Zwischen Wunsch und Wirklichkeit



  • »Menschen. Pokémon. Sie sind von Grund auf verschieden und können deshalb nicht zusammenleben. Das habe ich zu Anfang gedacht. Ich hörte die Stimmen meiner Freunde, die verzweifelt nach mir schrien… und ich wusste, ich muss ihnen helfen, ganz egal, was dazu notwendig ist. Ich muss der Held werden, der für sie einsteht und diese korrumpierte, falsche Welt vernichtet, um aus ihrer Asche eine neue entstehen zu lassen, in der die natürliche Harmonie und Ordnung, wie sie auf dieser Lichtung herrschen, wiederhergestellt sind.«
    - N (Kapitel 15) -


    Vorwort
    Nachdem ich schon vor einigen Monaten mal angekündigt habe, hier eine Fanfiction veröffentlichen zu wollen, und dieses Vorhaben vor etwa zwei Wochen in einem Gespräch an meiner Pinnwand nochmal bekräftigt habe, ist es jetzt endlich so weit.
    Hiermit präsentiere ich euch also meine erste Fanfiction "Zwischen Wunsch und Wirklichkeit", ein eigentlich schon etwas älteres Projekt von mir, das ich aber vor ein paar Monaten nochmal komplett von vorne zu schreiben begonnen habe. Die Idee hierfür kam mir erstmals, als ich vor zwei oder drei Jahren Weiß 2 nochmal neu angefangen und meine Begeisterung für die fünfte Generation wiederentdeckt habe.
    Seither hat diese Fanfiction eine lange Entwicklung durchgemacht, während hinter ihr nach und nach eine Welt entstanden ist, die auf den Pokémon-Spielen basiert, aber auch etwas Eigenes an sich hat.
    Jedenfalls freue ich mich, nun endlich dieses Werk zu veröffentlichen, und bin schon gespannt auf eure Kommentare.



    Warnung: Diese Fanfiction enthält Gewalt, Blut und Tod.










    Ich werde jedes Kapitel jeweils als PDF und Epub bereitstellen. Zudem wird hier im Startpost immer eine gesamte Version zur Verfügung stehen, die alle bisher veröffentlichten Kapitel enthält:

    Zwischen Wunsch und Wirklichkeit.pdf

    Zwischen Wunsch und Wirklichkeit.epub

    (Stand: Kapitel 18)


    Viel Spaß beim Lesen! :grin:

    107716-bd8fa1b4.pngIch kenne die Hälfte von euch nicht halb so gut, wie ich es gern möchte, und ich mag weniger als die Hälfte von euch auch nur halb so gern, wie ihr es verdient.
    - Bilbo Beutlin -


    Mein erstes veröffentlichtes Buch: RIA - Das Erbe von Esgalot

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    »Deine Pokémon sind wieder vollständig genesen«, teilte die Schwester dem Trainer mit und reichte ihm die beiden Pokébälle. Der Junge – er mochte um die siebzehn Jahre alt sein – bedankte sich höflich bei ihr und nahm seine Kapseln entgegen. »Komm jederzeit wieder, wenn deine Freunde einer Heilung bedürfen!«
    Der Pokémon-Trainer nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte, und schon war er auf und davon. Die Schwester lächelte ein wenig nostalgisch. Junge Trainer waren immer so stürmisch. Sie war da nicht anders gewesen, vor all diesen Jahren, als sie selbst noch Einall bereist hatte, auf der Suche nach Stärke und der Jagd nach Arenaorden.
    Sie hatte es als Trainerin nie sehr weit gebracht, aber die Reise barg dennoch viele wundervolle Erinnerungen in sich, die sie immer wieder gerne aufleben ließ, wenn sie die Zeit und Muse dazu fand, was dieser Tage nicht häufig der Fall war. Es gab eine wahre Flut an neuen Trainern, doch der Zuwachs an Krankenschwestern, die in Pokémon-Centern arbeiteten, war in den letzten Jahren nach und nach gefallen.
    Das bedeutete umso mehr Arbeit für die Schwestern, die bereits voll ausgebildet waren und in einem der zahlreichen Poké-Center in den Städten Einalls die geschwächten oder besiegten Pokémon der Trainer gesundpflegen mussten. Keine leichte Aufgabe, aber eine, die sie mit ihrem ganzen Herzblut verrichtete. Es war nicht der Beruf, den sie sich von Kindesbeinen an erträumt hatte, aber sie hatte ihre Arbeit ihm Pokémon-Center von Eventura lieben gelernt.
    Es war einfach ein schönes Gefühl, Pokémon und ihren Trainern zu helfen und zu wissen, dass sie einem dankbar waren. Diese Dankbarkeit war manchmal Lohn genug für das, was sie tagein, tagaus hier tat. Wenn wieder einmal ein junger Bursche oder ein junges Mädchen voller Freude zu ihr rannte, um ein frisch genesenes Pokémon abzuholen, dann wurde ihr jedes Mal aufs Neue klar, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, eine Schwester zu werden.
    Sie seufzte zufrieden und sah sich im Eingangsraum des Centers um, ob es noch andere Trainer gab, die ihrer Hilfe bedurften. Doch weder in dem gemütlichen Lobbybereich mit den zahlreichen Sofas und Sesseln noch direkt vor dem Tresen schien es jemanden zu geben, der ihrer Hilfe bedurfte. Es war ein vergleichsweise ruhiger Tag, und das in dem ohnehin schon ruhigen Städtchen Eventura, wo bei weitem nicht so viel Betrieb herrschte wie zum Beispiel in den Metropolen Stratos City und Marea City.
    Plötzlich ging die automatische Glastür des Pokémon-Centers auf und herein kam ein hoch gewachsener Mann von etwa vierzig Jahren. Er hatte lange, hellgrüne Haare und trug einen seltsamen violetten Mantel, auf dem ein gelbes Muster zu sehen war, das verschiedene runde Formen bildete, welche sie an Augen erinnerten. Wo sie an Augen dachte… sein rechtes Auge wurde von einer Art dreieckigem Monokel verdeckt, doch schien es irgendein Hightech-Gerät zu sein, mit stählernem Rahmen und einer roten, von außen undurchsichtigen Linse.
    Der Mann mit dem seltsamen Augenmantel sah sich kurz um und kam dann zu ihr an den Tresen, wo er stehen blieb und sie von oben bis unten musterte. Dann spielte ein Lächeln um seinen Mund. »Du siehst noch genau so aus wie früher, Julia.«
    Julia kniff zornig die Augen zusammen. Sie hatte ihn in dem Moment erkannt, als er durch die Tür gekommen war, trotz des seltsamen Aufzugs, und überlegte seitdem, ob sie ihn einfach nur wütend anstarren oder ihm eine Ohrfeige verpassen sollte. Sie entschied sich für Ersteres und verschränkte die Arme vor der Brust, ehe sie auf seine Begrüßung reagierte. »Was willst du hier, G-Cis?«
    »Freust du dich nicht, mich zu sehen?«, fragte G-Cis, aus dessen Gesicht das Lächeln ebenso schnell schwand, wie es gekommen war.
    »Nicht wirklich«, antwortete die Schwester ihm. »Oder hast du erwartet, dass du nach all den Jahren hier herein spazieren könntest und alles wieder wäre wie früher? Ich weiß, dass du kein solcher Narr bist. Dass du hier bist, sagt mir, dass du etwas von mir willst. Rück am besten gleich mit der Sprache raus, bevor ich dich hochkant hinauswerfe. Dazu hätte ich nämlich gerade nicht übel Lust.«
    Der Mann nickte. »So sei es. Kurz und prägnant, ganz, wie du es wünschst. Ich brauche deine Hilfe.«
    Julia hob eine Augenbraue. »Meine Hilfe? Hast du nicht damals gesagt, dass du mich nicht brauchst und deinen eigenen Weg suchen willst?«
    »Ich habe mich geirrt«, gab er unumwunden zu. »Und jetzt brauche ich dich. Oder eher deine Kenntnisse der Pokémonmedizin. Ich will dir ein Angebot machen, das du nicht ausschlagen kannst.«
    »Ob ich es ausschlagen kann, sehen wir, wenn du mir dieses Angebot unterbreitet hast«, entgegnete sie unbeeindruckt, wenn auch leicht interessiert. »Also, was ist es, wobei du meine Hilfe brauchst, G?«
    Er holte aus einer Innentasche seines bizarren Mantels ein gefaltetes Stück Papier hervor, das er entfaltete und vor ihr ausbreitete. Es zeigte eine Art Maschine, die Ähnlichkeiten mit einigen der Geräte im Pokémon-Center aufwies. Interessiert beugte sie sich über die Bleistiftskizze und begutachtete sie, wobei ihr die Funktion des Ganzen nicht wirklich klar wurde.
    »Was ist das?«, fragte sie daher.
    »Eine Maschine, die erst noch gebaut werden muss. Ein Freund von mir fertigte diese Skizze an. Er meint, die Maschine bauen zu können, aber nur, wenn ihm jemand dabei zur Hand geht, der sich mit der Arbeit in einem Pokémon-Center auskennt und mit der Anatomie und den Eigenarten der Pokémon. In anderen Worten, er braucht eine Krankenschwester aus einem Poké-Center, die ihm hilft.«
    »Und was macht die Maschine?«, wollte Julia auch noch wissen. »Oder was sollte sie machen, wenn sie fertig ist?«
    »Zweierlei.« G-Cis faltete das Papier wieder zusammen und steckte es in die Manteltasche zurück. »Zum einen soll sie das wahre Potenzial in den Pokémon erwecken. Zum anderen soll sie eine sofortige vollständige Heilung aller Pokémon ermöglichen.«
    Der erste Teil mit dem Potenzial interessierte sie nicht wirklich, der zweite Teil dagegen umso mehr. »Eine sofortige Heilung? Nicht einmal mit der modernsten Technik hier ist es uns möglich, ein im Kampf verletztes Pokémon sofort zu heilen. Es geht heutzutage zwar schnell, aber dauert meistens doch einige Stunden, bei schweren Verletzungen vielleicht auch Tage.«
    »Das ist richtig.« G-Cis nickte zustimmend. »Aber mein Freund ist davon überzeugt, dass ihm der Bau dieser Maschine gelingen wird, wenn ihm jemand hilft, der sich mit der Pokémonmedizin auskennt.«
    »Dieses Gerät wäre revolutionär… stell dir das nur einmal vor! Eine sofortige Heilung aller Pokémon! Das wäre unglaublich.« Es reizte sie sehr, an der Erschaffung einer solchen Maschine beteiligt zu sein. Wenn sie nur an den Ruhm dachte, den sie dadurch ernten würde! Die Krankenschwester, die dem Leid der Pokémon ein Ende setzte. Das wäre eine Schlagzeile! Doch sie konnte nicht so einfach zusagen, bei dem Projekt mitzuwirken. »Was bekomme ich dafür, dass ich dir und… deinem Freund helfe?«
    Stumm legte er einen Scheck auf den Tresen.Als sie den Betrag las, der daraufstand, klappte ihr die Kinnlade herunter. »Eine Millionen Pokédollar! Das… das ist… woher hast du so viel Geld?«
    »Das ist nicht von Belang. Bist du nun dabei oder nicht?«
    Julia wollte schon zusagen, doch sie biss sich auf die Lippe und hielt sich zurück. »Es geht nicht. G-Cis… ich habe eine Tochter, um die ich mich kümmern muss. Ich kann nicht einfach so an einem derart gewaltigen Projekt arbeiten. Sicher muss ich dazu Eventura verlassen und meinen Job als Schwester im Pokémon-Center aufgeben, nicht wahr?«
    G-Cis schüttelte den Kopf. »Das wird nicht nötig sein. Ich werde Achromas hier in Eventura ein Haus kaufen, dann kannst du ihn an den Wochenenden besuchen, damit ihr gemeinsam an der Maschine arbeitet. So kannst du dich weiterhin um deine Tochter kümmern und im Poké-Center arbeiten. Den Scheck erhältst du, wenn die Maschine fertig ist und funktioniert.«
    Mit diesem Angebot brachte er sie wirklich in Versuchung. Sie konnte hier bleiben, weiterleben wie bisher, und musste nur eine Zeit lang die Wochenenden für den Bau des Heilungsgeräts opfern. Und am Ende, wenn es tatsächlich gelang, wäre sie reich… und sie konnte sogar noch reicher werden, wenn sie die Maschine an all die Pokémon-Center verkaufte. Eigentlich hatte sie die Entscheidung schon längst getroffen.
    »Ich mache es«, sagte sie zu. »Nicht um unserer früheren Freundschaft willen, sondern allein wegen des Geldes, nur damit das klar ist.«
    »Ich hatte auch nichts anderes erwartet«, erwiderte G-Cis. »Ich werde dich wieder kontaktieren, sobald Achromas hier eingetroffen ist. Es war schön, dich nach all der Zeit wiederzusehen. Lebe wohl, Julia.«
    Mit diesen Worten drehte er sich um und wollte das Center verlassen, doch Julia rief ihm noch etwas hinterher. »G-Cis! Interessiert dich meine Tochter gar nicht?«
    Er wandte sich ihr wieder zu. »Warum sollte sie mich interessieren?«
    »Sie ist fast dreizehn Jahre alt.«
    »Hm.« Mehr sagte er dazu nicht. Er wollte seinen Weg schon fortsetzen, doch die Schwester war noch nicht mit ihm fertig.
    »Wir haben uns vor etwas mehr als dreizehn Jahren getrennt, G. Weißt du das nicht mehr?«
    »Doch«, antwortete er schlicht und verließ das Pokémon-Center.
    Julia entschied, dass sie ihmvorhin doch eine Ohrfeige hätte verpassen sollen.

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  • Hi @Azaril, ich kommentiere sonst ja eher selten, aber deine FF ist mir mit ihrem Einall-Thema natürlich sofort ins Auge gesprungen. Wer mich kennt, weiß unweigerlich, dass das meine Lieblingsregion ist und ich es schade finde, dass viele mit ihr nichts anfangen können. In Einall spielt außerdem auch meine eigene FF. #schleichwerbung
    Bisher konnte ich in meiner Mittagspause nur den Prolog lesen, aber weil es mich gerade so in den Fingern juckt, muss ich direkt was dazu schreiben – unter anderem auch, weil ich selbst weiß, was für eine motivierende Wirkung Kommentare haben können.


    Deinen Startpost finde ich schon mal – obwohl ich eigentlich kein so großer Fan von Spoilern in diesem bin – sehr ansprechend. Der Titel verrät direkt, worum es in der Geschichte geht, wenn man Pokémon kennt, nämlich um Einall und die Zwillingsdrachen ... aaaber er ist von einer Animefolge geklaut. Macht nix, hatten wir schon mal, ist auch völlig okay. :P Dazu passend hast du einen simplen, aber effektiven Header gestaltet.
    Mit dem "Blackverse" hast du dir ja schön was vorgenommen, was? Ich wünsche dir auf jeden Fall die Motivation, all diese Projekte auch durchzuziehen. Übrigens, dass du Reshirams und Zekroms Bedeutungen vertauschst, hast du aus dem Manga, sehe ich das richtig? Einfach so erscheint mir als Grund ja ziemlich random, aber ich weiß, dass in Band 1 am Anfang steht: "WUNSCH – der weiße Drache von Einall; WIRKLICHKEIT – der schwarze Drache von Einall". Und ich denk mir so: You had one job. :rolleyes:
    So, zum Prolog. Schon an diesem merkt man, dass du dir bei den Kapitelüberschriften ebenfalls so deine Gedanken zur Gestaltung gemacht hast. Die verwendeten Artworks mag ich normalerweise nicht, aber hier kommen sie gut zur Geltung. Einen Kritikpunkt hätte ich: Ich hätte nicht den ganzen Prolog in einen Spoiler gepackt, sondern entweder so in den Startpost gesetzt oder gleich in einen neuen Beitrag. Es ist deine Entscheidung, aber ich finde es übersichtlicher, wenn jeder "Abschnitt" aka Kapitel/Prolog/Epilog einen eigenen Post hat.
    Wir befinden uns also in einer Welt, in der die aus den Spielen bekannte Instant-Heilmaschine (noch) nicht existiert? Joa, kann man machen, gibts ja im Anime auch nicht. Es ist aber ein interessantes Konzept, dass gerade G-Cis bzw. Achromas sie erfinden will. Auch, dass Achromas hier bereits erwähnt wird, obwohl er seinen ersten Auftritt ja in S2/W2 hatte und ich immer davon ausgegangen bin, dass er Team Plasma erst nach diesen Ereignissen beigetreten ist. Aber wer kann sich da schon so sicher sein, USUM haben da eh gefühlt irgendwas dazu gesagt und jetzt bin ich verwirrt.
    So, die Maschine soll also Pokémon heilen können und ihr volles Potenzial entfalten. Letzterer Aspekt wird ja ziemlich schnell beiseitegeschoben, und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass das noch wichtig wird. Aber okay, natürlich interessiert sich Schwester Joy Julia erst mal mehr für die Heilung. Und obwohl sie da mit ihren Gefühlen kämpft, hat sie (wenn man G-Cis' höchstwahrscheinlich auch hier vorhandene böse Machenschaften außer Acht lässt) die objektiv richtige Entscheidung getroffen. Sie hilft den Pokémon und wird dafür reich. So what, wenn sie den Typen nicht leiden kann? Ist ja sicher schnell gemacht.
    Der letzte Teil gefällt mir. Ihre Tochter scheint also von G-Cis zu sein? Die arme Frau. Ich hoffe zumindest, die Tochter wird noch wichtig. Vielleicht ja als die unbekannte Protagonistin. Entweder das, oder du lachst dir jetzt ins Fäustchen und sagst "haha, denkste, die falsche Fährte hat gewirkt :sarcastic: ".


    Also, das war dann der Prolog. Ich denke, ich werde gelegentlich nochmal reinschauen. Wenn ich mehr Zeit habe, lese ich auf jeden Fall das erste Kapitel. Man liest sich!

    Gladiantri..107626-81915eb0.png..Reshiram (schillernd)

    „In dir fließt mein Blut, Kind. In dir lodert meine Flamme. Dennoch sei gewarnt, denn du bist nicht Reshiram. Meine Bestimmung ist es, eine Welt der Wirklichkeit zu schaffen. Deine Aufgabe soll eine andere sein, dein Weg von dir selbst gewählt.“

  • aaaber er ist von einer Animefolge geklaut.

    Merkt doch keiner... :whistling:
    Jedenfalls ist der Einall-Teil des Animes der, von dem ich mit Abstand am wenigsten gesehen habe, obwohl ich Einall mag. Das mit dem Titel war mir zwar bewusst, aber ist ja nur eine einzelne Episode.


    Übrigens, dass du Reshirams und Zekroms Bedeutungen vertauschst, hast du aus dem Manga, sehe ich das richtig? Einfach so erscheint mir als Grund ja ziemlich random, aber ich weiß, dass in Band 1 am Anfang steht: "WUNSCH – der weiße Drache von Einall; WIRKLICHKEIT – der schwarze Drache von Einall".

    Davon höre ich jetzt das erste Mal, ich hatte tatsächlich keine Ahnung, dass die Bedeutungen im Manga ebenfalls vertauscht sind. 8o  
    Vom Manga kenne ich noch weniger als vom Anime, hab auch nur durch Zufall herausgefunden, dass es schon einen Charakter namens Schwarz/Black im Manga gibt. Und wie ich im Startpost schon geschrieben habe, hat diese Fanfiction weder mit dem Manga noch dem Anime zu tun.


    Einen Kritikpunkt hätte ich: Ich hätte nicht den ganzen Prolog in einen Spoiler gepackt, sondern entweder so in den Startpost gesetzt oder gleich in einen neuen Beitrag. Es ist deine Entscheidung, aber ich finde es übersichtlicher, wenn jeder "Abschnitt" aka Kapitel/Prolog/Epilog einen eigenen Post hat.

    Ich habe auch erst überlegt, ob ich den Prolog noch in den Startpost stellen soll oder nicht, und hab mich halt erst einmal so entschieden. Jetzt im Nachhinein finde ich es auch nicht mehr so schön, den Prolog in einem Spoiler zu haben. Mal sehen, kann ich ja eventuell noch ändern.


    Wir befinden uns also in einer Welt, in der die aus den Spielen bekannte Instant-Heilmaschine (noch) nicht existiert? Joa, kann man machen, gibts ja im Anime auch nicht. Es ist aber ein interessantes Konzept, dass gerade G-Cis bzw. Achromas sie erfinden will. Auch, dass Achromas hier bereits erwähnt wird, obwohl er seinen ersten Auftritt ja in S2/W2 hatte und ich immer davon ausgegangen bin, dass er Team Plasma erst nach diesen Ereignissen beigetreten ist. Aber wer kann sich da schon so sicher sein, USUM haben da eh gefühlt irgendwas dazu gesagt und jetzt bin ich verwirrt.

    Da ich mit dem Blackverse sozusagen ein Universum mehrerer ineinander verknüpfter FFs schaffen will, wird es wohl noch den einen oder anderen "Name Drop" dieser Art geben, auch wenn der entsprechende Charakter nicht unbedingt eine große Rolle spielt. So weiß der Leser halt zumindest, dass Achromas in diesem Universum auch existiert.
    Und was irgendwann mal in den Spielen über ihn gesagt wurde, spielt natürlich für die Geschehnisse im Blackverse auch nicht unbedingt eine Rolle, weil es ja letztlich nur an die Spiele angelehnt ist und nicht eine Eins-zu-Eins-Umschrift der Story aus den Spielen ist. Es wird durchaus eine selbstständige Geschichte mit ihren eigenen Twists und Überraschungen sein. ;)


    Der letzte Teil gefällt mir. Ihre Tochter scheint also von G-Cis zu sein? Die arme Frau. Ich hoffe zumindest, die Tochter wird noch wichtig. Vielleicht ja als die unbekannte Protagonistin. Entweder das, oder du lachst dir jetzt ins Fäustchen und sagst "haha, denkste, die falsche Fährte hat gewirkt ".

    Wer weiß, wer weiß... kehehehe :sarcastic:



    Letztlich ist der Prolog in gewisser Hinsicht nicht nur ein Prolog für diese FF, sondern auch bereits für die nächste, die dann auf Weiß 2 basieren wird. Hier werden jedenfalls schon ein paar Dinge vorweggenommen, die erst sehr viel später wichtig werden. Mehr sage ich dazu aber nicht.

  • So, ich habe den Prolog jetzt aus dem Startpost in den Post verschoben, in dem ursprünglich Kapitel 1 war, und für Kapitel 1 gibt es jetzt diesen neuen Post. Ist etwas übersichtlicher so.


    ZWuW - Kapitel 1.pdf
    ZWuW - Kapitel 1.epub



    »Serpifeu, setze Grasmixer ein!«, rief der Trainer auf der anderen Seite der weitläufigen Grasfläche nördlich von Avenitia.
    Sein Pokémon gehorchte auf der Stelle. Es streckte seine dünnen Ärmchen vom länglichen Schlangenkörper weg, während seine Finger in einem matten Grün zu leuchten begannen. Keine zwei Sekunden später erhob sich ein Wirbel aus Laub und Gras über der Wiese, ein kleiner, grüner Tornado, der trotz seiner geringen Größe einen gefährlichen Eindruck machte. Er hielt mit rasender Geschwindigkeit auf das zweite Pokémon am Felde zu, ein pummeliges Wesen mit ovalem, hellblauem Körper und kugelrundem, weißem Kopf. Eine runde, rote Nase saß zwischen seinen beiden Kulleraugen, die den Grasmixer mit ernstem Ausdruck beobachteten, und an seinem Bauch hing eine beigefarbene Muschel, die das Pokémon nun mit einer kleinen Pfote löste und seinem Gegner wie eine Waffe entgegen streckte.
    »Wehre die Attacke mit deiner Muschel ab, Ottaro!«, befahl ich dem blau-weißen Pokémon, dessen Trainer ich war. Ein direkter Aufprall des Laubtornados wäre fatal, aber zum Ausweichen blieb keine Zeit mehr. Ich musste auf die Stärke meines Partners vertrauen.
    Dieser kam meinem Befehl unverzüglich nach und hielt die Muschel mit beiden Händen vor seinen Körper. Als der Grasmixer es schließlich traf, stemmte Ottaro sich mit aller Kraft gegen die Attacke des Gegners, und eine Zeit lang wirkte es tatsächlich so, als könne es der geballten Wucht des Tornados standhalten. Doch angetrieben von den übersinnlichen Kräften der grünen Schlange am anderen Ende des Kampffeldes fegte der grüne Strudel den mutigen Otter schließlich hinweg und schleuderte ihn mehrere Meter weit durch die Luft.
    Nach einem schmerzhaften Aufprall auf dem zum Glück weichen Rasen rappelte sich Ottaro sofort wieder auf, einen Ausdruck blanken Trotzes im Gesicht, aber Serpifeu setzte unerbittlich nach und schickte den Tornado bereits wieder in die Richtung seines Kontrahenten, ehe dieser einen festen Stand finden konnte. Der nächste Treffer erfasste den Otter mit ungezügelter Wucht und umfing ihn in einem Wirbel aus Erde und Pflanzen, welche von allen Seiten auf ihn einpeitschten und ihm gequälte Schreie entlockten.
    Als der Tornado schließlich abebbte, war Ottaro mit blutigen Kratzern übersät, und obgleich das Grund genug gewesen wäre, den Kampf aufzugeben, war sein Wille nicht gebrochen. Mühsam rappelte sich das kleine Pokémon wieder auf und stierte seinen Gegner schwer atmend über die Wiese hinweg an. Sein Kampfeswille war immer wieder erstaunlich. Aber ich wusste, wann genug war.
    »Das reicht, Ottaro«, sagte ich daher und klinkte Ottaros Pokéball von meinem Gürtel ab. Per Knopfdruck erweiterte sich die rot-weiße Kapsel von Golfball- auf Tennisballgröße. »Das ist genug für heute, du hast gut gekämpft.«
    Ein blauer Strahl schoss aus dem Pokéball hervor, nachdem ich die Hand in Richtung meines Pokémon ausgestreckt hatte, und erfasste das Ottaro, welches daraufhin von hellblauem Licht umfangen wurde und binnen Sekunden zu Nichts zu schrumpfen schien. Als der blaue Schimmer schließlich wenige Momente später versiegte, war auch das Pokémon verschwunden, sicher verwahrt in seinem Pokéball, wo es sich eine Zeit lang ausruhen konnte. Diese hochmodernen, runden Kapseln waren immer wieder faszinierend. Sie vermochten große wie kleine Pokémon zu fassen, erstaunten dabei mit ihren vielen praktischen Anwendungszwecken und sicherten zudem das Band zwischen Trainern und ihren Pokémon – jenes Band, das Kämpfe wie diesen überhaupt erst möglich machte. Es war wunderbar, und ich genoss es in vollen Zügen.
    Lächelnd hängte ich den Ball wieder in eine der sechs speziellen Halterungen an meinem Gürtel und nahm zugleich einen anderen von dort. Auch dieser war rot an der Oberseite und weiß darunter, wie alle gewöhnlichen Pokébälle, aber es war dennoch nicht schwer, die beiden Kapseln auseinanderzuhalten, denn noch besaß ich nicht mehr als zwei Pokémon. Eines Tages würde ich die Bälle allerdings markieren müssen, spätestens dann, wenn ich über ein volles Team von sechs Pokémon verfügte, oder aber ich verwendete andere, farblich abgehobene Varianten dieser Gefäße.
    Vorerst aber galt es, einen Kampf zu gewinnen!
    »Ich vertraue auf deine Stärke«, flüsterte ich dem Pokéball zu – oder eher dem Pokémon darin –, während ich ihn nah ans Gesicht hielt, bevor ich schlagartig ausholte und ihn mit einer raschen Bewegung aus dem ganzen Arm hoch in die Luft warf. »Los, Zurrokex!«
    Erneut blitze ein blauer Lichtstrahl auf, eine gezackte Linie reiner Energie, die von dem nun aufgeklappten Pokéball ausging und bis zum Boden reichte, wo sich binnen Sekunden ein kleines, gelbes Pokémon materialisierte, welches entfernt an eine Echse erinnerte, obwohl es auf zwei Beinen lief. Sein Kopf wirkte im Verhältnis zum Körper ein wenig zu groß, rote Schuppen bedeckten seine Brust, doch vom Bauch an abwärts wurde sein Körper von einer schlaffen, dunkelgelben Haut umgeben, welche es immer wieder nach oben zog wie eine lockere Hose.
    Es war ein ruhiger, sonniger Tag gewesen, vor einem Monat, als ich dieses Zurrokex auf Route 1, gleich nördlich meiner Heimatstadt Avenitia, gefangen hatte – ich erinnerte mich noch genau daran, wie ich mit Ottaro gegen es gekämpft und es geschwächt hatte. Und seither hatte ich es intensiv trainiert, damit es stark genug wurde, Gegnern wie diesem Serpifeu standzuhalten. Zugegeben, ich war mir nicht sicher, ob Zurrokex schon für einen solchen Kontrahenten bereit war, denn das Serpifeu des anderen Trainers war ziemlich stark, aber selbst wenn Zurrokex zu schwach sein sollte, hieß das dennoch nicht, dass der Kampf deswegen gleich verloren war. Immerhin war die grüne Schlange schon ein wenig durch Ottaro geschwächt worden. Vor allem das Aufrechterhalten des Grasmixers musste es einiges an Energie gekostet haben. Darin lag meine Chance – so gering sie auch sein mochte.
    Es gab nur einen Weg herauszufinden, ob Zurrokex Serpifeu gewachsen war. Sollte ich feststellen, dass mein Pokémon nicht annähernd mit dem meines Gegners mithalten konnte, würde ich mich wohl oder übel geschlagen geben müssen. Es war besser, rechtzeitig aufzuhören, als seine Pokémon bis zur endgültigen Erschöpfung zu treiben. Diese wundersamen Wesen mochten zwar über erstaunliche Abwehr- und Selbstheilungskräfte verfügen, aber sie waren nicht unverwundbar, so leicht man das auch immer wieder vergessen mochte, selbst als Trainer.
    »Ah, dein Zurrokex«, stellte der andere Pokémon-Trainer in einem kundigen Tonfall fest, als wisse er genau, welche Schwächen und Stärken die kleine Echse besaß – und vermutlich stimmte das sogar. Er rückte seine Brille zurecht, obwohl sie gar nicht schief stand, eine Angewohnheit, die man immer wieder bei ihm beobachten konnte. »Du hast es noch nie gegen mein Serpifeu eingesetzt, Black. Das dürfte interessant werden.«
    Da war ich mit ihm einer Meinung – es würde interessant werden, spannend, furios! Aber auf eine gänzlich andere Weise, als mein Kontrahent es sich ausmalte. Ich hatte bereits das erste Pokémon des anderen Trainers – ein Nagelotz – zuvor mit Ottaro besiegt, ehe dieser Serpifeu in den Kampf geschickt hatte, somit stand es nun Eins zu Eins. Und da wir beide bislang nur zwei Pokémon besaßen, würde die Konfrontation zwischen Serpifeu und Zurrokex die Entscheidung darüber bringen, wer letztlich der Gewinner des ganzen Kampfes sein würde.
    Mein Gegner hielt sich nun keinen Augenblick lang mehr zurück, er war offenbar fest entschlossen, schnell und souverän den Sieg einzufahren. »Bring es zu Ende, noch einmal Grasmixer!«
    Serpifeu schien erfreut zu grinsen, was an dem spitzen Schlangenkopf gar nicht so leicht abzulesen war, ehe im nächsten Moment erneut seine kleinen Ärmchen zu leuchten begannen, um einen Wirbelwind aus Gras zu erschaffen. Nachdem es schon Ottaro nicht gelungen war, die geballte Macht des Tornados abzuwehren, ließ ich es Zurrokex gar nicht erst versuchen, sondern befahl der Echse, dem Angriff des Gegners auszuweichen. Zum Glück war dieses Zurrokex ein schnelles Exemplar, weshalb es ihm gelingen sollte, dem Grasmixer zu entgehen. Wenn es allerdings doch getroffen wurde, wäre der Kampf vermutlich nur allzu schnell vorüber.
    Ich musste versuchen, Serpifeus Überlegenheit, was reine Stärke anging, durch Geschwindigkeit auszugleichen. Zwar konnte das Pflanzenpokemon ebenfalls außergewöhnlich schnell sein, wie ich schon in manch früherem Kampf hatte feststellen müssen, aber dank ebendieser früheren Kämpfe hatte ich auch eine Vermutung, die mir vielleicht den Sieg einbringen konnte. Ich musste nur eine gute Gelegenheit schaffen, dann…
    »Versuche, näher an Serpifeu heranzukommen, aber halte dich vom Grasmixer fern!«, wies ich mein Pokémon an. »Aber gehe kein Risiko ein! Wenn es dir nicht gelingt, dann zieh dich zurück.«
    Zurrokex stieß einen zustimmenden Laut aus, der entfernt an das Knurren eines kleinen Hundes erinnerte, und sprang impulsiv zur Seite, als der Grasmixer auf es zugeschossen kam. Der Tornado zischte an ihm vorüber, aber Serpifeu lenkte ihn sofort in eine weitläufige Kurve, um ihn dann auf den Rücken seines Gegners zuschnellen zu lassen. Doch so weit ließ ich es nicht kommen, mit einem verbissenen Lächeln befahl ich dem kleinen Kampf-Pokémon, jetzt auf die grüne Schlange zuzurennen.
    Umgehend legte Zurrokex einen beeindruckenden Sprint in Richtung seines Kontrahenten hin. Und doch schien es zu langsam. Der Grasmixer, der inzwischen die Kurve vollzogen und somit seine Richtung wieder geändert hatte, kam ihm stetig näher. Es war ein verbissener Wettlauf, der über Sieg oder Niederlage entscheiden konnte. Würde Zurrokex Serpifeu erreichen, ehe der Tornado es erfasste? Oder würde es von diesem eingeholt und so übel zugerichtet werden wie zuvor schon Ottaro?
    Ich wartete. Ich durfte jetzt nichts überstürzen. Wenn ich zu früh eine Attacke befahl und Zurrokex dadurch aus seinem Laufrhythmus brachte, mochte dessen Tempo dadurch so sehr gedrosselt werden, dass der Wirbel aus Laub und Gras es einholte. Ich musste abwarten, bis die kleine, gelbe Echse kurz vor Serpifeu war, bis die beiden Kontrahenten einander aus nächster Nähe in die Augen blickten. Dann, ja, erst dann durfte ich zuschlagen.
    Es hing alles von jener einen Vermutung ab, von der Theorie, die ich nach den vorherigen Konfrontationen mit meinem Rivalen aufgestellt hatte. Serpifeu – ein unwahrscheinlich flinkes, wendiges Pokémon, dessen größte Stärke darin lag, den Angriffen seiner Gegner geschickt auszuweichen und sie dann aus der Ferne zu attackieren. Aber es gab eine Schwäche an seiner momentan stärksten Attacke, Grasmixer. Denn solange es den Wirbel aufrecht erhielt, der nun so unerbittlich jedem von Zurrokex' Schritten folgte, konnte es sich nicht von der Stelle rühren, das glaubte ich jedenfalls. Wenn ich mich damit jedoch irrte, dann lief Zurrokex geradewegs in sein Verderben. Doch daran durfte ich nicht denken. Ich hatte nur den Sieg vor Augen, der in so greifbarer Nähe war und doch so ungleich fern wirkte.
    Nicht mehr lange. Ein paar Schritte noch. Zehn. Fünf. Jetzt!
    »Durchbruch!«
    »Was?!«, rief der andere Trainer überrascht, als er diese Anweisung hörte. Vermutlich hatte er mit einer der üblichen, eher schwächeren Kampfattacken von Zurrokex gerechnet, wie zum Beispiel Fußkick, was Serpifeu keinen großen Schaden zugefügt hätte. Durchbruch dagegen war von einem gänzlich anderen Kaliber, und ich konnte nicht umhin, stolz darauf zu sein, dass ich meinem Pokémon diese Attacke schon so früh hatte beibringen können. Es war ein Beweis für mein Talent als Trainer – und meine größte Trumpfkarte in diesem Kampf, da mein Rivale nicht mit dieser neuen Attacke gerechnet hatte.
    Im nächsten Moment ereilte Serpifeu das Verhängnis. Der hastig gerufene Abwehrbefehl seines Trainers kam zu spät, zu lange dauerte es, den Grasmixer versiegen zu lassen und sich aus der Bahn des Schlages zu winden oder gar zu kontern. Zurrokex überbrückte das letzte, kurze Stück Weges mit einem blitzartigen Sprung, der es binnen eines Augenblicks direkt vor seinen Gegner katapultierte, und holte mit einem kleinen Ärmchen weit nach hinten aus.
    Ein mächtiger Schlag, der sogar Schutzattacken wie Reflektor zu durchbrechen vermochte, fuhr auf den Kopf des Schlangen-Pokémons nieder, welches ein schmerzerfülltes Zischeln von sich gab und unmittelbar darauf kampfunfähig auf der Wiese zusammenbrach. Zwei zu Eins für meine Wenigkeit, Pokémon-Trainer Black. Spiel, Satz und Sieg.
    Ich jubelte innerlich auf, doch nach außen hin ließ ich mich nicht von der Freude über meinen Triumph hinreißen, sondern hob die rechte Hand an meine schwarz-rote Cap und steckte die linke in die Hosentasche, sodass sich eine Pose ergab, die reine Gelassenheit und Beherrschung ausdrückte, als hätte niemals auch nur der geringste Zweifel am Ausgang des Kampfes bestanden. Wenn schon gewinnen, dann mit Stil.
    Mein besiegter Gegner und zugleich bester Freund, Cheren Fenardez, lächelte nur mild, als er das sah, und ging dann schnell, aber ohne Eile zu seinem Serpifeu, um ihm einen Trank zu verabreichen, der sich in einer kleinen, violetten Plastikflasche befand. Solcherlei Pokémonmedizin war in erster Linie ein Schmerzmittel und wirkte entzündungshemmend, außerdem beschleunigte sie den Heilvorgang ein wenig, gänzlich revidieren konnte sie die Folgen eines harten Kampfes jedoch nicht. Dazu waren viel Ruhe und bei schlimmeren Verletzungen die Behandlung in einem Pokémon-Center notwendig.
    Nachdem das Pflanzen-Pokémon die Medizin gehorsam getrunken hatte, obwohl sie sicherlich ein bisschen bitter schmeckte, rief sein Trainer es in den Pokéball zurück, stand auf und drehte sich zu mir um. Cheren trug ein weiß-rotes T-Shirt unter einer offenen, blauen Jacke. Er besaß schulterlanges, schwarzes Haar und wissbegierige, blaue Augen, die nun interessiert Zurrokex musterten, das den Kopf hob und den Trainer herausfordernd ansah. Der Sieg war der kleinen Echse wohl ein wenig zu Kopf gestiegen.
    »Durchbruch, so ist das also.« Er klang, als hätte er eine überaus interessante Feststellung gemacht, und vermutlich war es in seinen Augen auch genau das. Wenn es eines gab, was bei Cheren besonders herausstach, dann war es seine Gier nach Wissen. Seit unserer frühen Kindheit hatten Cheren und ich stets versucht, einander zu übertrumpfen, wenn es um Pokémon ging, doch so sehr ich mich dabei auch bemühte, Cheren war mir immer einen Schritt voraus, wenn es um reines Wissen ging. Dafür war ich der einfallsreichere von uns beiden und verstand mich besser darauf, immer wieder neue Taktiken zu ersinnen, die von den Lektionen aus den Lehrbüchern über den Pokémon-Kampf abwichen und für Cheren daher schwer zu kontern waren.
    »Das war eine Überraschung«, fügte er noch hinzu. »Seit wann kann es das?«
    »Noch nicht lange«, erklärte ich meinem Freund und Rivalen, während ich Zurrokex beiläufig in den Pokéball zurückrief. Das Pokémon verschwand in jenem wundersamen, blauen Licht, das mir inzwischen so vertraut war wie das alltägliche Leben in Avenitia. »Erst seit gestern, um genau zu sein. Ich habe dir natürlich nichts davon erzählt, damit ich bei unserem nächsten Kampf ein Ass im Ärmel habe, und wie du siehst, hat es sich gelohnt. Außerdem wollte ich eine Theorie testen, und dazu musstest du denken, mein Zurrokex könnte deinem Serpifeu kaum etwas anhaben, selbst auf nahe Distanzen.«
    »Eine Theorie?«, fragte Cheren interessiert. Man konnte ihm förmlich ansehen, wie er nach dem Wissen gierte. Es gab nur eines, das ihm genauso wichtig war wie Wissen, und das war Stärke. Dabei versuchte er Letzteres durch Ersteres zu erlangen.
    »Mir ist in unseren letzten Kämpfen aufgefallen, dass sich Serpifeu nicht von der Stelle rührt, solange es den Grasmixer aufrecht erhält. Nach meiner Niederlage vor drei Tagen habe ich ausführlich darüber nachgedacht und beschlossen, es bei unserem nächsten Kampf genau zu testen. Serpifeu kann sich während des Einsatzes von Grasmixer tatsächlich nicht bewegen. Hättest du gewusst, dass Zurrokex Durchbruch beherrscht, hättest du wahrscheinlich früher den Ausweichbefehl gegeben, und dann hätte ich das nicht beweisen können. So aber war es zu spät und Zurrokex konnte seine ganze Kraft entfesseln. Sogar du musst zugeben, dass das eine gute Strategie war.«
    »Ich erwarte nichts geringeres von dem Trainer, den ich mir als Rivalen ausgewählt habe«, meinte Cheren ein wenig hochnäsig. »Auch wenn ich das Gefühl habe, dass du an gar nichts anderes denkst als daran, wie du mich besiegen kannst. Wir stehen immer noch am Anfang unseres Trainerdaseins, also warte es nur ab, in ein paar Monaten überrasche vielleicht ich dich mit einer neuen Attacke. Und wir wissen doch beide, dass es am Ende nur mir bestimmt ist, der neue Champ der Einall-Pokémon-Liga zu werden.«
    »Ha, träum weiter!«, riet ich ihm grinsend. »Solange es mich gibt, wirst du ewiger Zweiter bleiben. Aber vielleicht wird ja irgendwann ein Platz unter den Top Vier für dich frei. Wenn du Glück hast.«
    Cheren erwiderte das Grinsen und rückte ein weiteres Mal seine Brille zurecht, indes sein Blick zu sagen schien: das werden wir ja sehen.Wirwussten beide, dass die Zukunft noch in den Sternen stand. Hier, inunseremHeimatdorf Avenitia, mochten wirzu den stärksten Trainern zählen, aber das lag vermutlich daran, dass wirhier auch zu den einzigen Trainern zählten. Die wahre Herausforderung wartete noch auf uns, jenseits unsererHeimat, jenseits von Route 1, in den Weiten Einalls. Große Städte wie Stratos City, erstaunliche Gegenden wie die Elektrolithöhle, furiose Kampfzonen wie die Arenen, wo man die Orden verdienen konnte – wir waren entschlossen, eines Tages die ganze Einall-Region zu bereisen und all diese faszinierenden und erstaunlichen Orte zu sehen. Es war möglich, dasswiraußerhalb von Avenitia nicht mehr waren als blutige Anfänger, nicht einmal fähig, auch nur einen einzigen Orden zu erlangen, aber daskonnten wirnicht wissen, ehe wires nicht versucht hatten. Ich für meinen Teil warjedenfalls bereit, Avenitia zu verlassen und der Welt zu zeigen, dassichdas Zeug zum Champ hatte.
    Doch dazu musste zuerst…
    »Wo bleibt eigentlich Bell?«, fragte ich meinen Kumpel. »Sie sollte schon längst hier sein.«
    Cheren zuckte mit den Schultern. »Du kennst sie doch. Sie wird schon noch kommen, und wenn nicht, dann gehen wir eben zu ihr und schleifen sie hierher zur Route 1, und wenn wir unsere Pokémon dazu einsetzen müssen. Manche Leute muss man eben zu ihrem Glück zwingen.«
    »Wen muss man zu seinem Glück zwingen?«, erklang plötzlich eine weibliche Stimme einige Schritte von uns entfernt, woraufhin wir überrascht zusammenzuckten und uns in die Richtung wandten, aus der die Stimme gekommen war. Und dort stand sie: Die dritte im Bunde, Bell Summers, ein blondes Mädchen mit einer Vorliebe für die Farbe Grün, was sich unter anderem an ihrer grünen Hose und dem runden, grünen Hut zeigte. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und musterte ihre beiden Freunde seit Kindheitstagen, also uns, mit misstrauisch zusammengekniffenen Augen. Anscheinend hatte sie nicht alles von dem mitbekommen, was Cheren gerade gesagt hatte, wohl aber den letzten Teil, und sie schien zu ahnen, auf wen dieser sich bezogen hatte.
    »Dich muss man zu deinem Glück zwingen«, antwortete Cheren auf ihre Frage, taktvoll wie eh und je. Überflüssigerweise fügte er dann auch noch ein »natürlich« hinzu.
    Ich seufzte und beeilte mich, das Ganze ein wenig milder auszudrücken. »Wir haben fast schon gedacht, du kommst nicht mehr. Die vereinbarte Zeit war vor zwanzig Minuten. Aber so konnten wir wenigstens einen Kampf austragen, während wir auf dich gewartet haben.«
    »Jetzt bin ich ja hier«, grummelte Grünchen, wie Cheren und ich sie häufig zu nennen pflegten. Sie konnte diesen Spitznamen zwar nicht leiden, aber sie würde ihn vermutlich niemals wieder loswerden, es sei denn, sie begann auf einmal, sich in ein knalliges Rot zu kleiden. Das war jedoch… eher unwahrscheinlich, wie jeder wusste, der sie einigermaßen kannte. »Wer hat denn gewonnen?«
    »Der zukünftige beste Trainer der Welt, wer denn sonst?« Ich nahm meine Cap ab und verbeugte mich elegant vor Bell. »Ich darf mich vorstellen, Black Averon aus Avenitia, der künftige stärkste aller Pokémon-Trainer. Du darfst mich mit Großer Champansprechen.«
    »Pah«, schnaubte sie jedoch nur abfällig. »Lass dir nur mal diesen einen Sieg nicht zu Kopf steigen. Oder hast du schon vergessen, wie Cheren dich vor drei Tagen erst fertiggemacht hat?«
    Ugh.Das hatte gesessen. Ichwurde nur ungern an meine Niederlagen erinnert, vor allem nichtan solche Desaster wie denKampf vor drei Tagen. Zuerst hatte Cherens Nagelotz meinZurrokex auf geradezu lächerliche Weise alt aussehen lassen, bevor sein Serpifeu auch noch Ottaro in Grund und Boden gestampft hatte. Das war keine Leistung, auf die ichstolz war, aber es war mit Sicherheit nicht der letzte Rückschlag, denn ichauf meinem langen Weg zum Champ der Einall-Liga hinnehmen musste. Aber davon würde ich mich nicht unterkriegen lassen! Ich würde gestärkt aus jeder meiner Niederlagen hervorgehen, um eines Tages all jene Hürden zu meistern, an denen ich zunächst gescheitert war. Der heutige Kampf war der beste Beweis für diese Entschlossenheit, denn heute war iches gewesen, der Cheren besiegt hatte. Auch wenn es nur ein knapper Sieg gewesen war.
    »Also, warum wolltet ihr eigentlich, dass ich hierher komme?«, fragte Bell schließlich. »Gibt es irgendetwas, das ihr mir zeigen wollt? Naja, euren Kampf habe ich ja offensichtlich verpasst.«
    »Ausnahmsweise geht es einmal nicht um uns, sondern um dich«, begann Cheren zu erklären. Ichsetzte solange meine Cap wieder auf und lehnte mich an einen nahen Baum. Das Reden überließ ichvorerst meinem Freund, der sogleich ohne große Umschweife auf den Punkt kam. »Wir wollen dir dabei helfen, ein Pokémon zu fangen.«
    Ein Pokémon fangen – das war heutzutage nichts Außergewöhnliches mehr, nicht für all die Trainer, die inzwischen durch die Welt reisten und sich und ihre Pokémon aneinander maßen, und auch nicht für eine angehende Trainerin wie Bell, deren erklärtes Ziel es war, wie auch ihre beiden besten Freunde mit einem Team an Pokémon eine Reise durch Einall anzutreten. Und dennoch… dennoch wirkte Bell, als hätte ihr Cheren gerade geraten, sie solle sich von einerKlippe stürzen. Ihre Gesichtszüge entgleisten vollkommen und sie wich erschrocken einen Schritt zurück.
    »E-Ein P-Po-Pokémon fangen?«, stotterte sie ängstlich. »A-Abersollteich mir denn nicht eines von Professor Esche im Labor abholen?«
    Ich nickte. »Ja das solltest du. Oder eher, du hättest es vor drei Monaten tun sollen. Cheren und ich warten nicht ewig und Professor Esche auch nicht.«
    Vor drei Monaten, im Mai des Jahres 2953 der Einall-Zeitrechnung, hatten Bell, Cheren und ich endlich unseren Schulabschluss gemacht und waren somit frei, eine Pokémon-Reise anzutreten, wie wir es uns so lange erträumt hatten. Keinen Tag später hatten wir beim Pokémon-Labor von Avenitia, wo Professor Esche arbeitete, eine angesehene Koryphäe auf dem Gebiet der Pokémon-Forschung, angefragt, ob wir uns demnächst jeder ein Pokémon abholen dürften, und die Antwort war eine Einladung der Professorin persönlich ins Labor gewesen, um eines von drei Starter-Pokémon zu wählen.
    Es hätte alles perfekt sein sollen – am vereinbarten Datum waren Cheren und ich wie verlangt im Labor erschienen, wo Esche uns die drei erwähnten Starter präsentiert hatte: Floink, Serpifeu und Ottaro. Wir beide hatten miteinander vereinbart, Bell den Vortritt zu lassen, ganz die Kavaliere, die wir eben waren, doch so lange wir auch gewartet hatten, Grünchen war nicht erschienen. Also waren wir ohne Pokémon nach Hause gegangen, hatten zuvor noch Bell besucht und ihr gesagt, dass wir morgen noch einmal hingehen würden. Doch auch am nächsten Tag hatte unsere Kindheitsfreundin durch ihre Abwesenheit geglänzt. So war es gekommen, dass wir es schließlich am dritten Tag nicht mehr länger hatten abwarten können und wir unsere Pokémon ohne Bell gewählt hatten, als diese wieder nicht erschienen war.
    Cheren war als Erster an der Reihe gewesen und hatte nach kurzer Überlegung Serpifeu gewählt. Ichwar nun mit Sicherheit nicht dumm, und ich interessierte mich schon für Pokémon und vor allem den Pokémon-Kampf, so weit ich zurückdenken konnte. Ich kannte alle Wechselwirkungen der Typen und hatte daher natürlich genau gewusst, dass ich mit dem Feuer-PokémonFloink gegen Cherens Serpifeu besser fahren würde als mit dem Wasser-Pokémon Ottaro – aber ich hatte meine Entscheidung bereits gefällt gehabt, bevor ich das Labor überhaupt betreten hatte: Es sollte Ottaro sein, und kein anderes. Natürlich hatte ich michschon im Voraus genau über die Starter erkundigt, und mirgefielen Ottaro und seine Entwicklungsstufen wesentlich besser als Floink und sie seinen, Typvorteil hin oder her. Außerdem sagte ichzu einer schweren Herausforderung nicht nein. Wo wäre denn die Spannung, wenn icheinen typmäßigen Vorteil gegenüber Cheren besäße? Eines Tages würde mein Ottaro so stark werden, dass Cherens Serpifeu ihm nicht einmal mehr annähernd gewachsen wäre, unabhängig von den Typen, das nahm ich mirfest vor.
    Nun aber galt es zunächst, dafür zu sorgen, dass wir unsere Reise antreten konnten – und das wäre erst möglich, wenn auch Bell ein Pokémon besaß. Da wir nun alle drei auf Route 1 versammelt waren, war es endlich an der Zeit, ihr ein wenig auf die Sprünge zu helfen.
    »Wenn du es nicht fertigbringst, ins Labor zu gehen und nach einem Pokémon zu fragen, wie wir es getan haben, muss es eben anders gehen«, führte Cheren aus. »Der Plan sieht also folgendermaßen aus: Wir suchen hier auf Route 1 ein Pokémon, einer von uns beiden schwächt es und dann musst du nur noch den Ball werfen und es einfangen. Nichts leichter als das.«
    »N-Nichts leichter als das?«, wiederholte Bell nervös. »Ich… ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich meine… ich war noch nie gut im Werfen… und…«
    »Genug mit diesen unnützen Ausreden, Grünchen.« Ich verlor langsam die Geduld mit ihr. »Wir ziehen das jetzt durch. Cheren und ich wollen endlich aufbrechen, aber wir haben dir versprochen, dass wir auf dich warten. Du kannst es nicht ewig hinauszögern. Wir hängen da auch mit dran.«
    Betrübt senkte sie den Kopf. »I-Ich weiß. Okay, ich versuche es. Ich werde euch nicht länger zurückhalten.« Bell sah wieder auf und legte sich mit entschlossenem Blick eine Hand aufs Herz. »Ich… ich schaffe das. Und dann… dann können wir endlich los. Unsere Reise mit unseren eigenen Pokémon. Ja. Tun wir's.«
    Somit war es entschieden. Zufrieden stieß ich mich von dem Baum ab, an den ich mich gelehnt hatte, und folgte meinen beiden Freunden weiter nach Norden entlang der Route 1, die zwischen Avenitia und Gavina im äußersten Südosten der Einall-Region lag. Da beide Endpunkte dieser Route nur kleine, unbedeutende Städte waren, in denen es nicht einmal eine Arena gab, geschweige denn irgendwelche anderen Attraktionen – das Pokémon-Labor einmal ausgenommen –, war die Route selbst kaum mehr als ein ländlicher, weder geteerter noch gepflasterter Pfad, der sich einsam durch die Landschaft schlängelte, die hier von Wiesen, Feldern und kleinen Wäldern geprägt war, in denen es eine Fülle an eher kleineren, schwächeren Pokémon gab.
    Wer nach großen, furchteinflößenden Pokémon wie Maxax oder Rabigator suchte, war hier also Fehl am Platze, doch für frische, junge Trainer wie uns drei Freunde aus Avenitia war es zunächst einmal der perfekte Ort, um erste Erfahrungen zu sammeln. Nur waren Cheren und ich nun schon seit gut drei Monaten dabei, diese Erfahrungen zu sammeln, und wurden deshalb der Herausforderungen und Pokémon, welche die Route 1 uns bot, langsam müde. Inzwischen waren wir zu stark für diese Gegend – keines der Pokémon hier konnte Ottaro und Serpifeu noch das Wasser reichen, und auch Zurrokex und Nagelotz bekamen nur noch selten Probleme.
    Es hing alles an Bell. Wenn das heute nichts wurde, beschloss ich, dann würde ich trotzdem losziehen und nicht länger warten. Ja, wir hatten es Bell versprochen, nicht ohne sie zu gehen, und ich würde dieses Versprechen auch nur sehr ungern brechen, aber wenn das so weiterging, würde ich niemals aus Avenitia rauskommen. Mich zog es in die Ferne, in die schier unendlichen Weiten dieser Welt der Pokémon! Ich wollte nicht mehr länger warten. Das Trainerblut in meinen Adern verlangte nach mehr, es verlangte danach, endlich zu gehen, Abenteuer zu erleben und Arenaorden zu sammeln!
    Vielleicht hätten wir die Professorin ja auch einfach bitten können, zu Bell zu gehen, wenn diese schon nicht zu ihr kam, aber diese Forscher wirkten immer so beschäftigt und zudem war es mir ohnehin lieber, die Sache selbst voranzutreiben, als mich dabei auf jemand anderen zu verlassen, was nur weitere Verzögerungen bedeuten konnte. Außerdem war es vermutlich besser, wenn Bell gleich lernte, wie man ein Pokémon fing und dadurch ein bisschen Selbstvertrauen erlangte. Sie hatte es bitter nötig.
    Nachdem wir uns eine Zeit lang an der Straße gehalten hatten, bogen wir schließlich von dieser ab und begaben uns auf eine dicht bewachsene Blumenwiese in der Nähe eines Waldes, durch den sich, wie ich wusste, ein kleiner Fluss schlängelte. Dort, an jenem Fluss, war ich vor einiger Zeit Zurrokex begegnet, als ich mich gerade ein wenig am Ufer entspannt und Ottaro im Wasser gemütlich seine Bahnen gezogen hatte. Aber heute war der Fluss nicht mein Ziel, stattdessen hielt ich wachsam Ausschau, ob ich im hohen Gras dieser Wiese nicht vielleicht die Bewegungen eines Pokémon ausmachen konnte, das sich hier irgendwo versteckte – und tatsächlich, nach nicht einmal einer Minute hörte ich ein deutliches Rascheln und sah in einigen Metern Entfernung einige Büsche auf verdächtige Weise wackeln.
    Sofort nahm ich meinen ersten Pokéball zur Hand und warf ihn hoch in die Luft. »Los, Ottaro, Aquaknarre auf diesen Busch!«
    In einem blauen Lichtblitz erschien ein weiteres Mal mein Partner Ottaro, der zwar immer noch ein klein wenig wegen des Kampfes gegen Serpifeu angeschlagen war, dennoch aber vor motivierter Kraft strotzte. Sobald es sich vollständig materialisiert hatte, legte es auch schon den Kopf in den Nacken und ließ ihn dann schlagartig wieder nach vorne schnellen, um einen starken Wasserstrahl in die angegebene Richtung zu feuern. Die Aquaknarre traf ihr Ziel punktgenau, woraufhin ein hohes Jaulen erklang und eine kleine Gestalt hinter dem anvisierten Busch hervorsprang und sich kurz und kräftig schüttelte, um das Wasser wieder aus seinem Fell zu bekommen. Die Wucht der Attacke war durch den im Weg stehenden Strauch abgeschwächt worden, sodass das Pokémon lediglich ein wenig nass geworden war, ohne großen Schaden davonzutragen, aber es war immerhin genug gewesen, es aus seinem Versteck zu treiben.
    Das Pokémon, das braunes Fell besaß, schnupperte mit seiner kleinen Stupsnase in der Luft, wie als wollte es uns anhand unseres Geruches identifizieren, und tapste dann auf seinen vier winzigen Pfötchen vorsichtig ein wenig näher an uns heran. In seinem Gesicht war das Fell etwas heller und länger, doch seine großen, dunklen Augen waren dennoch gut zu erkennen. Als es jedoch bemerkte, dass wir diejenigen waren, von denen die unerwartete Dusche gekommen war, machte das Pokémon einen alarmierten Satz nach hinten und knurrte uns an.
    »Ein Yorkleff«, stellte Cheren mit fachmännischem Ton fest und wandte sich dann an Bell. »Meinst du nicht, ein so niedliches, kleines Pokémon würde zu dir passen?«
    »Das...« Bell sah das winzige, hundeähnliche Pokémon mit glänzenden Augen an. »...ist ja so süüüß!«
    »Dann...« Mit einem Grinsen im Gesicht ergriff ich die Gelegenheit, nahm einen Pokéball aus meiner Tasche und drückte ihn meiner Freundin in die Hand. »…hast du ja sicher nichts dagegen, es einzufangen.«
    Zuerst starrte Bell nur ein paar Sekunden lang völlig perplex auf den Ball in ihrer Hand, als wäre dieser dort ohne Vorwarnung aus dem blanken Nichts erschienen, bevor sie langsam den Kopf hob und mich mit einem Ausdruck reiner Nervosität im Antlitz ansah. »Äh… ich… ja… du hast wohl recht… oder? Ich meine… natürlich… es einfangen. Deshalb sind wir ja hier… oder?«
    »Exakt.« Cheren rückte erneut seine Brille zurecht und stand dabei kerzengerade, den Blick fest auf das Yorkleff geheftet. »Ich empfehle dir, dich zu beeilen, bevor es noch wegrennt. Da Black Ottaro ohnehin schon aus dem Ball gerufen hat, kann er das Schwächen übernehmen. Sobald wir es sagen, musst du nur noch den Pokéball werfen, verstanden?«
    »W-Warum genau muss ich das nochmal tun?«, fragte sie jedoch mit zittriger Stimme. »Kann es nicht einer von euch fangen und mir dann geben?«
    »Nope«, gab ich unerbittlich zurück. »Du musst selbst lernen, wie man gegen Pokémon kämpft und sie einfängt. Wir können nicht immer da sein, um dir zu helfen.«
    »Ich weiß«, gab sie schließlich seufzend nach und schien keine passende Erwiderung mehr zu finden.
    Ich nickte und widmete mich wieder voll und ganz dem Kampf. Für den Anfang sollte eine relativ schwache Attacke genügen, ich wollte das kleine Hundepokemon ja immerhin nicht ernsthaft verletzen. Es sollte nur genug an Kraft einbüßen, dass es im Pokéball blieb. Daher befahl ich Ottaro den Einsatz von Tackle, eines simplen Angriffs, bei dem der Gegner mit dem eigenen Körper gerammt wurde.
    Der kleine Otter setzte sich daraufhin ruckartig in Bewegung und sprintete auf seinen Kontrahenten zu, der ihm mit einem kampflustigen Knurren entgegen sprang. Mutig war es ja, das kleine Yorkleff, das musste man ihm lassen. Doch als die beiden Pokemon aufeinander prallten, zeigte sich sofort, welches das stärkere war. Jaulend landete Yorkleff im Gras, wohingegen Ottaro nicht einmal wankte.
    »Jetzt, Bell, wirf den Pokéball!«, rief ich sofort. Yorkleff lag am Boden und hatte offenbar seine gute Mühe dabei, sich wieder aufzurappeln. Das war die Gelegenheit! In diesem Zustand würde es der Fangkraft des Pokéballs keinen großen Widerstand entgegenbringen können. Wenn es jedoch dazu kam, aufzustehen und sich ein wenig zu erholen, wären die Erfolgsaussichten wieder deutlich geringer. Jetzt oder nie!
    Doch der Wurf kam nicht. Bell, in deren Gesicht nun die blanke Panik geschrieben stand, verharrte nur starr auf der Stelle und rührte sich keinen Millimeter weit, den Ball vor Anspannung so fest umklammert, dass ihre Fingerknöchelchen weiß hervortraten. Und genau in diesem einen Augenblick, da ich mich zu ihr wandte und sie so erblickte, wurde mir mit einem mal klar, dass das heute wieder nichts werden würde. Der günstige Moment würde vorüberziehen, und sie würde einfach nur dort stehen und nichts tun.
    Seufzend schüttelte ich den Kopf. Warum? Ich verstand es einfach nicht. Warum war sie so ängstlich, wenn es darum ging, ihr erstes Pokémon zu erhalten, sei es nun, indem sie es selbst fing, oder indem sie es sich bei Professor Esche abholte? War es denn so schwer? Sie fürchtete sich nicht vor den Pokémon, so viel wusste ich, im Gegenteil, sie spielte oft und gerne mit den Pokémon in der Stadt. Sie liebte diese Wesen aus ganzem Herzen! Dennoch…
    Vielleicht, kam mir ein neuer Gedanke, war es ja die lange Reise, die sie abschreckte. Ich hatte es bisher noch nicht in Betracht gezogen, aber was war, wenn sie gar nicht durch Einall ziehen wollte? Auf einmal war ich mir nicht mehr so sicher, ob sie dieses Versprechen damals wirklich freiwillig gegeben hatte. Cheren und ich… wir hatten sie doch nicht etwa dazu gedrängt, oder? Es war schon ein paar Jahre her, da hatten wir an einem sommerlichen Nachmittag gemeinsam beschlossen, in die Welt hinauszugehen, sobald wir alle ein Pokémon besaßen. So war es doch gewesen, oder? Nun aber nagte ein plötzlicher Zweifel an mir, ob Bell damals wirklich so bereitwillig zugestimmt hatte, wie meine Erinnerungen es mir sagten.
    Während diese Befürchtung in meinem Kopf Gestalt annahm, griff Cheren kurzerhand nach dem Pokéball, entwand ihn Bells steifer Hand und warf ihn selbst auf das Yorkleff. Er traf das kleine Pokémon direkt am Kopf, woraufhin sich der rot-weiße Ball öffnete und es von rotem Licht eingehüllt wurde. Danach verschwand das Yorkleff und der Pokéball fiel zu Boden, was den Beginn des gespannten Wartens markierte.
    Der Pokéball wackelte und rumorte im hohen Gras, Yorkleff wollte fliehen, wollte entkommen, doch die unsichtbare Bindung des Pokéballs schloss sich immer fester um es. Es war ein stummer Kampf, den das kleine Pokémon jedoch verlieren würde, dessen war ich mir so gut wie sicher. Und schließlich zeigte sich, dass ich damit recht behalten sollte, als die rot-weiße Kapsel plötzlich still verharrte und ein elektronisch klingender Ton erklang, begleitet durch einige weiße Funken, die von dem Knopf in der vorderen Mitte des Balls empor stoben.
    Es war vollbracht.
    Cheren überwand mit wenigen schnellen Schritten die kurze Distanz zwischen sich und dem Pokéball und bückte sich nach diesem, um ihn aufzuheben. Bell sah indes nur betrübt auf ihre nun leere Hand hinab, die kurz zuvor noch ebendiesen Ball gehalten hatte, unfähig, ihn auf das Yorkleff zu werfen. Eine Zeit lang sagte keiner von uns auch nur ein Wort. Ich kratzte mich am Hinterkopf und lehnte mich einmal mehr an einen nahen Baum, Ottaro ließ sich rücklings ins weiche Gras fallen, und Cheren schien zu überlegen, was er nun mit dem neu gefangenen Pokémon tun sollte.
    »I-Ich habe es ja versucht, d-das habe ich wirklich«, stotterte Bell schließlich. Ich schwieg lieber weiterhin, denn der Kommentar, der mir auf der Zunge lag, hätte sie vermutlich nur gekränkt. Ich verstand sie einfach nicht. Nach wie vor. Es war doch nicht so schwer, oder? Cheren blieb allerdings nicht ganz so schweigsam.
    »Du wirst es schon noch irgendwann schaffen«, meinte er, wobei seiner Stimme der Vorwurf fehlte, den ich wahrscheinlich nicht hätte zurückhalten können. »Wie sagt man so schön? Aller Anfang ist schwer. Das war mit Sicherheit nicht deine letzte Gelegenheit.«
    »Wahre Worte«, erklang nun zum zweiten Mal an diesem Tag eine Stimme wie aus dem Nichts. Überrascht drehten wir alle drei uns in die Richtung, aus der diese Stimme gekommen war, und erblickten eine erwachsene Frau, die sich gerade zwischen einigen dornigen Büschen hervorkämpfte, sich danach kurz den weißen Forscherkittel, den sie trug, abklopfte und sich uns lächelnd zuwandte. Sie besaß hellbraunes Haar in einer hochgesteckten Frisur und wachsame grüne Augen, denen wahrscheinlich so schnell nichts entging.
    »Professor Esche?«, fragten Cheren und ich wie aus einem Munde, bevor Ersterer aber noch in zweifelndem Ton hinzufügte: »Haben sie sich etwa gerade in den Büschen versteckt?«
    Die Professorin von Avenitia, eben jene Frau, die uns unsere ersten beiden Pokémon – Ottaro und Serpifeu – gegeben hatte, lachte herzhaft und kam näher, ohne näher auf Cherens Frage einzugehen. Keiner von uns hatte sie hier erwartet, da sie um diese Zeit für gewöhnlich in ihrem Labor im Nordwesten von Avenitia zu finden war. Aber auch eine berühmte Pokémon-Professorin brauchte wohl mal eine Pause, oder? Dennoch… was genau machte sie hier?
    »Hallo Jungs«, grüßte Esche mich und Cheren. »Schön zu sehen, wie gut ihr beiden mit den Pokémon zurechtkommt, die ich euch gegeben habe. Euer Kampf vorhin war vorzüglich.«
    »Wie lange genau folgen sie uns schon?«, wollte Cheren mit gerunzelter Stirn wissen, aber erneut beachtete sie den Einwand nicht weiter. Stattdessen wanderte ihr Blick nun zu dem schüchternen Mädchen, das zwischen uns beiden stand und sich halb hinter Cheren zurückgezogen hatte, sobald sie erkannt hatte, wer da so unvermittelt aus dem Gebüsch getaumelt war. »Und du musst Bell sein, die dritte im Bunde.«
    »Äh… j-ja.« Nur zögerlich kam sie aus ihrem eher unzureichenden Versteck hervor, das hieß, bis ich ihr einen herzhaften Schubs gab, der sie direkt vor die Professorin beförderte. Dann wurde aus dem Zögern ein vollständiges, verängstigtes Innehalten. Oh ja… Professoren… die gruseligsten Wesen im ganzen Universum. Seufzend schüttelte ich den Kopf.
    Nun gut, man musste zugeben, es war keine Kleinigkeit, einer weltweit anerkannten Koryphäe der Pokémon-Forschung Auge in Auge gegenüberzustehen. Esche war eine Expertin auf dem Gebiet des Ursprungs der Pokémon, beziehungsweise der Frage danach, wie lange bestimmte Pokémonarten schon existierten und wie sie entstanden waren. Man konnte also sagen, dass ihr Schwerpunkt in gewisser Weise die geschichtliche Evolution der Pokémon war. Dabei ging sie auch alten Legenden über extrem mächtige, antike Pokémon wie Reshiram und Zekrom nach, womit ihre Forschung in Teilen auch einen Bereich umfasste, für den ich mich ungemein interessierte. Ihr Vater Eberhard Esche erforschte im Übrigen das gleiche Gebiet und war anscheinend sogar ein Bekannter von Professor Eich, dem mit Abstand berühmtesten und renommiertesten Pokémon-Professor der Welt und Erfinder des Pokéballs. Ja, in Anbetracht all dessen war es wohl tatsächlich nicht verwunderlich, dass Bell der Professorin gegenüber so nervös war.
    Aber Esche lächelte nur und fuhr ohne Umschweife fort. »Cheren und Black sagten mir, dass du auch ein Pokémon haben willst, aber du bist nie ins Labor gekommen. Haben sich die beiden etwa geirrt?«
    »N-Nein, das ist es nicht.« Bell trat verlegen vom einen Fuß auf den anderen, warf uns kurz einen entschuldigenden Blick zu, und dann… »Es ist nur so… mein Vater… er hat mir nicht erlaubt ins Labor zu gehen, weil… nun ja, er will nicht, dass ich Pokémon-Trainerin werde.«
    Das hörte ich nun tatsächlich zum ersten Mal. Und so verwirrt, wie Cheren unser beider Kindheitsfreundin ansah, verhielt es sich bei ihm genauso. Wir waren nicht einmal auf die Idee gekommen, dass Bells Eltern etwas gegen ihre Pläne haben könnten, weil es bei uns beiden zuhause niemals zur Debatte gestanden hatte. Meine Mutter war ohnehin in Bezug auf die meisten Dinge sehr tolerant eingestellt und ermutigte mich stets, meinen eigenen Weg zu gehen, und auch bei Cheren gab es von Seiten der Eltern keine Probleme. Wenn Bells Vater jedoch gegen die ganze Sache mit der Reise als Pokémon-Trainer war…
    Das erklärte so einiges. Ihr Zögern, ihre ständigen Ausflüchte, ihre Zurückhaltung, sobald die Sprache auf das Thema Pokémon fiel – auf einmal ergab alles einen Sinn. Und ich hätte mir fast selbst mit der flachen Hand gegen die Stirn geschlagen, weil ich es nicht früher erkannt hatte.
    »Sag, wie alt bist du, Bell?«, fragte Professor Esche auf einmal freundlich, aber bestimmt. Worauf wollte sie mit dieser Frage hinaus?
    »Siebzehn«, antwortete Bell wahrheitsgemäß. Cheren und ich waren ebenfalls siebzehn Jahre alt. Allerdings war ich im Mai, Cheren im Juni und Bell erst im Juli geboren worden, somit war das grün gekleidete Mädchen noch immer die jüngste von uns Dreien.
    »Siebzehn«, wiederholte die Forscherin im weißen Kittel, der – nebenbei bemerkt – ziemlich unpassend für einen Ausflug auf Route 1 war. »Hör mir gut zu, Bell. Es gibt einige talentierte junge Trainer, die bereits mit sechzehn Jahren ihre Reise antreten. Und siebzehn – das ist hier in Einall das gewöhnliche Alter, um Trainer zu werden. Natürlich machen sich viele Eltern Sorgen, wenn sich ihre Kinder für diesen Weg entscheiden, zumal es immer populärer wird, aber was auch immer dein Vater sagt, du bist so gut wie erwachsen und durchaus fähig, deine eigenen Entscheidungen zu treffen. Willst du wirklich ein Pokémon haben?«
    »Mein Vater wir…«
    »Ich frage nicht deinen Vater, sondern dich«, fuhr ihr die Professorin über den Mund. »Willst du ein Pokémon haben?«
    »Nun… ja, schon…«
    »Willst du die Welt sehen und mit deinen Pokémon viele aufregende Dinge erleben?«, folgte sogleich die nächste Frage.
    »Ja, das will ich, aber…«
    »Dann tu es!« Esche legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Lasse dir deine Entscheidungen nicht einfach von Anderen diktieren. Weder von deinem Vater noch von diesen beiden Grünschnäbeln dort drüben.« Diese letzte Anmerkung war unverkennbar auf Cheren und mich gemünzt, aber wir hielten uns zurück, um Esches kleine Rede nicht zu unterbrechen, zumal sie kurz davor zu sein schien, Bell endlich davon zu überzeugen, sich ein Pokémon zu fangen und die lang ersehnte Reise zu beginnen. »Das Pokémon-Trainer-Dasein ist eine noch junge Profession, deshalb stehen ihr viele – und vor allem Eltern – mit Misstrauen gegenüber, aber ich denke, dass es eine wunderbare Gelegenheit für viele junge Leute ist, einige unbekannte Orte zu sehen, neue Menschen zu treffen und wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Man kann niemals wirklich glücklich werden, wenn man in eurem Alter, an der Schwelle zum Erwachsensein, solche Gelegenheiten nicht am Schopf packt. Ihr könnt später immer noch studieren oder einen normalen Job finden, aber die Erinnerungen an eure Pokémon-Reise werden euch auf ewig erhalten bleiben.«
    Gegen Ende hin hatte sie sich nicht mehr nur an Bell gewandt, sondern auch an die beiden selbst erklärten zukünftigen Champs – es war unverkennbar, dass ihre Worte an uns alle drei gerichtet waren. Esche versuchte, uns zu sagen, dass wir unser Leben leben sollten, solange wir noch jung waren, und es uns erlauben konnten, Fehler zu machen, wenn ich sie richtig verstanden hatte. Es war ohne Zweifel ein guter Rat, und einer, den sich Bell hoffentlich zu Herzen nehmen würde. Ich tat es auf jeden Fall.
    Professor Esche kramte kurz in ihrem Beutel herum, den sie an einer Schlaufe um die Schulter trug, und förderte schließlich einen gewöhnlichen, rot-weißen Pokéball daraus zutage, ehe sie ihre Hand in Bells Richtung ausstreckte und ihr den Ball kommentarlos darbot.
    »Was…?«, brachte Grünchen nur perplex hervor.
    »In dieser Kapsel befindet sich ein Pokémon namens Floink«, erklärte die Professorin. »Ein besonders folgsames und friedliches Exemplar noch dazu, bestens geeignet für eine Anfängerin. Wie ich schon sagte, es ist allein deine Entscheidung, aber ich werde dieses kleine Floink nicht ewig auf seine Trainerin warten lassen. Nimm es oder nimm es nicht, aber was auch immer du tust, danach gibt es kein Zurück mehr, ist das klar?«
    »J-Ja.« Zaghaft streckte sie eine Hand nach dem Ball aus. Ich musste mir auf die Lippe beißen, um ihr nicht zu sagen, dass sie es doch einfach endlich nehmen sollte. Ich war des Wartens müde und wurde ungeduldiger, je näher die Reise rückte… und so nah wie jetzt war sie noch nie zuvor gewesen.
    Dann, endlich, schlossen sich ihre Finger um den Pokéball und sie nahm ihn Professor Esche aus der Hand. Für einen Moment herrschte eine fast schon gespenstische Stille auf der Route 1, während es langsam in mein Gehirn einsickerte… Bell hatte endlich ihr erstes Pokémon erhalten! Und das bedeutete, dass es nun wirklich losgehen konnte. Endlich! Endlich war es so weit! Darauf hatte ich seit Monaten, nein, seit Jahren gewartet! Nach außen hin blieb ich ruhig und beherrscht wie eh und je, aber innerlich konnte ich kaum an mich halten vor Freude.
    Cheren musste es ähnlich ergehen, dem erleichterten Lächeln auf seinem Gesicht nach zu urteilen, aber auch er hielt sich mit überschwänglichen Freudesbekundungen noch zurück und nickte Bell stattdessen nur aufmunternd zu. »Na los, lass es raus. Dein erstes Pokémon.«
    »Okay.« Das grüne Mädchen nickte, atmete einmal tief durch und warf den Ball in die Luft. »Los, Floink!«
    Die leicht rotierende Kugel öffnete sich gut zwei Meter über dem Boden, ein blauer Lichtstrahl schoss daraus hervor, und einmal mehr wurden wir Zeuge dessen, wie sich innerhalb weniger Sekunden die Silhouette eines Pokémon formte, etwa in derselben Größe wie mein Ottaro, das – anhänglich, wie es war – mit seinen kurzen Ärmchen momentan mein rechtes Bein umklammert hielt, während es mit großen Augen ebenfalls das Spektakel bewunderte.
    Das kleine Lebewesen, das vor Bell erschienen war, sah wie ein Ferkel mit orangenem Fell aus. Es besaß einen Ringelschwanz mit einer roten Kugel am Ende, sowie eine süße Schweineschnauze, über der das etwas dunklere Kopffell gelb verfärbt war. Mit großen Augen sah es von Professor Esche zu mir und zu Cheren und schließlich zu seiner neuen Trainerin, welcher man die Begeisterung am Gesicht ablesen konnte.
    »Oh, wie süüüß!«, rief Bell wie schon vorhin bei dem Yorkleff, bückte sich nach dem Floink und hob es mit glänzenden Augen hoch. Das kleine Pokémon grunzte zwar ein wenig nervös, ließ diese Behandlung dann aber schon wesentlich unverdrossener über sich ergehen, als Bell begann, es enthusiastisch hinter den Ohren zu kraulen. »Danke, danke, danke, Professor!«
    »Keine Ursache«, sagte Professor Esche lächelnd, während sie dabei zusah, wie Bell ihren neuen Gefährten mit Streicheleinheiten willkommen hieß, die so geübt wirkten, als wäre sie schon seit einer halben Ewigkeit Trainerin. Ich hatte es ja gesagt – sie liebte die Pokémon. Floink reagierte darauf mit einem genüsslichen Quieken und schien sich bereits bestens für Grünchen zu erwärmen. Die Professorin nickte lächelnd und streckte die Hände zu beiden Seiten hin aus. »Also, junge Trainer, kommen wir endlich zur Sache. Ihr ahnt vielleicht, dass ich nicht zufällig hier bin. Tatsächlich habe ich nach euch gesucht, weil ich etwas für euch habe und euch um etwas bitten will. Wartet kurz.«
    Erneut kramte sie in ihrer Tasche herum und holte dieses Mal drei flache Geräte heraus, auf deren Oberfläche eine Erhebung in Form eines Pokéballs zu sehen war. Jeder dieser Apparate hatte eine andere Farbe: Es gab einen grünen, welchen sie Bell überreichte, einen blauen für Cheren und schließlich noch einen schwarzen für mich. Ich drehte das seltsame Ding in den Händen und untersuchte es von allen Seiten. Schließlich drückte ich auf die pokéballförmige Erhebung, woraufhin das Gerät aufklappte wie ein Buch und den Blick auf einen schwarzen Bildschirm freigab, der sich kurz darauf von selbst anschaltete und scheinbar ein Menü für irgendetwas anzeigte. Fragend blickte ich zur Professorin, doch es war Cheren, der zuerst das Wort ergriff.
    »Ist es das, was ich denke?« Er wirkte vollkommen aufgeregt, wie ich ihn kaum je erlebt hatte, als hätte er gerade das beste Geburtstagsgeschenk seines Lebens bekommen. »Das neueste Modell des Pokédexes?« Esche nickte bestätigend. »Unglaublich!« Blitzschnell ließ Cheren seine Finger über den Touchscreen gleiten, als wüsste er schon genau, wo sich was befand. »Er enthält Daten über alle bekannten Pokémon und ermöglicht es seinem Besitzer zugleich, noch mehr neue Daten zu sammeln.«
    Erstaunt betrachtete ich die schwarze, an ein Tablet erinnernde Maschine in meinen Händen. Das also war ein Pokédex. Natürlich hatte ich schon davon gehört, wer hatte das heutzutage nicht, aber das war das erste Mal, dass ich einen mit eigenen Augen sah. Ich wusste nicht allzu viel darüber – Cheren war hier der Experte –, aber auf jeden Fall besaß nicht jeder Trainer einen. In gewisser Weise war es ein Privileg derer, die über die nötigen Kontakte verfügten, denn noch gab es Pokédexe nicht im normalen Handel zu kaufen. Deshalb hätte ich nie gedacht, dass ich einmal der stolze Besitzer eines solchen Geräts sein würde. Es hatte wohl seine Vorteile, wenn man in der selben Ortschaft wie eine berühmte Pokémon-Professorin lebte.
    Diese Dexe dienten im Grunde dazu, mithilfe umherreisender Trainer ein umfangreiches Verzeichnis aller Pokémon zu erstellen, wenn ich das so richtig verstanden hatte, und die gesammelten Informationen dann in den zahlreichen Forschungsinstituten und Laboren, die sich mit Pokémon beschäftigten, zu verwenden und genauer zu analysieren. Es gab wohl auch einige Trainer, die diejenigen ihrer Pokémon, die sie nicht zwingend brauchten, den Professoren überließen, um diese Forschungen noch mehr zu unterstützen.
    »Dies sind die neuesten Modelle, wie Cheren schon erkannt hat«, erklärte Professor Esche. »Früher mussten die Trainer mit ihrem Pokédex immer in ein Labor gehen, damit ihre Daten ins internationale Labornetzwerk hochgeladen werden konnten und sie gleichzeitig die aktualisierten Daten auf ihren Dex herunterladen konnten. Aber diese Pokédexe sind durchgehend mit der Datenbank des Netzwerks verbunden, das heißt, jede Information, die einer von euch über ein Pokémon sammelt, steht automatisch auch für die anderen zur Verfügung. Das ist noch viel effizienter als früher.«
    »Wow!« Bell strahlte über das ganze Gesicht. »Das ist ja toll! Und sie schenken uns diese Pokédexe einfach so?«
    Die Professorin kratzte sich verlegen am Hinterkopf. »Nun ja, Avenitia ist nun mal ein eher kleiner Ort. Es kommt nicht alle Tage vor, dass sich von hier aus ein Trainer auf eine Reise mit seinen Pokémon begibt, geschweige denn drei auf einmal. Da musste ich die Gelegenheit einfach nutzen, drei neue Datensammler auf den Weg zu schicken.«
    »Ich verstehe.« Cheren nickte und steckte seinen Pokédex in seine Tasche. »Sie können sich auf uns verlassen. Wir füllen jede leere Stelle ihrer Datenbank.«
    »Aber eigentlich sind das nur Prototypen, es kann also noch zu einigen Fehlfunktionen kommen«, fügte Esche noch hinzu. »In einem solchen Fall könnt ihr mich einfach anrufen und ich schicke euch so schnell ich kann einen meiner Assistenten, der sich darum kümmert. Nun, ich bin mir jedenfalls sicher, dass sie bei euch dreien in guten Händen sein werden. Wie auch die Pokémon.«
    »Ja!«, stimmte Bell ihr euphorisch zu, noch immer überglücklich über den Erhalt ihres Floink. »Noch einmal danke, Professor Esche!«
    »Aber nicht doch.« Sie winkte leicht errötend ab. »Ihr macht mich ja noch ganz verlegen, wenn ihr euch immer wieder bedankt. Ich bin diejenige, die sich bedanken muss. Immerhin helft ihr mir und meinen Kollegen weiter, indem ihr den Pokédex benutzt. Also, Kinder, wenn ich noch irgendetwas für euch tun kann, meldet euch einfach bei mir im Labor. Ansonsten wünsche ich euch viel Spaß auf eurer Reise.«
    Wir bedankten uns noch einmal recht herzlich für alles und verabschiedeten uns dann schließlich von der Professorin, die sich auf den Weg zurück nach Avenitia machte, das ein Stück weit südlich von hier lag. Bell wollte sich schon ebenfalls zum Gehen wenden, aber ehe sie dazu kam, hielt Cheren sie zurück und hielt ihr einen Pokéball hin. »Das ist das Yorkleff von vorhin. Du willst es sicherlich haben.«
    »Äh… w-warum denn?«, fragte sie, wobei ihre Stimme plötzlich wieder mit Schüchternheit angefüllt war. »Du hast es doch gefangen.«
    »Ja, aber eigentlich sollte es ja dein erstes Pokémon sein. Außerdem haben Black und ich bereits jeweils zwei Pokemon, du hast aber nur Floink. Würdest du dich mit zwei Kampfgefährten nicht auch sicherer fühlen als mit einem?«
    »Also daran habe ich gar nicht gedacht… aber ich denke, ich komme auch mit einem zurecht… irgendwie. Behalte das Yorkleff, ich weiß doch, wie sehr du Pokémon vom Typ Normal magst.«
    »Na gut, dann behalte ich es eben«, gab Cheren nach und zog den anbietend ausgestreckten Arm zurück. Er hatte ein wenig zu schnell nachgegeben, wenn man mich fragte, aber das lag wahrscheinlich nur daran, dass er tatsächlich eine besondere Vorliebe für Normal-Pokémon wie dieses Yorkleff besaß. So, wie ich meinen langjährigen Freund kannte, hatte er vermutlich sogar darauf spekuliert, dass Bell sein Angebot ablehnte.
    »Also dann.« Ich rief Ottaro in seinen Ball zurück und wandte mich an meine beiden Freunde. »Jetzt steht unserer Reise nichts mehr im Weg, oder? Ich werde morgen gleich aufbrechen. Wie steht's mit euch?«
    »W-Wollen wir denn nicht alle zusammen gehen?«, fragte Bell, was Cheren dazu veranlasste, wie üblich ein wenig an seiner Brille herumzudrücken, bevor er antwortete. »Warum? Damit wir uns um jedes wilde Pokémon streiten, dem wir begegnen? Ich denke, es ist effizienter, vorerst allein zu gehen. Erst einmal unabhängig voneinander Erfahrungen sammeln und ein paar Pokémon fangen. Was meint ihr? Wir können uns später an irgendeinem Punkt treffen und gemeinsam weiterziehen. Vielleicht irgendwo in Zentral-Einall, was haltet ihr davon?«
    »Aber… ich weiß nicht, ob ich es alleine überhaupt besonders weit schaffe!«, begehrte Bell gegen diesen Vorschlag auf, aber ich fand die Idee gar nicht so schlecht. Ich hatte mir sogar selbst schon ähnliche Gedanken gemacht. Beschwichtigend klopfte ich ihr auf die Schulter. »Das wird schon. Ich werde jedenfalls noch vor Cheren weg sein, darauf kannst du Gift nehmen. Wenn du so früh aufstehen willst, kannst du von mir aus bis Gavina mit mir kommen, aber nicht weiter, okay? Und steh mir dann ja nicht im Weg!«
    »L-Lieber nicht«, machte das grünliebende Mädchen dann doch noch einen Rückzieher. Ich hatte auch nichts anderes erwartet.
    So war es beschlossene Sache. Am morgigen Tage würden wir alle drei endlich auf unsere lang ersehnte Reise aufbrechen, gemeinsam mit unseren Pokémon, die stets an unserer Seite sein würden. Drei Freunde, die vor der nächsten großen Etappe in ihrem Leben standen, und es dabei kaum noch erwarten konnten. Schweigend streckte Cheren eine zur Faust geballte Hand in die Mitte zwischen uns und ebenso schweigend taten Bell und ich es ihm gleich. Wir sahen einander in die Augen und nickten. Das war der Anfang von allem.
    Und was die Sache anging, dass Cheren der zukünftige Champ sein wollte, hatte ich ja wohl noch ein Wörtchen mitzureden!

