Die Enkelin der Zeit


  • Die Enkelin der Zeit






     Teresa lag in einer unbequemen Pose in ihrem Bett. Dort lag sie schon seit über zwölf Stunden. Sie öffnete lustlos ihre Augen und blickte auf die Uhr … die Vorlesung hatte bereits begonnen. Ihre Stundenten fragten sich vermutlich, wo sie blieb.
    Fuck it, dachte sie.
     Sie streckte ihren Arm aus, um die Dose mit Beruhigungspillen zu greifen, die auf dem Nachtschrank stand, doch stattdessen stieß sie sie um. Die Tabletten ergossen sich über die zahllosen Klamotten, die unachtsam auf einem großen Haufen neben Teresas Bett lagen. Sie schloss ihre leicht brennenden Augen und tastete umher. Nach einer Weile berührten Teresas Fingerspitzen zwei der Pillen, die in einen ihrer BHs gefallen waren. Sie schob sie sich in den Mund, drehte sich um und schlief weiter.




      Vorwort

    Ich arbeite seit geraumer Zeit an einer Geschichte namens Die Enkelin der Zeit. Vor zwei Jahren habe ich den First Draft fertiggeschrieben, dann habe ich die Geschichte ein weiteres Jahr lang ausgearbeitet. Seit fast einem Jahr ist das Manuskript im Grunde fertig, bis auf einige Verfeinerungen, die ich hier und da noch vornehme. Ich bekomme auch ab und zu Anfragen von Leuten, die eventuell mal ins reinlesen möchten. Daher habe ich mich entschieden, die Geschichte hier einfach Stück für Stück onlinezustellen, wobei ich jedes Kapitel vor der Veröffentlichung hier noch einmal überarbeiten werde.


    An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass mich @Alaiya und @Yasha Wolf Seki indirekt dazu motiviert haben, das zu tun, da ich ihre Geschichte namens Der Schleier der Welt (die übrigens sehr empfehlenswert ist!) schon seit einiger Zeit hier verfolge und ich seitdem auch immer mal darüber nachgedacht habe, meine Geschichte irgendwo zu veröffentlichen. Ich habe mich aus verschiedenen Gründen bisher davor gescheut, aber letztendlich liegt die Story seit einem Jahr hauptsächlich nur in einer Schublade herum, was auch nicht unbedingt Sinn der Sache ist.


    Wo ich schon dabei bin, Leute zu erwähnen: Vielen Dank an alle meine Betaleser, unter anderen @Euler, @Cin, @You, @Palres, und @Cassandra. Euer Feedback hat mir im Laufe der Zeit sehr geholfen und ich bin wirklich froh, dass ihr euch damals die Zeit genommen habt, die Geschichte zu lesen. Vor allem an Euler: Die Version, die du gelesen hast, unterscheidet sich sehr von der heutigen. Es ist viel passiert! :D


    Ich würde mich sehr über jede Art von Feedback freuen ♪






      Zur Geschichte

    Die Zukunft - ein mächtiges Wesen in Menschengestalt - gibt immer ihr Bestes. Sie versucht, die Welt zu verändern, indem sie durch die Lande zieht und Leuten, die sie trifft, in entscheidenden Momenten ihres Lebens zur Seite steht. Leider gelingt ihr das nicht immer so, wie sie es sich zunächst vorstellt, und eines Tages geht einer ihrer Pläne derart nach hinten los, dass es nicht nur ihre ganze Welt erschüttert sondern auch einen Krieg unter ihren eigenen Familienmitgliedern neu entfacht.


    Die Enkelin der Zeit ist wohl am ehesten der Urban bzw. Contemporary Fantasy zuzuordnen. Meine Altersempfehlung für Leser ist ab 16 Jahre aufgrund des Auftretens von einigen Gewaltszenen und schwerwiegenden Themen. Banner, Bilder, Grafiken und ähnliches, die ich in diesem Topic verwenden werde, sind wenn nicht anders gekennzeichnet von mir selbst erstellt. Ich werde versuchen, wöchentlich ein Kapitel zu posten, mal schauen ob ich das hinbekomme. Die Geschichte besteht aus vier größeren Teilen, die ihrerseits je einige Kapitel lang sind. Insgesamt wird es 18 Kapitel geben.






      Charaktere


    Die Zukunft
    Lebt in einem jung aussehenden weiblichen Körper. Ziemlich fleißig. Mischt sich in das Leben von Menschen ein, bringt sie zum Weinen und stiehlt ihre Tränen.


    Teresa Willgenau
    Eine junge Professorin an der Atlas-Universität. Geht nicht mehr zu ihren Vorlesungen. Vegetiert so vor sich hin. Weint nicht sehr oft.


    Die Weisheit
    Mitbewohnerin und beste Freundin der Zukunft. Ziemlich faul. Hobby: NSFW.


    Die Schwester der Zukunft
    Erzählerin. Zynikerin.





      Inhaltsverzeichnis



    Teil Eins: DIE TRÜBSAL DER ZUKUNFT

    • Mutterkummer
    • Amseltod (noch nicht erschienen)
    • Tiberios Stunde des Ruhms (noch nicht erschienen)


    [...]






  • Teil Eins



    DIE TRÜBSAL DER ZUKUNFT





       M u t t e r k u m m e r



    Kümmere dich gut um deine Schwester.


    Darum hat mich meine Großmutter vor langer Zeit gebeten. Noch heute denke ich ab und zu daran – vermutlich aus Reue.
    Es ist so eine Eigenart von mir, dass ich Geschichten sammle. Die Geschichte, die ich jetzt erzählen werde, ist die letzte Geschichte überhaupt und meine Schwester ist ihr Hauptcharakter. Man nennt meine Schwester die Zukunft. Sie ist ein mächtiges Wesen, doch sie verbringt ihr Leben mit banalem Kleinkram. Sie ist eine Diebin, die durch die Welt streift, wahllos Menschen ihre Habseligkeiten stiehlt und sich damit in anderer Leben einmischt. Ich habe keine Ahnung, warum sie das tut. Ich hatte nie Gelegenheit, sie danach zu fragen.
    Schon als ich noch ein kleines Mädchen war, habe ich mich so gefühlt, als könnte ich ihr nicht so nahe kommen, wie ich es mir gewünscht hätte. Es ist zwar offensichtlich, dass man es uns nicht leicht gemacht hat, aber … wenn ich ehrlich zu mir bin, ist das auch nur eine Ausrede.
    Wie dem auch sei. Die Geschichte findet ihren Anfang an einem sehr kalten Spätwinternachmittag in einem Café in einer alten Kleinstadt.
    Natürlich findet die Geschichte nicht wirklich an dieser Stelle ihren Anfang. Ich habe diesen Start sorgsam ausgesucht, weil er meinen Standpunkt am besten untermauert - denn an diesem Tag wurde sonnenklar, dass meine Schwester ihr Leben verschwendete.
    Im engen Café Lunte loderte das Kaminfeuer, während das Schneegewühl hinter den großen Schaufenstern die Sicht nach draußen erschwerte. Im Inneren fand eine erstaunliche Menge an Personen zusammengedrängt an vielen Tischen Zuflucht vor der Kälte. Sie redeten gedämpft und durcheinander. Nur von der Theke hörte man aus dem Radio eine deutliche, monotone, distanzierte Stimme, die von der verstümmelten Leiche einer Konzertpianistin redete. Man hatte sie eine Woche davor in einem verlassenen Betongebäude aufgefunden.
    Davon abgesehen verzierte auch das leise Wimmern eines kleinen, vielleicht sechs Jahre alten Jungen die Geräuschkulisse des Cafés. Er saß zusammen mit einer Frau mittleren Alters an einem Platz am Fenster und weinte vor sich hin.
    »Mach dir keine Sorgen, Emil«, versuchte die Frau ihn zu trösten, »Du wirst sicher neue Freunde finden!«
    Diese taktlose Äußerung verschlimmerte das jämmerliche Schluchzen des Jungen nur. »Ich will nicht weg, Mama«, maulte er und ballte einen kleinen Teil der Tischdecke in seiner Faust.
    Die Eingangstür schwang unweit der beiden wieder einmal auf und ließ eine kalte Brise herein. Währenddessen fuhr die Frau fort, ohne sich vom Geheule beeindrucken zu lassen: »Schau doch erst einmal, was passiert. In ein paar Wochen ist das alles doch schon wieder vergessen. Warte nur auf die Zukunft, und du wirst merken, dass das alles nicht so schlimm ist, wie du es dir vorstellst. Jeder zieht mal um im Leben! Nutze das doch einfach für einen Neuanfang.«
    Der neue Gast – ein Mädchen, das nicht einmal an die zwanzig Jahre alt aussah – nahm am freien Tisch neben ihnen Platz und schaute durch das Menü.
    »Die Zukunft«, wiederholte Emil verächtlich, während sich ein neuer Schwall Rotz aus seiner Nase auf den Rand des Bierdeckels goss, auf dem seine Limonade stand. »Ich will hier nicht weg!«
    »Also wirklich, Emil, langsam reicht es. Wir haben das besprochen. Wir müssen umziehen, so ist es nun einmal – ich weiß, es ist schwer für dich, aber du musst dich von deiner Freundin wohl oder übel verabschieden. Das geht jedem Menschen irgendwann so, also benimm dich nicht wie ein Baby.«
    Er ließ ein schrilles Wehklagen aus seiner Kehle wandern und strampelte mit seinen Beinen, sodass einige der Umsitzenden verstohlene Blicke auf ihn richteten – im Gegensatz zur jungen Frau, die ihn ziemlich unverhohlen beobachtete. Plötzlich ertönte ein moderner Popsong aus der Tasche von Emils Mutter, die sofort darin zu wühlen begann und ihr Handy herausholte.
    »Ich bin gleich zurück, warte einen Moment, das ist der Makler, da muss ich rangehen«, erklärte sie hastig, stand auf und verließ das Café, um den Anruf entgegenzunehmen.
    Daraufhin beschäftigte sich Emil damit, im Stillen weiter seines Unglücks zu frönen, während ihm dicke Tränen aus den Augen kullerten und seinen Blick benebelten. Nach nur wenigen Sekunden schreckte er auf, da er eine kalte Berührung an seiner Wange spürte. Hastig schaute er hoch. Er wischte seine Ärmel über Augen und Nase, gerade schnell genug, um zu sehen, wie die junge Frau eine seiner Tränen von ihrem Zeigefinger in ein Reagenzglas tropfen ließ, bevor sie es verkorkte und zurück in eine dicke Tasche steckte.
    Meine Schwester hinterließ in diesem Moment einen ziemlich bedeutenden Eindruck auf Emil. Er musste mitansehen, wie sie sich schamlos auf dem Platz seiner Mutter niederließ. Ihre runden, hellgrünen Augen stachen deutlich aus ihrem Gesicht hervor – verstärkt durch deren schwarze Eyelinerkonturen und die riesigen, dunklen Wimpern. Sie verankerte den Jungen fest in ihrem durchdringenden Blick, der unnatürlich schien und ihm ein klein wenig Angst einjagte.
    Sie legte ohne ein Wort zu sagen ihre mächtige Tasche neben dem Stuhl ab und glättete ihr weißes, zerschlissenes Kleid, das größtenteils in Fetzen an ihr hinunterhing und schon viel durchgemacht haben musste.
    Sie nahm das Kaffeeglas von Emils Mutter auf und nippte daran, wonach sie einen frohen, gespielten Ausdruck des Glücks auf ihr Gesicht legte. Dabei offenbarte sie großflächige Brandwunden an ihrem Arm und auf ihrer Schulter. Ihr anderer Arm zeigte deutlich weniger Narben und wirkte sogar ein bisschen kürzer.
    Am eindrucksvollsten für Emil war jedoch die beunruhigende Anzahl an blauen Flecken und Verletzungen aller Farben und Formen auf jedem sichtbaren Teil ihres Körpers mit Ausnahme des Gesichts. Trotz ihres auffallenden Aussehens schien im ganzen Café niemand außer Emil von ihrer Existenz größere Notiz zu nehmen.
    Es vergingen mehrere Minuten, doch die Frau sagte nichts. Stattdessen begutachtete sie ihn so aufmerksam wie er sie, sodass er ganz vergaß zu weinen, obwohl die Partie seiner Augen und Wangen noch eine deutliche Rotfärbung präsentierte.
    Schließlich kramte das Mädchen einen Moment lang in ihrer Tasche. Emil konnte kaum seinen Augen trauen, als er sah, was sie herausholte und ihm vor die Augen rollte: Das war der Füllfederhalter seiner besten Freundin! Er sah edel aus, dick und groß und weinrot gefärbt, mit kleinen, goldenen Ornamenten. Wieso hatte die Frau diesen Füller?
    Sie blickte ihn weiter interessiert an, doch gleichzeitig wirkte sie unnahbar. Emil wollte sie nach dem Füller fragen, doch letztlich brachte er kein Wort heraus, stattdessen umklammerte er ihn und hielt den Mund weit offen.
    Im gleichen Moment, als das Klingeln der Eingangstür ertönte und man den Wind von draußen wehen hörte, erhob sich die junge Frau wieder vom gestohlenen Stuhl und war längst auf ihrem Platz in die Bestellkarte vertieft, als Emils Mutter ihren Blick auf seinen Tisch warf. Emil versteckte den Füller hastig in seiner Tasche und hielt ihn in einem festen Griff.
    Es gab nur eine Möglichkeit: Diese merkwürdige Frau musste den Füller von seiner besten Freundin gestohlen haben. Als wäre der Füller ein Schlüssel zu einer Erinnerung, überfielen ihn die Gedanken an seine letzte Begegnung mit Nathalie.




