sprachlos

  • Hallo Narime,


    ich möchte mich gerne mal deinem neuen Update zuwenden. Man merkt übrigens, dass das Haiku während Politischer Bildung entstanden ist und darauf baut es in gewisser Hinsicht auch auf. Freiheit ist ja trotz aller Widrigkeiten nicht leicht zu erlangen und fast schon utopisch im Angesicht der potenziellen Möglichkeiten. Denn auch wenn die Anforderungen stimmen, so muss nicht jeder mit dieser Ansicht einverstanden sein, was im Endeffekt auch eine verzerrte Sicht auf die Dinge hervorruft. Ist man selbst mit der erreichten Freiheit zufrieden? Wirkt es auf andere auch wie eine Freiheit? Das eigene Denken ist dabei nämlich immer im Weg und fördert den Konflikt bei diesen Handlungen enorm, was wieder einmal für die Verschiedenheit der Menschen spricht. Und im Endeffekt kann eine Rebellion entstehen. Aber gut, das ist schon wieder ziemlich weit ausgeholt. Ich mag es auf jeden Fall, wie du in dem Haiku all diese Dinge kurz wiedergibst und dabei auch eine gute Wortwahl benutzt hast.


    Ich hoffe daher, dass dir der Kommentar hilft und vielleicht liest man sich ja wieder einmal. Bis dahin!


    ~Rusalka

  • Hallo Lisa ♥
    Nachdem du schon seit November in der Feedback-Kette des Einzelwerke- und Sammlungen-Bereichs stehst, habe ich mir vorgenommen, dir einen Kommentar zu hinterlassen, sodass du nicht noch länger warten musst, als du bisher sowieso schon gewartet hast!
    In diesem Kommentar möchte ich mich der Aufnahme von "meine stimme" und einem neueren Werk, nämlich "sprachlos" widmen. Ich weiß, dass das leider bei weitem nicht alles abdeckt, was du in letzter Zeit hier veröffentlicht hast, aber hey, ich komme sicher nochmal hier vorbei, und ich verspreche dir, dass ich nicht die einzige bin!
    First things first - die Audio zu "meine stimme", nachdem Liz ja schon das Werk an sich kommentiert hat, möchte ich dir vielleicht etwas Feedback zu der akustischen Umsetzung mitgeben. Zuerst - meine Güte, ich liebe deinen österreichischen Akzent. Ich fangirle mich da schon bei einem lieben Freund meinerseits, der auch aus Österreich ist, kaputt, aber du toppst das ja fast schon! Das gibt dem ganzen eine sehr persönliche Note, seine Wurzeln nicht zu verstecken, ich habe schon viel zu oft - ich komme aus dem hintersten Hinterweltlerkaff in Bayern, ich weiß, wovon ich spreche! - gehört, dass Vorleser/Sprecher das unterdrücken und sich um eine "reine" Stimme frei von Akzent und Anflügen eines Dialektes bemühen, aber du offenbarst uns ja so oder so schon deine Persönlichkeit, indem du uns Teil deiner Texte, Gedichte, Kurzgeschichten sein lässt, und deshalb sollst du dich auch ja nicht verstecken! Mir hat gut gefallen, in welchem Tempo und mit welcher Stimmlage, mit welcher Energie du das Werk vorgetragen hast, genauso habe ich es mir im Kopf ausgemalt, als ich es das erste Mal gelesen habe. Du hast sehr laut und deutlich gesprochen, du hast trotz des Tempos nichts verschluckt und es war klar verständlich, schön gemacht! Du hast deine Stimme wirklich gut eingesetzt, um dem Text zu Leben zu verhelfen, mehr Leben, als es auch in schriftlicher Variante sowieso schon in sich trug. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn du vielleicht öfter ein Werk zusätzlich vertonst, denn ich denke, dass du so gewisse Stimmungen, die du in deinen Werken erzeugst, noch besser hervorheben kannst, und bei ganz besonderen Texten - wie beispielsweise "sprachlos" - kannst du das genauso machen, so steckst du einfach noch ein Stück mehr von dir in dein Geschreibsel.


    Ich will dich aber gar nicht weiter mit Komplimenten hinhalten, sondern komme jetzt zu "sprachlos", ein Werk, das mich ehrlich berührt hat, dazu aber gleich mehr!
    Der Titel "sprachlos" ist ein melodischer und doch einfacher Einworttitel. Er lässt dem Leser viel Interpretationsfreiheit auf das, was in dem Werk behandelt wird. Wird jemand einfach überrascht? Schlichtweg schockiert? Oder gerät er einfach in ein Staunen, das ein schönes Ereignis/ein Mensch mit sich brachte? Fragen über Fragen, die man nur durch Weiterlesen beantworten kann, schön gewählt!
    Ich suche barfuß,
    Ich laufe blind -

    Du verwendest an sich eine einfache Konstellation aus Subjekt, Prädikat und einem Adverb, allerdings sind letztere hierbei eine große Besonderheit, sie erzeugen eine gewisse Stimmung eine Art Dramatik. Wie kann man blind laufen? Da stolpert man doch! Und wie soll man suchen, wenn man keine Socken, keine Schuhe anhat? Da tun einem doch die Füße weh! Du erzeugst beinahe eine gewisse Hilflosigkeit, man kann aber auch einen Anflug von Hingabe, Leidenschaft widmen. Für welchen Menschen, außer die, die wir lieben, tun wir uns schon so etwas an? Der Leser stellt sich außerdem die Frage, wohin das Ich eigentlich läuft. Sucht es? Hat es sich verirrt? Ist es einfach ein Weltenbummler? Ich mag es, wie du mit so wenigen Worten so viel sagen kannst, das ist ein Teil deines Stils, den du auf jeden Fall beibehalten solltest!
    Meter für Kilometer,
    Finde die Worte nicht.

