkugeln erloschen. Bestimmt sah er dem Team in die Augen. „Das sind die Sieben Wächter, die ihr aufsuchen müsst. Wenn ihr ihnen von Kyurem erzählt, dann werden sie mir helfen, dieses Ereignis abzuwehren.“

    „Wieso kannst du ihnen nicht davon erzählen? Oder Lashon?“, fragte Max. Ein peinlich berührtes Schmunzeln fuhr über Mews Mund. Seine Wangen röteten sich leicht und ohne das Team anzusehen, sagte er: „Anders als bei euch können weder Lashon noch ich ihre Geister erreichen. Ich habe meine werten Geschwister seit mehreren Jahrhunderten nicht mehr zu Gesicht bekommen“. Eine Weile blickte Mew melancholisch vor sich hin, doch schüttelte er dann rasch den Kopf und wandte sich wieder dem Team zu:

    „Es ist ohnehin besser, wenn uns nur Dinge vereint, die unser aller Sphären betreffen. Kyurems Ankunft würde schon physisch ein solches Chaos verursachen, dass sie allein darauf reagieren müssen. Nur fürchte ich, dass es dann zu spät sein wird. Ich will mir nicht ausmalen, was passieren wird, wenn Kyurem auf diesem Planeten wieder wandelt.“

    „Habt ihr euch denn so zerstritten?“, sagte Jimmy und blickte Mew sorgenvoll an, der seinen Blick scharf erwiderte.

    „Es tut mir wirklich leid. Ich weiß, du meinst es nur gut“, sagte er tonlos, „doch die Beziehung zu meinen Geschwistern ist eine … komplizierte Angelegenheit. Ich ziehe es vor, diese meine eigene Angelegenheit bleiben zu lassen.“

    „Entschuldigung!“, sagte Jimmy hastig, als wäre er in ein riesiges Fettnäpfchen getreten, doch Mew winkte freundlich ab.

    „Ich hoffe, dass es euch hilft zu wissen, wer die Wächter sind und was sie für Aufgaben wahrnehmen.“

    „Von Groudon, Kyogre und Rayquaza hast du uns nicht deren Aufgabenbereich erzählt“, sagte Iro. Mew warf ihm ein andächtiges Lächeln, doch Max war es, der sich zu Wort meldete: „Ich glaube, ich weiß schon, um wen es sich bei Groudon handelt.“

    Mew machte große Augen, aber auch Jimmy dämmerte es etwas: „Wir sind ihm doch beim Nebelsee begegnet, oder?“

    „Ja, aber damals war es nur eine Illusion von Selfe, erinnerst du dich? Plaudagei hat uns dann erzählt, was für ein Pokémon Groudon ist, oder?“


    „Das Pokémon, das die Kontinente geformt hat, oder?“, sagte Jimmy ehrfürchtig. Iro machte große Augen und Mew lächelte milde: „Diese Legende um Groudon hat sich irgendwann verselbstständigt. Tatsächlich hat Groudon mehr die Macht, die Landmasse, die unser Vater einst geschaffen hat, nach Belieben zu vergrößern oder die Folgen von großen Sintfluten rückgängig zu machen. Leider hat er sich mit Kyogre, der Wächterin der Meere, deswegen sehr zerstritten. Im Gegensatz zu mir mussten sie von Rayquaza, dem Wächter des Himmels, gewaltsam zum Schlafen gebracht werden, weil der Streit zwischen ihnen wahrhaft kontinentale Ausmaße angenommen hatte.“

    Er hatte nicht gemerkt, wie Max und Jimmys Blick immer starrer wurden, als er von seinen Geschwistern erzählt hatte. Erst ein lautes Knacken von Iros Fäusten ließ ihn aufmerken und er war verdutzt über die vor Angst und Ehrfurcht verzogenen Gesichter der Erkunder.

    „Doch keine Angst!“, warf er hastig ein, „diese Wächter solltet ihr besser zuletzt aufsuchen. Wir haben weniger als ein Jahr übrig, um Kyurems Komet abzuwenden. Und besser, ihr habt Arktos, Giratina und Heatran vorher aufgesucht, denn von denen weiß ich nicht, dass man ein aufwändiges Verfahren anwenden sollte, um diese zu erwecken, geschweige aufzuspüren.“

    „Wohin sollen wir dann als Nächstes hingehen?“, sagte dann Max langsam und seine Stimme klang, als schwante ihm Übles. „Wen sollen wir als nächstes aufsuchen?“

    „Ich denke“, sagte Mew und sah sich prüfend das Team Mystery an, „Arktos wäre der nächste Wächter, den ihr aufsuchen solltet. Von allen der drei Wächter ist er vermutlich am ehesten zu erreichen, auch wenn ich nicht ganz weiß, von wo aus er seine Aufgabe als Wächter annimmt.“

    „Du kannst uns also nicht sagen, wohin wir gehen sollten?“, sagte Jimmy enttäuscht. Doch Mew schüttelte eifrig den Kopf. „Ich hätte mich genauer ausdrücken sollen. Ich weiß, wie der Ort heißt, den er als eine Art Hauptquartier für seine Arbeit nimmt, doch weiß ich nicht genau, wo sich dieser befindet. Sagt euch der Lawinenberg etwas?“

    Alle drei Erkunder schüttelten den Kopf.

    „Das dachte ich mir“, sagte Mew, doch ein Lächeln fuhr über sein Gesicht. „Doch ich denke, ein Erkundungsteam, wie ihr es seid, wird diesen Ort schon irgendwie aufspüren können! Und dann wäre noch zu sagen –“.


    Doch Mew hielt auf einmal inne. Sein Blick verlor sich und er schien in die Luft hinein zu horchen.

    „Sie sind hier“, sagte er leise. „Kommt mit, Team Mystery!“

    „Wohin gehen wir?“, sagte Jimmy überrascht und die drei Erkunder beobachteten, wie Mew zum Ausgang der Baumhöhle schwebte, durch den die Erkunder in diese hinein gelangen waren. Am Ausgang angekommen wandte sich Mew mit ernstem und auch ängstlichem Blick zurück.

    „Es wird Zeit, dass ich meine Fehler dem gesamten Geheimnisdschungel gegenüber eingestehe!“


    Und damit entschwebte er durch den Ausgang. Das Team Mystery blickte sich an, dann kletterten es auch mühevoll an den Ranken hoch und traten hinaus in das Sonnenlicht.