    Sanft und in großen Schwüngen ließ sie ihren Füller – einen roten, dicken Füller mit kleinen, goldenen Ornamenten – über die dünnen Seiten ihres Notizbuchs gleiten. Gelegentlich hielt sie ihn sich an die Lippen, wenn sie darüber nachdachte, was sie als nächstes festhalten wollte. Dabei malte sie versehentlich kleine blaue Tintenflecken an ihren Mund.
    Es war ihr leider nie gelungen, diese Geste abzulegen. Es brachte sie des Öfteren in Verlegenheit, im Alter von 19 Jahren noch mit Tintenflecken im Gesicht durch die Gegend zu laufen.
    Sie saß auf einer schwarzen Bank auf dem Berg vor dem Stadtschloss, sodass ihr zu Füßen die Lichter der Häuser brannten und Laternen ihren Glanz auf die kalten Straßen warfen. Es schneite seit über einer Stunde nicht mehr und es wehte kein Wind.
    Obgleich ihre Hände durch die Kälte deutlich in Mitleidenschaft gezogen wurden, schrieb sie weiter, bis sie hörte, wie die Glocke eines kleinen Kirchturms in der Nähe achtzehn Uhr schlug. Dann setzte sie die Kappe des Stiftes auf und klappte das Büchlein zu, um sich der Treppe zuzuwenden, die einige Meter vor ihr den Berg hinabführte und nur spärlich beleuchtet war. Sie erwartete jemanden. An diesen Ort verirrte sich nur selten eine Person zu dieser Jahres- und Tageszeit, und so machte ihr Herz einen kleinen Hüpfer, als sie leise Schritte auf sich zustapfen hörte.
    »Hallo Nathalie!«, rief der Junge direkt als er ihr Gesicht sah.
    »Emil!«, grüßte sie den Kleinen. Sie öffnete ihre Arme, um ihn mit einer Umarmung zu empfangen. »Wie geht es dir? Alles in Ordnung? Schön, dass du gekommen bist!«
    Er nickte. »Ich habe eine Eins in Mathe bekommen! Dafür nur eine drei in Musik.«
    Nathalie wuschelte durch seinen blonden Haarschopf und machte noch etwas mehr Platz auf der Bank, sodass er sich setzen konnte. »Eine Eins! Kluges Kind! Wenn du die Tonleitern noch etwas lernst, dann wird das mit Musik bestimmt auch noch besser. Wie sieht es denn in Kunst aus?«
    »Die Lehrerin war gemein zu mir, weil ich ein paar Mädchen mit Sand beworfen habe. Aber ansonsten war nichts in Kunst.«
    Nathalie setzte einen überaus strengen Blick auf. Ihr entging auch nicht, wie er betonte, dass in Kunst nichts anderes vorgefallen war. »Mit Sand beworfen?«
    »Ich mache das nie wieder! Mama hat doll geschimpft, als ich es erzählt hab. Ich habe mich auch entschuldigt.«
    »Nagut, dann lasse ich dich auch nochmal davonkommen. Und was hast du sonst Schönes gemacht?«
    Emil setzte ein breites Grinsen auf. »Ich war bei Philipp, die haben eine Katze! So süß! Aber sie kratzt. Oh! Und da war ein kleines Baby. Philipps Schwester. Die ist auch ganz niedlich.«
    »Wie heißt sie denn?«
    »Weiß nicht mehr«, antwortete er. »Sie war ganz klein! Wenn ich groß bin will ich auch ein Baby.«
    Nathalie lächelte, als sie den Kleinen jetzt schon diesen Wunsch äußern hörte. »Ich hatte mal eins«, erwähnte Nathalie eher in Gedanken, doch sie schluckte sofort, als sie merkte, dass sie das womöglich nicht hätte sagen sollen.
    »Was ist passiert? Ist es erwachsen geworden?«
    »Hm …« Nathalie dachte kurz nach. »Es war ein Junge. Ich war damals noch ein kleines Mädchen, also konnte ich mich nicht um ihn kümmern. Da habe ich ihn weggegeben. Kümmert sich deine Mutter gut um dich?«
    »Ja«, rief Emil und nickte eifrig.
    »Das ist schön! Nicht jeder kann sich so glücklich schätzen. Weißt du, Mutter sein ist überhaupt nicht einfach. Ich bin sicher, sie hat dich sehr gern, also hör darauf, was sie dir sagt, einverstanden? Sie meint es nur gut.«
    Emil nickte.
    Das Gespräch plätscherte eine Weile vor sich hin. Dann erklang der Glockenton, der das Vergehen einer halben Stunde kennzeichnete. Der Junge sprang auf. »Ich muss weg«, erklärte er dann und umarmte Nathalie zum Abschied.
    »Kommst du nächste Woche wieder her?«
    »Ja«, sagte er. »Klar, versprochen.«
    »Denk dran, du darfst nicht verraten, dass du mich triffst. Sonst bekomme ich ziemlichen Ärger.«
    Emil nickte, dann drehte er sich um und schritt die Treppe wieder hinab. Nathalie saß einige Minuten reglos auf ihrem Platz, bis sie das Notizbuch wieder öffnete, das größtenteils mit Anmerkungen über ihr Studium und mit Einkaufslisten gefüllt war. Sie schrieb einen kleinen Satz hinein: »Er wird immer klüger.«
    Direkt daneben platschte eine Träne.




    Emils Mutter setzte sich wieder auf ihren Platz und steckte das Telefon zurück in ihre Tasche. Dann seufzte sie kurz, bevor sie das Wort an ihr Kind richtete.
    »Es ist nunmal so, Emil – Papa hat eine neue Arbeit gefunden, so weit weg, dass sie nichtmal hier auf der Insel ist. Er kann ja nicht jeden Tag mit dem Schiff übers Meer herfahren. Ich habe dir das ja schon erklärt. Wir müssen deswegen umziehen, dort werden wir dann sogar ein eigenes Haus ganz für uns haben! Du könntest deine Freundin auch nach ihrer Adresse fragen, ich helfe dir dabei, dass ihr einander Briefe schreiben könnt. Ist das in Ordnung für dich?«
    Emil war innerlich noch immer dabei zu verarbeiten, was meine Schwester gerade mit ihm angestellt hatte. Nathalies Worte klirrten in seinen Gedanken. »Ich bin sicher, sie hat dich sehr gern, also hör darauf, was sie dir sagt, einverstanden?«
    Der Füller wog schwer in seinen Fingern.
    Emil nickte. Immerhin hatte Nathalie ihm gesagt er solle auf seine Mutter hören. »Ich komme hierher zurück, wenn ich groß bin«, sagte er und umklammerte dann seinen Stift noch etwas fester. »Und Briefe schreiben möchte ich auch.«
    Seine Mutter lächelte und tätschelte seinen Kopf.
    Mehr gab es für die Zukunft hier nicht zu tun. Ohne je etwas bestellt zu haben, legte sie die Karte wieder hin und nahm ihre Reisetasche auf, in die ein Ofen gepasst hätte. Sie schwang sie auf ihren Rücken, lief zur Garderobe und nahm ihren dünnen, dunkelgrauen Kapuzenumhang mit.
    Sie warf ihn sich um und verließ das Lokal. Sofort stürzte sich ein Schwarm Schneeflocken todesmutig in ihre Wimpern, sodass sie ihre Kapuze tief über ihr Antlitz zog.
    Das war die erste von vier Begegnungen, die die Zukunft an diesem Tag haben sollte. Sie behandelte jeden Tag wie eine Reihe von Aufträgen, die sie nacheinander abarbeitete. Doch dies war der erste Tag, an dem sie Trophäen sammelte – etwas, das auch sonst oft als Abfallprodukt ihrer Arbeit entstand: Tränen.
    Sie stapfte über den glatten Asphaltboden hinweg, lief quer über den Platz und bog dann in eine kleine Straße ein, die neben dem Rathaus versteckt in ein kleines Einkaufsviertel der Stadt führte. Es begann dunkel zu werden. Auf der großen Turmuhr offenbarten die Zeiger, dass es bereits kurz vor drei Uhr sein musste.
    Ich habe bereits erwähnt, dass an diesem Tag einiges anders gewesen ist als sonst. Beispielsweise wurde die Zukunft dieses Mal von einem gewissen Monster verfolgt.
    Unweit hinter meiner Schwester schlich ihr ein kleines Mädchen hinterher, das, abgesehen von dem Umstand, dass es laufen konnte, eher tot als lebendig aussah. Sie hielt behutsam diskreten Abstand, doch die Zukunft achtete ohnehin wenig auf ihre Umgebung und stapfte mit ihrer leichten Bekleidung furchtlos durch das Schneegewühl.
    »Ob sie es je lernen wird? … Hoffentlich habe ich sie nicht ermuntert«, murmelte das Mädchen zu sich und besah argwöhnisch mit ihren kalten Augen, wie sorglos die Zukunft mit ihrem Körper umging.

  •    A m s e l t o d



    Nachdem meine Schwester durch einige weitere Gassen geschlendert war – allesamt menschenleer, da kaum eine Person von Verstand dieses Wetter ertragen wollte – gelangte sie schließlich vor die Tür eines rustikalen Juweliers. Allerlei Steine und Schmuckstücke glitzerten auf alten, grauen Holztresen hinter den nach vielen Jahren in Mitleidenschaft gezogenen Schaufensterscheiben.
    Vor der Eingangstür hing ein Zettel mit einer Aufschrift:


    ÖFFNET HEUTE
    ERST 17 UHR.


    Meine Schwester drückte trotzdem gegen den Knauf, doch wie erwartet ließ sich der Laden nicht betreten. Sie hielt einen Moment inne, bevor sie ihre Tasche über die andere Schulter schwang, sich umdrehte und die drei Stufen wieder hinabschritt, die zur Tür führten.
    Unten angelangt hörte sie laute Schritte und ein Keuchen. Eine schwere Erschütterung suchte sie heim, als ein alter Mann in sie hineinrannte. Die Zukunft stolperte gegen die Hausmauer und mit einem Scheppern ihres Inhalts klatschte auch ihre Tasche gegen die Ziegel. Dem Mann rutschte ein überraschter Laut aus der Kehle, doch er fing die Zukunft auf, bevor sie zu Boden stürzen konnte.
    »Tut mir leid«, rief er hastig, dann ließ er auch schon wieder von ihr ab und stürzte die Treppe hinauf, zog wie wild am Türknauf, bevor er den Zettel bemerkte und während des Lesens langsam in sich zusammensackte.
    »Oh nein, zwei Stunden«, keuchte er atemlos und entmutigt, während er sich umdrehte und resigniert auf die erste Stufe setzte. Sein lederner Anorak war vorne offen und hing ihm eher schlecht als recht vom Körper.
    Noch immer stand die Zukunft direkt neben ihm und schaute zu Boden. Unter ihrem antiken Umhang erkannte sie die weißen Sandalen, die erfolgreich dabei versagten, ihre baren Füße vor dem Schnee zu schützen. Sie stapfte ein paar Mal auf, um den Matsch zu entfernen und gab sich erst zufrieden, als ihre leuchtend grün lackierten Zehennägel wieder zum Vorschein kamen.
    Daneben standen die verwitterten, goldbraunen Schuhe des Mannes, aus denen schwarze Socken hervorlugten.
    Der Alte fand seinen Atem wieder und fragte: »Alles in Ordnung?«, als er bemerkte, dass die junge Frau immer noch da war. »Meine Güte. Du siehst aus, als hättest du einiges mitgemacht. Brauchst du Hilfe? Habe ich dich verletzt? Es tut mir leid, ich hätte besser darauf achten sollen, wo ich hinrenne.«
    Er zeigte ein freundliches Gesicht und wartete einen Moment, dann deutete er hinter sich. »Ich muss da rein, du auch? Warum machen sie ausgerechnet an so einem Tag später auf?«
    Der Mann sah sich um und bemerkte das Schneetreiben. »Vermutlich gerade deswegen«, seufzte er. »Wenigstens öffnen sie überhaupt. Was machst du? Möchtest du da drin auch etwas kaufen?«
    Er lächelte die Zukunft an, doch sie tat nichts weiter, als sich direkt neben ihn auf die Treppe zu setzen. Ihr Blick schweifte über die Straße. Direkt auf der anderen Seite stand eine Bank vor einigen Bäumen und Sträuchern. Man konnte leicht durch sie hindurchsehen und erkannte einen kleinen Spielplatz, der sich dahinter befand.
    Der Wind rauschte durch die Dachrinnen der Häuser und die Zweige der Äste. Im Gestrüpp des kleinen Parks hörte man eine Amsel zwitschern. Nach ein paar Minuten sprang die Straßenbeleuchtung an.


    Erst als es dunkel genug war, stahl sich das kleine Mädchen hinter den Büschen entlang zum Spielplatz. Dann suchte sie sich einen Sitzplatz hinter einigen Sträuchern, von dem aus man die die Zukunft gut beobachten konnte. Hinter ihr begann der große Stadtpark, an dessen Ende der Uni-Campus grenzte.
    Das Kind konzentrierte sich darauf, jedes Wort zu hören, das der alte Mann von sich gab, auch wenn die Phasen des Schweigens lang waren. Während dieser Zeit saß sie völlig bewegungslos da, fast wie vereist. Nicht einmal ein winziges Zittern entfuhr ihrem kleinen Körper, der von einem weißen, schlichten Umhang verhüllt war.
    Still beobachtete sie die Zukunft, bis eine kleine Schwarzdrossel neben ihr landete und neugierig durch das Laub sprang. Nach nur wenigen Sekunden zeigte sich eine Regung auf dem Antlitz des Mädchens ab.
    Es war tiefe Abscheu.
    Der naive Vogel hüpfte weiter um sie herum, beobachtete neugierig die Reisigzweige, die überall verstreut lagen und steckte ab und an seinen orangefarbenen Schnabel hinein, um darin zu wühlen. Sein schwarzes Gefieder verlieh ihm eine kugelförmige Gestalt. Während seiner Untersuchungen gab der Vogel ab und an einen hohen, fiepsenden Ton von sich oder zwitscherte fröhlich in klar von einander getrennten Lauten.
    Er schien das Mädchen gar nicht als eigenständiges Wesen anzuerkennen, sondern krabbelte munter über ihre Füße und stupste sie an wie ein Stück Holz. Irgendwann fühlte sie sich durch die Anwesenheit dieses Biestes so gestört, dass sie sich aufbäumte und ein Fauchen ausstieß. Der Vogel sprang erscheckt auf, nur um sich kurz danach unter lautem Gezeter in Richtung ihrer Haare zu stürzen.
    Das war ein Fehler.
    Kurz bevor der Vogel das Mädchen erreichen konnte, dematerialisierte sie sich in einem Lichtblitz, als wäre sie einfach in ihre Einzelteile zerfallen. Jetzt versuchte die Drossel wild Reißaus zu nehmen, doch ihr geschah das gleiche – kaum einen Moment später hörte sie mitten im Flug auf, zu existieren.
    Danach erschien das Mädchen auf dieselbe Art wieder unverändert am gleichen Ort, doch nun trug sie ein kleines, blassgrünes Ei in der Hand, über das sich zahllose ziegelrote Pünktchen zogen. Das Ei war so frisch gelegt, dass es ihre kalten Finger wärmte.
    Sie hasste Vögel.
    Noch immer mit Abscheu in den Augen blickte sie zurück zu den zwei Personen auf der anderen Straßenseite.
    Je mehr Zeit verstrich, desto ungeduldiger schien die Zukunft zu werden. Sie rutschte auf ihrem Platz herum und stieß sogar manchmal mit ihrem Ellenbogen gegen die Kleidung des alten Mannes. Sie schien ihm irgendetwas mitteilen zu wollen. Er ließ sich davon rein gar nicht beeindrucken, sondern schaute nur still mit müden, hellblauen Augen durch das Schneewehen, das langsam abklang. Gelegentlich fuhr er mit der Hand über seinen Dreitagebart. Irgendwann fiel er so tief in eigene Gedanken an Ereignisse, die bereits Jahrzehnte zurücklagen, dass er von seiner Umgebung kaum noch etwas wahrnahm.