    Du beschreibst den Weg deines Ich's genauer, es geht eine lange Strecke, blind, barfuß und sucht Worte. Worte wofür? Ist das diese Sprachlosigkeit, die du in deinem Titel ansprichst? Auch hier verdeutlichst du eine gewisse Hilflosigkeit, das Ich wirkt einsam, doch es scheint in Gedanken an jemanden zu sein, oder zumindest an etwas, wofür es die ganze Zeit über schon Worte sucht, doch schlichtweg keine findet. Ist diese Person oder dieses Ereignis das Ziel des beschwerlichen Weges, sei er auch metaphorisch gemeint?
    Erst kurz vor halb drei
    Und ich bin schon so müde;
    Aber schlafen will ich trotzdem nicht.

    ERST kurz vor halb drei und dein Ich wundert sich, dass es müde ist? Wow, ich wäre echt gerne, wie dein Ich, mich haut es schon um allerspätestens um zwei um, haha. Nein, aber wirklich, dein Ich scheint für jemanden oder etwas allerlei auf sich zu nehmen - lange Nächte, beschwerliche Wege. Ich bin wirklich gespannt, auf wen oder was diese Umstände hinauslaufen, denn still lassen deine Worte verklingen, dass es um etwas besonderes geht, um jemanden oder etwas, das all das wert ist. Sehr schön. Du verdeutlichst hier nochmals, was du im Abschnitt zuvor beschrieben hast und verstärkst so die Neugierde deines Lesers ungemein.
    Ich will dich, will zu dir,
    Lebe kopflos, bin außer mir.
    Habe mein Herz verloren.

    Und wieder diese Leidenschaft, das gefällt mir! Nun stellt sich dieses besondere als Mensch heraus, nach jemandem, den das Ich sehr begehrt. Derjenige hat dem Ich regelrecht den Kopf verdreht, wozu auch die bedingungslose Bereitschaft für ihn jegliche Mühen auf sich zu nehmen passt. Es klingt nach einer Verliebtheit, die das Ich glücklich macht. Doch zugleich betrachtet es sich selbst als kopflos. Ist es so verliebt, dass es durch seine rosarote Brille gar nichts mehr sieht? Im letzten Satz "Habe mein Herz verloren." formuliert das Ich selbst, dass es verliebt ist, und demjenigen komplett verfallen ist. Wie wunderbar romantisch und berührend!
    Hast du es gefunden?
    Wir sind doch Helden…
    Danke fürs Suchen und Finden.
    PS: der Finder darfs behalten.

    Du greifst im letzten Abschnitt den vorhergehenden auf, so wie du es schon einmal gemacht hast. Ich liebe es, wenn ein Autor Brücken innerhalb seines Werkes errichtet und dir ist das wirklich gelungen! Das Ich wendet sich nun direkt an denjenigen, in den er verliebt ist, fragt ihn, ob er sein Herz gefunden hat, als wäre es nicht eigentlich offensichtlich, dass es ihn liebt? Die nächste Zeile finde ich ebenso schön - "Wir sind doch Helden..." ist sehr vielseitig interpretierbar und zumindest ich kann mir einige Bedeutungen dieses Satzes ausmalen. Vielleicht hat diesen Satz die Person, in die das Ich verliebt ist, gesagt und mit der Rezitation gibt es ihm einen Hinweis auf das Herz, dass es verloren hat. Zum anderen kann damit Hoffnung gemeint sein, insofern, dass das Ich darauf hofft, dass das Gegenüber diese Aussage versteht und das verlorene Herz errettet. Zuletzt kann diese Aussage auch relativ allgemein gemeint sein, jeder Mensch ist ja irgendwo ein kleiner oder großer Held, nicht wahr? Genau das unterstreicht der nächste Teil "Danke fürs Suchen und Finden". Scheinbar hat derjenige den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden und hat das verlorene Herz für das Ich - sehr metaphorisch übrigens, viel Liebe an dieser Stelle dafür ♥ - wiedergefunden hat. Meine liebste Stelle ist "PS: der Finder darfs behalten", mit dem du dieses Werk abrundest und abschließt. Es ist irgendwo nochmal eine direkte Liebeserklärung an diese geliebte Person und rein theoretisch könnte ein solcher Satz tatsächlich in einer Liebeserklärung zwischen zwei Personen fallen. Wie ich bereits zu Beginn sagte - ich liebe es, wie du so viel Gefühl, Leben und Liebe in einen kurzen Text packen kannst, es gibt Menschen, die das selbst mit 1500 nicht derart hinbekommen! Genau das ist etwas, das dich in deinem Stil besonders macht und ich wünsche mir, dass du das beibehältst, ich hatte viel Freude beim Lesen. Ich hoffe so ging es auch der Person, für die du das geschrieben hast! ^___^