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    In jener Nacht fand ich keine Ruhe. Unruhig und rastlos wälzte ich mich in meinem Bett hin und her, schweifte mit meinen Gedanken immer wieder zu den Geschehnissen des heutigen Tages ab und malte mir aus, was ich von nun an alles erleben würde. All die Pokémon, denen ich begegnen würde, all die Kämpfe, die ich bestreiten würde, stets die Spitze anvisierend, den Gipfel des Berges, den alle Pokémon-Trainer zu erklimmen suchten.
    Nur einer konnte am Ende ganz oben stehen.
    An Schlaf war gar nicht zu denken, zu aufgewirbelt waren meine Gedanken, zu schnell pochte mein Herz. Schließlich gab ich es auf, im Bett vergeblich auf den Schlaf zu warten, von dem ich doch wusste, dass er in absehbarer Zeit nicht kommen würde, und griff nach der Tasche auf meinem Nachtkästchen, in die ich am Abend bereits mit meiner Mutter alles gepackt hatte, was ich für die Reise brauchte. Proviant, Kleidung zum Wechseln, und natürlich…
    »Ah, da ist er ja!«, sagte ich nach einigem suchenden Herumkramen triumphierend. »Der Pokédex.«
    Schnell klappte ich ihn auf und las mir zum Zeitvertreib ein paar Einträge zu häufig in Einall vorkommenden Pokémon durch, die mir auf der Startseite präsentiert wurden. Dann nutzte ich aber die Suchfunktion, um einen bestimmten Eintrag zu finden, der mich besonders interessierte. Mit gerunzelter Stirn betrachtete ich nun das Bild eines Ottaro, das nicht ganz so aussah wie mein eigenes. Das Blau seiner Haut schien ein wenig dunkler als bei meinem Ottaro und die Augenfarbe war auch nicht dieselbe. Offenbar gab es auch zwischen Pokémon derselben Art individuelle Unterschiede, die schillernde Form mal ausgenommen, die ging nämlich über bloße individuelle Unterschiede hinaus. So weit ich wusste, konnten die Pokémon-Forscher bis heute nicht erklären, wie die schillernden Formen zustande kamen, nicht einmal der große Professor Eich.
    Interessiert las ich nun den Eintrag.


    Ottaro
    Spezies: Otter
    Die Muschel auf seinem Bauch besteht aus demselben Material wie seine Krallen. Nimmt es sie ab, fungiert sie als Klinge.


    Wirklich viel war das ja nicht. Es gab noch einige zusätzliche Daten wie durchschnittliche Größe und durchschnittliches Gewicht, sogar die Form des Fußabdrucks war angegeben, aber ich hatte doch ein wenig mehr erwartet. Die Liste der Attacken, deren Einsatz bei Ottaro bislang dokumentiert wurde, war auch noch interessant und konnte mit Sicherheit noch nützlich werden, aber für den Moment besaß mein Ottaro schon ein akzeptables Attackenset, auch wenn es natürlich genug Raum für zukünftige Verbesserungen gab.
    »Hm.« Kurz dachte ich nach. Was könnte ich wohl noch im Pokédex nachsehen? Dann kam mir auf einmal eine Idee. »Mal sehen.«
    Ich rief die Suchfunktion auf und gab den Namen eines Pokémon ein, das jeder hier in Einall kannte und doch seit Jahrhunderten niemand mehr gesehen hatte. Die Abbildung, die kurz darauf auf dem Bildschirm erschien, war nicht mehr als eine zeichnerische Interpretation der alten Legenden und der Bildnisse in den antiken Ruinen, die man mancherorts in Einall fand. Sie zeigte ein gänzlich schwarzes Pokémon mit annähernd humanoider Form, zwei unheilvollen Flügeln, die scheinbar an seinen Schultern verankert waren, und einem spitz zulaufenden Schweif, um den elektrische Funken zu zucken schienen. Das Pokémon schwebte unter einem dunklen, wolkenverhangenen Himmel und war von blau-weißen Blitzen umhüllt, die es scheinbar aus ebendiesen Wolken hinabbeschwor.
    »Zekrom«, hauchte ich den Namen des legendären Pokémon, das dieses Bild darstellte. Zekrom – eines der beiden mächtigen Pokémon, die in den uralten Geschichten über den Krieg von Schwarz und Weiß vorkamen, der schwarze Drache der Blitze, die Verkörperung der Wirklichkeit und Realität. Einst hatte es mit dem Helden von Schwarz gegen Reshiram, den Feuerdrachen der Wünsche, und den Helden von Weiß gekämpft. Bei diesem Kampf war angeblich fast ganz Einall verwüstet worden. Lange hatten sich die beiden Helden und jene, die ihnen treu ergeben waren, gegenseitig bekriegt, bis sie schließlich eines Tages verschwunden waren, mitsamt Zekrom und Reshiram. Jeder, der in Einall geboren worden war, kannte diese Geschichte, und jeder hatte seine eigene Interpretation, was am Ende des Krieges wirklich mit den Helden und ihren legendären Drachen geschehen war.
    Für mich stand jedenfalls fest, dass Zekrom ein Pokémon war, dem ich zu gerne einmal begegnen würde. Alte Legenden und vor allem die Pokémon, die in ihnen vorkamen, hatten mich schon immer fasziniert, aber Zekrom war das eine, was mich begeisterte wie sonst nur der Pokémon-Kampf. Diese mächtige, stolze Gestalt… ein Drache wie kein anderer, dazu fähig, alles und jeden in die Knie zu zwingen. Unbeugsam, unaufhaltsam. So kam mir Zekrom vor. Schon seit ich diesen Namen das erste Mal vernommen hatte, übte dieses Pokémon eine fast schon magische Anziehungskraft auf mich aus.
    Aber die Begegnung mit ihm würde wohl für immer ein Traum bleiben. Niemand wusste, wo sich Zekrom befand oder ob es überhaupt noch lebte. Ich glaubte keinen Moment lang, dass es jemand – oder etwas – getötet hatte, aber vielleicht lebte selbst ein mächtiges Pokémon wie Zekrom nicht ewig. In den meisten Versionen der Geschichte hieß es, es und Reshiram seien in einen tiefen, Jahrtausende währenden Schlaf verfallen. Ich würde die Wahrheit vermutlich nie erfahren.
    Seufzend klappte ichden Dex wieder zu, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass dort rein gar nichts über Zekrom zu erfahren war, und steckte ihn zurück in die Umhängetasche, die in meinerLieblingsfarbe Schwarz gehalten war, mit einem stilvollen weißen Streifen. Nachdem dasHightechgerät wieder verstaut war, wandte ich mich der kleinen Kommode am Fußende meines Bettes zu, auf der zwei gewöhnliche Pokébälle lagen.
    Ich erhob mich und ging zu ihnen hinüber, nahm den linken Pokéball und begab mich zur Treppe, die von meinem Zimmer im Dachgeschoss nach unten führte. Auf Zehenspitzen schlich ich mich Stufe um Stufe hinunter, tapste vorsichtig am Schlafzimmer meiner Mutter im ersten Stock vorbei, um sie nicht zu wecken, und gelangte schließlich ins Erdgeschoss, wo ich mich zielstrebig durch den Flur zur Haustür bewegte und ins nächtliche Avenitia hinaustrat.
    Ich hatte nicht wirklich eine Idee, wohin ich gehen wollte, daher wandte ich mich einfach nach links, also nach Osten, und folgte der Straße. Doch bevor ich mich in Bewegung setzte, drückte ich auf den Knopf an der Vorderseite des Pokéballs, den ich mitgenommen hatte, woraufhin dieser sich vergrößerte, und entließ Ottaro aus der engen Kapsel.
    Im Gegensatz zu mir wirkte das kleine Otter-Pokémon mit der glatten, blauen Haut sehr müde und gähnte verschlafen, nachdem es im blauen Lichtschein des Pokéballs erschienen war. Als es mich sah, hellten sich seine Züge jedoch sofort auf und es rannte zu mir, um sich wieder einmal an mein Bein zu klammern, was ich mit einem sanften Lächeln hinnahm. Ich und mein Ottaro… wir beide verstanden uns prächtig. Um nichts in der Welt hätte ich es gegen ein anderes Pokémon eintauschen wollen.
    »Hey, mein Kleiner«, sprach ich es nach ein paar Sekunden stummer Betrachtung an. »Zeit, loszulassen. Ich wollte eigentlich einen kleinen Spaziergang machen.«
    »Otta!«, quiekte es und ließ tatsächlich los. Ich hatte schön öfters den Eindruck gewonnen, dass es jedes Wort verstand, das ich sagte. Aber stimmte das wirklich, oder war es mehr eine Art Intuition, die Pokémon verstehen ließ, was Menschen von ihnen wollten? Lag es an dem Band, von dem man sagte, dass es zwischen Trainern und ihren Pokémon bestand? Und wie gelang es den Pokémon, gleich welcher Art sie angehörten, auch untereinander zu kommunizieren? Das alles waren Mysterien, die wohl niemals geklärt werden konnten, es sei denn, jemandem gelang es, tatsächlich die Sprache der Pokémon zu verstehen, sofern man da denn überhaupt von einer Sprache sprechen konnte.
    Ich wandte mich wieder der düsteren Straße zu, die zwar in regelmäßigen Abständen von hellen Laternen beleuchtet wurde, aber dennoch eine nächtliche Atmosphäre behielt. Die Sterne leuchteten am wolkenlosen Himmel und ich atmete tief die frische Luft des Spätsommers ein. Dafür, dass ich die Nacht für gewöhnlich dem Tage vorzog, war ich eigentlich viel zu selten nachts draußen. Aber womöglich ließ sich das auf der bevorstehenden Reise ja ändern.
    Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen schlenderte ich nachdenklich über den gepflasterten Weg, mit Ottaro an meiner Seite, ohne ein wirkliches Ziel zu haben. Es tat einfach unheimlich gut, durch das stille, schlafende Avenitia zu wandern, dem Schuhuender Hoothoots zu lauschen und sich in Gedanken auf den nächsten Tag zu freuen.
    »Es wurde auch wirklich langsam Zeit«, murmelte ich vor mich hin. »Wenn Bell noch länger gebraucht hätte, hätte ich die Reise tatsächlich begonnen, ohne auf sie zu warten. Ich meine, Cheren und ich haben doch wohl lange genug gewartet, oder? Klar, wir hatten es uns geschworen und so weiter und so fort… aber mal ehrlich, Ott, Bell hat mich heute wirklich aufgeregt. Ich glaube nicht, dass sie eine besonders starke Trainerin wird.«
    »Otta-Ottaro!«, rief das kleine Wasser-Pokémon, wobei ich meinte, in seiner Stimme Zustimmung zu hören. Wir waren oft einer Meinung, aber manchmal konnte Ottaro auch ziemlich dickköpfig sein und wollte einfach nicht, wie ich wollte. Aber gerade deswegen mochte ich es so sehr, glaubte ich. Dieses Ottaro war stark und dazu fähig, auch mal seinen eigenen Willen durchzusetzen. Und im Kampf waren wir ein tolles Team, mehr konnte ich mir kaum wünschen.
    »Taro!« Mein putziger Freund deutete aufgeregt auf ein nahes Haus, in dessen Erdgeschoss noch Licht brannte. Ich nickte, als ich es erkannte. »Das ist das Haus von Bells Familie, ja. Sie lebt in einem Eckzimmer im ersten Stock.«
    Keine zehn Sekunden, nachdem ich das gesagt hatte, schwang plötzlich die Tür des Hauses nach Innen hin auf und eine wütende, männliche Stimme erklang, laut genug, um die halbe Nachbarschaft aufzuwecken. »Dann geh halt! Hau ab! Mach, was du willst! In ein paar Tagen kommst du jammernd zurück und flehst uns an, dich wieder aufzunehmen!«
    Im nächsten Augenblick erschien Bell, das Gesicht von Zorn verzerrt und mit Tränen in den Augen, auf der Türschwelle, wo sie sich noch einmal kurz umdrehte. »Mich siehst du so schnell nicht wieder!«
    Daraufhin schlug sie die Tür krachend hinter sich zu und trat auf die Straße hinaus, wo sie erschrocken stehen blieb und den jungen Trainer mit seinem Ottaro dort mit geweiteten Augen anstarrte. »Black! H-Hast du… hast du das etwa eben gehört?«
    Ich lächelte verlegen. »Ließ sich nicht vermeiden, sorry. Dein Vater?«
    Bell nickte und senkte den Kopf. »Er wollte mir verbieten, Avenitia zu verlassen. Er… er wollte mir sogar Floink wegnehmen.« Ihre Hände verkrampften sich um die Schlaufe ihrer grünen Umhängetasche. »Das konnte ich nicht zulassen, Black. N-Niemals.«
    Mit bebenden Lippen sah sie noch einmal zu dem Haus zurück, in dem sie aufgewachsen war, aber in ihren Augen zeigte sich eine Entschlossenheit, die ich bisher noch nie bei ihr gesehen hatte. Ob er es wollte oder nicht, indem er versucht hatte, seiner Tochter ihr erstes eigenes Pokémon wegzunehmen, hatte Bells Vater ihre Entscheidung endgültig besiegelt, dessen war ich mir in diesem Augenblick sicher.
    »Jammernd zurückkommen?«, murmelte sie wütend. »Das hätte er wohl gern. Aber darauf kann er lange warten. Black!« Auf einmal wandte sie sich wieder mir zu. »Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Wir ziehen das jetzt alle drei durch. Ich bin fertig mit diesem Haus… mit diesem ganzen Kaff hier! Ich bin mir endlich sicher, dass ich diese Reise wirklich antreten will. Professor Esche hatte recht: Ich würde es ewig bereuen, wenn ich es nicht täte.«
    Meine Mundwinkel zogen sich amüsiert nach oben. »Du bist schon echt 'ne Nummer, Bell. Meistens bist du so schüchtern, aber wenn du so wütend und entschlossen bist, könnte man glatt Angst vor dir bekommen. Wie wäre es mit einem kleinen Pokémon-Kampf, um dich abzureagieren?«
    »E-Ein Kampf?«, fragte sie, nun schon nicht mehr ganz so selbstbewusst wie noch vor wenigen Augenblicken. »Gegen dich?«
    Ich sah mich nach Links und Rechts um und blickte dann wieder zu ihr. »Ich sehe jedenfalls keinen anderen Trainer hier, gegen den du antreten könntest. Na, wie sieht's aus, nimmst du die Herausforderung an?«
    »Lieber nicht.« Das wie immer größtenteils grün gekleidete Mädchen schüttelte den Kopf. »Ich hätte keine Chance gegen dich.«
    »Auch wieder wahr«, stimmte ich meiner Freundin zu. »Ottaro ist schon viel besser trainiert als Floink. Bedenkt man dann noch Floinks Typ, ist es wohl besser, wenn du zuerst gegen Cheren kämpfst.«
    »W-Warum? Was ist denn mit Floinks Typ?«
    »Weißt du es denn gar nicht? Floink ist ein Pokémon des Typs Feuer und somit stark gegen Pflanzen-Pokémon wie Cherens Serpifeu, aber schwach gegen Wasser-Pokémon wie mein Ottaro. Wahrscheinlich würde Ott dein Floink mit einer einzigen Aquaknarre vom Feld fegen.«
    »Oh. Ach so ist das.« Bell senkte entmutigt den Kopf. »Ich bin wohl keine sehr gute Trainerin. Ich wusste nicht einmal, welchem Typ mein Pokémon angehört.«
    »Gut Ding will Weile haben«, erinnerte ich mich an ein bekanntes Sprichwort. »Du bekommst den Dreh schon noch raus. Aber wenn ich dir einen Rat geben darf: Kenne dein Pokémon. Sowohl seine Stärken als auch seine Schwächen. Dann wird das Kämpfen gleich viel leichter. Ich denke, der Pokédex sollte dabei ganz nützlich sein. So gesehen bist du mir und Cheren gegenüber sogar im Vorteil, wir konnten in den ersten drei Monaten als Trainer nämlich nicht auf diese mobile Enzyklopädie zurückgreifen.«
    »Kenne dein Pokémon«, wiederholte sie leise. »Klingt einleuchtend.« Die frisch gebackene Trainerin betrachtete stirnrunzelnd den Pokéball, den sie sich an ihre Tasche gehängt hatte. »Danke, Black, für deinen Ratschlag.«
    »Keine Ursache.« Ich sah in den Himmel hinauf, zur dünnen Mondsichel, die silbern in der Schwärze glänzte. »Wenn du willst, kannst du bei mir übernachten. Dein Vater wird dich ja wahrscheinlich nicht mehr reinlassen…«
    »Danke, aber ich denke, ich werde mich gleich auf den Weg machen«, lehnte Bell mein Angebot freundlich, aber bestimmt ab.
    »Du willst so spät noch aufbrechen?« Ich musste gestehen, es stimmte mich mehr als skeptisch, das aus ihrem Munde zu hören. Ich konnte mir bei bestem Willen nicht vorstellen, wie Bell nachts allein durch die Wildnis lief. Sie würde sich vermutlich vor einem aus dem Busch springenden Nagelotz zu Tode erschrecken. Konnte ich das wirklich zulassen?
    »Ja«, antwortete sie schulterzuckend. »Warum denn nicht? Willst du gleich mitkommen?«
    Als verantwortungsvoller Freund hätte ich natürlich mit ihr gehen müssen, bevor sie noch in Schwierigkeiten geriet, aber ganz so einfach war es leider nicht. »Es geht nicht, tut mir leid. Ich habe meinen Beutel und – was noch viel wichtiger ist – Zurrokex in meinem Zimmer zurückgelassen. Außerdem habe ich mich noch nicht richtig von meiner Mutter verabschiedet. Ich werde immerhin eine lange Zeit fort von zu Hause sein.«
    »Na gut.« Bell seufzte tief. »War auch nur so 'ne Idee. Also, ich geh dann mal. Schwächen und Stärken kennen, so war es doch, oder? Merk ich mir. Wir sehen uns ja bestimmt mal auf unseren Streifzügen durch Einall. Bis dann.«
    Damit machte sie auf der Stelle kehrt und begann, mit unsicheren Schritten nach Norden zu laufen, in Richtung Route 1. Nach einigen Metern drehte sie sich jedoch noch einmal zu mir um. »Und erzähl Cheren nichts von… von alldem hier, okay?«
    Was sollte das nun wieder bedeuten? Warum sollte ich Cherens nichts von ihrem verfrühten Aufbruch erzählen? Bevor ich Bell allerdings danach fragen konnte, war sie auch schon um die nächste Ecke gebogen und aus meinem Sichtfeld verschwunden.
    Auf und davon, gen Horizont und Zukunft – und es blieb zu hoffen, dass sie es niemals bereuen würde.

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    Der nächste Tag brach mit dem schrillen Klingelton meines Weckers an, der mich binnen Sekundenbruchteilen aus dem zu kurzen Schlaf hochschrecken und vor Schreck beinahe aus dem Bett fallen ließ. Ähnlich erging es Ottaro, das ich in der vergangenen Nacht nicht mehr in seinen Pokéball zurückgerufen hatte und das sich nun laut quiekend die Ohren zuhielt. Blitzschnell zuckte meine Hand Richtung Nachttisch und brachte dieses nervtötende Zobiriswerk endlich zum verstummen. Das muss ich zum Glück nun für eine sehr lange Zeit nicht mehr hören.
    Gähnend stand ich auf und schlurfte zum Fenster, wo ich die Vorhänge zur Seite zog, um das Licht der gerade erst im Aufgehen begriffenen Sonne hereinzulassen und somit auch noch den letzten Rest Müdigkeit von mir abzuwaschen. Auch Ottaro grüßte den neuen Tag, indem es mit einem glücklichen Ausdruck im Gesicht vom Bett sprang und ein paar Mal fröhlich fiepend durchs ganze Zimmer lief, bevor es schließlich neben mir verharrte und mit großen Augen zum Fenster hinauf sah.
    Ich hob meinen Partner auf und setzte ihn aufs Fensterbrett. »Sieh dir das gut an, Ott. Da draußen liegt eine ganze Welt, die nur darauf wartet, von uns erkundet zu werden. Heute ist es endlich so weit. Wir werden auf unsere große Reise durch Einall aufbrechen.«
    »Otta.« Ich verstand zwar nicht, was mein erstes Pokémon mir genau sagen wollte, aber es klang, als wäre Ottaro ebenso begeistert wie ich. Lächelnd streichelte ich dem kleinen Otter über den Kopf. Der ließ es genüsslich über sich ergehen. »Taaa~«
    »Ich muss zugeben, ich bin ein bisschen aufgeregt«, vertraute ich meinem Partner an. »Wer wäre das nicht? Aber gemeinsam mit dir und Zurrokex und den anderen Pokémon, die ich noch fangen werde, kann ich alle Hürden meistern. Das denke ich jedenfalls. Und wer weiß? Vielleicht begegne ich ja irgendwann einmal einem Pokémon aus einer alten Legende. Wenn ich mir das so ausmale, erfüllt mich eine ganz andere Art von Aufregung.«
    Ottaro streckte motiviert die Pfoten gen Himmel. »Otta-ottaro!«
    »Du hast recht«, stimmte ich zu. »Uns erwartet bestimmt Großes. Wir sollten nicht länger rumtrödeln. Am besten mache ich mich gleich fertig, frühstücke etwas und breche so bald wie möglich auf. Ich will keine Sekunde meiner Reise versäumen. Und ich darf auf keinen Fall hinter Cheren zurückfallen.«
    Ich setzte Ottaro wieder auf dem Boden ab und begab mich ins Bad. Wenig später, nachdem ich geduscht, mich angezogen und gefrühstückt hatte, stand ich schließlich aufbruchsbereit vor der Tür, mit geschulterter Tasche und den beiden Pokébällen am Gürtel. Ottaro hatte ich inzwischen wieder zurückgerufen. Der Abschied von meiner Mutter verlief weniger emotional, als manch einer vielleicht erwartet hätte. Es war schon seit Monaten absehbar gewesen, dass dieser Tag kommen würde, und dementsprechend nahm sie es mit Fassung hin – was natürlich nicht hieß, dass es ihr leicht fiel, ihren einzigen Sohn, den sie alleine aufgezogen hatte, in die Welt hinauszulassen. Wer allerdings nach Tränen und lang ausgedehnten Verabschiedungen suchte, war bei der Familie Averon fehl am Platze. Wir umarmten uns noch einmal innig und schließlich schickte sie mich mit ein paar letzten, aufmunternden Worten auf die Reise. Es musste nicht mehr gesagt werden, denn wir beide wussten, dass ich zurechtkommen würde – zumal ich nicht allein war. Ich hatte meine Pokémon, und notfalls konnte ich mich auch mit Cheren und Bell treffen, wenn etwas schieflief.
    Bevor ich mich jedoch endgültig in Bewegung setzte, überprüfte ich noch einmal meinen Viso-Caster, ein neuartiges Gerät, das auf den ersten Blick wie eine große Armbanduhr aussah, dabei aber eigentlich eher eine Art Handy war. Viso-Caster verfügten über Text-, Sprach- und Bildübermittlungsfunktionen, sodass ich mich sogar per Videochat mit meinen Freunden unterhalten könnte, wenn mir danach war. Als ich checkte, ob ich irgendwelche neuen Mitteilungen erhalten hatte, stellte ich fest, dass Cheren mir tatsächlich vor gut einer halben Stunde eine Sprachnachricht geschickt hatte, in der er mich über seinen Aufbruch in Kenntnis setzte.
    »War ja klar«, murmelte ich verdrossen, indes ich meiner Mutter ein letztes Mal zuwinkte und endlich den ersten Schritt tat, die Straße hinunter, in der ich aufgewachsen war. »Dann bin ich eben der Letzte von uns, der Avenitia verlässt, na und? Ich muss den beiden ja ein bisschen Vorsprung gewähren, sonst würde ich sie zu schnell abhängen.«
    Ich lag nicht weit hinter Cheren zurück, und was Bell anging… nun ja, ich hoffte einfach, dass sie den Weg nach Gavina gefunden und nicht im Dunkeln in den Fluss auf Route 1 gefallen war. Und falls doch, würde sie nach einigem Gestrample schon irgendwann merken, dass sie in dem Wasser dort stehen konnte. Notfalls müssten ihr eben die Goldinis helfen. Wer weiß, vielleicht konnte sie ja sogar gleich eines von ihnen einfangen? Wobei man bedenken musste, dass es Bell war, von der ich hier sprach… deshalb wohl eher nicht.
    Ich begab mich nun nach Norden, folgte der Hauptstraße des kleinen Ortes Avenitia, vorbei an Professor Esches Labor bis hin zur Grenze zur Route 1, dem einzigen Weg, der Avenitia mit der nächsten Siedlung verband – Gavina. Es war keine unvertraute Gegend für mich, im Gegenteil, ich war schon oft mit meinen Freunden nach Gavina gegangen, wo es mehr zu sehen gab als in unserer eher ländlichen Heimatstadt. Avenitia war nicht komplett unbedeutend, dafür sorgte das berühmte Labor, aber für junge Leute, die sich danach sehnten, mehr von der Welt zu sehen, konnte es dort bisweilen sehr eintönig sein – aber es war wohl der perfekte Ausgangspunkt für eine große Reise.
    Von hier aus ging es nun also richtig los… so oft war ich schon auf dieser Route gewesen, aber dieses Mal war es anders. Wenn ich nun diesen einen Schritt tat, hinaus aus Avenitia und hinein in mein lang erwartetes Abenteuer, gab es kein Zurück mehr. Ich sah nicht zurück. Das hatte ich nicht nötig. Nie war meine Entschlossenheit größer gewesen. Und so schritt ich voran.
    Natürlich geschah nichts Besonderes oder Spektakuläres. Letztlich lief es darauf hinaus, dass ich lediglich in gemütlichem Tempo die Straße entlang schlenderte und dabei den Wind genoss, der sanft über die südöstliche Landzunge Einalls strich, auf welcher Avenitia lag. Wandte man sich von Avenitia aus nach Osten, Westen oder Süden, stieß man nach einem Marsch durch bewaldete Wildnis stets aufs Meer, deshalb war es hier oft windig, ich war also daran gewöhnt.
    Die Route 1 war während des Großteils ihres Verlaufs nicht mehr als ein von hohem Gras umgebener Schotterweg, der sich kreuz und quer durch die Wildnis schlängelte, was es schwierig machte, mit Fahrzeugen von Avenitia nach Gavina zu gelangen oder umgekehrt. Für Trainer wie mich war es jedoch ein bestens geeigneter Wanderweg, auf dem man jederzeit einigen Pokémon begegnen konnte. Auf dem südlichen Teil der Route kannte ich mich mittlerweile sehr gut aus, immerhin hatte ich das vergangene Vierteljahr hier trainiert, meistens zusammen mit Cheren, einige Male aber auch allein. Die verschiedenen Pokémon-Arten, die hier anzutreffen waren, kannte ich inzwischen zur Genüge. Am häufigsten waren Nagelotz, von denen es hier einige lebhafte Stämme gab, angeführt von mehreren Kukmarda, die nicht zu unterschätzen waren und sich schon den einen oder anderen harten Kampf mit Ottaro geliefert hatten. Ich mochte Kukmarda nicht besonders gerne, deswegen hatte ich mir keines gefangen, und sogar der Normal-Pokémon-Liebhaber Cheren hatte mit der Begründung verzichtet, dass er lieber ein Nagelotz von Beginn an trainierte, um es zu einem noch stärkeren Kukmarda werden zu lassen.
    Größtenteils Normal-Pokémon – so ließ sich die ganze Artenvielfalt dieser Route zusammenfassen. Nun, fast die ganze. Um ein Haar hätte ichden Fluss im Westen der Route vergessen, der ein Stück nordwestlich von Avenitia ins Meer mündete. Zählte man diesen langsam fließenden Strom noch zur Route 1 dazu, konnte man der Aufzählung wohl noch einige Wasser-Pokémon hinzufügen. Welche genau das waren, abgesehen von einigen Goldini und vielleichtKarpador, die man ja in so gut wie jedem Gewässer vorfand, vermochte ichnicht zu sagen, da ichbislang nicht sehr häufig dort gewesen war und dann meist nur aus der Ferne mal ein kurz auftauchendes Wasser-Pokémon gesehen hatte.
    Kurzerhand rief ich Ottaro aus seinem Ball.
    »Was meinst du, Ottaro?«, fragte ich meinen kleinen Gefährten, der sogleich fröhlich um meine Beine lief. »Sollen wir zum Fluss gehen und nach ein paar Wasser-Pokémon suchen?«
    »Ot-ta-ro!«, rief der pummelige Otter und rannte dann auch schon nach Westen in Richtung Fluss. Natürlich liebte es das Wasser – es gehörte ja selbst diesem Typ an.
    Ichfolgte meinem ersten Pokémon, das ein zügiges Tempo vorlegte, durch Wald und Wiese, die aufgehende Sonne im Rücken. Im Dickicht kläfften einige wilde Yorkleff und hoch oben am Himmel erklang das Kreischen der Wingull, die auf der salzigen Meeresbrise glitten und vielleicht nach ein paar saftigen Karpador Ausschau hielten – aber wehe ihnen, wenn eines davon sich in einGarados entwickelte, denn dann wurde der Jäger ganz schnell zum Gejagten. Pokémon mochten faszinierend sein, aber man durfte dennoch nicht vergessen, dass in der Wildnis ein stetiger Überlebenskampf zwischen all den verschiedenen Arten herrschte. Vielleicht war das auch der Grund, warum viele Pokémon im Laufe der Zeit solch erstaunliche Fähigkeiten entwickelt hatten, die heutzutage von Trainern für Kämpfe und Wettbewerbe genutzt wurden.
    Schließlich erreichten wir den Fluss, und Ottaro ließ es sich nicht nehmen, sich mit einem akrobatischen Sprung ins kühle Nass zu begeben. Ich sah ihm dabei schmunzelnd zu und zog Schuhe und Socken aus, bevor ich schließlich noch die Hosenbeine hochkrempelte und mich ans Ufer setzte, um die Füße locker ins Wasser baumeln zu lassen. Ein paar neugierige Goldini kamen herbei, wurden aber schnell von dem übermütigen Otter verscheucht, der es sich nicht nehmen ließ, seine ausgelassene Natur an seinen Mit-Wasser-Pokémon auszuleben, indem er sie kreuz und quer durch den Fluss jagte. Es war erstaunlich, wie schnell Ottaro dabei werden konnte, sodass sogar die Goldini reichlich Mühe hatten, ihm zu entkommen. Aber sie hatten Glück: Im Gegensatz zu einem wütenden Garados oder Barschuft wollte Ottaro nur spielen und ließ deshalb schon bald wieder von ihnen ab.
    Jedes Mal, wenn mein Partner von der sachten Strömung ein Stück weit stromabwärts getrieben worden war, tauchte er plötzlich unter und weiter flussaufwärts wieder auf. Schließlich ging Ottaro dazu über, mit dem Bauch nach oben im Kreis zu paddeln und dabei eine kleine Wasserfontäne aus seinem Mund in die Luft zu schießen. Es war ein lustiger Anblick, und ein niedlicher Obendrein, und hätte ich nicht gewusst, was für eine Kraft in diesem Pokémon steckte, hätte ich es in diesem Moment womöglich für schwach gehalten. Aber seine verspielte Art täuschte, wie schon manch ein Gegner auf Route 1 hatte erfahren müssen.
    Und bald auch Gegner im ganzen Rest von Einall.
    Ich genoss einige Zeit lang den Sonnenschein, das frische Wasser an den Füßen und den Anblick der friedlich unter dessen Oberfläche vorüberziehendenFisch-Pokémon,die sich inzwischen wohl an die Gegenwart des lebhaften Gesellen gewöhnt hatten, doch dann wurde ich auf einmal einer hoch gewachsenen Gestalt zu meiner Rechten gewahr, die mehrere Meter entfernt am Ufer stand und mit einem unmerklichenLächeln auf den Lippen auf die Wasseroberfläche hinab blickte. Auch Ottaro bemerkte den Fremden und kam zurück ans Ufer geschwommen, mit wachsamem Blick in den Augen. »Ott-Ottar!«
    Es war ein junger Mann mit langem, grünen Haar, das er zu einem Zopf gebunden trug und das teilweise von einer schwarzen Cap verdeckt wurde, diein auffälligem Kontrast zu seinem weißen Hemd stand. Um den Hals trug er eine Kette mit einem Anhänger, der an einen Planeten erinnerte, und an einer ähnlichen Kette war eine Art Würfel an seiner Hose befestigt. Sein linkes Handgelenk wurde von gleich drei quadratischen, goldenen Armbändern umfasst, rechts dagegen trug er ein gewöhnlicheres rundes Band in Schwarz und Weiß.Icherlangte schon auf den ersten Blick das Gefühl, dass an diesem Fremden irgendetwas nicht stimmte, und selbst wenn sich nicht alle Härchen auf meiner Haut aufgestellt hätten, wäre wohl spätestens, als der Mann seine Stimme erhob, klar gewesen, dass auf ihn der Begriff normalkeineswegs zutraf.
    »Welch eine friedliche Atmosphäre.« Es war nur ein kurzer Satz, aber ich hätte ihn fast nicht verstanden – nicht etwa, weil die Geräusche der Umgebung mich abgelenkt hätten oder dieser Kerl sonderlich nuschelte, sondern lediglich, weil er in einem Tempo sprach, das es schwierig machte, ihn zu verstehen. »Man möchte meinen, dieser Ort sei zum friedlichen Zusammenleben der Pokémon geschaffen, fernab aller Menschen. Ah, wie schön wäre es, hier ein paar Tage mit meinen Freunden zu verbringen, nur ein bisschen… aber es gibt so viel zu tun, und es eilt mich.«
    »Gegen ein wenig Entspannung an einem Ort wie diesem ist nichts einzuwenden, selbst wenn man es eilig hat«, steuerte ich meine Meinung bei, nachdem ich glaubte, im Kopf einigermaßen entziffert zu haben, was dieser junge, grünhaarige Mann so rasend schnell gesagt hatte. »Man kann sich einfach zurücklehnen und die Natur genießen, und für einen Moment alle Sorgen vergessen, auch wenn man eigentlich viel zu tun hat.«
    Der seltsame Fremde zuckte erschrocken zusammen, als er bemerkte, dass er hier nicht allein war, und drehte sich blitzschnell zu mirum, der ich noch immer entspannt am Ufer saß und die Beine ins Wasser baumeln ließ. Der Jungemit der Planetenkette musterte michmit gerunzelter Stirn von oben bis unten, bis sein Blick letztlich an Ottaro haften blieb, das inzwischen aus dem Wasser gekommen war und sich mit seinen kleinen Ärmchen an der Jacke seines Trainers festklammerte, indes es der unerwarteten Gesellschaft einen misstrauischen Blick zuwarf.
    Dann zuckten die blau-grauen Augen des jungen Mannes auf einmal wieder weg von Ottaro in meine Richtung, wobei ein abschätzender und zugleich ein bisschen neugieriger Ausdruck in ihnen lag. Es war irgendwie unheimlich.
    »Bist du ein Pokémon-Trainer?«, fragte er daraufhin, wobei er langsamer sprach als zuvor und sich nicht ganz sicher zu sein schien, welche Emotionen er in seine Worte legen sollte. Da war ein unterschwelliger Hauch von Abneigung, wenn meine Ohren mich nicht trogen, aber entweder versuchte dieser Kerl, es zu verbergen, oder aber etwas anderes – vielleicht seine Neugierde – übertönte einen Teil dieser Abneigung. So oder so war es verwirrend, und ich konnte nicht anders, als bei diesem kurzen Satz, der doch so viele Nuancen auf einmal enthielt, verwundert die Stirn zu runzeln.
    »Otta-otta-ottaro!«, ging nun auf einmal mein kleiner Freund zwischen die beiden Menschen und sah dabei trotzig zu dem hochgewachsenen Fremden hinauf, furchtlos wie eh und je, was diesem jedoch nur ein Lächeln entlockte und ihn dazu brachte, sich zu Ottaro hinunter zu beugen und leise etwas zu murmeln, das ich nicht richtig verstehen konnte. Was auch immer es war, Ottaro wich daraufhin sichtlich verdutzt zurück, bevor es jedoch energisch den Kopf schüttelte. »Taro! Otta, ott!«
    Wennichnicht wüsste, dass es vollkommen unmöglich war… es machte aufmichfast den Eindruck, als würden die beiden miteinander sprechen. Was auch immer es jedenfalls war, was da gerade vor meinen Augen geschah, es war mirnicht ganz geheuer… dieser Junge, etwas an ihm war seltsam. Nicht nur an seinem Verhalten, seiner Art zu sprechen oder seinen eindringlichen Augen… es war nur ein Gefühl, aber mirlief ein undefinierbarer Schauer durch den ganzen Körper, als ich ihnmit Ottaro sprechen hörte.
    »Ich sehe. So scheint es.« Nun endlich sah er wieder mich an, dieses Mal mit einem Lächeln, das auf so eine erfrischende Art natürlich wirkte, fast schon unschuldig, dass ich erleichtert aufatmen konnte und mit einem Mal die Anspannung von mir abfiel, die sich in der letzten Minute langsam angestaut hatte. »Dein Ottaro hat soeben zu mir gesprochen. Aber ich erkenne deinen ungläubigen Blick… dann gehörst du zu denen, die die Stimme der Pokémon nicht hören können. Das ist bedauerlich. So vieles wäre einfacher, wenn nur… aber ist es nicht vergebens, darüber nachzudenken? Es wird nichts an dem Verlauf der Dinge ändern… Trainer bleiben letztlich Trainer.«
    »Die Stimme der Pokémon?« Ich schüttelte den Kopf. Ja, ich konnte es tatsächlich nicht glauben. Dieser Fremde behauptete also tatsächlich, er konnte mit Pokémon sprechen? Das war unmöglich. Und was hatte er danach gemeint? Ich wurde aus seinem Gerede einfach nicht schlau.
    »Mein Name ist übrigens N«, stellte sich der grünhaarige jungeMann vor, und gab mirdamit auch schon den nächsten Anlass, mich gehörig zu wundern. N… das kann nie und nimmer sein richtiger Name sein, vermutlich ein Kürzel.»Und mit wem habe ich das Vergnügen?«
    »Black. Black Averon aus Avenitia«, nannte ich nun meinerseitsmeinen Namen. Meinenvollen Namen, wohlgemerkt.
    »Aus Avenitia? Das liegt nicht weit von hier. Gehe ich demnach richtig in der Annahme, dass du erst vor Kurzem aufgebrochen bist? Dann kennst du diese Welt vermutlich noch nicht, wie ich sie kenne… sie ist grausam, glaub mir. Vor allem zu den Pokémon. Es gibt dieser Tage so viele Trainer, allein hier in Einall, und sie alle zwingen die Pokémon in diese kleinen Gefäße, um sie zum Kämpfen zu benutzen oder in einem Labor als Material für Experimente zur Verfügung zu stellen. Erkennt denn niemand die Grausamkeit dahinter? Die Pokémon leiden jeden Tag unter Trainern und Forschern und anderen Menschen… werden im Labor von Avenitia nicht sogar Pokédexe verteilt? Es bedarf vieler Pokébälle, alle Seiten eines Pokédexes zu füllen,viele Pokémon werden grundlos eingefangen. Wie geht das mit deinem Gewissen einher, Black aus Avenitia? Vielleicht bist du noch nicht lange genug unterwegs, um zu verstehen, vielleicht wirst du es auch nie verstehen, aber… ich kann nicht bei dem zusehen, was in dieser Welt geschieht.«
    »Verstehe ich das richtig?«, unterbrach ich ihn, bevor dieser Redeschwall noch länger andauern konnte, zumal N in dessen Verlauf wieder in sein vorheriges schnelles Sprechtempo zurückgefallen war, was es schwer machte, alles zu verstehen. »Du sorgst dich um die Pokémon, weil wir Trainer sie in Pokébällen einfangen?«
    »Nicht nur das«, entgegnete N jedoch. »Es ist das Kämpfen, das Erforschen… allein schon der Versuch, den Pokémon einen fremden Willen aufzuzwingen und sie zu analysieren wie bloße Gegenstände, ist verwerflich. Aber darüber hinaus bringt ihr sie auch noch dazu, sich gegenseitig Schmerzen zuzufügen, ihr quält sie ohne Unterlass. Ich weiß nicht, wie Trainer wie du Gefallen an all diesen Dingen finden können. Es ist falsch. Sicherlich musst du das sehen. Ich kann nicht der einzige sein, der sich Sorgen macht beim Anblick dessen, was hier geschieht.«
    Ichmusste gestehen, das traf michunvorbereitet – ichhatte keine unmittelbare Antwort auf Ns Anschuldigungen parat, ichhatte bisher noch nie über solche Dinge nachgedacht, warum sollteichauch? Ichwar mit Pokémon-Kämpfen aufgewachsen, hatte in der Schule über Pokémon gelernt und im Fernsehen immer wieder die spannenden Kämpfe der verschiedenen Ligen angesehen. Mirwar nie überhaupt die Frage aufgekommen, ob daran etwas falsch sein könnte.
    Deshalb wollte ich schon erwidern, dass Pokébälle eine wertvolle Erfindung wären und ich meine Pokémon niemals quälen würde, doch dann hielt ich mit bereits geöffnetem Mund inne.
    Weiliches zwar mit meinem Herzen vereinbaren konnte, das über mich selbst zu sagen, aber nicht über sämtliche andere Trainer. Ichwar vielleicht jung und noch nicht lange ein Pokémon-Trainer, undichwar gewiss noch nicht vielen anderen Trainern begegnet, um nicht zu sagen gar keinen außer Cheren und Bell, aber ichwar mirtrotzdem bewusst, dass vielleicht nicht jeder Trainer so gut mit seinen Pokémon umging wie ichund meine Freunde… und das bedeutete, dass N nicht gänzlich Unrecht hatte. Pokébälle, wie man es auch drehte und wendete, übten einen Zwang auf die Pokémon aus.
    Wie gesagt, ich hatte nie wirklich darüber nachgedacht, aber nun, da ich mit diesem seltsamen jungen Mann sprach, zögerte ich auf einmal, meine Stellung als Trainer zu verteidigen. Mit nur wenigen Worten hatte N Bedenken in mir geweckt, die nie zuvor dagewesen waren. Aber…
    Reicht meine Entschlossenheit wirklich nur so weit? Werfe ich jetzt das Handtuch, nur weil so ein komischer Typ nicht mit Trainern klarkommt? Ichsah zu Ottaro, das den Kopf schief gelegt hatte und die ganze Szene mit einem verwirrten Ausdruck im Gesicht verfolgte.Was auch immer dieser N sagen mag, ich stehe gerade erst am Anfang und habe noch so viel vor mir… ich werde mich jetzt sicher nicht aufhalten lassen.
    »Ich weiß nicht, worauf genau du hinauswillst, N, aber ich quäle meine Pokémon nicht. Ottaro ist mein Freund.«
    »Ja, das sagt es auch.« N stieß einen tiefen Seufzer aus. »Es gibt tatsächlich Pokémon, die so etwas über ihren Trainer sagen… das lässt mich hoffen. Aber am Ende ändert es nichts an dem, was ich tun muss.«
    »Vielleicht solltest du dich einfach mal ein wenig hierher setzen und für einen Moment all diese sinnlosen Bedenken vergessen«, kam ich wieder auf meinen ursprünglichen Vorschlag zurück. »Ich habe zwar keine Ahnung, was du deiner Meinung nach unbedingt tun musst, aber glaub mir, es kann wahre Wunder wirken, einfach mal die Beine ins Wasser baumeln zu lassen und den Goldinis beim Schwimmen zuzusehen… und den Karpadors beim Platschen oder was auch immer das sein soll.«
    Für ein paar stumme Augenblicke, in denen nur das Kreischen der Wingulls über der Küste die tiefe Stille durchschnitt, die auf einmal über den Wald mit dem kleinen Fluss gekommen war, sah N mich nur auf diese zutiefst nachdenkliche Weise an, die ihm so zu eigen schien, ehe er sich schließlich zu mir an den Fluss setzte, Schuhe und Socken auszog und die Beine ebenfalls ins Wasser baumeln ließ.
    Danach saßen wir – für wie lange auch immer, das vermochte ich danach nicht zu sagen – schweigend nebeneinander und blickten ins Wasser, indes wir beide unseren eigenen Gedanken nachhingen, doch zur selben Zeit erschien es mir, als wäre die Umgebung nun noch friedvoller als zuvor, als hätte nun, da N sich beruhigt hatte, auch die Natur um ihn herum zur Ruhe gefunden. Fast so, als wirke er einen unterschwelligen und doch unmittelbaren Einfluss auf alles in seinem direkten Umfeld aus… was natürlich Schwachsinn war, aber es ließ sich nicht bestreiten, dass dieser N über eine einzigartige Ausstrahlung verfügte.
    So viel erkannte ich schon damals… nicht ahnend, dass die vermutlich schicksalhafteste Begegnung meines ganzen Lebens werden sollte.
    »Weißt du, Black, ich habe Großes vor«, nahm N nach einiger Zeit das Gespräch wieder auf. »Du scheinst mir vernünftig zu sein, deswegen warne ich dich gleich: Bald wird sich einiges in Einall ändern. Ich will meinen Freunden, den Pokémon, helfen, sich vom Joch der Trainer und der Pokébälle zu befreien. Ich bereise dieses Land, um meine Entschlossenheit zu stärken und zu dem Helden zu werden, der ich sein muss, um mein Ziel zu erreichen. Ich will eine Welt schaffen, in der die Pokémon wahrlich frei sein können, strikt getrennt von den Menschen, wie es schon immer hätte sein sollen. Keinem meiner Freunde soll jemals wieder ein Leid zugefügt werden.«
    Ich wusste zuerst nicht, was ich darauf erwidern sollte. N machte auf mich den Eindruck eines hoffnungsvollen Träumers, der sich gegen die gesamte Weltordnung auflehnen wollte, aber aus irgendeinem Grund hielt ich ihn deswegen nicht für verrückt. Nein, aus seinem Munde klang es eher nobel. Aber das änderte auch nichts an der Hoffnungslosigkeit dieses Unterfangens, alle Pokémon befreien zu wollen. »Du hattest recht, als du vorhin gesagt hast, dass ich dich nicht verstehen könnte. Ich glaube, du hast recht, wenn du sagst, dass manche Trainer die Macht missbrauchen, die die Pokébälle ihnen über die Pokémon verleihen, aber das kann nicht alles sein. Es gibt viele Trainer wie mich, die ihre Pokémon gut behandeln. Willst du dein Ziel trotzdem durchsetzen, ohne Rücksicht auf gute Trainer wie mich?«
    N schüttelte den Kopf. »Das spielt alles keine Rolle. Man kann keinem Menschen vertrauen… solange es Pokébälle und Trainer gibt, können die Pokémon niemals in Frieden leben. Ich wünschte, es ließe sich eine andere Lösung finden, aber ihr müsst alle weichen. Am Ende darf es keine Trainer mehr geben. Es freut mich, dass dein Ottaro nicht so sehr leidet wie andere Pokémon, aber das ändert nichts daran, dass es trotzdem leidet. Denke gut darüber nach, Black, bevor es zu spät ist.«
    Damit stand er auf und wandte sich Richtung Norden, um zu gehen, aber ich war noch nicht fertig mit ihm, zumal mich seine letzten Worte wütend gemacht hatten. »Das ist doch alles Unsinn! Deine Wünsche in allen Ehren, N, aber die Wirklichkeit sieht einfach anders aus, und ich glaube nicht, dass daran irgendjemand so schnell etwas ändern kann! Du bist hier derjenige, der einmal gründlich nachdenken sollte. Und zwar darüber, was du dir da wirklich vorgenommen hast. Selbst wenn es dir gelingen würde, denkst du allen Ernstes, alles würde dann einfach besser werden? Einfach so? Nur weil keine Pokébälle mehr existieren? Das ist nichts weiter als dumm und kindisch.«
    »Ist es das?« Auf einmal klang seine Stimme scharf und unnahbar. Offenbar hatte ich ihn nun ebenfalls verärgert. N stand mit dem Rücken zu mir und drehte sich nicht mehr um, als er sprach. »Ich muss es dennoch versuchen. Sonst wird sich nie etwas ändern. Lieber scheitere ich beim Versuch, als nie etwas getan zu haben. Ich hatte wirklich gehofft, wenigstens einer unter all den Trainern dort draußen würde mich verstehen, zumindest ansatzweise. Aber wie sich herausstellt, habe ich mich wohl geirrt. Letztlich kann ich mich nur auf jene verlassen, die sich meiner Sache voll und ganz verschrieben haben.«
    Nun warf er noch einen einzigen, letzten Blick über die Schulter. »Es war ein aufschlussreiches Gespräch, Black Averon aus Avenitia. Danke, dass du zur Stärkung meiner Entschlossenheit beigetragen hast. Ich bin mir jetzt sicher, dass ich wirklich tun muss, was ich schon so lange vorhabe. Nur ich allein kann es schaffen. Sollten wir uns jemals wiedersehen, erwarte keine freundlichen Worte mehr von mir, Pokémon-Trainer.«
    Und so verschwand N schließlich ebenso schnell, wie er aufgetaucht war, und hinterließ einen grüblerischen jungen Trainer, der noch immer nicht ganz erfasste, was hier gerade eigentlich geschehen war. Fast schien es wie ein Traum, ein frühsommerlicher Tagtraum, so rasch verflogen wie ein loses Blatt im Winde. Was dieser N gesagt hatte, ließ mich eine Zeit lang nicht mehr los, sodass ich sogar meine Beine vergaß, die im Wasser langsam kalt und schrumplig wurden, indes ich über die Worte des mysteriösen Jungen nachdachte, der behauptete, mit Pokémon sprechen zu können.
    Schließlich erhob ich mich und rief Ottaro in seinen Ball zurück. Ich hatte schon viel zu viel Zeit hier verschwendet, und ich hatte noch ein gutes Stück Weges vor mir, ehe ich Gavina erreichte. Es gab bestimmt noch genug Gelegenheiten, weiter über diese seltsame Begegnung nachzudenken, und wer weiß, vielleicht begegnete ich N ja schon früher wieder als gedacht?
    Jetzt hieß es aber zunächst, meine beiden Freunde einzuholen, die beide bereits einen guten Vorsprung hatten.