    An einem warmen Herbstnachmittag spurtete ein junger Mann durch einen strikt sauber gehaltenen, leeren Park. In seiner Eile ignorierte er die vorgegebenen Wegstrecken und zertrampelte dabei eine Vielzahl wehrloser Gräser und Blumen. Seine lederne, dandyhafte Kleidung wirbelte unordentlich herum, doch endlich erkannte er hinter einer Erlenlinie das Gebäude, vor dem er sich mit seiner Freundin treffen wollte.
    »Du bist zu spät!«, rief sie ihm zu, als sie ihn unter den Bäumen hervorlaufen sah. »Mal wieder«, setzte sie nach, und schnell bemerkte der junge Mann, dass die Prüfung nicht wie erhofft verlaufen war. Dianara saß entmutigt auf den Stufen, die hinauf zum großen Eingangsportal der juristischen Fakultät der Atlas-Universität führten.
    »Tut mir leid«, keuchte Kalvin. Er sah auf seine Uhr und bemerkte, dass sie fast eine Stunde auf ihn gewartet haben musste. Kein Wunder, dass außer ihr keine Studenten mehr anwesend waren. Im Stillen verfluchte er sich noch einmal für das Verpassen des Zuges. »Wie ist es gelaufen?«, fragte er schließlich unsicher.
    Dianara rollte sich mit einem Stöhnen über die Stufen, ohne auf die Sauberkeit ihrer Kleidung zu achten. »Na wie wohl«, seufzte sie. »Hab’s nicht geschafft. Es ist alles aus. Ich bin eine Versagerin.«
    Kalvin ließ für einen Moment die Schultern hängen, doch dann setzte er sich neben sie, nahm ihre Hand und zog sie zu sich hoch, damit er sie umarmen konnte. Sie nahm das Angebot dankbar entgegen und kuschelte sich in seine Arme.
    Dianara ließ einen Schluchzer los, so als würde ihr erst jetzt wirklich klar, in welcher Tinte sie nun saß. »Fünf Jahre umsonst«, jammerte sie. »Ich bin schon wirklich dämlich, diese Prüfung zu vergeigen.«
    Kalvin wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte, also setzte er einen Kuss auf ihre Stirn, während er sie weiter in den Armen hielt.
    »Tut mir wirklich leid für dich, dass du so eine nutzlose Freundin hast«, erzählte sie weiter.
    »He, jetzt übertreib mal nicht!«, hielt er schließlich ein. »Mach dir keine Sorgen darum. Es ist schade, was passiert ist, aber wir kriegen das schon hin. Irgendwas wird uns schon einfallen.«
    »Danke!«, rief sie plötzlich mit einem Lächeln aus. »Hat aber echt lange gedauert, bis tröstende Worte von dir kamen!«
    Kalvin ärgerte sich, als er bemerkte, dass sie sich über ihn lustig machte. »Hör auf damit! Du weißt, dass ich nicht gut im Trösten bin.«
    Kalvin war die peinlichste Person, der Dianara je begegnet war, doch auf irgendeine Weise fand sie das niedlich – und gleichzeitig konnte sie sich wunderbar darüber lustig machen.
    »Stimmt, du bist mies im Trösten. Was soll’s, ich hab’s vermasselt. Ich werde mich darüber noch eine ganze Weile ärgern, aber es ist wie es ist.«
    Sie saßen einige Minuten weiter da, bis Kalvin vorschlug, dass sie sich auf den Weg in die Stadt machen könnten, um etwas zu essen. Also schlenderten sie zu zweit durch den Park. Die sonst so gesprächige Dianara sagte kaum ein Wort, sodass es Kalvin nicht schwer fiel, ihre wahre Stimmung zu erraten, obwohl sie alles daran setzte, ihren Unmut zu verschleiern. Er wusste nur nicht genau, ob sie neben ihrem Frust auch Wut verspürte.
    Schließlich saßen beide unter einem großen, weißen Sonnenschirm an einem Tisch eines Eiscafés. Während Kalvin die Karte durchsah, bemerkte er, dass Dianara ihren Studentenausweis betrachtete.
    »Dianara Vera Amseltod«, las sie ihren Namen vor und zog dabei einen Schmollmund. »Sagen Sie, werter Herr Küste, wann werden Sie mich von meinem unliebsamen Nachnamen befreien? Du hast schon vor Monaten angekündigt, mir bald einen Antrag machen zu wollen!«
    Kalvin schluckte. »Ähm … also …«, klärte er auf, »… das stimmt.«
    Dianara zog ihre dunklen Brauen hoch. »Und weiter?«
    »Naja«, fing er mit einem peinlich berührten Lächeln an, »ich wollte das ja schon längst gemacht haben, aber ich habe irgendwie … auf den richtigen Moment gewartet. Und natürlich auf den Ring, auf den ganz besonders, aber leider … habe ich ihn irgendwie immer noch nicht.«
    Seine Freundin rollte mit den Augen und schob sich den braunen, viel zu langen Pony aus dem Gesicht.
    »Und in den letzten Tagen warst du so viel mit Lernen beschäftigt, deswegen wollte ich es eigentlich heute machen, aber … ach, es tut mir leid, das hätte längst passieren sollen. Ich werde gleich morgen einen tollen Ring bestellen! Und dann den Antrag machen!«
    Dianara setzte einen überaus skeptischen Blick auf. »Hör zu, Kalvin, ich liebe dich, aber auf deine Versprechen und Versicherungen kann man nun wirklich keinen Pfennig geben. Du bist ungefähr der trotteligste, unzuverlässigste Mann, den ich je getroffen habe. Ich bin mir sicher, wenn ich das dir überlasse, werde ich deinen Antrag erst auf meinem Sterbebett hören … wenn du zu diesem Termin dann nicht auch noch zu spät kommst.« Sie lachte.
    »Ich meine das ernst! Warte, ich gebe es dir schriftlich«, rief er, zog ein kleines Notizbuch aus seiner Westentasche hervor und schrieb eine Notiz hinein, dann setzte er seine Unterschrift darunter. Dann hielt er sie ihr vor die Nase:


    Hiermit verpflichtet sich Kalvin Küste, Dianara Amseltod einen wundervollen Verlobungsring zu besorgen.


    Kalvin Küste


    Dann riss er das Papier heraus und drückte es Dianara in die Hand.
    Sie lachte. Jeden Tag schaffte er es, etwas zu tun, das all seine bisherigen peinlichen Taten übertraf.
    »An deinen romantischen Fähigkeiten musst du noch üben.«
    Als sie den Zettel behutsam in ihr eigenes Notizbuch legte, um ihn aufzubewahren, wusste Kalvin, dass es ihr schon ein Stück besser ging als vorher. »Im Ernst jetzt«, setzte sie hinzu, »du musst keine Versprechungen machen, die du vielleicht nicht halten kannst. Ich kenne dich doch. Am Ende machst du dir immer so viele Vorwürfe, dabei sind es Dinge, die gar nicht so sehr zählen.«
    Dianara dachte einen Moment nach, bevor sie einen verstohlenen Blick an ihren Freund richtete und nach seiner Hand griff. »Aber wirklich, ich brauche endlich einen neuen Namen. Und wie ich dich kenne, werde ich noch ewig auf deinen Antrag warten.«
    Kalvin wollte protestieren. Er öffnete seinen Mund, aus dem ein halber Laut hinausdrang, bevor sie ihn achtlos unterbrach: »Ich habe keinen Ring da, aber … mein lieber Kalvin Küste, möchtest du mich heiraten?«




    Nach ungefähr einer Stunde hörte es schließlich zu schneien auf. Völlige Finsternis füllte nun den Himmel, aber die Straße schimmerte in einem hellen, unberührten Weiß.
    Stoisch saß der Mann noch immer auf den Stufen. Neben ihm massierte sich meine Schwester zusammengekauert mit ihren Händen ihre kalten Füße, während sie einen leeren, starren Blick auf das Ende der Straße warf, wo sie eine kleine Regung entdeckte. Eine klare, junge Stimme ertönte von diesem Ort aus, und dann erkannte sie, wie zwei Personen aus einem Hauseingang hinaustraten – in dicke Winterkleidung gehüllt – und sich in ihre Richtung bewegten.
    Es handelte sich dabei um ein junges Mädchen und ihren großen Bruder. Sie liefen Hand in Hand nebeneinander her, doch schon bald löste sich die Kleine vom Griff und sprintete in Richtung des von dickem Schnee bedeckten Spielplatzes davon.
    Sie tollte eine Weile herum und bewarf die Spielgeräte mit Schneebällen, dann entdeckte sie die beiden verlorenen Seelen auf der Steintreppe und lief neugierig auf sie zu. »Hey Noah, da sitzen Leute!«
    »Dann störe sie nicht«, rief der Junge mit einer tiefen Stimme hinterher, doch es schien als wären ihr seine Worte völlig egal, denn sie rannte trotzdem über die Straße.
    »Hallo!«, begrüßte sie die zwei, und erst jetzt erwachte der alte Mann aus seinem Tagtraum und schenkte dem jungen Mädchen Beachtung.
    »Hallo. Oh, es hat aufgehört zu schneien.« Er warf einen Blick auf seine Uhr und setzte eine niedergeschlagene Miene auf.
    »Was macht ihr hier?«, fragte sie und fügte hinzu: »Ich bin Sonja und ich bin zehn Jahre alt. Wer seid ihr?«
    »Ich bin Kalvin und ich bin dreiundsiebzig«, antwortete der Mann lachend. »Und ich warte darauf, dass der Laden hier aufmacht.« Er wies hinter sich. »Ich muss dort etwas kaufen. Einen Verlobungsring für meine Frau.«
    Er lachte darüber, wie unsinnig dieser Satz klang.
    »Ich habe gesagt, du sollst die beiden nicht stören«, schalt der Junge das Mädchen, das sich davon aber kaum beeindrucken ließ.
    »Ach wo, sie stört ja nicht. Es ist nicht so, als hätten wir hier sehr viel zu tun«, entgegnete Kalvin.
    »Und wer bist du?«, fragte Sonja die Zukunft, die jedoch nicht antwortete. Stattdessen blickte sie Sonja nur mutlos an.
    »Hallo?«
    Keine Reaktion.
    »Hallo?«
    Kalvin lachte. »Ach, manche Menschen reden eben wenig. Weißt du«, flüsterte er Sonja zu, »als ich noch jung war, habe ich auch kaum gesprochen. Ich wusste einfach nie, was ich sagen sollte – und wenn ich dann mal etwas gesagt habe, haben sich die anderen so angesehen, als hätte ich mich auf einen Frosch gesetzt. War nicht leicht.« Er lächelte und schüttelte seinen Kopf.
    »Und heute reden Sie mehr?«
    »Oh ja!«, rief er. »Reden ist etwas sehr schönes, finde ich. Ich habe nur meine Zeit gebraucht, um das herauszufinden. Meine Frau hat mir dabei sehr geholfen.«
    »Wie ist sie so?«
    »Sie redet noch mehr als du und ich zusammen! Und sie kann andere Menschen lesen wie Bücher. Gestern habe ich die Dachkammer aufgeräumt und bin dabei auf eines ihrer alten Notizbücher gestoßen.«
    Er holte es heraus und zeigte es dem Mädchen. Dann klappte er es auf und holte einen vergilbten, halb zerfallenen Zettel heraus, den er ihr vor die Nase hielt:


    Hiermit verpflichtet sich Kalvin Küste, Dianara Amseltod einen wundervollen Verlobungsring zu besorgen.