    Ich hoffe, ich konnte dir zumindest ein bisschen weiterhelfen und deinen Feedbackdurst etwas stillen! ♥




  • Malerische Landschaft


    Gattung: Prosa


    Zaghaft schmeichelt das Licht der Morgensonne über den östlichen Kamm des Tals und taucht, aufgefangenen von Nebelschwaden, die beinah unberührte Naturlandschaft in einen goldenen Schein. Zwischen den vielen, vielleicht gar hunderten Bäumen, rauscht ein klarer Gebirgsbach, der durch die frühjährliche Schneeschmelze in den höheren Lagen und den in dieser Jahreszeit häufigen Regenergüssen zu einem reißenden Fluss angeschwollen ist. Die der Klamm innewohnende Ruhe wird durch dieses äußerst normale Ereignis jedoch keineswegs beeinträchtigt; viele Jahrtausende lang schon gräbt der Wasserlauf sich in den Stein und das Flussbett hat sich seinen Weg an den großen Felsen vorbei gebahnt, teilweise geradlinig, an anderen Stellen weniger zielstrebig.


    An einer besonders engen Stelle hat sich ein kleiner See angestaut, an dessen Ufer die relativ selten gewordenen Berg-Astern1 noch schlafen, im Schatten der Schlucht und einer Trauerweide2, die sich auf wunderliche Weise auf den durch das Wasser angespülten Sedimenten angesiedelt hat. Jemand muss sie vor langer Zeit an diesem beschaulichen Ort gepflanzt haben, denn sie ähnelt keinem anderen Baum im ganzen Tal. In den Spinnennetzen zwischen ihren langen Ruten glänzen noch Regentropfen, als sie letztendlich auch von den Strahlen der Sonne erfasst werden. Vollendet wird das Bild von einem einsamen Schwan, der zu Füßen der Trauerweide gegen den Strom des Flusses anschwimmt.


    „Ist das ein Monet? Oder doch eher ein Bob Ross?“, frage ich meine Begleitung scherzhaft.


    [1] Vgl. Wikipedia: Berg-Aster, Vorkommen und Schutz: „In Österreich kommt die Berg-Aster mäßig häufig (besonders in wärmeren Lagen) bis selten vor […] Die Berg-Aster gedeiht in Mitteleuropa auf sonnigen Hängen, Felsen und in lichten Wäldern von den Niederungen bis zur Gebirgsstufe. Sie bevorzugt Kalkböden, was ihr auch ihren anderen deutschen Namen einbrachte“ https://de.wikipedia.org/wiki/Berg-Aster
    [2] Vgl. Wikipedia: Echte Trauerweide, Vorkommen: „Sie wächst auf feuchten und lockeren Böden an Gewässern.“
    https://de.wikipedia.org/wiki/Echte_Trauerweide



    Zwei Fenster


    Gattung: Prosa


    In meiner Wohnung hab‘ ich zwei Fenster. Eins auf die Straße, eins in den Hof.


    Die Gasse vor unserem Wohnhaus, die ich von dem einen Fenster aus sehen kann, ist mäßig stark befahren. Das Haus ist alt, die Fenster undicht – manchmal glaube ich, zwischen mir ist kein Fenster und ich werde am Straßenrand einmal von links, dann wieder von rechts von durchbrausenden Autofahrern mit schmutzigem Schneematsch bespritzt. So kalt und laut ist es. Ein Glück bin ich relativ unempfindlich; trotzdem frag‘ ich mich: warum ist genau unsere Gasse keine Einbahnstraße? –


    Das andere Fenster ist bei meiner Küche. Vor kurzem haben sie den Baum davor, der bis in den zweiten Stock gereicht hatte, gefällt. Unten sind Gärten, der Baum hätte zu stark gewurzelt und die Terrassen unserer Nachbarn aufgerissen. Schade um den Baum, aber es hat auch eine Sonnenseite: die scheint nun noch freundlicher in den Raum. Gerne räkeln sich meine Katzen in der Spüle, wo es ganz besonders warm wird.


    Wenn es aber regnet, dann regnet es auf der Straße, und es regnet im Hof. Dann ist der Himmel grau, und ich wünschte mir, ich hätte doch Vorhänge gekauft, um das triste Wetter aus meiner Wohnung auszusperren. Wär‘ die Decke nicht so hoch, sie würd‘ mir dann auf den Kopf fallen.



  • Oe-l nga-ti kameie, Narime.


    Jetzt habe ich mir die malerische Landschaft mal durchgelesen und ich muss zugeben, da hattest du wirklich das Überraschungsmoment auf deiner Seite. Während des Lesens hätte ich nicht dran gedacht, dass du da ein Bild von einer Ausstellung beschreiben könntest, obwohl du es im vorletzten Satz sogar direkt angeteasert hast. In diesem Moment wirkt das aber eher wie eine Zurschaustellung einer schön beschriebenen Landschaft, die nicht selten durch die gut gewählten Worte zur Geltung kommt, und die Pointe passte an der Stelle perfekt, da sie unerwartet kam. Danach liest man den Text aus einer ganz anderen Perspektive und das macht es spannend, weil du einfach und effektiv zwei Sichtweisen zulässt. Hat mir gefallen.