  • Huhu @Azaril, ich schreib nach Ewigkeit auchmal wieder einen Kommentar, aber ich kann auch schlecht nein sagen, wenn es sich denn (unter anderem) um N dreht. ^^
    Aber sei mir bitte nicht böse, wenn ich nicht auf jedes Kapitel einzeln eingehe.


    Zuerst einmal, ich bin sehr neugierig, was es mit dem Blackverse auf sich hat. Scheint ja, als würde es in Zukunft dazu noch viel mehr geben. Also wünsch ich dir viel Durchhaltevermögen für dein Vorhaben und für realistischere Pokemonwelten bin ich immer zu haben. :)
    Ich mag es auch, dass die Steckbriefe kurz und knackig sind. Die dritte Protagonistin ist demnach entweder Julia oder ihre und Gs Tochter, schätze ich?


    Das ist übrigens ein wunderbarer Einstieg in die Geschichte und machte gleich Lust auf mehr. Da ja mal nicht anzunehmen ist, dass es ihm um das Wohl der Pokemon geht, bleibt die Frage, was er denn damit bezwecken will. Julia müsste wissen, wie er ist - und er ist dubios wie eh und je -, aber klar, die Summe klingt sehr verlockend.


    Dann geht es auch schon mit Black los. Ich finde, du hast ihn ziemlich gut charakterisiert und auch wenn ich eigentlich weniger mit Ich-Perspektiven anfangen kann, hast du das für mich gut gelöst.
    Genauso wie ich Cheren und Bell darin wirklich gut wiedererkennen kann. Du hast ihnen noch ein gutes Stück mehr Charakter gegeben, was bei vielen Spielecharakteren ja nötig ist. ^^
    Besonders N hast du ja ziemlich IC gehalten und natürlich gefällt mir das wirklich gut. Das Gespräch hat Black ja sehr verwundert zurücklassen. *g*


    Von deinen Beschreibungen gefallen mir bis dato die Kämpfe am besten, die sich wirklich sehr spannend und lebendig lesen, und auch sonst habe ich eigentlich wenig auszusetzen. Nur an manchen Stellen liest es sich imo wirklich recht umständlich. An einer Stelle zb. beschreibst du, oder besser gesagt Black beschreibt, Bell als "grünliebendes Mädchen" oder ähnliches. Da dachte ich mir, wer beschreibt seine Freunde denn so? :D


    Sorry, wenn der Kommentar etwas kurz ist. Ist vom Handy aus geschrieben. Aber sieh's so: es war mr so wichtig dir einen zu hinterlassen, dass ich es im Bus noch tu. XD

  • Hi @Bastet, freut mich, dass ich dein Interesse wecken konnte. :)


    Das Blackverse ist, wie du schon erkannt hast, ein richtiges Mammutprojekt, das Ganze könnte über ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen, aber wenn ich eines bin, dann hartnäckig. Vorerst werde ich mich darauf konzentrieren, diese erste Fanfiction fertigzustellen, aber ich wollte eben mal dieses Konzept des Blackverse vorstellen, um zu zeigen, dass ich mit der Welt, die ich hier entwerfe, noch viel mehr vorhabe.


    Ich mag es auch, dass die Steckbriefe kurz und knackig sind. Die dritte Protagonistin ist demnach entweder Julia oder ihre und Gs Tochter, schätze ich?

    Ich habe tatsächlich erst etwas gehadert, ob ich überhaupt Steckbriefe machen sollte, und die dann erst noch hinzugefügt, als der Startpost eigentlich schon fertig war, weil ich mir denke, dass jegliche Charaktereigenschaften eigentlich aus der Geschichte selbst herauszulesen sein sollten. Deshalb hab ich es auch recht knapp gehalten.


    Und was den Prolog angeht, zitiere ich mich mal kurz selbst:

    Letztlich ist der Prolog in gewisser Hinsicht nicht nur ein Prolog für diese FF, sondern auch bereits für die nächste, die dann auf Weiß 2 basieren wird. Hier werden jedenfalls schon ein paar Dinge vorweggenommen, die erst sehr viel später wichtig werden. Mehr sage ich dazu aber nicht.


    Dann geht es auch schon mit Black los. Ich finde, du hast ihn ziemlich gut charakterisiert und auch wenn ich eigentlich weniger mit Ich-Perspektiven anfangen kann, hast du das für mich gut gelöst.Genauso wie ich Cheren und Bell darin wirklich gut wiedererkennen kann. Du hast ihnen noch ein gutes Stück mehr Charakter gegeben, was bei vielen Spielecharakteren ja nötig ist. ^^
    Besonders N hast du ja ziemlich IC gehalten und natürlich gefällt mir das wirklich gut. Das Gespräch hat Black ja sehr verwundert zurücklassen. *g*

    Bei den ersten beiden Kapitel existiert sogar jeweils eine Version in erster und dritter Person, weil ich da noch gewankt habe. Normalerweise ist meine Expertise auch eher dritte Person als Ich-Erzähler, in gewisser Weise ist das hier also ein Experiment, ob ich es auch so hinkriege. Es wird im späteren Verlauf auch noch Kapitel aus der Sicht anderer Charaktere geben, die dann in Er/Sie-Perspektive verfasst sind. Black wird im Blackverse definitiv der einzige Ich-Charakter bleiben.
    Die Persönlichkeiten der verschiedenen Spielcharaktere sind einer meiner Sorgenpunkte, da ich da natürlich zum einen etwas mehr Tiefe schaffen will, zum anderen aber trotzdem noch einen Wiedererkennungseffekt haben will, deshalb bin ich erleichtert, dass sie dir so gut gefallen. Vor allem N möchte ich natürlich "richtig" hinkriegen.



    Von deinen Beschreibungen gefallen mir bis dato die Kämpfe am besten, die sich wirklich sehr spannend und lebendig lesen, und auch sonst habe ich eigentlich wenig auszusetzen. Nur an manchen Stellen liest es sich imo wirklich recht umständlich. An einer Stelle zb. beschreibst du, oder besser gesagt Black beschreibt, Bell als "grünliebendes Mädchen" oder ähnliches. Da dachte ich mir, wer beschreibt seine Freunde denn so? :D  

    Na, wenn die Kämpfe passen, ist das ja bei einer Pokémon-FF schon die halbe Miete. :D  
    An manchen Beschreibungen könnte ich noch feilen, das mit dem grünliebenden Mädchen kommt mir jetzt im Nachhinein auch etwas komisch vor. Da habe ich wohl versucht, nicht immer nur Bell, Bell, Bell zu schreiben (ich mag es irgendwie nicht, wenn ständig derselbe Name verwendet wird, zum Beispiel in einer Konversation, das ließt sich meines Erachtens nicht ganz so gut, die eine oder andere Umschreibung zwischendrin kann nicht schaden, aber manchmal übertreibe ich es damit wohl :whistling: ).



    Jedenfalls vielen Dank für das Feedback! ^^

  • ZWuW - Kapitel 4.pdf
    ZWuW - Kapitel 4.epub



    Die Begegnung mit N bereitete mir noch lange Kopfzerbrechen.
    Dieser junge Mann – meiner Schätzung nach musste er wohl um die zwanzig sein – hatte mich über das Fangen von Pokémon und Pokémon-Kämpfe ins Grübeln gebracht. Es war nicht so, dass ich nun seine Ansichten teilte und mein Trainerdasein deswegen nach nicht einmal einem halben Jahr schon an den Nagel hängen wollte, aber ich legte zumindest den restlichen Weg nach Gavina in nachdenklicher Schweigsamkeit zurück, die mich sogar sämtliche wilde Pokémon ignorieren ließ, die ich dabei erspähte.
    Tatsache war, dass N nicht ganz Unrecht hatte. Kämpfe konnten gefährlich und schmerzvoll werden, und in seltenen Fällen sogar tödlich enden, aber das war Trainern wie Pokémon gleichermaßen bewusst. Zudem waren Pokémon wesentlich robuster gebaut als Menschen und heilten schneller, was bedeutete, dass das Kämpfen für sie etwas gänzlich anderes war als für Menschen – nur war das Rechtfertigung genug? N hätte auf diese Frage wahrscheinlich mit einem deutlichen Nein geantwortet. Und wie schon gesagt, es gab bestimmt Pokémon-Trainer, die seinen Hass auch wirklich verdienten, aber das machte es nicht besser, dass er uns alle von unseren Pokémon trennen wollte.
    Ich konnte und wollte mich einfach nicht mit seinen Ansichten anfreunden. Sie waren einfach zu realitätsfremd und träumerisch. Er verlangte nach einem Ideal, das er niemals erlangen konnte. Letztlich war N nur ein verblendeter Junge, der glaubte, etwas bewerkstelligen zu können, das seine Fähigkeiten bei weitem überstieg. Man konnte ihn fast bemitleiden.
    Viel mehr als seine verqueren Ansichten beschäftigte mich jedoch sein »Gespräch« mit Ottaro. Entweder war er ein verdammt guter Schauspieler, dass er es so überzeugend hatte darstellen können, oder er hatte tatsächlich mit Ottaro gesprochen. Ich sprach auch hin und wieder mit meinen Pokémon, und obwohl sie einen ungefähren Eindruck davon zu haben schienen, was ich ihnen sagen wollte, konnte ich doch umgekehrt nicht das geringste bisschen von dem verstehen, was sie darauf erwiderten. Doch N… er hatte behauptet, Ottaro verstehen zu können. Die Stimme der Pokémon hatte er es genannt. Normalerweise hätte ich so etwas nur belächelt und ihn für noch verrückter gehalten als ohnehin schon, aber etwas sagte mir, dass da mehr dahinter steckte, als auf dem ersten Blick ersichtlich war. Und wenn er mir wirklich etwas hätte vorgaukeln wollen, hätte er dann nicht entsprechend seiner Überzeugungen sagen müssen, dass Ottaro mich und die Kämpfe, in die ich es schickte, nicht ausstehen konnte? Was er dagegen als Ottaros Worte dargestellt hatte, war genau das, was das Pokémon wohl wirklich gesagt hätte, wenn es denn die Sprache der Menschen spräche.
    Was hatte das alles nur zu bedeuten?
    Ich war so sehr in diese Gedanken vertieft, dass ich zuerst gar nicht bemerkte, wie das saftige Gras und die hohen Bäume nach und nach gepflasterten Straßen und mehrstöckigen Gebäuden wichen. Als ich den festen, steinernen Untergrund schließlich bemerkte und aus meinen Überlegung hochschreckte, befand ich mich bereits mitten in Gavina, auf einer breiten Straße, auf der viele Fußgänger unterwegs waren.
    Die Atmosphäre hier war eine gänzlich andere als in Avenitia. Während meine Heimat einen eher ländlichen Flair aufwies, war das erste Wort, das mir beim Anblick der höheren Häuser Gavinas einfiel, Kleinstadt. Das traf es meines Erachtens genau auf den Punkt, denn die Siedlung war zwar definitiv größer und belebter als Avenitia, konnte es jedoch noch lange nicht mit Großstädtenwie Marea oder Rayonoaufnehmen, die ich von Bildern oder aus dem Fernsehen kannte.
    Ich war schon früher hier gewesen, aber stets in Begleitung meiner Mutter oder meiner Freunde, sodass dies nun das erste Mal war, dass ich die Stadt auf eigene Faust erkundete. Nun ja, viel zu sehen gab es nicht, wenn mich meine Erinnerungen nicht täuschten. Gavina war nicht sehr groß, und obwohl es ein paar schöne Cafés bei den erhöhten Aussichtsplattformen im Nordosten der Stadt gab, war die Hauptattraktion wohl eher der schöne Springbrunnen auf dem weitläufigen, mit weißem Stein gepflasterten Platz im Zentrum des Ortes. Dieser Springbrunnen war die einzige Sehenswürdigkeit von Gavina, falls man ihn überhaupt als solche bezeichnen konnte, denn seine Berühmtheit reichte nicht weit über die nähere Umgebung hinaus.
    Dennoch machte ich mich nun auf den Weg zu besagtem Springbrunnen, was bedeutete, dass ich mich weiterhin geradewegs nach Norden bewegte, um schon wenige Minuten später das Stadtzentrum zu erreichen. Sie Sonne schien hell auf den Platz hinab, es musste nun früher Nachmittag sein, ich hatte trotz der Pause beim Fluss nur ein paar Stunden bis hierher gebraucht. Am Rand des Platzes versuchten mehrere Cafés, Eisdielen und dergleichen die wenigen Passanten anzulocken, die hier vorbeikamen, mit eher mäßigem Erfolg.
    Ich sah mich ein wenig um, ging kurz in einen Pokéball-Laden, der allerdings kein sehr großes Angebot aufwies, und verharrte schließlich bei einer der Eisdielen, vor welcher der Besitzer einige sommerliche, gemütlich aussehende Liegestühle aufgestellt hatte, um den Käufern ihr Eis noch zu versüßen. Da mir die Atmosphäre der kleinen Eisdiele gefiel und ich dringend eine Erfrischung nötig hatte, fackelte ich nicht lange und kaufte mir ein Schokoladeneis, das mir kurz darauf von der netten Dame hinter dem Tresen überreicht wurde, die den Stand zusammen mit einem Pokémon namens Gelatini leitete, welches tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Eisbecher aufwies.
    Munter an dem Schokoeis leckend wollte ich in die Mitte des Platzes schlendern, als mich plötzlich eine bekannte Stimme rief. »Huhu, Black!« Überrascht drehte ich mich um und erblickte in einem der Liegestühle vor der Eisdiele Bells rundliches Gesicht unter ihrer grünen Mütze. Meine Freundin winkte mich fröhlich zu sich, woraufhin ich mit den Schultern zuckte und mich in dem Liegestuhl zu ihrer Linken niederließ. Auch sie genoss ein Eis, allerdings von der Sorte Erdbeere.
    »Ich hab dich gar nicht bemerkt«, gab ich verlegen lächelnd zu. »Sitzt du schon länger hier?«
    »Ja.« Sie ließ die Zunge ausgiebig über die bereits stark verkleinerte Kugel Erdbeereis fahren. »Hab dich die ganze Zeit beobachtet, aber du warst so in Gedanken versunken… bist einfach an mir vorbeigelaufen.«
    Ich kratzte mich verlegen am Hinterkopf. »Sorry. Muss wohl noch irgendwie müde sein.«
    »Pah! Das sagst gerade du! Ich habe die ganze letzte Nacht kein Auge zugetan, weil du es vorgezogen hast, dich lieber erst auszuschlafen, anstatt gleich mit mir mitzugehen. Ich hab mich im Dunkeln auf Route 1 völlig verirrt, musste mich kreuz und quer durch die Wildnis schlagen und bin erst vormittags in Gavina angekommen.«
    »Na, solange du nicht in den Fluss gefallen bist...«
    »Wie war das?« Sie fuhr schon halb aus dem Liegestuhl hoch, als ich abwehrend die Hände hob.
    »Schon gut, schon gut, nur ein Scherz. War es denn wirklich so schlimm?«
    »Sch-Schlimm? Also… äh… natürlich nicht! Ein Klacks war das! Und jetzt, da ich diese labyrinthartige Route überstanden habe, bin ich für alle weiteren Abenteuer gefeit!«
    Labyrinthartig… traf es nicht so wirklich. Im Grunde hatte Route 1 einen sehr geraden Verlauf. Gut, der Kiesweg schlängelte sich sehr stark, aber im Großen und Ganzen führte er stetig nach Norden. Die Gefahr, sich dort zu verlaufen, war gering, selbst in der Nacht. Aber ich hielt es für besser, ihr das jetzt nicht auf die Nase zu binden.
    »Hey, was sind denn das für Freaks?«, fragte Bell auf einmal und deutete dabei auf das andere Ende des Platzes, wo eine Gruppe von Männern und Frauen in altertümlich aussehenden, weißen Tuniken, welche sie über einer schwarzen Gewandung trugen, aufgetaucht war und sich rasch von Westen her dem Springbrunnen näherte. Die meisten dieser Leute hatten sich hellblaue Kapuzen übergezogen, passend zu ihren ebenso hellblauen Handschuhen und Stiefeln, sodass man nur jeweils einen kleinen Ausschnitt ihrer Gesichter erkennen konnte.
    Auf der Vorderseite der Tuniken dieser »Freaks«, wie Bell sie genannt hatte, prangte ein Wappen, wie ich noch nie zuvor eines gesehen hatte: Es war farblich in zwei Hälften unterteilt, links weiß, rechts schwarz, doch der Vordergrund wurde einzig von blauen Linien eingenommen, die anscheinend Buchstaben bildeten. Zum einen war ganz klar ein P zu erkennen, es nahm den größten Teil des Wappens ein, doch bildeten die blauen Striche dahinter auch noch ein spiegelverkehrtes Z, dessen Schrägbalken sich genau so mit dem P überschnitt, dass man darin mit einiger Fantasie auch ein R erkennen konnte.
    Einerin dieser seltsamen Gruppe stach jedochzwischen den anderen hervor: Ein hochgewachsener Mann mit hellgrünen Haaren und einem violetten Mantel mit gelbem Augenmuster ging der eigenartigen Prozession voran. Sein rechtes Auge wurde von einer roten Linse in stählernem Rahmen verdeckt, deren Zweck mir nicht ersichtlich war. Trotz seines lächerlichen Outfits und der ebenso lächerlichen Aufmachung seiner Gefolgsleute – denn ich nahm an, dass sie genau das waren –, wirkte er keineswegs albern, sondern eher auf eine befremdliche Weise ehrfurchtgebietend, sodass mir ein kalter Schauer über den Rücken lief. Seine zielgerichteten Schritte fanden schließlich in der Mitte des Platzes, direkt vor dem majestätischen Springbrunnen, ein jähes Ende.
    Inzwischen waren einige Passanten stehen geblieben und musterten teils interessiert, teils skeptisch die Ansammlung dieser weiß-schwarz-blauen Leute mit dem P-Wappen. Die sonderbaren Männer und Frauen stellten sich in einer geraden Reihe hinter ihrem violett-gelben Anführer mit den grünen Haaren auf, welcher theatralisch und um Aufmerksamkeit heischend die Hände hob.
    »Hört mich an, Bürger von Gavina!«, rief er im nächsten Moment laut genug, dass seine Stimme über den ganzen Platz hinweg gut hörbar war. Dabei reichte schon dieser kurze Satz, um nicht wenige der Menschen in der Umgebung sofort in seinen Bann zu schlagen. Nicht nur sein Auftreten war beeindruckend, sondern auch diese gewaltige Stimme, die keinen Widerspruch zu dulden schien und einen jeden hier dazu brachte, ihm genau zuzuhören.»Mein Name lautet G-Cis. Ich spreche für Team Plasma. Was ich euch zu sagen habe, mag einige von euch erschüttern, einige werden vielleicht sogar laut dagegen aufbegehren. Aber ich bitte euch, mir aufmerksam zuzuhören, denn ein jeder von euch, nein, von uns ist betroffen. Denn es geht um nichts anderes als die Pokémon, jene treuen Gefährten, die uns Tag und Nacht zur Seite stehen und mit denen uns ein langjähriges Band der Liebe und Freundschaft und des Vertrauens verbindet. Das ist es jedenfalls, was die meisten für die Wahrheit halten. Doch wer so denkt, irrt sich! Was ich euch sage, das ist die Wahrheit, die reine, unverblümte Wahrheit.
    Der Schleier der Lügen, den die Trainer um ihre Beziehung zu den Pokémon errichtet haben, dient einzig und allein dazu, dem finsteren Antlitz der Wirklichkeit nicht ins Auge blicken zumüssen. Die Niedertracht schlechthin verkörpern jene unter uns Menschen, welche die Pokémon in demütigender Sklaverei halten, sie wie ihre Leibeigenen ohne Unterlass schinden und quälen. Habt ihr niemals euer Gewissen hinterfragt, euch Gedanken um das Wohl der Pokémon gemacht, die Tag für Tag in den Arenen und Städten, auf den Wiesen und Bergen, in den Wäldern und Höhlen dieser Welt von erbarmungslosen Menschen in blutige Kämpfe geschickt werden?
    In Pokémon schlummern ungeahnte Kräfte. Sie beherbergen eine Macht, die wir nicht einmal in ihren Ansätzen verstehen können. Warum also maßen wir es uns an, die Pokémon zu unterjochen und in kleine Gefäße zu sperren, wo sie ein trostloses Dasein fristen? Ihr habt mich richtig verstanden, gute Menschen von Gavina! Es ist unsere Pflicht gegenüber allen Pokémon, sie von dem ihnen auferlegten Joch zu befreien, denn nur dann können sie die Freiheit genießen, die ihnen von Geburt an zusteht! Denkt gut darüber nach, was zu tun ist, um der Anmaßung der Trainer ein Ende zu setzen! Habt Dank für eure Aufmerksamkeit, Bürger von Gavina. Der Friede sei mit euch!«
    Das war das Ende seiner kleinen Rede, und ebenso schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden die Männer und Frauen von Team Plasma, wie dieserG-Cis es genannt hatte, auch schon wieder. G-Cis selbstschritt voran, die Anderen folgen, indes sie einige verwirrte Zuhörer zurückließen, welche die Stirn runzelten und vermutlich über die Worte dieses seltsamen Mannes im lila Augenmantel nachdachten, ehe sie sich langsam wieder in Bewegung setzten und ihren gewöhnlichen Tätigkeiten nachgingen wie sonst auch.
    Aber ich bekam von alledem kaum etwas mit. Denn noch bevor er das letzte Wort gesprochen, den letzten Gedankengang initiiert hatte, waren meine Überlegungen bereits von G-Cis weg und hin zu einer anderen Person geschweift – N.
    Die Freiheit der Pokémon… die Anmaßung der Trainer… in kleine Gefäße sperren… blutige Kämpfe… das alles klang verdächtig nach dem, was N beim Fluss auf Route 1 zu mir gesagt hatte. Nein, es klang nicht nur danach, es war komplett identisch. Der genaue Wortlaut mochte ein anderer sein, aber der Inhalt war derselbe. Kann es sein?
    Mein Blick verweilte noch lange auf der nach Westen führenden Straße, auf der Team Plasma verschwunden war. Hatte N etwas mit diesen Spinnern zu tun? Nein, das war die falsche Frage. Das schien eine Art neue Bewegung zu sein, die darauf plädierte, Pokémon-Trainer und Pokémonkämpfe abzuschaffen, und ob N nun zu ihnen gehörte oder nicht, er teilte ihre Ansichten… oder sollte ich sagen, die Ansichten dieses G-Cis? Denn die Anderen in dieser Gruppe hatten auf mich eher den Eindruck von unwichtigen Anhängern einer Sekte gemacht. Und waren es nicht immer die großen Redner, diejenigen, die mit Worten umzugehen und die Herzen der Menschen zu beeinflussen wussten, die in solchen Gruppierungen die wahre Gefahr darstellten? War N letztlich nur ein weiterer Mensch, der sich von G-Cis hatte überzeugen lassen?
    Oder steckte dahinter mehr?
    »Was hältst du von dem Ganzen, Bell?«, fragte ich meine Freundin, ohne sie dabei anzusehen. Als ichjedochkeine Antwort bekam, wandte ich mich ihr ungeduldig zu, aber auf den Anblick, der sich mit daraufhin bot, war ich nicht gefasst gewesen, sodass ich ein Lachen nicht zurückhalten konnte.
    Sie war eingeschlafen! Friedlich schlummernd lag Bell im Liegestuhl, das Eis war ihr aus der Hand gerutscht und neben der Liege auf den Boden geklatscht. Entweder, so dachte ich mir, haben die Strapazen der durchwachten Nacht sie letztendlich eingeholt oder G-Cis' Rede war für sie im wahrsten Sinne des Wortes einschläfernd. Wohl eher letzteres.
    Grinsend lehnte ich mich zurück und genoss mein restliches Eis.Die düsteren Gedanken konnten warten, Grünchen hatte mich daran erinnert, dass ich vorerst einfach nur meine Reise als Pokémon-Trainer genießen wollte!

  • So, mit einem Tag Verspätung kommt jetzt auch Kapitel 5, das habe ich gestern irgendwie voll verpennt. :whistling:


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    Gavina hielt mich nicht lange.
    Es war zwar ein schönes, kleines Städtchen, dessen Charme Bell vollkommen verfiel, sodass sie noch länger bleiben wollte, aber für mich war es nur die erste vieler Etappen auf meiner Reise, noch dazu eine eher unwichtige, bedachte man, dass es dort nicht einmal eine Arena oder sonstige auf Pokémon bezogene Einrichtungen gab. So blieb ich nur eine Nacht im dortigen Pokémon-Center und nahm schon am nächsten Morgen meinen Abschied von Grünchen, um meine Reise über die Route 2 fortzusetzen, die von Gavina aus zunächst nach Westen führte und dann eine scharfe Biegung in Richtung Nordosten beschrieb, bevor sie schließlich in Orion City ihr Ende fand, der ersten größeren Stadt auf unserem Weg durch Einall.
    Ich fühlte mich zwar zugegebenermaßen nicht wohl dabei, Bell weiterhin alleine durch die Welt stolpern zu lassen, vor allem nach ihrer Irrfahrt zwischen Avenitia und Gavina, aber sie ließ sich nicht dazu überreden, mit mir zu kommen, ebenso wenig, wie ich mich überreden ließ, noch ein wenig länger in Gavina zu bleiben. Insgeheim vermutete ich ja, dass sie mich hatte loswerden wollen, um zu beweisen, dass sie auch allein zurechtkam, aber ich hütete mich, ihr diese Vermutung ins Gesicht zu sagen, denn ich wollte schließlich keinen ihrer seltenen, aber unheimlichen Wutausbrüche riskieren.
    Die Route 2 unterschied sich in mancherlei Hinsicht von Route 1 und war ihr doch in einigen Belangen auch sehr ähnlich. Es war noch immer keine richtige Straße, aber zumindest war ihr Verlauf geradliniger und man sah wesentlich mehr Fahrzeuge, die aus Orion kamen oder dorthin wollten. Es gab außerdem mehr Abzweigungen als auf Route 1, sodass man sich nicht immer an den Hauptweg halten musste, sondern auch schwierigere, aber spannendere Pfade durch die Wildnis beschreiten konnte, welche hier wie auch zwischen Gavina und Avenitia größtenteils aus dichtem Wald bestand, stellenweise unterbrochen von schönen Blumenwiesen, in denen sich manch ein Pokémon versteckte.
    Es war hier, dass ich erstmals auf andere Pokémon-Trainer traf, Cheren und Bell einmal ausgenommen. Da Orion City über eine renommierte Trainerschule verfügte und zudem eine Arena besaß, fanden sich in der Nähe dieser Stadt natürlich auch viele junge Trainer ein, die dort trainierten, um schließlich zu versuchen, einen der heißbegehrten Orden zu ergattern, von denen insgesamt acht notwendig waren, um sich für die Herausforderung der Top Vier und schließlich des Champs zu qualifizieren. Es gab in ganz Einall wesentlich mehr als nur acht Arenen, es mussten inzwischen um die zwanzig sein, sodass man theoretisch nicht jeden Arenaleiter besiegen musste, dem man über den Weg lief, aber ich würde mich natürlich trotzdem an der Arena von Orion versuchen – dann würde ich endlich sehen, wie weit meine Stärke und die meines Teams, das noch immer nur aus Ottaro und Zurrokex bestand, wirklich reichte.
    Ein kleines bisschen war es mir schon auf dem Weg dorthin möglich, unsere Stärke unter Beweis zu stellen. Die meisten Trainer, denen ich auf der Route 2 begegnete, waren ebenfalls nicht sehr erfahren, sodass ich zunächst glaubte, einige ausgeglichene Kämpfe erleben zu können – doch schon bald musste ich verwundert feststellen, dass keiner von ihnen mir wirklich lange standhalten konnte. Es war nicht zu vergleichen mit meinen aufregenden Kämpfen gegen Cheren, deren Ausgang nie im Voraus ersichtlich war. Waren diese Trainer hier einfach so schwach, oder waren Cheren und ich so stark? So oder so konnte ich zumindest wertvolle Erfahrung sammeln, auch wenn ich zugegebenermaßen enttäuscht war, hier nicht den Nervenkitzel zu erleben, den ich von meinen Konfrontationen mit Cheren gewohnt war.
    Entlang der Straße gab es mehrere Gaststätten speziell für reisende Pokémon-Trainer und auf halber Strecke nach Orion City sogar ein Pokémon-Center, nicht weit vom Hauptweg auf einer großen Lichtung, auf der auch ein paar umzäunte Weiden für bestimmte Pokémon angelegt worden waren. Im Gegensatz zu Avenitia lag Orion etwas weiter von Gavina entfernt, weshalb es unabdinglich war, dass es auf dem Weg eine Möglichkeit gab, seine Pokémon zu heilen und zu übernachten, denn zu Fuß konnte es auch mal länger als nur einen Tag dauern, bis nach Orion City zu kommen.
    Dass es mitten auf einer Route, noch dazu einer eher unbedeutenden wie Route 2, sogar ein Poké-Center gab, war eine Entwicklung, die noch gar nicht allzu lange her war. Noch vor wenigen Jahren hatten Trainer diesen Luxus nicht genießen können – die Erfindung des Pokéballs lag noch keine drei Jahrzehnte zurück, doch schon hatte sich diese Welt in rasendem Tempo angepasst, sodass es heute kaum noch etwas Besonderes war, einem Trainer über den Weg zu laufen. Ja… so schnell hatte sich all das entwickelt, dass es nun schon Leute gab, sogar einen ganzen Kult davon, die gegen all das aufbegehrten, gegen Pokébälle, Pokémon-Trainer und die Kämpfe in den Arenen. Ich konnte nicht umhin, auf meinem Weg nach Orion immer wieder an G-Cis und sein Team Plasma zu denken… und an den mysteriösen N, der die Ansichten von Team Plasma zu teilen schien.
    Ich verbrachte schließlich eine Nacht in dem Pokémon-Center, trainierte am nächsten Tag weiter meine Pokémon und besiegte einige andere Trainer, denen ich über den Weg lief, nächtigte dann noch einmal auf Route 2, dieses Mal jedoch unter freiem Himmel, wobei ich mit Ottaro und Zurrokex den Anblick der Sterne genoss, bevor wir einschliefen, und erreichte schließlich am Morgen des dritten Tages nach meinem Aufbruch aus Gavina endlich mein erstes großes Ziel: Orion City.
    Schon von weitem bot Orion einen gänzlich anderen Anblick als Gavina. Anstelle von schlichten, grauen Gebäuden, die an grob behauene Quader erinnerten, glänzte Orion City durch seine Vielzahl an Pflanzen, die der Stadt eine frische, natürliche Atmosphäre verliehen. Ob nun als Topfpflanzen auf Balkonen, als duftende Blumen in kleinen Gärten oder Rankengewächsen an Hauswänden, wohin man auch blickte, war Orion in ein grünes Gewand gehüllt. Man mochte fast nicht glauben, dass man sich hier in der größten Stadt des südöstlichen Teils von Einall befand, eher schien ich mich in eine alte, überwucherte Ruinenstadt zu begeben, die durch die Arbeit zahlreicher Menschen und Pokémon zu neuem Glanz renoviert worden war.
    Fasziniert wanderte ich durch die Straßen, bestaunte die verschiedenen Gebäude und sog den süßen Duft der vielen Blumen ein. Bell hätte es hier ohne jeden Zweifel gefallen, aber sie hatte ja unbedingt noch länger in Gavina bleiben wollen – wenn sie an jedem Ort, an dem sie auf ihrer Reise vorbeikam, so lange verweilte, würde sie erst in Jahrzehnten in Twindrake ankommen, wo das Tor zur Pokémon-Liga von Einall lag, die berühmt-berüchtigte Route 10. Aber auch für mich war es noch ein weiter Weg bis dahin. Vorerst musste ich mich damit begnügen, lediglich das nächste Pokémon-Center zu erreichen. Twindrake City lag noch in ferner Zukunft.
    Die Menschen hier machten auf mich einen ziemlich eifrigen, fast schon übermotivierten Eindruck, aber das war wohl in einer Stadt wie dieser, die vor grünem Leben nur so strotzte, nicht weiter verwunderlich. Ein plötzlicher Windstoß trieb einige Hoppspross an mir vorbei, die mit ihren runden, rosa Körpern und den Blattpropellern, die aus diesen sprossen, die Aufmerksamkeit einiger Kinder erregt hatten, die ihnen lachend hinterher und mich dabei fast über den Haufen rannten. Natürlich waren Pflanzen-Pokémon hier kein seltener Anblick, und ebenso wenig Käfer, wie zum Beispiel dieses Webarak, das sich gerade an einem seidenen Faden von einem nahen Balkon abseilte, den lauernden Blick auf den Hoppspross-Schwarm geheftet. Kurz bevor es allerdings zuschlagen konnte, musste es selbst den Rückzug antreten, als ein aggressives Dusselgurr herbeigeflogen kam und es angriff. Dieses gehörte offenbar einem Trainer, der unten auf dem Weg stand und sein Pokémon mit lauten Rufen anfeuerte, einen Pokéball wurfbereit in der Hand – er wollte das Webarak offenkundig einfangen.
    Käfer.Ich zuckte mit den Schultern und ging weiter. Nicht mein Ding.
    Es war nicht so, dass ich Angst vor Käfer-Pokémon hatte wie manch ein Mädchen, aber sie standen definitiv nicht sehr weit oben auf meiner To-Catch-Liste. Das lag daran, dass die meisten von ihnen nicht sonderlich stark waren – natürlich gab es Ausnahmen wie Sichlor und seine Weiterentwicklung Scherox, aber die waren dementsprechend selten und verfügten meist auch noch über einen guten Zweittypen. Webarak konnte süß sein, aber für einen angehenden Pokémon-Meister wie mich war es schlichtweg nicht das richtige Pokémon.
    Was ich brauchte, waren Drachen. Ja, wenn es einen Typ gab, der als der stärkste von allen bezeichnet werden konnte, dann war es Drache. Ganz gleich, welches Drachen-Pokémon man auch betrachtete, entweder war es selbst stark oder konnte sich in etwas starkes entwickeln. Warum benutzte also nicht einfach jeder Trainer Drachen-Pokémon? Nun, das hatte drei ganz einfache Gründe: Erstens waren sie unglaublich schwer zu finden, zweitens waren sie ebenso schwer zu fangen und drittens waren sie noch einmal ein Stück schwerer zu zähmen und zu trainieren. In anderen Worten, die meisten Trainer wurden mit ihnen einfach nicht fertig und konnten sie nicht kontrollieren – was in meinen Augen nur ein weiterer Beweis für die Macht der Drachen war. Kein Wunder, dass viele legendäre Pokémon wie zum Beispiel Zekrom ebenfalls diesem Typ angehörten. Ob ich selbst dazu in der Lage war, Drachen-Pokémon zu beherrschen, konnte ich nicht wissen, dazu musste ich erst einmal eines fangen. Aber ich war entschlossen, es eines Tages definitiv zu versuchen. Jedes gute Team brauchte einen Drachen – das war meine Devise.
    Schließlich erreichte ich das Pokémon-Center von Orion City, das weitaus größer war als das in Gavina und das auf Route 2. Trat man durch die automatische Tür ein, gelangte man zunächst in einen weitläufigen Eingangsbereich, an dessen anderem Ende sich eine lange Rezeption mit mehreren Schwestern befand, die jederzeit bereitstanden, die Pokémon eines vorbeikommenden Trainers in ihre Obhut zu nehmen, um sie in einem der weiter hinten befindlichen Behandlungsräume wieder aufzupäppeln. Neben der Rezeption gab es eine größere Tür, durch die man vermutlich schwer verletzte Pokémon schnell zu den Operationssälen bringen konnte. Rechts des Eingangs befand sich ein Aufenthaltsbereich mit mehreren Sofas und Fernsehbildschirmen an den Wänden, zu meiner Linken dagegen gab es eine Computer-Ecke mit Internet-Anschluss. Pokémon-Cneter waren heutzutage weit mehr als nur Krankenstationen für Pokémon: Sie waren ein Treffpunkt für Trainer und ein Ort, wo man sich aktuelle Informationen besorgen und sich mit anderen Reisenden austauschen konnte. Außerdem boten sie in den oberen Stockwerken meist Zimmer für reisende Pokémon-Trainer an, wo diese für relativ wenig Geld übernachten konnten. Das diente zum einen dazu, all den Trainern, die auf der ganzen Welt immer wichtiger wurden, in jeder Stadt einen Platz zum Bleiben zu geben, zum anderen aber auch dazu, diese Center zu finanzieren. Obwohl die Pokémon-Center einen Großteil ihrer Mittel für gewöhnlich vom Staat und vom Liga-Komitee bezogen, waren sie auf die kleine Gebühr, die das Übernachten hier kostete, ebenso dringlich angewiesen. Und es war nicht so, als könnten wir Trainer es uns nicht leisten: Sobald man einen Trainerpass besaß, bekam man für offizielle Kämpfe genug Geld gutgeschrieben, um damit ohne Weiteres über die Runden zu kommen.
    Das alles war noch ein relativ neues System, und ich war wirklich froh, in dieser Zeit meine Reise antreten zu dürfen, in der Pokémon-Trainer so sehr gefördert wurden, denn noch vor zehn Jahren hätte ich in jeder Stadt, die ich auf meinem Weg passierte, für einige Zeit arbeiten müssen, um meine Reise zu finanzieren. Heute allerdings zählte das Dasein als Pokémon-Trainer fast schon als eine Art Job. Dennoch konnte es schwer werden, vor allem, wenn man nicht oft genug gewann, denn die Bezahlung hing davon ab, wie gut man als Trainer war. Das machte die Arenen noch attraktiver für Pokémon-Trainer, denn mit jedem Orden, den man offiziell verdiente, bekam man sozusagen auch eine Gehaltserhöhung. Das war nur gut und richtig so, denn es zeigte, dass der Staat es anerkannte, wenn man über Talent als Trainer verfügte. Dennoch musste man es natürlich erst einmal schaffen, auch nur einen einzigen Orden zu ergattern – denn das mochte bisweilen schwieriger sein, als viele Trainer vielleicht dachten.
    Ich begab mich zur Rezeption und gab meine beiden Pokémon ab, die nach den letzten Kämpfen, die ich kurz vor Orion noch gegen ein paar andere Trainer bestritten hatte, einmal gründlich durchgecheckt werden mussten. Danach hieß es, abzuwarten, weshalb ich mich in die Lobby setzte und ein wenig fernsah. Es lief gerade ein Bericht über den neusten Herausforderer der Pokémon-Liga, der offenbar nach dem zweiten Top-Vier-Mitglied gescheitert war und nun für seine Revanche trainierte. Anissa, die Meisterin der Geist-Pokémon, gegen die er verloren hatte, stand leider nicht für ein Interview zur Verfügung, da sie an ihrem neuen Buch arbeitete, wie der Reporter beteuerte.
    Auf einmal piepste mein Viso-Caster. Ich hob die linke Hand, an deren Gelenk das Armbandhandy befestigt war, und sah, dass Cheren mir eine knappe Nachricht geschickt hatte.
    - Hi Black, bist du schon in Orion?
    Ich schrieb ihm gleich zurück.-Ja, ich bin gerade im Pokémon-Center.
    - Wie wärs mit einem Kampf? Wir können uns im Park treffen.
    - Meine Pokémon werden gerade untersucht, aber wenn sie fertig sind, gerne.
    - Okay, ich warte im Park. Aber lass dir nicht zu viel Zeit, auch wenn du vielleicht Angst hast.
    - Wer hat hier Angst? Pass du nur auf, dass du wegen deiner schlotternden Knie nicht in einen Teich fällst!
    - Wir sehen uns.
    Damit endete die kurze Konversation über unsere Viso-Caster und ich lehnte mich wieder zurück. Ein Kampf also? Liebend gerne. Nach all den Enttäuschungen auf Route 2 sehnte ich mich mal wieder nach einem richtigen Gegner. Da kam Cherens Herausforderung gerade recht. Unser letzter Kampf lag zwar gerade erst vier Tage zurück, aber ich war in dieser kurzen Zeit schon ein gutes Stück stärker geworden, wagte ich zu behaupten. Bei Cheren war es bestimmt nicht anders – wie würden die Karten wohl dieses Mal verteilt sein? Würde ich ihn noch einmal besiegen können oder würde dieses Mal wieder er gewinnen?
    Ja, das war die Art von Spannung, die ich bei den Kämpfen gegen die anderen Trainer vermisst hatte, bei denen nur allzu schnell ersichtlich geworden war, wer letztlich den Sieg davontragen würde. Und wenn ich diese Hürde namens Cheren überwunden hatte, dann konnte ich mich vielleicht schon bald an der Arena von Orion City versuchen – ich konnte es kaum noch abwarten!
    Schließlich ertönte der Heilungston von der Rezeption und per Durchsage wurde bekannt gegeben, dass Trainer Black Averon bitte seine Pokémon abholen möge. Ich stand sofort auf und nahm Ottaro und Zurrokex wieder entgegen, ehe ich mich umgehend auf den Weg zum Park von Orion machte, der laut der Schwester, die ich im Center noch schnell danach fragte, im Nordwesten der Stadt lag, nahe der Trainerschule, und kaum zu verfehlen war. Ich bedankte mich und stand schon kurze Zeit später am Rand des besagten Parks, bei dessen Anblick mir vor Staunen fast die Kinnlade herunterklappte.
    War schon der Rest der Stadt in meinen Augen auf eine ungewohnte Art schön gewesen, so traf das auf den Park noch viel mehr zu, der mir in diesem Moment wie das pulsierende Herz Orion Citys vorkam. Durchzogen von schmalen Bächen und ruhigen Weihern erstreckte sich vor mir eine wundervolle Graslandschaft, auf der es von Trainern und Pokémon nur so wimmelte. Kunstvolle Hecken und in Pokémonform zurechtgestutzte Büsche, vereint mit gesunden Bäumen, die Schatten über gemütlichen Bänken spendeten, verliehen dem Park von Orion eine fast schon unwiderstehliche Anziehungskraft, die nicht nur Menschen hierher lockte. Ob nun einige Enton am Wasser, die sich mit dumpfem Gesichtsausdruck die Hände gegen den Kopf pressten, oder ein Schwarm Dusselgurr, der es sich in einem nahen Apfelbaum gemütlich gemacht hatte, wohin man auch sah, erblickte man wilde Pokémon, oftmals nur wenige Schritte entfernt von furiosen Kämpfen, die zwischen motivierten Trainern ausgetragen wurden, die hier wahrscheinlich für die Arena trainierten oder einfach zum Spaß ihre Kräfte maßen. Warum hatte ich diesen Ort nicht schon viel früher entdeckt?
    Mit blanker Begeisterung im Gesicht trat ich unter dem steinernen Bogen hindurch, der den östlichen Eingang des Parks markierte und noch überwucherter war als manche der Gebäude, die ich in der Stadt gesehen hatte. Ich streifte ein wenig umher, mal in diese Richtung, mal in jene, und bestaunte die lockere, entspannte Atmosphäre, die hier überall in der Luft lag, bis ich schließlich eine nur allzu vertraute Gestalt im Schatten eines Baumes neben einem seichten Weiher erspähte. Cheren trat aus dem Schatten hervor und rückte wie stets seine Brille zurecht, ein Lächeln im Gesicht.
    »Hi, Black«, grüßte er mich. »Wie geht’s? Alles okay bei dir und deinen Pokémon?«
    »Könnte nicht besser sein.« Ich streckte den Daumen nach oben, um zu symbolisieren, dass alles bestens war. »Und bei dir? Fleißig trainiert, damit du mich besiegen kannst? Sorry, Kumpel, aber daraus wird wahrscheinlich nichts.«
    »Ha! An Selbstvertrauen hat es dir ja noch nie gemangelt! Aber pass nur auf: Hochmut kommt vor dem Fall.«
    »Wenn du willst, können wir diese Theorie gleich hier und jetzt auf die Probe stellen«, schlug ich vor. »Genau deswegen sind wir ja hier.«
    »Exakt«, nickte Cheren zustimmend und nahm einen Pokéball von seinem Gürtel. Er hatte dort inzwischen vier hängen, stellte ich fest. Was das Fangen anging, legte er ordentlich vor – aber ich zerbrach mir jetzt deswegen nicht den Kopf darüber. Die Zusammenstellung eines guten Teams brauchte Zeit, und ich hatte nicht vor, einen Fehler zu begehen, in dem ich voreilig zu viele Pokémon in mein Team aufnahm. Natürlich musste ich nicht alle, die ich fing, auch zwangsläufig einsetzen, aber ich war wohl trotzdem eher der Typ Trainer, der die Zahl seiner Pokémon lieber gering hielt, um sich voll und ganz auf das Training einiger weniger konzentrieren zu können, die am Ende die Träger meines Aufstiegs zum Champ werden würden.
    »En garde, Black. Jetzt weise ich dich gehörig in die Schranken!«
    »Hey, ihr beiden!« Wir waren drauf und dran, unsere Pokébälle zu werfen und den Kampf zu beginnen, als wir eine Frau nach uns rufen hörten. Wir hielten mitten in der Bewegung inne und wandten uns mit fragenden Blicken der Eigentümerin dieser Stimme zu, die es wagte, uns in diesem wichtigen Moment zu unterbrechen. Es war eine braunhaarige Frau, die ich auf Mitte dreißig schätzte und die eine blaue Bluse trug. Ich konnte mich nicht erinnern, sie je zuvor gesehen zu haben.
    »Ja, bitte?«, fragte Cheren in höflichem Ton. »Können wir ihnen irgendwie helfen?«
    »Oh, äh, ja… tut mir leid, dass ich euch unterbreche, aber ihr seid beide Pokémon-Trainer, oder? Was für eine dumme Frage, natürlich seid ihr das. Deswegen habe ich euch ja angesprochen.« Sie nickte, wie um sich selbst zu versichern, dass sie recht hatte, und fuhr dann fort. »Ich bin Lehrerin, müsst ihr wissen, in der Trainerschule, gleich neben dem Park hier. Und ich bin, nun ja, auf dem Weg dorthin. Ich habe gleich eine Praxisstunde mit einer Klasse der Grundstufe, und da dachte ich mir, nun ja, ein paar Trainer könnten ganz nützlich sein, ihr wisst schon, zu Demonstrationszwecken. Und da ihr beide gerade drauf und dran seid, einen Pokémon-Kampf zu beginnen, nun ja, habe ich mich eben gefragt, ob ihr etwas dagegen hättet, diesen Kampf stattdessen in der Schule abzuhalten, vor einem Publikum von, nun ja, etwa zwanzig höchst interessierten Kindern. Was sagt ihr?«
    »Wir sollen also im Prinzip nur den Kampfort verlegen?«, fragte Cheren und sah mich dabei an. »Von mir aus gesehen können wir das gerne machen. Aber wir müssen beide zustimmen. Wie steht es mit dir, Black?«
    Unseren Kampf vor einer ganzen Gruppe neugieriger Schulkinder austragen? Ich musste gestehen, ich war nicht gerade sonderlich erpicht darauf. Ich war im Umgang mit Kindern nicht sehr gut, die meiste Zeit über fand ich sie schlichtweg nervig, und Cheren wusste das. Deswegen fragte er mich so explizit. Er war in dieser Hinsicht das genaue Gegenteil: Solange er die Kinder an seinem Wissen teilhaben lassen konnte, waren sie ihm jederzeit willkommen, und ein Kampf stellte geradezu die Verkörperung der Vermittlung seines Wissens über Pokémon dar – dort konnte er allen zeigen, wie viel er über diese wundersamen Kreaturen gelernt hatte und zu was für einem hervorragenden Trainer ihn das machte. So war Cheren nun einmal.
    Und ich wollte ihm das sicherlich nicht nehmen. »Kein Problem. Solange ich meinen Kampf gegen dich bekomme, bin ich zufrieden.«
    Cheren wandte sich wieder der Lehrerin zu, die immer noch geduldig auf unsere Antwort wartete. »Sie haben es gehört. Es wäre uns eine Freude, ihnen bei ihrem Unterricht behilflich sein zu können.«
    »Vielen Dank.« Mit einem glücklichen Ausdruck im Gesicht reichte sie uns die Hand. »Mein Name ist, nun ja, Rita Reloy. Und wer seid ihr?«
    Cheren übernahm es, uns beide vorzustellen. »Ich bin Cheren Fenardez und mein Freund hier heißt Black Averon. Wir kommen aus Avenitia. Sehr erfreut, Ms Reloy.«
    Wir schüttelten ihr nacheinander die Hand, und nachdem diese kurze Vorstellungsrunde schließlich abgeschlossen war, machten wir uns ohne Umschweife auf den Weg zur Trainerschule. Wir verließen den Park durchs selbe Tor, durch das ich ihn betreten hatte, und standen dann praktisch schon vor dem Schulgebäude: Nicht ganz so sehr von Kletterpflanzen erobert wie viele der Gebäude im Rest der Stadt bestach es durch eine elegante Schlichtheit, aber auch durch seine Größe, da diese Schule immerhin eines der größten Bauwerke der Stadt war.
    Eine beeindruckend breite Treppe führte zur leicht erhöht liegenden Eingangstür hinauf, die aus Glas bestand und somit einen schmalen Blick ins Innere der Schule erlaubte. Zahlreiche Fenster kündeten von unheimlich vielen Klassenzimmern, verteilt auf drei Stockwerke, und das überdimensionale, weiß-rot angestrichene Pokéballrelief über dem Eingang machte unmissverständlich deutlich, worum es hier ging.
    Faszinierend war auch der Turm an der nordöstlichen Ecke des Gebäudes, der mit ungefähr doppelter Höhe des Schulhauses über der Stadt aufragte und dabei einem Kirchturm ähnlich sah. Die Vogel-Pokémon, die ich jedoch von dort abheben und dort landen sah, kündeten von seinem wahren Verwendungszweck als Vogelhorst. Ich fragte mich, wozu eine Schule so etwas brauchte, aber vielleicht wurde in diesem Turm den Schülern ja der Umgang mit Pokémon des Typs Flug beigebracht. Ich konnte es nicht sagen, da es mir leider nie möglich gewesen war, auf diese Schule zu gehen, so gerne ich das auch getan hätte. Ich war nie auf einer Trainerschule gewesen, nur auf einer normalen in Avenitia. All mein Wissen über Pokémon hatte ich mir gemeinsam mit Cheren über einige Lehrbücher und das ständige Ansehen von Liga-Kämpfen im Fernsehen selbst erarbeitet. Wären wir nicht beide so entschlossen gewesen, eines Tages Champ zu werden, und hätten uns nicht gegenseitig angetrieben, wäre es uns wahrscheinlich niemals gelungen, so viel über Pokémon-Kämpfe zu lernen, ohne jemals auf eine Trainerschule gegangen zu sein.
    Um diese Zeit – es musste nun kurz vor Mittag sein – befanden sich die meisten Schüler natürlich in den Klassen, aber einige wenige hatten offenbar gerade Freistunde und lungerten daher auf der Treppe herum, eine weitere Gruppe dagegen befand sich anscheinend auf dem Weg zum Park, der in der Mittagspause bestimmt bis obenhin mit Schülern gefüllt war. Ms Reloy führte uns durch den großen Eingang in eine weitläufige Aula, deren Boden mit weißen Fließen ausgelegt war und in deren Mitte eine eindrucksvolle Statue Kobaliums stand, eines der legendären Pokémon der Einall-Region, das als zugleich als Wappenpokémon für diese Schule diente.
    Durch einen am anderen Ende der Aula gelegenen Durchgang gelangten wir schließlich in einen ziemlich großen Hinterhof, den man von außen nicht hatte sehen können und auf dem es ganze fünf Kampffelder gab, vermutlich alle für den Praxisunterricht gedacht – immerhin sollten die jungen Menschen, die auf eine Trainerschule wie diese gingen, genau lernen, wie man mit Pokémon umging, und dazu gehörte natürlich auch der Pokémon-Kampf. Man konnte zwar, wenn man an einer Trainerschule seinen Abschluss machte, auch den Weg eines Züchters oder dergleichen einschlagen, aber die meisten Schüler hier zielten ohne Zweifel darauf ab, berühmte Pokémon-Trainer zu werden.
    »Unsere Schule ist eine der ältesten Trainerschulen der Welt«, verkündete die Lehrerin stolz, indes sie uns über den Hof auf eine Gruppe von Schülern zu führte – wahrscheinlich ihre Klasse und damit das Publikum für unseren Kampf. »Natürlich gibt es Trainerschulen allgemein noch nicht lange, weil es auch Pokébälle noch nicht lange gibt, aber einer unserer Absolventen hat es tatsächlich schon zum Champ gebracht. Emile Rastafar – vielleicht sagt euch der Name etwas?«
    Cheren rückte seine Brille zurecht und gab eine präzise Antwort. »Emile Rastafar war der Vorgänger des momentan amtierenden Champs Lauro Selvaro, wenn ich mich nicht irre. Er war ziemlich jung, oder? Damals gab es wohl noch nicht viel Konkurrenz. Aber Lauro soll kurzen Prozess mit ihm gemacht haben. Seitdem hat man nichts mehr Bedeutsames von Emile gehört. Meiner Einschätzung nach stellt Lauro definitiv einen würdigeren Champ dar. Er ist immerhin seit mehreren Jahren ungeschlagen.«
    »Ja.« Mehr erwiderte Ms Reloy darauf nicht. Es schien ihr wohl ein wenig übel aufzustoßen, dass Cheren die Leistung des berühmtesten Absolventen dieser Schule derart schmälerte, verständlicherweise. In Momenten wie diesen hatte mein langjähriger Freund das Taktgefühl eines dumpfsinnigen Rihorn. »Wir sind da.«
    Um die zwanzig Augenpaare richteten sich auf die Neuankömmlinge, als wir schließlich das hinterste der fünf Kampffelder erreichten. Die Lehrerin stellte uns den Schülern – ich schätzte sie alle auf elf oder zwölf – vor und kam dann gleich zum Punkt, indem sie ihren Schützlingen erklärte, dass Cheren und ich nun einen Kampf austragen würden, den sie genau zu beobachten hatten und über den eventuell in der nächsten Stunde abgefragt wurde. Das eventuellbetonte sie dabei mit Blick auf Cheren besonders, wie um zu sagen, dass er nach der Schmähung des ehemaligen Champs schon einen sehr guten Kampf hinlegen musste, um es als Unterrichtsmaterial betrachten zu können.
    An dem zog der warnende Blick jedoch vollkommen vorüber, viel zu beschäftigt war er damit, die Fragen einiger aufdringlicher Schüler zu beantworten, wofür er wesentlich mehr Geduld aufbrachte, als es mir möglich gewesen wäre. Ich hielt mich dabei lieber im Hintergrund und überließ ihm das Reden. Wie gesagt, ich konnte nicht gut mit Kindern, mir war es also ohnehin wesentlich lieber, wenn er das übernahm.
    Wie sich herausstellte, war es für diese Klasse die erste Praxisstunde, immerhin hatte das neue Schuljahr gerade erst begonnen. Bevor sie allerdings selbst mithilfe der von der Schule zur Verfügung gestellten Leih-Pokémon das Kämpfen ausprobieren durften, sollten sie zunächst einem richtigen Kampf zwischen zwei Trainern zusehen. Für gewöhnlich waren das zwei Lehrer, aber wenn sich zwei richtige Trainer fanden, die mit ihren Pokémon auf Reisen waren, war das natürlich umso besser. Cheren und ich sollten unseren Kampf also hier vor den Augen all dieser Kinder abhalten, auf dem dafür vorgesehenen Kampffeld, das im Grunde nicht mehr als ein durch weiße Linien markiertes Rechteck war, das von einer Mittellinie in zwei Teile gespalten wurde, wozu auch immer das in einem Pokémon-Kampf gut sein mochte. An jedem der beiden Enden des Feldes gab es jeweils ein kleines Podest für den Trainer.
    »Seid ihr starke Trainer?«, fragte ein übereifriger Junge, aber ehe Cheren darauf antworten konnte, meldete sich ein Mädchen in abfälligem Tonfall zu Wort. »Besonders stark sehen sie jedenfalls nicht aus. Das wird bestimmt langweilig.«
    »Seid nett zu unseren Gästen!«, mahnte Ms Reloy ihre Schüler. »Und bedrängt sie nicht zu sehr mit euren Fragen!«
    »Schon in Ordnung.« Lächelnd fasste sich Cheren an die Brille und holte dann eine kleine, flache Schatulle aus seinem Beutel. Ich wusste, wozu sie diente, ich hatte nämlich auch so eine. Sie war innen gepolstert und besaß mehrere Halterungen… für Arenaorden! Mein Kumpel öffnete die metallene Box, woraufhin nicht nur die Schüler vor Staunen den Atem anhielten.
    In der Einfassung ganz links steckte ein goldener Orden, der die Form von drei aneinander gereihten Rauten besaß. Im Zentrum jeder dieser Rauten befand sich jeweils ein ebenfalls rautenförmiger Edelstein. Der mittlere schimmerte dabei in einem feurigen Rot, die äußeren waren dagegen blau und grün. Als das Sonnenlicht auf den Orden fiel, blitzte er verheißungsvoll auf.
    »Du hast einen Orden?« Ich war wahrscheinlich noch fassungsloser als die Schüler. Vier Tage! Vier Tage seit Beginn unserer Reise und Cheren besaß bereits seinen ersten Orden! »Wann hast du…?«
    »Ich bin gestern schon in Orion angekommen und habe für heute Vormittag gleich recht früh bei einem der Arenaleiter einen Termin bekommen«, erklärte mein bester Freund. »Das Ergebnis siehst du vor dir.«
    »Einer der Arenaleiter?«, fiel mir diese seltsame Formulierung auf. »Gibt es hier etwa mehrere?«
    »Es ist eine eher ungewöhnliche Arena, weil sie drei Leiter hat«, bestätigte Cheren mit einem Nicken. »Maik, Benny und Colin. Sie sind Drillinge und teilen sich die Leitung der Arena, während sie auch gemeinsam das berühmte Arenarestaurant von Orion betreiben. Für gewöhnlich kann ein Leiter nur ein paar Trainer pro Tag empfangen, da sich seine Pokémon auch mal ausruhen müssen, vor allem nach härteren Kämpfen, aber da man immer nur gegen einen von dreien kämpfen muss, um den Triorden zu bekommen, können hier in Orion City wesentlich mehr Trainer pro Tag ihr Glück in der Arena versuchen. Das ist auch mit ein Grund, warum so viele Pokémon-Trainer hierher kommen, denke ich.«
    »Sehr gut erkannt«, lobte Ms Reloy, die nun, da sie den Orden gesehen hatte, offenbar auch ihren Respekt für Cheren wiedergefunden hatte. »Ja, Orion ist wegen dieser besonderen Arena sehr beliebt. In anderen Städten gibt es manchmal lange Wartezeiten, bis man gegen den Arenaleiter kämpfen darf, zumal viele der Leiter auch noch andere Jobs oder Hobbys haben, denen sie nachgehen, aber hier ist es anders. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum es hier so viele Pokémon-Trainer gibt. Die Traumbrache zieht auch viele hierher.«
    Von der Traumbrache hatte ich schon gehört – wer hatte das nicht? Das war die Ruine einer alten Fabrik östlich von Orion City. Die Umstände der Zerstörung dieser Fabrik stellten ein Rätsel dar, aber gerade das zog viele Abenteurer und Mystik-Liebhaber an, vor allem nachts. Was jedoch die Trainer dorthin lockte, war die Fülle an unterschiedlichen Pokémon, die sich in der Ruine eingenistet hatten und nur darauf warteten, eingefangen zu werden.
    »Nun, wie auch immer«, sagte ich schließlich. »Wenn du so schnell schon einen Orden ergattert hast, dann gebührt dir mein größter Respekt, Cheren. Das bedeutet, ich darf nicht länger herumtrödeln. Jetzt steht es vielleicht Eins zu Null für dich, aber das wird nicht mehr lange so bleiben, das verspreche ich dir!«
    »Wie wär's, wenn du erst einmal versuchst, mir standzuhalten, bevor du groß durch die Gegend posaunst, dass du bald eine Arena bezwingen wirst?«, meinte er darauf nur grinsend. »Diese Niederlage könnte zu einer wertvollen Erfahrung für dich werden.«
    »Wie schön, dass du es offen gelassen hast, wessenNiederlage du genau meintest«, gab ich sofort zurück. »Du könntest in den nächsten Minuten dein blaues Wunder erleben!«
    »Ich glaube, dieses sogenannte blaue Wunder kenne ich schon. Es heißt Ottaro und hat keine Chance gegen mein grünes Wunder Serpifeu.«
    »Genug davon«, ging Ms Reloy nun dazwischen, ehe dieser Schlagabtausch noch den ganzen Tag andauerte, was so, wie ich uns beide kannte, vielleicht tatsächlich hätte passieren können. »Es wird Zeit, dass wir anfangen, die Glocke hat soeben geläutet. Wir haben leider nur eine Schulstunde.«
    Wir nickten und bezogen an entgegengesetzten Enden des rechteckigen Kampffeldes Aufstellung. Nun war es also so weit, mein nächster Kampf gegen Cheren würde jeden Moment beginnen. Doch etwas war dieses Mal gravierend anders als die vorherigen Male, und dieses etwas war jener eine Orden, der sich nun wieder sicher verwahrt in Cherens Ordensbox in seiner Tasche befand. Wie stark war er in den letzten paar Tagen wirklich geworden? Und wie stark war ich geworden?
    Es war höchste Zeit, das herauszufinden.
    »Wenn es geht, würde ich gerne nur zwei Pokémon einsetzen«, bat Cheren. »Meine anderen beiden sind noch von dem Arenakampf heute Morgen angeschlagen.«
    »Ist mir nur recht, ich habe eh erst zwei«, erwiderte ich und warf dann jedoch einen Blick auf die Lehrerin. »Oder ist das zu wenig?«
    Sie schüttelte den Kopf. »Nein, zwei ist perfekt. Ich werde die Kampfrichterin sein.« Sie stellte sich auf Höhe der Mittellinie an den Rand des Kampffeldes, während ihre Schüler sich ins Gras um das Feld herum setzten. »Seid ihr beide bereit?«
    Noch einmal nickten wir.
    »Dann beginnt hiermit der zwei gegen zwei Kampf zwischen Cheren Fenardez und Black Averon aus Avenitia. Ruft eure Pokémon!«
    Mit einem vertrauten Klicken löste ich einen Ball von meinem Gürtel, Cheren tat es mir gleich. Danach kreuzten sich unsere Blicke noch ein letztes Mal, bevor wir beide jeweils unseren Pokéball hoch in die Luft warfen.
    »Los geht’s!«

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    Die erste Trainerschule überhaupt, so wie auch die allererste Arena, war in Kanto eröffnet worden, der Heimat des Pokéballs und der Pokémon-Trainer, das Land, wo alles begann, und wo ein Team von Wissenschaftlern, angeführt vom weltberühmten Professor Eich, vor achtundzwanzig Jahren die Erfindung des Jahrhunderts entwickelt hatte: Pokébälle, die das Verhältnis zwischen Menschen und Pokémon auf immer revolutionieren sollten.
    Heute waren Pokémon-Trainer, die eben diese Bälle, welche mittlerweile in vielen Farben und mit unterschiedlichen Funktionen erhältlich waren, auf täglicher Basis nutzten, nicht mehr selten, und so waren auch nach und nach immer mehr spezielle Trainerschulen gegründet oder normale Schulen zu Trainerschulen umfunktioniert worden. Wie Ms Reloy schon gesagt hatte, war die Trainerschule in Orion City eine der ersten weltweit und somit die erste in Einall. Wenn ich so darüber nachdachte, wäre ich vielleicht acht Jahre lang hier zur Schule gegangen, wenn sich die Dinge etwas anders entwickelt hätten…
    Trainerschulen waren insofern besonders, weil dort den Schülern alle möglichen Dinge rund um Pokémon beigebracht wurden. Der Name war hierbei irreführend, denn auf den meisten dieser Schulen wurden nicht nur vielversprechende, junge Trainer herangezogen, sondern auch Züchter, Beobachter, Forscher und dergleichen – so weit ich wusste, nahm Professor Esche sogar alle paar Monate einige Praktikanten aus den über Einall verteilten Trainerschulen für einige Wochen in ihrem Labor auf, um den Nachwuchs unter den Professoren der Pokémon zu sichern. Trainerschulen waren erstaunlich.
    Doch das eine, worauf wohl die meisten jungen Menschen abzielten, die eine dieser Schulen besuchten, war der sogenannte Ass-Trainer-Abschluss. In seltenen Fällen wurde es besonders talentierten Schülern gewährt, sich bereits mit fünfzehn auf eine Reise zu begeben, sofern derjenige schon ein eigenes Pokémon besaß. Dazu war allerdings das Bestehen einer speziellen Prüfung notwendig, die nur die Besten unter den angehenden Pokémon-Trainern schaffen konnten. Zudem verlief diese Reise nicht vollkommen willkürlich und ohne Beaufsichtigung: Diejenigen, die es so weit schafften, mussten in dem einen Reisejahr, das ihnen gewährt wurde, jeden Monat einen Bericht über ihre Fortschritte schreiben und diese Fortschritte alle drei Monate von einem Pokémon-Kampf-Lehrer in einer der Trainerschulen Einalls begutachten lassen. Wurde man bei dieser Begutachtung als nicht stark und talentiert genug eingestuft, musste man wieder die Schulbank drücken, doch wer tatsächlich das gesamte Reisejahr überstand, musste schließlich in einer abschließenden Prüfung, die auch einen Praxis-Teil beinhaltete, all sein Können unter Beweis stellen, um letztlich den Ass-Trainer-Abschluss zu erhalten und damit bereits im Alter von sechzehn Jahren die Schule abzuschließen und die Möglichkeit zu erhalten, mit seinen Pokémon durch Einall zu ziehen – dieses Mal ohne regelmäßige Überprüfung.
    Natürlich war es der Traum vieler junger Trainer, einen solchen Ass-Trainer-Abschluss zu erhalten, aber nur den Besten der Besten gelang es tatsächlich. Diese sogenannten Ass-Trainer zählten zur absoluten Elite und wurden von vielen als eine Klasse für sich angesehen, die weit über dem Rest der Trainerschaft Einalls stand. Auch Cheren und ich hätten alles daran gesetzt, diesen speziellen Schulabschluss zu erlangen, wären wir denn auf eine Trainerschule gegangen, so viel stand fest, und ich war mir sicher, wir hätten es schaffen können… nur hätte es da ein Problem gegeben.
    Ein Problem mit Namen Bell.
    Sie war nicht dazu geschaffen, eine starke Trainerin zu sein. Wir hätten sie unweigerlich zurücklassen müssen. Von dem her war es vermutlich sogar besser, dass wir alle auf eine gewöhnliche High School in Avenitia gegangen waren, obwohl unser Grünchen auf einer Trainerschule mit Sicherheit nicht fehl am Platze gewesen wäre. Denn es mochte ihr zwar an Talent als Trainerin mangeln, aber mit Pokémon umgehen, das konnte sie trotzdem. Sie würde bestimmt eine hervorragende Züchterin oder sogar Forscherin abgeben, aber vielleicht war es nicht das schlechteste, wenn sie zuerst Erfahrungen auf einer Reise als Trainerin sammelte. Wie Professor Esche gesagt hatte, danach konnten wir immer noch studieren und uns andere Jobs suchen – obwohl das in meinem Fall wohl nicht geschehen würde. Mein Herz gehörte den Pokémon und dem Pokémon-Kampf. Das war schon immer so gewesen. Und ich war fest entschlossen, alles zu geben, um eines Tages tatsächlich meinen Lebensunterhalt durch meine Tätigkeit als Trainer verdienen zu können. Es war nicht unrealistisch… es gab heutzutage immer mehr Menschen, die hauptberuflich Trainer waren, man musste sich nur einmal die Top-Vier ansehen.
    Ich mochte kein Ass-Trainer sein, aber das bedeutete nicht, dass ich über keinerlei Talent oder Können verfügte. Es würde schwierig werden, ohne Zweifel, und ich würde im Laufe meiner Reise mit Sicherheit auf einige Trainer treffen, gegen die ich nicht ohne Weiteres gewinnen konnte, aber wenn ich mich von solchen Befürchtungen abhalten ließe, wäre ich nicht der Trainer, der ich heute bin.
    Es oblag nun uns, mir und meinem besten Freund Cheren, diesen Kindern aus der Trainerschule von Orion City einen Kampf zu zeigen, den sie so schnell nicht mehr vergessen würden.
    En garde!