    Kalvin Küste


    »Als ich ihr den Zettel damals gegeben habe, hat sie gemeint, dass ich das sowieso nicht tun werde. Aber hier bin ich und werde es tun! Ich hatte es all die Jahre doch glatt vergessen. Ich möchte sie damit überraschen, weil sie bestimmt nicht mehr damit rechnet.«
    »Bestimmt nicht«, bestätigte der Junge trocken, der seiner Schwester über die Schulter geschaut und den Zettel mitgelesen hatte.
    Die Kleine und ihr Bruder begaben sich kurze Zeit später zur Bank der anderen Straßenseite und versuchten, einen Schneemann zu bauen. So verging die verbleibende Zeit für den Mann schneller, bis es ihn schließlich überraschte, als der Ladenbesitzer tatsächlich auftauchte, die Tür öffnete, und ihn hineinließ.
    Meine Schwester saß währenddessen noch immer auf der Treppe und wirkte dabei so kläglich, dass sogar das Mädchen auf der anderen Seite der Straße ihren Bruder leise fragte, was denn mit ihr geschehen sein mochte.
    Kalvin hatte überhaupt nicht begriffen, was sie von ihm gewollt haben könnte. Sie hörte das Gespräch zwischen dem Alten und dem Verkäufer hinter sich.
    »Ich möchte einen Diamantring kaufen«, rief er. »Aber wir müssen uns beeilen. Er soll toll aussehen und passen! Das ist das wichtigste.«
    »Welche Ringgröße haben Sie denn?«
    »Ah, er ist für meine Frau. Warten Sie, ich habe die Größe irgendwo aufgeschrieben. Sie müssen wissen, mein Gedächtnis … also, nicht dass es je besonders gut gewesen wäre. Aber heutzutage … kann ich mir selbst eine einfache Zahl nicht mehr so leicht merken. Ach verdammt, den Zettel habe ich nicht dabei. Ich habe doch glatt mein Notizbuch Zuhause liegen lassen.«
    Die Zukunft hörte ein missmutiges Brummen, dann ein wenig Gekrame. »Warten Sie, ich habe … ich habe ihren alten Ring mitgenommen, nur für den Fall … ich bin sicher, ich …«
    Seine Stimme wurde leiser, als er vergeblich in seiner Tasche nach ihrem Ring suchte. »Ich muss den Ring so schnell wie möglich kaufen!«, rief er verärgert, schien fast schon in Panik zu geraten.
    »Beruhigen Sie sich erst einmal. Tief ein- und ausatmen. Sie haben den Ring bestimmt dabei, sie müssen nur Ruhe bewahren und danach suchen«, erklärte der Ladenbesitzer in einer ermunternden Stimme.
    »Sie haben Recht«, erklang die tiefe Stimme des Alten. »Sie haben Recht … warten Sie.«
    Es ertönte das Klingeln eines Handys. »Entschuldigen Sie, das ist meins, bin gleich zurück«, erklärte Kalvin, woraufhin er das Telefon zutage förderte und den Laden verließ, um zu antworten. Er lief die Straße auf und ab und weckte damit auch das Interesse des kleinen Mädchens, das ihn zusammen mit seinem Bruder beobachtete.
    »Ich verstehe«, sagte der Mann vorsichtig und leise, während er aufmerksam weiter den Worten lauschte, die aus dem kleinen Geräte hervorstachen. »Nein …«, krächzte er nach ein paar Sekunden. »Nein, nein, nein … Ich bin doch gerade … nein …«
    Er lauschte noch ein paar Minuten der Stimme im Hörer, nickte ab und zu und gab schwache Laute von sich. Letztendlich ließ er entmutigt das Telefon sinken, drückte einen Knopf, um das Gespräch zu beenden und schob das Gerät zurück in seine Tasche.
    Seine Schultern sackten zusammen, als würden sie auslaufen, während er wieder zurück zur Treppe taumelte und sich direkt neben der Zukunft niederließ. Er stützte seine Arme auf seine Knie und blickte zu Boden.
    »Meine Frau ist gerade gestorben«, flüsterte er.
    »Was?«, fragte das kleine Mädchen schockiert. »Was ist passiert?«
    »Vor einer Woche kam sie ins Krankenhaus. Sie hatte einen Anfall. Ich war die ganze Zeit bei ihr, nur gestern habe ich zu Hause vorbeigeschaut und die Wohnung aufgeräumt. Dann fand ich das Notizbuch und mir fiel wieder ein, dass ich ihr den Ring noch immer schulde.«
    Er redete schwach und mit zittriger Stimme. Mittlerweile waren auch die anderen beiden an den Alten herangetreten. Der Ladenbesitzer stellte sich in den Türrahmen, um zu sehen, ob alles in Ordnung war.
    »Ich wollte ihr unbedingt noch diesen Ring schenken.«
    Er presste seine Hand an die Stirn und sein Körper begann zu beben. Die Zukunft erkannte, wie ihm Tränen aus den Augen rollten. Sie zögerte einen Moment, dann streckte sie ihre Hand aus und setzte sie zurückhaltend gegen seine Wange, um eine davon von seinem Gesicht zu sammeln, die sie kurz danach unbemerkt in ein Reagenzglas fallen ließ.
    Nach wenigen Minuten entschloss sich Kalvin, endlich zu seiner Frau zurückzukehren.
    Er hinterließ eine gebrochene Stimmung und ein heulendes Mädchen. Der Junge versuchte offensichtlich sie zu trösten, und tat es mit einem altersgemäßen Erfolg:
    »Ach Sonja, nicht weinen. Der Kerl ist selber schuld. Ich meine, wenn seine Frau im Sterben lag, was macht er dann hier? Er hat ewig vor diesem Laden gesessen, anstelle zu ihr zurückzukehren! Und überhaupt, wie kann man es so lange vermasseln, einen Verlobungsring zu kaufen? Die waren längst verheiratet!«
    Der Bruder schien endlich mit seinem Monolog fertiggeworden zu sein. Sonja trat ihm wütend gegen sein Knie.
    Die Zukunft stand auf und kehrte der Szenerie den Rücken. Wenn ich so darüber nachdenke, kommt es mir so vor, als wäre diese Begegnung nicht so verlaufen, wie die Zukunft sich das gewünscht hätte.
    Sie schleifte ihr Gepäck eher kraftlos hinter sich her, als es zu tragen, während sie ihre Hand unter ihre Augen hielt. Wehmütig betrachtete sie den Ehering, den sie dem Alten aus der Tasche gezogen hatte, als er vor dem Laden in sie hineingerannt war. Dann ließ sie ihn in die Tasche fallen.




  • http://i.imgur.com/NAFgkat.pngWarnung!
    Das folgende Kapitel enthält Gewaltszenen.



       T i b e r i o s S t u n d e d e s R u h m s



    Etwas Interessantes an den Menschen ist, dass man sie darauf aufmerksam machen muss, wenn sie zu weit gehen. An keinem Punkt wird ein Mensch von alleine empathisch.
    Die Zukunft ist schweigsam und als solche nicht in der Lage sich zu wehren, wenn man sie beschädigt. Daher ist es auch ein so weit verbreitetes Muster, dass die Zukunft zugunsten einer zeitweiligen Wonne in Mitleidenschaft gezogen wird.
    Man raucht und beschädigt langfristig die eigene Gesundheit, oder man verbraucht zu viel Wasser, lässt Essen verroten, oder man liegt die ganze Zeit faul im Bett herum, oder man vernachlässigt die Menschen, die einem etwas bedeuten – die Kosten trägt man nicht in jenem Moment, sondern sie fallen der stillen Zukunft zur Last, die sich nicht wehrt. Natürlich nicht nur der eigenen Zukunft, sondern der Zukunft an sich.
    Doch nun zurück zur Geschichte.
    Ein paar Straßen weiter fiel meiner Schwester ein kleiner Lebensmittelladen auf, aus dem sie eine Orange mitgehen ließ. Je weiter sie lief, desto neuer wirkten die Häuser. Irgendwann ließ sie die bewohnte Gegend hinter sich und stand auf einem Weg, der durch eine dunkle Parkanlage führte.
    Die Umgebung schwieg, während die Zukunft durch den kalten Schnee stapfte, doch bereits nach wenigen hundert Metern hörte sie Geräusche aus weiter Ferne – das Quietschen ungeölter Eisenscharniere, das Donnern von Güterzügen und die Glocken einer Schranke. Das Ende des Pfades brachte sie zu einer hohen, schmalen Brücke, die weiter bis zum Bahnhof führte. Direkt neben dem Aufstieg, von dem aus man über das gesamte Schienennetz blicken konnte, führte ein verlassener Abstieg hinunter zum ehemaligen Bahnhofsgebäude, das im Laufe der Jahre zu einer Ruine geworden war.
    Die Zukunft machte sich auf den Weg dorthin und betrachtete die gefliesten, von Graffiti überhäuften Wände des Tunnelsystems, das sich vermehrt verzweigte und nur spärlich beleuchtet war. Einige der Gänge wiesen zum neuen Bahnhof und andere zu einer Bushaltestelle.
    Schließlich gelangte meine Schwester an eine Kreuzung. Als sie sie betrat, hörte sie Stimmen aus der Richtung des neuen Bahnhofs. Sie blickte den Gang hinab, wo sie eine Gruppe Jugendlicher erkannte, die auf sie deuteten.
    »Oh, schaut mal!«, rief ein Junge mit rotblondem Haar, der kleinste der Gruppe.
    »Was ist das für ’ne Tasche?«, fragte eine Frau von vielleicht 20 Jahren mit einer harschen Stimme.
    Einen Moment später standen alle fünf direkt vor der einsamen Zukunft und blickten sie argwöhnisch an. Der Geruch von Alkohol füllte die Luft.
    »Zeig mal, was drin ist«, befahl der größte von ihnen. Er trug eine warme Weste über einem T-Shirt, sodass seine sehnigen, langen Arme sichtbar waren.
    Die Zukunft antwortete nicht, sondern sah ihn nur mit einem leeren Blick an. Die Reisetasche hielt sie seelenruhig auf ihrem Rücken.
    »Dir wurde was gesagt, Kleine«, blaffte die Frau. Sie stellte sich vor die Zukunft und blies ihr eine Schwade Zigarettenrauch ins Gesicht.
    Der rothaarige Junge kam grinsend hinter den anderen hervor und hielt sein Handy auf die Zukunft. »Los, Elise, mach mal was.«
    Er drückte auf einen Knopf, um die Aufnahme zu starten.
    Die Zukunft schien das Interesse an ihnen verloren zu haben und drehte ab. Kaum war sie ein paar Schritte gelaufen, zog ihr etwas den Boden unter den Füßen weg und sie stolperte in einen dunklen Weg neben der Kreuzung, der zu einer Sackgasse führte. Jemand hatte ihr ein Bein gestellt.
    Das Mädchen mit dem Vogelei stand eine Ecke weiter und beobachtete sie durch einen kleinen Spalt aus der Ferne. »Schon wieder?«, murmelte sie ungehalten. Während sie sah, was passierte, umschloss sie mit der Hand das Ei ein wenig fester und schlich sich näher heran, um die Zukunft weiter im Blick zu haben.
    »Hat dir keiner Manieren beigebracht?«, raunte Elise und trat gegen das Schienbein meiner Schwester, die nun endgültig das Gleichgewicht verlor und gegen die Wand schlug, bevor sie auf dem Boden aufprallte.
    Das Smartphone in der Hand des Rotschopfes verfolgte ihre Flugbahn. Er hielt es so nah wie möglich an das Gesicht der Zukunft, ohne dabei in die Quere der Angreiferin zu kommen. »Woah, Elise hat schlechte Laune«, lachte er hohl.
    Währenddessen hockte sich Elise breitbeinig vor die Zukunft und packte ihr Kinn, sodass sie ihr Gesicht ins schwache Licht ziehen konnte. Sie wies dabei mit dem Kopf auf die große Tasche, die neben ihnen lag, damit sich einer der Jungs ihrer annehmen würde.
    Jemand sprang vor und riss den Verschluss des Gepäcks auf.
    »Hübsches Gesicht«, bemerkte Elise. Sie strich mit einem Finger über die Haut der Zukunft, die noch immer eine ausdruckslose Miene zeigte, als wäre sie in diese Situation gar nicht involviert. Elise fühlte angesichts dessen Wut in sich aufkommen. Sie hasste es, ignoriert zu werden.
    Sie schlug mit ihrer Faust kraftvoll gegen die Wangen der Zukunft – so stark, dass ihr Kopf mit einem Knirschen gegen die Wand hinter sich prallte.
    Immer noch dieser leere Ausdruck. Kein Schmerz zeichnete sich ab, keine Angst, keine Wut. So, als wäre diese Gestalt eine leblose Puppe. Sie hob den Kopf der jungen Frau noch einmal hoch und erkannte dann ein winziges Huschen der großen, grünen Augen, die sich in Elises Gesicht verankerten. Elise rauschte ein Schauer über den Rücken.
    »Gefällt dir das etwa?«, fragte sie leise. Keine Antwort. Sie stand auf und ließ ihren Fuß in die Magengegend des am Boden liegenden Mädchens sinken. Sie spuckte der Zukunft auf die Stirn.
    »Ich – hab – dich – was – gefragt –«
    Mit jedem Wort trat sie gegen die Hüfte der Zukunft, den letzten Tritt richtete sie gegen ihren Oberarm. Er knackte.


    Das kleine Mädchen, das die Situation beobachtete, stand nur noch einige Meter hinter ihnen. Es ballte mit kaltem Gesichtsausdruck eine Faust und zerquetschte damit das Vogelei in seiner Hand.
    »Die ruinieren meine Arbeit«, flüsterte sie und schüttelte resignierend den Kopf. Der Zukunft war nicht zu helfen. Sie betrachtete ihre glitschigen Finger mit den daran klebenden Schalenresten. »Ich sollte mich waschen«, sagte sie und verschwand in einem Lichtblitz.
    »Was war denn das?«, wunderte sich Elise und wandte sich zur Quelle des Lichts um, schob es aber auf ihre Einbildung. Dann zog sie den größten Jugendlichen an ihre Hüfte und setzte einen Kuss auf seinen Mund.
    »Was gefunden, Tiberio?«, fragte sie den Jungen mit der Kamera.
    »Hier ist eine Decke drin! Irre warm. Damit könnte man einen Kerl vorm Erfrieren retten. Außerdem ist hier noch aller möglicher Schrott.«
    »Sie sagt immer noch nichts«, merkte einer der Jungen an. »Kiwi, was meinst du?«
    Kaum gerufen, löste sich der Große aus Elises Umarmung und ging hinüber. Währenddessen kniete sich Elise neben die riesige Tasche und durchwühlte den Inhalt, bis sie auf etwas stieß, das ihr Interesse weckte. Sie lachte auf, hielt das Gerät hoch und schaute nach, ob es funktionierte.
    »Was willst du mit einem Taschenrechner?«, fragte Tiberio mit einer anklingenden Spur Hohn in der Stimme. Sie steckte den Rechner mit den Worten »Der ist grafisch!« ein und lächelte ein verhaltenes Grinsen.
    Der Junge mit dem Spitznamen Kiwi zog die Zukunft währenddessen unsanft an den Schultern zu sich hoch. Sie sah aus wie ein Haufen Elend – mehrere geplatzte Wunden öffneten ihr Gesicht und Blut tröpfelte aus den Verletzungen an ihrem Körper. Er setzte seine Lippen an ihr Ohr und flüsterte: »Sehr schade, dass meine Freundin hier ist«, bevor er sie fallen ließ und sein Knie in ihren Magen rammte.
    Elise beobachtete ihren Freund dabei und erinnerte sich an das Gespräch am Tag davor.