    Die zwei Fenster verfolgen diesen Ansatz zweier Sichtweisen ebenfalls, wobei sie am Ende sogar geschickt durch eine Gemeinsamkeit miteinander vereint werden. Der Kontrast zwischen Kälte und Wärme funktioniert gut und es entsteht auch der Eindruck einer geschäftigen Stadt. Lediglich der Schluss hat sich nicht so recht auf den Regen, also die Gemeinsamkeit, fokussiert, sondern auf etwas Unvorhergesehenes in Form der Vorhänge und der Decke, die in dem Zusammenhang eher von der Sache ablenken. Vielleicht hätte es hier geholfen, sich auf die beiden Sichtweisen weiterhin zu stützen und dass unterschiedliche Ansichten auch zu gleichen Ergebnissen führen, womit du den Gedankengang auch vervollständigt hättest. Grundsätzlich war der Text aber ebenfalls interessant zu lesen und ich hoffe, du hast mit beiden gepunktet.


    Wir lesen uns!



  • Noire


    Gattung: Prosa - Drabble


    Die Tänzerin schreit, kippt vornüber und bleibt leblos vor der Bühne liegen. Die Musik spielt, spielt weiter, spielt auch als die Tür des Lokals sich nach innen öffnet und zwei dunkel gekleidete Männer mit tief sitzenden Hüten den gefüllten, aber bis auf die Musik totenstillen Raum betreten. „LAPD“, erklärt der eine, mit gesetzter Stimme, der andere sieht sich im Raum nach Verdächtigen um. Es hatte sich ein Kreis gebildet, von draußen sind Sirenen zu hören. Der größere der beiden schreitet auf den Körper am Boden zu und wendet sich direkt an die Frau: „… you better wake up now.“



  • Hallo Narime,


    Noire ist einer dieser typischen Anfänge für eine Krimiserie. Jemand stirbt, die Polizei kommt und die Ermittlung kann schon los gehen (was auch ziemlich gut zu L.A.Noire passt). Beim Übergang hin zum Erscheinen der Polizisten fehlt mir persönlich eine Zeitspanne und ein Bezug zu den Leuten im Raum, die das alles wohl einfach so hingenommen haben. Jedenfalls gefällt mir hier, wie die Stimmung schlagartig düsterer wird und sich alles langsam ergibt. Den Spruch am Ende kann ich zwar nicht zuordnen, aber ich schätze mal, dass es etwas mit dem Spiel zu tun hat? Hat mich auf jeden Fall gut unterhalten.


    Wir lesen uns!



  • Weltenwanderer


    Gattung: Gedicht




    Du öffnest die Tür, die Glocke schellt,
    Der alte Hund hinterm Tresen bellt,
    Entkommst durchnässt dem starken Regen;
    Der Hausherr scheint nicht zugegen.


    Misstrauisch trittst Du in den Laden,
    In komischer Gerüche Schwaden;
    Behutsam setzt Du an zu sprechen,
    Die Totenstille zu durchbrechen.


    „GUTEN ABEND…?“


    Deine Worte verhallen im Raum,
    Dass man Dich hörte, glaubst du kaum;
    Verwundert schließt Du wieder Deinen Mund,
    Machst Dich auf die Suche nach dem Hund.


    Doch dieser hat sich gut versteckt,
    Dafür hast Du anderes entdeckt:
    Aneinander aufgereiht stehend,
    Bücher liegend, fliegend, lehnend.


    Überwältigt von der ganzen Wand,
    Greifst Du nach einem schönen Band;
    Doch nach einem kurzen Blick hinein,
    Bemerkst Du trügerischen Schein.


    Fasziniert wandert Dein scharfer Blick,
    Wägt nun ab, ob groß, ob schmal, ob dick,
    Wählst nun zögerlicher und weise
    Das Ziel Deiner nächsten Reise.


    » Er ist es! – Gott sei ewig Dank,
    daß Ihr doch endlich einmal wiederkamt «
    (Lessing, Nathan der Weise)
    Mit viel Geduld folgst du den Versen,
    Der Geschichte auf den Fersen.


    Du springst rasch von Zeile zu Zeile,
    Wechselst die Welten nach 'ner Weile.
    Du willst Deine Zeit nicht verschwenden,
    Dich neuen Abenteuern zuwenden.


    Was auch immer Du erwartest,
    »Wenn Du nicht auf Deine Füße achtest,
    Weißt Du nicht, wohin sie Dich tragen. «
    (Tolkien, Herr der Ringe)
    Das lässt Du Dir nicht zweimal sagen.


    Du Triffst auf Ärzte, Helden, Bauern,
    Diebe, die gern im Dickicht lauern,
    » Den Mond, der Türen öffnete
    Aus dieser Welt in eine andere. «
    (Funke, Herr der Diebe)


    Du siehst ihn nicht vorm Fenster stehen,
    Denkst noch lange nicht ans Gehen.
    Doch auch zu solch später Stunde
    Bist Du eigentlich nur Kunde.


    Du wirst aus Deiner Lektüre geweckt,
    Als man Dich dann doch entdeckt.
    Und für ein kleines bisschen Geld
    Nimmst Du mit eine ganze Welt.