    »Los, Serpifeu!«
    Cheren warf seinen Pokéball mit einem lässigen Schwung aus dem Handgelenk, der all seine Selbstsicherheit zur Geltung brachte, die durch seinen Sieg in der Arena bestimmt nicht geschmälert worden war. Im Gegenteil, ihn umgab eine Aura der Stärke, die mir nicht entgehen konnte. Er war überzeugt, diesen Kampf gewinnen zu können. Aber da hatte ich ja wohl noch ein Wörtchen mitzureden!
    Mit dem typischen Klickgeräusch öffnete sich die Kapsel und heraus kam in blauem Licht die kleine grüne Schlange Serpifeu, Cherens erstes Pokémon. Ottaro wäre rein typmäßig gesehen keine gute Wahl, und obwohl ich der Meinung war, dass sich Typunterschiede überwinden ließen, entschied ich mich dieses Mal für die Alternative. Ottaro hatte bereits seinen letzten Kampf gegen Serpifeu verloren, und ich hätte ihm zwar gerne eine zweite Chance gegeben, aber das war mein erster Kampf vor einem Publikum, das über Bell hinausging, deshalb wollte ich keine unnötigen Risiken eingehen. Meine Wahl fiel also auf…
    »Zurrokex, du bist dran!«
    Nachdem das kleine Kampf-Pokémon erschienen war, verloren wir keine Zeit, den Kampf zu beginnen. Cheren ergriff die Initiative und befahl seinem Serpifeu den Einsatz von Wachstum. Der Körper der Schlange leuchtete im nächsten Moment in einem grellen Grün auf. Da ich wusste, dass seine Angriffskraft gestärkt sein würde, sobald das Leuchten aufhörte, zögerte ich nicht eine Sekunde lang, es zu unterbrechen, und befahl Zurrokex den Angriff.
    Das gelbe Echsen-Pokémon sprang mit einem weiten Satz auf Serpifeu zu und holte dann mit dem rechten Fuß zu einem schnellen Kick aus, doch Cherens Partner wich der Attacke mühelos aus, indem es sich mit seinem wendigen Körper in einer Geschwindigkeit, die man ihm nicht zutraute, aus der Reichweite des Fußes krümmte, ehe es plötzlich aus dieser zurückgezogenen Haltung wieder hervor schnellte und auf Zurrokex zu sprang, während sich das grüne Leuchten noch intensivierte, die Farbe zu einem strahlenden Weiß änderte und daraufhin schlagartig für einen Augenblick so hell wurde, dass ich mit zusammengekniffenen Augen wegsehen musste.
    Geblendet taumelte Zurrokex einige Schritte zurück, Serpifeu setzte sofort nach und holte es mit Tackle von den Beinen. Mit einem kläglichen Schmerzenslaut landete das Kampf-Pokémon auf dem harten Boden des Kampfplatzes. Cheren sonnte sich indes im Jubel der Schüler, die anscheinend glaubten, der erste Teil des Kampfes sei damit bereits entschieden.
    Ich biss frustriert die Zähne zusammen. Dieses grelle Licht… war das Blitz? Kann Serpifeu diese Attacke überhaupt lernen? Es war jedenfalls nicht mehr Wachstum…
    »Eine Kombination aus Wachstum und Blitz, gefolgt von einem gnadenlosen Tackle«, murmelte ich und konnte nicht umhin, einen widersprüchlichen Respekt für meinen Rivalen zu empfinden. Ich begann, zu erkennen, warum er schon so früh seinen ersten Orden erlangt hatte. »Keine schlechte Kombination. Aber was Cheren und Serpifeu können, das können wir schon lange, Zurrokex!«
    Mit einem zustimmenden Knurren rappelte sich die kleine Echse wieder auf, was auch kurz darauf von einigen der Schüler bemerkt wurde, die aufgeregt auf es deuteten und seinen Kampfeswillen bewunderten. Natürlich entging auch Cheren nicht, dass sein Gegner noch nicht besiegt war – und seinem Blick nach zu urteilen war er noch immer so konzentriert wie zu Beginn des Kampfes. Ich konnte nicht erwarten, dass er wegen eines kleinen Zwischenerfolges leichtsinnig wurde. Das war nicht seine Art.
    Serpifeu wollte gerade noch einmal auf seinen geschwächten Kontrahenten losgehen, doch das ließ ich nicht geschehen. »Silberblick!«
    Sofort wandte sich mein Pokémon der herannahenden Schlange zu und sah ihr direkt in die Augen. Wankend kam Serpifeu zum Stehen und erwiderte Zurrokex' eisigen Blick mit einem Hauch von Angst im länglichen Gesicht. Man konnte förmlich sehen, wie seine Achtsamkeit nachließ, zu sehr fokussiert war es auf die Augen seines Gegners. Jetzt war der Zeitpunkt für Phase Zwei der Kombination gekommen.
    »Sandwirbel!«
    Schlagartig löste Zurrokex den Blick, bückte sich und schleuderte Serpifeu, als es sich wieder aufrichtete, zwei Hände voll Staub und Dreck entgegen, die in die immer noch weit aufgerissenen Augen von Cherens Pokémon eindrangen und es dazu brachten, unter einem gereizten Zischeln stark zu blinzeln und sich mit seinen kleinen Ärmchen die gepeinigten Augen zu reiben. Seine Genauigkeit war nun geschwächt und Zurrokex nutzte auf meinen Befehl hin sofort diese Gelegenheit, um mit seiner stärksten Attacke anzugreifen: Durchbruch.
    Serpifeu musste einen Treffer aus nächster Nähe einstecken, der es mehrere Meter weit nach hinten schleuderte, wo es noch ein Stück weiter über den Boden rollte und schließlich mit blutigen Schrammen übersät liegen blieb. Binnen weniger Sekunden hatte sich der Kampf gewendet, doch vorbei war er noch lange nicht, denn wider Erwarten richtete sich die Schlange blitzschnell wieder auf, als hätte es nur einen schwächeren Karateschlag abbekommen. Obgleich das Pflanzen-Pokémon noch immer mit tränenden Augen heftig blinzelte, war sein Kampfeswille ebenso wenig gebrochen wie der meines Zurrokex.
    Cheren rückte mit einer Hand seine Brille zurecht. »Das reicht. Bringen wir es zu Ende. Setze Grasmixer ein, Serpifeu!«
    Das war es also. Jetzt machte Cheren wirklich ernst! Serpifeus beste Attacke! Alles, was bis jetzt geschehenwar, nichts mehr als ein harmloses Vorgeplänkel… ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Plötzlich war die Atmosphäre anders, der Kampf erreichte eine neue Ebene, und mein bester Freund riss die Aufmerksamkeit des jungen Publikums wieder gnadenlos an sich, als er seine Hand in einer theatralischen Geste nach vornestreckte, um den Befehl für sein Pokémon noch mehr zu verdeutlichen.
    Er zieht eine Show für die Kinder auf, was?
    Serpifeus Arme leuchteten nun in demselben Grün auf wie zuvor sein ganzer Körper, doch blieb es dieses Mal nicht nur bei diesem unheilvollen Schein, der zu Beginn des Kampfes seine Angriffskraft erhöht hatte, denn vor Cherens erstem Pokémon bildete sich nur wenige Augenblicke später ein Wirbel aus Gras und Laub, stark genug, um zu Beginn sogar einen kleinen Windstoß zu erzeugen, der durch den ganzen Hof strich und die Haare aller Anwesenden zerzauste. Mit brachialer Gewalt begann der Grasmixer, sich auf Zurrokex zuzubewegen.
    Ich habe es mir schon vorher gedacht, aber sein Serpifeu ist in dieser kurzen Zeit viel stärker geworden. Das ist nicht zu vergleichen mit dem Grasmixer in unserem letzten Kampf!
    »Das wird hart, Zurrokex«, warnte ich mein Pokémon unnötigerweise. »Mach dich bereit, auszuweichen.«
    Die kleine Eidechse mit der schlabbrigen Haut nickte und ging leicht in die Hocke, um sich im geeigneten Moment abstoßen und zur Seite hin ausweichen zu können, doch in diesem Moment beschleunigte der Grastornado schlagartig auf fast das doppelte Tempo und wirbelte Zurrokex einige lose Stöcke und Blätter ins Gesicht, sodass es seine Bereitschaftsposition aufgab und sich schützend die Hände vor den Kopf hielt.
    Keine zwei Herzschläge später wurde es mit voller Wucht erfasst und im wahrsten Sinne des Wortes vom Feld gefegt. Sein rasanter Flug endete erst an der Nordwand des Hofes, gegen die es ungebremst krachte, um daraufhin ohnmächtig an ihr herabzusinken und nicht wieder aufzustehen.
    »Zurro!«, rief ich, doch Frau Reloy, die schnell zu dem Pokémon geeilt war, gab mir zu verstehen, dass es ihm gut ging, jedenfalls so gut, wie es ihm unter diesen Umständen gehen konnte. Eine Weiterführung des Kampfes war für es jedoch ausgeschlossen. Ich nahm seinen Pokéball zur Hand und rief es zurück. »Fast hättest du es gehabt. Gute Arbeit.«
    Es stand nun also Eins zu Null für Cheren. Doch der Kampf war erst vorbei, wenn er vorbei war, und obwohl Zurrokex in letzter Zeit ordentlich an Stärke zugelegt hatte, war es doch nicht meine Trumpfkarte. So hob ich den nächsten Ball bis vor mein Gesicht, und hauchte leise, kurz bevor ich ihn warf: »Es hängt jetzt an dir, Ottaro. Ich glaube an dich. Wir können das schaffen!«
    Kurz darauf erschien mein pummeliger, blauer Freund Ottaro auf dem Feld und nahm sofort mit einem kampflustigen Grinsen im rundlichen Gesicht seine Muschel vom Bauch, offenbar höchst motiviert, seinen großen Rivalen, Cherens Serpifeu, endlich zu besiegen, nachdem es ihm im letzten Kampf und auch in dem davor unterlegen gewesen war. Die Statistik sprach in allen Belangen gegen Ottaro, aber das tat seiner Entschlossenheit keinen Abbruch – und meiner im Übrigen auch nicht.
    »Du bist aufgrund deines Typs im Nachteil, Ott, aber Serpifeu ist bereits geschwächt und hat sich immer noch nicht ganz von den Auswirkungen des Sandwirbels erholt«, teilte ich meinem Partner mit. »Wenn wir das ausnutzen, können wir gewinnen.«
    »Otta!« Der Otter nickte zustimmend. Er hatte verstanden. »Ot-ta-ro!«
    »Verstärke deinen Fokus, indem du Energiefokus einsetzt!«, befahl ich zuerst.
    Energiefokus war eine riskante Attacke: Der Anwender konnte sich für kurze Zeit nicht bewegen, weil er sich einzig darauf konzentrierte, seine inneren Kräfte zu bündeln und seine Kampfwahrnehmung zu erhöhen. Wenn es Ottaro jedoch gelang, diese Attacke bis zum Ende durchzuführen, wurde es erheblich leichter für es, die Schwachstellen seiner Gegner zu erkennen und seine Angriffe auf diese zu fokussieren, um ihnen noch größeren Schaden zuzufügen. Der kleine Otter legte seine Pfoten aneinander und senkte leicht den Kopf, die Augen geschlossen. Nachdem er diese meditative Haltung eingenommen hatte, wurde sein Körper von einer orangefarbenen Aura umgeben, die aus reiner Energie zu bestehen schien.
    Cheren reagierte sofort. »Lass nicht zu, dass es seinen Fokus verstärkt! Tackle!«
    Serpifeu war schnell, aber in diesem Fall war es zu langsam. Ich hätte Energiefokus nicht befohlen, wenn ich mir nicht sicher gewesen wäre, dass Ottaro es schaffen konnte, bevor Serpifeu zum Angriff kam. Die Sache mit den meisten Attacken war die – je öfter ein Pokémon sie einsetzte, desto besser wurde es darin. Das bedeutete, dass ein guter Trainer nicht nur die grundlegenden Kampffähigkeiten seiner Pokémon trainierte, sondern auch den Einsatz der Attacken im Einzelnen, sodass jede Attacke zumindest zu einem gewissen Grad gemeistert wurde, manche mehr, manche weniger. Diese Art des Attackentrainings hatte ich intensiv mit Ottaros Energiefokus betrieben, sodass der Nachteil – nämlich die lange Aufladezeit – minimiert wurde. In anderen Worten… es bedurfte nun nur noch weniger Sekunden für Ottaro, genug Energie zu sammeln, um den gewünschten Effekt zu erzielen!
    In dem Moment, als Serpifeu direkt vor ihm war und zum Stoß ansetzte, erlosch das orangene Leuchten um Ottaro bereits und das Wasser-Pokémon schlug mit einem triumphierenden Kampfschrei mit seiner nun blau leuchtenden Muschel zu. Serpifeu wurde frontal von der Kalkklinge getroffen und erlitt einen leicht blutenden Schnitt dicht unter dem Kopf, sodass es zurückweichen musste und seinen Gegner wieder aus der Ferne beäugte.
    Es blinzelte.
    Im nächsten Augenblick sprang Ottaro in die Luft, atmete tief ein und spie seinem Kontrahenten dann einen Strahl von Wasser entgegen, der trotz Serpifeus verzweifeltem Ausweichversuch sein Ziel fand und es gnadenlos zu Boden drückte. Durch seine Wasserresistenz überstand die grüne Schlange die Attacke zwar, doch atmete es inzwischen schwer und war sichtlich erschöpft – zumal die letzten beiden Angriffe Ottaros direkte, ungehinderte Treffer gewesen waren, wozu der Energiefokus maßgeblich beigetragen hatte.
    Das Blatt hat sich gewendet!
    »Serpifeu«, erklang Cherens ruhige Stimme. »Atme tief durch. Konzentriere dich. Wir werden uns nicht von einem Wasser-Pokémon besiegen lassen.« Serpifeu schloss die Augen, und Cheren tat es ihm gleich. Doch nur für eine Sekunde, dann öffneten sie beide ihre Augen wieder, in perfektem Einklang, indes der Trainer noch einmal seine Hand ausstreckte. »Zeige Ottaro, was wahre Stärke bedeutet! Fege es vom Feld wie Zurrokex! Jetzt, Serpifeu, entfessle deinen mächtigsten Grasmixer!«
    Durch die Worte seines Trainers motiviert schien Serpifeu tatsächlich sämtliche Kraftreserven, die es noch aufbringen konnte, in diese nächste Attacke zu legen: Seine Arme leuchteten in einem dunkleren, intensiveren Grün auf, als ich es je zuvor bei ihm gesehen hatte, und schon im nächsten Augenblick erschien erneut ein Tornado aus Laub, Gras und Dreck, doch dieses Mal noch größer und schneller als zuvor gegen Zurrokex.
    Es war dieser Moment, dass ich realisierte, was hier vor sich ging. Notdünger! Serpifeus Spezialfähigkeit, die Pflanzenattacken verstärkt, wenn es sich in einer Notlage befindet! Das war schlecht. Wenn Ottaro von diesem verstärkten Grasmixer getroffen wurde, würde es wahrscheinlich nicht standhalten können. Ich erinnerte mich an seinen letzten Versuch, diese Attacke abzuwehren, und wie kläglich es damals gescheitert war, selbst ohne den Notdünger-Boost. Konnte Ottaro dem Laubwirbel ausweichen, der fast viermal so hoch wie es selbst aufragte und zweimal so breit war? Bei dieser Geschwindigkeit…
    »Ott«, kam es leise, aber mit deutlicher Entschlossenheit von meinem ersten Pokémon, dem Partner, den ich mir vor über drei Monaten in Professor Esches Labor ausgewählt hatte. Mit dem ich selbst in dieser bislang noch recht kurzen Zeit einige harte Kämpfe überstanden und zu dem ich ein unzertrennliches Band aufgebaut hatte. »Ot-taro!«
    Es drehte sich zu mir um, noch immer mit einem kampflustigen Grinsen im Gesicht wie zu Beginn des Kampfes, und streckte seine Muschel in meine Richtung. Ich konnte nicht verstehen, was es sagte, konnte nicht die Stimme der Pokémon hören wie dieser N, aber trotzdem wusste ich tief in meinem Inneren, was Ottaro mir damit mitteilen wollte. Wir haben noch nicht verloren. Wie übermächtig der Feind auch erscheinen mag, gemeinsam sind wir stark.
    Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. »Hast du wirklich Zeit, mitten im Kampf deinem Gegner den Rücken zuzuwenden, Ott?« Ich senkte den Kopf, hob die Hand zu meiner Cap, und sah dann mit neu gefundener Entschlossenheit wieder auf. »Cheren, mach dich auf 'was gefasst! Jetzt sind wir am Zug!«
    Serpifeu blinzelte.
    Ausweichen oder abwehren? Ich musste mich entscheiden, denn der Wirbelsturm aus Gras und Laub kam immer näher. Doch der Entschluss, den ich schließlich fasste, war weder Ausweichen noch Abwehren, sondern eine Mischung aus beidem.
    »Ottaro, ziele mit Aquaknarre auf den Grasmixer!«
    Erneut atmete der kleine Otter tief ein und ließ daraufhin einen weiteren Strahl kühlen Wassers aus seinem Mund schießen, doch traf es dieses Mal nicht Serpifeu, sondern den von diesem erschaffenen Tornado, der scheinbar unaufhaltsam auf das Wasser-Pokémon zu raste. Die beiden Attacken prallten aufeinander, Wasser spritzte in alle Richtungen, hüllte das Feld in einen feinen Nieselregen, der jedoch keinen von uns aus seiner Konzentration zu reißen vermochte.
    Dort trafen zwei enorme Kräfte aufeinander, erweckt von unscheinbaren, kleinen Pokémon! Die Macht dieser Wesen war immer wieder unglaublich! Selbst diese beiden, die sich noch nicht einmal entwickelt hatten, konnten Energien entfesseln, wie ich noch nie zuvor welche aus nächster Nähe gesehen hatte. Wozu mochten dann voll entwickelte Pokémon imstande sein, wie sie beispielsweise in der Liga verwendet wurden? Das herauszufinden, nicht nur immerzu im Fernsehen zu beobachten, sondern mit eigenen Augen, war ebenfalls eines der Ziele meiner Reise.
    In diesem Moment war ich jedenfalls unheimlich stolz auf mein Ottaro, das in dem Vierteljahr, seit wir uns kennengelernt hatten, solch prächtige Fortschritte gemacht hatte. Letztlich schien die Pflanzenattacke zwar stärker zu sein und den Wasserstrahl nach und nach zurückzudrängen, aber das tat meinem Stolz keinen Abbruch. Und ebenso wenig meiner Siegesgewissheit.
    »Jetzt, breche ab und weich aus!«
    Ohne zu zögern beendete Ottaro seine Aquaknarre und sprang zur Seite. Aber der Tornado war schnell und groß. Ein triumphierendes Lächeln zeichnete sich auf Cherens Antlitz ab, als er diesen verzweifelten Ausweichversuch sah. Doch dann geschah das Unglaubliche: Ottaro gelang es tatsächlich, sich an dem Grasmixer vorbei zu winden, sodass er wirkungslos an ihm vorüber fegte. Eine Sache von Millimetern, doch es war geschafft!
    Cherens Serpifeu hatte einmal zu viel geblinzelt.
    Und nun ließen wir ihm und seinem Trainer keine Gelegenheit zum Widerstand mehr. Ohne meine Anweisung stürmte Ottaro mit einem wilden Kampfschrei – oder eher einem Kampfquieken – nach vorne, hob seine Muschel, die sofort in aquamarinblauer Farbe zu leuchten begann, und schlug dann damit nach der überraschten Schlange, die es nicht mehr schaffte, den Grasmixer rechtzeitig zu beenden und sich daher chancenlos in den Volltreffer fügen musste, sodass es letztlich trotz seiner Wasserresistenz besiegt wurde.
    »Serpifeu!«, rief Cheren und rannte zu seinem Pokémon, welches er sanft in die Arme schloss. Dann wandte er sich mir verdutztem Gesichtsausdruck mir zu. »Was… was genau ist da gerade geschehen? Ich war überzeugt, dass Ottaro einfach vom Grasmixer hinweggefegt werden würde!«
    »Für gewöhnlich wäre auch genau das passiert«, meinte ich nickend und erklärte ihm daraufhin meine Strategie. »Aber Serpifeus Genauigkeit war noch immer wegen des Sandwirbels beeinträchtigt. Und du hast doch wohl nicht gedacht, die auf den Tornado gezielte Aquaknarre wäre ein verzweifelter Abwehrversuch? Du müsstest mich doch besser kennen, Cheren. Der Wasserstrahl sollte dazu dienen, den Grasmixer zu verlangsamen, um Ottaro das Ausweichen zu erleichtern. Und durch Energiefokus konnte Ottaro mit seiner letzten Attacke noch einmal einen kritischen Treffer landen und richtig viel Schaden zufügen.«
    »Ich verstehe. Ich war unachtsam.« Cheren rief Serpifeu in seine Kapsel zurück und stand auf. »Nicht schlecht, Black, wirklich nicht schlecht. Aber ich werde mich nicht noch einmal so ausspielen lassen. Der Kampf ist noch nicht vorbei, ich darf auch noch ein zweites Pokémon einsetzen.«
    Er ging wieder zurück auf das niedrige Podest an seinem Ende des Kampffeldes, wo er sofort den nächsten Pokéball zückte und das darin enthaltene Wesen in den Kampf schickte. »Auf geht’s, Yorkleff, demonstrieren wir Black, wer hier der verdiente Sieger ist!«
    Auf dem Feld erschien der kleine Hund mit dem zotteligen, im Gesicht etwas helleren Fell, den Cheren auf Route 1 gefangen hatte, als wir eigentlich ein Pokémon für Bell hatten besorgen wollen. Zuerst hatte er es Bell geben wollen, aber sie hatte natürlich abgelehnt und es ihm überlassen, da er den Typ Normal liebte. Yorkleff machte seinem Namen alle Ehre und stieß ein hohes Kläffen aus, welches seinen Gegner wohl einschüchtern sollte. Ottaro zeigte sich jedoch unbeeindruckt und hob mit einem siegessicheren Grinsen die Muschel, die es noch immer in der Hand hielt.
    Die letzte Runde des Kampfes begann. Cheren oder ich, wer würde gewinnen? Nun würde endlich die Entscheidung fallen!
    Wieder ergriff Cheren die Initiative, heute war er wohl ziemlich angriffslustig. »Hau es um! Tackle!«
    Weniger enthusiastisch als sein Trainer war Yorkleff. Nur zögerlich setzte es sich in Bewegung und näherte sich seinem Kontrahenten, der in keinster Weise darauf reagierte. Ebenso wenig wie ich. Wenn ich die Lage richtig eingeschätzt hatte, übertraf Ottaro Yorkleff in puncto reine Stärke bei Weitem. Zudem schien der putzige Hund ein wenig scheu zu sein, was ihn mit wenig Elan angreifen ließ.
    Kein Grund also, sich zu sorgen, oder? Wäre mir ein anderer Trainer gegenüber gestanden, hätte ich wohl tatsächlich genau so gedacht, aber es war Cheren, von dem wir hier sprachen. Ich kannte ihn seit meiner frühen Kindheit und wusste daher, dass er Yorkleff nicht eingesetzt hätte, ohne eine entsprechende Strategie zu haben. Er besaß mit Sicherheit noch ein Ass im Ärmel, deshalb konnte ich es mir nicht erlauben, dieses Hündchen zu unterschätzen, so harmlos es auf den ersten Blick auch wirken mochte.
    »Mach dich bereit, Ottaro.« Ich überlegte fieberhaft, über welche verborgenen Qualitäten ein Yorkleff wohl verfügen mochte, aber ich wusste zu wenig über dieses Pokémon, um diese Frage beantworten zu können. Mir blieb nur, die Handlungen meines Gegners genau zu beobachten und schnell auf alles zu reagieren, was er meinem Ottaro entgegen schleudern wollte. Oder sollte ich selbst angreifen, frei nach dem Motto Angriff ist die beste Verteidigung? Als Yorkleff langsam an Tempo aufnahm und schließlich nur noch wenige Schritte von Ottaro entfernt war, beschloss ich, seine Attacke mit Aquaknarre abzuwehren. Ich gab den Befehl, und keine zwei Sekunden später schoss dem zotteligen Kläffer ein kräftiger Wasserstrahl entgegen. Yorkleff wurde direkt im Gesicht getroffen, konnte dem Druck des Wassers nicht standhalten und wurde ein kurzes Stück nach hinten gestoßen, wo es jämmerlich jaulend zu Boden ging. Jetzt war der Moment, ihm den Rest zu geben, kein Zögern!
    »Kalkklinge, Ottaro! Bring uns den Sieg!«
    Die Muschel in Ottaros Hand begann einmal mehr in einem hellen Aquamarinblau zu erglühen, ehe das Wasser-Pokémon mit einem siegessicheren Blick im rundlichen Antlitz auf seinen Gegner zu rannte. Yorkleff erhob sich winselnd auf seine zittrigen Beinchen und sah dem Verhängnis mit geweiteten Knopfaugen entgegen. Mit jedem Schritt, den Ottaro näher kam, wuchs die Panik im Gesicht des Hundes, der sich vor Angst kaum noch rühren konnte. »Yor?«
    Dann kam ein einzelner Befehl seines Trainers. »Gegenschlag!«
    »Was?!«, platzte es überrascht aus mir hervor.
    Plötzlich knurrte Yorkleff mit dem Mut der Verzweiflung, hob seine rechte Vorderpfote, die blau aufleuchtete, und holte zum Schlag aus… im nächsten Augenblick prallten die Kalkklinge und der Gegenschlag aufeinander. Die entgegengesetzten Kräfte waren so groß, dass eine Druckwelle entstand, die den Staub vom Kampffeld aufwirbelte und beide Pokémon in verschiedene Richtungen davon schleuderte. Sowohl Ottaro als auch Yorkleff schlitterten nach einem schmerzvollen Aufprall noch einige Meter über den Boden, bevor sie an gegenüberliegenden Enden des Feldes zum Liegen kamen.
    Langsam legte sich die Staubwolke. Tiefstes Schweigen lag über dem Hof, weder die Trainer noch die Schüler oder ihre Lehrerin wagten es, auch nur einen Ton von sich zu geben. War es… vorbei? Waren beide Pokémon besiegt? Nein, sie bewegten sich! So unglaublich es erscheinen mochte, sie versuchten beide, wieder aufzustehen. Ottaro erhob sich als erstes, wobei es sich schwer atmend auf seine Muschel stützte, das rechte Auge zusammengekniffen, indes sich in seinem anderen Auge noch immer derselbe unnachgiebige Siegeswille widerspiegelte, den ich von ihm gewohnt war.
    Auf Ottaro war eben immer Verlass. Mochte es auch eine noch so heftige Attacke einstecken, es stand wieder auf und gab den Kampf erst verloren, wenn es endgültig erledigt war.
    Auch Yorkleff war in keiner guten Verfassung. Noch zittriger als zuvor konnte es sich gerade so auf den Beinen halten… doch nur für ein paarAugenblicke. Dann brach es unvermittelt zusammen und rührte sich nicht mehr, wohingegen der Otter stehen blieb. Einige Sekunden lang starrten nur alle auf das zottelige Hündchen, bis es schließlich einem nach dem anderen dämmerte, dass es sich so schnell nicht mehr erheben würde.
    Überrascht blinzelte Cheren, als Ms Reloy ihre Stimme erhob. »Yorkleff ist nicht mehr fähig, den Kampf fortzuführen. Damit haben Black und sein Ottaro gewonnen! Black entscheidet somit den gesamtenKampf für sich!«
    Im nächsten Moment war die Luft auf einmal erfüllt von den lauten Stimmen einer ganzen Klasse an aufgeregten Schülern, die zu mir und Ottaro gerannt kamen und durcheinander die verschiedensten Dinge schrien. Ich hörte Glückwünsche, Fragen, sogar Herausforderungen, aber es war alles zu viel auf einmal für mich, sodass ich nur abwehrend die Hände heben und einen verzweifelten Blick zu Cheren werfen konnte. Noch schlechter erging es Ottaro, das von mehreren Kindern umringt und nicht nur mit den Augen begutachtet wurde. Während die Lehrerin versuchte, Ordnung in das Durcheinander zu bringen, das so plötzlich auf dem Kampffeld ausgebrochen war, ging Cheren zu seinem Yorkleff und rief es in den Pokéball zurück.
    Ich bahnte mir einen Weg zwischen den Schülern hindurch zu meinem Kumpel, dem ich lächelnd die Hand reichte. »Das war ein guter Kampf, Cheren. Der Trick mit dem Gegenschlag am Ende hätte mich fast erwischt. Kam jedenfalls ziemlich unerwartet. Du hast Yorkleff erst vor ein paar Tagen gefangen, und schon…«
    Er ergriff die dargebotene Hand und brachte ebenfalls ein mehr oder weniger überzeugendes Lächeln zustande. Es war ihm anzumerken, dass ihn seine erneute Niederlage wurmte. »Trotzdem bist du der Sieger, Black. Meinen Glückwunsch. Ich schätzte, letztlich ist der Stärkeunterschied zwischen meinem Yorkleff und deinem Ottaro einfach noch zu groß.«
    »Das war ein wundervoller Kampf, und zwar von euch beiden!«, mischte sich nun Ms Reloy in das Gespräch ein. »Wirklich, so etwas habe ich selten bei solch jungen Trainern gesehen. Ich bin begeistert! Ihr könnt stolz auf euch und eure Pokémon sein.«
    »Musst du ihm nun deinen Orden geben?«, rief einer der Schüler in Cherens Richtung. Obwohl die Frage lächerlich war und ich an seiner Stelle wohl laut losgelacht hätte, blieb Cheren ruhig und beantwortete die Frage auf geduldige Weise. »Nein, der Orden gehört weiterhin mir. Um Orden zu verdienen, muss man die Leiter der Arenen besiegen, die man heutzutage in vielen Städten findet. Hier in Einall braucht man acht Orden, um in der Pokémon-Liga gegen die Top Vier antreten zu dürfen, und danach gegen den Champ.«
    »Wow, wie cool!« Wieder gerieten die Schüler in aufgeregtes Tuscheln, wobei nun einige lauthals von sich behaupteten, der nächste Champ zu werden. Es klang lächerlich, aber ich scheute mich davor, das auszusprechen, weil ich selbst ja nicht anders war. Ich behauptete auch bei jeder Gelegenheit, eines Tages Champ zu werden. Nur hatte ich bislang nicht einmal gewusst, wie gut ich als Trainer tatsächlich war. Jetzt aber, da Cheren einen Orden erhalten hatte und ich ihn trotzdem hatte besiegen können, war ich mir endlich sicher, dass ich ebenfalls in der Lage war, zumindest ein paar Orden zu erlangen.
    Diese Schüler dagegen… selbst wenn sie eines Tages gute Trainer wurden, oder sogar Ass-Trainer, gab es dennoch ein Problem auf ihrem Weg, der stärkste Trainer Einalls zu werden: Sie mussten erst an mir vorbei. Und ich würde alles in meiner Macht stehende tun, um sicherzustellen, dass sie sich an dieser Aufgabe die Zähne ausbeißen würden.
    »Es ist ein langer Weg bis hin zum achten Orden und ein noch längerer, bis man bereit ist, die Top Vier herauszufordern«, meinte Ms Reloy, die uns ernst ansah. »Ich will euch nicht den Mut nehmen, aber wie viele andere Trainer, denkt ihr, streben wie ihr nach Großem? Und wie viele von ihnen scheitern, noch bevor sie auch nur das Recht erlangen, die Liga zu betreten? Ihr könntet sehr enttäuscht werden, wenn ihr euch zu hohe Ziele setzt.«
    »Das ist uns bewusst«, entgegnete Cheren. »Aber wir müssen es wenigstens versuchen.«
    »Mir ist natürlich klar, dass ihr das werdet. Nachdem ich diesen Kampf gesehen habe, bin ich auch überzeugt, dass ihr es weit bringen werdet. Ich will nur sagen… hofft einfach nicht zu viel. Ein paar Orden zu haben, seien es auch nur sechs oder vier, ist auch schon etwas, worauf man stolz sein kann.«
    Sollte das ein Scherz sein? Mit vier Orden besaß man gerade einmal die Hälfte, und mit sechs war man dem Ziel so nahe, dass Aufgeben sich erst recht nicht lohnte. Welcher vernünftige Trainer warf das Handtuch, wenn er schon so weit gekommen war? Zweifellos nur unentschlossene Weicheier, hinter deren starker Fassade letztlich nichts steckte. So würde ich nicht enden. Niemals. Vielleicht würde ich es akzeptieren können, an der Liga zu scheitern, aber das Sammeln der Orden? Das war schaffbar, jetzt mehr denn je, was auch immer Ms Reloy darüber denken mochte.
    »Normalerweise bekommen Trainer, die für uns den Schülern einen Kampf demonstrieren, nun ja, als Bezahlung lediglich Geld«, fuhr die Lehrerin fort. »Aber ihr beide wart so gut, dass mir das nicht genug erscheint. Vor Kurzem haben wir einige Pokémon aus dem Labor von Avenitia erhalten, um sie den Schülern als Leihpokémon zur Verfügung zu stellen, aber dadurch haben wir, nun ja, einen kleinen Überschuss. Wie wäre es also, wenn ich euch, nun ja, anstatt Geld jeweils ein Pokémon gebe? Hier…« Sie kramte kurz in ihrer Tasche herum, bevor sie zwei gewöhnliche Pokébälle daraus zutage förderte. »Diese beiden waren eigentlich für den heutigen Vorführungskampf gedacht, aber da ich euch begegnet bin, sind sie nicht zum Einsatz gekommen. Nehmt sie ruhig.«
    »Und das ist wirklich kein Problem?«, wollte sich Cheren vergewissern, nahm den Ball jedoch entgegen, den Ms Reloy ihm überreichte, so wie ich den meinen.
    »Wir hatten ohnehin vor, ein paar dieser Pokémon an talentierte Trainer abzugeben, die in der hiesigen Arena gewinnen, und ich denke, nun ja, dass ihr beide in diese Kategorie fallt.« Sie lächelte mich freundlich an. »Ich weiß, du hast den Orden noch nicht, aber ich habe keinen Zweifel, dass du ihn ebenfalls erlangen wirst.«
    »Welche Pokémon sind das?«, fragte ich.
    Sie deutete zuerst auf Cherens neuen Pokéball, dann auf meinen. »In dieser Kapsel ist ein Sodamak enthalten, und in dieser ein Grillmak. Ich glaube, sie könnten eure Teams gut ergänzen.«
    Ein Grillmak also… ein Feuer-Pokémon, wenn ich mich nicht irrte. Ja, sie hatte recht, ein Pokémon dieses Typs fehlte mir noch, ich konnte es also sicher gut gebrauchen. Wasser, Kampf, Feuer, alles keine schlechten Typen. Fehlte nur noch ein ordentlicher Drache. Und vielleicht ein Unlicht-Pokémon? Letztere faszinierten mich mit ihrer düsteren Aura ebenfalls. Doch es hieß, dass sie meist äußerst launisch und deshalb fast ebenso schwer zu trainieren waren wie Drachen. Aber wie schon gesagt, wer wahrlich ein Pokémon-Meister sein wollte, dem musste es auch gelingen, solche schwer zu kontrollierenden Pokémon zu beherrschen.
    Dennoch würde ich mich wohl vorerst auf diese drei konzentrieren, bevor ich schließlich ein weiteres Pokémon meinem Team hinzufügte. Es eilte nicht, die Reise würde Monate, vielleicht Jahre andauern, und ich hatte sicher noch genug Gelegenheiten, um starke Pokémon zu fangen, die einer Aufnahme in mein Team würdig waren. Am allerwichtigsten war es, mit Bedacht vorzugehen und genau die richtigen Pokémon auszuwählen – das hieß solche, die sowohl stark waren als auch mir gefielen.
    »Vielen Dank«, bedankte sich Cheren stellvertretend für uns beide, bevor er sich an mich wandte. »Maik, der Arenaleiter, gegen den ich angetreten bin, hatte ebenfalls ein Grillmak.«
    »Tatsächlich?« Ich sah den neuen Pokéball in meiner Hand an. »Das wäre dann wohl eher ein Kampf für Ottaro. Aber du sagtest, es gibt drei Arenaleiter, oder? Mal sehen, gegen wen ich letztlich antrete. Ich sollte vorher noch ein bisschen trainieren, um zu sehen, was dieses Grillmak so drauf hat.«
    »Dazu kann ich die Traumbrache empfehlen«, meinte Frau Reloy. »Dort gehen viele junge Trainer zum Trainieren hin, du wirst also sicher den einen oder anderen finden, der gegen dich kämpft. Und außerdem ist die Vielfalt an Pokémon dort einzigartig im Umland von Orion.«
    »Davon habe ich gehört, ja.« Die Traumbrache – ein Ort, den jeder, der in einer der Städte nahe Orion City aufgewachsen war, zumindest vom Hörensagen kannte, das schloss auch Cheren und mich mit ein, auch wenn ich noch nie dort gewesen war. Ich hatte ohnehin vorgehabt, mindestens einmal dorthin zu gehen, bevor ich weiterzog, warum also nicht gleich zum Trainieren vor meinem Arenakampf? Das war eine gute Idee. »Ich werde dann mal keine Zeit verlieren. Vielen Dank nochmal für alles. Ich werde mich gut um Grillmak kümmern.«
    Ich wandte mich schon zum Gehen, aber die Lehrerin hielt mich noch zurück. »Ich hatte, nun ja, eigentlich gehofft, dass ihr beiden noch die Fragen meiner Schüler beantworten könntet, wenn möglich.«
    »Äh… oh, also das kann Cheren übernehmen«, wand ich mich schleunigst aus der Verantwortung. »Er kann ohnehin viel besser mit Kindern umgehen…«
    Nichts wie weg hier! Ein paar Kiddies, die mich mit unnötigen Fragen überhäuften? Ja, das war definitiv das Fachgebiet meines besten Freundes, aber auf gar keinen Fall meines. Ich verabschiedete mich hastig und mit einer gemurmelten Entschuldigung und machte mich dann so schnell wie möglich aus dem Staub. Ich war immerhin nur zum Kämpfen hierher gekommen, nicht um Lehrer zu spielen. Sollte Cheren sich mit den Schülern herumschlagen.
    Ich hatte in der Zwischenzeit ein Rendezvous mit einem brandneuen Orden.

    107716-bd8fa1b4.pngIch kenne die Hälfte von euch nicht halb so gut, wie ich es gern möchte, und ich mag weniger als die Hälfte von euch auch nur halb so gern, wie ihr es verdient.
    - Bilbo Beutlin -


    Mein erstes veröffentlichtes Buch: RIA - Das Erbe von Esgalot

    Meine Anime-Liste: MAL -Azaril-

    3 Mal editiert, zuletzt von Azaril ()

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    Orion City war eine schöne Stadt, die vieles zu bieten hatte. Sei es nun die Trainerschule, der Park oder das neuartige Traumlabor, an Sehenswürdigkeiten mangelte es sicher nicht. Aber von all den Dingen, die es hier zu sehen gab, stach besonders eines unter den anderen hervor: Die Ruinen der alten Fabrik östlich der Stadt, in denen es vor über drei Jahrzehnten eine gewaltige Explosion gegeben hatte, deren Schockwellen man angeblich sogar bis nach Stratos City gespürt hatte. Meine Mutter hatte mir ein paar Mal von dem leichten Erdbeben in Avenitia an jenem Tag erzählt. Bis heute wusste niemand so recht, was damals eigentlich wirklich geschehen war. Von offizieller Seite hieß es, es sei ein Gasleck gewesen, aber war das nicht die Standard-Ausrede, die im Grunde bedeutete, dass dort etwas Geheimes oder Illegales vertuscht wurde? Jedenfalls mangelte es heutzutage natürlich nicht an Gerüchten, verrückten Ideen und Verschwörungstheorien, die sich um jene Explosion rankten.

    Was auch immer damals wirklich geschehen sein mochte, heute kannte jeder diese Ruinen nur als Traumbrache, und wie Ms Reloy schon gesagt hatte, war es ein Ort, der zahlreiche Trainer aus allen Himmelsrichtungen anzog, da sich dort inzwischen viele Pokémon eingenistet hatten, vor allem auch einige seltene Arten, die es nur an wenigen anderen Stellen in Einall zu finden gab. Ich hatte keinen speziellen Plan, mir eines davon zu fangen, ich würde mich einfach überraschen lassen, ob mir eines begegnete, das mir gefiel. Aber wie gesagt, eigentlich besaß ich für den Moment genug Pokémon – drei waren ein guter Start, um den ersten Orden anzugehen, und ich wollte nicht mein ganzes Team schon so früh festlegen, bevor ich auch nur ein Zehntel von Einall erkundet hatte.

    Ich brach nicht bereits am selben Tag auf, da sich meine Pokémon erst im Poké-Center erholen mussten, aber am Morgen nach meinem Kampf gegen Cheren war es so weit: Ich machte mich auf den Weg in die Traumbrache, um mein abschließendes Training in Vorbereitung auf meinen ersten Kampf in einer echten Arena der Einall-Liga zu beginnen.

    Die alte, gepflasterte Straße, die von Orion aus in Richtung Osten verlief, war schmal und moosig und führte durch ein dicht bewaldetes Gebiet. Man merkte sofort, dass hier wohl seit vielen Jahren kein Fahrzeug mehr entlang gefahren war und die Straße anscheinend auch nicht mehr gewartet wurde. Alles hier verlieh einem den Eindruck von verlassener Einsamkeit, von den krummen Bäumen über die vereinzelten Gesteinsbrocken, die wirkten, als seien sie über eine weite Distanz hierher geschleudert worden, bis hin zu dem drückenden Gefühl in der Luft, wie von längst vergangenen Emotionen der Trauer und Wut. Vielleicht bildete ich mir Letzteres aufgrund der hier vorherrschenden düsteren Atmosphäre auch nur ein, die sich mit jedem Schritt, den ich auf die Traumbrache zu machte, ein wenig mehr zu verdichten schien.

    Was genau war in jener Fabrik damals hergestellt worden, bevor es zur Explosion kam? Wenn es stimmte, dass die Regierung etwas vertuschte, worum genau handelte es sich dann dabei? Das waren alles Fragen, auf die ein Gemeinsterblicher wie ich wohl niemals eine Antwort bekommen würde, so sehr es mich auch interessieren mochte. Für den Moment war es ohnehin nebensächlich, denn ich hatte meine eigenen Ziele und Vorhaben, auf die ich mich konzentrieren musste.

    Eine freundliche Schwester im Center hatte mir Auskunft gegeben, dass der Weg zur Fabrikruine zu Fuß etwa eineinhalb Stunden in Anspruch nahm – obwohl die Traumbrache gemeinhin als eine Sehenswürdigkeit von Orion City galt, lag sie eigentlich ein Stück außerhalb der Stadt, auf einem Hügel unweit der Küste. Es war nicht unbedingt leicht, dorthin zu gelangen, vor allem auf dem letzten Viertel des Weges, auf dem der Wald bereits den größten Teil der Straße wieder für sich beansprucht hatte, aber davon ließen sich all die Trainer, die täglich hierher kamen, natürlich nicht aufhalten, und ich gleich dreimal nicht. Notfalls konnte Grillmak mit seinen Feuerattacken einen Pfad freibrennen oder Ottaro mit seiner Kalkklinge lästige Äste und blockierende Baumstämme zerschneiden, sofern sie nicht zu dick waren. Das war die Art und Weise, auf die wir Trainer uns selbst durch tiefste Wildnis schlugen – mithilfe unserer Pokémon, der Gefährten an unserer Seite.

    Eine weitere Herausforderung, noch bevor ich an meinem heutigen Tagesziel angelangte, das erfuhr ich bald, waren die anderen Trainer, die sich wie ich auf dem Weg zur Traumbrache befanden und keinen Augenblick zögerten, mich herauszufordern, sobald sie mich sahen. Ich besiegte nicht weniger als drei Jungen und ein Mädchen, alle etwa in meinem Alter, ehe ich schließlich die erste nahezu vollständig verfallene Wand der alten Fabrik erblickte. Bis dahin hatte mich kein einziger der Kämpfe ins Schwitzen gebracht, aber vielleicht würde sich das jetzt, da ich endlich hier war, ändern. Denn hier nun würde ich auf jene treffen, die sich wie ich auf dem Weg hierher nicht hatten besiegen lassen. Oder vielleicht auch jene, die schlichtweg das Glück gehabt hatten, niemandem zu begegnen.

    Als ich letztlich den Eingang der Fabrik erreichte, hätte ich zuerst fast nicht bemerkt, dass ich direkt davor stand, so überwuchert waren die Bruchstücke der alten Mauern. Das über drei Meter hohe Eingangstor, durch welches seinerzeit sicher auch große Lastwagen gepasst hatten, stand noch… sofern man das so nennen konnte. Denn zu beiden Seiten des Tores reichten die Mauern nur noch wenige Schritte weit, und von den einstigen Torflügeln waren nur noch ein paar mit einer Rostschicht überzogene Scharniere übrig.

    Der Pflanzenbewuchs war hier so stark, dass man tatsächlich keine Wahl hatte, als dem einen ausgetretenen Pfad zu folgen, der direkt durch das Tor führte, kaum mehr als ein Wildwechsel, nur dass das Wild, dass ihn hauptsächlich benutzte, wahrscheinlich Pokémon-Trainer waren. So gelangte ich jedenfalls in einen weitläufigen Innenhof, der sich einigermaßen erhalten hatte – zwar bedeckten Wurzeln, Ranken und Moos einen Großteil des Bodens hier, doch es hatten nur wenige Bäume geschafft, in diesem Hof tatsächlich Fuß zu fassen. Mehr Erfolg war da einigen violetten Blumen beschieden, die sich in die Ritzen zwischen den Fliesen gezwängt hatten und diesem von Grün und Grau durchzogenen Ort einen Fleck ungewöhnlicher Farbe hinzufügten, welcher die mysteriöse Atmosphäre der Traumbrache jedoch nur unterstrich.

    Die Gebäude, die den Innenhof einstmals umgeben haben mochten, waren natürlich heute nicht mehr als Ruinen, wie dieser ganze Ort. Von manchen standen kaum noch die Grundmauern, andere dagegen hatten sich gut genug erhalten, dass man sie tatsächlich noch betreten konnte, obwohl einige Schilder darauf hinwiesen, dass dies auf eigene Gefahr geschah. Allerdings konnte man von hier auch nicht alles einsehen. Es war eine ziemlich große Anlage, verwinkelt und düster. Ich gehörte nicht zu der ängstlichen Sorte, aber ich war wirklich froh, dass ich tagsüber hierher gekommen war. Es würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn es sich hier das eine oder andere Geist-Pokémon gemütlich gemacht hätte.

    Ich ging weiter, wobei ich mich gen Norden wandte. Da ich mich hier nicht auskannte, ließ ich mich einfach von meinen Schritten lenken. Ich folgte einem Weg zwischen zwei mehr oder weniger gut erhaltenen Gebäuden hindurch, die ihrer Größe nach zu urteilen vielleicht einmal Lagerhallen gewesen waren, und kam dadurch in einen der weiter hinten gelegenen Teile der Fabrikruine, noch dazu einen, den der Wald sich bereits wieder einverleibt hatte, mitsamt eines Gabelstaplers, der halb in einer kraterähnlichen Mulde lag und offenbar einem Pokémon als Versteck diente, dem Schatten nach zu urteilen, der plötzlich davoneilte, als ich mich näherte.

    Es war ein faszinierender Ort – so alt und doch irgendwie zeitlos. Als hätte sich nichts geändert seit jenem Tag, als all das hier in jener gewaltigen Explosion vergangen war. Natürlich, die Natur forderte unerbittlich zurück, was ihr genommen ward, aber dennoch hatte ich das Gefühl, dass die Traumbrache sich seit einer Ewigkeit nicht verändert hatte, länger noch als die dreißig Jahre seit dem Beginn des Verfalls, fast eine Unendlichkeit… es war wie in einem Traum, als wäre mein Zeitempfinden vollkommen durcheinandergebracht. Fast schon meinte ich, die Schreie der Verzweiflung zu hören, die damals erklungen waren, verbunden mit dem ohrenbetäubend lauten Knall, der den Untergang dieser Einrichtung besiegelte. So real und doch wie in ferner Vergangenheit, seltsam, mystisch, fantastisch. Wurde es deshalb Traumbrache genannt?

    Ja, hier lagen gewiss die Träume vieler brach.

    Nachdem ich weiterging, dauerte es nicht lange, bis ich eine Stimme in der Nähe hörte, und dazu Geräusche, die verdächtig nach einem Kampf klangen. Ich war also tatsächlich nicht der einzige hier – fast schon hatte ich geglaubt, in eine andere, unheimlich stille Welt entrückt worden zu sein, als ich die Traumbrache betreten hatte, aber es war wohl nur eine Frage der Zeit gewesen, bis ich einem anderen Trainer begegnete. Oder vielleicht auch zweien? Ich beschloss, mich näher heran zu schleichen und wenn möglich einen Blick auf das zu erhaschen, was dort vor sich ging.

    Vorsichtig bahnte ich mir einen Weg durchs Dickicht, das hier immer dichter wurde, je näher ich dem Rand der alten Fabrik kam, bis ich schließlich auf eine schmale Lichtung stieß, auf welcher tatsächlich zwei Pokémon gegeneinander kämpften. Eines davon hatte ich zuvor noch nie gesehen – es schwebte in der Luft und sah aus wie ein rosa Ball mit vier kleinen Pfoten und einer Art Rüssel. Zudem wurde seine Haut von einem Muster violetter Blüten geziert, nicht unähnlich der Blumen im Innenhof. Ovale, rote Augen, die funkelten wie Edelsteine, waren fest auf den Gegner fixiert.

    Ein Gegner, den ich bereits kannte, und damit meinte ich nicht nur die Art des Pokémon an sich, sondern genau dieses Pokémon persönlich. Es war ein kleines, rot-schwarzes Schweinchen namens Floink. Und seine Trainerin, die am Rande der Lichtung stand, war demnach niemand anderes als Grünchen höchstselbst – Grünchen! Das musste mir erst einmal in den Kopf gehen. Von allen Menschen, die ich hier in der Traumbrache anzutreffen erwartet hatte, stand sie ganz unten auf der Liste. Und damit meinte ich, ganz unten. Das war ein Ort für talentierte Trainer, die sich in der Wildnis nicht fürchteten, eine Beschreibung, die nicht gerade auf sie zutraf.

    Und doch war sie hier, und… kämpfte? Ich wollte mal optimistisch sein und es tatsächlich so bezeichnen.

    »Glut, Glut, Glut, Glut!«, schrie Bell mit schriller Stimme, wild gestikulierend auf das wilde Pokémon deutend, welches mein Pokédex, den ich kurzerhand zückte, als Somniam identifizierte, ein Psycho-Pokémon, das sich angeblich von Träumen ernährte, wie auch immer das möglich sein sollte.

    Floink reagierte unmittelbar auf den etwas panischen Befehl und spie seinem schwebenden Kontrahenten eine Reihe glühender Kugeln entgegen. Somniam feuerte im selben Moment einen rosafarbenen Energiestrahl ab, sodass die beiden Attacken miteinander kollidierten und sich gegenseitig aufhoben. Geduldig und regungslos verharrte das Traumfresser-Pokémon auf der Stelle, nur leicht nach oben und unten wippend, während es Floink nicht aus den Augen ließ.

    »Nochmal, Floink!«, befahl Bell, dieses Mal ein wenig ruhiger und konzentrierter. Die Gelassenheit des Kampfes schien sie zu überkommen. »Glut!«

    Das kleine Schweinchen gehorchte seiner Trainerin, wodurch sich die gleiche Szene noch einmal abspielte: Es schoss seine kleinen Feuerbälle auf den Gegner, welcher jedoch wieder nur mit einem Psystrahl dagegen hielt und sich ansonsten recht unbeeindruckt zeigte. Ich schüttelte seufzend den Kopf. So würde das nichts werden, das musste sie doch erkennen.

    Nachdem auch noch eine dritte Glut kläglich scheiterte, schien es Grünchen endlich klar zu werden, dass sie auf diese Weise nichts erreichte, und so versuchte sie tatsächlich, die Sache anders anzugehen: Indem sie ihrem Floink den Einsatz von Nitroladung befahl. Daraufhin wurde Floink sofort von lodernden Flammen umgeben und stürmte auf das Somniam zu, welches wieder mit Psystrahl zu kontern versuchte. Floink wich jedoch geschwind zur Seite hin aus und rannte danach ununterbrochen weiter, bis es direkt vor seinem Gegner angekommen war und mit einem wütenden Quieken in die Luft sprang. Somniam wurde getroffen und trudelte schwankend zu Boden, wo es benommen liegen blieb.

    »Jaaa!«, rief Bell, einen rosafarbenen Pokéball in der Hand. »Du gehörst miiiir!«

    Sie warf den Ball, Somniam wurde getroffen, die Kapsel öffnete sich und ein rotes Licht saugte das Pokémon ein. Danach schloss sich der Ball wieder, ehe ihn die Schwerkraft erfasste und auf den steinigen Grund der Traumbrache hinab zog, wo er heftig hin und her zu wackeln begann. Nicht nur Bell, sondern auch mich packte die Spannung, ob der Fangversuch gelingen würde. Gebannt starrten wir beide auf den rosa Pokéball… wackel, wackel, wackel… Stille.

    »W-Was?«, stammelte Grünchen, offenbar verblüfft über ihren eigenen Erfolg. »E-Es hat tatsächlich funktioniert?«

    Nun, dann war es wohl an der Zeit, dass ich mich zu erkennen gab. Applaudierend trat ich aus dem Unterholz hervor und brachte Bell somit dazu, erschrocken zusammenzuzucken und zu mir herumzufahren. »W-Wer…?«

    Und da zeigte sie sich auf einmal wieder: Die schüchterne Bell, die Angst vor ihrem eigenen Schatten hatte. Als sie mich erkannte, weiteten sich ihre Augen. »Black? Du hier?«

    »Überrascht dich das?« Ich ging zu dem rosafarbenen Pokéball, der noch immer am Boden lag, und hob ihn auf. »Das hier ist die Traumbrache, falls du das übersehen haben solltest. Hier findest du allerlei Trainer und Pokémon. War doch klar, dass ich auch mal hier vorbeischauen würde. Hier, für dich.«

    Ich reichte ihr die Kapsel, die sie etwas zögerlich entgegen nahm, als fürchtete sie, das soeben gefangene Pokémon könne plötzlich doch noch ausbrechen und sie angreifen. Schmunzelnd sah ich zu, wie sie misstrauisch das kugelförmige Gefäß beäugte. »Glückwunsch zu deinem ersten erfolgreichen Fang, Bell.«

    Wieder zuckte sie zusammen. »Du… du weißt doch gar nicht, ob das mein erster Fang ist! Ich könnte schon unzählige Pokémon haben!«

    »Und die bewahrst du wo auf?«, fragte ich skeptisch. »In deiner Umhängetasche? Ich bezweifle, dass dort unzählige Pokémon hinein passen. Ganz zu schweigen von deiner Reaktion, als es wirklich drin geblieben ist. Gib es ruhig zu, das ist das erste Mal, dass du ein Pokémon gefangen hast.«

    »Na gut«, gab sie seufzend nach. »Ja, es ist das erste Mal. Eigentlich bin ich nur hergekommen, um ein paar Daten im Pokédex zu sammeln… aber aus der Ferne! Dabei sind mir einige der Pokémon zu nahe gekommen… aggressive, gruselige Pokémon, da bin ich eben… weggerannt. Ich bin wohl ein wenig durch die Gegend gehastet, bis hierher… aber ich habe bestimmt nicht geschrien, ganz sicher nicht! Was auch immer du also gehört hast, da war nichts, kapiert?«

    »Ich habe nicht einmal gesagt, dass ich jemanden habe schreien hören«, merkte ich an, und fügte grinsend hinzu: »Aber ich kann mir genau vorstellen, wie du wie ein aufgeschrecktes Haspiror durch die Traumbrache gehoppelt bist.«

    Wenn Blicke töten könnten, hätte ich in diesem Moment wohl meinen letzten Atemzug getan. »Du hast leicht reden, mit deinen starken Pokémon, die du seit Monaten trainierst. Versuch doch mal, dich in meine Situation hineinzuversetzen!«

    Ich zuckte mit den Schultern. »Floink scheint nicht schlecht zu sein. Du hast ebenfalls ein wunderbares Pokémon, wenn du also scheiterst, dann liegt das nicht allein an Floink. Und wenn ich gewinne, dann liegt das auch nicht nur an Ottaro und meinen anderen Pokémon. Es ist das Zusammenspiel zwischen Trainer und Pokémon, das letztlich über Sieg und Niederlage entscheidet.«

    »Und du willst mir damit sagen, dass ich nicht das Zeug habe, so ein Zusammenspiel wie du zu erreichen, ist es das? Vielen Dank auch.«

    »Nun ja… so meinte ich das eigentlich nicht.« Wie sollte ich es am besten ausdrücken? Es war vielleicht nicht gerade die beste Idee für sie, sich mit Cheren und mir zu vergleichen. Sie sollte sich mehr auf das konzentrieren, was sie selbst schaffen konnte, anstatt immer nur daran zu verzweifeln, dass wir ihr in manchen Belangen um Meilen voraus waren. »Also… ich glaube, das einzige, was dir im Weg steht, bist du selbst, Bell.«

    »Hmpf.« Sie schien nicht überzeugt und verschränkte mit einem Blick, der das auch deutlich ausdrückte, die Arme vor der Brust.