    Elise saß an die Kacheln gelehnt im dumpfen Licht des verlassenen Bahnhofstunnels, wischte sich ihren Mund ab und nahm dann einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Vor ihr stand ihr Freund Kiwi, der gerade seine Hose zuknöpfte.
    Nach einer Weile beruhigte sich der Atem der beiden wieder und Elise hob die Stimme: »Wie war die Berufsschule?«
    »Ach, lass mich damit bloß in Ruhe!«
    »Du warst doch dort, oder?«
    »Was soll ich da?« Er schüttelte den Kopf und spuckte auf den Boden. »Ist doch der allergrößte Schwachsinn. Die Lehrer warten nur darauf, dass sie einem was reindrücken können.«
    »Früher oder später wird einer von uns genug Geld verdienen müssen«, merkte Elise an, obwohl sie wusste, dass es ein Thema war, über das sich Kiwi nicht gerne unterhielt.
    »Fresse! Du hast gut reden. Was treibst du denn den ganzen Tag? Du hast die ganze Zeit irgendwas ›Besseres‹ zu tun.«
    Elise rollte mit den Augen. »Nur weil ich –«
    »Ne, ich habe gerade keinen Bock drauf, mir das anzuhören. Pass auf. Du hast offenbar nicht mehr so groß Lust dazu, mit den Jungs abzuhängen. Die langweilen sich, wenn ihnen keiner sagt, was sie machen sollen. Aber du kannst das ja nicht mehr so gut, nicht wahr? Vielleicht hast du ja irgendwo ein Herz gefunden? Mit Blümchen? Soll ich mal deinen Platz einnehmen? Wir brauchen irgendwen, der die Sache ernst nimmt. Alles klar, Püppchen?«
    Püppchen. Elise fletschte die Zähne. Der Muskelprotz vor ihr stellte sich überheblich und mit verschränkten Armen vor sie. Er zeigte seine Zähne durch ein kleines Grinsen. Sie verspürte große Lust, ihm eine Eisenstange durchs Gebiss zu stoßen.
    »Bin ja nicht nur ich, der das sagt«, fuhr er etwas ruhiger fort. »Von den anderen traut sich keiner so wie du, und wenn das so weitergeht, meinen noch irgendwelche anderen Leute, sich im Bahnhof einnisten zu müssen. Machen wir es doch so: Du kommst morgen mal wieder mit uns mit, wir trinken was, und wenn uns wer begegnet … ich meine, Geld brauchen wir alle! Dann kannst du den Leuten mal zeigen, dass du noch die Alte bist. Und wenn’s nicht klappt … naja, dann haben wir noch mich! Aber ich werde dir dann eine reinhauen müssen, so als Geste. Verstehst schon. Die anderen sollen nicht denken ich übernehme deinen Posten aus Mitleid.«
    »Bullshit«, antwortete sie. Selten hörte man diesen Kerl so viel reden. Sie blickte einige Sekunden den Gang hinab, bevor sie weitersprach. »Verschwinde.« Elise blickte ihm in die Augen. »Wir sehen uns morgen.«
    Er grinste und zuckte mit den Schultern. Mehr wollte er sie nicht provozieren, also ließ er seine Freundin im dunklen Gang zurück.
    Kaum war er weg, sackte Elise noch ein Stück weiter auf ihrem Platz zusammen und lehnte sich im Schneidersitz gegen die Wand. Kurz darauf zog sie einen Handspiegel aus ihrer kleinen Tasche und richtete ihr Make-Up, das ein wenig in Mitleidenschaft gezogen worden war. Aus dem Spiegel blickten sie helle, leicht gedunsene Augen mit verwaschenem Eyeliner an, rot gefärbte, strahlende Haare und ein eingefallenes, müdes Gesicht.
    Danach steckte sie sich eine Zigarette an, zog ein Arbeitsheft, ein Buch und einen Stift hervor und lernte Mathematik. Kiwi wusste nichts davon, dass sie seit einigen Wochen in der Abendschule versuchte, ihren Abschluss nachzuholen. Auf seine negative Aura konnte sie definitiv verzichten, vor allem, was seinen Hass gegenüber jeder Form von Schule anging. Ihr Freund war relativ einfach gestrickt.
    Sie krakelte mit hässlicher Schrift aufs Papier und versuchte, die Gleichungen und Polynome von Hand zu lösen, indem sie die großen Zahlen schriftlich miteinander verrechnete. Ihr war jedoch klar, dass sie es langfristig auf diese Weise nicht schaffen würde, mitzuhalten, vor allem, wenn sie mit Integration beginnen würden.
    Frustriert dachte sie an deren hohe Preise und daran, dass sie schon die Schulbücher nur mit großer Mühe hatte bezahlen können. »Hab kein Geld für sonen Schwachsinn«, murmelte sie bitter zu sich selbst, sodass ihr ein Gedankensturm durch den Kopf wehte, in dem sie sich ausmalte, wie sie den Abschluss in den Sand setzte.
    Kaum war die Zigarette aufgebraucht, zündete sie sich eine neue an. Dann schlug sie mit der Faust gegen die Wand, und zerbrach eine der Kacheln.




    »Hey, meint ihr nicht, es reicht langsam?«, fragte Tiberio. Die Zukunft bewegte sich mittlerweile nicht mehr von alleine. Ihr Kleid war zerrissen, man sah die Haut darunter durch ihren schwachen Atem sachte auf und ab beben. Er ließ das Handy ein stückweit sinken.
    »Ach, meinst du?«, raunte Kiwi angriffslustig und bäumte sich vor Tiberio auf, der ein wenig zusammenkauerte. »Willst du ihr Gesellschaft leisten?«
    »Schnauze, Kiwi«, raunte Elise.
    »Habe genug aufgenommen«, gab Tiberio zurück.
    »Also willst du abhauen? Oder vielleicht vorher einen Krankenwagen rufen? Ihr einen Tee kochen?«, spottete Elise. Die anderen kicherten. Dann setzte sie hinzu: »Nein, Mann, im Ernst, wir tun was du sagst. Schlag was vor.«
    Der Junge blickte sich um und überlegte einen Moment. Nach der Suchaktion lag das Innere der Reisetasche um sie herum verstreut, also bückte er sich, schmiss das meiste wieder hinein und warf sich die Tasche um die Schulter, bevor er antwortete: »Wir lassen sie liegen, aber die Tasche nehmen wir mit. Vielleicht kann man was verkaufen.«
    Elise nickte und sie zogen wieder ab. Ihre Stimmen hallten noch eine Weile lang in den Gängen, bis man nichts mehr hören konnte. Fast nichts. Nur das röchelnde Atmen der Zukunft, die lange einfach nur blutend da lag.


    Ich weiß, was ihr jetzt sagen werdet. Jeder hat mal einen schlechten Tag, davon sollte man sich nicht entmutigen lassen.
    Die Zukunft wartete eine Weile, bis die Jugendlichen die Gegend verlassen hatten und versuchte sich dann mit ihren verbliebenen Kräften wieder aufzurichten.
    Sie hatte all ihr wertvolles Gut verloren. Auf dem Boden verstreut lag nur noch Unrat, den sie nicht mehr gebrauchen konnte. Einzig die Orange und das Reagenzglas mit den Tränen nahm sie an sich. Eine Träne hatte sie bei dieser Begegnung nicht sammeln können, aber sie entschied sich für eine andere Art Trophäe.
    Sie öffnete das Glas und hielt ihren zitternden Arm darüber, bis ein Tropfen ihres Blutes hineinfiel, dann stöpselte sie es wieder zu und lief ein paar Schritte. Während ihr das zuerst noch besonders schwer fiel und sie sich an der Wand abstützen musste, ging es schon bald leichter – dennoch konnte sie nicht ganz aufrecht laufen.
    Damit machte sie sich auf den Weg zu ihrer vierten und letzten Begegnung an diesem Tag. Sie humpelte durch die Gänge, bis sie zum alten Bahnhof gelangte.
    Es waren Wolken am Himmel aufgezogen, die das rötliche Licht der Stadt zwischen sich und dem Schnee hin und her warfen, sodass sie trotz der Dunkelheit gut sehen konnte.
    Irgendwann hatte sie nicht mehr genug Blut in sich, das sie verlieren konnte, sodass sie rote Spur hinter ihr immer schwächer wurde und schließlich verebbte.
    Neben dem alten Gebäude wucherten Bäume und Sträucher am Weg, der neben den Schienen entlang zur anderen Seite der Eisenbahnbrücke und somit wieder zurück in die Stadt führte.
    In dieser verlassenen Gegend abseits jeglicher Zivilisation saß ein Mann im Lichtkegel einer flackernden Laterne im Schnee. Neben ihm lagen zwei Flaschen, die eine leer, die andere halb ausgelaufen. Seine kurz gelockten, fettigen Haare waren von Schneeflocken durchsetzt, als hätte er den ganzen Sturm hier draußen verbracht. Durch die Kälte verkrustetes Erbrochenes klebte von seinem Mund abwärts an seiner Kleidung.
    Um ihn herum fanden sich keinerlei Fußspuren im Schnee. Dennoch verweilte er nur da, ruhig, mit beunruhigend langsamen Atemzügen, als würde er nicht frieren. Es fiel sehr schwer, hinter dem Auftreten des Mannes sein wahres Alter zu vermuten, doch er wirkte weitaus älter, als er in Wirklichkeit war.
    Es würde nicht mehr lange dauern, bis er erfror. Meine Schwester beugte sich zu ihm hinunter und berührte seine Stirn. Als sie die Kälte seines Körpers bemerkte, setzte sie sich neben ihn, öffnete ihren Umhang und legte ihren Arm um seinen kalten Körper, damit sie ihn zu sich heranziehen konnte. Er stöhnte schwach und schmerzerfüllt und seine Augen richteten sich auf ihre, als er ihre Wärme spürte. Ein unverständlicher Ton, vielleicht ein Wort, löste sich aus seiner Kehle.
    Sie hatte keine Möglichkeit mehr, ihn zu retten. Alles, was sie tun konnte, war sich an ihn zu schmiegen und so viel Wärme zu spenden, wie in ihrem mageren Körper noch übrig war.
    Nach ein paar Minuten schälte sie einen Teil der Orange. Sie brach ein Stück heraus, um es dem Mann in den Mund zu schieben. Er war nicht in der Lage, es zu kauen. Das Stück fiel hinab auf seine Brust. Meine Schwester legte den Rest der Frucht vor sich in den Schnee.
    Nur mit Mühe schaffte sie es, schnell genug zu reagieren und die Träne aufzufangen, die aus dem Augenwinkel des Mannes hinaustrat.




    Pontian streckte seine Hand aus, um die Münzen entgegenzunehmen, mit denen der Mann vor der Theke das Gemüse bezahlen wollte.
    »Danke, danke!«, rief er heiter und nahm einen Schluck aus dem Glas auf dem Tresen. »Heutzutage ist jeder Kunde … Geld wert«, erklärte er, obwohl ihm in der Mitte des Satzes dessen Sinnlosigkeit auffiel.
    »Bist du sicher, dass du zur Arbeitszeit trinken solltest, Pontian?«, fragte der andere Mann.
    »Ist nicht so, als würde außer dir heute noch jemand kommen.«
    »Na, na, mal nicht so depressiv sein!«, lachte er und Pontian stimmte ein.
    »Wie geht es denn deinem Jüngsten?«, führte der grauhaarige Gast das Gespräch fort, obwohl er den Beutel mit seinem Einkauf bereits in den Händen hielt.
    »Dem geht es hervorragend! Seit seine Mutter gestorben ist, hat er es schwer, aber Aaron passt auf ihn auf. Aber …« Er beugte sich vor und fuhr im Flüsterton weiter: »Verrat’s nicht weiter, aber Aaron hat ein paar seltsame … Interessen. Verkauft komische Puppen. Er schimpft immer mit mir, meint, wenn ich nicht von alleine auf die Beine komme, soll ich am Ende nicht auf ihn zählen.«
    »Mein Beileid«, antwortete sein Freund, doch Pontian winkte ab.
    »Wie geht’s denn Chris?«
    »Oh, dem geht’s gut. Er und Aaron machen ja nicht mehr so viel mit einander, aber er strengt sich bei der Arbeit echt an.«
    Pontian setzte ein schiefes Lächeln auf, dann griff er wieder zum Glas, hielt es seinem alten Freund hin, als würde er anstoßen wollen und trank es leer.
    Wenig später verabschiedete sich der Kunde und ließ den Besitzer alleine im Laden zurück. Pontian kraulte seinen Bart und blickte sich im Geschäft um: Ein kleiner, enger Lebensmittelladen, der alles an Früchten anbot, das man sich nur vorstellen konnte, von Äpfeln zu Zwetschgen über Gurken zu Pfirsichen. Es hatte ihn viel Zeit und einen großen Abschnitt seines Lebens gekostet, all das aufzubauen, und er war ebenso stolz auf diesen Laden wie auf seine Söhne.
    Der Mann seufzte und lehnte sich mit einem altersgemäßen Stöhnen zurück in seinen Stuhl. Schließlich wanderte seine Hand langsam zur Schublade neben der Theke und er zog sie auf, dann nahm er zögerlich den Stapel Papier heraus und klatschte ihn unwirsch auf den Tisch. Er griff nach einem Stift im Regal hinter sich und beugte sich schließlich vor.
    Beim obersten Blatt handelte es ich um die erste Seite eines nicht ausgefüllten Insolvenzantrags. Er überflog die Zeilen, blätterte um und sah sich auch die folgenden Zeilen aufmerksam an. Doch seinen Stift verwendete er nicht. Stattdessen überflog er das Notizbuch mit den Haushaltsnotizen dieses Jahres.
    Er kratzte durch sein Haar und machte einen entmutigten Seufzer. »Wenn doch nur meine Tomaten so rot wären wie diese Zahlen«, murmelte er.
    Er betrachtete den Insolvenzantrag widerwillig. Irgendwann musste er es tun, dachte sich Pontian. Er griff nach der Flasche unter der Theke, öffnete sie und goss sich erneut einen Schuss Scotch ein, den er seine Kehle hinunterspülte. Dann ließ er das Glas einfach fallen.
    Pontian nahm den Antrag in die Hand und warf ihn in den Papierkorb. Ohne groß nachzudenken stand er auf, stellte sich in die Mitte des Ladens, und schmiss den Korb Orangen um, die zu Hunderten über den Boden kullerten, bevor er eine davon zertrat und den Laden verließ.




    Irgendwann spürte die Zukunft, dass der Körper neben ihr, den sie seit langem mit all ihrer nutzlosen Kraft in ihre Arme schloss, keine eigene Wärme mehr produzierte. Dennoch ließ sie nicht los, sondern legte ihren Kopf gegen seinen.
    Es hatte wieder begonnen, zu schneien, doch nur wenige Flocken fielen hinab. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie das gleiche Ende wie Pontian finden würde, wenn sie noch länger in dieser Kälte sitzen blieb – trotzdem brauchte sie eine ganze Weile, bis sie ihn zurücklassen konnte.
    Sie lief – noch immer geschwächt von der unpfleglichen Behandlung der Jugendlichen – unter dem Nachthimmel entlang zurück in die Stadt. Ihr Zuhause war weit weg.