  • Hallo Narime. (:  
    Hab da so mitbekommen, dass du mal wieder etwas Feedback möchtest, dann werd ich das doch gleich mal machen!


    Nachdem ich bei der BBO erst ab der zweiten FW-Runde Motivation entwickelt hab zu voten, ist mir in der ersten Runde dein Gedicht natürlich durch die Lappen gegangen. Deshalb find ich’s schön, wenn du’s hier noch mal postest, weil dann kann ich gleich was dazu sagen!


    Weltenwanderer
    Das ist so toll! Ich merk schon, ich hab echt was verpasst …
    Als bibliophiler Mensch bin ich natürlich von dem Inhalt des Gedichtes gleich mal mitgerissen worden. Weltenwanderer kann sich ja auf vieles beziehen, mich hätte bei dem Titel auch ein „buchstäblicher“ Wanderer zwischen den Welten nicht verwundert. Aber du gehst den Weg über die Bücher.
    Ich mag ja schon, wie du die Atmosphäre beim Eintreten in den Buchladen beschreibst. Das Schellen der Glocke, der Hund hinter dem Tresen und dass das Lyrische Ich durchnässt ist, zeichnet gleich ein sehr klares Bild. Vor allem, weil du auch in der zweiten Strophe weiter die Sinne des Lyrischen Ichs benutzt: hören, fühlen, sehen und sogar riechen — alles innerhalb der ersten zwei Strophen. Mochte auch den Vers mit der Totenstille. Könnte man jetzt so sehen, dass Bücher erst „lebendig“ werden, wenn man sie liest. Andererseits kenn ich die Stille aus den Lesesälen, die fühlt sich zwar nicht wirklich „tot“ an, aber … ja, ist ähnlich ruhig wie auf einem Friedhof. Allerdings empfinde ich Friedhofsstille immer als sehr angenehm, deshalb mag ich auch die Stille der Bücher sozusagen. ;)  
    Dass in dem Laden keiner ist, ist schon komisch, aber gerade in kleinen Buchläden ist es gut möglich, dass der Besitzer nicht in Sichtweite ist. Allgemein erinnerte mich die Szene ja ein wenig an das erste Kapitel aus „Die Unendliche Geschichte“ — nur hatte afair Herr Koriander keinen Hund. Find ich übrigens ein schönes „tierisches“ Detail!
    Ach, war das schön als die Bücher dem lyrischen Ich aufgefallen sind. Konnte mir das Bild hier sehr gut vorstellen, wie sich da Buch an Buch reiht.
    Interessant ist auch, wie du „Don’t judge a book by its cover“ hier eingebunden hast, weil der erste Band zwar hübsch war, aber der Inhalt dem lyrischen Ich nicht so zusagte. Die nächste Station ist dann gleich etwas anspruchsvolleres mit Nathan der Weise von Lessing. Und dann kommst du auf das Wandern zwischen diesen Welten zu sprechen, zitierst aus Der Herr der Ringe und dem Herr der Diebe. Bei der vorletzten Strophe hab ich nicht sofort das „ihn“ mit dem Mond in Verbindung gebracht, aber dann war’s mir klar, als du von später Stunde gesprochen hast.
    „Geweckt“ ist hier das richtige Wort — ist man in ein Buch richtig vertieft, dann fühlt es sich tatsächlich an, als würde man aufwachen, wenn man angesprochen wird. (: Schön, dass das lyrische Ich am Ende sogar noch eine Welt mit nach Hause nehmen konnte!
    Im Grunde ist das weniger ein Gedicht über das Wandern, als fast eine Art Ode an das Lesen oder an Bücher allgemein. Hat mir inhaltlich also schon mal sehr gefallen! Sprachlich war das hier auch sehr schön formuliert, das Reimschema war nicht außergewöhnlich, aber man merkt, dass du etwas davon verstehst, sodass auch die Zeilen nicht nur wegen der Reime schön klangen, sondern allgemein. (Vermutlich wegen dem Jambus oder so … nja, solche Begriffe sind für mich leider Böhmische Dörfer. ^^“) Ich kann also nicht sagen „wie“ du es gemacht hast, aber ich kann sagen, dass es mir auf jeden Fall sehr, sehr gut gefallen hat. Noch mal Glückwunsch zum zweiten Platz!
    Ach ja, du darfst auf dieses Gedicht durchaus sehr stolz sein. (:


    Hoffentlich motiviert dich das Feedback ein bissl, weil ich würd gern mehr lesen!




  • Morgenreigen


    Gattung: Gedicht - Haiku


    Lautlos und schweigend
    Tänzelt der Stern im Reigen
    Zum Sonnenaufgang



    Die Farbe des Schnees


    Gattung: Prosa


    Weiß wie Schnee, heißt es. Wie eine blanke Zimmerwand, wie ein Brautkleid, wie Schönwetterwolken. Oder doch eher grau, matschig und deprimierend wie ein aufkommendes Gewitter? Vielleicht auch Gelb und ungenießbar?


    Vor meiner Haustür ist er braun. Er sieht fast wie Choco Chip-Eiscreme aus durch den Streukies, mit dem er bei der Schneeräumung gesprenkelt und an den Straßenrand neben Bordstein verbannt wurde. Braun ist eine nicht sehr appetitliche Farbe, braunes Obst würde ich nicht essen. Den braunen und auch gelben Schnee auch nicht.