    »Jedenfalls…« Besser, ich lenkte das Gespräch schnell auf ein neues Thema. Meine Augen fixierten den rosa Pokéball, den sie noch immer in der einen Hand hielt. »Was ist das eigentlich für ein Ball? Ich glaube nicht, dass ich so einen schon einmal gesehen habe.«

    »Oh, das…« Sie betrachtete den seltsamen Pokéball kurz selbst, ehe sie antwortete. »Der war ein Geschenk von Vivian. Sie ist Forscherin im Traumlabor von Orion. Es ist ein sogenannter Heilball, den sie dort in Kooperation mit Devon entwickelt hat. Eigentlich nur ein Prototyp, den ich testen sollte. Angeblich nutzt er den Traumdunst von Somniam und Somnivora, um die Heilungsrate eines darin gefangenen Pokémon zu erhöhen.«

    »So etwas ist möglich?«, fragte ich nicht wenig erstaunt. Es war faszinierend, was die moderne Technik heutzutage alles hervorbrachte. Ein Ball, der bei der Heilung der Wunden des darin enthaltenen Pokémon half! Man musste sich nur einmal die Möglichkeiten vorstellen! Wenn dieser Ball erst einmal in die Massenproduktion kam, wäre es vermutlich nur noch eine Frage der Zeit, bis er die normalen Pokébälle ablöste. Nur an der Farbe sollte vielleicht noch gearbeitet werden. Etwas geschlechtsneutraleres als Rosa wäre angebracht, oder wenn es unbedingt Rosa bleiben musste, konnte man ja wenigstens darüber nachdenken, den Knopf vorne und das Verbindungsstück zwischen oberer und unterer Hälfte anders zu färben, blau zum Beispiel. Und ein Muster wäre vielleicht auch nicht schlecht, um den Ball ansprechender für das Auge zu machen. »Und diese Vivian hat ihn dir einfach so geschenkt?«

    »Nun ja, nicht einfach so«, entgegnete Bell. »Ich habe ihr einen Tag lang im Labor geholfen. Das war richtig spannend! Ich habe den Forschern dort Floink für ein paar Tests zur Verfügung gestellt… harmlose Tests natürlich! Und dann habe ich bei der Auswertung geholfen. Das war total interessant! Vivian meinte, ich hätte Talent für die Forschung. Äh… und was hast du so in letzter Zeit getrieben?«

    »Trainiert, hauptsächlich«, antwortete ich. »Ach ja, und gestern habe ich einen Kampf gegen Cheren ausgetragen. Ich habe gewonnen.«

    »Ihr beide verliert wirklich keine Zeit, oder?« Bell seufzte tief. »In dem Tempo dauert es wahrscheinlich nur noch ein paar Tage, bis einer von euch sich sogar einen Orden verdient. Und wenn du wirklich gewonnen hast, wirst du es wohl zuerst versuchen, oder?«

    »Äh… also dazu…« Ich kratzte mich am Kopf und überlegte, wie ich ihr schonend beibringen konnte, dass einer von uns sich bereits an einer Arena versucht und dabei sogar den Sieg errungen hatte. Und wie ich es ihr sagen konnte, ohne mich dabei als den Verlierer darzustellen, der noch keinen Orden erhalten hatte. Ich beschloss, es kurz und schmerzlos hinter mich zu bringen. »Cheren hat den Orden von Orion City schon.«

    »Ch-Cheren hat den Triorden?!«, rief sie fassungslos. »Und du hast ihn dann auch noch besiegt? Das glaube ich einfach nicht. Ihr beide… ihr seid einfach unglaublich! Ich könnte wahrscheinlich nie einen Arenaleiter besiegen.«

    »Na ja.« Was sollte ich dazu sagen? Ihre Begeisterung überraschte mich ein wenig. Es war immerhin nicht so, als wären wir gerade beide Champ geworden. »Es ist ja erst der erste Orden, die erste Arena. Wenn wir hier scheitern würden, könnten wir die ganze Reise gleich aufgeben. Uns stehen noch viele Kämpfe bevor, bevor wir gegen die Top Vier antreten können. Ah, aber sag Cheren bitte nichts davon, dass seine Chancen, jemals Champ zu werden, gleich Null stehen.«

    Sie sah mich mit verwirrt gerunzelter Stirn an. »Wie meinst du das? Glaubst du, er schafft es nicht, noch mehr Arenaleiter zu besiegen?«

    »Oh, um die Arenaleiter geht es gar nicht«, entgegnete ich lächelnd. »Das Problem ist, dass ich bereits Champ sein werde, wenn er die Liga erreicht. Und ich bin einfach der beste, da kann Cheren nichts machen.«

    »Angeber«, schnaubte Bell abfällig. »Verdiene du erstmal selbst einen Orden. Ich wette, Cheren wird als erster gegen die Top Vier antreten, so wie er als erster einen Arenaleiter besiegt hat. Er hat nicht nur Talent, sondern ist auch unglaublich klug. Er stützt seine Strategien auf genaueste Kalkulationen. Du dagegen handelst eher instinktiv, habe ich recht? Ich denke, dass du ihm auf Dauer unterlegen sein wirst.«

    »Ach, wirklich?« Sie stand also auf Cherens Seite. Verräterin. »Das werden wir ja sehen.«

    Außerdem lag sie in einem Punkt falsch: Auch ich legte mir Strategien zurecht. Ich mochte nicht so berechnend sein wie Cheren und mich in der Hitze des Gefechts mehr auf mein Gefühl verlassen, aber das bedeutete nicht, dass ich keine Ahnung davon hatte, wie ich die Stärken meiner Pokémon am besten nutzte und ihre Schwächen ausglich – und ich war überzeugt, dass ich das in meinem gestrigen Kampf gegen ihn auch deutlichst unter Beweis gestellt hatte. Bell hatte mich noch nie in einem richtig ernsten Kampf gesehen, sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wozu ich wirklich imstande war.

    Jedenfalls beschlossen wir nun, die Traumbrache gemeinsam zu erkunden, und begaben uns aus dem dicht bewaldeten Abschnitt, in dem ich sie gefunden hatte, zurück zu den eingefallenen Ruinen der ehemaligen Fabrik, die mir nach wie vor ein wenig unheimlich erschienen. Wir passierten den kaputten Gabelstapler, den ich auch vorhin schon bemerkt hatte, doch das Pokémon, welches ich dort gesehen hatte, zeigte sich nicht mehr. Stattdessen trafen wir auf einige Webarak, die sich in einer finsteren Ecke bei einem der alten Lagerhäuser eingenistet hatten und dort offenbar auf Beute lauerten. Bell drängte mich, so schnell wie möglich weiterzugehen.

    Wir betraten das eine oder andere Gebäude, so weit möglich, und fanden sogar eine Treppe in ein Kellergeschoss hinab, die jedoch ab der Hälfte abgebrochen war, sodass wir hätten springen müssen, um hinab zu gelangen. Zudem war es dort unten so stockfinster, dass wir unmöglich erkennen konnten, was uns dort erwartete. Ich vertraute in meine Pokémon, aber manche Dinge sollte ein Trainer, der noch keinen einzigen Orden besaß, doch lieber sein lassen. Vielleicht konnte ich irgendwann zurückkommen, wenn ich stark genug war, mich in diese blanke Dunkelheit hinab zu wagen. Und wenn ich kein furchtsames Mädchen am Arm hängen hatte, das sich so fest daran klammerte, dass es wehtat.

    Währenddessen hing die ganze Zeit über diese seltsame Atmosphäre in der Luft, die ich auch schon beim Betreten der Traumbrache bemerkt hatte. Dieses Gefühl der Zeitlosigkeit, als wäre ich entweder schon Tage hier oder erst Sekunden, obwohl mir mein Verstand klar sagte, dass keines von beidem der Fall war. Vieles war dumpf, anderes dafür überdeutlich. Hin und wieder musste ich anhalten, um die Orientierung wiederzufinden.

    »Spürst du das auch?«, fragte ich Bell nach einiger Zeit. »Etwas an diesem Ort ist seltsam.«

    Sie nickte nur und ließ ihren Blick über die Umgebung schweifen. »Das ist der Traumdunst, das hat jedenfalls Vivian behauptet. Sie hat es mir so erklärt: Somniam und Somnivora verschlingen Träume und setzen dann diesen Traumdunst frei, der gewissermaßen die Manifestation dieser Träume ist. Normalerweise löst sich der Traumdunst schnell auf und hat nur einen geringen bis gar keinen Effekt auf seine Umgebung, aber hier…«

    »Hier ist es anders?«, vermutete ich. »Ist der Traumdunst für… für dieses komische Gefühl verantwortlich?«

    Wieder nickte Bell. »Anscheinend wurden bei der großen Explosion damals auch gewaltige Mengen an Traumdunst freigesetzt… keiner weiß, warum. Aber dieser Traumdunst scheint hier bis heute in der Luft zu liegen. Für manche ist es nicht mehr als ein leichtes Kribbeln auf der Haut, aber jene, die für den Traumdunst empfänglicher sind, geraten wohl in eine Art Trance, haben manchmal sogar Visionen. Es gibt natürlich auch noch Abstufungen dazwischen, manche sind mehr betroffen, andere weniger.«

    »Ah.« Ich presste mir eine Hand gegen die Stirn, hinter der sich inzwischen ein leicht schmerzhaftes Pochen eingenistet hatte. »Daran liegt es also. Wie… ist es für dich?«

    »Eigenartig«, antwortete sie in einem Tonfall, als könnte sie es nicht recht in Worte fassen. Das allein war jedoch schon genug für mich, um sie zu verstehen. »Es kam mir fast vor, als hätte mich Somniam gerufen. Und etwas an diesem Ort ist… drückend, drängend. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll.«

    Schweigend gingen wir weiter, suchten noch nach einem weiteren Zugang zum Keller, nur für den Fall, dass einen von uns doch noch ein unerwarteter Anfall von Abenteuerlust überkam, der uns verrückt genug werden ließ, dort hinunter zu steigen, doch die Suche blieb erfolglos. Schließlich begaben wir uns wieder nach draußen und suchten uns einen geeigneten Platz zum Trainieren, denn das war es ja eigentlich, weshalb ich hergekommen war. Zwischen den spärlichen Überresten der Wände einer Halle nahe des Zentrums der Traumbrache, wo die Auswirkungen des Traumdunstes nicht ganz so stark waren wie an der Treppe in den finsteren Untergrund, ließ ich letztlich meine Pokémon heraus und machte mich an die Arbeit.

    Zurrokex – es hatte im letzten Kampf gegen Serpifeu verloren, weil dessen Grasmixer zu schnell geworden war, als dass es hätte ausweichen können. Ich musste also weiterhin an seiner Geschwindigkeit arbeiten.

    Grillmak – der Neuzugang, den ich noch nicht allzu gut einschätzen konnte. So weit ich wusste, war es allgemein ein agiles, flinkes Pokémon, und da es dem Typ Feuer angehörte, konnte ich ihm sicher einige gefährliche Attacken beibringen.

    Ich nickte und ließ die beiden für den Anfang gegeneinander antreten. Grillmak beherrschte bereits eine Feuer-Attacke namens Einäschern, mit der es auf Zurrokex zielen sollte. Im Gegenzug sollte die kleine Echse versuchen, den Flammen so gut wie möglich auszuweichen. Wenn sie das eine Zeit lang getan hatten, konnten wir einen Schritt weitergehen und uns eine neue Übung überlegen.

    »So trainierst du also deine Pokémon«, stellte Bell interessiert fest. Sie hatte sich auf einen leicht moosigen Felsen gesetzt und sah den beiden Pokémon neugierig bei deren Übungskampf zu. »Ich hatte da schon etwas… Spannenderes erwartet.«

    »Wenn keine anderen Trainer zur Verfügung stehen, gegen die ich kämpfen kann, muss es eben so gehen«, entgegnete ich. »Natürlich ist es meistens am besten, direkt in einem richtigen Kampf Erfahrung zu sammeln, aber gerade bei neuen Pokémon wie meinem Grillmak bietet es sich an, zuerst zu überprüfen, wo seine Grenzen liegen. Und manchmal will man auch bestimmte Eigenschaften verbessern und Techniken genauer einstudieren, ohne dass einem ständig ein Gegner dazwischenfunkt.«

    »Ich verstehe«, meinte sie nickend. »Du kennst dich wirklich aus. Was ist mit Ottaro?«

    Ich sah zu meinem kleinen, blauen Freund hinab, der neben mir stand und sich an einer Sinelbeere gütlich tat, ohne dabei die Augen von den Ziel-und-Ausweich-Übungen seiner Gefährten zu lassen. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. »Ottaro ist gewissermaßen mein Co-Trainer. Und nebenbei mein stärkstes Pokémon. Mit Abstand. Es könnte Zurrokex und Grillmak wahrscheinlich beide auf einmal besiegen. Ich trainiere Ottaro natürlich auch, aber momentan befindet es sich bereits auf einem hervorragenden Stand, deshalb konzentriere ich mich auf die anderen beiden.«

    »Aha«, machte Grünchen und nahm dann ihre eigenen Pokébälle aus ihrer Tasche. Ein normaler rot-weißer, in dem Floink enthalten war, und der rosafarbene mit Somniam darin. »Vielleicht sollte ich auch so etwas ähnliches versuchen. Somniam könnte probieren, Floinks Glut auszuweichen.«

    »Das halte ich für keine gute Idee«, riet ich ihr kopfschüttelnd davon ab. »Soniam ist ein eher behäbiges Pokémon, das hat man auch gesehen, als du es gefangen hast. Es hat Floinks Attacken immer mit Psystrahl abzuwehren versucht. Jedes Pokémon hat einen charakteristischen Kampfstil, dem du nicht einfach deinen eigenen Kampfstil aufzwingen kannst. Es ist wichtig, selbst Ideen zu haben und Taktiken zu entwickeln, also einen eigenen Stil, aber dabei solltest du dich auch an deine Pokémon anpassen – es funktioniert eben nicht nur in eine Richtung. Ihr müsst miteinander harmonieren, wenn ihr gewinnen wollt.«

    »Oh… das klingt alles so kompliziert.«

    »Nicht den Kopf hängen lassen«, versuchte ich sie aufzumuntern. »Es ist im Grunde gar nicht so schwer. Siehst du, meine Pokémon sind allesamt von der flinken, beweglichen Art, deshalb trainiere ich Dinge wie das Ausweichen. Weil es zu ihnen passt. Dein Somniam ist vielleicht nicht so schnell wie Zurrokex und Grillmak, aber kann dafür mehr einstecken oder Attacken besser abwehren – vielleicht solltest du also versuchen, seinen Psystrahl noch präziser und stärker werden zu lassen oder ihm eine Attacke wie Schutzschild beizubringen. Und darauf stützt du dann deine Strategie.«

    Plötzlich erklang ein vernehmliches Rascheln im Gestrüpp am Rande der einstigen Halle. In unserem Gespräch unterbrochen, wandten Bell und ich uns dem Geräusch zu und erblickten daraufhin zwei Männer in seltsamer Kleidung, die nun ebenfalls zwischen die eingefallenen Wände traten. Sie trugen antik wirkende, weiße Tuniken, auf denen ein Wappen prangte, welches ein großes P zeigte, das sich mit einem spiegelverkehrtem Z überschnitt. Die Fremden hatten sich blaue Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, sodass von ihren Gesichtszügen nicht viel zu erkennen war. Sofort hielten meine Pokémon in ihrer Übung inne und musterten leicht verwirrt die eigenartigen Neuankömmlinge.

    Irgendwoher kannte ich diese Sonderlinge doch… dieses Outfit war zu einzigartig, als dass man es so schnell vergessen konnte. Ja, ich war mir sicher…

    »Seid ihr nicht von Team Plasma?«, schien Grünchen neben mir zu der selben Erkenntnis gelangt zu sein. »Ich habe einige wie euch in Gavina gesehen, oder?«

    Ja, Gavina. G-Cis' Rede gegen die Tyrannei der Trainer. Gegen die Unterjochung der Pokémon. Die Bell allerdings nur zur Hälfte mitbekommen hatte. Beinahe musste ich schmunzeln, als ich daran zurückdachte, aber irgendwie war mir gerade nicht nach einem Lächeln – ich vermochte nicht zu sagen, was es war, aber irgendetwas machte mich nervös. Lag es nur an den Blicken dieser Typen, in denen nichts Freundliches lag, oder war es die plötzliche Stille meiner Pokémon, die mich so beunruhigte?

    Was wollte Team Plasma hier? Ging es ihnen nicht darum, die Pokémon vom Joch der Trainer zu befreien? Was machten sie dann an einem Ort wie diesem, an den die Trainer in Scharen strömten, um Pokémon zu fangen und zu trainieren? Irgendetwas war hier faul. G-Cis' Worte – und damit einhergehend auch die Worte jenes jungen Mannes, dem ich auf Route 1 begegnet war, N, die den seinen so sehr geähnelt hatten – spukten mir durch den Kopf. Ich hatte diesem Mann damals in Gavina nicht zustimmen können und ich konnte es auch heute nicht. N jedoch hatte mich ins Grübeln gebracht, so viel musste ich zugeben.

    »Wir sind Team Plasma«, nickte einer der beiden Fremden auf Bells Worte hin. »Wir sind die Verteidiger der Pokémon. Unser Gebieter strebt nach einer Welt, in der die Pokémon frei sind – die Vision einer wundervollen Welt, in der diese mächtigen Wesen ihr gesamtes Potential entfalten können, ungebunden, nicht mehr in Fesseln gelegt von unwürdigen Menschen. Diesem selben Streben haben auch wir uns verschrieben.«

    »Jetzt mal langsam.« Bell hob eine Hand, um dem Redefluss des Plasmas Einhalt zu gebieten, und runzelte die Stirn. »Ich verstehe nicht ganz, worauf ihr hinauswollt. Was soll dieses ganze Gerede von Freiheit und von einer anderen Welt?«

    »Wir erwarten nicht, dass ihr das versteht, Trainer«, ergriff nun der andere der beiden Männer das Wort. »Es sind Leute wie ihr, die für das Leid der Pokémon verantwortlich sind. Ignorante Kinder, denen man beigebracht hat, dass es in Ordnung ist, Pokémon in kleine Gefäße zu sperren und um der eigenen Machtgier willen in blutigen Kämpfen gegeneinander antreten zu lassen. Das können wir nicht länger tolerieren.«

    »Ja, schon klar.« Ich trat einen Schritt nach vorne, dicht gefolgt von Ottaro, und versuchte dabei, so unbeeindruckt wie möglich zu wirken. »Und als nächstes sagt ihr uns, wir sollten unsere Pokémon einfach freilassen, oder besser noch, sie euch geben. Aber habt ihr die Pokémon überhaupt mal gefragt?« N hat Ottaro gefragt, fiel mir wieder ein. Seltsam, dass ich inzwischen kaum noch daran zweifelte, dass er die Wahrheit gesagt hatte – aber konnte er wirklich die Pokémon verstehen? Es war alles so rätselhaft. »Sieht eines der Pokémon hier für euch so aus, als wäre es gegen seinen Willen hier? Wir sind ein Team. Das ist nicht einfach nur eine Meister-Sklave-Beziehung zwischen uns, da ist ein Band, das uns verbindet.« Ich vermochte es nicht auf bessere Weise auszudrücken. Das war einfach, was ich empfand. »Ich werde mich jedenfalls von keinem meiner Pokémon trennen.«

    »Dann klebt an deinen Händen ebenso viel Blut wie an dem aller anderen Trainer!« Simultan zückten die beiden Männer jeweils einen Pokéball, indes der linke von ihnen wieder das Sprechen übernahm, dieses Mal in einem deutlich schärferen Tonfall. »Wusste ich es doch. Ihr Trainer seid alle gleich. In diesem Fall müssen wir eure Pokémon tatsächlich an uns nehmen. Es ist nur zu ihrem Besten, nicht länger einem uneinsichtigen Bengel und einer naiven Göre wie euch beiden folgen zu müssen. Gebt sie uns, oder wir werden sehr ungemütlich, das garantiere ich euch.«

    Die weiß-roten Bälle in ihren Händen zu sehen, machte mich über alle Maßen wütend. Diese Heuchler! Verlangten von Anderen, ihre Pokémon freizulassen, sprachen von Freiheit und dem Ende der Unterdrückung, aber dann besaßen sie selbst welche!

    »B-Black!«, schrie Bell. Sie umklammerte Somniams Heilball mit beiden Händen. »Die meinen es ernst!«

    Nur einen Augenblick später wurden zwei Bälle hoch in die Luft geworfen, öffneten sich und ließen in blauem Licht jeweils ein Pokémon erscheinen. Das eine war nicht größer als mein Ottaro und ähnelte einer Katze mit violettem Fell und großen, leicht schräg stehenden Augen. Felilou – diese Spezies war auf den Routen 1 und 2 keine Seltenheit. Das andere kannte ich dagegen noch nicht. Es hatte zwar entfernt humanoide Gestalt, wirkte dabei aber sehr gedrungen, ohne jedoch schwach zu erscheinen. Seine rote Haut wurde großteils von einem Judo-Gewand verdeckt.

    Bell zog sofort ihren Pokédex zu Rate, durch welchen wir erfuhren, dass wir dort ein sogenanntes Jiutesto vor uns hatten, ein Pokémon, das scheinbar dem zwanghaften Drang unterlag, Gegenstände oder gar andere Lebewesen durch die Gegend zu werfen, vor allem, wenn diese größer waren als es selbst. Mir war sofort klar, dass es vermutlich kein Zuckerschlecken werden würde, dieses Jiutesto zu besiegen, aber das bedeutete nicht, dass ich einfach aufgeben und mir meine Pokémon stehlen lassen würde. Und Bells obendrein. So weit würde ich es nicht kommen lassen, nur über meine Leiche.

    Ich trat vor Bell, die unfähig war, sich von der Stelle zu rühren, indes meine Pokémon sich ohne Kommando vor mir aufstellten, wie ich nicht ohne einen gewissen Stolz feststellte. Sogar Grillmak. »Keine Sorge, Grünchen, ich regle das.«

    Wie um mir zuzustimmen, nahm Ottaro die Kalkmuschel von seinem Bauch und reckte sie den Gegnern herausfordernd entgegen. »Ott-Ottaro!«

    »Ihr wollt es also auf die harte Tour? Na gut!« Der rechte Plasma stampfte einmal wütend mit dem Fuß auf und eröffnete dann den Kampf. »Setze Kratzer ein, Felilou!«

    »Fchaaar!«, fauchte das Katzenpokemon, das ohne zu zögern auf mein Ottaro losging, welches den Angriff geistesgegenwärtig mit seiner Muschel abblockte. Zur gleichen Zeit griff Jiutesto Zurrokex an, welches auszuweichen versuchte, wie wir es bis gerade eben noch geübt hatten, während Grillmak auf eine kurze Anweisung meinerseits hin einen kleinen Schwall ärmlicher Flämmchen auf das Kampf-Pokémon niederregnen ließ, welches sich zwar nicht sonderlich beeindruckt zeigte, dadurch aber zumindest für kurze Zeit ausgebremst wurde, sodass Zurrokex sich näher heranwagen und einen Durchbruch auf dessen Kopf entfesseln konnte. Auch Grillmak verringerte nun die Distanz und ritzte die Haut des Gegners mit einer unnachgiebigen Kratzfurie ein.

    Für ein paar Sekunden befand sich das größere Pokémon tatsächlich in der Defensive, doch dann bekam es Grillmak am Schwanz zu fassen und schleuderte es mühelos davon, ehe es sich wieder Zurrokex zuwandte und erneut angriff. Ich befahl ihm, noch einmal auszuweichen, woraufhin die gelbe Echse sein schlabbriges Fell zusammenraffte und sich zur Seite rollte, doch überraschenderweise war es dieses Mal nicht schnell genug.

    Jiutesto, das ich für eher träge gehalten hatte, beschleunigte plötzlich auf eine Geschwindigkeit, die ich ihm niemals zugetraut hätte, da es dieses Mal nicht von Grillmaks Einäschern-Attacke behindert wurde, packte Zurrokex und klemmte es zwischen seine beiden Hände, mit welchen es daraufhin gnadenlos zudrückte. Mein Pokémon schrie gequält auf, und ich konnte nichts dagegen machen.

    »Ihr selbstgerechten Idioten!«, kreischte Bell. »Ihr redet davon, dass Trainer ihren Pokémon Schmerzen zufügen, aber jetzt seht euch an, was Jiutesto mit Zurrokex macht! Das ist euer Pokémon, eure Schuld, euer Vergehen!«

    »Du irrst dich, junge Dame«, entgegnete derjenige Plasma, dem das Jiutesto gehörte. »Es ist die Schuld deines Freundes. Er hat sich geweigert, seine Pokémon zu übergeben, und wollte unbedingt kämpfen. Jetzt zahlen seine Pokémon den Preis dafür. Wegen ihm und ihm allein! Jiutesto, mach es mit Überkopfwurf fertig!«

    »Jiii!« Das rothäutige Pokemon holte mit der rechten Hand zum Wurf aus, Zurrokex zappelte hilflos zwischen seinen drei Fingern. »Uuuu!« Der Arm schnellte nach vorne, die kleine Echse schrie ihre Angst hinaus. »Testooooo!« Die Finger öffneten sich, Zurrokex wurde in hohem Bogen davon geschleudert und traf schließlich mit voller Wucht auf die bröckeligen Überreste einer Wand der einstigen Fabrik. Es prallte ab und landete hart auf dem Boden, wo es besiegt liegen blieb.

    Fassungslos starrte ich es an. Verloren. Ich hatte diesen Kampf verloren. Gegen einen von diesen Typen… wie hatte das passieren können?

    Nein. Ich schüttelte den Kopf. Noch hatte ich nicht verloren, zumindest nicht den ganzen Kampf. Nachdem ich Zurrokex schnell in seinen Pokéball zurückgerufen hatte, wandte ich mich langsam, fast ein wenig widerwillig, das Schlimmste befürchtend, der anderen Seite des behelfsmäßigen Kampffeldes zu, und obwohl mir mein Verstand sagte, dass Ottaro niemals gegen ein Felilou verlieren würde, konnte ich meine irrationale Angst doch nicht bezähmen. Und tatsächlich sah der Kampf dort ähnlich einseitig aus wie der gegen Jiutesto… nur zugunsten des blau-weißen Otters.

    Ich hätte mir wahrlich keine Sorgen machen müssen.

    Ottaro tänzelte elegant um Felilou herum, wich dabei den scharfen Krallen an dessen Vorderpfoten immer wieder aus und setzte ihm selbst ohne Unterlass mit der scharfkantigen Muschel zu. Ein Treffer, noch einer, immer weiter… das war kein Kampf, das war ein Massaker. Ottaro spielte mit seinem Kontrahenten, zeigte auf fast schon sadistische Weise seine gesamte Überlegenheit und ließ dabei nicht den geringsten Zweifel daran, wer hier das stärkere Pokémon war, bis das violette Kätzchen schließlich mit einem wimmernden Maunzen zusammenbrach und nicht wieder aufstand.

    Aber damit war es noch nicht vorüber, das Wasser-Pokémon hatte noch nicht genug, es suchte sich sogleich den nächsten Gegner – sein Blick fiel unweigerlich auf Jiutesto.

    »Er hat mein Felilou besiegt!«, rief indessen der rechte Plasma entsetzt. »Du niederträchtiger Trainer! Schämst du dich denn gar nicht, den Pokémon solches Leid zuzufügen?«

    »Sagt das meinem Zurrokex, ihr Penner!«, gab ich aufgebracht zurück. Ich wurde von Sekunde zu Sekunde wütender auf diese Heuchler. Es wurde Zeit, ihnen eine richtige Lektion zu erteilen! »Ottaro, gib jetzt alles und mach sie fertig!«

    Das ließ sich mein Partner nicht zweimal sagen. Es zögerte keinen Augenblick lang, auf das körperlich zweifellos überlegene Jiutesto zuzurennen, welches die Arme ausbreitete, um Ottaro wohl mit einer festen Umklammerung zu empfangen, aus der es sich vermutlich so schnell nicht wieder würde befreien können. Es war schneller, als ich zu Beginn gedacht hatte, so viel wusste ich nun. Konnte Ottaro da mithalten? Ich musste mir etwas einfallen lassen, und zwar schnell. Grillmak war inzwischen zu mir zurückgekehrt, nachdem es sich von seinem unfreiwilligen Flug erholt hatte, aber es sah erschöpft aus. Könnte es noch einmal mit einer Feuerattacke unterstützen? Es würde nicht viel ausmachen, wenn Ottaro ebenfalls getroffen wurde, dafür sorgten die Wechselwirkungen der verschiedenen Typen. Aber irgendwie glaubte ich nicht, dass das der richtige Weg war, diesen Gegner zu bezwingen.

    »Kalkklinge!«, befahl ich stattdessen, woraufhin das vertraute Aquamarinblaue Glühen die Muschel umfing. Aquamarinblau… und es sah fast ein wenig wie Wasser aus, das schwerelos durch die Luft schwebte, nur gebunden an Ottaros Muschel… zudem war es eine Wasserattacke. Auf einmal kam mir eine aberwitzige Idee. »Ottaro, werfe die Muschel vor dir flach auf den Boden! Mit Schwung! Und dann… dann spring auf und zeig ihnen, wie ein Wasser-Pokémon surfen kann!«

    »Ta-Taro!«, erklang der bestätigende Ruf, indes der pummelige und doch auch agile Otter wie angewiesen die Muschel in relativ flachem Winkel vor sich auf den Boden warf, wo sie tatsächlich noch ein wenig weiter schlitterte, ehe Ottaro auf sie sprang und ihr dadurch noch einmal neuen Schwung verschaffte, sodass es nun auf seiner Muschel über den Boden surfte und dabei noch eine kurze Aquaknarre über die Schulter gegen eine halb eingestürzte Wand schoss, um noch mehr zu beschleunigen.

    »Was zum?!«, rief der Trainer des Judo-Pokémon, der offenbar mit der Situation überfordert war und nicht wusste, welche Attacke er nun befehlen sollte. Seinem Pokémon ging es nicht anders. Es starrte dem rasant näher kommenden Ottaro mit weit aufgerissenen Augen entgegen und versuchte dann, als es nahe genug heran war, nach ihm zu greifen, doch mein Partner driftete nur gekonnt zur Seite, entging dem halbherzigen Angriff dadurch, und sprang dann hoch in die Luft.

    »Jetzt, Tackle!«

    Mit dem Kopf voran stürzte Ottaro auf Jiutesto hernieder und rammte es dabei mit voller Wucht, sodass sogar dieses robuste Pokémon umgestoßen wurde und stöhnend auf dem harten Grund landete, wo es eine feine Staubwolke aufwirbelte. Ich traute meinen Augen kaum – das war viel zu heftig gewesen, sogar für ein Tackle aus der Luft! Wenn mich nicht alles täuschte, dann… dann hatte Ottaro soeben Kopfnuss erlernt. Yeah! Perfekt!

    Der Gegner versuchte, sich wieder aufzurappeln, aber so weit ließ ich es nicht kommen. Ich befahl noch einmal Kalkklinge, woraufhin Ottaro seine Muschel wieder aufhob und damit ohne Gnade auf Jiutesto losging. Auch Grillmak ließ sich jetzt nicht mehr zurückhalten, sprang von meiner Schulter, auf die es zuvor geklettert war, um einen besseren Überblick über den Kampf zu haben, und setzte ein weiteres Mal Einäschern ein, sodass sowohl der Otter als auch dessen Gegner von zaghaften, nicht sehr gefährlichen, aber dennoch wirksamen Flammen getroffen wurden, die Ottaros feuchter, hitzeresistenter Haut jedoch kaum etwas anzuhaben vermochten, wohingegen Jiutesto deutlich versengt wurde. Feuer und Wasser wurden vereint, bildeten ein Farbenspiel aus Blau und Rot und gaben so dem Pokémon des linken Plasmas endlich den Rest.

    Der Kampf war entschieden. Und trotz des zwischenzeitlichen Rückschlages war ich siegreich daraus hervorgegangen.

    »D-Das kann nicht sein!«, kreischte der rechte der beiden Rüpel, wobei sich seine Stimme überschlug. »Wir sind rechtschaffen! Wie können wir verlieren?«

    Der linke rief indessen ohne ein Wort sein Jiutesto zurück, aber in seinem Gesicht stand der blanke Zorn geschrieben. Doch als er sprach, war seine Stimme geradezu zwanghaft beherrscht. »Also gut, junger Trainer, ganz wie du willst. Quäle deine Pokémon weiter – das wird dich auch nicht retten. Eines Tages werden wir, Team Plasma, alle Pokémon befreien. Unser Gebieter wird eure Augen öffnen und dann werdet ihr euch selbst hassen für das, was ihr getan habt.«

    »Verzieht euch einfach«, knurrte ich ungehalten. Mir fiel es ebenfalls schwer, meinen Zorn zurückzuhalten. »Bevor ich es mir anders überlege und die Polizei rufe. Ihr seid nichts weiter als ein paar hinterhältige Pokémon-Diebe. Ich hätte es schon bei dieser verdächtigen Rede in Gavina ahnen müssen.«

    Keiner der Plasmas entgegnete darauf auch nur ein Wort. Vielleicht waren sie sich, irgendwo in den Tiefen ihres Unterbewusstseins, über ihre eigene Schuld im Klaren. Vielleicht aber glaubten sie auch einfach, dass ihre Worte an mir verschwendet wären – und in gewisser Weise waren sie das auch. Dennoch gingen mir zumindest Ns Worte nicht aus dem Kopf. Er war so anders gewesen als diese beiden, hatte auf mich nicht wie ein Heuchler gewirkt, sondern ernsthaft besorgt um das Wohl der Pokémon. Hatte er etwas mit Team Plasma zu tun? Es fiel mir schwer, mir das vorzustellen, aber ich konnte es nach wie vor nicht ausschließen. Wie konnte es also sein, dass er so nobel gewirkt hatte, wohingegen diese Rüpel nur den Eindruck gemeiner Diebe erweckten? Schließlich wandten sich die beiden ab und verschwanden wieder im dichten Dickicht des überwucherten Teils der Traumbrache, nicht aber, ohne einen bitteren Nachgeschmack auf meiner Zunge zu hinterlassen. Irgendetwas an alldem fühlte sich einfach falsch an. Warum kämpften wir wegen einer Thematik wie dieser? War das nicht genau das Gegenteil von dem, was wir eigentlich tun sollten?

    Eines stand jedenfalls fest. Diese erneute Begegnung mit Team Plasma ließ mich mit viel Stoff zum Nachdenken zurück – das hieß, noch mehr als die erste Begegnung.

    »Unglaublich!«, rief Bell begeistert, als die beiden Mitglieder des Team Plasma verschwunden waren, meinen inneren Konflikt nicht bemerkend. Mit glänzenden Augen sah sie erst Ottaro an und dann… mich. »Du bist so stark! Kein Wunder, dass du Cheren besiegen konntest, obwohl er schon einen Orden hat. Denen hast du's gezeigt!«

    »Mag sein.« Ich hatte nicht einmal die Muße, um verlegen zu sein oder aber zu prahlen. Zu viel schwirrte mir im Kopf herum. »Ich glaube nur, dass das nicht das letzte Mal war, dass wir diese Typen gesehen haben. Außerdem hätten das viele Trainer gekonnt… so stark waren sie auch nicht.«

    »Du sagst das so einfach«, seufzte Bell. »Aber ich wäre ohne dich verloren gewesen. Diese Kerle hätten keinerlei Probleme gehabt, mir meine Pokémon zu stehlen, wenn du nicht hier gewesen wärst. Also… danke, Black. Du hast was gut bei mir.«

    »Hey, wir sind doch Freunde, oder? Ist doch klar, dass ich bei so etwas nicht einfach nur zusehe. Außerdem wollten sie ja auch meine Pokémon stehlen.« Ich lächelte grimmig. »Das wird ihnen hoffentlich eine Lehre sein.«

    »Mhm«, brummte Grünchen zustimmend und nickte. »Aber fandest du das nicht auch ein wenig komisch? Ich meine, was diese Typen gesagt haben. Dass sie die Pokémon vom Joch der Trainer befreien müssten… das gleiche haben sie ja auch in Gavina gesagt, aber damals waren sie viel friedlicher.«

    Das stimmte. Auf dem Hauptplatz von Gavina hatten sie nicht versucht, den Trainern ihre Pokémon wegzunehmen. Dieser G-Cis hatte zwar indirekt dazu aufgefordert, dass die Trainer ihre Pokémon freilassen sollten, aber darüber hinaus hatte er sich nicht feindselig verhalten. Was sollte ich davon halten? Da war N, der angeblich mit Pokémon sprechen konnte. G-Cis, der Reden über die Befreiung der Pokémon hielt. Und jetzt diese beiden, die sich in den Deckmantel der Rechtschaffenheit kleideten, sich dabei aber wie Mitglieder des berüchtigten Team Rocket aufführten. Es war alles so verwirrend. Wie hingen all diese Leute miteinander zusammen?

    »Vielleicht war es ihnen in Gavina einfach zu öffentlich«, mutmaßte ich. »Hier in der Traumbrache sind die einzigen Zeugen die betroffenen Trainer. Vielleicht lag es aber auch daran, dass in Gavina dieser G-Cis dabei war, der ja offensichtlich ihr Anführer ist. Ist ja letztlich auch egal. Fest steht, dass wir in Zukunft auf jeden Fall Vorsicht walten lassen sollten, wenn wir wieder auf Team Plasma treffen.«

    »Du hast recht.« Bell blickte entschlossen auf den Heilball, mit dem sie Somniam gefangen hatte. »Ich werde auch vorsichtig sein, wenn ich Team Plasma noch einmal begegne. Meine Pokémon sollen sie nicht bekommen! Ich muss stärker werden. Ich denke, ich werde hier ebenfalls ein bisschen trainieren… ja… ich werde versuchen, deine Tipps anzuwenden, damit ich mich in Zukunft selbst verteidigen kann.«

    Nach dieser Erklärung ihres Vorhabens beschlossen wir jedoch vorerst, nach Orion City zurückzugehen. Wir beide hatten wohl für einen Tag genug erlebt, und ich wollte Zurrokex lieber mal im Pokémon-Center anschauen lassen, bevor ich es weiter trainieren ließ, trotz des Tranks, den ich ihm nach dem Kampf verabreichte. So streiften wir noch ein bisschen durch die Traumbrache – und nein, ich werde nicht zugeben, dass wir uns verwirrt hatten und erst den Ausgang wiederfinden mussten – und ließen die alte Fabrikruine mit dem wundersamen Traumdunst schließlich hinter uns zurück.

    Sobald wir uns von jenem Ort entfernten, fühlte ich mich, als erwache ich tatsächlich aus einem Traum, als wären meine Sinne gedämpft gewesen und nun wieder klar, und ein schwacher, aber stechender Kopfschmerz begann mich infolgedessen zu quälen. Zugleich fühlte ich mich unglaublich schwer und müde und konnte es kaum erwarten, mich endlich in das Bett in meinem Zimmer im Pokémon-Center von Orion fallen zu lassen.

    Wahrlich, was für ein seltsamer Ort. So schnell würde ich die Traumbrache und alles, was dort geschehen war, wohl nicht wieder vergessen.

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    Die gläserne Tür schwang auf, ein angenehmes Klingeln wie von kleinen Glöckchen erklang. Einige Augenpaare wanderten in Richtung des Eingangs, kehrten jedoch schnell zu den köstlich aussehenden Speisen zurück, die vor den Gästen aufgetischt waren. Als mir deren Duft in die Nase stieg, lief mir das Wasser im Mund zusammen. Hier war ich definitiv an der richtigen Stelle!

    Ich befand mich in einem relativ großen Saal, der bis auf einen schmalen Pfad in der Mitte von Tischen und Stühlen eingenommen wurde, und dabei zu voll und gedrängt zu wirken. Dieses Restaurant wies selbst zu dieser frühen Stunde – es war gerade erst kurz nach neun – bereits eine beträchtliche Zahl an Gästen auf, die offenbar das Frühstücks-Angebot in Anspruch nahmen. Die hintere Wand, so stellte ich fest, bestand größtenteils aus einem roten Vorhang, was einen weiteren angeschlossenen Raum dahinter vermuten ließ.

    Ein hochgewachsener Kellner mit grünen Haaren eilte mit sicheren Schritten von Tisch zu Tisch, nahm Bestellungen auf und überbrachte den Leuten ihr Essen. Als er mich bemerkte, kam er zu mir und und sprach mich in freundlichem Tonfall an: »Willkommen im Arenarestaurant von Orion City, werter Gast. Haben sie eine Reservierung?«

    Ich zückte kommentarlos meinen Trainerpass und hielt ihn dem Keller hin. Dessen Augen weiteten sich überrascht, bevor er kurz nickte. »Ich verstehe. Du willst also das kostenlose, mit Hitze und Spannung geladene Menü in Anspruch nehmen. Warte hier kurz.«

    Er nahm meinen Trainerpass und begab sich dann zur Rezeption, wo ein weiterer Mann im Kellner-Outfit, allerdings mit blauen Haaren, gerade einige Gläser polierte. Nachdem der erste Kellner ihm den Pass zeigte, blätterte der Blauhaarige in einem Kalender und nickte schließlich. Danach kam der Grünhaarige zu mir zurück. »Black Averon aus Avenitia, ja? Du hast einen Termin für halb zehn, stimmt das so?«

    »Ja, genau so ist es«, nickte ich. Ich war vorgestern kurz hier gewesen, um einen Termin für meinen Arenakampf auszumachen – allerdings war dort eine junge Frau an der Rezeption gestanden. Ein erfolgreiches, großes Restaurant wie dieses hatte bestimmt ein paar mehr Mitarbeiter, zumal es ja zur selben Zeit eine Arena war. Nun war ich jedenfalls hier, nachdem ich den gestrigen Tag zum Trainieren in der Traumbrache genutzt hatte – der Vorfall dort ging mir noch immer nicht aus dem Kopf, aber welche bessere Möglichkeit gab es, sich auf etwas Anderes zu konzentrieren, als meinen ersten Kampf gegen einen Arenaleiter?

    Nun kam auch der blauhaarige Kellner herüber, und kurz darauf erschien auch noch ein rothaariger aus der Küche. Als die drei so nebeneinander standen, fiel mir auf, wie ähnlich sie sich eigentlich sahen, bis auf die Frisuren und Haarfarben. Brüder vermutlich. Und ich ahnte auch schon, welche Brüder.

    »Wir dürfen uns vorstellen«, sagten sie unisono, während sie sich kurz verbeugten.

    »Benny«, kam es vom Ersten, der mich an der Tür empfangen hatte.

    »Colin«, nannte der Blauhaarige seinen Namen.

    »Und meine Wenigkeit, Maik«, stellte sich auch der Dritte im Bunde vor.

    »Wir sind die Arenaleiter von Orion City«, fuhren sie wieder in perfektem Gleichklang fort. »Willkommen im Arenarestaurant, Herausforderer!«

    Nun, das nannte ich mal eine Vorstellung! Ich verbeugte mich ebenfalls leicht. »Freut mich, euch kennenzulernen. Ich heiße Black und bin professioneller Arenaordensammler.«

    »Tatsächlich?« Benny zog eine Augenbraue hoch. »Darf ich fragen, wie viele Orden du schon hast?«

    »Keinen«, antwortete ich grinsend. »Professioneller Sammler bin ich trotzdem.«

    »Also an Selbstvertrauen mangelt es ihm schonmal nicht«, stellte Colin fest. »Genau wie diesem anderen, der vor zwei Tagen hier war. Cheren.«

    Ja, es war nun zwei Tage her, dass Cheren seinen ersten Orden verdient hatte, und somit war es ebenfalls zwei Tage her, dass ich gegen ihn gekämpft und gewonnen hatte. Reichte ein Tag des Trainings dazwischen aus? Waren meine Pokémon bereit? Oder mutete ich ihnen zu viel zu? Obwohl ich die Antworten auf all diese Fragen nicht sicher kannte, hatte ich es doch nicht länger abwarten können. Ich musste mir selbst beweisen, dass ich tatsächlich mit Cheren mithalten konnte, auch wenn ich gegen ihn gewonnen hatte, und das ging nur hier, in dieser Arena, die er bereits bezwungen hatte.

    Ich würde Zurrokex noch nicht wieder einsetzen können, dazu hatte es in der Konfrontation mit Jiutesto zu viel einstecken müssen, aber ich war mir sicher, es auch nur mit Ottaro und Grillmak schaffen zu können – wenn ich mich recht entsann, hatte Cheren ebenfalls gesagt, dass er in seinem Kampf gegen den Arenaleiter zwei Pokémon verwendet hatte, als würden es für mich auch nur zwei sein, und keines mehr. Ich vertraute auf den Feueraffen und den Otter – vor allem Letzterer hatte mich in letzter Zeit kein einziges Mal enttäuscht. Und Grillmak würde hier vielleicht die Gelegenheit bekommen, sich zu beweisen.

    Und so war ich nun endlich hier. Im Arenarestaurant der Drillinge Benny, Maik und Colin. Laut Cheren würde ich nur gegen einen von ihnen antreten müssen, aber welcher würde es sein? Der Kontrahent meines Rivalen war Maik gewesen, der ebenfalls ein Grillmak besaß, aber vielleicht würde ich bald Colin oder Benny auf dem Kampffeld gegenüber stehen. Ich musste gestehen, dass bei dem Gedanken an meinen ersten offiziellen Kampf in einer der Arenen der Einall-Liga mein Herz unweigerlich schneller zu schlagen begann. Zu sagen, dass ich aufgeregt war, wäre eine Untertreibung gewesen.

    »Nun denn.« Maik sah auf eine Uhr an der Wand über dem Eingang. »Dein Termin ist zwar erst in zehn Minuten, aber wenn du willst, kann es sofort losgehen, Black.«

    »Nichts wäre mir lieber!«, willigte ich sofort ein.

    »Eines noch.« Benny drehte sich leicht zur Seite und wies wie ein wahrer Kellner mit einer eleganten Geste in Richtung des Vorhangs an der Rückwand des Saales. »Dort hinten befindet sich das Kampffeld, also die eigentliche Arena. Wir können hinter geschlossenem Vorhang kämpfen, wenn dir das lieber ist, oder aber die Gäste des Lokals zusehen lassen. Das ist immerhin eine der Attraktionen in unserem Restaurant: Die Besucher bekommen rasante Kämpfe geboten. Aber wir zwingen niemanden dazu, vor Publikum zu kämpfen, der nicht will.«

    Ah, so war das also, ich hatte mich schon gefragt, was es mit dem roten Vorhang auf sich hatte, der fast ein wenig so wirkte, als verberge sich dahinter eine große Kinoleinwand oder eine Theaterbühne – und eine Bühne war es in gewisser Weise tatsächlich. Eine Bühne für spannungsgeladene Kämpfe zwischen Herausforderern und Arenaleitern. Ich konnte verstehen, warum dieses Restaurant so beliebt war. Wo sonst bekam man so etwas regelmäßig zu sehen, außer im Fernsehen?

    Ich brauchte nicht lange, um diesbezüglich eine Entscheidung zu treffen. »Öffnet bitte den Vorhang. Wenn ich eines Tages Erfolg als Trainer haben sollte, dann werden die Medien wahrscheinlich ohnehin auf mich aufmerksam. Dann werden tausende von Zuschauern jeden meiner Arenakämpfe und meine Kämpfe gegen die Top Vier sehen – besser, ich gewöhne mich schon früh daran.«

    »Das ist die richtige Einstellung.« Im Gegensatz zu Mrs Reloy, die Cheren und mir davon abgeraten hatte, allzu groß zu träumen, streckte Benny nur den Daumen nach oben. »Deine Entschlossenheit gefällt mir. Wenn es dir genehm ist, werde ich dein Gegner sein.«


    Nur wenige Minuten später war es so weit, Benny und ich standen uns an den entgegengesetzten Enden des Kampffeldes der Arena gegenüber, der Vorhang war geöffnet, sodass die Gäste uns sehen konnten, indes Maik und Colin diese weiterhin bewirteten. Die Rolle der Kampfrichterin hatte eine Hilfskraft der Drillinge übernommen, und zwar genau diejenige, bei der ich meinen Termin ausgemacht hatte.

    »Es kämpfen Benny Kolm, einer der hiesigen Arenaleiter, und Black Averon, ein Trainer aus Avenitia«, gab die junge Frau bekannt, die laut Benny eine Praktikantin war, eine Trainerin mit Ass-Trainer-Abschluss, die darauf hinarbeitete, selbst einmal Arenaleiterin zu werden. »Sowohl der Arenaleiter als auch der Herausforderer dürfen jeweils zwei Pokémon einsetzen. Sobald beide Pokémon eines Kampfteilnehmers nicht mehr fähig sind, den Kampf fortzuführen, gilt dieser als der Verlierer. Gibt es noch Fragen?« Nachdem wir beide den Kopf schüttelten, hob sie den Arm und ließ ihn dann ruckartig nach unten fahren. »Dann erkläre ich den Kampf hiermit für eröffnet. Ruft eure Pokémon!«

    »Dann mache ich mal den Anfang.« Neben Benny befand sich ein kleines Podest, auf dem zwei Pokébälle lagen, von denen er nun einen nahm und in die Luft warf. Das Pokémon, das infolgedessen erschien, war mir bereits wohlbekannt: Es war ein Nagelotz, eine Art auf den Hinterbeinen gehender Hamster mit stechenden, rot-gelben Augen. Cheren besaß ebenfalls so eines, außerdem gab es sie auf Route 1 en masse, deshalb besaß ich schon reichlich Erfahrung im Kampf dagegen.

    Ich zog sogleich nach. »Ottaro, du weißt, was zu tun ist!«

    Mein erster Pokéball beschrieb einen hohen Bogen, ehe er schlagartig aufklappte und den Otter mit dem kugelrunden Kopf freigab, der wie stets sofort seine Muschel in die Hand nahm und seinen Gegner mit einem herausfordernden Grinsen zu provozieren versuchte. Doch man merkte Nagelotz an, dass es schon ein alter Hase – oder eher ein alter Hamster – in diesem Geschäft war. Es strafte Ottaro mit geradezu aufreizender Missachtung und wartete geduldig auf die Anweisungen seines Trainers. Schon dieser kleine Unterschied im Verhalten zu den meist sehr hyperaktiven anderen Nagelotz, die ich bisher gesehen hatte, bewies, dass ich es hier nicht mit einem gewöhnlichen Gegner zu tun hatte. Auch wenn es nicht wie ein sehr starkes Pokémon erschien, durfte ich nicht unachtsam werden.

    Benny agierte als erster. »Hypnose!«

    Noch beinahe im selben Moment wandte sich Nagelotz Ottaro schlagartig wieder zu, indes seine Augen auf einmal zu leuchten begannen und der gelbe Ring, der sich durch sie zog, plötzlich wie eine Spirale aussah, die sich um die Pupille drehte. Ottaro sah direkt in diese Augen, die sogar mir ein wenig schwummrig werden ließen, und wurde daher direkt von der Attacke getroffen, die es binnen Sekunden einschläferte. Es kippte nach hinten, die Muschel fiel ihm aus der Hand und es fing an zu schnarchen. Und das sogar ziemlich laut.

    Ein gewöhnlicher Trainer, dem ich auf einer der Routen zwischen den Städten begegnet wäre, hätte nun vielleicht erst einmal kostbare Zeit darauf verschwendet, sich darüber zu freuen, dass sein Plan aufgegangen war, nicht aber Benny. Der gab nur auf konzentrierte Weise den nächsten Befehl, vollkommen losgelöst aus seiner vorherigen Rolle als Kellner, sodass er aufging in seinem zweiten Beruf als einer der Leiter dieser Arena. »Superzahn!«

    Nagelotz verlor keine Zeit, zum vorläufig außer Gefecht gesetzten Ottaro zu sprinten und ihm seine Nagezähne in den Leib zu stoßen, sodass Blut die blaue Haut rot färbte. Doch mein Partner schlief so tief, dass selbst das ihn nicht aus dem Schlummer zu wecken vermochte, sondern ihm nur ein Grummeln entlockte, als hätte es einen Albtraum. Dabei war ich hier derjenige, der in einem wirklichen Albtraum steckte.

    Ich war vollkommen überrumpelt worden.

    Durch Nagelotz' anfängliches Desinteresse hatte ich mich ablenken und in Sicherheit wiegen lassen, aber dann hatte Benny schneller und härter zugeschlagen, als ich es für möglich gehalten hätte. Ich hatte nicht mit Hypnose gerechnet, weil weder Cherens Nagelotz noch sonst eines, das ich kannte, diese Attacke beherrscht hatte – ich hatte mich zu sehr von dem einschränken lassen, was ich von einem Pokémon wie diesem gewohnt war, und dabei nicht genug darauf geachtet, worin es sich von anderen seiner Art unterschied. Dieser Fehler mochte mich nun vielleicht den Sieg kosten.

    »Komm schon, Ottaro!« Mein sonst mit Ideen überfüllter Kopf war wie leergefegt, sodass mir nichts Besseres einfiel, als nach meinem Partner zu rufen. Ich konnte nicht verlieren, nicht auf diese Weise, nicht nachdem Cheren hier gewonnen hatte. Ottaro… Ottaro wusste das ebenfalls. Es war mit derselben Entschlossenheit hierher gekommen wie ich. Wir konnten das schaffen. Wir mussten das schaffen.

    »Na los, Ott«, murmelte ich. »Ich weiß, das ist nicht alles. Du kannst viel mehr. Wir beide können viel mehr.«

    Doch es hörte mich offenbar nicht. Ich biss frustriert die Zähne zusammen, während Benny den Einsatz von Knirscher befahl und sich sein Nagelotz somit ein weiteres Mal daran machte, seinen Gegner – oder im Moment wohl eher sein wehrloses Opfer – zu beißen, wobei seine Zähne dieses Mal scheinbar mit dunkler Energie angefüllt waren. Knirscher war bekanntlich eine Attacke des Typs Unlicht. Nicht gefährlicher für mein Ottaro als Normal-Attacken, aber wenn das so weiterging, würde es dennoch genug sein, ihm den Rest zu geben.

    »Wach auf!«, rief ich und reckte die Faust in die Luft. »Ottaro! Zeig es ihnen! Wach auf!«

    Die Nagezähne senkten sich ein weiteres Mal auf den kleinen Otter hinab… doch trafen sie dieses Mal nur knackend auf harten Kalk, bissen mit ganzer Kraft in die Muschel, die Ottaro geschwind zwischen sich und den Gegner geschoben hatte. Es war wach! Es war tatsächlich wach! »Yeah! Jetzt keine Gnade, setzte Kalkklinge ein!«

    Die Muschel begann in Nagelotz Mund zu erglühen, Ottaro grinste frech und stieß lediglich seine Pfote dagegen, sodass das Hamster-Pokémon hustend und würgend nach hinten taumelte und die Waffe seines Gegners schließlich ausspie, blutige Schürfwunden an den Mundwinkeln. Doch davon ließ sich Benny nicht aus der Fassung bringen. Er streckte die Hand aus. »Noch einmal Hypnose!«

    »Oh nein, dieses Mal nicht«, zischte ich unmittelbar darauf. »Schließ die Augen, Ottaro!«

    »Taro!« Ich hätte es ihm nicht einmal sagen müssen, denn es hatte die Augen bereits von selbst geschlossen. Nagelotz' hypnotischer Blick drang dieses Mal nicht zu ihm durch und schlug fehl. Die feuchte Muschel lag noch immer zwischen den beiden am Boden, was mich dazu brachte, mich an den Kampf gegen die beiden Team Plasma-Mitglieder in der Traumbrache zu erinnern. »Das ist es! Ottaro, mach es wie gestern! Du weißt, wovon ich spreche!«

    »Hm?« Benny hob die Augenbrauen. Da ich keinen bestimmten Attackennamen genannt hatte, konnte er natürlich nicht richtig auf das reagieren, was als nächstes geschehen würde. »Jetzt bin ich aber gespannt.«

    Ottaro legte einen kurzen Sprint hin, sprang dann direkt vor Nagelotz auf die Muschel und glitt auf dieser über den Boden an seinem Kontrahenten vorbei, dem es dabei mit einer Pfote gegen die Brust schlug, um ihn mit dem Schwung der unvermittelten Surfeinlage ins Wanken zu bringen, ehe es ihm eine Aquaknarre gegen den Rücken feuerte, die ihn endgültig zu Fall brachte. Der Nager rappelte sich zwar sofort wieder auf, aber da hatte ich schon den Einsatz von Kopfnuss befohlen, sodass er direkt getroffen wurde und quiekend über das Feld rollte, nur um dann kraftlos einige Meter entfernt liegen zu bleiben.

    Die Kampfrichterin hob die rechte Hand. »Nagelotz ist kampfunfähig! Ottaro gewinnt!«

    Ich atmete erleichtert auf, froh darüber, die erste Runde überstanden zu haben und tatsächlich siegreich aus ihr hervorgegangen zu sein, aber noch erlaubte ich es mir nicht, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Ich musste konzentriert bleiben – freuen konnte ich mich auch noch, wenn ich den ganzen Kampf gewonnen hatte, nicht nur einen Teil davon. Bis dahin war hier noch gar nichts entschieden.

    Seufzend rief Benny sein erstes von zwei Pokémon zurück und strich sich über sein grün gefärbtes Haar. »Nicht schlecht, Black Averon. Das war ein hervorragendes Comeback. Es ist lange her, dass jemand die Hypnose meines Nagelotz so schnell abgeschüttelt hat. Aber ich verspreche dir, mit diesem hier wirst du nicht so leichtes Spiel haben.«

    Damit nahm er den zweiten Ball vom Podest und entließ sogleich das darin enthaltene Pokémon – in blauem Schimmer bildete sich eine Gestalt nicht unähnlich der meines Grillmak, ein affenartiges Wesen mit übergroßen Ohren, doch als der Schemen Farbe annahm, stellte sich schnell heraus, dass es sich nicht um ein Grillmak handelte, sondern um ein Vegimak, das grüne, dem Pflanzen-Typ zugehörige äquivalent von Grillmak sowie Sodamak, welches Cheren in der Trainerschule erhalten hatte. Der Fellbüschel am Kopf, den diese drei Pokémon miteinander gemein hatten, war bei jedem von ihnen anders geformt. Eine Flamme für Grillmak, wohingegen er bei Sodamak wie ein Springbrunnen anmutete und bei Vegimak einem kleinen Baum, jeweils passend zum Typen.

    Pflanze also – eine gute Wahl gegen ein Wasser-Pokémon wie Ottaro, welches zudem bereits geschwächt war. Ich richtete Ottaros Kapsel in dessen Richtung. »Gut gemacht, aber jetzt ruh dich aus. Das hast du dir verdient.«

    Nachdem ich es auf diese Weise zurückgerufen hatte, nahm auch ich einen anderen Ball zur Hand – ich hatte es mir bereits vorher gedacht, aber das hier war tatsächlich die perfekte Gelegenheit für Grillmak, sich zu beweisen. Ich rief das dritte und bislang letzte meiner Pokémon hervor, woraufhin Äffchen gegen Äffchen stand – doch befand ich mich nun nicht mehr im Nachteil, was die Typen anging, sondern im Vorteil. Pflanze mochte Wasser übertrumpfen und Wasser dafür Feuer, aber Feuer wiederum übertrumpfte Pflanze. Das war der grundlegende Kreislauf der drei bekanntesten Typen, zu denen auch die meisten Starter wie Ottaro, Serpifeu und Floink gehörten – absolutes Grundwissen in der Welt der Pokémon.

    Der Kampf ging in die nächste Runde.

    »Dieses Mal beginne ich«, rief ich und deutete mit ausgestreckter Hand auf Vegimak. »Los geht’s, Grillmak, zeig ihm deine Flammen! Einäschern!«

    Grillmak holte tief Luft und spie dann einen Schwall lodernden Feuers auf seinen Gegner, der jedoch seine hohe Geschwindigkeit und Agilität nutzte, um auszuweichen. Aber damit hatte ich schon gerechnet. »Jetzt nutzte deine Krallen, Kratzfurie!«

    Das flinke Feueräffchen stürmte mitten durch Feuer und Rauch und überraschte damit Vegimak, welches jedoch auf eine Anweisung seines Trainers hin Kugelsaat einsetzte und Grillmak dadurch mit einer Salve kleiner, grüner Energiekugeln beschoss. Als es die herannahenden Geschosse erblickte, weiteten sich Grillmaks Augen und es warf sich geistesgegenwärtig zu Boden, sodass die Kugeln über es hinweg flogen, doch wie sich herausstellte, war die Gefahr damit noch nicht gebannt, denn es sollte nur die erste von mehreren solcher Salven sein. So blieb ihm nichts anderes übrig, als immer wieder auszuweichen, indes Vegimak nur auf einer Stelle stand und lediglich die Ausrichtung seines Kopfes änderte, um zu zielen.

    Benny lag ein siegessicheres Lächeln im Gesicht – und er hatte auch alles Recht dazu. Wenn es so weiterging, würde Grillmak schon bald ermüden, und dann würde es unweigerlich getroffen werden. Ich wusste nicht, wie viel mein Pokémon einstecken konnte, dazu hatte ich bislang noch nicht oft genug mit ihm gekämpft… aber es hatte zumindest den Wurf durch Jiutesto recht gut weggesteckt, wobei das im Gegensatz zu Zurrokex nur nebenbei geschehen war und nicht einmal eine richtige Attacke gewesen war. Ich biss mir ärgerlich auf die Unterlippe. Kugelsaat war eine Pflanzen-Attacke… nicht sehr effektiv… sollte ich es wagen?

    »Grillmak«, sagte ich mit lauter Stimme. »Bleib stehen und lass dich treffen.«

    »Was?!«, kam es daraufhin von Benny, und auch die beiden Pokémon wirkten überrascht, vor allem Grillmak, das mir nun einen gehetzten Blick zuwarf, in dem die stumme Frage lag, ob ich meinen Verstand verloren hatte. Ich erwiderte den Blick, ohne mit der Wimper zu zucken, um ihm klar zu machen, dass es zu gehorchen hatte. Manchmal musste ein Pokémon seinem Trainer eben einfach vertrauen – ich hoffte, Grillmak verstand diese Botschaft.

    Es blieb tatsächlich stehen, verharrte schlagartig auf der Stelle – und wurde im nächsten Moment unmittelbar getroffen. Die Energiekugeln detonierten in Grillmaks Gesicht und brachten es ins Wanken. Wild mit den Armen rudernd taumelte es einige Schritte nach hinten. Bangend ballte ich die Hände zu Fäusten… Cheren hatte recht. Manchmal waren meine plötzlichen Einfälle zu riskant. Vielleicht sollte ich doch ein wenig berechnender werden, wie er.

    Dann jedoch fing sich Grillmak auf einmal wieder und fasste sich mit verdutztem Gesichtsausdruck an die Stirn, wo es erwischt worden war – doch war an jener Stelle sein Fell nur ein wenig zerzaust, aber ansonsten schien es unbeschadet davongekommen zu sein. Das war die Bestätigung, die ich gebraucht hatte. »Kümmere dich nicht mehr um die Energiekugeln, sie können dir nichts anhaben. Versuch noch einmal Kratzfurie!«

    Feuer triumphierte wieder einmal über Pflanze… jetzt konnte ich mein Pokémon endlich ohne Rücksicht in den Nahkampf schicken! Meine Idee war noch nicht an ihrem Ende angelangt. Da war noch mehr, und so war ich mir auf einmal sicher, Vegimak nun so gut wie in der Tasche zu haben, und damit meinen ersten Orden. Mein gesamtes Inneres brannte vor Aufregung, sodass ich die Flammen fast aus mir hervorzüngeln zu sehen glaubte.