    Rückblickend betrachtet lässt sich feststellen, dass dieser Tag für sie schon irgendwie blöd gelaufen ist. Erst um vier Uhr morgens durchschritt sie das Gartentor des Hauses, in dem sie lebte. Drinnen brannte längst kein Licht mehr. Sie fummelte eine Weile mit ihren ungeschickten, halb erfrorenen Händen am Schloss herum, bis es klickte und ihr Einlass in ihr Heim gewährte. Die Wärme legte sich sofort um sie wie ein kuscheliger Wollpullover.
    Zunächst betrat sie das Bad, wo sie ihren Umhang ablegte und sich ihres zerrissenen Kleides entledigte. Sie blickte, nur mit ihrer weißen Unterwäsche bekleidet, in den großen Spiegel, der fast die gesamte Wand über dem Waschbecken einnahm. Zahllose Verletzungen und Narben übersäten ihren Körper, von denen die meisten allerdings weit älter waren als ein paar Stunden. In den Zwischenräumen tummelten sich zahllose Blutergüsse verschiedenster Farben, die sich wie eine Aquarellbemalung über ihre ganze Haut zogen. Sie ließ das Wasser an und sammelte es in ihren Händen, um ihr Gesicht abzuspülen.
    Als wären sie tatsächlich nur aufgemalt gewesen, wuschen sich ihre Wunden zusammen mit dem Dreck und Blut von ihrem Gesicht ab. Sie blickte zurück in den Spiegel, der ihre grünen, münzgroßen Augen nun in einem makellosen Gesicht zurückwarf, in dem sich nicht die geringste Spur einer Verletzung fand.
    Plötzlich regte sich etwas im dunklen Flur und die Zukunft hörte Schritte, die immer näher rückten. Bald schob sich eine Gestalt in freizügigem, zweiteiligen Schlafanzug durch die Tür – eine Frau mit kohlrabenschwarzem, schulterlangem Haar, durch das sich eine einzelne, grasgrün gefärbte Strähne zog.
    »Schwesterherz!«, rief sie mit einer müden aber vollen, dunklen Stimme und rieb sich die Augen wegen des hellen Lichts im Bad. »Du bist ja richtig spät«, murmelte sie vorwurfsvoll und lehnte ihren Kopf zwischen die Schulterblätter der Zukunft, die noch immer zum Spiegel hin gerichtet im Zimmer stand. Die verschlafene Frau war rund einen Kopf kleiner als sie, hatte dafür aber ein immenses Becken und einen deutlich fitteren, gesünderen Körperbau.
    Ohne groß zu zögern schloss sie ihre Arme um den Bauch der Verwundeten und drückte sie behutsam an sich. »Wie war dein Tag?«, fragte sie und lauschte der Antwort meiner Schwester.

  • Hey Marille,


    musste das zweite Kapitel erneut lesen, weil meine gespeicherten Zitate am nächsten Tag nicht mehr gespeichert waren =_= Jedenfalls bin ich jetzt mit allen drei Kapiteln durch und muss sagen, dass es auch gut ist, dass ich das jetzt so einzeln lese. Mir sind einige Punkte aufgefallen, die mir damals beim lesen nicht so hängen geblieben sind, da ich doch eher das Gesamtbild vor Augen hatte. Sollte ich aber meine Meinung von damals wiederholen, so tut es mir Leid, aber ich weiß kaum mehr, was ich kritisiert habe. Könnte sogar passieren, dass ich widersprüchlich bin, aber das fände ich sogar interessant.
    Ich werde hier weitgehend nur "negatives" ansprechen, weil ich mich eben auf die Korrektur konzentriert habe, aber es sei erwähnt, dass ich nach wie vor ein Fan der Geschichte bin. Hier und da möchte ich dennoch Formulierungen loben, die mir ganz besonder gefallen haben.

    Als ich angefangen habe die Geschichte vor zwei Wochen zu lesen, empfand ich die Charakterbeschreibung als sehr stören. Ich hatte das Gefühl, es nimmt zu viel vorweg. Liegt wahrscheinlich auch daran, dass genau diese Merkmale etwas sind, woran ich mich erinnere. Ich war dann so "achja stimmt" und das war ein seltsamer Spoiler, obwohl ich die Geschichte eh kenne. Jetzt zwei Wochen später, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es mich wirklich stört. Das einzige, das ich etwas "doof" finde, ist die Verbindung, die man sofort aufbaut. Die eine stiehlt Tränen, die andere weint nicht oft. Das ist eine ziemlich starke Vorhersage für den Plot und ich würde das weniger offensichtlich machen.


    Kapitel I.

    jämmerliche Schluchzen des Jungen nur. »Ich will nicht weg, Mama«, maulte er

    Ich habe länger überlegt, ob ich mir die Szene so vorstellen kann und denke eher nicht. Wenn man vorher jämmerlich schluchzt, dann hat man nicht wirklich die "attitude" in der nächsten Sekunde zu maulen. Finde, das sind zwei sehr unterschiedliche Gefühlslagen.

    während sich ein neuer Schwall Rotz aus seiner Nase auf den Rand des Bierdeckels goss, auf dem seine Limonade stand.

    Bierdeckel auf dem die Limonade steht?

    Sie legte ohne ein Wort zu sagen ihre mächtige Tasche neben dem Stuhl ab und glättete ihr weißes, zerschlissenes Kleid, das größtenteils in Fetzen an ihr hinunterhing und schon viel durchgemacht haben musste.

    Als sie den Laden betritt, wird ihr Aussehen schon kurz angesprochen (nämlich dass sie keine 20 aussieht). In dem Fall finde ich es aber seltsam, dass ihre Aufmachung nicht schon vorher erwähnt wird. Schließlich ist das erwähnenswert. Würde also entweder das mit dem Alter am Anfang weglassen und ihr Aussehen bis zum zitierten Punkt ignorieren oder eben alle wichtigen Merkmale vorher erwähnen.

    Emil versteckte den Füller hastig in seiner Tasche und hielt ihn in einem festen Griff.

    Was für eine Tasche? Muss an eine übliche Tasche denken und das wäre etwas abwegig bei einem jungen Kind. Nehme also an, hier ist die Hosen-, Hemd- oder Jackentasche gemeint.

    Eine eins!

    Eins hier groß, oder? Als Note wird das ja als Nomen behandelt.

    »Kommst du nächste Woche wieder her?«

    Ich finde die Szene grundsätzlich sehr schön und leicht herzzerbrechend. Muss da an Izzy mit ihrer Tochter denken (you know, grey's Anatomy), was mich da schon fertig gemacht hat. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie der da zu ihr für eine halbe Stunde ausreissen kann. Von dem, was man von ihrer Umgebung erfährt, scheint es recht abseits von allem zu sein und es ist auch noch dunkel. In seinem Alter würde er niemals regelmäßig zu einer verabredeten Zeit davon kommen. Würde das Setting irgendwie ändern. Sei es, dass sie in die Nähe seines Hauses kommt, während er im Garten spielt und er schleicht sich da raus, oder sie kommt zur Schule und wartet immer am Eingangstor und er schleicht sich heimlich dahin usw. Irgendwas, das erkennbar in der Nähe von seinem Haus oder einem Ort, wo er öfters ohne die Mutter ist, sein kann.


    Kapitel II.

    Sie stapfte ein paar Mal auf, um den Matsch zu entfernen und gab sich erst zufrieden, als ihre leuchtend grün lackierten Zehennägel wieder zum Vorschein kamen.

    Liebe ja solche Details. Das macht es irgendwie einfacher, sich die Zukunft vorzustellen.

    Der Mann sah sich um und bemerkte das Schneetreiben. »Vermutlich gerade deswegen«, seufzte er. »Wenigstens öffnen sie überhaupt. Sicher hatten sie den Laden heute Vormittag bereits offen, doch als dieses Unwetter anfing, haben sie ihn geschlossen. Was meinst du? Möchtest du da drin auch etwas kaufen?«

    Irgendwie finde ich diese Stelle (fett) zu ausschweifend. Klingt wie eine Erklärung für den Leser, weniger wie etwas, dass ich spontan sagen würde an seiner Stelle. Für mich erfüllt das keinerlei Zweck, aber wirkt gekünstelt, vor allem, weil der Mann eher verpeilt und gehetzt wirkt. Eine solche ruhige und sachliche Ausführung scheint in dem Moment fehl am Platz.

    Du bist genauso gut im Trösten wie im Pünktlichsein.

    Mir wird zu oft seine Unpünktlichkeit gehintet. Während es aber in den anderen Aussagen gut vom Kontext her passt und nicht ganz so wie der Wink mit dem Zaunpfahl wirkt, finde ich diesen Vergleich etwas seltsam. Es kommt in der Erinnerung auch so sehr gut zu Tage, dass er es tatsächlich bis zu ihrem Tod schafft, mit allem zu spät zu sein. Würde das entweder weglassen oder mit etwas wie "Du bist so unbeholfen" ersetzen.

    denn sie rannte trotzdem über die Straße.

    Die Kleine und ihr Bruder begaben sich kurze Zeit später zur Bank der anderen Straßenseite

    »Was?«, fragte das kleine Mädchen schockiert. »Was ist passiert?«

    Hat es einen bestimmten Grund, warum du sie auf die andere Straßenseite setzt? Wirkt auf mich auch nicht ganz realistisch, dass das Mädchen zwei Fremde sitzen sieht und einfach über die Straße läuft. Könnte zwar passieren, wenn ihr die Kleidung von der Zukunft auffallen, aber dann müsste sie diese zuerst ansprechen. In deiner Situation würde ich das Mädchen mit dem Bruder ganz normal auf der gleichen Straßenseite entlang spazieren lassen. Und wenn sie an den beiden vorbeigehen, kann das Mädchen ja noch immer fragen. Auch später, nach dem Anruf, sollten sie nicht woanders sein. Vielleicht den Schneemann paar Schritte weiter weg bauen lassen. In der Dunkelheit würde sie imo nicht von der anderen Straßenseite aus mitkriegen, dass etwas schreckliches passiert ist und erschrocken nachfragen.

    den er ihr vor die Nase hielt:

    »Bestimmt nicht«, bestätigte der Junge trocken.

    Der Bruder kann den Text doch gar nicht lesen, wenn das Zettelchen dem kleinen Mädchen vor die Nase gehalten wird. Da vielleicht anders umschreiben?

    Kalvin hatte überhaupt nicht begriffen, was sie von ihm gewollt haben könnte.

    Bezugsperson etwas irritierend bei "sie". Es ging vorher zwar hauptsächlich um die Zukunft, aber dazwischen wird auch das Mädchen erwähnt. Persönlich musste ich die Stelle mehrmals durchlesen und gut überlegen, was der Satz überhaupt sagen will.

    »Ach Sonja, nicht weinen. Der Kerl ist selber schuld. Ich meine, wenn seine Frau im Sterben lag, was macht er dann hier? Er hat ewig vor diesem Laden gesessen, anstelle zu ihr zurückzukehren! Hätte er früher nachgeschaut, ob er den Ring tatsächlich mithatte, wäre ihm aufgefallen, dass er umsonst hergekommen ist, und er wäre rechtzeitig bei seiner Frau gewesen, um sich zu verabschieden. Jetzt hat er gar nichts! Und überhaupt, wie kann man es so lange vermasseln, einen Verlobungsring zu kaufen? Die waren längst verheiratet!«

    Auch hier zu ausschweifend. Wirkt auf mich nicht natürlich, dass er das so zu seiner jungen Schwester sagt. Die Grundelemente (Vorwurf, erwähnen, dass der Zeitpunkt für den Ringkauf schlecht war) können zwar bleiben, aber für den rest klang der Bruder einfach viel zu desinteressiert die ganze Zeit.


    »Ach Sonja, nicht weinen. Der Kerl ist selber schuld. Ich meine, wenn seine Frau im Sterben lag, was macht er dann hier? Den Ring hätte er schon vor Jahren besorgen müssen. Die waren längst verheiratet! Jetzt war es auch schon egal.«



    Kapitel III.

    Etwas Interessantes an den Menschen ist, dass man sie darauf aufmerksam machen muss, wenn sie zu weit gehen. An keinem Punkt wird ein Mensch von alleine empathisch. Fast so, als wären sie schlichtweg nicht in der Lage, zu erkennen, dass sie etwas Schreckliches tun, solange sich niemand beschwert. Stattdessen wird der Missbrauch einer Sache oder eines anderen Lebewesens, der sich am Anfang möglicherweise sogar irgendwie falsch anfühlt, zur Gewohnheit. In dieser Hinsicht können wir uns gewiss einigen, dass Menschen furchtbar sind.


    Die Zukunft ist schweigsam und als solche nicht in der Lage sich zu wehren, wenn man sie beschädigt. Daher ist es auch ein so weit verbreitetes Muster, dass die Zukunft zugunsten einer zeitweiligen Wonne in Mitleidenschaft gezogen wird.

    Hm, ich weiß grad nicht wie ich das ändern würde, aber mir ist das zu viel. Wirkt wie eine Gebrauchsanweisung dafür, wie man die angehende Geschichte zu interpretieren hat. Ich liebe den zweiten Mini-Absatz, hab den nur reingenommen, weil das aufeinander aufbaut. Aber der fette Teil wirkt wieder zu erklärend und auch belehrend. Letzteres passt aber irgendwie so gar nicht in deine Geschichte, weil die "Belehrungen" eher subtil in den Erfahrungen der Figuren verpackt sind.

    Die Umgebung schwieg

    Tolle Formulierung ♥

    Als sie sie betrat, hörte sie Stimmen aus der Richtung des neuen Bahnhofs.

    Direkt neben dem Aufstieg, von dem aus man über das gesamte Schienennetz blicken konnte, führte ein verlassener Abstieg hinunter zum ehemaligen Bahnhofsgebäude, das im Laufe der Jahre zu einer Ruine geworden war.


    Die Zukunft machte sich auf den Weg dorthin und betrachtete die gefliesten, von Graffiti überhäuften Wände des Tunnelsystems, das sich vermehrt verzweigte und nur spärlich beleuchtet war. Einige der Gänge wiesen zum neuen Bahnhof und andere zu einer Bushaltestelle.

    Ich bin grad ziemlich von der Umgebung irritiert. Sie kommt von einer Brücke und es wird beschrieben wie diese zum alten Bahnhofsgebäude, das kaputt ist, führt. Wo erstreckt sich dann ein Tunnelsystem? Warum verbindet dieses alten Bahnhof und neuen Bahnhof? Sind das diese unterirdischen Übergänge zwischen den Gleisen? Der Abstieg, den sie nimmt, führt ja zum Gebäude. Falls nicht klar ist, was genau verwirrt, kannst du ja nochmal nachfragen.

    der größte

    der Größte.

    zog ihr etwas den Boden unter den Füßen weg und sie stolperte in einen dunklen Weg neben der Kreuzung

    die nun endgültig das Gleichgewicht verlor und gegen die Wand schlug, bevor sie auf dem Boden aufprallte.

    Was hat ihr den Boden unter den Füßen weggezogen? Ist ja doch eine sehr spezielle Beschreibung und kann mir grad nicht vorstellen, was die Jugendlichen gemacht haben, sodass genau dieser Effekt entsteht. Über ein Bein stolpern oder geschubst werden erscheint mir da doch realistischer.


    Hast du die Szene eigentlich umgeschrieben? Ich erinnere mich an sie, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, da war mehr.

    Sie brauchte dringend Schulutensilien, allem voran einen guten Taschenrechner.

    Finde es hier wieder zu offensichtlich wie die Verbindung zur Szene vorher gelegt wird. Als Leser sollte man auch so dahinter kommen, weil sie ja schwierigere Aufgaben im Kopf rechnet und kein Geld hat.

    Kaum war die Zigarette aufgebraucht, zündete sie sich eine neue an. Dann schlug sie mit der Faust gegen die Wand, und zerbrach eine der Kacheln.