    Als Kind, da hab ich gerne Schnee gegessen, am Land, dort, wo der Schnee höher lag als ich groß war und man sich mit fünf Schichten angezogen in das puderzuckerweiche Weiß fallen lassen konnte; wo Schnee kaum mehr als das Wasser jener Gebirgsbäche ist, die wenige Grade unter Null zu beeindruckenden Eisfällen erstarren. Hier, in der Stadt, fallen die Temperaturen kaum so tief; Schnee, wenn mal einer gefallen ist, verursacht eher ein Verkehrschaos, solange bis er schleunigst wieder entfernt wurde. Und kümmerliche Reste auf dem ebenfalls braunen und erfrorenem Gras der Verkehrsinsel mir am Morgen verraten, dass es letzte Nacht geregnet haben muss.


    Als ich in den Bus steige, denke ich wieder an andere Dinge als an die Farbe des Schnees. An die Wärme meines Bettes zum Beispiel, in dem ich so früh am Tag gerne noch meine Zeit verträumen würde. Im Bus ist es auch nicht kalt, aber auch nicht warm. Irgendein Mittelding, nicht so kalt wie draußen (da man sich ja nicht bewegt, wodurch man sich warm halten würde), aber auch nicht so warm, dass man sich seines Mantels, Schals oder auch nur der Handschuhe entledigen müsste. Wenn ich mich entscheiden könnte, würde ich im Bus bleiben, anstatt mich wieder der schneidenden Kälte des Windes auszuliefern, der durch die Straßen weht.


    Doch schon wenige Sekunden später ist auch dieser Gedanke verflogen und meine einzige Sorge ist die Zeit, die mir bleibt, um meinen Zug zu erwischen. Wenige Minuten, um umzusteigen, mit einer Bahn zu fahren, die ob der Menschenmenge weit weniger gut temperiert ist als der Bus, um pünktlich um 8 an meinem Arbeitsplatz zu erscheinen. Ein Glück, dass kein Neuschnee gefallen ist.



  • Hi na.:3
    Ich hab grad ein wenig im E&S-Bereich gestörbert und bin dann auf dein neustes Update aufmerksam geworden und dachte mir: Ach komm, schneist du mal rein, Liz! Trifft sich sowieso gut, weil ich nämlich dein Schnee-Werk kommentieren wollte. Ha ha. Okay, genug der schlechten Wortwitze, lol. Es hat mich gefreut, zu sehen, dass du mal wieder was hochgeladen hast hier. Das mit der Zeit kommt mir bekannt vor - man hätte gern mehr, nur um dann festzustellen, dass das eigentlich auch keine Hilfe ist. Jaja. Aber vielleicht schaffst du es ja in der kuschligen Zeit, die nun bald kommt, mal wieder zu schreiben? Wer weiß. Würde mich freuen. ^-^ *mal mit auf den "Wir-versuchen-Lisa-zu-motivieren-Zug" aufspringen*
    Nun aber zu deinem Werk!


    Stichwort: Schnee
    Schnee ... hach, ja. Generell ist es irgendwie ein schönes Schreibthema, finde ich. Spontan fallen mir nämlich einige Ideen zum Schnee ein. Das von dir verwendete Thema (oder Motiv, je nachdem, wie man es denn jetzt nennen möchte), empfand ich auch als sehr schön. Außerdem hat mich gerade dein Kindheitsvergleich an mich selbst erinnert, weswegen ich dir auch einen Kommentar dazu schreiben wollte, haha. Aber alles der Reihe nach. Zurück erstmal zum Titel und Thema des Wekes - Stichwort: Schnee. Den Titel finde ich gerade im Hinblick auf das Ende des Werkes richtig gut. Den gesamten Text über ist er das zentrale Thema, wird immer wieder angesprochen und man bekommt als Leser zunehmend das Gefühl, dass er nicht nur das Hauptthema des Werkes ist, sondern dass er gen Ende auch eine Art Einwurf ist. "Ach übrigens - gut, dass heute kein Schnee liegt, wo ich schon die ganze Zeit über ihn rede, lolol." Richtig schön gemacht!
    Wie ich bereits erwähnt habe, fand ich den Gedankengang zur Kindheit wunderbar. Zwar bin ich in einer Stadt (Berlin) groß geworden, allerdings haben wir recht ruhig gelebt. Das war in der Nähe vom Grunewald und da ist ohnehin recht wenig los, weswegen da auch sehr viel freie Fläche ist ohne Verkehr und Co. Daher: Ich kenne das von dir beschriebene Bildnis. Auch wenn es natürlich kein Vergleich zu Österreich oder so ist, haha, aaaaber der Schnee war stellenweise auch schon höher als ich groß war! Und ich habe es so geliebt, holy fuck. Egal, wie. Schlittenfahren, Schneeengel, einfach nur spazieren - alles, was mit Schnee zu tun hatte, habe ich so geliebt. Es war aber auch ein großes Mysterium als man noch klein war, haha. Man kennt es ja auch einigen Kindheitsfilmen, wenn bestimmte Charktere das erste Mal Schnee sehen, sind sie ja ähnlich begeistert (z.B. Bambi). Und das kommt ja nicht von irgendwoher. xd
    Generell finde ich sehr gut, wie du Schnee fast schon mit der Kindheit gleichsetzt im Werk. Also in dem Sinne, dass du ihn der Stadt/ das tägliche Leben gegenüberstellst. Faszinierend und ziemlich interessant. Denn wenn ich mal genauer darüber nachdenke, dann passt das sogar recht gut. Der Schnee in der Stadt wird eigentlich nur als Störfaktor angesehen. Als etwas, was den normalen Fluss stört und am liebsten wegbleiben könnte. Wenn man der Stadt im Allgemeinen nun eben das tagtägliche Leben zudichten und dem Schnee das Kindliche, Verspielte ... hui. Richtig gute Aussage dann. Besonders im Hinblick darauf, wie du die Reaktionen der Stadt auf den Schnee beschreibst. Ich weiß natürlich nicht, ob das von dir beabsichtigt war, aber ich musste direkt daran denken. Unter anderem weil ichs passend finde und dem durchaus auch zustimme. Heutzutage beschäftigt man sich viel zu selten mit den kleinen Dingen. Viel zu selten ist man in dieser viel zu schnellen und chaotischen Welt noch ein Kind und hat Spaß. So wie früher mit dem Schnee.