    Grillmak stürmte nun erneut auf Vegimak zu und ignorierte dabei dessen Kugelsaat komplett, die beinahe wirkungslos an ihm abprallte, was sogar so weit ging, dass es irgendwann begann, die Kugeln einfach beiläufig mit den Händen zu zerschlagen. Aber der grünhaarige Drilling wäre kein Arenaleiter gewesen, wenn das allein schon meinen Sieg bedeutet hätte. Als er erkannte, dass diese Attacke nicht mehr funktionierte, wechselte er ohne lange zu fackeln die Strategie. »Vegimak, halte es auf, Rankenhieb auf seine Beine!«

    Nur noch wenige Schritte trennten die beiden Pokémon voneinander, als das grüne der beiden Äffchen auf einmal eine lange, braun-grüne Ranke aus dem baumförmigen Fellbüschel aus seinem Kopf wachsen ließ und damit nach den Füßen seines Kontrahenten schlug, der zwar versuchte, darüber hinweg zu springen, was jedoch lediglich dazu führte, dass die Ranke schlagartig nach oben schoss, sich um sein rechtes Fußgelenk wickelte und es gewaltsam wieder zurück auf den Boden zerrte, wo es mit voller Wucht aufschlug und ein schmerzerfülltes Kreischen ausstieß. »Griiiiill!«

    Galt so etwas als Boden-Attacke? Unwichtig jetzt. Benny wies seinen Partner an, Kratzer einzusetzen, woraufhin es binnen weniger Augenblicke die restliche Distanz zwischen sich und dem noch immer von der Ranke gefesselten Grillmak überbrückte und mit dem linken Ärmchen weit ausholte. Ich konnte mir nur mit Mühe ein triumphierendes Grinsen verkneifen. Hab ich dich!

    »Jetzt, Grillmak, Schlecker!«

    Benny konnte es natürlich nicht wissen, aber er hatte genau das getan, was ich von ihm gewollt hatte: Er hatte Vegimak dazu gebracht, sich so nahe an Grillmak heranzuwagen, dass die beiden vermutlich gegenseitig ihren Atem im Gesicht zu spüren vermochten – und damit war es in Reichweite für mein Ass im Ärmel. Das Feuer-Pokémon streckte nun eine lange Zunge heraus und leckte dem Gegner damit einmal quer übers Gesicht, woraufhin dieser angeekelt erstarrte und somit auch in seiner Attacke innehielt.

    Ich hatte Schlecker nicht einsetzen können, solange die Distanz nicht gering genug war, aber durch Kugelsaat hatte Benny das Ganze tatsächlich in ein Distanzspiel verwandelt, sodass Grillmak früher oder später die Puste ausgegangen wäre. Also hatte ich beschlossen, das Risiko einzugehen und einige Treffer in Kauf zu nehmen, um im Gegenzug Grillmak vor dem Ermüden zu bewahren und Vegimak dazu zu bringen, sich näher zu Grillmak zu begeben, um dann zuzuschlagen, wenn Benny und sein Pokémon sich am sichersten wiegten. Wenn der Gegner dich eben nicht an sich heranlässt, dann sorge dafür, dass er zu dir kommt – das war der Plan gewesen, und er war voll und ganz aufgegangen.

    »Was machst du denn, Vegimak?« Benny versuchte verzweifelt, das Schlimmste zu verhindern, doch dazu war es schon zu spät. Grillmak nutzte die kurze Starre seines Gegners sofort, um sich von der pflanzenen Fessel zu befreien, und verpasste Vegimak dann mithilfe seiner Krallen eine Reihe gemeiner Kratzer im Gesicht, die es jedoch beinahe regungslos über sich ergehen ließ, vor Ekel noch immer wie gelähmt.

    »Beweg dich, Vegimak!«, rief der Arenaleiter, und tatsächlich schien sein Pokémon sich langsam vom Schock der ekelerregenden Schlecker-Attacke zu erholen. Aber ich hatte nicht vor, den Kampf jetzt noch einmal eine Wendung beschreiben zu lassen. Das war die finale Phase.

    »Keine Gnade!« Grillmak machte sich auf meine Worte hin bereit für den nächsten Angriff und packte dabei das Pflanzenäffchen, das noch immer nicht wieder ganz bei der Sache zu sein schien. »Einäschern!«

    »Griiiillmaaak!«, schallte es über das Kampffeld, bevor sich einmal mehr ein Schwall orange-roten Feuers aus dem Mund des roten Äffchens ergoss und Vegimak aus nächster Nähe ins Gesicht traf. Kreischend riss sich Vegimak los und sprang nach hinten, sein Antlitz leicht versengt, indes mir der Geruch verbrannten Haars in die Nase stieg. Und trotzdem stand es noch! Für zwei, drei unheimlich stille Sekunden sahen sich die beiden Pokémon gegenseitig in die Augen, dann schloss Vegimak diese, kippte vornüber und verabschiedete sich vorläufig von seinem Bewusstsein.

    »Vegimak… wurde besiegt«, verkündete die Praktikantin und hob dabei nur zögerlich die Hand. »Damit gewinnt Black Averon den Arenakampf!«

    Im nächsten Moment brach im ganzen Restaurant ein Applaus los, der mich erschrocken zusammenzucken ließ. Ich hatte in der Hitze des Gefechts vollkommen ausgeblendet, dass es ja gar nicht mal so wenige Zuschauer gab, das hieß, für meinen allerersten Kampf in einer Arena, sodass ich nun völlig unvorbereitet von dieser Welle der Begeisterung getroffen wurde, die über mich hinweg schwappte. Die Gäste des Lokals spendeten laut Beifall, der eine oder andere rief sogar Glückwünsche an mich und mein Team durch den Saal. Erst dadurch wurde mir wirklich bewusst, dass ich tatsächlich gewonnen hatte.

    Benny rief sein Vegimak zurück und sah danach ein paar Sekunden lang nachdenklich auf den Pokéball in seiner Hand. Ich ging solange zu Grillmak, beugte mich zu ihm hinunter und lobte es für seine Leistung, während ich ihm zufrieden über den Kopf streichelte. Grinsend nahm es diese Behandlung an, ehe auch für es die Zeit gekommen war, in seine Kapsel zurückzukehren. Daraufhin kehrte auch langsam wieder Stille in das Arenarestaurant von Orion City ein.

    Zuerst dachte ich, die Leute hätten nun einfach das Interesse verloren, aber nachdem ich bemerkte, dass sie ihre Tischgespräche nicht wieder aufnahmen und stattdessen nach wie vor interessiert in Richtung Kampffeld blickten, wurde mir klar, dass sie auf etwas Anderes warteten. Und dann dämmerte mir auch, auf was.

    Alle drei Arenaleiter traten nun zu mir, Maik und Colin ebenso wie Benny, doch nur Letzterer hielt etwas in seiner Hand. Es war eine kleine Schatulle, gepolstert an der Innenseite, und darin lag er: Der Triorden, und er war genau so, wie ich ihn aus Cherens Ordenbox in Erinnerung hatte. Länglich, in drei Teile untergliedert, rot in der Mitte, blau und grün außen, golden umrandet.

    »Ich muss schon sagen, ich habe diesen Kampf mehr genossen, als ich am Anfang gedacht hätte«, meinte Benny. »Mein Vegimak näher heranzulocken, um es mit Schlecker zu paralysieren… das war allererste Klasse, Black. Darf ich fragen, wie lange du schon Trainer bist?«

    »Mein erstes Pokémon und meine Lizenz habe ich vor etwas mehr als drei Monaten bekommen«, erklärte ich den Drillingen.

    »Drei Monate?« Colin pfiff anerkennend durch die Zähne. »Das macht es nur noch erstaunlicher. Du musst ein Naturtalent sein. Die meisten Trainer brauchen Jahre, bis sie ihren ersten Orden verdienen, von Ass-Trainern einmal abgesehen. Du… bist doch nicht etwa ein Ass-Trainer?«

    »Leider nicht«, musste ich den Kopf schütteln. »Ich war nicht einmal auf einer Trainerschule, deshalb konnte ich keinen Ass-Trainer-Abschluss machen. Ich habe mir alles selbst beigebracht.«

    »Umso erstaunlicher«, äußerte nun auch Maik seine Meinung dazu. »So ein talentierter junger Trainer wie du ist selten… und dann auch noch zwei in einer Woche.«

    »Zwei?« Verwundert runzelte ich die Stirn, aber dann ging mir auf, wen er damit meinte. Cheren natürlich. Wenn ich mich nicht irrte, war es ja Maik gewesen, der gegen meinen Rivalen angetreten war, und der verloren hatte, so wie Benny nun gegen mich. Es wäre zwar genial gewesen, gegen denselben Leiter zu kämpfen wie Cheren, aber vermutlich waren die Drillinge ohnehin alle etwa gleichauf, von dem her konnte ich getrost sagen, dass ich in dieser Hinsicht mit Cheren mithalten konnte. Das war der Ausgleich.

    »Nun denn, zögern wir es nicht länger hinaus.« Benny nahm den Orden aus der Schatulle und reichte ihn mir, woraufhin ich ihn fast schon ehrfurchtsvoll entgegen nahm. Mein erster Orden! »Das ist der Triorden, das Zeichen deines Triumphes in der Arena von Orion City. Du hast ihn dir redlich verdient.«

    Äußerlich versuchte ich noch immer, gelassen zu bleiben, doch innerlich konnte ich meine schiere Freude kaum zurückhalten, sodass ich kurz davor stand, sie einfach hinauszuschreien. Ich hatte es geschafft! Ich hatte tatsächlich einen Orden verdient! Damit fiel eine Anspannung von mir, die mich nicht mehr losgelassen hatte, seit ich mich damals in Professor Esches Labor für Ottaro entschieden hatte… all die Stunden des Trainings hatten sich endlich bezahlt gemacht. All die Befürchtungen, ich könnte vielleicht nicht gut genug sein, könnte womöglich schon am ersten Orden kläglich scheitern und niemals zu den Trainern gehören, die eines Tages die Top Vier herausforderten, all das Bangen und Hoffen, und nun in den letzten Tagen auch die Angst davor, hinter Cheren zurückzufallen, all das löste sich nun auf und sorgte sogar dafür, dass ich für ein paar Augenblicke weiche Knie bekam und das Gefühl hatte, gleich umzukippen. Ich hatte nicht einmal realisiert, wie sehr ich unter Stress gestanden hatte.

    Doch nun war es überstanden. Die erste Etappe war erreicht. Ich befestigte den Triorden in einer der Halterungen in meiner eigenen Ordensbox, ehe ich diese wieder in meiner Tasche verstaute, und nun war ich mir wirklich sicher, dass dies tatsächlich erst der Anfang meiner Reise gewesen war – es würde kein vorzeitiges Ende geben. Ich habe einen Orden. Fehlen noch sieben. Arenaleiter von Einall, macht euch gefasst, denn hier komme ich! Der zukünftige Champ, Black von Avenitia!

    Hätte ich damals gewusst, wie schnell sich Motivation in Reue wandeln konnte, ich wäre vielleicht nicht ganz so voreilig gewesen.

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    Als ich an jenem Tag ins Pokémon-Center zurückkehrte, befand sich dieses in hellem Aufruhr. Eine Vielzahl an Trainern, weit mehr, als ich je zuvor in einem Pokémon-Center gesehen hatte, drängten sich in der Lobby vor den großen Flachbildfernsehern an den Wänden. Schon auf dem Weg hierher hatte ich nicht wenige Sirenen in der Ferne gehört, mir jedoch kaum etwas dabei gedacht, nun aber wurde mein Interesse geweckt. Ich erkannte Bell unter den Leuten in der Lobby, gesellte mich zu ihr und fragte, was das alles zu bedeuten hatte.

    »Sieh dir das an, Black!« Sie deutete aufgeregt auf einen der Bildschirme, wo gerade eine Luftaufnahme der Trainerschule gezeigt wurde… und aus ihr stieg Rauch auf! Die Schüler befanden sich draußen vor dem Haupteingang, Feuerwehr und Polizei waren vor Ort. Ein Brand in der Trainerschule von Orion? Nur drei Tage, nachdem ich dort gewesen war? »Sie berichten schon fast eine Stunde darüber. Jemand ist in die Trainerschule eingedrungen und hat die Pokémon dort gestohlen. Es ist offenbar zu einem Kampf gekommen, und dabei wurde die Schule in Brand gesteckt!«

    Jemand hatte die Pokémon der Trainerschule gestohlen? Das erklärte das gewaltige Polizeiaufgebot davor. Das Feuer schien bereits eingedämmt zu sein, doch laut den Berichterstattern vor Ort wurde das Gebiet weiträumig abgesperrt, um die Übeltäter an der Flucht zu hindern. Allerdings schienen einige der Journalisten dort der Meinung zu sein, dass diese schon längst über alle Berge waren. Zeugen wurden befragt und schilderten Sichtungen seltsamer Gestalten in mittelalterlichen Kostümen… mir war sofort klar, was das zu bedeuten hatte.

    Bell zog dieselben Schlüsse. »Team Plasma!«

    Eine Rede zu halten, um die Leute zum Nachdenken zu bringen, wie sie die Pokémon behandelten… daran war nichts auszusetzen, auch wenn ich nicht mit G-Cis' Ansichten übereingestimmt hatte, vor allem, weil er so sehr gegen Trainer gepredigt hatte. Dann zwei Trainer anzugreifen und ihnen ihre Pokémon stehlen zu wollen, wie es in der Traumbrache geschehen war… das war etwas völlig anderes. Doch ich musste zugeben, dass ich Team Plasma selbst nach jenem Vorfall noch nicht richtig ernst genommen hatte. Nun aber auch noch die Trainerschule auszurauben, wo hunderte von Schülern davon träumten, eines Tages ruhmreiche Pokémon-Trainer zu werden… das ging endgültig zu weit.

    Ich ballte die Hände zu Fäusten, als ich an die Klasse dachte, vor der Cheren und ich unseren Kampf ausgetragen hatten. Diese Pokémon, die dort gestohlen worden waren, waren für diese Kinder bestimmt gewesen, damit sie mit ihnen gemeinsam lernen konnten. Mein Grillmak, und ebenso Cherens Sodamak… sie beide hatten ebenfalls zu diesen Pokémon gehört. Sie befänden sich nun in derselben Zwickmühle, hätte Mrs Reloy sie nicht uns beiden anvertraut. Grillmak, welches mir vor weniger als einer Stunde meinen ersten Sieg in einer Arena eingebracht hatte. Bei dem Gedanken, diese Plasmas könnten es stehlen, geriet mein Blut in Wallung… auf eine zornige, unangenehme Weise.

    Kurz darauf nahm der Polizeichef von Orion zu der Situation Stellung und füllte dabei einige der Lücken in den bisherigen Berichten. Wie es schien, hatte Team Plasma nicht einfach nur die Pokémon gestohlen, sondern kurz davor auch die Lautsprecher der Trainerschule angezapft, woraufhin jemand eine Rede über die Befreiung der Pokémon gehalten hatte, nur allerdings in einem anscheinend weit aggressiveren Tonfall als G-Cis in Gavina. Als die Plasmas daraufhin hatten fliehen wollen, hatte sich ihnen ein Lehrer in den Weg gestellt, der jedoch schnell besiegt worden war. Dabei sei ein Teil der Außenwand des Schulgebäudes zerstört worden und ein Feuer in einem der angrenzenden Räume ausgebrochen, in dem sich zu dieser Zeit jedoch glücklicherweise niemand befunden hatte. Aufgrund der schnellen und disziplinierten Evakuierung der Schule war bis auf den mutigen Lehrer niemand zu Schaden gekommen, Letzterer hatte zum Glück keine lebensgefährlichen Verletzungen davongetragen. Die Polizei bat die Bürger der Stadt um Mithilfe bei der Suche nach den Übeltätern. Dazu wurde eine spezielle Hotline eingerichtet.

    »Es sollte nicht schwer sein, diese Typen mit ihren komischen Outfits zu finden, oder?«, meinte Bell daraufhin. Die Menge der Trainer, die sich vor den Bildschirmen versammelt hatte, begann sich nun langsam aufzulösen. »Sie werden sie bestimmt bald geschnappt haben.«

    »Da wäre ich mir nicht so sicher«, entgegnete ich allerdings. »Du hast doch gehört, was dieser eine Reporter gesagt hat. Als die Polizei eingetroffen ist, war Team Plasma längst verschwunden. Wer weiß, wie weit sie in der Zwischenzeit gekommen sind. Sie könnten sich sonst wo verstecken. Außerdem steht noch nicht fest, ob es wirklich Team Plasma war.«

    Sie runzelte verwirrt die Stirn. »Was meinst du damit? Es wurde doch klar von Typen in seltsamer Aufmachung berichtet, und von einer Rede über die Freiheit der Pokémon. Du hast das doch gerade eben auch gehört, oder etwa nicht?«

    »Mag sein, aber vielleicht war das auch nur jemand, der sich von einer von G-Cis' Reden hat inspirieren lassen«, versuchte ich zu erklären. »Und wie es aussieht, scheinen diese Plasmas hier in der Gegend ja nicht gerade selten zu sein, was bedeutet es also schon, dass in der Nähe ein paar von ihnen gesichtet wurden? Ich will diese Typen nicht verteidigen, wir beide wissen ja, wozu sie imstande sind, und ich bin mir sicher, dass sie wirklich hinter dem Angriff auf die Trainerschule stecken, aber wenn man einmal durchatmet, einen Schritt zurücktritt und die ganze Sache aus einer größeren Distanz betrachtet, dann stellt man fest, dass die Beweise alles andere als eindeutig sind. Und der einzige wirkliche Augenzeuge, dieser Lehrer, wird gerade noch im Krankenhaus behandelt, wenn ich das richtig verstanden habe, und steht erst später für eine Aussage zur Verfügung.«

    »Willst du damit etwa sagen… Team Plasma könnte damit davonkommen? Das… das meinst du doch nicht wirklich ernst, Black?«

    »Leider doch.« Ich fasste mir seufzend an die Cap. »Ich weiß auch nicht so genau, vielleicht irre ich mich auch vollkommen, ich habe einfach kein gutes Gefühl bei der Sache. Wahrscheinlich sind das nur Nachwirkungen der unangenehmen Begegnung gestern. Wo wir gerade dabei sind – ich muss Zurrokex noch abholen. Und eine Schwester müsste kurz mal Ottaro und Grillmak checken, nur um sicherzugehen. Die beiden haben sich in meinem Arenakampf vorhin ordentlich angestrengt.«

    »Du hattest deinen Arenakampf schon?«, fragte sie daraufhin ein wenig enttäuscht. »Warum hast du mir nichts gesagt? Ich wollte auch kommen und zusehen.«

    Nun ja, ein großes Publikum zu haben, gleich bei meinem ersten Kampf in einer Arena, das war kein Problem gewesen, aber wenn Bell dort gewesen wäre, meine beste Freundin seit Kindheitstagen, und mich angefeuert hätte… sagen wir es so, es hätte nicht gerade zu meiner Konzentration beigetragen. Und die hatte ich bitter nötig gehabt, wie man ja am Anfang des Kampfes gesehen hatte, als Benny mich zuerst vollkommen überrumpelt hatte.

    »Wie ist es gelaufen?«, wollte Grünchen wissen. Kommentarlos zückte ich meine blau-schwarze Ordensbox und öffnete sie. Ihre Augen weiteten sich. »Wow, ich habe noch nie einen Orden aus der Nähe gesehen! Wie er glitzert! Oh… jetzt möchte ich auch einen.«

    »Nichts für Ungut, aber so, wie du jetzt bist…«

    »Ich weiß, ich weiß.« Sie winkte beiläufig ab und wirkte nicht sehr bekümmert. »Mir wurde gestern in der Traumbrache deutlich genug vor Augen geführt, wie groß die Lücke zwischen uns beiden ist. Cheren und du, ihr seid einfach talentiert. Ich versuche nur irgendwie, über die Runden zu kommen und dabei meine Reise zu genießen. Ich rechne nicht damit, irgendwann wirklich einen Orden zu verdienen.«

    »Aha.« Ich kratzte mich ein wenig ratlos an der Stirn. Was sollte ich darauf erwidern? Es gab viele Trainer, die nicht unbedingt auf das Verdienen von Orden abzielten, so wie es auch viele Berufe gab, die zwar mit Pokémon zu tun hatten, aber nicht mit Pokémon-Kämpfen. Für beinahe jeden dieser Berufe war es von Vorteil, eine Reise mit einigen eigenen Pokémon erlebt zu haben. Wenn Bell also meinte, sie brauchte keine Orden, dann würde ich ihr definitiv nicht das Gegenteil einreden. Zumal ich wusste, dass sie als Trainerin nicht gerade begabt war – jedenfalls nicht als Kampf-Trainerin. »Also… was willst du dann machen? Ich meine, welches Ziel hast du dir gesetzt? Selbst wenn du keine Orden sammeln willst, musst du doch irgendeine Vorstellung haben, was du mit dem Ganzen hier eines Tages erreichen willst.«

    »Ja… ein paar Gedanken habe ich mir schon gemacht, natürlich.« Sie zuckte mit den Schultern. »Nicht Konkretes. Für den Moment will ich mich einfach treiben lassen und sehen, was daraus wird. Vielleicht werde ich versuchen, so viele Daten wie möglich für den Pokédex zu sammeln. Ja, das könnte ich tun…«

    »Du willst also Professor Esche helfen«, stellte ich nickend fest. »Und du warst ziemlich begeistert vom Labor hier in Orion… wie hieß die Forscherin dort noch gleich? Vivian, oder? Vielleicht solltest du Pokémon-Professorin werden. Du könntest große Entdeckungen wie Professor Eich machen, wer weiß?«

    »Meinst du wirklich?«, fragte sie mit glänzenden Augen, dann straffte sie sich jedoch und räusperte sich verlegen, ehe sie in einem ernsteren Ton, der wohl erwachsen wirken sollte, fortfuhr. »Ich meine, ja, das wäre eine Überlegung wert. Aber das liegt alles noch in ferner Zukunft. Wir sind gerademal in Orion, von hier dauert es mit dem Auto nur ein paar Stunden nach Avenitia, wenn überhaupt.«

    Ich nickte erneut. »Du hast vermutlich recht. Es liegt noch ein weiter Weg vor uns. Und jetzt, da ich meinen Orden habe und die Traumbrache besichtigt habe, hält mich nichts mehr in Orion City. Ich denke, ich werde heute noch Richtung Septerna aufbrechen, über die Route 3, sobald meine Pokémon wieder einigermaßen fit sind.«

    »Äh… könnte ich dann vielleicht mit dir kommen?« Bell versuchte sich an einem entschuldigenden Lächeln. »Ich meine, nur wenn es dir nichts ausmacht. Wenn sich Team Plasma noch in der Gegend herumtreibt… nun ja, vielleicht ist es besser, wenn wir da nicht allein unterwegs sind. Man weiß ja nie, was…«

    »Ich verstehe schon«, sagte ich schmunzelnd.

    »Wirklich?«

    »Ja. Du hast Angst vor Team Plasma, also hängst du dich an den erstbesten starken Trainer, der dir über den Weg läuft, damit er dich beschützt.« Ich konnte es mir nicht verkneifen, bei ihrem verdatterten Blick daraufhin kurz aufzulachen. »Glücklicherweise bin ich tatsächlich stark.«

    »Ja…« Grünchen legte den Kopf schief und schien zu überlegen, ob ich sie gerade aufgezogen hatte, aber vorerst war sie wohl einfach froh, dass ich eingewilligt hatte. »Das bist du wohl.«

    »Aber nur bis Septerna, ja?«, stellte ich klar. Ich wollte nicht riskieren, dass ich sie durch ganz Einall mit mir mitschleppen musste. Nichts für Ungut, aber sie war nunmal nicht unbedingt die perfekte Reisepartnerin. Aus mehrerlei Gründen. Trotzdem verstand ich ihre Sorge und sah ein, dass es tatsächlich besser war, sie bis zur nächsten Stadt zu begleiten, nur um auf Nummer Sicher zu gehen.

    »Okay.« Sie nickte eifrig und ließ sich dann mit einem erleichterten Seufzer in einen der Sessel in der Lobby fallen. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr mich das beruhigt, Black. Ich hoffe nur, Cheren geht es gut. Na ja, wie auch immer… solltest du jetzt nicht mal deine Pokémon untersuchen lassen?«

    »Bin schon unterwegs«, sagte ich, wandte mich von ihr ab und begab mich zur Rezeption, um nach Zurrokex zu fragen und zudem Ottaro und Grillmak untersuchen zu lassen. Das alles dauerte nicht lange, letzteren beiden ging es einigermaßen gut, sodass sie keiner langen Behandlung bedurften, und keine Stunde später befanden wir uns auch schon auf dem Weg nach Septerna City.



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    Die Route 3, die Orion City mit Septerna City verband, war die bislang längste Route, die ich auf meiner Reise durch Einall passierte. Während Route 1 und 2 eher kurz waren, da Avenitia, Gavina und Orion sich dicht beisammen am südöstlichen Ende von Einall drängten, verlief diese Route quer durch das zumeist bewaldete Land bis fast hin zur entgegengesetzten Küste, wo die Ost-Einall-Meerenge den östlichen Teil der Region vom Zentrum trennte, an dessen südlichem Ende Stratos City lag, die Hauptstadt Einalls und eine der größten Millionenmetropolen der Welt, die natürlich auch noch auf der Liste meiner Ziele stand.

    Vorerst galt es jedoch, Bell heil nach Septerna zu bringen. Es war tatsächlich so, dass die Route 3 nicht aus einem einzigen Weg bestand wie die beiden vorherigen Routen, sondern uns eine ganze Reihe von Pfaden zur Auswahl stand. Zum einen gab es die geteerte Straße, die einen ziemlich geraden Verlauf hatte und über die man somit am schnellsten von der einen Stadt in die nächste kam, zum anderen aber auch einige Wege, die sich durch die bewaldete Umgebung zogen und daher gut für Trainer geeignet waren, die darauf aus waren, hier ein paar wildlebende Pokémon zu fangen. Zudem führte der nördlichste Pfad an der Grundwassersenke vorbei, einer Höhle in der Flanke einer steinigen Anhöhe, die aufgrund ihres klaren Wassers und der Vielfalt der Pokémon dort zum Naturdenkmal erklärt worden war – allerdings nicht zum Naturschutzgebiet, weshalb es noch immer erlaubt war, dort Pokémon zu fangen, wenn auch nur in Maßen. So weit ich wusste, waren einige Pokémon Ranger mit der Aufsicht über die Grundwassersenke betraut, sodass die Trainer die Population der Pokémon dort nicht zu sehr beeinträchtigten.

    Das meiste davon hatte ich bereits in der Schule gelernt, in Heimatkunde, wo es hauptsächlich um die Umgebung Avenitias gegangen war, also das südöstliche Sechstel Einalls. Ich konnte mich außerdem vage daran erinnern, dass unsere Klasse in der Grundschule einen Ausflug zur Grundwassersenke unternommen hatte, wo einer der Ranger uns einiges dazu erklärt hatte, wobei Cheren und ich kaum zugehört und nur voller Faszination all die verschiedenen Pokémon dort beobachtet hatten. Einige weitere Informationen konnte ich jedoch auch über meinen Viso-Caster abrufen, sofern ich guten Empfang hatte. Da ein Viso-Caster im Grunde ein Handy war, hatte ich durch ihn natürlich Zugriff auf das Internet. Äußerst praktisch für eine solch große Reise. Es stellte einen Vorteil dar, den Trainer vor nicht einmal zehn Jahren noch nicht gehabt hatten.

    Grünchen und ich schlugen also den nördlichsten Weg ein, entgegen ihrer Proteste, da sie natürlich lieber die Straße nehmen wollte, am besten noch mit dem Bus fahren, aber das ließ ich nicht zu. Ich wollte die Grundwassersenke erkunden und vielleicht eines der Pokémon fangen, die ich damals gesehen hatte. Auf dem Weg dorthin begegneten wir natürlich manch einem anderen Trainer, die jedoch allesamt von mir besiegt wurden, da nicht wenige von ihnen sich erst auf dem Weg nach Orion befanden, um ihren ersten Orden zu verdienen – es kam immerhin nicht jeder aus Avenitia oder Gavina, daher kamen uns auch viele junge Männer und Frauen aus den im Westen gelegenen Gebieten entgegen.

    Als sich der Tag dem Abend neigte, war es an der Zeit, eine Unterkunft für die Nacht zu finden, wollten wir nicht draußen im Wald übernachten. Bell wusste glücklicherweise von einer Pokémon-Pension in der Nähe, deren Besitzer, ein älteres Ehepaar, auch Trainer für einen günstigen Preis übernachten ließen. Solcherlei Pensionen kümmerten sich normalerweise um die Pokémon von Trainern, die zu viele Pokémon hatten und daher einige nicht dauerhaft auf ihrer Reise dabeihaben konnten. Sie stellten somit eine Alternative zu den Forschungseinrichtungen dar, bei denen Pokédex-Besitzer wie wir unsere Pokémon in die Obhut von Forschern wie Professor Esche geben konnten, wodurch wir auch damit halfen, die Pokémon-Forschung voranzutreiben. Nicht jeder Trainer hatte allerdings diese Möglichkeit, und auch nicht jeder verfügte über Familienmitglieder, die sich eventuell um die Pokémon kümmerten, daher waren kurz nach dem Aufkommen der Trainer-Profession auch solcherlei Pensionen allerorts aus dem Boden gesprossen und feierten bis heute eine goldene Blütezeit. Meist wurden sie von ehemaligen Trainern geleitet, die ihren Ruhestand nun damit verbrachten, die Pokémon der nächsten Generation zu pflegen. Es gab sogar ein paar von Ass-Trainern geführte Pensionen, die spezielle Trainingsprogramme anboten und also im Grunde versprachen, dass man sein Pokémon stärker zurückbekam, als man es abgegeben hatte. Das kostete aber auch entsprechend und lohnte sich meist nur für Trainer, die bereits ein paar Orden und somit ein entsprechendes Einkommen vorweisen konnten.

    Wir übernachteten nun also bei der Pokémon-Pension auf Route 3 und setzten unseren Weg am nächsten Tag nach einem üppigen Frühstück, welches die Pensionsleiterin für uns vorbereitete, fort. Wir waren nicht die einzigen Trainer, die die Nacht dort verbracht hatten, und auf einem nahen Kampffeld, das wohl errichtet worden war, um das Kampfbedürfnis der vielen hier vorbeikommenden Trainer zu befriedigen, hatten sich nun tatsächlich einige von ihnen eingefunden, um den Morgen damit zu beginnen, ihr Talent oder auch ihre Unfähigkeit unter Beweis zu stellen.

    »Willst du da nicht mitmachen?«, fragte mich Bell, als ich kommentarlos an meinen Trainer-Kollegen vorüberzog, von denen mir der eine oder andere einen abschätzenden Blick zuwarf.

    Ich schüttelte zur Antwort den Kopf. »Vielleicht, wenn wir bei der Grundwassersenke jemandem begegnen. Zuerst will ich aber dorthin kommen. Mir vielleicht ein neues Pokémon fangen, ein bisschen trainieren, wer weiß. Ich denke, ein guter Trainer zeigt auch mal Zurückhaltung und stürzt sich nicht in jeden noch so kleinen Kampf. Das ist auf Dauer anstrengend und auch schlecht für die Pokémon.«

    »Ah, ich glaube, ich verstehe«, meinte sie nickend und folgte mir, wobei sie mit schiefgelegtem Kopf zu überlegen schien, ob sie vielleicht selbst hätte kämpfen sollen. Es hätte ihr vermutlich nicht geschadet, es wenigstens mal zu versuchen.

    Wir kamen daraufhin gut voran. Der Weg wurde schmaler und überwucherter, je näher wir dem von Rangern geschützten Naturdenkmal kamen, die Straße und somit den Lärm und die Hektik der modernen Welt hatten wir längst hinter uns gelassen. Die Atmosphäre war hier so friedlich, durchzogen vom sanften Rascheln der Blätter im Wind und dem gelegentlichen Ruf eines Pokémon in der Ferne oder hoch am Himmel, man wollte einfach nur die Augen schließen, tief durchatmen und es genießen.

    »Sieh dir das an!« Bell staunte mit großen Augen, als sie ein Webarak sah, in dessen Netz sich ein Illumise verfangen hatte. Das Spinnen-Pokémon krabbelte geschickt auf das hilflose Glühwürmchen zu, dessen Schicksal besiegelt schien.

    »Du verlangst jetzt aber nicht von mir, dass ich da eingreife, oder?« So grausam es auch sein mochte, das war die Natur. Das Webarak, obgleich kleiner als das Illumise, hatte die Oberhand errungen und würde das gefangene Pokémon vermutlich in Bälde verspeisen – das war das Gesetz von Jäger und Gejagtem. Fressen oder gefressen werden. Eines Tages hatte dieses Webarak vielleicht das Pech und wurde von einem Navitaub direkt aus seinem Netz gepickt. Vielleicht entwickelte es sich aber vorher zu einem Ariados und schlug mit starken Giftangriffen zurück. Das war es, was einen Teil der Faszination dieser Welt der Pokémon ausmachte: In den Augen mancher mochte es das blanke Chaos sein, für mich war es eine erstaunliche Vielfalt und Unvorhersehbarkeit.

    »Wir könnten uns einmischen, nicht wahr?«, murmelte Bell. »Es wäre ein Leichtes für Grillmak oder Floink, dieses Netz zu verbrennen. Aber ich frage mich, ob das wirklich in Ordnung ist. Ich meine, es gibt sicherlich viele Trainer, die etwas unternehmen würden, und das Fangen von Pokémon an sich ist doch im Grunde schon ein Eingriff in die Natur… aber das hier, das geht uns nichts an, oder?«

    »Wenn wir nicht gerade wirklich vorhätten, eines von ihnen zu fangen.« Ich schüttelte den Kopf. »Nein, es geht uns nichts an.«

    Erneut fühlte ich mich an N und G-Cis erinnert. Die Freiheit der Pokémon… die Qualen, denen sie durch Trainer angeblich ausgesetzt wurden… zum einen musste ich widersprechen, weil Pokémon offenkundig auch ohne die Menschen litten, wie dieses Illumise hier, zum anderen… es war etwas dran, nicht wahr? Wir griffen ein, wann und wo es uns beliebte. Aber beraubten wir sie dadurch wirklich ihrer ganzen Freiheit? Beschädigten wir den natürlichen Verlauf der Dinge so sehr, dass es irreparabel wurde? Machte es überhaupt einen Unterschied? Pokébälle gab es nun schon seit fast dreißig Jahren, und hatten sie der Umwelt wirklich so sehr geschadet? Aber das war ja auch nicht der Punkt, um den es G-Cis und diesen Fanatikern von Team Plasma zu gehen schien. Interessierte sie die Natur überhaupt oder war ihr Tunnelblick allein auf die Trainer fixiert? Und wie stand es um N?

    Letztlich entschlossen wir uns, das Illumise seinem Schicksal zu überlassen. Mochte ein jeder selbst beurteilen, ob es die richtige Entscheidung war. Wir zogen weiter. Wir würden neuen Pokémon begegnen, und dies war sicher nicht das letzte Mal, dass wir Zeuge eines solchen Vorfalls wurden.

    Änderte das für mich irgendetwas? Nein, nicht wirklich. Ich war Pokémon-Trainer mit Herz und Seele, und das würde ich immer bleiben.


    Im Laufe des Tages merkten wir, wie die Umgebung hügeliger wurde und es vor allem in der Richtung, die wir eingeschlagen hatten, stetig bergauf ging, ein gutes Zeichen dafür, dass wir uns auf dem richtigen Weg befanden. Trotz ihres Namens befand sich die Grundwassersenke keineswegs in einer richtigen Senke, sondern vielmehr in einer Anhöhe, in welche sich das Wasser jedoch so tief hineingegraben hatte, dass es wohl durchaus trotzdem als Senke gelten konnte, nur eben eine unterirdische, in einer weit verzweigten Tropfsteinhöhle, in der sowohl Wasser- als auch Gestein-Pokémon heimisch waren.

    Nach einiger Zeit stießen wir auf einen etwas breiteren Weg, der aus Südwesten kam und dem wir daraufhin folgten, nachdem Bell in ihrem Viso-Caster nachgesehen hatte, ob er direkt zur Senke führte, was er offenbar tat. Entlang dieses Pfades, auf dem auch einige Reifenspuren zu erkennen waren, vermutlich von den Fahrzeugen der Ranger, in deren Einsatzgebiet wir uns inzwischen befinden mussten, gab es ein paar Rastplätze mit kleinen Feuerstellen und zu einer Art natürlichen Bänken drapierten Baumstämmen – sämtliche Materialien, die hier verwendet wurden, entstammten allein der Natur, und dennoch wurde Reisenden, die hier ein wenig ruhen wollten, der größtmögliche Komfort geboten. Man konnte wirklich sehen, wie sehr diese Gegend den zuständigen Rangern am Herzen lag.

    Pokémon-Ranger… das war um ehrlich zu sein auch ein Beruf, den anzunehmen ich an einem Punkt meines bisherigen Lebens in Erwägung gezogen hatte. Mit den Pokémon in deren natürlichen Habitaten zu interagieren und diese darin mithilfe der eigenen Pokémon zu beschützen, war eine Aufgabe, die von Menschen im ganzen Land Anerkennung erfuhr. Ich konnte mich gut an die wenigen Male erinnern, wenn ein Ranger in Avenitia zu Besuch gewesen war – binnen weniger Minuten hatte die gesamte Stadt davon erfahren, und dann war der- oder diejenige wie ein Ehrengast behandelt worden. Gerade an einem Ort wie Avenitia, der in den Augen der Bewohner der Metropolen Einalls ohne Weiteres als ländlich durchging und dessen Einwohner der Natur und den Pokémon ohnehin noch etwas verbundener waren, genossen Ranger den allergrößten Respekt. Ich wäre vermutlich zum großen Helden von Avenitia geworden, hätte ich mich tatsächlich entschieden, ein Pokémon-Ranger zu werden, vielleicht hätte man mir sogar eine Statue errichtet. Der Gedanke gefiel mir seltsamerweise.

    Das Problem war nur, dass man, sobald man einmal ein vollwertiger Ranger war, einem bestimmten Areal zugewiesen wurde und sich dann meist für den Rest seines Lebens um dieses kümmern musste. Zwar konnte, durfte und sollte man sogar durchs Land reisen, solange man sich noch in Ausbildung befand, doch danach… als ich davon erfahren hatte, war mit klar geworden, dass das nicht meine Bestimmung war. Ich wollte die schier grenzenlose Freiheit eines Daseins als Trainer, nur gebunden an meine Partner, die Pokémon, in vollen Zügen genießen – und hier war ich nun, angehender Pokémon-Meister und stolzer Besitzer eines Ordens. Kurzum, ich hatte die richtige Wahl getroffen.

    Nachdem wir jedenfalls an einem jener gemütlichen Rastplätze zu Mittag gegessen hatten, setzten wir unseren Weg zur Grundwassersenke fort, die doch noch ein gutes Stück entfernt lag. Wäre ich allein gewesen, wäre ich wahrscheinlich noch am späten Nachmittag dort angekommen, mit Bell im Schlepptau allerdings schätzte ich, dass die Sonne wohl schon den Horizont küssen würde, wenn wir den Eingang der Höhle erreichten. So oder so würden wir heute noch Fuß in jene Höhle setzen, und wahrscheinlich würden wir dort auch übernachten.

    Das dachte ich zumindest. Doch schon bald sollten die Dinge weiter aus den Fugen geraten, als ich mir je hätte ausmalen können.


    Als sich der Tag dem Abend neigte, meinte Grünchen auf einmal, wir wären für heute weit genug gegangen. Ich merkte zwar an, dass wir nicht mehr weit von der Grundwassersenke entfernt waren, aber darauf erwiderte sie lediglich, dass wir nun ja hier übernachten konnten, sodass wir morgen den ganzen Tag Zeit hatten, sie zu erkunden. Da ich wusste, wie stur sie sein konnte, wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, und sie tatsächlich so wirkte, als würde sie keinen einzigen Schritt mehr weitergehen, solange nicht eine Herde Bisofank hinter ihr her war, gab ich letztlich nach und half ihr dabei, unsere Zelte bei einem der Rastplätze entlang des Weges aufzuschlagen.

    Es wunderte mich um ehrlich zu sein, dass sie damit einverstanden war, im Freien zu nächtigen, aber innerhalb der Grundwassersenke gab es nicht viel weniger Natur als hier, einschließlich unheimlicher oder krabbelnder Pokémon, und von menschlichen Behausungen waren wir ohnehin weit entfernt. Vermutlich fühlte sie sich sicher genug, wenn ich dabei war – nicht, dass ich mich dadurch nicht geschmeichelt fühlte, nur konnte ich wie gesagt nicht meine ganze Einall-Reise als ihr Beschützer verbringen. Irgendwann musste sie lernen, auf eigenen Beinen zu stehen.

    Ich beschloss, dass für den nächsten Morgen ein kleines Spezialtraining für sie angebracht wäre, sodass sie zumindest imstande war, sich im Notfall selbst zu verteidigen, sollte sie tatsächlich einmal von ein paar aggressiven, wilden Pokémon angegriffen werden. Mit Floink und Somniam hatte sie selbst zwei hervorragende Partner, in denen meines Erachtens zumindest genug Potential steckte, ihre Reise zu einem Erfolg zu machen.

    Ob sie mir nun hin und wieder nervig war oder nicht, ich wollte unter keinen Umständen, dass sie aufgab und geschlagen zu ihrem Vater zurückkehrte. Es ging mich zwar nichts an, aber irgendwie wollte ich es ihm ebenfalls zeigen, dass seine Tochter sehr wohl zu einer solchen Reise fähig war. Bell liebte die Pokémon zu sehr, als dass sie einen gewöhnlichen Beruf ohne diese ausüben konnte, wie ihre Familie es vermutlich von ihr verlangte.

    Wir aßen zu Abend, saßen noch ein wenig plaudernd am Lagerfeuer und begaben uns schließlich in unsere Zelte – jedenfalls tat ich so, als würde ich mich ebenfalls schlafen legen, verließ mein Zelt jedoch wieder, sobald ich mir sicher sein konnte, dass sie eingeschlafen war, und nahm dabei meine Pokémon mit. Ich hatte nicht wirklich einen Plan, aber ich war auch noch nicht müde und hatte das Gefühl, dass ich heute noch ein bisschen weiter hätte kommen sollen. Ich war unruhig, wollte etwas tun. Vielleicht fand sich ja ein nachtaktiver Trainer in der Nähe, der Gefallen an einem Kampf in der Dunkelheit fand.

    Nun, dunkel war es hier in diesem Wald nur stellenweise, nämlich dort, wo das Blätterdach zu dicht war, um das Licht des Mondes hindurchzulassen, der heute groß und hell am Himmel stand. Silberner Schimmer sickerte wie morgendlicher Tau durchs Geäst, während ich gen Norden zog, tief die kühle Nachtluft einatmend, die hier draußen weit frischer wirkte als in besiedelten Gebieten. Kaum zu glauben, dass Orion City mit dem Auto nur ein paar Stunden von hier entfernt lag – das hieß, wenn man mit einem Auto bis hierher käme. Denn so nahe an der Grundwassersenke benutzten nicht einmal mehr die Ranger Fahrzeuge, richtige Straßen gab es hier demnach keine.

    Es dauerte nicht lange – obwohl ich zugeben musste, dass ich ein bisschen den Überblick über die Zeit verlor und es daher nicht genau beurteilen konnte, mir kam es jedenfalls nicht lange vor –, da sah ich gelbe Lichter ein Stück voraus, und hörte leise Stimmen. Benutzte dort jemand Taschenlampen? Nein, dazu war es zu grell. Es wirkte eher wie Scheinwerfer. Aber hier draußen? Ich hielt es für besser, vorsichtig zu sein, und verließ den schmalen Pfad, dem ich bislang gefolgt war, kaum mehr als ein Wildwechsel, um mich durchs Dickicht anzuschleichen. Zugegeben, ich war darin nicht gerade talentiert, aber ich gab mein bestes, und ich glaubte tatsächlich, leise genug zu sein, dass mich wer immer da vorne war vermutlich nicht hören konnte.

    Wie sich herausstellte, kamen die Lichter von einer weitläufigen Lichtung im Wald, an deren östlicher Grenze sich ein kleiner Teich befand, in dessen Nähe ich normalerweise das Quaken einiger Mebrana zu hören erwartet hätte, aber vermutlich wagten sich diese aufgrund der nahen Menschen nicht aus ihren Verstecken. Das Leuchten war nun so hell, dass ich mir einen Moment den Arm vor die Augen halten musste, bis diese sich daran gewöhnt hatten, aber als ich schließlich erkannte, woher es stammte, klappte mir fast die Kinnlade herunter und ich konnte mir nur mit Mühe einen überraschten Ausruf verkneifen.

    Dort stand ein Helikopter! Das Licht stammte tatsächlich von Scheinwerfern, und zwar denen dieses Helikopters, der dort offenbar mitten in der Lichtung gelandet war, was nie und nimmer den Vorschriften der Ranger entsprechen konnte. Es war kein gewöhnlicher, kleiner Hubschrauber, sondern ein langer Transporthelikopter mit zwei Rotoren, die Ladeklappen an den Seiten waren geöffnet, einige Männer und Frauen schleppten ein paar anscheinend bis obenhin mit Pokébällen gefüllte Kisten hinein.

    Männer und Frauen in mittelalterlichen Roben, mit einem mir inzwischen nur allzu vertrautem Symbol auf der Brust: Dem P-Wappen von Team Plasma!

    »Das…!« Mir stockte der Atem, als mir klar wurde, was das zu bedeuten hatte. Ich zählte eins und eins zusammen, und… es gab nur einen Schluss. Diese Kisten voller Pokébälle… Team Plasma… der Angriff auf die Trainerschule. »Die gestohlenen Pokémon!«

    Sie hatten ihr Diebesgut also bis hierher geschafft, und nun verluden sie ihre Beute in diesen Helikopter, und dann hieß es auf nimmer Wiedersehen! Natürlich hatte die Polizei in Orion nichts gefunden, wenn Team Plasma sich zur Grundwassersenke zurückgezogen hatte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Ranger auf all diese Plasmas und ihren Helikopter aufmerksam wurden, der wie ein Leuchtfeuer im Wald erstrahlte, aber was konnten ein paar Pokémon-Ranger schon gegen diese Überzahl ausrichten? Es mochte ineffizient erscheinen, all diese Kapseln erst so weit in tiefste Wildnis hinauszuschaffen, aber dachte man darüber nach, war es tatsächlich ein guter Fluchtplan.

    Und wie es aussah, würden die Ranger ohnehin nicht rechtzeitig kommen.

    Verdammt!, fluchte ich innerlich. Team Plasma war anscheinend fast fertig mit dem Verladen der gestohlenen Pokémon. Ein älterer Mann in ausladender, violetter Robe und mit einem hohen, ebenso violetten Hut schien die Aufsicht bei dem Ganzen zu haben, dirigierte die Plasmas wie ein General seine Truppen und führte dabei anscheinend eine Liste über jede einzelne dieser Kisten. Es waren so viele! Konnten sie wirklich alle allein aus der Trainerschule stammen? Oder hatte Team Plasma etwa noch viel mehr Pokémon gestohlen, die nun alle hier zusammengetragen wurden?

    Wenn ich mit dieser Annahme richtig lag, dann würden sich hier gleich nicht nur die für die Schüler bestimmten Pokémon in unerreichbare Lüfte erheben, sondern auch die wertvollen Partner vieler wahrscheinlich am Boden zerstörter Trainer. Selbst wenn ich die Polizei rief… sie würde wahrscheinlich Tage brauchen, um hierher zu kommen. Die Ranger. Wo waren diese verdammten Ranger? Nein, ich konnte mich nicht darauf verlassen, dass in Bälde Hilfe eintraf. Dennoch… ich musste etwas unternehmen, irgendetwas.

    Doch selbst mit einem Orden, was konnte ein einzelner Anfänger wie ich schon gegen all diese Leute ausrichten? Es waren über zwei dutzend Plasmas, den Anführer nicht mitgerechnet, und ich wusste ja inzwischen, wie skrupellos manche von ihnen sein konnten. Alles, was ich dafür bekommen würde, jetzt unbedacht anzugreifen, wäre eine bittere Niederlage, bei der mir all meine Pokémon abgenommen werden würden. Grillmak. Zurrokex. Und sogar Ottaro.

    Das durfte ich nicht zulassen, unter keinen Umständen. Es war eine schreckliche Wahl, meine eigenen Pokémon oder die von wer weiß wie vielen anderen Trainern? Aber es war keine schwere Wahl. Trotzdem… es musste einen Weg geben. Wenn es mir nur gelang, vielleicht einen der Rotoren des Helikopters zu beschädigen, und dann die Flucht zu ergreifen… es würde zumindest etwas Zeit erkaufen, um Hilfe zu holen. Das war wahrscheinlich die beste Vorgehensweise, die ich einschlagen konnte. Aber durfte ich dieses Risiko eingehen? Wenn es misslang… wenn ich erwischt wurde… es war schon riskant genug, die Plasmas nur zu beobachten. Blickte einer von ihnen für nur einen Augenblick in die falsche Richtung, würde ich die Beine in die Hand nehmen müssen.

    »Weiser Violaceus.« Ich bekam mit, wie ein paar Plasmas, die ihren Teil der Arbeit offenbar erledigt hatten, den Leiter dieser Operation ansprachen. So erfuhr ich letztlich auch seinen Namen. »Wir haben uns Gedanken gemacht, ob es nicht besser wäre, die Pokémon jetzt gleich freizulassen.«

    Der Weise Violaceus, wie sie ihn genannt hatten, sah von der Laderampe auf sie herab, wobei ich glaubte, kurz einen missfallenden Ausdruck in seinem Antlitz aufblitzen zu sehen. Einfache Rüpel sollten sich wohl keine Gedanken machen, was? Dennoch fiel seine Antwort milde aus, und er wusste seine Missbilligung offenkundig gut zu verbergen. »Seht her, viele dieser Pokémon wurden aus ihren natürlichen Habitaten in ganz Einall entwendet, manche kommen sogar von außerhalb Einalls. Sagt mir, wie würde es wohl einem normalerweise in der Wüste lebenden Pokémon ergehen, wenn es in einem feuchten Waldgebiet wie diesem ausgesetzt werden würde?«

    Betreten sahen diejenigen, die sich an ihn gewandt hatten, zu Boden, einige andere nahe Plasmas, die das Gespräch anscheinend am Rande mithörten, schüttelten jedoch nur seufzend den Kopf. Ich konnte mir denken, warum. »Aber was geschieht dann mit ihnen? Wie können sie je wieder in ihre Heimat zurückkehren?«

    »Dafür haben wir Experten«, behauptete Violaceus, ohne lange über seine Antwort nachzudenken. »Es wäre nicht im Interesse unseres Königs, es auch nur einem dieser Pokémon schlechtgehen zu lassen, also werden sie genau untersucht, um ihnen einen passenden Lebensraum zuweisen zu können, wo wir sie dann in die Freiheit entlassen, die ihnen zusteht. Ihr dürft nie vergessen, unsere Sache ist gerecht. Die Trainer müssen dafür bezahlen, was sie den Pokémon antun. Wir werden ihnen alle Pokémon nehmen, die sie in die Knechtschaft gezwungen haben, und dann werden wir diese Sklaventreiber selbst in die Knie zwingen, mit aller Härte! Ihnen darf keine Gnade zuteil werden, denn sie haben jedes Recht darauf in dem Moment verwirkt, als sie lebende Wesen in diese kleinen Kapseln gesperrt haben! Das ist es, wofür wir vom Team Plasma kämpfen. Es muss so sein, denn die Natur hat es bestimmt, und der König ist der Natur verbundener als ein jeder von uns. Die Trainer aber, sie sind die Dämonen, die sich an den Pokémon laben und sie schamlos ausnutzen, wir müssen sie behandeln wie die Monster, die sie sind!«

    Zwei der Plasmas mit Bedenken nickten eifrig, der Sprecher allerdings schien aus irgendeinem Grund bedrückt, gab sich aber mit dieser Erklärung offensichtlich zufrieden und zog sich zurück. Violaceus winkte daraufhin einen von denen, die vorher den Kopf geschüttelt hatten, zu sich, flüsterte diesem etwas ins Ohr und deutete dabei auf die drei Zweifler. Der Mann nickte, stellte seine Kiste ab und folgte den dreien daraufhin, um sie vermutlich im Auge zu behalten.

    Ich selbst sah diesen drei Plasmas ebenfalls hinterher, und fragte mich dabei, ob sie tatsächlich so naiv waren, Violaceus seine kleine Geschichte über die Experten, die den gestohlenen Pokémon passende Lebensräume zuwiesen, abzukaufen, oder ob sie wider besseren Wissens den Blick abwandten, weil sie ahnten, welche Folgen es haben würde, sich zu widersetzen. Wie auch immer, es war interessant zu sehen, dass sich innerhalb dieses Team Plasma offenbar nicht alle einig waren – besonders auffällig fand ich auch den wesentlich schärferen Ton, den Violaceus bei seiner Ansprache gerade eben verglichen mit G-Cis eingeschlagen hatte. Da fiel mir ein, dass in den Berichten bezüglich der Durchsage in der Trainerschule auch von einem sehr aggressiven Tonfall die Rede gewesen war. Existierten womöglich sogar mehrere Untergruppen des Team Plasma, die jeweils andere Ansätze verfolgten? Trotzdem mussten sie noch immer zusammengehören, denn wenn ich richtig gehört hatte, gab es jemanden, der noch über diesem Weisen stand… einen König. Verrückte Leute, diese Plasmas, nach wie vor.

    Ich hatte genug gesehen und gehört und mein Glück schon mehr als genug auf die Probe gestellt. Es wäre besser, es nicht noch weiter zu strapazieren, deshalb trat ich den Rückzug an und begab mich zurück ins Unterholz, ohne dabei den Helikopter aus den Augen zu lassen. Erst, als ich gut dreißig Meter zwischen mich und die Lichtung gebracht hatte, wagte ich es, mich umzudrehen, um so schnell wie möglich Verstärkung zu holen.

    Dieser Plan stieß jedoch schon innerhalb der ersten paar Sekunden auf erhebliche Hindernisse.

    Zu sehr auf das bedacht, was vor mir gelegen hatte, war mir das Plasma-Mitglied entgangen, das um die Lichtung patrouillierte und dem ich jetzt direkt in die Arme lief. Das glückliche an der ganzen Sache für mich war, dass er mich scheinbar auch erst im letzten Moment bemerkte, sodass wir beide mit einem überraschten Aufschrei zusammenstießen und dabei über einige Wurzeln stolperten, woraufhin wir polternd zu Fall kamen. Etwas schlug schmerzhaft gegen meinen Rücken, aber ich ignorierte es vorerst und rollte mich sofort von dem Wächter weg, ehe ich mit wild pochendem Herzen versuchte, mich aufzurappeln.

    Er packte jedoch mein Fußgelenk und zerrte mit einem Ruck daran. »Bleib stehen, Trainer! Du kommst nicht davon!«

    »Nein!«, keuchte ich und trat mit dem freien Bein nach seiner Hand, woraufhin er stöhnend losließ. »Ihr seid diejenigen, die nicht damit davonkommen werden, dafür sorge ich!«

    Sobald ich mich von seinem Griff befreit hatte, sprang ich auf und wollte in Richtung Süden sprinten, so weit weg von hier wie nur möglich, aber natürlich waren unser kurzes Ringen und vor allem unsere Schreie dabei nicht unbemerkt geblieben. Mir rutschte das Herz in die Hose, als plötzlich zwei weitere Plasmas vor mir standen, die offenbar ebenfalls auf Patrouille gewesen waren. Indessen erhob sich wankend auch der erste hinter mir wieder, wie ich durch einen Blick über meine Schulter bestätigte.

    Ich saß in der Falle.

    »Ich habe keine Wahl.« Keine Zeit zum Zögern, zum langen Nachdenken. Ich war ein Trainer, also gab es nur eines, was ich in einer solchen Situation tun konnte. Ich zückte zwei Pokébälle auf einmal, entließ die darin enthaltenen Pokémon, und nahm sogleich den dritten zur Hand – es gab keine Regeln, keine Zurückhaltung, ich musste alles einsetzen, was ich hatte. Dies würde mein erster wahrer Kampf werden, es stand alles auf dem Spiel. So bauten sich kurz darauf Ottaro, Zurrokex und Grillmak vor mir auf.

    Auch die Rüpel von Team Plasma entließen ihre Pokémon aus den Kapseln – wieder einmal schienen sie sich nicht davon abhalten zu lassen, selbst diese Teufelsmaschinen namens Pokébälle zu verwenden, obwohl sie diese doch angeblich so sehr verabscheuten. Aber wie auch ich hielten sie sich nicht zurück, sodass ich mich gleich fünf gegnerischen Pokémon gegenüber sah – einem Yorkleff, einem Dusselgurr, zwei Felilou und einem Gladiantri. Letzteres kannte ich bislang nur von Bildern, es sah aus wie ein kleiner Kämpfer in Rüstung, mit Klingenhänden und ebenso einer Klinge am helmartigen Kopf. Demzufolge schätzte ich, dass es sich um einen Stahl-Typen handeln musste.

    »Ganz ruhig, Junge.« Einer der drei Plasmas hob beschwichtigend die Hände. »Das ist hier ja ziemlich schnell aus dem Ruder gelaufen. Pokémon-Kämpfe sind unnötig und grausam, lass uns das also regeln, ohne unsere Pokémon aufeinander loszuhetzen, wie vernünftige Menschen.«

    »Du willst an die Vernunft eines Trainers appellieren?«, fragte derjenige empört, dem ich auf die Hand getreten hatte, die er sich noch immer mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck hielt. Hoffentlich tat es wirklich weh.

    »Das ist jedenfalls besser, als zu kämpfen, oder nicht?«, entgegnete Rüpel Nummer Eins, bevor er sich wieder an mich wandte. »Wie viel hast du gesehen, Junge?«

    Ich warf ihm einen grimmigen Blick zu. »Genug, um zu wissen, dass ihr aufgehalten werden müsst.«

    »Es ist immer dasselbe mit euch Trainern.« Er schüttelte den Kopf. »Ihr könnt einfach nicht verstehen, worum es uns geht. Aber was soll's. Das ändert nichts an dem, was wir tun müssen. Wir werden dich ziehen lassen, unter einer Bedingung.«

    »Lass mich raten, ich soll meine Pokémon abgeben?«, vermutete ich, und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen hatte ich damit direkt ins Schwarze getroffen. »Vergiss es, das wird niemals geschehen. Ihr müsst schon kommen und sie euch holen!«

    Mir ging erst zu spät auf, dass ich diese Aufforderung vielleicht bereuen würde. Der Wortführer unter den drei Wächtern der Lichtung, dem im Übrigen anscheinend das Gladiantri gehörte, seufzte tief und wollte offenbar dazu ansetzen, weiter mit mir zu verhandeln, aber derjenige mit der verletzten Hand kam ihm zuvor. »Das lässt sich einrichten, Pokémon-Schänder. Los, Felilou und Yorkleff, setzt Kratzer und Tackle ein!«

    Die beiden angesprochenen Pokémon setzten sich unmittelbar in Bewegung. Felilou war das flinkere von beiden und fuhr seine Krallen aus, als es auf Grillmak zu hastete, welches ebenfalls mit Kratzer dagegenhielt. Beinahe wäre es dabei jedoch seitlich von Yorkleffs Tackle getroffen worden, aber auf einen Befehl meinerseits hin ging Zurrokex dazwischen und schickte den Welpen mit Durchbruch zurück ins Dickicht. Es kam jedoch nicht dazu, sich über seinen erfolgreichen Angriff zu freuen, da schon im nächsten Augenblick das Dusselgurr des dritten Plasmas aus der Luft auf es herabstieß und ihm mit seinem Schnabel zusetzte. Auch das zweite Felilou griff an, wurde allerdings von Ottaro abgefangen, nur Gladiantri hielt sich zurück und wartete auf eine Anweisung seines Trainers, der jedoch noch immer nicht willens schien, es für einen Kampf zu benutzen.

    Ein Plasma, der sich an sein Wort hielt und tatsächlich davor zurückschreckte, zu kämpfen – es gab sie also tatsächlich. Ich hatte mich schon gewundert, ob diese Organisation denn nur aus Heuchlern bestand.

    Ich konnte mir jedoch nicht erlauben, zu viele Gedanken darauf zu verschwenden, da das Kräfteverhältnis nichtsdestotrotz noch immer vier zu drei gegen uns stand, und es war nur eine Frage von Minuten, vielleicht sogar nur Sekunden, bis Verstärkung für meine Gegner eintreffen würde, und dann wäre alles verloren. Ich musste irgendwie durchbrechen.

    »Grillmak, Zurrokex, haltet die Stellung! Grillmak, ziele mit Einäschern auf Dusselgurr, damit es sich von Zurrokex fernhält! Zurro, kümmere dich um den Nahkampf, ich weiß, du kannst das! Ottaro, zu mir!« Ich rief eine Reihe von Anweisungen, die uns hoffentlich wenigstens für eine Weile die Gegner vom Leib halten würden, und zitierte mein erstes Pokémon dabei zu mir. Aus erwartungsvollen, aber auch entschlossen Knopfaugen sah es zu mir auf. »Ottaro, du bist mein stärkstes Pokémon. Traust du es dir zu, eine Lücke zu schlagen, damit wir entkommen können?« Es nickte eifrig. »Dann hör mir jetzt gut zu…«

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    Als der Kampf im Wald begann, wurde auf der Lichtung gerade die letzte Kiste in den Helikopter verladen, der damit bereit zum Abheben war. Einige Plasmas bemerkten die Geräusche zwischen den Bäumen und das Aufleuchten von Grillmaks Feuer, als dieses Einäschern einsetzte, und machten Violaceus darauf aufmerksam, der – erkennend, was das zu bedeuten hatte – daraufhin ohne langes Zaudern anordnete, unter allen Umständen sicherzustellen, dass der Trainer gefasst wurde, der für diesen Radau verantwortlich war, und dass seine Pokémon befriedet wurden.

    Verstärkung nahte für den Gegner. Aber davon konnte Black natürlich nichts wissen.


    * * *


    Die beiden Felilou griffen gemeinsam an und holten mit ihren scharfen Krallen nach Zurrokex aus, das jedoch nur seine labbrige Haut nach oben zog, die zäh wie Leder war und in welcher sich die Katzenpokémon somit verfingen. Danach ließ die kleine Echse eine Hand mit großer Wucht auf den Kopf des ersten Felilou herabsausen, welches jammernd zusammenbrach. Das zweite konnte sich gerade rechtzeitig losreißen, um demselben Schicksal zu entgehen, und brachte sich hinter einen mit Moos überzogenen Baumstumpf in Sicherheit, hinter dem es sich auch auf Drängen seines Trainers nicht wieder hervorwagte.

    Grillmak kümmerte sich indessen wie verlangt um den fliegenden Gegner, Dusselgurr. Das Flug-Pokémon mit dem grauen Gefieder hielt sich, nachdem es auf schmerzhafte Weise hatte erfahren müssen, wie sich die Flammen des Feueraffen anfühlten, dicht unter dem Blätterdach und ließ von dort mittels seiner Attacke Windschnitt feine, dünne Windsicheln auf das Kampfgebiet herabregnen, die in der Dunkelheit kaum zu erkennen waren, was meinen Pokémon das Ausweichen erschwerte. Doch Grillmak erwies sich als ernstzunehmenderer Konkurrent für das Dussselgurr, als dieses offenbar erwartet hatte: Geschickt kletterte es hinauf ins Geäst und sprang dort flink von Ast zu Ast, sodass der nervös piependen Taube ihr Vorteil der luftigen Distanz genommen wurde. Sein einziger Ausweg bestand in der Flucht in den Himmel hinauf, aber von dort aus könnte es nicht mehr angreifen, da seine Windsicheln von den dichten Baumkronen abgefangen würden. Rat suchend sah es zu seinem Trainer, aber der schien ebenso mit der Situation überfordert – und kurz darauf war es schon zu spät. Mit einem letzten, gewagten Satz brachte sich Grillmak über seinen Gegner und ließ Feuer auf ihn regnen. Mit rauchendem Gefieder stürzte Dusselgurr zu Boden.

    Das war die Gelegenheit, auf die ich gewartet hatte.

    »Ottaro, jetzt! Mach sie fertig!«

    Mein erstes Pokémon gehorchte auf der Stelle. Es feuerte eine Aquaknarre auf den Boden mitten zwischen die Kämpfer und bewegte daraufhin den Wasserstrahl umher, um den gesamten Untergrund aufzuweichen. Die Gegner wichen zum einen überrascht, zum anderen aber auch verwirrt zurück und wunderten sich, dass die Attacke nicht ihnen gegolten hatte – sie ahnten nicht, dass dies nur die erste Phase des Muschelsurfens war, welches ich spontan im Kampf gegen Team Plasma in der Traumbrache ersonnen hatte und welches seither zu einer der effektivsten Attacken meines Ottaro geworden war, innerhalb weniger Tage. Nun waren es erneut Mitglieder des Team Plasma, die es zu spüren bekommen sollten.

    Ottaro nahm seine Muschel, die daraufhin in dem mir mittlerweile so vertrautem Aquamarinblau erglühte, und warf sie mit Anlauf vor sich auf den Boden, um sogleich aufzuspringen und so schnell auf die Gegner zuzuschlittern, dass diese nichts tun konnten, als dem pummeligen Otter verdutzt entgegen zu starren. Ottaro nutzte seinen Schwung und fegte sie mit Kopfnuss vom Feld, gefolgt von einer heftigen Aquaknarre auf denjenigen Plasma, der in dieser Richtung stand und der infolgedessen hustend nach hinten taumelte und sich die Augen rieb, die eine volle Ladung Druckwasser abbekommen hatten.

    Die Lücke war geschlagen. Jetzt musste ich nur noch entkommen!