    Finde es toll, wie ihre Persönlichkeit im Text verarbeitet wird. Das Mädchen wirkt sehr menschlich durch die intime Beziehung und das Gespräch über die Schule und Gang, aber gleichzeitig wird gezeigt, dass sich da viel Aggression aufbaut und sie nicht weiß, wohin damit, auch wenn sie versucht vernünftig zu sein.


    Ich weiß nicht woran es liegt, vielleicht, weil ich mich noch erinnere, wohin die Geschichte führen soll, aber ein wenig wirken die Erinnerungsszenen gestellt auf mich. Eine konkrete Idee habe ich nicht; mir kam nur der Gedanke, dass es vielleicht auch interessant wäre, die Erinnerungen getrennt aufzuführen und nicht direkt in der Geschichte, die damit zusammenhängt. Aber das würde wohl den Geschichtsfluss ziemlich stören und sehr zufällig wirken. Wollte den Gedanken aber nicht ungesagt lassen; vielleicht hilft es dir ja anderweitig, wenn du weißt, dass ich den überhaupt hatte.


    Du hast das nächste Kapitel nicht gepostet ò_ó Ansonsten weißt du ja, wo du mich bei Fragen findest.


    .: Cassandra :.

  • Hai there, Aprikose ( ・ω・)ノ

    Ich habe heute meinen Toast verbrannt, mein Grüntee ist schrecklich bitter geworden und der Himmel draussen trübt meine Laune auch. Wenn mein Tag schon so grossartig beginnt, mag ich wenigstens deinen etwas bereichern mit einem lang hinfälligen Kommentar zu deiner Geschichte!


    Da ich quasi schon ein wenig mitten drin eingestiegen bin, labere ich einfach mal darüber, was mir ganz allgemein so auffiel beim Lesen und hoffe, dass du daraus den einen oder anderen hilfreichen Schluss ziehen kannst. Okay? Okay cool.


    Was mich überhaupt zu deinem Werk hingezogen hat, war die zu Grunde liegende Idee, welche schon im Titel hervorragend aufgegriffen wird: Personifizierte Zeit war bis dahin nichts, was ich je gelesen habe. Alleine der Titel des Werkes fand ich daher hochspannend: Die Zeit hat Familie? Und gleich zu Beginn wird diese Idee auch weiter gespinnt: Die Zeit hat tatsächlich Familie, und scheinbar sind die Verhältnisse etwas ... angekratzt, scheint es. "Pass auf deine Schwester auf", gefolgt von einem Monolog einer Schwester, welche offenbar ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Schützling hat. Familienkonflikte sind in Literatur nichts neues, auch der Eingangssatz ist etwas, was man schon oft gelesen hat, doch wie schon erwähnt ist personifizierte Zeit halt schon neu und ehrlich gesagt verdammt spannend. Ein eher abstraktes Element wird so mit etwas verknüpft, was man in dem Sinne schon kennt und auch eine gewisse Stabilität gibt; ich kann mir vorstellen, dass ohne das Element der Familie die Grundidee schwer fass-/greifbar wäre. Von daher erstmal Hut ab für die clevere Kombi!


    Was mich zu Beginn auch gleich reingezogen hat, was die episodische Struktur. Darüber haben wir uns ja auch schon kurz unterhalten - wie schon gesagt bin ich ein grosser Fan von Geschichten, welche episodisch beginnen und darauf aufbauen. Es gibt dem Autor eine einfache Möglichkeit, in kurzer Zeit Charaktere und Systeme zu etablieren, welche für den Leser so leicht greifbar sind, und es fällt (zumindest mir) so auch leichter, eine Bindung zu den Figuren und zur Welt aufzubauen. Die bisherigen Kapitel gaben so interessante Einblicke in das Treiben der Zukunft, sie bekam viel Zeit, und der kurze Unterbruch gab auch der Weisheit ihren Tribut. Mit dem letzten Kapitel kommen die Episoden wieder zurück, so wirkte die unterbrechende Bar-Szene wie eine kurze Haltestelle in der Geschichte, in der die Handlung kurz stehen bleibt, um neue Charaktere in die Geschichte einsteigen zu lassen (hah, auf die Metapher bin ich grad unheimlich stolz!). Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich diesen Umstand bewerten soll, da die Spannung an dieser Stelle für mich persönlich etwas abflachte - ich war umso glücklicher, als mit dem letzten Kapitel wieder etwas mehr Aktion auftauchte.


    Zum Thema Spannung mag ich auch noch ein, zwei Dinge sagen! Man merkt doch an, dass du dich schon damit auseinandergesetzt hast, derzeit häng ich an mehreren Elementen der Geschichte 'fest', möchte gerne mehr darüber erfahren. Angefangen mit dem ominösen Projekt der Zukunft (welches auf mich wie das längerfristige Ziel der Geschichte wirkt, auf welches der Leser hinfiebern kann), dem mysteriösen, namenlosen Charakter im Kapitel "Amseltod", dazu die sehr spezielle Charakterisierung von Zukunft, Weisheit und vor allem die Erzählerin - überhaupt, die Identität letzterer liegt ja ziemlich im Dunkeln. Meine Vermutung ist ja, dass es sich um die Vergangenheit handelt, aber da liegt doch noch viel offen. Auch ihr scheinbar zerrüttetes Verhältnis zur Zukunft und vor allem zur Weisheit ist ein Punkt, auf den ich gespannt bin, wann er enthüllt wird.

    Trotz der vielen offensichtlichen Rätsel fühlt man sich als Leser jedoch nicht völlig hintergangen: Ab und an bekommt man doch einen Einblick in Familie Zeit, und wenn nicht, wird man sehr schön davon abgelenkt durch die Sidestories der Nebencharaktere. Diesen Punkt finde ich noch wichtig zu erwähnen - ich denke, etwas vom Schrecklichsten, was einer Geschichte passieren kann , ist, dass du schnell oder zu langsam Information offen gelegt wird. Ersteres lässt sie unglaubwürdig dastehen, letzteres nimmt Spannung und vor allem Interesse. Ich hoffe daher, dass auch der folgende Lauf der Geschichte diese Balance bewahrt!


    (Oh grossartig, jetzt wurde auch noch mein Grüntee kalt, brr. Erstmal Mikrowelle.) Die Charaktere möchte ich auch noch kurz anschneiden. Wie schon erwähnt feiere ich die Idee der allegorischen Figuren an sich sehr - ja, allegorisch passt doch recht gut auf die Figuren. Bisher sind die Protagonisten recht simpel gehalten: Die Zukunft ist schweigsam und passiv, determiniert für ein bestimmtes Ziel, die Weisheit ist ihr Sprachrohr, hat scheinbar einen guten Draht zu Menschen, über Teresa wissen wir bisher nur, dass sie in einem dunklen Loch ihrer Biographie drinsteckt, aber ich schätze, da kommt sicher noch viel mehr - das bisher 'menschlichste' sind vor allem die Nebencharaktere, welche durch ihre Backstories an Farbe gewinnen. Dieser Umstand macht Sinn, einerseits dafür, dass die Geschichte eben allegorisch arbeiten kann, andererseits spannungstechnisch, sobald spezifische Charaktere aus ihrem Muster ausbrechen oder man genaueres zu ihrem eingeschränkten Verhalten erfährt. Von daher bin ich noch gespannt, was daraus noch so folgen wird!


    Wie du mich vielleicht schon kennst, mag ich diesen Beitrag nicht absenden, bevor ich nicht konkret noch ein paar Verbesserungspotenziale aufgezeigt habe - so will ich zwei Punkte noch kurz aufgreifen.


    Der erste Punkt ist mir bereits bei deiner Collab-Abgabe aufgefallen, dort habe ich ihn auch kurz erwähnt: Dialoge, oder genauer, gesprochene Sprache allgemein.

    Zuerst: Du arbeitest mit irre unterschiedlichen Persönlichkeiten, und man merkt das alleine schon in der Art, wie sie sprechen. Idiolekte sind ein faszinierendes Werkzeug zur indirekten Charakterisierung, und das scheint dir sehr bewusst zu sein, an mehreren Stellen wird dies grossartig genutzt. Kleine Kinder sprechen nicht gleich wie Jugendliche oder alte Menschen. Gewisse Figuren werden ungeheuer menschlich in der Art, wie sie sprechen; als bestes Beispiel würde ich Kalvin nennen. Die Art, wie er spricht, seine Sätze formt, manchmal nicht beendet, gibt ihm genau diesen Eindruck eines trotteligen, alten, verpeilten Menschens - seine Art, zu sprechen, kennt man, es hörte sich für mich irre real an.

    Umgekehrt fielen während verschiedener Kapitel unterschiedliche Personen auf, denen irgendwie Worte in den Mund gelegt werden, welche... Nicht recht stimmen wollen. Sehr oft sind es Phrasen, die für einen Charakter in einem einfachen fiktiven Werk völlig in der Ordnung sind, die ihren Zweck erfüllen - doch niemand im echten Leben würde das so formulieren, zumindest habe ich noch nie jemanden so sprechen hören. Das ist insofern schade, da deine Geschichte bisher sehr wohl darauf abzielt, den Menschen als komplexe, reale Figur einzufangen - andererseits kontrastieren die negativen Beispiele halt negativ mit den guten, denn wie schon gesagt gelingt es dir an verschiedenen Stellen doch sehr erfolgreich, realistische Idiolekte zu beschreiben.



    Dies sind wie gesagt einige (nicht alle) negativen Beispiele, die mir aufgefallen sind - bei gewissen Figuren gelingt es dir sehr gut, gesprochene Sprache einzufangen. Wenn dir das auch noch bei anderen gelingen würde, wäre das super!


    Der zweite Punkt, den ich kurz aufgreifen möchte, wurde einerseits schon von Cassandra kurz erwähnt, und steckt auch gleich im neusten Kapitel drin:

    Das war doch kein Zufall, dachte sich Teresa. Sie stiehlt ein wertloses Stundenglas, das sie dann zurücklässt, das führt indirekt dazu, dass eine junge Frau anfängt zu weinen, und dann steht sie mit einer Pipette griffbereit daneben? Dieses Mädchen … hatte sie das absichtlich getan? Das Stundenglas gestohlen, um ein Gespräch zwischen den beiden hervorzurufen … damit sie an Sophies Träne gelangen konnte? Wie war das überhaupt möglich? Und wozu? Was bezweckte sie damit? Wo wir gerade dabei sind: Die ganze Phrasierung von "dieses Mädchen" bis zu den Fragen wirken auf mich recht generisch. Könnte jede fiktive Figur in irgendeiner seltsamen Situation sagen, was Teresa etwas seltsam dastehen lässt.
     Vielleicht wollte sie auch eine Träne von mir, dachte Teresa und umschloss die Perle etwas fester.

    Den Leser an der Hand nehmen, ihm die Ideen wie Brotkrümel hinterlassen. Je nach Geschmack bevorzugt man es, die Spuren klar ersichtlich zu machen, dem Leser ein klares Bild zu vermitteln, oder ihn doch lieber im Dunkeln tappen zu lassen.

    Cassandra erwähnte diesen Punkt Anfang Kapitel III, als man als Leser eine Art "Gebrauchsanleitung" (wundervolles Wort in dem Kontext) bekommt, wie das Verhalten der Zukunft zu lesen ist, und auch hier gibt Teresa gleich die 'Lösung' der Tränensammlerei bekannt. Ich muss gestehen, dass die Stelle Anfang Kapitel III mich weniger gestört hat - es passt einerseits zur Erzählerin, ich kann mir sehr gut vorstellen, wie sie in einem bitteren Tonfall von dieser Eigenart berichten würde, von daher passt es noch ins grosse Ganze. Die Geschichte wäre auch ohne diese Aussage ausgekommen, aber ihre Präsenz wirkt auf mich nicht komplett deplaziert.

    An dieser Stelle im neusten Kapitel musste ich mir doch den Kopf kratzen: Wie kam Teresa überhaupt so simpel auf diese sehr akkurate Schlussfolgerung? Sie kennt Sophies Geschichte ja nicht, sieht aber trotzdem eine sehr klare Verbindung zwischen Gegenstand weg und Tränenvergiessen. Ausserdem geht Teresa davon aus, dass die Zukunft den Gegenstand gestohlen hat, um eine Konversation zu provozieren - also geht sie auch davon aus, dass die Zukunft wusste, dass eine irgendeine Verbindung, einen Gesprächsanreiz zwischen dem angehenden Ingenieur und Sophie gibt. Ist das von ihrem Standpunkt aus nicht weit hergeholt?

    Kurz gesagt: Wirkt erneut mehr Plotdevice-y, in Teresas Mund gelegt, um dem Leser eine sehr spezifische Idee weiterzugeben, aber nicht etwas, was tatsächlich von Teresa als Figur kommt. Um komplett ehrlich zu sein: Ich habe diese Erkenntnis bis zu dieser Stelle selbst nicht bekommen (ich habe die Kapitel immer in recht müden Zustand gelesen, haha), trotzdem fühlte sich dieser Absatz recht... Billig an.

    Ich weiss nicht, wie dieser Umstand in folgenden Kapiteln behandelt wird - vielleicht kommt er auch nur an diesen zwei Stellen vor. Falls doch, würde ich mich achten, dass die Hints sich passend in die Geschichte integrieren, sich natürlich zum Sprecher fügen (dass die Erzählerin sich abfällig über jemanden äussert, wirkt natürlich, kennt man von ihr) und nicht aufgesetzt wirken (Teresa, die ja vermutlich auch was getrunken hat in der Bar und deren Informationen über die Zukunft begrenzt sind, scheint seltsam leicht auf diese wichtige Schlussfolgerung gekommen zu sein).


    Phew, ich hör an dieser Stelle mal auf. Grundsätzlich könnte ich noch viele positive wie negative Aspekte erläutern, aber dieser Beitrag ist ohnehin schon recht lang, haha... Ich hoffe, meine Punkte sind verständlich - ansonsten erkläre ich mich immer gerne! Weisst ja, wo du mich finden kannst c:

    Freue mich auf die folgenden Kapitel - man liest sich! o/

  • Hi Liu, vielen vielen Dank für dein Feedback!


    Zu den in deinem Feedback angesprochenen Textstellen: Ist wohl kein Zufall, dass das irgendwie genau Stellen sind, an denen ich schon viel herumgebastelt habe, ohne dass ich wirklich zufrieden war. Ich wollte dass die Zukunft im Café erwähnt wird, kurz bevor sie es betrifft, und ich wollte gerne, dass sie dabei in ein 'negatives' Licht gerückt wird. Mir fällt aber keine Idee ein, wie ich das sprachlich nachvollziehbar in der Charakterkonstellation hinbekommen kann. Falls jemand eine Idee dafür hat, nur raus damit, aber momentan denke ich, dass ich diese Stelle etwas herunterschrauben werde. Die Mutter wird die Zukunft einfach erwähnen, aber der Junge wird darauf nicht direkt eingehen. Ist zwar nicht direkt mein Wunschtraum, aber es ist besser als unnatürliche Sprache.