    Ja, alles in allem ein richtig schönes Werk, was mir sehr gut gefallen hat! Mach weiter so; würde mich freuen, mehr von dir zu lesen. :3

    ________________ஜ۩۞۩ஜ________________
    »You're asking the wrong questions, Red!

    It's not what I have to gain, it's that I can't afford to lose

  • Hallo Narime (:


    Dachte mir, ich schreib dir kurz ein wenig Feedback zu einem Gedicht, das schon etwas älter ist. Aber es trägt denselben Titel wie dieses Topic, also dachte ich mir, ich schau es mir mal an.


    sprachlos
    Ich mag den Titel. Vielleicht, weil sprachlos ja immer bedeutet, dass man irgendwie überwältigt ist und keine Worte für etwas findet. Aber man es schon eigentlich in Worte fassen möchte. Ich glaub, das ist auch so der Hintergrund in diesem Gedicht.
    Das lyrische Ich möchte ja schon von der ersten Strophe an, etwas sagen, findet aber keine Worte. Das klingt alles sehr nach Verwirrung, fast nach einer ziellosen Suche. Vielleicht auch ein wenig kopflos, die Frage ist nun, warum ist das lyrische Ich derartig aufgewühlt.
    Die zweite Strophe spricht dann von Erschöpfung, dass das lyrische ich eigentlich ausgelaugt ist, aber trotzdem nicht schlafen will. Also wird es von etwas wachgehalten und was das ist, sprichst du dann in der dritten Strophe an. Das lyrische Ich möchte also zu einer anderen Person und ist deshalb sogar „ganz außer sich“, weil es sein Herz verloren hat. Das fand ich eine ziemlich simple, aber recht zutreffende Beschreibung, wenn man verliebt ist. Irgendwie ist man ja nicht ganz bei sich, man möchte es vielleicht auch gar nicht sein, man ist lieber bei dem anderen.
    In der vierten Strophe stellst du dann die Frage, ob die andere Person das Herz gefunden hat. Wir sind doch Helden — das klingt fast wie ein Zitat, als hätte ich das schon irgendwo gehört. Aber vielleicht hat das auch damit zu tun, dass jeder in seiner eigenen Geschichte der Held ist? Und deshalb das Lyrische ich hofft, dass die andere Person auch der Held in der Geschichte des Lyrischen Ich ist und das Herz deshalb heldenhaft gefunden hat.
    Die Strophe endet dann damit, dass das Lyrische Ich sich bedankt, dass die andere Person das Herz gesucht und gefunden hat — was ja doch eine Menge Vertrauen voraussetzt, dass die andere Person das auch wirklich getan hat. Und, der Finder darfs behalten. Das ist eine sehr schöne Liebeserklärung — allgemein liest sich das ganze Gedicht wie eine Liebeserklärung und mir gefällt’s auch sehr gut.
    Hat mich auch persönlich angesprochen, weil ich mich bissl im Lyrischen Ich wiedererkannt hab, weil das auch so nach Fernbeziehung klang. Und nachdem ich selbst eine führe, ist das mit der Entfernung und der Sehnsucht immer vorhanden.


    Jedenfalls ein schönes Gedicht, hab mich jetzt nicht wirklich auf das Reimschema konzentriert, glaub, das war aber hier auch nicht dein Ziel. Vermutlich hast du ein hübsches Metrum drin, aber nachdem ich für solche Feinheiten leider irgendwie kein Gefühl hab — tut mir leid! — hab ich da leider nichts erkannt. Sei’s drum, es ist ein hübsches Gedicht und hatte auch so den Stil den man von dir schon öfter gelesen hat. (:


    Fröhliches Schreiben!

  • Hi @Cyndaquil, danke noch einmal für deinen Kommentar!