    »Los, jetzt nur keine Zeit verlieren, mir nach!«

    Ich machte mir nicht erst die Mühe, meine Pokémon wieder in ihre Bälle zurückzurufen, sie würden mir auch so folgen. Es ging nur darum, von hier wegzukommen – und ich würde ihre Hilfe sicher noch brauchen. Vielleicht konnte ich diesen Typen ja durch eine kleine Flammenwand den Weg abschneiden, das hieß, wenn Grillmak noch genug Hitze in seinem Inneren übrig hatte. Nicht jedes Feuer-Pokémon verfügte über unendlich Flammen, viele mussten sich zwischendrin auch mal erholen. Dasselbe galt auch für andere Typen – Ottaro zum Beispiel generierte das Wasser, das es für seine Aquaknarre benutzte, durch spezielle Drüsen im Rachenbereich, die allerdings nicht schnell genug neues Wasser »nachproduzieren« konnten, sollte es zu viele Wasserattacken hintereinander einsetzen, was darin resultierte, dass diese schwächer wurden oder gar nicht mehr verwendet werden konnten. Auch auf solche Dinge musste ein guter Trainer im Kampf achten. Ich kannte Ottaros Grenzen zur Genüge, Grillmaks dagegen noch nicht so ganz.

    Ich kam keine fünf Schritte weit.

    Ottaros unerbittlicher Vormarsch wurde schlagartig zum Halt gebracht, als plötzlich ein kurzer, aber deutlicher Befehl durch den Wald schallte: »Tiefschlag!«

    Der dritte Plasma hatte sich letztlich doch noch entschieden, mit seinem Gladiantri in den Kampf einzugreifen. Letzteres bewegte sich nun unglaublich schnell auf Ottaro zu, wobei seine Klingenhände in finsterem Violett aufleuchteten, und schlug zu, ehe mein Pokémon dazu kam, es von seiner Muschel aus anzugreifen wie die anderen Gegner zuvor. Ottaro wurde von seinem improvisierten Surfbrett gefegt und rollte über den Boden, nutzte jedoch die Wucht, um beinahe sofort wieder auf beide Beine aufzuspringen und so zum Stehen zu kommen. Mit wütend blitzenden Augen stierte es Gladiantri an.

    »Es ist aus, Trainer, die Verstärkung ist hier.« Tatsächlich näherten sich nun durch das Unterholz noch einmal gut ein halbes Dutzend Team Plasma-Mitglieder aus Richtung der Lichtung, von wo aus ich nun das unverwechselbare Geräusch der anlaufenden Rotoren des Transporthelikopters hörte. Offenbar nahm sich dieser sogenannte Weise Violaceus nicht einmal die Zeit, die Kaltstellung des Eindringlings selbst sicherzustellen. »Erspare deinen Pokémon weiteren Schmerz und überlasse sie uns. Schenke ihnen die Freiheit.«

    »Ihr kauft diesem Violaceus-Typen aber auch alles ab, oder?«, entgegnete ich mit zusammengebissenen Zähnen. Ich konnte nur schwer die Wut in mir zurückhalten, sie aus meiner Stimme zu verbannen gelang mir jedoch nicht. Doch noch ein Gefühl schlich sich nun von hinten an mein Herz heran, langsam aber unerbittlich: Angst. Eine kalte Furcht griff nach mir, die Furcht davor, meine Pokémon zu verlieren, mit denen ich noch viel größere Höhen erreichen wollte.

    Meine Reise hing davon ab, mein Traum – der Champ von Einall zu sein, und eines Tages vielleicht der größte aller Trainer. Wenn ich hier verlor… wenn mir hier meine Pokémon genommen wurden… es wäre womöglich ein Rückschlag, von dem ich mich nie wieder erholen würde. Bislang hatte ich die Situation noch halbwegs unter Kontrolle gehabt, war mir sicher gewesen, entkommen zu können, aber nun entglitt sie mir nach und nach. In diesem Augenblick erkannte ich wahrlich, was Menschen damit meinten, wenn sie sagten, dass etwas am seidenen Faden hing.

    Aber das schlimmste war, meine Feinde besaßen die Schere, um diesen Faden zu durchtrennen, wohingegen ich mit leeren Händen dastand.

    »Ha, wenn das mal keine Überraschung ist!« Einer der Plasmas, die mich nun umstellten und dabei eine schier undurchdringlich wirkende Mauer aus menschlichen Körpern bildeten, stieß ein hämisches Lachen aus. »So sieht man sich wieder, junger Trainer! Das nenne ich mal ausgleichende Gerechtigkeit. In der Traumbrache hast du gewonnen, aber jetzt bist du der Verlierer.«

    Ich kannte diesen Mann. Im ersten Moment hatte ich nur verwundert auf sein Gesicht gestarrt, doch sobald er die Traumbrache erwähnte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Er war eines der beiden Plasma-Mitglieder, die Bell und mich angegriffen hatten, kurz nachdem Grünchen ihr erstes Pokémon gefangen hatte. Derjenige mit dem Jiutesto, das mein Zurrokex so übel zugerichtet hatte. Die kleine Echse schien sich ebenfalls an ihn zu erinnern und trat mit einem leider nicht sehr bedrohlich wirkenden Knurren nach vorne.

    »Wie niedlich«, spottete der Plasma und klinkte seinen einzigen Pokéball aus einer Halterung am Gürtel seiner wie ein Kostüm anmutenden Uniform aus. »Es hat wohl noch immer nicht genug. Erteilen wir ihm noch eine Lektion, Jiutesto.«

    Nach dem vertrauten blauen Aufblitzen erschien das humanoide Pokémon mit der roten Haut zwischen uns. Ich biss die Zähne zusammen, indes meine Augen hastig durch die Gegend wanderten. Ein Ausweg, es musste hier irgendwo einen Ausweg geben, irgendeinen! Aber wie ich es auch drehte und wendete, ich war von einer deutlichen Überzahl umzingelt. Es gab nichts, was ich tun konnte, außer bis zuletzt zu kämpfen. Selbst wenn es die sichere Niederlage bedeutete. Es gab nun keine Möglichkeit zur Flucht mehr.

    Der Plasma mit dem Gladiantri, welches noch immer mein Ottaro fest im Auge behielt und es dadurch in Schach hielt, legte seinem Kumpanen beschwichtigend eine Hand auf die Schulter. »Lass es gut sein, es gibt keinen Grund, noch weiter…«

    »Doch, den gibt es.« Es war nicht etwa der Jiutesto-Trainer, der dem widersprach, sondern ich selbst. Nun, da ich eine Entscheidung gefällt hatte, durfte ich mich nicht mehr einschüchtern lassen. Mir war bewusst, dass ich zitterte, nicht in meinen schlimmsten Albträumen hätte ich mir vor meiner Reise ausgemalt, dass es so enden könnte, und doch erlaubte ich es mir nicht, jetzt nachzugeben. »Es gibt viele gute Gründe zu kämpfen. Ich werde meine Pokémon nicht einfach abgeben. Meine Partner. Sie gehören euch nicht. Wenn ihr sie also haben wollt, kommt und holt sie euch!«

    Wie um meine Worte zu unterstreichen, stieß Ottaro einen lauten Ruf aus und reckte seine Muschel entschlossen in die Höhe… und wurde auf einmal von einem strahlend weißen Licht umfangen. Nicht nur ich, sondern auch sämtliche der hier versammelten Plasmas waren kurz gezwungen, sich einen Arm vor die Augen zu halten, so grell war das Leuchten, das von meinem ersten Pokémon ausging, im finsteren Wald so weit abseits jeglicher Siedlungen, manch einer keuchte sogar verdutzt auf.

    Dennoch war wohl keiner hier so erstaunt wie ich selbst, als mir klar wurde, was dort passierte. Ich hatte viel davon gehört. Hatte es unzählige Male in den Dokumentationen über Pokémon gesehen, die ich früher verschlungen hatte, um so viel wie möglich über diese wundersamen Wesen zu erfahren. Aber das war nun das erste Mal, dass ich es mit eigenen Augen sah, aus nächster Nähe: Eine Entwicklung.

    Ottaro hatte wochen- und sogar monatelang mit mir trainiert, war mir ein wertvoller Partner gewesen selbst in den schwierigsten Kämpfen, die ich bislang bestritten hatte. Gegen Cheren. In der Traumbrache. In der Arena. Deshalb war es ihm möglich, eine neue Ebene an Stärke zu erreichen. Eine Ebene, die es ihm erlaubte, sich nun, in meinem bisher verzweifeltsten Moment, zu entwickeln.

    Innerhalb des weißen Lichts veränderte der pummelige Otter seine Form, wurde größer und schlanker. Seine Umrisse veränderten sich, doch viel mehr als das vermochte ich nicht zu erkennen. Dann – der gesamte Vorgang konnte kaum länger als zehn Sekunden gedauert haben – versiegte der mystische Schein der Evolution ebenso schnell wieder, wie er aus dem Pokémon hervorgebrochen war, doch wo zuvor Ottaro gestanden hatte, stand nun seine entwickelte Form, die nächste Stufe.

    Das helle Blau, welches zuvor nur seinen Unterleib eingenommen hatte, erstreckte sich nun über seinen ganzen Körper und wurde nur in der Beingegend und knapp darüber von einer Schicht relativ fest wirkenden, dunkleren Fells überdeckt. Die Muschel in seiner Hand, die außerhalb von Kämpfen für gewöhnlich am Bauch befestigt worden war, war verschwunden, dafür hingen an jener dunkelblauen Fellrüstung – das schien mir ein passender Begriff – gleich zwei davon. Die große, rote Nase war deutlich kleiner geworden, rechts und links von ihr standen nun lange, weiße Schnurrhaare vom Gesicht ab. Am Hinterkopf entsprang zudem eine Art kurze Finne.

    Ich musste meinen Pokédex nicht zurate ziehen, um zu wissen, um welches Pokémon es sich handelte, denn bevor ich mich für Ottaro entschieden hatte, hatte ich mich ausführlich über die Entwicklungsreihen aller drei Starter informiert. Vor mir stand ein Zwottronin, daran bestand nicht der geringste Zweifel.

    »Genial!«, rief ich, für einen Moment sogar die verzwickte Situation vergessend, in der ich mich befand.

    Es bedurfte keiner Anweisung meinerseits, damit Zwottronin sofort loslegte und seine neue Stärke zur Schau stellte. Kaum war das Schimmern der Entwicklung verblasst, sodass es wieder dunkel wurde und unsere geblendeten Augen sich erst wieder an die Finsternis gewöhnen mussten, wie als hätte ein Pokémon die Attacke Blitz verwendet, setzte sich mein Partner in Bewegung und sprintete auf Gladiantri zu, indes es die beiden Muscheln von seinen Beinen nahm wie Schwerter, die es aus den Scheiden zog, um eine neue, bessere, zwei Schneiden nutzende Variante seiner Signaturattacke Kalkklinge zu verwenden.

    Beide Muscheln erstrahlten in jenem Aquamarinblau, das sich selbst nach der Entwicklung nicht verändert hatte, und bildeten somit eine schwache Lichtquelle, die mich und die Männer und Frauen des Team Plasma umhüllte und uns erkennen ließ, was vor sich ging. Zwottronin war erstaunlich schnell – schon im Heransprinten erwies es sich als weit flinker denn zuvor, als es noch ein Ottaro gewesen war, und so wunderte es nicht, dass Gladiantri mit voller Wucht getroffen wurde und ein Stück weit auf dem noch immer von der vorherigen Aquaknarre feuchten Boden nach hinten rutschte. Dabei büßte es seinen festen Stand und somit seine Balance ein, woraufhin es schwankend um Gleichgewicht rang, eine Gelegenheit, die ich mir natürlich nicht entgehen ließ.

    »Aquaknarre!«, befahl ich mit ausgestreckter Hand. Es schien, als hätte ich mich von allen hier am schnellsten von meinem Schreck erholt. Das war vielleicht meine allerletzte Chance. »Und du, Grillmak, steckte die Bäume hinter uns in Brand! Schneide Team Plasma den Weg ab! Zurrokex, verteidigen. Lass Jiutesto dich nicht noch einmal so packen wie letztes Mal!«

    »So nicht, du Wicht!«, rief der aggressivere der beiden Plasmas direkt vor mir und wies sein Jiutesto an, Überwurf einzusetzen, aber ein zweites Mal würde er mich nicht auf diese Weise erwischen.

    »Zurrokex, nach hinten ausweichen!«

    Jiutesto war schnell. Wesentlich schneller, als man es bei seinem gedrungenem Körperbau vermuten mochte – aber auch mein Zurrokex war nicht gerade eines der trägsten Pokémon. Es wartete ab bis zum letzten Augenblick, mit eisernem Willen, und kam meiner Aufforderung dann nach, als sein Gegner es gerade packen wollte. Daraufhin bedurfte es nur eines Wortes von mir, damit Zurrokex gleich dann, als es nach seinem Sprung wieder auf dem Boden aufkam, Sandwirbel einsetzte. Es bückte sich nur kurz, kaum eine Sekunde lang, aber als es schlagartig wieder nach oben schnellte, fegte es mit seiner winzigen Pfote eine gute Ladung Erde in Richtung des rothäutigen Feindes, der sich jedoch geistesgegenwärtig die Hände vors Gesicht hielt und die Attacke so abwehrte.

    Aber das war nicht wichtig, denn es war mir ohnehin nur darum gegangen, Zeit zu schinden, bis Grillmak seinen Teil der Aufgabe erfüllte. Als schließlich die Bäume hinter mir in Flammen aufgingen, sodass ich die schiere Hitze im Nacken spürte und in aller Deutlichkeit hörte, wie einige Plasmas fluchend Schutz vor dem sich ausbreitenden Feuer suchten, trat ich nur zwei Schritte nach vorne in den von Zwottronin durchnässten Bereich. Dort nahm ich eine Haltung ein, die es mir erlaubte, jederzeit loszusprinten, und wartete – wartete darauf, dass mein erstes Pokémon auch noch die letzten Hindernisse beseitigte.

    Gladiantri war so gut wie besiegt, kreuzte zwar noch immer seine Klingenhände mit den Wassermuscheln meines Zwottronin, konnte der entwickelten Kraft meines Partners jedoch kaum etwas entgegensetzen. Jiutesto dagegen setzte weiterhin Zurrokex nach, welches die vorherige Strategie durchgehend wiederholte. Stetig wich es aus und versuchte, Dreck und Erde in die Augen seines Kontrahenten zu wirbeln, jedoch ohne Erfolg.

    Ich musste entkommen. Ich durfte nicht verlieren. Ich hatte keine Zeit mehr. Ich wollte nicht, dass mein Trainer-Dasein hier schon ein Ende fand. Ich konnte das nicht zulassen.

    Zurrokex wird weiter Jiutesto ablenken. Grillmak ist am Ende, es hat sich mit diesem letzten Flammenstoß zu sehr verausgabt, aber es hat gute Arbeit geleistet. Zwottronin wird den Weg frei machen. Es muss den Weg frei machen. Sonst ist das hier das Ende meines Pfades zum Champ. Eine Sackgasse, aus der es kein Zurück gibt.

    »Das reicht, lassen wir die Spielchen. Jiutesto, setze jetzt Bergsturm ein!«

    Was?! Mein Blick fuhr umgehend zu dem roten Judo-Pokemon herum, als ich den Namen dieser Attacke hörte, die mir gänzlich unbekannt war. Ich versuchte zu reagieren, doch aus den Augenwinkeln beobachtete ich noch immer Zwottronin, schlichtweg darauf hoffend, dass Zurrokex schon irgendwie zurechtkommen würde… ein Fehler, den ich später mein Leben lang bereuen sollte. Ich reagierte nicht schnell genug, sodass ich am Ende nur noch zusehen konnte.

    Jiutesto verfiel schlagartig in einen Sprint, in den es scheinbar seine gesamte Kraft steckte. Seine muskulösen Beine traten so heftig auf den feuchten Waldboden auf, dass dieser umgepflügt wurde wie ein lockeres Feld. Zurrokex' Augen weiteten sich in blanker Überraschung, ehe es mit voller Wucht getroffen wurde – von der Art und Weise des Einsatzes her erinnerte diese Attacke stark an ein gewöhnliches Tackle, aber es war unverkennbar weit mehr als nur das. Ich meinte sogar, einen Knochen krackend brechen zu hören, als die kleine, gelbe Echse ungebremst in einen von Flammen umhüllten Baum krachte und sich dabei auch noch einige Verbrennungen zuzog. Es brachte noch genug Willenskraft auf, sich von dem Stamm wegzurollen, durch eine kleine Pfütze, um sich dann wankend wieder aufzurappeln, aber Jiutesto und sein Trainer ließen nicht locker, zeigten ebenso wenig Zurückhaltung wie schon in der Traumbrache.

    »Mach es fertig! Pack es, Geowurf, Überwurf, schleudere es durch die Gegend, haha! So gefällt mir das!«

    Eine große, dreifingrige Hand griff nach Zurrokex, das sich zappelnd wehrte, als es hochgehoben wurde, doch war es wie ein Karpador auf dem Trockenen – hilflos, ausgeliefert, dem Untergang geweiht. Jiutesto holte weit aus und schmetterte das kleinere Pokémon unerbittlich auf den durchweichten und doch schmerzhaft festen Grund vor sich. Doch trotz dieser grausamen Behandlung, trotz des schmerzerfüllten Quiekens, das es beim Aufprall ausstieß, erhob sich Zurrokex erneut, zuerst mit gesenktem Kopf, doch dann sah es zum roten Riesen auf, der nun so bedrohlich über ihm thronte, ungebrochene Entschlossenheit in den Augen.

    »Tz, du hast wohl immer noch nicht genug? Dir zeig ich's! Jiu…«

    »Lass es sein, Bruder.« Erneut legte der gemäßigtere Plasma dem anderen Teammitglied eine Hand auf die Schulter. »Bitte, es ist genug. Es ist besiegt.«

    »Es ist erst besiegt, wenn…!«

    »Jetzt, Zwottronin!« Sollten die beiden ruhig diskutieren, für mich war das genau der Augenblick, auf den ich gewartet hatte! Mit einem letzten Streich brachte das Wasser-Pokémon seinen Gegner vom Typ Stahl und Unlicht zu Fall und feuerte dann eine Aquaknarre auf Jiutesto, die zwar schon deutlich schwächer war als zu beginn des Kampfes, aber wenigstens genug sein sollte, das rothäutige Pokémon kurz abzulenken. »Los, weg hier! Kommt mit!«

    Ich rannte umgehend los. Ich stieß den einen Plasma rücksichtslos zur Seite – leider war es derjenige mit dem Gladiantri, ich hätte lieber den mit dem Jiutesto erwischt, aber letztlich waren sie alle nur Verbrecher – und ergriff die Flucht. Mit Grillmaks kleinem Waldbrand im Rücken sprintete ich in Richtung Freiheit, weg von Team Plasma, weg von jener schrecklichen Zukunft, in der ich all meine Pokémon an diese Typen einbüßte.

    Äste schlugen mir ins Gesicht, aber ich achtete nicht darauf. Ich sah nicht zurück, aber ich achtete auch nicht auf meinen Pfad, lief kreuz und quer, darauf vertrauend, dass meine Pokémon mir folgten. Zwottronin surfte neben mir her, indem es mit stetig schwächer werdenden Aquaknarren den weg vor sich aufweichte, eine Muschel zum Surfen nach vorne warf, diese wieder einsammelte, sobald es an Tempo verlor, und im selben Moment auf die zweite umsprang, und das in stetigem Wechsel. Ein paar Mal strauchelte es, denn es war weit davon entfernt, diese Technik meisterhaft zu beherrschen, aber es erleichterte mich zu wissen, dass es hier bei mir war.

    Ich erlaubte mir keine Rast, und ebenso wenig schlug ich sofort die Richtung ein, in der unser Rastplatz lag – das Letzte, was ich wollte, war, Team Plasma direkt zu Bell zu führen. Sie sollte sicher sein, wo sie jetzt war, das war das wichtigste. So lief und lief ich, bis mir die Beine wehtaten und mir der Atem ausging, sodass ich letztlich gezwungen war, anzuhalten und nach Luft zu schnappen, nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit in vollem Tempo gerannt war. Zwischenzeitlich hatte ich über mir die blinkenden Lichter eines sich schnell in nördliche Richtung bewegenden Flugobjekts gesehen und das unverkennbare Geräusch der Rotoren vernommen, aber wer auch immer von all diesen Plasmas im Helikopter mitgeflogen war – vermutlich befand sich unter ihnen dieser Violaceus – machte sich offenbar nicht die Mühe, aus der Luft im dichten Wald nach mir zu suchen. Trotzdem hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht angehalten, denn es war nicht auszuschließen, dass ein paar von diesen Typen noch immer nach mir suchten.

    Nachdem ich kurz verschnauft hatte, machte ich mich letztlich auf den Weg zurück zu Grünchen. Ich brauchte sie, um die Polizei zu rufen, denn der Akku meines Viso-Casters war leer, ich hatte vergessen, ihn in der Pension aufzuladen. Dadurch wurde es mir auch nicht gerade erleichtert, den Rastplatz wiederzufinden, da mir die nützliche Kartenapp fehlte, aber ein Pokémon-Trainer, der sich in der Natur nicht zurechtfinden konnte, war kein richtiger Pokémon-Trainer. So war es nur eine Frage der Zeit, bis ich unser Lager wiederfand, in welchem Bell noch immer tief und fest schlief. Es betrübte mich, dass ich sie aus ihrem friedlichen Schlummer reißen musste.

    »Bell.« Ich rüttelte sanft an ihrer Schulter. »Bell, wach auf.«

    »Hm… Black? Was ist? Ist es… schon Morgen?«, murmelte sie verschlafen und rieb sich die Augen, indes sie sich in eine sitzende Position aufrichtete, aber sobald sie erkannte, dass es noch finsterste Nacht war, sah sie mich verwirrt an. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich jedoch schlagartig, als sie den meinen sah. »Was ist passiert?«

    »Team Plasma ist passiert. Sie sind hier. Mein Viso-Caster hat keinen Saft mehr, also musst du die Polizei rufen. Oder die Ranger. Am besten beide. Beeil dich.«

    Sie akzeptierte diese Erklärung ohne ein Wort der Widerrede und kramte nach einem kurzen Nicken ihren Viso-Catser, den sie nachts natürlich nicht am Handgelenk trug, aus ihrer Tasche, und schaltete ihn ein. »Was genau soll ich der Polizei sagen?«

    »Sie sollen nach einem großen Transporthelikopter suchen, der von hier aus nach Norden geflogen ist. Da drin befinden sich die Pokémon aus der Trainerschule, und vielleicht noch mehr«, erklärte ich. »Und hier könnten sich auch noch ein paar Plasmas herumtreiben.«

    Ich schilderte ihr in knappen Worten, was geschehen war, was ihr einige entsetzte Laute entlockte, und gab ihr eine kurze Beschreibung von Violaceus, falls die Polizei am Telefon schon etwas über ihn wissen wollte, ehe ich mich schließlich mit einem tiefen Seufzer, in dem all meine Erschöpfung und die nun beinahe gänzlich von mir abfallende Anspannung lagen, hinsetzte und den Rest ihr überließ, froh darüber, dieses wenig erfreuliche Abenteuer irgendwie überstanden zu haben.

    Nachdem ich eine Zeit lang mit geschlossenen Augen tief durchgeatmet hatte, beschloss ich, dass es auch für meine Pokémon an der Zeit war, sich auszuruhen. Ich nahm zwei meiner drei Pokébälle zur Hand. »Grillmak, zurück. Zwottronin, zurück. Ihr habt euch die Erholung wirklich verdient.« Nachdem die beiden von jeweils einem blauen Strahl erfasst worden und in ihre Kapseln zurückgekehrt waren, nahm ich den dritten Ball. »Und du auch, Zurr… Zurrokex?«

    Alarmiert sprang ich auf, als ich plötzlich erkannte, dass mein drittes Pokémon fehlte. Meine Augen schweiften hektisch über den gesamten Rastplatz und das ihn umgebende Dickicht, aber wie sehr ich auch nach ihm Ausschau hielt, es war eindeutig nicht hier. Ich war überzeugt gewesen, dass es dicht hinter mir gewesen war, wie Grillmak und Zwottronin… ich hatte Jiutesto abgelenkt, hatte für die passende Gelegenheit gesorgt. Zurrokex war verletzt gewesen, ja, aber es war gestanden, es war noch nicht besiegt gewesen.

    Das redete ich mir ein, doch als das Bild der mit Blut verschmierten und mit Brandflecken übersäten Echse aus meiner Erinnerung auftauchte, war ich mir nicht mehr so sicher.

    »Verdammt!« Ich ballte die Hände zu Fäusten und haderte kurz, ob ich mich auf die Suche machen sollte… ob ich es wirklich riskieren sollte. Aber mir war klar, dass es nur eine Art und Weise gab, auf die meine Entscheidung letztlich ausfallen konnte.

    »Bell, ich gehe noch mal zur Lichtung!«, rief ich meiner Kindheitsfreundin nur kurz zu. »Zurrokex ist weg!«

    Ich verschwand im Unterholz, bevor sie mich davon abhalten konnte. Sie drehte sich verblüfft um, ich hörte noch, was sie mir hinterher rief, beachtete es jedoch nicht. »Halt, warte, Black, es ist zu gefährlich! Warte, bis die Polizei ankommt!«

    Bis dahin ist es längst zu spät, erwiderte ich in Gedanken, während ich versuchte, noch einmal so zu rennen wie zuvor, aber es war mir einfach nicht möglich. Ich war zu erschöpft. Vielleicht ist es auch jetzt schon viel zu spät.

    Ich konnte nicht mehr, stand kurz vorm Umfallen, aber ich erlaubte mir nicht, jetzt aufzuhören, nicht, wenn es um eines meiner Pokémon ging. Der Wald kam mir noch finsterer vor als zuvor. Eine Wolkendecke hatte sich vor die Sterne und den Mond geschoben, wie um deren Licht auszusperren, und so wurde es auch düster in meinem Kopf, in dem sich nun unruhige, mit Selbstvorwürfen versetzte Gedanken einnisteten.

    Welcher Trainer bemerkte es nicht, dass in einer Situation wie der vorherigen eines seiner Pokémon fehlte? Der Trainer, der sich nur auf sich selbst konzentrierte. Ich hatte mich nicht ein einziges Mal umgedreht, um nach Zurrokex zu sehen, nur auf meine eigene Flucht bedacht, obwohl ich genau gewusst hatte, wie übel Jiutesto es zugerichtet hatte. Ich hätte mich vergewissern sollen, dass es auch wirklich folgte. Ich hoffte nur, dass Team Plasma es nicht gestohlen hatte.

    Schwer atmend eilte ich durchs Dickicht. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich einen tiefen Kratzer, vermutlich von einem Zweig, im Gesicht hatte, aus welchem Blut in mein Auge lief und einen Teil meiner Welt rot färbte, wie als böses Omen. Ich blinzelte und wischte mir mit dem Ärmel über die Augen, aber dadurch wurde es nicht wirklich besser. Mehrmals stolperte ich auf meiner Suche über aus dem Boden ragende Wurzeln, die ich in dieser tiefsten Finsternis nicht rechtzeitig sah. Ich taumelte mehr, als dass ich lief, während mit jedem Herzschlag meine Hoffnung schwand, Zurrokex je wiederzusehen. Vielleicht war es ja entkommen und hatte nur nicht mithalten können. Vielleicht versteckte es sich irgendwo. Vielleicht sollte ich nach ihm rufen. Aber würde ich dadurch nicht die restlichen Plasma-Mitglieder, die vielleicht noch in der Nähe waren, auf mich aufmerksam machen?

    Das war kein Grund, es nicht zu tun. Ich formte mit den Händen einen Trichter vorm Mund. »Zurrokex! Zurrokex, wenn du hier irgendwo steckst, dann gib mir ein Zeichen! Irgendetwas!«

    Keine Antwort. Ich ging weiter. Rief erneut. Ging noch weiter. Aber es blieb still, unheimlich still, sogar die Hoothoots waren verstummt. Ich wusste nicht, wie ich den Weg letztlich fand, aber irgendwann gelangte ich wieder zu der Lichtung, auf der der Helikopter gelandet war. Ich fand problemlos die Stelle, wo ein paar verkohlte Bäume von Grillmaks Feuer zeugten und der Boden vom Kampf aufgewühlt war, doch Zurrokex war auch dort nicht zu finden. Verzweifelt suchte ich den feuchten Grund nach irgendwelchen Spuren ab und rief dazu sogar Grillmak aus dem Ball, um mit einer kleinen Flamme für Licht zu sorgen, bis ich auf einmal fündig wurde: An einer Stelle gab es ein paar Blutflecken und winzige Pfotenabdrücke, die in eine bestimmte Richtung führten – genau jene Richtung, in die ich zu Beginn geflohen war. Es war anfangs also noch bei mir gewesen.

    Mit wild schlagendem Herzen, noch immer das Schlimmste befürchtend, aber auf das Beste hoffend, folgte ich der Fährte. Die Abdrücke wurden undeutlicher, sobald wir die Stelle verließen, die von Zwottronin bewässert worden war, doch die Blutschlieren, die in unregelmäßigen Abständen auf Farnen und Schattenblumen zu finden waren, sprachen ihre ganz eigene Sprache. So viel Blut… es musste schwerer verletzt gewesen sein, als ich angenommen hatte. Hoffentlich ging es ihm gut.

    Ich Idiot, natürlich geht es ihm nicht gut. Und wessen Schuld ist das? Aber was hätte ich tun sollen? Es hieß, ich oder Team Plasma, es stand alles auf dem Spiel… was für eine jämmerliche Ausrede…

    Schließlich erreichte ich eine kleine Lichtung. Exakt in dem Augenblick, als ich dort ankam, riss ein Teil der Wolkendecke auf, sodass der Mond auf die freie Fläche herab schien, die mit weißen Blumen bewachsen war, von welchen manche nun mit roten Tupfern versehen waren. In der Mitte der Lichtung kniete ein junger Mann mit langen, grünen Haaren. Auch auf seinem weißen Hemd befanden sich blutige Flecken. In den Armen hielt er ein kleines, regungsloses Pokémon, das irgendwie krumm aussah, verdreht, falsch… es war mit Wunden übersät, mehrere Knochen mussten gebrochen sein. Es rührte sich nicht. Der junge Mann hatte den Blick in den Himmel gerichtet, Tränen rannen ihm die Wangen hinab.

    Entsetzt taumelte ich ein Stück nach hinten, doch ich konnte meine Augen nicht davon abwenden. Viel mehr als der Anblick des bewegungslosen Zurrokex, in dessen starren Augen kein Leben mehr steckte, traf mich der Anblick Ns, denn um niemand Anderen handelte es sich bei dem Jungen, in dessen Antlitz ein solch gravierender Ausdruck schieren Schmerzes und reiner Hoffnungslosigkeit lag, dass es sich anfühlte, als würden mir eisige Dornen in die Brust gestoßen werden.

    Ich starrte hinunter auf meine Hand, die sich seltsam verkrampfte, indes mir nur eine einzige Frage durch den leergefegten Verstand schwirrte: Warum? Warum? Warum?

    Warum empfinde ich nicht diesen Schmerz?

    Zurrokex… war tot. Ich musste es nicht berühren, musste es nicht auf solcherlei Weise bestätigen, es war offensichtlich. Es war seinen Verletzungen erlegen. Es hatte den Kampf gegen Jiutesto nicht überlebt. Und doch… in seinen letzten Momenten war nicht ich es gewesen, der für es da gewesen war, der es wahrscheinlich getröstet hatte, in dem Wissen, dass es vergebens war. Nein, ich war nur geflohen, und hatte nicht einmal bemerkt, wie schlecht es ihm wirklich ging.

    Ich hatte versagt. Auf ganzer Linie. Durch meinen Egoismus, meinen Übermut, meine Furcht vor dem Versagen, hatte ich letztlich doch versagt.

    Dann kennst du diese Welt vermutlich noch nicht, wie ich sie kenne… sie ist grausam, glaub mir. Vor allem zu den Pokémon.

    Ns Worte schossen mir durch den Kopf, jedes einzelne ein schmerzhafter Nadelstich, in aller Deutlichkeit entsann ich mich plötzlich meines Gesprächs mit ihm auf Route 1.

    Die Pokémon leiden jeden Tag unter Trainern.

    Trainer wie mir. Trainern, denen es nicht gelang, ihre Pokémon zu schützen. Die ihr eigenes Wohl über das der Wesen stellten, die sie für sich kämpfen ließen. Was N damals zu mir gesagt hatte, es klang so ähnlich wie die Heucheleien des Team Plasma, aber aus seinem Munde hatte es so viel mehr Nachdruck gehabt, und nun erkannte ich einen Teil der Wahrheit darin.

    Wie geht das mit deinem Gewissen einher, Black aus Avenitia? Vielleicht bist du noch nicht lange genug unterwegs, um zu verstehen, vielleicht wirst du es auch nie verstehen, aber… ich kann nicht bei dem zusehen, was in dieser Welt geschieht.

    In diesem Moment hasste ich mich selbst für das, was ich heute getan hatte. Mein Gewissen konnte es nicht ertragen. Selbst jetzt noch war ein winziger Teil von mir froh, dass ich entkommen war, um welchen Preis auch immer. Aber dieser Preis war ein Leben gewesen… Zurrokex' Leben. Und hier nun saß N und trauerte, trauerte mehr, als ich es tat, wie um mich dadurch zu strafen, mir aufzuzeigen, was ich falsch gemacht hatte. Seine bloße Anwesenheit ließ mich die grausame Wahrheit akzeptieren.

    Ich war nicht würdig, Pokémon-Meister zu sein.

    Dennoch… ich konnte nicht aufhören. Selbst jetzt… man konnte seinen größten Traum nicht so einfach aufgeben. Daran vermochte auch N nichts zu ändern. Doch nun war mir klar, dass ich übermütig und hochmütig gewesen war, dass ich mich für unbesiegbar gehalten hatte, und dass ich in Wirklichkeit noch viel zu lernen hatte. Im Grunde wusste ich nichts. N war kein Trainer, aber er verstand die Pokémon weit besser, als ich es je können würde, daran hegte ich keinen Zweifel mehr. Und er liebte sie über alles. Ich dagegen…

    Ich stand auf. Ich hatte nicht einmal bemerkt, wie ich auf meine Knie gesunken war. Langsam, vorsichtig, sodass ich kein Geräusch verursachte, N nicht auf mich aufmerksam machte, bewegte ich mich rückwärts von der Lichtung fort, bis diese außer Sicht verschwand, und somit auch Zurrokex für immer aus meiner Zukunft getilgt wurde und einzig als Erinnerung verblieb.

    Jetzt endlich holte mich die Trauer ein, und ich weinte auf dem Weg zurück zum Lager.

    Es gab einiges, worüber ich mir klar werden musste. Ich konnte meine Reise so nicht fortsetzen. Ich musste nachdenken, meine Entschlossenheit wiederfinden und neu begründen. Ich brauchte Zeit für mich selbst, und für meine Pokémon. Denn ich wollte verstehen, warum ich nicht verstehen konnte, was N wohl längst verstand.

    Deshalb konnte ich nur eine Wahl treffen.

    »Bell«, sprach ich meine Freundin an, nachdem ich ins Lager zurückgekehrt war und meine Sachen gepackt hatte, was nicht lange dauerte. »Ich werde gehen. Sage der Polizei alles, was ich dir gesagt habe. Bis dann.«

    »Du gehst?«, wiederholte sie überrascht, nachdem ich mich bereits halb umgedreht hatte. »Wohin?«

    Ich zuckte mit den Schultern. »Wer weiß? Warte nicht auf mich. Gehe weiter nach Septerna. Ich muss eine Weile allein sein. Wie lange, weiß ich nicht.«

    »Black, was ist los? Du machst mir Angst.« Sie kam mit besorgter Miene näher, doch ich hob abweisend die Hände, sodass sie stehenblieb. »Du wirkst bedrückt. Sag mir, was geschehen ist. Vielleicht kann ich helfen.«

    »Ich glaube nicht, dass du das kannst. Hörst du die Stimme der Pokémon?«

    »W-Wie bitte?« Grünchen runzelte die Stirn und wurde natürlich nicht schlau aus meinen Worten. »Was ist das denn für eine Frage? Ich höre nichts.«

    »Hmpf«, schnaubte ich und kehrte ihr den Rücken zu. »Das dachte ich mir.«

    So verschwand ich einmal mehr im Wald, eine mit reichlich Sorgen und Fragen erfüllte Bell Summers zurücklassend. Es sollte Wochen dauern, bis wir uns wiedersahen.

  • Hallo Azaril,


    ich find's gut, dass du eine Story in Einall schreibst. Noch besser ist sogar, dass es eine klassische Reise ist, derer man ja mittlerweile doch eher weniger liest und bisher macht das auch einen sehr guten Eindruck. Jeder Charakter macht das, was er soll, ohne in irgendwelche Extreme zu schlagen und Blacks Reise auf dem Weg zum Champion ist nicht nur mit Kämpfen, Siegen und Freunden gefüllt, sondern auch, wie im letzten Kapitel zu sehen war, mit einschneidenden Erlebnissen. Besonders das hast du in Kombination mit N und Team Plasmas Plänen gut kombiniert, sodass weiter darauf aufgebaut werden kann und ich erwarte regelrecht, dass es mit der vorzeitigen Trennung nicht gewesen sein wird. Der Grundstein ist gesetzt.

    Was ich noch mag, sind die ausführlichen Kämpfe, die kaum einen Wunsch offen lassen. Sehr dynamisch geschrieben und immer mit dem gewissen Etwas, damit das Kopfkino läuft. Macht sich gut.


    Wir lesen uns!

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    ZWuW - Kapitel 12.epub



    Ein paar helle Glöckchen erklangen, als ein älterer Herr in grauem Anzug das Café verließ, sich dabei seinen schlichten und doch eleganten Hut aufsetzte, bevor er sich zu seinem Auto begab, einem schwarzen, altmodischen Wagen, der jedoch fein säuberlich poliert war und von seinem Besitzer offenbar so geschätzt und gepflegt wurde wie manch ein Pokémon von seinem Trainer.

    Meine Augen folgten dem Mann nur kurz, bevor ich die Tasse Cappuccino, die vor mir stand, an meine Lippen hob und einen Schluck nahm. Es war ein hervorragender Kaffee, der dem Ruf dieses kleinen Bistros am Rande der Altstadt von Septerna City mehr als gerecht wurde. Genüsslich seufzte ich und aß als nächstes ein Stück von dem bestrichenen Toast, der mir als Frühstück diente. Der Aufstrich war eine Art Marmelade aus örtlichen Früchten, genauer gesagt aus dem nahen Ewigenwald, die von den Besitzern des Cafés hergestellt wurde und nur hier zu erhalten war. Alles in allem war dieser nicht ganz so geheime Geheimtipp, den jeder Besucher Septernas mindestens einmal aufsuchte, den Weg tatsächlich wert. Nicht nur wegen der Getränke und des Essens, sondern auch wegen der entspannten Atmosphäre und der interessanten Umgebung.

    Gerade Letztere war es, die für viele den Charme an dieser Stadt ausmachte. Hier in dieser Gegend, also in der Altstadt Septernas, gab es kaum richtige Wohnhäuser, dafür aber umso mehr alte Lagerhäuser entlang einer längst aufgegebenen Eisenbahnstrecke – als ich diese Beschreibung zum ersten Mal gehört hatte, hatte ich mir einen trostlosen, düsteren Ort vorgestellt, der seine besten Jahre längst hinter sich gelassen hatte, doch tatsächlich war das nicht der Fall.

    Im Gegenteil, erblickte man zum ersten Mal diese sogenannten Lagerhäuser, in der Erwartung, verfallene und verlassene Gebäude vorzufinden, denen man durch einen Abriss einen gehörigen Gefallen tun würde, wurde man ziemlich überrascht, denn das erste Wort, das den meisten Menschen bei diesem Anblick wohl in den Sinn kommen musste, war Kunstwerk. Genau das waren diese Hallen nämlich, die schon vor Jahrzehnten von der Zuggesellschaft, der sie ursprünglich gehört hatten, aufgegeben worden waren – interessanterweise kurz nach der Explosion in der heutigen Traumbrache. An Alter und Verfall erinnerte hier tatsächlich wenig, denn in all den Jahren seit dem Rückzug jener Gesellschaft waren die Bürger Septernas nicht untätig geblieben, sodass die Außenwände – und nach allem was ich wusste vielleicht auch die inneren – nun durch eine unerwartete Farbenpracht beeindruckten. Es war, als hätte ein verrückter Maler all diese Wände als seine Leinwand genommen, um daraus ein Werk zu formen, das eine ganze Stadt umfasste. Tatsächlich war es so, wie ich kurz nach meiner Ankunft hier erfahren hatte, dass sich in vielen dieser Lagerhallen nun die Ateliers aufstrebender Künstler befanden, und Gerüchten zufolge hatte auch die Karriere Arties, des Arenaleiters von Stratos City, der ebenfalls ein Maler war, hier seinen Anfang genommen. Auch heute kam er angeblich noch manchmal hierher, um sich unter die anderen Künstler zu mischen und anonym ein neues Werk zu präsentieren.

    Nun, das mochte sein, wie es wollte, ich interessierte mich jedenfalls mehr für diese halb leere Tasse vor mir als für die Bilder all dieser Künstler, die aus allen Himmelsrichtungen nach Septerna strebten – ich wollte ihre Leistungen keineswegs schmälern, dazu waren diese Lagerhäuser zu schön, sodass sogar ich es anerkennen musste. Es war lediglich so, dass ich mich noch nie sonderlich für Kunst interessiert hatte. Ich hatte dem einen oder anderen dieser Ateliers einen Besuch abgestattet, aus reiner Neugierde, aber richtiges Interesse war dadurch bei mir nicht wirklich geweckt worden.

    »Septerna«, murmelte ich und rührte geistesabwesend in meiner Tasse. »Das hat länger gedauert als gedacht. Ursprünglich habe ich geglaubt, zu diesem Zeitpunkt meiner Reise wäre ich schon in Stratos. Wie naiv. Ich frage mich, wo Bell und Cheren stecken.«

    Es mochte tatsächlich gut sein, dass die beiden mir nun schon weit voraus waren, sie mussten immerhin schon vor über einem Monat hier angekommen sein, ich dagegen hatte die letzte Stadt vor der östlichen Meerenge erst gestern erreicht. Ich hatte meine Gründe. Die letzten Wochen hatte ich in der Wildnis nahe der Grundwassersenke verbracht, um Zurrokex' Tod zu verarbeiten und mir darüber klar zu werden, wie es weitergehen sollte. Ich hatte viel trainiert, viel nachgedacht, war zu neuen Erkenntnissen gelangt. Ich wusste nicht, ob es reichte, aber ich hatte das Gefühl, dass ich jetzt endlich weitermachen konnte. Ob ich damit recht behalten sollte, würde sich zeigen.

    »Hey, habt ihr es schon gehört?« Ich bemerkte ein Gespräch zwischen drei Jugendlichen, die nur zwei Tische weiter saßen, und spitzte die Ohren. »Diese Feuer-Trainerin, die Aloe vor einiger Zeit so vernichtend geschlagen hat, hat jetzt auch den Orden von Rayono City. Es kam gestern in den Nachrichten, Kamilla hat auf offener Bühne verloren.«

    »Kamilla?«, fragte einer der beiden Freunde des Sprechers. »Dieses Model, das gleichzeitig Arenaleiterin ist?«

    »Genau die«, nickte der Erste. »Mein großer Bruder hat gesagt, diese Ass-Trainerin könnte der nächste Champ werden.«

    »Sie ist eine Ass-Trainerin?«, griff der Dritte mit großen Augen auf. »Wow! Kein Wunder, dass sie so stark ist. Ich habe gehört, es soll enorm schwer sein, einen Ass-Trainer-Abschluss zu bekommen. Nur einer von tausend Kandidaten schafft es!«

    »Ich weiß nicht.« Der Zweite hatte offenbar Bedenken. »Wenn sie tatsächlich nur Feuer-Pokémon trainiert, ist sie dann nicht schwach gegen jemanden, der ein Wasser-Pokémon hat? Was wäre zum Beispiel, wenn sie versuchen würde, den Orden von Abidaya City zu bekommen? Die Leute dort sind alle verrückt nach Wasser-Pokémon. Mein Vater war mal dort, und ihr werdet nicht glauben, was…«

    Das Gespräch schweifte ab und drehte sich nicht mehr um Arenen und starke Trainer, deshalb hörte ich auch nicht länger zu. Es war ohnehin unhöflich, zu lauschen. Stattdessen lehnte ich mich nun zurück, trank meinen Cappuccino aus und beendete mein Frühstück. Jemand hat also vor einiger Zeit die Arenaleiterin von Septerna besiegt. Cheren? Nein, es war von einer Frau die Rede, noch dazu von einer Ass-Trainerin. Und sie trainiert nur Feuer-Pokémon. Sicher nicht der schlechteste Typ, aber wie weit kommt man letztlich schon mit einem Mono-Team?

    Ich bezahlte und stand auf. Wie auch immer, ich würde mir unabhängig davon die Arena einmal ansehen. Aber davor wollte ich noch einer anderen Sehenswürdigkeit dieses Ortes einen Besuch abstatten. Fragte man, was es hier neben der alten Eisenbahnlinie und den bunten Lagerhallenateliers noch zu sehen gab, konnten wohl im Großen und Ganzen zwei Antworten darauf gegeben werden: Das Museum, welches altertümliche Funde aus Ruinen untergegangener Kulturen ausstellte, nebst einiger Pokémon-Fossilien, und die Bibliothek von Septerna, die als eine der größten Einalls galt. Letztere sollte jetzt auch mein erklärtes Ziel werden – schon bevor ich meine Reise begonnen hatte, hatte ich mir fest vorgenommen, mir diese Bibliothek einmal anzusehen. Ich mochte vielleicht nicht so erscheinen, aber ich war fast ebenso wissbegierig wie Cheren, jedenfalls dann, wenn es um legendäre Pokémon ging, insbesondere die antiken Drachen Einalls. Wenn ich irgendwo interessantes Material über diese fand, dann in der Bibliothek von Septerna City.

    So machte ich mich auf den Weg, ließ den farbenfroheren Stadtteil hinter mir und näherte mich zu Fuß dem Zentrum. Eine U-Bahn gab es hier nicht, dazu war Septerna letztlich doch zu klein, und gerade in der Altstadt war das meiste auch zu Fuß erreichbar, sodass ich nicht unbedingt auf Busse oder Ähnliches angewiesen war. Das Pokémon-Center lag tatsächlich etwa auf halber Strecke zwischen dem Café Lagerhaus, von dem ich gerade kam, und der Bibliothek, zu der ich wollte. Ich hätte auch direkt im Center frühstücken können, aber ich hatte das berühmte Bistro testen wollen, gerade weil ich in den letzten Wochen kaum etwas Ordentliches zwischen die Zähne bekommen hatte.

    Die letzten Wochen… fast erschienen sie schon nur noch wie ein Traum für mich. Nachdem ich mich in jener düsteren Nacht von Grünchen getrennt hatte, war ich eine Zeit lang ziellos durch die Gegend gestreift, hatte mich nahe an der Grundwassersenke gehalten, aber mich nicht mehr den Straßen genähert. Ich hatte eine kleine Nebenhöhle in der Senke gefunden, in der ich mich vorläufig niedergelassen hatte, und dort hatte ich den Großteil meiner Zeit darauf verwendet, grübelnd Löcher in die Luft zu starren – nennt es von mir aus meditieren.

    Was meine Meditation schließlich ergeben hatte, darüber war ich mir selbst nicht ganz sicher. Zurrokex hatte ein schlimmes Schicksal ereilt, weil ich zu egoistisch gewesen war und zu wenig auf meine Pokémon geachtet hatte. Das schlimmste an dem Ganzen waren diese stetigen Selbstvorwürfe, die ich einfach nicht loswurde, egal wie sehr ich mir einredete, dass ich keine andere Wahl gehabt hatte. Es stimmte schlichtweg nicht. Es gab viele Wege, die ich hätte einschlagen können – es hätte nur eines einzelnen, rechtzeitigen Blicks nach hinten bedurft, und alles wäre vielleicht anders gekommen. Warum also hatte ich den Pfad gewählt, der mich ins Hier und Jetzt führte?

    Immer wieder hatte ich mir ausgemalt, wie Zurrokex' letzte Minuten auf dieser Welt ausgesehen haben mochten. Schwer verletzt, blutend, mit Knochenbrüchen und Verbrennungen hatte sich die kleine Echse durchs Unterholz geschleppt, in der vagen Hoffnung, seinen Trainer einzuholen. Es hatte nicht aufgegeben, da war ich mir sicher. Aufgeben hatte nie zu dem kleinen Kerlchen gepasst. Es war weitergegangen – und es wäre immer weitergegangen, hätte nicht Giratina seine Schattenschwingen über ihm ausgebreitet. Bis zuletzt musste es auf mich vertraut haben, auf mein Zurückkommen gehofft haben, nur um am Ende enttäuscht zu werden.

    Stattdessen war N gekommen. Ich wusste nicht, was er dort gemacht hatte, ob er vielleicht wirklich irgendwie mit Team Plasma zusammenhing und deshalb dort gewesen war, aber es war auch nicht von Belang. Denn er war dort gewesen und ich nicht, das war alles, was zählte. Ich hoffte inständig, er hatte Zurrokex den Abschied erleichtert und es nachher begraben. Ich hatte nur erneut die Flucht ergriffen, als ich den leblosen Körper gesehen hatte, den Anblick nicht ertragend.

    In der Grundwassersenke hatte ich versucht, die Stimme der Pokémon zu hören, von der N bei unserer ersten Begegnung gesprochen hatte, ohne Erfolg. Und doch hatte ich das Gefühl, ein tieferes Band zu meinen Partnern geknüpft zu haben. Zu Zwottronin, zu Grillmak… und zu dem neuen Mitglied meines Teams, das ich dort gefangen hatte, obwohl ich nach diesem Vorfall erhebliche Bedenken gehabt hatte.

    Wie sich herausgestellt hatte, war die Nebenhöhle, in der ich mich kurzerhand einquartiert hatte, bewohnt gewesen. Ich hatte mich unerlaubt ins Revier eines Kiesling begeben, eines kleinen Gestein-Pokémon, das lediglich wie ein blauer Gesteinsbrocken mit einem schwarzen Loch als Gesicht und zwei steinernen Füßen sowie einer Art steinernen Antenne aussah. Zuerst hatte mich dieses Kiesling rigoros angegriffen, um sein Revier zu verteidigen, doch nachdem ich es mit ein paar Wasser-Attacken von Zwottronin aus meiner Hälfte der Höhle verscheucht hatte, war ein angespannter Waffenstillstand zwischen uns eingekehrt.

    Während ich trainiert und meditiert hatte, war es oftmals einfach nur dort gestanden, auf einem spitzen Felsen, der aus dem Boden geragt hatte, und hatte mich beobachtet. Nach einiger Zeit war es, während ich mit Zwottronin den Kalksurfer geübt hatte, plötzlich von seinem Aussichtspunkt heruntergekommen und hatte begonnen, einige Steine zu zerschmettern oder sich unter den Wasserstrahl der Quelle zu stellen, die sich in jener Nebenhöhle aus der Wand ergoss, und war dort manchmal stundenlang verharrt, obwohl es Wasser hassen musste.

    In anderen Worten, es hatte trainiert. Es hatte mich und meine Pokémon gesehen und auf einmal angefangen, auch seinen eigenen Körper und Geist zu stählen.

    Ich glaube, das war der Wendepunkt, an dem meine bis dahin düsteren Gedanken sich nach und nach wieder aufgehellt hatten. Auf einmal hatte ich einen kleinen, aber ernstzunehmenden Rivalen dort in der Wildnis, hinter dem ich nicht hatte zurückstehen wollen. Und so schaffte es dieses kleine, unscheinbare Kiesling, mich von meinem Verlust abzulenken und mich wieder daran zu erinnern, wie viel Spaß es machen konnte, Pokémon zu trainieren, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, und sei es nur, nicht gegen eine Art belebten Stein zu verlieren.

    Irgendwie… irgendwie musste ich mit dem Kapitel, das hinter mir lag, abschließen. Das hatte mir dieses Kiesling bewusst gemacht. Zurrokex' Ableben ließ sich nicht rückgängig machen, aber ich konnte aus meinen Fehlern lernen und dafür sorgen, dass sich so etwas nicht wiederholte. Ich konnte noch immer ein Trainer sein. Zurrokex hätte nicht gewollt, dass ich in der Zeit erstarrte und nicht mehr weiterkam, weil die Ereignisse jener Nacht zu sehr auf mein Gewissen drückten.

    Ich war wachgerüttelt worden – aber damit war meine Zeit in der Grundwassersenke noch nicht vorüber gewesen. Ich hatte Kiesling gefangen und es in meinen Trainingsplan mit einbezogen, mein neues Dreiergespann aufeinander abgestimmt und diese Auszeit von der Reise dafür genutzt, mich auf die unbekannte Zukunft vorzubereiten, der ich nun letztlich wieder ein bisschen zuversichtlicher entgegensehen konnte.

    N, hatte ich in Gedanken gesagt, als ich schließlich gen Septerna aufgebrochen war. Ich verstehe noch immer nicht, was genau du mir damals sagen wolltest oder wie du solch herzzerreißende Tränen für ein Pokémon vergießen konntest, das du kaum kanntest. Aber ich habe die Wirklichkeit akzeptiert und schreite nun fort.

    Letzten Endes hatte ich gute sechs Wochen in der und um die Grundwassersenke herum verbracht, in denen ich beinahe gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten gewesen war. Mein Viso-Caster hatte nach wie vor keinen Akku mehr gehabt, aber die Ranger, denen ich dort einige Male begegnet war, hatten mich über die Geschehnisse in Einall auf dem Laufenden gehalten und mir meist auch etwas zu essen gegeben. Ansonsten hatte ich mich von kargem, lange haltenden Proviant oder Beeren aus dem Wald ernährt. Team Plasma hatte sich, so weit ich wusste, seit dem Überfall auf die Trainerschule nicht mehr blicken lassen, zumindest nicht in der Öffentlichkeit, aber wer wusste schon, wie viele Pokémon sie in der Zwischenzeit von hilflosen Trainern gestohlen hatten, die nicht hatten entkommen können wie ich, vielleicht deswegen, weil sie an all ihre Pokémon gedacht und sie beschützt hatten.

    Nach meiner Ankunft im Pokémon-Center, bei der ich bestimmt einige Blicke auf mich gezogen hatte, hatten erst einmal eine ordentliche Rasur und ein ausführliches Bad auf der Tagesordnung gestanden, verbunden mit dem Kauf einer neuen Garderobe, meine Kleidung war von der Flucht und der langen Zeit in der Wildnis zu verschlissen gewesen. Ich war noch immer bei den Farben Blau und Schwarz geblieben, legte nun jedoch mehr Fokus auf Letzteres. Alles, was noch fehlte, war ein passender Haarschnitt, denn natürlich waren meine Haare nicht so freundlich gewesen, ihr Wachstum in der Zwischenzeit einzustellen. Zuhause hatte das stets meine Mutter übernommen, hier würde ich jedoch bei Gelegenheit einen Frisör aufsuchen müssen.

    Bevor ich dazu kam, galt es jedoch zunächst, die Bibliothek zu finden, was sich als nicht sehr schwer gestaltete, gehörte sie doch zu den wichtigsten Attraktionen der Stadt, sodass der Weg dorthin gut beschildert war und ich notfalls einen der Einwohner fragen konnte. Schließlich öffnete sich vor mir der zentrale Platz von Septerna, an welchem sich sowohl mein Ziel als auch das vorher erwähnte Museum befanden, direkt nebeneinander.

    Letzteres war ein graues, komplett steinernes Gebäude, das noch weit älter war als die bemalten Lagerhallen, denn um dieses Bauwerk herum war Septerna entstanden, lange bevor die Eisenbahnstrecke gebaut und wieder verlassen worden war. Obwohl es damals natürlich noch kein Museum gewesen war, sondern das Ratshaus, aber davon gab es jetzt ein neueres in einem anderen Stadtteil. Die Bibliothek dagegen, obwohl sie auch nicht gerade neumodisch wirkte, erweckte doch einen… nun, gepflegteren Eindruck, sofern man das bei einem Bauwerk wie diesem sagen konnte. Es bestand zum Teil aus einem dunklen Holz und war dabei nicht ganz so hoch wie das Museum, verfügte aber dennoch über mehrere Stockwerke, die vermutlich bis oben hin gefüllt waren mit Büchern.

    Dann sehen wir uns das doch mal näher an, beschloss ich ohne langes Zögern und lief über den Platz zum Eingang dieses Hortes an wertvollem Wissen. Ich bin gespannt, ob es dort mehr über Zekrom zu erfahren gibt als im Pokédex.


    Einige Zeit später saß ich an einem der Tische in der Bibliothek, ein aufgeschlagenes Buch vor mir, und war ins Lesen vertieft. Der Titel des Buches lautete Legenden und Mythen Einalls – Eine geordnete Übersicht. Es war ziemlich trocken, aber dennoch interessant.

    Dieser Ort war genau das, was ich mir von ihm erhofft hatte. Ich hatte gehört, dass in vielen größeren Städten, an denen es auch renommierte Universitäten gab, die Bücher nicht in öffentlich zugänglichen Sälen aufbewahrt wurden, sondern reserviert und dann abgeholt oder in speziellen Leseräumen gelesen werden mussten – das mochte ein hochmodernes System sein, durch das unter Anderem die Sicherheit der Bücher, vor allem wertvoller, älterer Exemplare, gewährleistet wurde, aber mit einer richtigen Bibliothek hatte das meines Erachtens nicht mehr viel gemein.

    Anders hier in Septerna, wo die Bibliothek noch traditioneller Art war, mit langen Reihen an Bücherregalen, die bis obenhin gefüllt waren mit den verschiedensten Werken verschiedenster Autoren, verfügbar für einen jeden zum hier lesen oder ausleihen. Ein Büchereikomplex über mehrere Etagen, fest unterteilt in verschiedene Bereiche, bei denen es selbst an den scheinbar geringsten Themen nicht mangelte. Den Pokémon und ihren Mysterien war jedoch ein gesamtes Stockwerk zugewiesen worden, mit einer umfangreichen Abteilung über alte Sagen und Legenden, die sich um legendäre und mystische Pokémon rankten.

    Ich klappte mein aktuelles Buch zu, nachdem ich festgestellt hatte, dass auch der Autor von diesem nicht viel mehr über Zekrom und Reshiram, die legendären Drachen von Einall, zu sagen hatte als die fünf Altertumsforscher, deren Bücher ich vorher unter die Lupe genommen hatte. Zumal ich die meisten der dort aufgeführten Geschichten ohnehin schon kannte, da sie in ganz Einall mündlich überliefert wurden. Es war unsere Mythologie, mit der hier jedes Kind aufwuchs. Zwar gab es regionale Variationen, hauptsächlich unterteilt durch die beiden Meerengen Einalls, aber im Großen und Ganzen war es dasselbe.

    Wenn man über die Legenden Einalls sprach, waren es vor allem drei, die ein jeder, der hier geboren und aufgewachsen war, nennen konnte: Zum Ersten die Erzählung über die drei Ritter der Redlichkeit, welche eine große Zahl an Pokémon vor einem tödlichen Waldbrand gerettet hatten. Interessanterweise wurde in einigen dieser Bücher aufgeführt, dass das Feuer angeblich von Menschen verursacht worden war, in zwei Werken war sogar von einem Krieg zwischen Menschen als Ursache die Rede gewesen. Dieses Detail war in der Version, die ich aus meiner Kindheit kannte, nicht vorhanden.

    Zum Zweiten gab es die Geschichte von den Wetter-Pokémon Voltolos und Boreos, die sich in einem der heftigsten Stürme, die Einall je erlebt hatte, bekämpft hatten, bis das dritte Pokémon im Bunde, Demeteros, dem ein Ende gesetzt hatte. Seither zogen sie jedoch weiter über das Land, ein Gewitter ihr stetiger Begleiter, und sollten Voltolos und Boreos je wieder aufeinandertreffen, würde ein weiterer Jahrtausendsturm die Einall-Region erschüttern.

    Und zu guter Letzt war da noch… der Krieg von Schwarz und Weiß. Der Kampf der legendären Helden von Wunsch und Wirklichkeit und ihrer Drachen-Pokémon Reshiram und Zekrom.

    Vor dreitausend Jahren hatten Katastrophen und niemals endende Kämpfe sowohl der Pokémon als auch der Menschen Einall an den Rande des Abgrunds getrieben. In dieser Zeit der größten Not war der hohe Drache, der die Region hütete, herabgestiegen, um einen Helden zu erwählen, der Einall in eine neue, bessere Zukunft führen sollte. Doch er fand nicht nur einen, der würdig war, sondern zwei – Zwillinge, wie es in manchen Varianten der Legende hieß. Da spaltete sich der hohe Drache auf, und so entstanden Reshiram, das für die Wünsche und Träume aller einstand, und Zekrom, das die Wirklichkeit und die Realität verkörperte. Gemeinsam bereiteten die Helden von Schwarz und Weiß dem Zeitalter des Blutes und Feuers ein Ende.

    Doch als endlich Friede und Wohlstand herrschten, betrogen die beiden Helden einander, denn ihre Ideale hatten sich zu weit voneinander entfernt. Der Held Reshirams, der seinen Wunsch für eine bessere Welt noch nicht erfüllt sah und über die anhaltende Gewaltbereitschaft der Menschen betrübt war, geriet in Streit mit dem Helden von Zekrom, der die Wirklichkeit, die sie gemeinsam geschaffen hatten, zu bewahren versuchte. So begann der Krieg von Schwarz und Weiß.

    Hundert Tage und Nächte lang, so hieß es in der bekannten Sage, sollten die Helden und ihre beiden legendären Drachen gegeneinander gekämpft haben, gemeinsam mit den Heerscharen, die ihnen folgten, bis sie schließlich beide erschöpft darnieder sanken und erkannten, was sie in ihrem Zorn angerichtet hatten – denn einmal mehr war Einall verwüstet. Doch da stiegen Zekrom und Reshiram auf und vereinten sich ein letztes Mal zum hohen Drachen, um das Land zu segnen und wiederherzustellen, ehe dessen Hüter sich auf ewig aufspaltete und beide Teile in einen tiefen, Jahrhunderte oder gar Jahrtausende währenden Schlaf fielen, um zu erwachen, wenn einmal mehr zwei Helden sich erhoben, die ihrer würdig waren. Und die Zwillinge, so hieß es, büßten für ihre Fehler, indem sie ihr restliches Leben dem Dienste an Einall und seinen Menschen wie auch Pokémon verschrieben. Sie leiteten das Land als wandernde Weise und läuteten somit endlich die neue Ära ein, die sie von Anfang an hätten bringen sollen. Das war jedenfalls die gängigste Auffassung dessen, was damals nach dem Ende des Krieges geschehen war, denn hierin widersprachen sich die verschiedenen Überlieferungen, die ohnehin allesamt recht vage waren.

    Dies war die Geschichte des Ursprungs des Volkes und des Landes von Einall, und seiner Pokémon. Es war die wichtigste Legende für alle, die hier lebten und in denen das Blut jener floss, die zur Zeit der beiden Helden gelebt hatten – manch einer glaubte sogar, dass selbst heute noch direkte Nachfahren jener Helden existierten, irgendwo, verborgen vor den Augen aller. Ich war wie alle anderen Kinder in Einall mit dieser Geschichte aufgewachsen, aber dennoch hatte mich Zekrom schon immer weit mehr fasziniert als meine Freunde, dieses Gefühl hatte ich zumindest.

    Ich hatte gehofft, hier mehr über den schwarzen Drachen herausfinden zu können, aber bisher war es nicht wirklich viel. Keiner schien sich wirklich sicher zu sein, wo die legendären Drachen stecken konnten, so sie denn überhaupt existieren, denn auch das hatte der eine oder andere dieser Autoren anzuzweifeln gewagt. Aber ich wusste, dass sie existierten. Ich konnte es fühlen. Irgendwie wusste ich tief in meinem Inneren, dass Zekrom nicht einfach nur eine Gestalt aus einer Sage war.