    Auch die Stelle, in der Teresa sagt, sie wäre von der Zukunft eingeholt worden, war ursprünglich sogar noch deutlicher. Im ersten Draft des Buchs rannte Teresa raus, und hat einfach gesagt "Du bist die Zukunft" - sie war natürlich nicht sicher, aber sie kam eben zu diesem "Schluss". Wirklich happy war ich damit nicht. Ich bin auch nicht happy mit diesem "rausrutschen" von Gedanken. Auch diese Stelle werde ich wohl noch ändern. Am Ende wird es wohl darauf hinauslaufen, dass Teresa die Identität der Zukunft nicht 'errät', sondern dass die Weisheit sie aufklärt.


    Den anderen von dir angesprochenen Textstellen stimme ich auch zu, die werde ich bald verbessern. Bei denen ist es auch recht unkompliziert es in Ordnung zu bringen.


    Zu deinem positiven Feedback will ich sagen, dass ich sehr froh darüber bin, dass es bei dir auf diese Weise angekommen ist. Auch zu lesen, welche Aspekte der Geschichte Spannung bei dir verursachen beruhigt mich ein bisschen, denn es sind die Aspekte, die ich gerne in den Fokus rücken wollte. Leider kann ich hier nicht so offen sein, wie ich gerne wäre, da ich sonst spoilern würde! S:


    Nun zu deinem letzten Punkt, der mir auch am meisten Kopfzerbrechen bereitet. Die Sache mit der 'Gebrauchsanleitung' - also zu offensichtliche Erklärungen dessen, was passiert. Im ersten Draft gab es diese Erklärungen alle nicht. Im ersten Draft hat der Junge nicht erklärt, dass der Alte rechtzeitig bei seiner Frau gewesen wäre, wenn er früher geschaut hätte, ob er seinen Ring mit hat. Ich habe damals Feedback bekommen, dass unklar ist, wieso die Zukunft den Ring überhaupt gestohlen hat, und deswegen diese Passage eingebaut. Nahezu alle weiteren dieser erklärenden Passagen sind ebenfalls dazugekommen, weil ich Feedback bekommen habe, dass die Geschichte schwer nachvollziehbar ist und man nicht genau weiß, wieso was passiert - und dann habe ich es eben deutlicher gemacht, und nun ist das Feedback, dass diese Stellen zu deutlich sind. Ich werde da wohl noch einiges machen müssen, bis ich einen sinnvollen Mittelweg finde - oder ich entscheide mich eben für eine Seite und lebe für den Rest meines Lebens mit dem negativen Feedback. xd


    Nochmal konkret zu der Stelle, die du ansprichst mit Teresa und ihrer 'Detektivarbeit':

    Das Detail, das du in deiner Zusammenfassung nicht erwähnst, ist genau das entscheidende Detail, das Teresa zu ihrer Schlussfolgerung geführt hat: Die Zukunft stand hinter Sophie mit einer Pipette und hat die Träne SOFORT aufgelesen, als sie entstand, und daraufhin das Lokal umgehend verlassen. Die Zukunft blieb so lange im Lokal, bis sie die Träne hatte. Sie hat das Erscheinen der Träne erwartet, da sie zum Zeitpunkt ihres Erscheinens hinter Sophie stand, mit genau dem Hilfsmittel, das man benutzen konnte, um sie aufzusammeln - ein Gegenstand, den man für gewöhnlich nicht einfach so bereithält, oder überhaupt mitführt. Die Zukunft hatte zuvor die Sanduhr gestohlen und auf ihrem Platz liegen lassen - also war die Sanduhr nicht das Ziel der Zukunft gewesen, sondern ein Mittel.


    Wieso sollte die Zukunft genau auf diese Träne warten, die Träne mitnehmen, und dann gehen, wenn die Träne nicht genau ihr Ziel war? Und wenn die Träne das Ziel war, wie hat sie dieses Ziel dann erreicht? Die Antwort darauf ist die Sanduhr, die die Zukunft zurücklässt - das Fehlen der Sanduhr hat zum Gespräch der beiden geführt und damit zum Vergießen der Träne. Das ist der Gedankengang, den Teresa hat. Und sie untermauert diese Gedanken mit ihrer eigenen Erfahrung, nämlich dass etwas Ähnliches kurz davor um ein Haar auch ihr passiert wäre. Teresa kann sich nicht logisch erklären, wie das, was in der Bar passiert ist, realistischerweise hätte passieren können. Das ist der Grund, wieso sie so reagiert, wie sie reagiert. Jedenfalls war es das, was ich mir beim Schreiben dieser Szene gedacht habe. Vllt sollte ich das etwas genauer herausarbeiten.


    Falls dein Kritikpunkt einfach 'nur' ist, dass du es unrealistisch findest, dass Teresa diese Art Schlussfolgerung in der kurzen Zeit machen konnte, dann kann ich den Punkt nachvollziehen. Auch die von dir zitierte Stelle werde ich noch einmal genauer mir ansehen. Es würde mich aber interessieren, wie du diese Sache siehst, sobald du die ganze Geschichte gelesen hast. Ich behalte das auf jeden Fall mal im Hinterkopf und frage dich dann irgendwann nochmal :>


    Das nächste Kapitel folgt bald!

  • Hallo. Ich wollte hier dann mal was zum letzten Kapitel, also "Schimmer eines Krieges" und vielleicht auch der Geschichte allgemein sagen.

    Also, vorweg erst einmal: Ich weiß nicht, wie viel ich hierzu sagen kann. Vielleicht läuft es am Ende einfach darauf hinaus, dass mir das Kapitel wie auch die Geschichte generell bis jetzt echt gefallen hat (und das wird wahrscheinlich auch weiterhin der Fall sein). Die Sache ist, dass ich nicht so recht mit dem Finger auf das zeigen kann, was ich an deinen Texten generell besonders mag. Dein Schreibstil ist einfach unheimlich toll und ich kann nicht sagen, warum. Er ist unverwechselbar und fasziniert mich irgendwie immer wieder, wenn ich ihm denn mal begegne, weil er es immer wieder schafft, einen direkt in den Bann der Geschichte zu ziehen.

    Aber ja, genug geschleimt. Was nun das neueste Kapitel betrifft, so habe ich jetzt nicht so viel anzumerken - ich bin mir nicht ganz sicher bei der Konversation zwischen Teresa und dem Jungen. Dass er sich neben sie setzt und sich mit ihr unterhält, obwohl er ja laut eigener Aussage lieber allein ist, scheint zunächst ein wenig unplausibel, aber letztlich ergibt es Sinn insofern, als dass er das Alleinsein wohl doch nicht so sehr mag und sich selbst wie auch andere Menschen, die alleine sind, bemitleidet. Ihre längere Antwort hier

    »Ich war mein Leben lang gern alleine. Alleine sein ist stressfrei, es ist erlösend, man ist produktiv. Ich war auch gerne in Begleitung, beides hat seine Vor- und Nachteile, schätze ich – aber auch wenn andere Menschen durchaus amüsant sein können, so fühlen sie sich langfristig für mich eher an wie Schwarze Löcher, die mir meine Motivation entziehen.

    Deswegen kaufe ich dir das nicht ab. Immer wenn ich alleine war, dann habe ich das genossen. Es war mir völlig gleichgültig, was andere dazu zusagen haben, was sie darüber denken, wie sie sich geben, denn darüber konnte ich mir überhaupt keine Gedanken machen, weil ich so froh war, keinen Stress zu haben. Warum interessiert dich also, was sie denken?«

    hat sich für mich zugegebenermaßen zunächst ein bisschen unnatürlich angefühlt - ich weiß nicht genau, wieso, vielleicht weil ich das Bild mit den schwarzen Löchern ein wenig komisch vorkam und weil es ein bisschen merkwürdig wirkte, so eine Erklärung aus dem Stegreif abgeben zu können. Aber zum ersten kann man ja sagen, dass Teresa auch aus einem wissenschaftlichen Bereich kommt und zu beidem und insbesondere zu letzterem, dass die Erklärung ja nicht aus dem Stegreif kam und sie ja vorher ein paar Minuten ihre Gedanken sortiert hat, insofern ... Kein Problem. Ansonsten fällt mir nicht wirklich was auf, was ich verbessern würde, muss ich zugeben. Ich bin zugegebenermaßen auch selten wirklich streng in der Hinsicht.

    Mir ist noch nicht ganz klar, welche Rolle Teresa genau einnehmen wird, aber es scheint sich in dem Kapitel abzuzeichnen, dass sie die Zukunft möglicherweise beim Sammeln von Tränen unterstützen könnte - sie hat ja schon jemanden zum Weinen gebracht und es war wohl auch von der Zukunft geplant.

    Jedenfalls bin ich gespannt darauf, wie es weitergeht, denn wie gesagt: Ich mag die Geschichte echt gerne bis jetzt und finde die Prämisse toll, mit den Personifizierungen von Zukunft und Weisheit zu arbeiten.

    Die Charaktere haben dabei so ihre verschiedenen Eigenheiten, die sie interessant machen - finde es auch ziemlich clever, wie du da zum Teil mit ihrer jeweiligen Art zu reden arbeitest. Die "Elfjährige" sticht da mit ihrem Duktus ja besonders heraus.

    Also ... Ich will wirklich wissen, wie es weitergeht, also stell bald bitte ein neues Kapitel hier rein, ja?


    P.S.: Ach, du müsstest vielleicht dann auch mal das Inhaltsverzeichnis im Startpost aktualisieren.

  • Informationen zur Enkelin der Zeit


    Ich habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen, dass ich die Veröffentlichung von EdZ hier nicht bis zum Ende fortgeführt habe. Das hatte viele Gründe, hauptsächlich Stress irl. Als ich das Projekt dann Anfang dieses Jahres wieder aufgenommen habe, hab ich entschieden, es in eine etwas andere Richtung zu lenken, und da ich jetzt damit fertig bin, wollte ich es (abschließend) in diesem Topic noch erwähnen.


    Ich habe Die Enkelin der Zeit nämlich in einem Self-Publishing-Verlag namens BoD veröffentlicht und man kann die ganze Geschichte nun kaufen und lesen. Ich hätte sie auch eigentlich gerne kostenlos zur Verfügung gestellt, nur das hilft mir nicht dabei nicht zu verhungern, rip. Im Zuge der Veröffentlichung werde ich die ersten drei hier geposteten Kapitel (irgendwann) auf die aktuellste Version updaten und die restlichen Kapitel entfernen, da sie sonst wohl den zulässigen Umfang für Leseproben überschreiten. Wer kein Geld hat und die ersten Kapitel von EdZ damals hier mitverfolgt hat und wissen möchte wie es weitergeht, oder wer eine alte Version des Buchs für mich korrekturgelesen hat, kann sich auch gerne bei mir melden und ich schicke euch die aktuelle Version des E-Books als Geschenk.


    An dieser Stelle möchte ich insbesondere Thrawn und Liu für ihre Hilfe bei der Veröffentlichung bedanken. Neben euren zahlreichen Ratschlägen und der moralischen Unterstützung, grenzt das, was ihr geleistet habt, an ein professionelles Korrektorat bzw. Lektorat, und ich bin super froh, dass ihr für mich da wart!!


    Zur Veröffentlichung: Da man beim Self-Publishing alle Aufgaben, die eigentlich ein Verlag übernehmen würde, selber machen muss, war das insgesamt ein sehr umfangreicher Prozess. Ich habe lange Zeit daran gesessen, das Cover zu gestalten, das ihr unten sehen könnt. Daneben habe ich einige zusätzliche Kapitel geschrieben, die in früheren Versionen noch nicht vorhanden waren, um ein paar Plotpunkte deutlicher zu zeigen und besser verständlich zu machen. Ich hoffe, dass diese neuen Kapitel das Buch insgesamt verbessern. Der Buchsatz für die Print-Version war auch eine Aufgabe, von der ich vorher gar nicht wusste, dass sie existiert, und sie hat genau wie das Formatieren des E-Books in eine valide und von gängigen Publishern akzeptierte Version viel Zeit und Nerven geraubt. Ich dachte ursprünglich (sprich: im Februar), dass ich das Buch einfach noch einmal kurz überarbeiten und dann veröffentlichen würde, damit ich mit der Enkelin der Zeit endlich abschließen kann, aber Pustekuchen!

    Und schließlich brauchte ich einen Namen, den ich auf das Buch schreiben kann, da ich meinen eigenen aus diversen Gründen nicht nehmen wollte und habe ich mich für das Pseudonym A. Fishbowl entschieden. Es war eine schwere Entscheidung, aber nun, letztendlich ist es auch nur irgendein Name.


    Aber ja, jetzt ist es soweit. Ich habe im Januar 2016 angefangen, diese Geschichte zu schreiben, und jetzt ist sie, nach fast dreieinhalb Jahren, endlich ganz fertig. Dafür, dass es ursprünglich nur eine kurze Novelle von etwa 100 Seiten werden sollte, ist es ganz schön umfangreich geworden. Das Buch hat nämlich etwa 69.000 Wörter und die Print-Version ist 300 Seiten lang.


    Das Buch ist jetzt bei den meisten gängigen Online-Shops als E-Book (auch international) erhältlich. Die Print-Ausgabe ist ein Taschenbuch, das man bald in gängigen Buchläden international bestellen können sollte (sobald die Kataloge geupdatet sind). Es wird auch bei üblichen Online-Buchshops bestellbar sein. Da es sich um Print-on-Demand handelt, sollte man ein paar Tage extra einberechnen, bis es ankommt.




    E-Book: 2,99€

    bei Thalia

    bei Amazon

    bei BoD

    ... und andere. ISBN: 9783735759535


    Print: 9,99€

    bei Amazon

    bei BoD

    ... und andere. ISBN: 9783735758163



    Okay ... vielen Dank für eure Aufmerksamkeit! Ich schreibe, wie ich bereits am Anfang des Buchs erwähnt habe, bereits an einem zweiten Roman. Dieses Mal wird es Horror/Fantasy, und den dürfte ich aufgrund einiger seiner Inhalte vermutlich nichtmal im BB posten, wenn ich wollte. x)

    Momentan gibt es dort zwar nicht viel zu sehen, aber ich habe vor, auf meinem Twitter-Account zukünftige Veröffentlichungen und Informationen rauszugeben, also falls jemand interessiert ist, könnt ihr mir unter @awful_fishbowl folgen.

    Bis dann!~