    Seufzend stellte ich das Buch zurück ins Regal und wandte mich an die Bibliothekarin, die mich auch schon vorher auf die Abteilung mit den antiken Sagen und Mythen verwiesen hatte, eine Frau mittleren Alters mit dunkler Haut und ausgefallenem, im türkisen Farbton ihrer Augen gefärbten Haar. »Entschuldigung, aber gibt es hier auch eine Abteilung mit Büchern über moderne Forschungen zu legendären Pokémon? Nicht über alte Legenden, sondern was man heute tatsächlich weiß. Oder vielleicht etwas über kürzliche Sichtungen?«

    »Hm.« Sie dachte kurz nach, wobei sie sich am Kinn kratzte. Doch sie wirkte nicht einen einzigen Augenblick lang so, als würde sie die Anfrage nicht ernst nehmen, obwohl sie ziemlich unpräzise war. »Moderne Forschungen zu legendären Pokémon… da gibt es nicht viel, legendäre Pokémon lassen sich immerhin nicht leicht erforschen. Wenn ich mich recht entsinne, gibt es jedoch eine interessante Arbeit von Gary Eich darüber.«

    »Von Blau?!«, rief ich überrascht und begeistert zugleich. Gary Eich war eine Legende unter Pokémon-Trainern, so wie sein Großvater eine Legende unter Pokémon-Professoren war! Unter dem Pseudonym Blau hatte er an der ersten Pokémon-Weltmeisterschaft am Indigo Plateau vor einem Jahr teilgenommen und dabei den zweiten Platz belegt, nachdem er seinem Rivalen Rot unterlegen war. Ich hatte mir den Kampf zwischen den beiden, vor allem die finale Konfrontation zwischen Rots Glurak und Blaus Turtok, bestimmt hundert Mal angesehen. Glurak und Turtoks Aufeinandertreffen war so heftig gewesen, dass das Stadion hatte geräumt werden müssen. Nur einem mutigen Kameramann, der trotz der heftigen Energieentladungen, die dort freigesetzt worden waren, im Stadion geblieben war, war es zu verdanken, dass es überhaupt Aufnahmen dieses Kampfes gab. Wenn jemand etwas über legendäre Pokémon wusste, dann einer der beiden besten Trainer der ganzen Welt. »Ich wusste gar nicht, dass er auch schreibt.«

    »Es ist kein Buch, sondern eine Arbeit, wie ich schon sagte«, erklärte die Bibliothekarin. »Er hat sie anscheinend an der Universität geschrieben, das war erst vor ein paar Monaten. Sie ist nicht sehr bekannt, soll aber trotzdem sehr informativ sein. Obwohl es hauptsächlich um legendäre Pokémon aus Kanto geht. Es könnte jedoch schwer sein, diese Arbeit hier in die Finger zu bekommen, eine übersetzte Version gibt es noch nicht. Aber um auf deine ursprüngliche Frage zurückzukommen, am besten versuchst du dein Glück einfach in der Sektion für allgemeine moderne Pokémon-Forschung, speziell zu legendären Pokémon fällt mir leider nichts ein, was viel mehr hergibt als die alten Sagen. Und was kürzliche Sichtungen angeht, ein Stockwerk tiefer gibt es einen Saal mit Zeitungen und Zeitschriften der letzten sechs Monate und einen für weiter zurückliegende Daten. Dort wirst du vielleicht auch fündig.«

    »Vielen Dank«, sagte ich mit einem kurzen Nicken. »Ich denke, ich werde mir den Zeitschriftensaal mal ansehen.«

    Ich wandte mich zum Gehen und verdankte es nur dem Umstand, dass ich noch einmal einen Blick zurückwarf, als ich gerade zwischen zwei der Regalreihen treten wollte, dass ich sah, wie jemand gerade um die Ecke bog und sich nun derselben Bibliothekarin näherte, die ich soeben zu Rate gezogen hatte. Dieser jemand hatte schwarzes Haar und rückte in einer nur allzu vertrauten Geste seine Brille zurecht, bevor er die Frau ansprach. Ich verharrte, um zuzuhören.

    »Sind sie Aloe Libra?«, fragte mein Freund und Rivale Cheren die Bibliothekarin, die daraufhin bestätigend nickte. »Man sagte mir, ich würde sie hier finden. Ich fordere sie hiermit zu einem Arenakampf um den Grundorden heraus!«

    »Ah, ja, ich erinnere mich.« Die Frau, die anscheinend Aloe hieß, kratzte sich an der Stirn. »Mein Mann sagte, ich hätte heute einen Termin mit einem neuen Herausforderer. Nun gut, wollen wir nach hinten gehen? Das Feld müsste bereits vorbereitet sein.«

    Diese Frau war also tatsächlich die Arenaleiterin. Oh Mann, ich hatte die ganze Zeit mit ihr gesprochen und nichts geahnt. Wie es aussah, würde Cheren heute seinen zweiten Arenakampf bestreiten. Das wollte ich mir auf gar keinen Fall entgehen lassen. Die legendären Pokémon konnten warten, das taten sie immerhin schon seit Jahrhunderten. Ich trat wieder aus dem schmalen Gang zwischen den beiden Regalreihen hervor und näherte mich den beiden.

    »Hey, Cheren, lange nicht gesehen!«, grüßte ich meinen Kumpel.

    »Black?!« Er wandte sich mir mit einem vollkommen verdutzten Gesichtsausdruck zu. Dann auf einmal holte er aus und schlug mir mit voller Wucht ins Gesicht. Ich keuchte von dem plötzlichen Schmerz auf und taumelte nach hinten. Als ich mir die Finger an die Nase hielt, wurden sie mit Blut benetzt. Entgeistert starrte ich Cheren an. »Was, bei den Rittern der Redlichkeit, sollte das denn?!«

    »Lange nicht gesehen?«, wiederholte Cheren meinen vorherigen Gruß leise und auf derart wütende Weise, dass mir ein kalter Schauer den Rücken hinablief. »Das ist alles, was du zu sagen hast, Black? Hast du eigentlich die geringste Ahnung, welche Sorgen wir uns um dich gemacht haben? Bell hat mir erzählt, was passiert ist! Dass du Team Plasma gefunden hast und dann Zurrokex gesucht hast und du kurz darauf geknickt zurückgekommen bist, dir nur deine Sachen geschnappt hast und auf und davon warst. Bell hatte fürchterliche Angst um dich, weißt du das? Du warst per Viso-Caster nicht erreichbar, wir haben tagelang nach dir gesucht, ohne das geringste Lebenszeichen! Grünchen ist am Boden zerstört. Sie hat sich nach deinem Verschwinden fast drei Wochen lang kaum noch aus dem Pokémon-Center von Septerna gewagt! Wir wollten sogar eine Vermissten-Meldung für dich aufgeben, aber die Polizei meinte nur, dass Pokémon-Trainer immer wieder mal für kurze Zeit verschwänden, das sei ganz normal. Du… verfluchter Idiot!«

    Cheren kam schlagartig näher und packte mich am Kragen. »Das alles haben wir wegen dir durchgemacht, ohne zu wissen, ob du überhaupt noch lebst. Wir haben schon darüber nachgedacht, wie wir es deiner Mutter beibringen, wenn du nicht bald wieder auftauchst! Und jetzt spazierst du hier an… und sagst nur… nur… lange nicht gesehen? Bist du vollkommen übergeschnappt?!«

    »Mach mal halblang!« Ich riss mich los und brachte ein wenig Abstand zwischen mich und meinen sogenannten besten Freund. »Tut mir ja leid, dass ich mich nicht gemeldet habe, aber es waren nur sechs Wochen! Die Polizei hatte recht, wir sind Trainer auf Reisen, willst du jedes Mal so ein Theater veranstalten, wenn einer von uns mal eine Zeit lang weg ist? Außerdem… hatte ich meine Gründe. Es ist etwas geschehen, das…«

    »Es ist mir egal, was du für Gründe hattest«, unterbrach er mich. »Es geht hier auch nicht wirklich um mich, sondern um Bell. Du wirst sie anrufen, heute noch, am besten jetzt gleich! Und dann wirst du dich ausführlich bei ihr entschuldigen, ist das klar?«

    »Ja, ist angekommen.« Ich wischte mir das Blut aus dem Gesicht und seufzte tief, als ich die roten Flecken auf dem Ärmel meiner gestern erst neu gekauften Jacke sah. »War es wirklich notwendig, mich deswegen zu schlagen?«

    »Ja, war es.« Cheren schüttelte seine Hand, die Haut war an einigen seiner Fingerknöchelchen aufgeplatzt, ganz schmerzlos war der Hieb also auch für ihn nicht gewesen. Aber er wirkte dennoch zufrieden.

    »Meine Güte«, stöhnte Aloe neben uns. »Wir sind hier in einer Bibliothek, also mäßigt euch, ihr Hitzköpfe. Hach, so können wir keinen Pokémon-Kampf austragen. Diese Wunden müssen versorgt werden.«

    »Tut mir leid«, entschuldigte sich Cheren. »Als ich Black gesehen habe, sind meine aufgestauten Emotionen wohl mit mir durchgegangen. Aber das ist nichts, ich kann trotzdem noch kämpfen.«

    »Das hast du nicht zu entscheiden, Bursche«, widersprach die Arenaleiterin jedoch unerbittlich und verschränkte die Arme vor der Brust, wobei sie die Atmosphäre einer gestrengen Mutter oder Erzieherin ausstrahlte, sodass wir fast schon instinktiv wie gescholtene Kinder unsere Köpfe senkten und ihr gehorchten. »Ich weiß nicht, was genau zwischen euch beiden vorgefallen ist, aber legt eure Differenzen in Zukunft an einem anderen Ort bei. Ihr könnt froh sein, dass ich heute gut genug gelaunt bin, euch kein Hausverbot zu erteilen. Jetzt kommt mit, ich habe einen Verbandskasten in meinem Büro.«

    Da sie uns kaum eine andere Wahl ließ, folgten wir ihr zu ihrem Büro, welches im Erdgeschoss lag und fast wie ein weiterer normaler Raum der Bibliothek wirkte, mit all den Bücherregalen an den Wänden. Lediglich fahles Sonnenlicht, das durch ein hohes Fenster an der Rückwand fiel, spendete ein wenig Licht und erhellte dabei auch den wuchtigen Schreibtisch, der das Zimmer beherrschte und unter dem Aloe nun besagten Verbandskasten hervorkramte, um sich um unsere Wunden zu kümmern. In meinem Fall war das Nasenbluten bereits wieder versiegt, die Nase war glücklicherweise nicht gebrochen, obwohl sie noch immer höllisch schmerzte, was mir aber fast willkommen war nach der anderen Art von Schmerz, die mich seit dem Vorfall vor sechs Wochen so lange gequält hatte. Zurrokex würde vermutlich für immer eine leere Stelle in meiner Seele zurücklassen. Cherens Hand musste im Gegensatz verbunden werden, jedenfalls bestimmte das die Bibliothekarin und Arenaleiterin – und stellvertretende Museumsdirektorin, wie ich im Gespräch mit ihr nun auch noch erfuhr, während sie sich um meinen vielleicht nicht mehr ganz besten Freund kümmerte.

    »Gut, das wäre erledigt.« Sagte sie schließlich zufrieden und begutachtete ein letztes Mal ihr Werk an der Hand ihres neuesten Herausforderers, dem es anzusehen war, dass er diese Behandlung für übertrieben hielt. »Also dann, folgt mir zur Arena. Sie befindet sich in einer rückwärtig gelegenen Halle, die direkt an die Bibliothek angeschlossen ist.«

    »Ich auch?«, fragte ich.

    »Natürlich. Ihr beide seid doch Freunde, oder? Daran wird doch wohl eine kleine Meinungsverschiedenheit nichts ändern. Es ist vorbei, also seid keine beleidigten Kleinkinder und vertragt euch wieder.«

    »Na gut.« Etwas widerwillig wandte ich mich Cheren zu. »Du hast ja recht… ich hätte mich mal melden sollen. Aber…«

    »Etwas ist geschehen, das sagtest du schon.« Er ließ mich nicht einmal aussprechen. Stattdessen versuchte sich an einem Lächeln, das allerdings nicht sehr überzeugend wirkte, und reichte mir die Hand – erst die verletzte rechte, bis er es bemerkte und sie schnell gegen die linke austauschte. Ich ergriff sie, wenn auch nicht ganz ohne Vorbehalt. »Aber den Schlag hattest du trotzdem verdient.«

    »Vielleicht stimmt das«, gab ich zu, aber insgeheim wanderten meine Gedanken wieder zurück zu jener Nacht… hätte N mich geschlagen, hätte er mich bemerkt? Ich nahm es Cheren übel, aber hätte ich es N übel genommen, zu diesem Zeitpunkt? Was wusste Cheren schon von dem, was ich in letzter Zeit durchgemacht hatte? Er interessierte sich nicht einmal wirklich dafür. Fragte nicht nach meiner Sichtweise. Das machte mich schon ein bisschen wütend, aber ich hielt es zurück und beschloss, mich durch den Arenakampf abzulenken, bei dem ich nun zusehen durfte.

    Auch wenn unser Wiedersehen nicht gerade auf wünschenswerte Weise verlaufen war, konnte ich doch nicht umhin, darauf gespannt zu sein, welche Fortschritte Cheren seit unserem Kampf in der Trainerschule gemacht hatte.


    Wenige Minuten später stand Cheren Fenardez' zweiter offizieller Arenakampf unmittelbar bevor – sein Gegner war Aloe Libra, die wie auch er Pokémon des Typs Normal bevorzugte.

    Die Arena war tatsächlich nicht viel mehr als eine an die Bibliothek angeschlossene Halle, die man theoretisch auch noch als Teil des vorderen Gebäudes sehen konnte. Der Boden war betoniert, aber mit Sand bestreut und unterschied sich somit geringfügig von den Kampffeldern in der Trainerschule und im Arenarestaurant. An der Nordwand gab es eine hölzerne Tribüne, auf der ich Platz genommen hatte, doch außer mir waren es keine anderen Zuschauer zugegen, auch nicht Bell.

    Als Kampfrichter diente Aloes Ehemann, der Direktor des Museums nebenan, der für das Duell zwischen seiner Frau und dem jungen Herausforderer herübergekommen war. Er stellte sich als Baldur Libra vor und erklärte auf eine Frage Cherens hin, dass er keineswegs jedes Mal als Richter fungierte, lediglich dann, wenn er es einrichten konnte. Für gewöhnlich übernahmen diese Aufgabe die Angestellten der Bibliothek. Ein wenig amüsiert erkannte ich, dass Aloes Mann der ältere Herr war, den ich heute Morgen am Café Lagerhaus gesehen hatte.

    Schließlich bezogen die beiden Kontrahenten an den entgegengesetzten Enden des Feldes Aufstellung, wohingegen der Museumsdirektor sich auf mittlerer Höhe an dessen Rand stellte, wo er den besten Überblick hatte. »Die Regeln lauten wie folgt: Sowohl die Arenaleiterin als auch der Herausforderer dürfen jeweils drei Pokémon einsetzen. Diese dürfen beliebig oft ausgewechselt werden. Sind alle drei Pokémon eines Teilnehmers nicht mehr fähig, den Kampf fortzuführen, verliert derjenige. Sind beide einverstanden?«

    Er sah erst Cheren an, dann seine Frau, und als beide nickten, verkündete er: »Dann, ohne weitere Umschweife, beginnt!«

    »Ich mache den Anfang!«, gab Aloe kurzerhand bekannt und warf schon im nächsten Moment einen Ball in die Luft, dessen obere Hälfte blau und mit zwei dicken, roten Linien versehen war – ein Superball, effektiver als ein gewöhnlicher Pokéball, aber dementsprechend auch teurer, wenn auch nicht um vieles. Das Pokémon, welches die Leiterin als Erstes in den Kampf schickte, erweckte in mir zuerst den Eindruck eines größeren, weniger niedlichen Yorkleff. Es hatte eine Art Mantel etwas längeren, dunklen Fells, das vom Rücken ausging und sich stellenweise bis zu den Beinen erstreckte, und einen ernsten, ruhigen Blick. Das musste ein Terribark sein, die entwickelte Form von Yorkleff. Es strahlte die Selbstsicherheit eines Pokémon aus, das schon viele solcher Kämpfe bestritten hatte. Sicher kein leichter Gegner für einen relativ frischen Trainer wie Cheren.

    Der rückte jedoch nur wie so oft seine Brille zurecht und hatte bereits den kalkulierenden Blick aufgesetzt, den ich aus meinen eigenen Konfrontationen mit ihm und seinen Pokémon kannte. Er meinte es ebenso ernst wie Aloe, er wollte unbedingt gewinnen. »Ich wähle dich, Navitaub.«

    Cherens Vorhut war ein Vogel-Pokémon mit grau-schwarzem Gefieder, das im Stand zunächst kleiner wirkte als Terribark, dann allerdings eine erstaunliche Spannweite demonstrierte, als es seine Schwingen ausbreitete und sich flügelschlagend in die Luft erhob, wo es eine Mischung aus dem Schrei eines Raubvogels und dem Gurren einer Taube ausstieß. Das also war ein Navitaub. Ich hatte ein paar davon schon aus der Ferne gesehen, wie sie am Himmel über mir vorübergezogen waren, zusammen mit einigen Dusselgurr, meist wurde der Schwarm von einem Fasasnob angeführt, aber nun sah ich zum ersten mal eines aus solcher Nähe. Ich hatte gewusst, dass Cheren ein Dusselgurr besaß, aber ich war wohl nicht der einzige, der in letzter Zeit fleißig trainiert hatte. Mein Rivale kämpfte nun also inzwischen mit entwickelten Pokémon – aber auch ich verfügte mittlerweile über ein Pokémon in seiner zweiten Stufe, nämlich Zwottronin.

    Der Kampf begann, sobald sich beide Pokémon auf dem Feld befanden. Erneut zeigte Aloe, dass sie nichts davon hielt, lange zu zögern. Ein klarer Befehl schallte durch die Halle. »Kraftschub!«

    Unmittelbar begann eine Art rotes Glühen, ihr Terribark zu umfangen, und obwohl ich zu weit weg saß, um es beurteilen zu können, machte es auf mich den Eindruck, als müsste sein Körper in diesem Moment eine überdurchschnittliche Hitze ausstrahlen. Dabei schloss das Hunde-Pokémon die Augen und schien sich zu konzentrieren, eine Gelegenheit, die Cheren sich nicht entgehen ließ.

    »Navitaub, setze Ruckzuckhieb ein!«

    »Tauu!« Navitaub legte die Flügel an und begab sich in einen diagonalen Sturzflug, bei welchem es jedoch mehrfach leicht die Richtung abänderte, sodass es einen flachen Zickzackkurs zurücklegte – dennoch gewann es merkbar an Geschwindigkeit und würde binnen der nächsten Augenblicke ohne jeden Zweifel mit voller Wucht in seinen Gegner einschlagen. Ruckzuckhieb war schon am Boden ausgeführt eine äußerst schnelle, schwer abzuwehrende Attacke, doch aus der Luft, durch die Schwerkraft verstärkt… Cheren wusste definitiv, was er tat.

    Doch dasselbe ließ sich auch von Aloe behaupten.

    Sie passte den perfekten Zeitpunkt ab, um ihre nächste Anweisung zu geben – nicht zu früh, nicht zu spät, gerade in dem Moment, als Navitaub sich in der richtigen Distanz befand: »Biss!«

    Schlagartig beendete Terribark seine vorherige Technik, die seine offensiven Kräfte erhöht haben sollte, und schnappte genau dann nach seinem Gegner, als dieser kurz davor stand, seinen Schnabel in seine Seite zu bohren. Die Zähne des Hundes gruben sich in einen Flügel der Taube und rissen hart daran, sodass das Flug-Pokémon stürzte und heftig auf dem Boden aufschlug. Selbst danach ließ Terribark nicht locker und hielt seinen Kontrahenten umklammert.

    »Das war kein schlechter Angriff«, lobte Aloe, ein siegessicheres Lächeln im Gesicht. »Dein Navitaub ist schnell, und viele Trainer wären wohl überrascht und besiegt worden. Aber wenn du wirklich einen Orden ergattern willst, meinen Orden, dann musst du dir schon etwas besseres einfallen lassen. Bringen wir es zu Ende. Terribark, werfe es!«

    Mit einer schwungvollen, aus dem Nacken erfolgenden Drehung seines Kopfes hob Terribark daraufhin seinen Gegner an und ließ endlich los, sodass dieser quer durch die Halle geschleudert wurde, ein finaler Schlag, in gewisser Weise ein Gnadenstoß, um dieses erste von mindestens drei Duellen zu beenden. Doch als mein Blick zu Cheren wanderte, bemerkte ich, dass er noch immer unheimlich ruhig wirkte – seine Augen sahen aus, als berechnete er etwas. Ich kannte das, ich hatte es selbst schon erlebt. Manchmal dachte man, man hätte Cheren erwischt, aber dann stellte sich heraus, dass er einen nur getestet hatte und seine Strategie dann nach diesem Test ausrichtete.

    Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Aloe ahnte wahrscheinlich nicht, dass dieser Kampf noch lange nicht vorbei war.

    »Abfangen«, kam schließlich das gelassene Kommando, woraufhin Navitaub, welches zu diesem Zeitpunkt noch nicht wieder auf dem harten Betongrund aufgeschlagen war, seine Flügel ausbreitete, obwohl der linke davon blutig war und ziemlich schmerzen musste, und sich erneut bis knapp unter die Decke aufschwang. »Und jetzt, Ruheort.«

    Navitaub ließ sich auf einer der stählernen Stützstreben nieder, wo Terribark es nicht erreichen konnte, und klappte die Flügel wieder ein. Danach senkte es den Kopf und ließ den Schnabel im eigenen Gefieder verschwinden, schloss die Augen und erweckte den Anschein, zu schlafen. Kaum hatte es diese Pose eingenommen, ging auf einmal ein blaues Leuchten von seinen Federn aus wie zuvor das rötliche Glühen in Terribarks Fell. Es dauerte nicht lange, da erlosch der kalte Schein auch schon wieder und die Taube erhob sich erneut, um mit neuer Kraft einen unnachgiebigen Kampfschrei auszustoßen.

    Ruheort war, so weit ich wusste, eine Fertigkeit fliegender Pokémon, die es ihnen erlaubte, schneller wieder zu Kräften zu kommen, wenn sie sich an einem hohen Punkt, der über ihren Gegnern lag, ausruhten. Es sorgte nicht dafür, dass ihre Wunden binnen weniger Sekunden vollständig heilten, aber es milderte immerhin den Schmerz und die Erschöpfung, und wenn ich es richtig sah, war auch die Blutung gestoppt worden. Das war also Cherens Trumpf gewesen – dank Ruheort hatte er es riskieren können, sein Navitaub einmal ohne Zurückhaltung nach vorne zu schicken, um zu analysieren, was Aloe und ihr Terribark tun würden. Ich war gespannt, wie sein nächster Zug aussehen würde.

    »Noch einmal Ruckzuckhieb!«

    »Denkst du etwa, es funktioniert beim zweiten Mal besser?«, fragte Aloe laut über das Kampffeld hinweg, indes Navitaub erneut die Flügel anlegte und sich in seinen Zickzack-Sturzflug begab, den Blick fest auf Terribark geheftet. Möglicherweise nahm Aloe an, dass Cheren glaubte, ihr perfektes Timing vorhin wäre nur Zufall gewesen, sodass es ihr kein zweites Mal gelänge – wenn es so war, dann unterschätzte sie ihren Widersacher gewaltig. »Noch einmal Biss, auf mein Kommando… warte… jetzt!«

    »Scanner!«, kam sofort der Gegenbefehl von Cheren, noch ehe die Arenaleiterin ihr »jetzt« beendet hatte.

    Was daraufhin geschah, war fast zu schnell, um es richtig zu erkennen – alles, was ich sehen konnte, war, wie Terribark einmal mehr nach Navitaub schnappte, dieses jedoch mit einer blitzschnellen Drehung auswich und dabei nur um Haaresbreite den scharfen Zähnen entging, denen es vorher zum Opfer gefallen war. Das Ausweichen war so rasant und unvermittelt erfolgt, dass man ausschließen konnte, dass Terribark auf irgendeine Weise getroffen hätte. Beinahe erschien es, als hätte Navitaub jede seiner Bewegungen genaustens erfasst… oder sollte ich sagen, gescannt?

    Nun befand sich das Vogel-Pokémon hinter Aloes Terribark und schraubte sich dort mit beachtlicher Geschwindigkeit wieder in die Höhe, bevor er mit ausgebreiteten Schwingen kurz verharrte und dann auf die nächste Anweisung seines Trainers hin Windschnitt einsetzte, um scharfe Windsicheln auf seinen Kontrahenten herabregnen zu lassen – ebensolche Windsicheln, die auch das Dusselgurr von Team Plasma verwendet hatte, kurz bevor… nein, das war nicht der Zeitpunkt, in solch trübe Gedanken abzuschweifen. Ich zwang mich dazu, mich wieder auf den Kampf zu konzentrieren.

    Terribark wurde hilflos am Rücken getroffen. Es rannte knurrend über das Feld, blieb immer wieder kurz stehen, um das fliegende Pokémon anzubellen, aber das vermochte letztlich auch nichts daran zu ändern, dass es sich außer Reichweite befand. Noch dazu bemerkte ich nun einen Schnitt in Terribarks Gesicht, der nicht von den lediglich in seinen Rücken und seine Flanken einschlagenden Windsicheln stammen konnte – also musste es geschehen sein, als Navitaub unter Einsatz von Scanner an ihm vorbeigeflogen war. Der Schnitt schien nicht sehr tief, verlief allerdings quer über die Stirn, sodass langsam, aber sicher das Blut in seine Augen sickerte.

    Ich begann zu verstehen, was Cheren vorhatte. Windschnitt mochte praktisch sein, weil er so aus der Distanz angreifen konnte, wozu Aloes Terribark offensichtlich keine Möglichkeit hatte, aber dennoch würde es auf Dauer nicht viel Schaden anrichten, da Navitaubs Eigenschaften eher auf physische Angriffe ausgelegt waren. Es musste sich also näher an seinen Feind heranwagen, um zu gewinnen. Ansonsten würde Aloe ihr Terribark einfach zurückrufen und gegen ein Pokémon austauschen, das besser darin war, fliegende Gegner zu bekämpfen. Doch da war die gefährliche Biss-Attacke des Hunde-Pokémons… für die es aber äußerst präzise sein musste, um den Gegner mitten im Ruckzuckhieb zu fassen zu bekommen. Blinzelte es jedoch stetig aufgrund es Blutes in den Augen…

    So begann Cherens Plan, sich zu entfalten.

    Nicht lange, da gab er den Fernkampf auf, wie ich vermutet hatte, und befahl zum dritten Mal den Einsatz von Ruckzuckhieb. Die inzwischen bekannte Szene des rasch im Zickzackkurs herannahenden Navitaub und des geduldig wartenden Terribark entfaltete sich erneut, wieder gab die Arenaleiterin dieselbe Anweisung – doch die Zähne ihres Pokémon gingen ins Leere. Stattdessen bohrte sich endlich der Schnabel von Cherens Partner in die Seite des Gegners, ehe die Wucht der rapiden Attacke es nach hinten stieß. Jaulend schlitterte und rollte Terribark ein Stück weit über den Boden, bevor es schließlich winselnd liegen blieb. Zwar versuchte es, wieder aufzustehen, aber bevor ihm das gelang, erfasste es ein blauer Strahl und es wurde in seinen Superball zurückgerufen.

    »Da reicht, ich gestehe die Niederlage meines Terribark ein«, erklärte Aloe mit fester Stimme.

    Ihr Ehemann hob eine Hand. »Terribark wurde besiegt, diese Runde geht an Navitaub und somit Cheren Fenardez. Es steht Null zu Eins für den Herausforderer.«

    Ich hatte es gewusst! Ich hatte gewusst, Cheren würde sich nicht so einfach besiegen lassen. Er war einer der besten Trainer, die ich kannte, immerhin war er ja auch würdig, sich als mein Rivale bezeichnen zu dürfen, es hätte mich also sehr gewundert, wenn er nach dem ersten Rückschlag zu Beginn des Kampfes schon am Ende gewesen wäre. Er hatte noch lange nicht all seine Karten ausgespielt und diese erste Runde souverän zu seinen Gunsten gedreht. Doch von nun an konnte es nur schwerer werden, denn nun wusste auch Aloe, dass sie mit Cheren aus Avenitia kein leichtes Spiel haben würde. Sie würde mit ihren nächsten beiden Pokémon vorsichtiger sein.

    »Ich gebe es zu, letztendlich war ich diejenige, die dich unterschätzt hat, nicht umgekehrt«, meinte die Bibliothekarin. »Ich habe viele Herausforderer, die ohne wirkliche Strategie angreifen, und habe wohl fälschlicherweise angenommen, bei dir sei es dasselbe. Sag, Bursche, das ist nicht dein erster Arenakampf, oder?«

    »Nein«, schüttelte Cheren den Kopf. »Ist er nicht. Ich habe bereits den Triorden.«

    »Maik, Colin und Benny.« Aloe seufzte tief. »Die drei sind meiner Meinung nach nicht geeignet für den Posten eines Arenaleiters, zumal sie ihn sich teilen. Hör mir zu. Hier im Südosten Einalls gibt es nicht viele starke Pokémon und deshalb auch nicht viele starke Trainer. Selbst ich bin für viele der Trainer in den weiter westlich und nördlich gelegenen Teilen von Einall kaum der Rede wert. Dennoch zähle ich zu den besten Trainern dieser Gegend – wenn du dich also wirklich beweisen willst, wenn du zeigen willst, dass du in Zentral-Einall und West-Einall bestehen kannst, dann führt kein Weg an mir vorbei. In dieser Hinsicht solltest du diesen Kampf vielleicht als deinen ersten richtigen Arenakampf sehen. Scheiterst du hier, gehörst du zu der großen Mehrheit, die es als Trainer nie zu etwas bringen wird. Aber ich denke, du hast Potential. Ich will, dass du mir dieses Potential zeigst, und zwar alles davon, ohne jegliche Zurückhaltung. Denn auch ich werde dich jetzt mit allem testen, was ich habe, um dich dann entweder als würdig zu erachten oder eben nicht. In diesem Sinne… wollen wir fortfahren?«

    »Nur zu«, forderte Cheren sie auf, woraufhin sie sogleich ihr nächstes Pokémon in den Kampf schickte: Ein Kukmarda, die weiterentwickelte Form von Nagelotz. Es ähnelte seiner Vorstufe weitestgehend, doch war es größer und schlanker und hatte dunkleres, mit gelben Streifen versehenes Fell. Die rot-gelben, hypnotischen Augen waren jedoch genau dieselben wie bei den Nagelotz, die ich kannte, und erweckten in mir ein abstoßendes Gefühl. Das war mit ein Grund, warum ich es nicht einmal in Betracht gezogen hatte, auf Route 1 ein Nagelotz zu fangen wie Cheren. Manche Pokémon konnte ich einfach von Grund auf nicht leiden, und dieses Kukmarda fiel eindeutig in diese Kategorie.

    »Navitaub, Windschnitt!« Dieses Mal begann mein Kindheitsfreund mit einem Angriff aus der Ferne – er war nicht dumm genug, es zwei Mal auf dieselbe Weise zu versuchen, nicht gegen eine Arenaleiterin, die wahrscheinlich nur darauf wartete, dass er noch einmal versuchte, durch einen Angriff aus nächster Nähe die Fertigkeiten ihres Pokémon auf die Probe zu stellen.

    Doch Aloe konterte mit derselben Attacke, die Cheren für seine vorherige Strategie verwendet hatte: »Scanner!«

    Ich glaubte, diese verwirrenden, grellen Augen kurz aufblitzen zu sehen, bevor Kukmarda sich auf einmal zu Seite drehte, nur leicht, aber gerade weit genug, um einer rasend schnellen Windsichel zu entgehen. Dann tat es einen lässigen Schritt nach hinten, um der nächsten auszuweichen, und entging infolgedessen durch ähnliche, meist nur geringfügige Bewegungen auch den restlichen Windsicheln dieser Salve. Scanner half dabei, die genauen Angriffswege eines Gegners oder etwaiger von diesem abgefeuerter Projektile zu erkennen und diesen somit flink und gekonnt auszuweichen – es war keine garantiert abwehrende Attacke, sollte der Gegner doch zu schnell oder undurchschaubar sein, aber in den meisten Fällen funktioniert es, was es zu einer enorm praktischen Technik für nahezu jedes Pokémon machte. Umso schwerer war es, einem Pokémon Scanner beizubringen – dass sowohl Cherens Navitaub als auch Aloes Kukmarda es beherrschten, bewies nur, welch hervorragende Trainer sich hier gegenüber standen.

    Allerdings gab es einen gravierenden Nachteil bei Scanner: Es erforderte genug Konzentration vom Anwender, um einen zweimaligen Einsatz in direkter Folge erheblich zu erschweren, was bedeutete, dass Cheren nun ein unbestimmtes Zeitintervall hatte, um anzugreifen, bevor Kukmarda noch einmal Scanner benutzen konnte, es sei denn, die Arenaleiterin spielte auf Risiko und ließ ihr Pokémon noch einmal auf diese Weise ausweichen, auf die Gefahr hin, dass es fehlschlug.

    Meinem Rivalen war das natürlich genauso bewusst wie mir. Er zögerte nicht einen Moment lang: »Noch einmal Windschnitt!«

    »Hypnose!« Als Konter wählte Aloe dieses Mal nicht Scanner, und auch keine Schaden verursachende Attacke, sondern verwendete dieselbe Taktik, die Benny in meinem ersten Arenakampf gegen mich eingesetzt hatte – nur hatte Cheren offenbar damit gerechnet, denn er rief seinem Navitaub sofort zu, die Augen zu schließen.

    Aber es war zu spät.

    Bevor Navitaub, das sich gerade mitten in der Flügelbewegung befand, mit der es seine Windsicheln, meistens vier oder fünf pro Salve, erzeugte und auf sein Ziel schoss, dazu kam, seine Augen zu schließen, fing Kukmarda bereits seinen Blick ein, die gelben Ringe in seinen Augen wirbelnde Spiralen, die eine unverkennbar hypnotische Wirkung auf ihr Opfer entfalteten. Sogar ich, der ich dieses Schauspiel nur von der Seite beobachtete, fühlte mich plötzlich ein wenig müde. In diesem Moment wurde mir erst so richtig bewusst, dass mit Aloes Kukmarda nicht zu spaßen war, denn es war weit stärker als Bennys oder Cherens Nagelotz.

    Navitaub glitt taumelnd zum Boden hinab. Sobald es aufkam, sackte es zur Seite und versank in tiefsten Schlaf, aus dem es wohl so schnell nichts reißen konnte. Cheren streckte eine Hand mit rot-weißer Kapsel darin aus, die sich per Knopfdruck ausweitete und das Flug-Pokémon wieder in sich aufnahm. »Das ist genug, komm zurück.«

    Er nahm unverzüglich den nächsten Pokéball zur Hand und öffnete ihn. »Das ist ein Kampf für dich, Nagelotz!«

    Und da war es. Cherens Nagelotz, sein zweites Pokémon nach Serpifeu, das Erste, das er selbst gefangen hatte. Ich kannte diesen kleinen Nager gut, ich hatte immerhin schon oft gegen ihn gekämpft. Ich wusste, Cheren hatte dieses Pokémon gut trainiert, aber dennoch… es war hier seine weiterentwickelte Form, der es gegenüber stand. Wie man es auch drehte und wendete, mein Rivale befand sich noch immer im Nachteil.

    »Zahlen wir es ihm mit gleicher Münze heim«, rief Cheren. »Hypnose!«

    »Hypnose, um Hypnose zu kontern.« Aloe nickte, wirkte dabei aber seltsam zufrieden. »Ich sehe, was du vorhast. Bevor Kukmarda dein Nagelotz einschlafen lässt, willst du Kukmarda einschlafen lassen. Aber nicht mit mir! Hypnose!«

    Beinahe gleichzeitig verwandelten sich die gelben Ringe in den Augen beider Kontrahenten in schläfrig machende Spiralen, indes sie direkt einander anstarrten. Fast war es mir, als könnte ich die Wellen hypnotischer Energie sehen, die im Zentrum der Arena aufeinandertrafen und von dort in alle Richtungen hin ausgestrahlt wurden, sodass mich erneut eine Müdigkeitswelle überkam, aber ich hielt dem Drang stand, meine Augen zu schließen und ein kleines Nickerchen zu machen und erwartete gespannt den Ausgang dieses so gleichen und doch ungleichen Aufeinandertreffens.

    Nagelotz hatte seine Hypnose einen winzigen Augenblick früher begonnen, deshalb glaubte ich, dass es hier den Vorteil hatte. Dennoch war Kukmarda wahrscheinlich stärker, es bestand also eine Chance, dass es gewinnen würde. Wie viel stärker es tatsächlich war, sollte sich bereits wenig später zeigen, als nach nicht einmal zehn Sekunden des gegenseitigen Anstarrens plötzlich das kleinere der beiden Pokémon ins Wanken geriet und vornüber kippte – Cherens Nagelotz war eingeschlafen.

    »Wach auf!«, rief der junge Trainer, doch es war vergebens. Sobald Aloe erkannte, dass er sein Pokémon dieses Mal nicht zurückrief, befahl sie endlich den ersten richtigen Angriff ihres Kukmarda – wie auch ihr Terribark zuvor sollte es Biss einsetzen. Schneller, als man es erwartet hätte, näherte es sich seiner Vorstufe, die sogar ein wenig schnarchte, und grub seine langen Nagezähne in dessen Fell. Selbst dann, als Blut aus der Wunde sickerte und sich Nagelotz' Atem beschleunigte, wachte es nicht auf.

    Mein Blick wanderte zu Cheren. Nachdem er einen so guten Start mit Navitaub hingelegt hatte, war er nun vollständig ins Hintertreffen geraten – hatte er keinen Plan mehr, keine Strategie? Hypnose einzusetzen, bevor Kukmarda es tun konnte, schien mir mehr wie eine verzweifelte Idee als eine durchdachte Taktik, da der Ausgang dieser Hypnose-gegen-Hypnose-Konfrontation von Anfang an hätte klar sein sollen. Was tust du, Cheren? Du kannst mehr, das weiß ich. Aloe wollte, dass du ihr dein ganzes Potential zeigst. Das kann nie und nimmer alles sein.

    Der schwarzhaarige Junge hatte die Stirn in Falten gelegt und rückte soeben mit nachdenklicher Miene seine Brille zurecht. Er wirkte nicht mehr so berechnend wie zuvor, aber dennoch schien es hinter seiner Stirn zu arbeiten – vermutlich wog er gerade ab, ob er ein Risiko eingehen sollte, das sich vielleicht nicht lohnte. Im Gegensatz zu mir hatte es ihm schon immer an Initiative gefehlt, wenn mal etwas nicht ganz nach Plan verlief. Wo ich einfach ausprobierte und scheinbar verrückte Risiken einging, verließ er sich lieber auf seine Kalkulationen. Beides hatte seine Vor- und Nachteile. Aber gerade in einem Arenakampf wie diesem durfte er sich nicht immer nur an eine Art zu kämpfen halten – er musste zeigen, dass er flexibel war.

    Worüber auch immer du nachdenkst, Cheren, tu es einfach. Versuche es. Ich konnte mich nicht einfach einmischen, indem ich ihm Dinge wie diese zurief, deswegen musste ich diesen Rat für mich behalten und nur in Gedanken ausformulieren. Wenn du so in die Enge getrieben bist wie jetzt, mit zwei schlafenden und zudem verletzten Pokémon, dann bleibt dir nichts anderes übrig, als dich für die Möglichkeit zu entscheiden, die die größte Siegeswahrscheinlichkeit in sich birgt, auch wenn diese zugleich mit dem höchsten Risiko verbunden ist.

    Manchmal konnte ein Kampf von einer einzigen Entscheidung abhängen. Tue ich das richtige? Werde ich verlieren, wenn ich mich so entscheide? Das waren Fragen, die einem in solchen Momenten durch den Kopf schossen, und genau solche Fragen musste sich wahrscheinlich auch Cheren in diesem Moment stellen. Doch obwohl ich noch immer ein bisschen verärgert wegen vorhin war, glaubte ich fest an meinen Rivalen – und so kam schließlich der Augenblick, da er diese Entscheidung traf.

    Er rief Nagelotz zurück wie zuvor Navitaub. Ich erwartete Serpifeu, oder vielleicht sogar ein Efeuserp, denn wenn mein Ottaro sich inzwischen zu Zwottronin entwickelt hatte, dann hatte sich womöglich auch Cherens Serpifeu weiterentwickelt. Doch die Wahl, die er letztlich traf, überraschte nicht nur mich, dem verwirrten Blick im Antlitz der Arenaleiterin nach zu urteilen.

    Der Herausforderer hielt sein erstes, sein stärkstes Pokémon zurück. Stattdessen erschien erneut ein Hund auf dem Kampffeld, nein, eher ein kleines Hündchen – Yorkleff. Auf der Route 1, an einem sonnigen Tag, dem letzten Tag vor dem Beginn unserer Reise, der Reise dreier Freunde, war dieses Yorkleff gefangen worden, ich war selbst zugegen gewesen. Ein schüchternes, nicht sehr starkes Pokémon, das in der Trainerschule vor sechs Wochen von meinem Ottaro überwältigt worden war und sich selbst nach aller dieser Zeit noch nicht zu einem Terribark entwickelt hatte.

    Es war sein letztes Pokémon, hatte er nicht das Glück, dass später noch eines der anderen beiden aufwachte. Mir sank kurz das Herz in die Hose, als ich sah, dass er gerade dieses Yorkleff aussandte, aber dann schüttelte ich den Kopf und entsann mich dessen, was ich vor wenigen Sekunden noch zu mir selbst gesagt hatte. Ich glaubte an Cheren. Wenn er sich für dieses Pokémon entschied, dann musste er einen Plan haben – vielleicht nicht unbedingt einer, der ihm garantiert den Sieg verschaffte, aber vielleicht einer, der enormen Erfolg versprach, wenn er denn aufging.

    »Schließe die Augen, Yorkleff«, lautete Cherens erstes Kommando, nachdem diese vierte Runde des Arenakampfes begonnen hatte.

    »Solange es die Augen geschlossen hält, kann die Hypnose meines Kukmarda ihm nichts anhaben, das stimmt«, nickte Aloe, stemmte aber im nächsten Moment die Hände in die Hüften. Sie wirkte überlegen und siegesgewiss – zu Recht. Doch ein Kampf war erst vorbei, wenn er vorbei war. »Aber mit geschlossenen Augen kann man nicht kämpfen! Kukmarda, noch einmal Biss!«

    »Sag das mal einem Fleknoil«, murmelte ich und wartete gespannt, was mein Rivale nun tun würde.

    »Schnüffler!« Während Kukmarda auf es zugerannt kam, begann Yorkleff, am Boden zu schnüffeln, als wolle es eine Fährte aufnehmen, noch immer mit geschlossenen Augen. Ich begann zu verstehen. Aber konnte das genug sein, gegen einen solchen Gegner? »Konzentriere dich. Filtere den Geruch des Gegners aus allen anderen Gerüchen heraus, wie wir es geübt haben. Du weißt, wo er ist. Er kommt näher. Mach dich bereit, Yorkleff. Biss!«

    Kurz bevor Kukmarda es erreichte, sprang Cherens Pokémon auf einmal zur Seite, wobei es genau zu wissen schien, wo sich sein Kontrahent befand. Als es aufkam, sog es sofort erneut mehrmals die Luft ein und wandte sich dann unmittelbar in die Richtung, in der sich das Kukmarda der Leiterin aufhielt, um nun seinerseits anzugreifen und zuzubeißen. Das größere, schlankere der beiden Normal-Pokémon versuchte sich mit überraschender Wendigkeit aus der Bahn des Angriffs zu biegen, doch es war zu langsam. Dieses Mal war es sein eigenes Fell, das mit roten Flecken gesprenkelt wurde, als sich die Zähne seines Widersachers in seine Seite gruben.

    »Kuuuk!« Wütend versuchte es, das kleine Hündchen abzuschütteln, doch dieses ließ nicht locker. Die Augen noch immer geschlossen, kratzte es nun zusätzlich mit seinen Vorderpfoten die Flanke des Gegners auf, was diesen nur noch mehr in Rage versetzte.

    »Beruhige dich, Kukmarda!«, befahl Aloe mit einer Stimme, in der so viel Autorität steckte, dass ihr Pokémon tatsächlich binnen eines Wimpernschlags wieder deutlich gefasster wurde und auf sie hörte. Solche Kontrolle hatten manche Arenaleiter also über ihre Pokémon – es war erstaunlich, und ein Ansporn, so etwas ebenfalls zu erlernen. Ein Pokémon Kraft der eigenen Stimme zu beruhigen war eine äußerst nützliche Fähigkeit in einem Kampf. »Verpasse ihm einen Fußkick, um es loszuwerden!«

    Kukmarda kam dem Befehl unverzüglich nach und rammte sein Knie, das dabei orangen leuchtete, von unten in das verdutzte Yorkleff, das aufjaulte und nun endlich losließ. Fußkick war eine Attacke, die sich darauf konzentrierte, Gegner von den Füßen zu reißen, weshalb es in den meisten Fällen besonders effektiv gegen große und schwere Gegner war, die Probleme damit hatten, sich schnell wieder aufzurichten, wenn sie einmal zu Fall gebracht worden waren. Doch obwohl sich Yorkleff weder als groß noch als schwer bezeichnen ließ, musste die Attacke dennoch beträchtlichen Schaden verursachen, denn sie war vom Typ Kampf, der einzige Typ, gegen den Normal-Pokémon besonders anfällig waren.

    Doch als wäre das nicht genug, ließen Aloe und ihr Kukmarda nicht locker. Noch ehe Cherens Partner dazu kam, sich wieder richtig aufzurappeln, geschweige denn per Schnüffler die Position seines Widersachers auszumachen, wurde es bereits von einem weiteren Fußkick getroffen, der es über den Boden rollen ließ… und letzten Endes dazu brachte, die Augen aufzureißen, als es ein gequältes Winseln ausstieß! Sofort war Kukmarda heran, und ohne dass seine Trainerin es ihm hätte befehlen müssen, begannen sich einmal mehr gelbe Spiralen in seinen Augen zu drehen.

    »Das ist mein Sieg, Cheren Fenardez aus Avenitia«, lächelte Aloe, und tatsächlich schien es nun aus zu sein – nachdem weder Navitaub noch Nagelotz fähig gewesen waren, diesem Kukmarda etwas entgegenzusetzen, nachdem sie Opfer von dessen Hypnose geworden waren, schien es offensichtlich, dass es nun vorbei war. Nein, das kann unmöglich alles sein, das… auf solche Weise würde Cheren nicht verlieren!

    »Erlauben sie mir bitte, ihnen da zu widersprechen, Aloe Libra aus Septerna City.«

    Als die betont kühle, jeglicher Emotionen entbehrende Stimme meines besten Freundes die in der Halle eingekehrte Stille durchbrach, konnte ich nur mit Mühe widerstehen, von meinem Platz aufzuspringen und mit einem triumphierenden Ausruf die Faust in die Luft zu strecken. Ich habe es gewusst! Bis jetzt war mir nicht einmal wirklich aufgefallen, wie sehr mich dieser Kampf mitriss, doch nun, da es offenbar in die finale Phase ging, konnte ich meine Aufregung kaum im Zaum halten. Dabei war ich nur ein Zuschauer! Genau das war es, was mich an Pokémon-Kämpfen schon immer so fasziniert hatte.

    Yorkleff schlief nicht ein.

    Stattdessen blitzte auf einmal ein hellblaues Licht an seiner rechten Vorderpfote auf, noch bevor sein Trainer das entsprechende Kommando gab: »Gegenschlag!«

    Ha!, rief ich in Gedanken, als ich die Attacke wiedererkannte, die er auch schon im Kampf gegen mein Ottaro eingesetzt hatte. Jetzt hat er sie! Gegenschlag, eine Kampf-Attacke, die stärker wurde, je mehr Schaden der Anwender bereits genommen hatte – in anderen Worten, es war sehr effektiv gegen Kukmarda, und unglaublich stark wegen der Attacken, die Yorkleff vorher bereits hatte einstecken müssen. Zudem befand sich der Gegner in nächster Nähe, sodass es ihm fast unmöglich war, auszuweichen.

    Es war auf eine seltsame Weise unheimlich befriedigend, als Kukmarda im nächsten Moment fast durch die ganze Arena geschleudert wurde und dann bewusstlos – aber noch immer atmend, worauf ich jetzt instinktiv etwas mehr achtete – liegen blieb. Entsetzt starrte Aloe beinahe zehn Sekunden lang nur ihr besiegtes Pokémon an, bevor sie wahrhaftig zu realisieren schien, was soeben geschehen war, und sich mit fassungslosem Gesichtsausdruck ihrem Gegenspieler zuwandte.

    »Das war erstaunlich und unerwartet«, sagte sie schließlich kopfschüttelnd, nachdem sie Kukmarda in seinen Ball zurückgerufen hatte, ein Superball wie auch zuvor bei ihrem Terribark. »Wie hast du das gemacht? Wie konnte Yorkleff der Hypnose meines Kukmarda widerstehen?«

    »Als jemand, der selbst ein Terribark trainiert, dachte ich mir, sie müssten das wissen«, meinte Cheren, indes er seine Brille zurechtrückte. »Deshalb habe ich so lange gezögert, bevor ich Yorkleff eingesetzt habe. Manche Yorkleff verfügen über eine spezielle Fähigkeit namens Munterkeit, durch die sie weit weniger Schlaf brauchen als Andere ihrer Art – zugleich erlaubt es ihnen diese Fähigkeit, Schlaf verursachenden Attacken wie Hypnose standzuhalten.«

    »Munterkeit.« Aloe seufzte, schien jedoch zu verstehen. »Ja, das erklärt es. Wie unachtsam von mir. Aber wozu dann die Sache mit den geschlossenen Augen und dem Schnüffeln? Wenn Yorkleff von Anfang an gegen Hypnose immun war, wozu dann das Ganze?«

    »Hätte ich es von Beginn an auf eine direkte Konfrontation angelegt, hätte ich verloren«, erklärte Cheren. »Sie wären wesentlich vorsichtiger gewesen, wenn ich meine Trumpfkarte sofort enthüllt hätte – so ließ ich sie jedoch glauben, Hypnose wäre effektiv, und habe zugleich dafür gesorgt, dass Yorkleff einige Treffer kassiert, um Gegenschlag zu boosten. Dann, als ihr Kukmarda nahe genug heran war und endlich Hypnose einsetzte, um Yorkleff einschlafen zu lassen, war der perfekte Zeitpunkt, um Zurückzuschlagen – der Zeitpunkt, auf den ich gewartet hatte.«

    »Erstaunlich und unerwartet«, wiederholte die Arenaleiterin. »Ich denke, ich lag richtig. Du hast außerordentliches Potential als Trainer. Es ist eine Zeit lang her, dass ich einen solch interessanten Kampf bestritten habe. Also gut, ich bin bereit für die Entscheidung.« Sie zückte eine weitere Kapsel, dieses Mal einen gewöhnlichen Pokéball. »Ein Pokémon darf ich noch einsetzen.«

    Sie hatte recht, der Kampf war noch immer nicht vorbei, ihr stand noch ein letztes Pokémon zur Verfügung. Cheren dagegen hatte noch alle drei, auch wenn zwei davon schliefen. Selbst wenn Yorkleff nun versagte, bestand immerhin noch eine gewisse Chance, dass entweder Navitaub oder Nagelotz aufwachte und den Sieg holte. Aber man konnte an den Blicken beider Kontrahenten ablesen, dass sie es mit ihrem jeweils letzten Pokémon zu Ende bringen wollten.

    »Du bist dran, Picochilla!«, rief die Arenaleiterin schließlich und sandte somit ihr drittes und letztes Pokémon aus: Eine kleine, graue, auf den Hinterbeinen stehende Maus mit buschigem Schwanz, großen, schwarzen Augen und noch größeren Ohren. Nach dem Kukmarda, das ihm vorangegangen war, war dieser Winzling eine kleine Enttäuschung, zugegeben, aber nach allem, was ich bisher gesehen hatte, beging ich nicht den Fehler, das Pokémon einer Arenaleiterin zu unterschätzen.

    »Ich denke, wir sollten die Sache ohne große Umschweife erledigen«, meinte Aloe. »Strategie ist eine Sache, aber ohne starke Pokémon, um sie umzusetzen, kommst du nicht weit. Zeige mir also die ganze Stärke, die in diesem kleinen Pokémon steckt! Kehrschelle!«

    »Gegenschlag!«

    Sie wollten es beide wirklich wissen, so viel stand fest. Sie nahmen keine Umwege mehr über komplizierte Taktiken oder vorbereitende Attacken, nur zwei direkte Angriffe, die in der Mitte des Feldes aufeinanderprallen würden, um eine Entscheidung zu bringen. Ich war versucht, meine Augen zu schließen oder wegzusehen und das Ergebnis abzuwarten, aber letztlich war es doch zu spannend dafür. So trafen die beiden kleinen Normal-Pokémon schließlich aufeinander, blau glimmende Pfote gegen schimmernde Rute, kurz zuckte ein greller Blitz von ihnen in die Höhe, dann wurde Picochilla hinweggefegt wie zuvor Kukmarda.

    Erneut wurde es still in der Arena. Bis der Kampfrichter Baldur schließlich nach dieser allzu schnellen letzten Runde die rechte Hand hob. »Picochilla kann nicht weiterkämpfen. Yorkleff gewinnt! Der Herausforderer, Cheren Fenardez, gewinnt somit den offiziellen Arenakampf gegen Aloe Libra!«

    Selbst Cheren konnte sich nach diesem Erfolg einen kurzen Freudenschrei nicht verkneifen. Dennoch ging er auf lässige Weise zu Yorkleff, nahm es auf die Arme und gab ihm – wenn mich meine Augen nicht täuschten – dabei schnell und heimlich irgendeinen kleinen Leckerbissen. Das Hündchen strahlte jedenfalls übers ganze Gesicht. Aloe rief in der Zwischenzeit ihr Picochilla zurück und begab sich nach einem tiefen Seufzer zu ihrem jüngsten Bezwinger, dicht gefolgt von ihrem Ehemann und meiner Wenigkeit. Nachdem ich nun endlich aufstehen konnte, streckte ich mich ausgiebig und gähnte einmal, ein letztes Zeichen der Müdigkeit, die Kukmardas Hypnose bei mir verursacht hatte, und ging dann zu meinem besten Freund.

    »Du hast nichts von deinem Schneid eingebüßt, Cheren«, erkannte ich an. »Ich würde zu gerne wissen, wer von uns beiden inzwischen besser ist. Ich habe in letzter Zeit viel trainiert, weißt du. Nicht nur körperlich oder mit meinen Pokémon. Ich bin auf eine Weise stärker geworden, die sich schwer beschreiben lässt.«

    »Hat das etwas mit deinem plötzlichen Verschwinden zu tun?«, fragte er mich. Ich konnte nicht verhindern, dass mein Blick kurz zu Boden schweifte, als er mich so direkt darauf ansprach, allerdings nicht, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte. »Ich werde mir die Früchte deines Trainings gerne einmal ansehen – das heißt, in einem Kampf. So lassen sich unsere Fortschritte immerhin am besten beurteilen.«

    Damit hatte er wohl recht. Dieser Arenakampf war der beste Beweis dafür – hätte mir Cheren lediglich gesagt, dass auch er viel stärker geworden war, hätte ich es vielleicht nicht unbedingt geglaubt. Nach allem, was geschehen war, nach den Entscheidungen, die ich getroffen hatte, und den sechs Wochen, in denen ich fast nichts getan hatte, als Körper und vor allem Geist zu stählen, um meinen Verlust zu verarbeiten, wäre es mir wahrscheinlich schwer gefallen, selbst einem offenkundig talentierten Trainer wie Cheren zu glauben, dass er noch immer mit mir mithalten konnte. Doch zu sehen, wie er inzwischen kämpfte, und wie weit auch seine Pokémon gekommen waren, einschließlich des einstmals so schwachen Yorkleffs, welches eine Konfrontation bestanden hatte, die lediglich ein reines Kräftemessen beinhaltete, hatte mir gezeigt, dass nicht nur ich stärker geworden war. In ihm hatte ich noch immer einen würdigen Rivalen, und das wussten wir beide.

    »Ich muss schon sagen, das hat mir sehr viel Spaß gemacht, Bursche.« Aloe stemmte erneut die Hände in die Hüften, ein zufriedenes Lächeln im Gesicht. »Ich kann zwar nicht behaupten, dass es mir gefällt, verloren zu haben, aber so etwas kommt vor. Und letztlich sind wir Arenaleiter ja dazu da, uns mit hunderten von jungen, motivierten und manchmal wie heute sehr talentierten Trainern anzulegen. Da kann man nicht immer gewinnen, und wenn ich diesen Orden jemandem überreichen darf, der mit seinen Pokémon noch weit höher streben kann, dann habe ich nichts an einer gelegentlichen Niederlage auszusetzen. Hier, das ist der Grundorden, du hast ihn dir redlich verdient.«

    Sie streckte die Hand aus, auf der ein langes, rechteckiges, violettes Stück Metall lag, unterteilt in vier kleinere, verschieden lange Rechtecke mit goldener Umrandung. Das war also der Grundorden. Cheren nahm ihn mit einem dankbaren Nicken entgegen und verstaute ihn sogleich in seiner Ordensbox. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass das bedeutete, dass er mir schon wieder einen Schritt voraus war.

    »Erst Orion und jetzt Septerna«, murmelte ich. »Na warte… als nächstes kommt Stratos, die Hauptstadt. Dort hole ich mir den Orden zuerst.«

    »Wie sieht es aus?« Auf einmal sprach die Arenaleiterin mich an. »Wenn ich das richtig verstanden habe, seid ihr beide Rivalen. Das heißt, du bist ebenfalls ein Pokémon-Trainer. Black war dein Name, oder? Du willst sicherlich auch gegen mich kämpfen, hab ich recht? Wenn du auch nur halb so stark bist wie dein Freund hier, verspricht das, ein guter Kampf zu werden. Hier und jetzt, was hältst du davon?«

    »Hier und jetzt?« Da musste ich nicht lange nachdenken. Wenn man schon einmal die Gelegenheit erhielt, einen offiziellen Arenakampf zu bestreiten, ohne vorher einen Termin zu vereinbaren… »Also gut, ich bin dabei!«

    »Es tut mir leid, junger Trainer, aber das wird leider nicht möglich sein.« Baldur, der bis jetzt weitestgehend geschwiegen und sich im Hintergrund gehalten hatte, legte auf einmal Einspruch ein. Er wandte sich an seine Frau. »Schatz, hast du etwa die Konferenz vergessen? Sie beginnt in einer knappen halben Stunde. Der Bürgermeister wird dort sein, und Artie. Die Kunstausstellung könnte einen wichtigen Schritt für das Museum darstellen, da solltest du bei der Besprechung lieber zugegen sein. Außerdem wäre es gegenüber dieses jungen Mannes nicht sehr fair. Ich denke, er ist von dem Schlag, der es lieber hätte, wenn sein Gegner alles gibt, aber dein bestes Pokémon ist dein Kukmarda, und das wird sich erst erholen müssen.«

    Sie kratzte sich am Kopf und nickte schließlich seufzend. »Ich hasse es, wie viel Sinn deine Worte in solchen Fällen jedes Mal ergeben. Also gut.« Ihre türkisfarbenen Augen fixierten wieder mich. »So ist es, Bursche, du hast meinen Mann gehört. Wir müssen einen normalen Termin ausmachen. Ich glaube, ich stehe gleich morgen um dieselbe Zeit zur Verfügung.« Sie warf einen kurzen Blick zu ihrem Gatten, wie um sich zu vergewissern. Dieser nickte schweigend. »Wärst du damit einverstanden?«

    »Natürlich.« Es war schade um die Gelegenheit, aber Baldur hatte recht, ich würde ebenfalls gerne gegen dieses Kukmarda kämpfen, wenn es tatsächlich ihr bestes Pokémon war. Vielleicht war es gut, dass ich noch ein bisschen Zeit erhielt, mir über eine Strategie Gedanken zu machen, denn um ehrlich zu sein machte mir diese Hypnose Sorgen. »Geben sie ihren Pokémon so viel Ruhe, wie sie brauchen. Man sollte Pokémon nicht überstrapazieren – sie mögen enorm widerstandsfähig sein und schnell heilen, aber das macht sie nicht unsterblich. Das sollten wir nie vergessen. Selbst nicht in der Hitze des verzweifeltsten Gefechts.«

    »Das ist jetzt ein bisschen übertrieben«, meinte Cheren. »Seit wann klingst du so theatralisch?«

    Ich bedachte ihn mit einem jeglichen Humors entbehrenden Blick. »Ich sage es nur. Es ist etwas, das keiner von uns je vergessen sollte. Sonst werden wir es bitter bereuen.«

    »Wie du meinst.« Er wirkte keineswegs überzeugt, beließ es jedoch dabei. Trotzdem war ich mir des nachdenklichen Blickes bewusst, der mir folgte, als ich mich wieder in Richtung Bibliothek wandte.


    Nachdem wir uns von Aloe und ihrem Mann verabschiedet hatten, die sich nun eilig zu der Konferenz begaben, von der sie gesprochen hatten und bei der es offenbar um irgendeine neue Ausstellung im Museum ging, fanden Cheren und ich uns kurz darauf erneut in der großen Bibliothek von Septerna wieder, ziemlich genau an der Stelle, an der Cherens Faust Bekanntschaft mit meinem Gesicht gemacht hatte, nur ein Stockwerk tiefer. Wir befanden uns auf dem Weg zum Ausgang, doch ich blieb in der Mitte der Eingangshalle stehen.

    Mit fragendem Blick drehte sich Cheren zu mir um. »Kommst du nicht mit? Wir könnten uns mit Bell treffen, um ihr zu zeigen, dass es dir gut geht.«

    »Sorry, aber ich hatte hier eigentlich noch was vor«, entschuldigte ich mich. »Ich wurde vorhin bei meiner Recherche unterbrochen. Es gibt da ein paar Dinge, die mich wirklich interessieren, und diese Bibliothek könnte einige Antworten für mich bereithalten.«

    »Es geht um Zekrom, nicht wahr?«, vermutete mein Kindheitsfreund.

    Ich stritt es nicht ab. »Ja, es geht um Zekrom. Es muss mehr über es zu erfahren geben. Irgendetwas. Ich will den legendären Blitzdrachen finden. Ich muss ihn finden.«

    »Seit ich dich kenne, bist du von Zekrom besessen«, sagte Cheren. »Nicht etwa von der Legende an sich, nicht vom hohen Drachen oder von Reshiram und Zekrom, sondern nur von Zekrom. Ich habe das nie wirklich verstanden. Ist es tatsächlich wichtiger als Bell?«

    »Nein. Vielleicht. Ich weiß nicht.« Ich seufzte tief. »Wir können uns später immer noch treffen. Im Pokémon-Center. Und ich rufe sie an, oder schreibe ihr zumindest eine Nachricht, das verspreche ich. Reicht das?«

    »Vorerst«, akzeptierte er diesen Kompromiss, während er wie so oft seine Brille zurechtrückte. »Dann sehen wir uns heute Abend. Und keine dumme Ausrede!«

    »Ja, ja, schon gut.« Ich wedelte mit einer Hand. »Jetzt geh schon.«

    Er verharrte nur noch kurz dort, musterte mich aus abschätzenden Augen, schien zu überlegen, ob er es darauf beruhen lassen sollte, und drehte sich dann schließlich um, um endlich die Bibliothek zu verlassen. Dabei konnte man meinen, dass gerade er, der eigentlich wissbegierigere von uns beiden, eher hier bleiben wollte – aber offenbar gab es etwas Wichtigeres für ihn… oder jemanden. Ich hatte schon länger einen Verdacht gehegt, aber nach dem heutigen Tag…

    »Cheren«, sprach ich ihn noch einmal an, bevor er außer Hörweite war. Er sah nur über seine Schulter. »Gute Arbeit vorhin. Ich hätte es dir nicht verziehen, wenn du verloren hättest. Du weißt ja, der einzige, gegen den du verlieren darfst, bin ich.«

    »Ich könnte dasselbe sagen«, entgegnete er nur, und ließ mich allein in der weiten Welt der Bücher zurück, in denen ich das Geheimnis zu finden hoffte, das mich seit jeher so sehr beschäftigte.

  • Heyho Azaril ,

    ich möchte dir mal einen kleinen Kommentar zu deinem aktuellsten Kapitel dalassen!


    Zunächst einmal finde ich es klasse, dass du Mitnahmedateien zur Verfügung stellst. Dadurch kann jeder die Geschichte auch unterwegs genießen. Wirklich toll!


    Was das Kapitel angeht ... du hast einen tollen, schönen Schreibstil, muss ich sagen! Es liest sich alles leicht und locker und gleichzeitig sind Umgebung und Handlung gut vorstellbar. Ich weiß spontan nicht, was man daran noch verbessern kann - außer vielleicht, die gelegentlich auftauchenden sehr langen Sätze (wie z.B. am Anfang) etwas zu entschlacken.

    Das Kapitel selbst hat mir auch sehr gut gefallen. Einerseits stellst du dir die Welt, in der du dich bewegst, über die Vorlage hinaus vor, was sie noch lebendiger für den Leser macht. Speziell das Element der Übersetzung von Gary's Arbeit hat mir sehr gefallen; es greift einfach auf, dass es verschiedene Sprachen (und Kulturen) in dieser Welt gibt und differenziert sie stärker aus, als es die Spiele tun bzw. können.

    Der Kampf in der Arena war auch sehr spannend! Kein hin-und-herwerfen irgendwelcher Attackennamen, sondern ein spannender Schlagabtausch mit sehr bildhaften Beschreibungen.

    Was ich etwas komisch finde, ist Cheren Reaktion auf Black, die regelrecht ein Schlag ins Gesicht war. Irgendwann rastet jeder aus, das ist klar, aber ob der ruhige, beinahe schon kühle Typ ganz plötzlich und spontan zu so einer Reaktion fähig wäre? Oder sich seine Wut nicht vielleicht doch anders zeigen würde? Hmmm ... vielleicht kannst du mir nochmal erklären, was dich dazu motiviert hat!

    Oh, was ich auch (auf gewisse Art und Weise) 'gut' fand, war das emotionale Trauma, das Black beschäftigt zu haben scheint. Es lässt einen tiefer in die Figur eintauchen und macht sie nachvollziehbarer und glaubwürdiger, als würde sie mit einem ständigen Dauergrinsen durch die Gegend laufen und alles einfach so abschütteln. Außerdem das mit dem Kiesling ... ich stell mir das so schrecklich niedlich vor! Ohohoh, eine Anregung: Was hälst du von einem Special, das die ganze Sache mit dem Revier und dem Training aus Kieslings Sicht darstellt? Das wäre sicher richtig cool!

    Zum Schluss möchte ich noch eine kleine Anregung dalassen: Deine Kapitel sind manchmal ja doch recht lang, was hälst du davon, Zusammenfassungen an der ein oder anderen Stelle bereitzustellen? Sicher, im Idealfall sollten die Leser auch alles gelesen haben, aber gerade, wenn eine Geschichte weiter fortgeschritten ist, könnte der Einstieg (oder auch Wiedereinstieg, wenn man länger nicht gelesen hat) schwerer fallen. Nur so ein Gedanke, den du dir ja mal durch den Kopf gehen lassen kannst.


    Schreib schön fleißig!


    ~ Sheo