    Zum Gedicht sprachlos gibt es tatsächlich einiges zu erzählen, und gern schildere ich dir ein bisschen etwas über die Entstehung. ich spare es mir, deine Fragen und Anmerkungen durch Zitate hier extra noch einmal hervorzuheben und antworte, denke ich, auf deinen Text als Ganzes.


    sprachlos ist in erster Linie tatsächlich eine Liebeserklärung. Es lässt sich streiten, ob das "Für wushl" noch zum Gedicht an sich gehört, unüblich ist so eine direkte Adressierung ja nicht. Für wushl also, der, zum damaligen Zeitpunkt, tatsächlich die Welt des lyrischen Ichs auf den Kopf gestellt hat (und heute zu dieser Welt gehört und nicht mehr wegzudenken ist ♥). Gerade in der Phase der ersten Verliebtheit ist es ja besonders schwer, sich (räumlich) von dem zu trennen, worum sich gerade alles dreht, aber damit sind wir jetzt schon tief im Gedicht drinnen.


    Ich habe dir ja versprochen, die intertextuellen Bezüge des Gedichts ein bisschen aufzuschlüsseln, die du schon selbst so ein bisschen entdeckt hast, oder zumindest erfühlt hast. Es ist - jetzt rückwirkend betrachtet - auch für mich interessant, das niederzuschreiben, bevor die Erinnerung daran verloren geht. Ich fange deshalb jetzt auch nicht chronologisch bei Vers 1 an, sondern... logisch. Zumindest für mich logisch, haha.


    Wir sind doch Helden…


    Das ist kein Zitat, das ist ein Bandname. Fast! Das "doch" hat hier eine ganz wichtige Funktion. Wir sind Helden sagt dir vielleicht was? Spätestens jetzt solltest du aber Google angeworfen haben. Da war ja was - jedenfalls habe ich 2015 meine Liebe zu deutschsprachiger Musik, beziehungsweise Songtexten, entdeckt. Vor allem Wir sind Helden und die Texte von Judith Holofernes haben es mir ganz stark angetan und sind bei mir wochenlang auf- und ab gelaufen. Anyway, an dieser Stelle hat der Bezug zwei Seiten: einerseits entschlüsselt er die anderen Bezüge im Text als Bezüge zu WSH-Texten, andererseits spielt "Wir sind doch Helden" auf die Unbedarftheit des Wirs an. Wenn man von "Du Held!" ausgeht, ist das nicht unbedingt positiv gemeint, sondern eher im Sinne von "was hast du schon wieder angestellt" - aber bezogen auf eine eher tollpatschige, naive Tat, die ein vorher unbewusstes Ergebnis, das nicht unbedingt vorteilhaft, aber auch nicht katastrophal ist, herbeigeführt hat. Wenn wir uns das Gedicht unter dem Gesichtspunkt anschauen - das Ich verliert sein Herz, das Du findet es - eine nicht sehr kluge Sache, die aber noch einmal gut ausgegangen ist. x)


    Lebe kopflos, bin außer mir.


    "Ich fühl' mich unwohl ohne Kopf in der Straßenbahn
    Deswegen lern' ich kopflos Fahrrad fahren
    Und ich weiß wahrscheinlich mit den Jahren
    Werd' ich lernen dabei mein Gesicht zu wahren" (WSH, Außer Dir)


    Hier also ein direkter Bezug zur ersten Strophe des zitierten Liedes - wobei kopflos ja auch viel mehr bedeutet, Gedankenlos zu handeln, naiv, blind vor Liebe. Hier auch der Bezug zur ersten Strophe des Gedichts: ich laufe blind, als passender Chiasmus zu ich suche barfuß, das hier auch nicht bedeutungsleer durcheinandergeworfen wird; "ich suche" beschreibt zwar in erster Linie eine Handlung, in zweiter Linie setzt es auch das Bild einer Bewegung frei, eine Suche, die nicht leicht ist, aber das Ich bestreitet sie trotzdem barfuß, weil das Ziel der Suche jedes Hindernis und jede Beschwernis wert ist, und seien es Schwielen an den Füßen, weil es über Steine laufen muss oder ähnliches.


    Habe mein Herz verloren.
    Hast du es gefunden?


    Strophenübergreifend, aber die Brücke schlägt das Gedicht ja auch.


    "Rufe dich nur an
    Um dich zu fragen kann es sein
    Dass ich bei meinem letzten Besuch
    Bei dir verlor was ich jetzt such?" (WSH, Außer dir)


    Das Ich ruft, wie im Lied, das Du ganz offensichtlich an und fragt nach dem verlustig gegangen Teil. Ob Kopf oder Herz ist einerlei, gerade wenn man frisch verliebt ist, verschreibt man sich ja mit Leib und Seele derjenigen Person und dann hängen sowohl Kopf als auch Herz an ebendieser.


    Erst kurz vor halb drei
    Und ich bin schon so müde;
    Aber schlafen will ich trotzdem nicht.


    "Es ist erst fünf vor Zwölf
    und du bist schon so müde" (WSH, 23:55 Alles auf Anfang)


    ... weil, wenn man seine Zeit doch so viel schöner verbringen kann, warum sollte man sie dann mit Schlafen verschwenden? ^^


    Die restlichen Verse - so viele sind es ja nicht mehr - haben sich dann durch Metaphern ("suchen - die Worte nicht finden"), Assoziationen ("Meter für Kilometer" - hier ist die Verbindung zur Fernbeziehung tatsächlich richtig, da einfach die unüberwindbare, räumliche Entfernung, die immer größer zu werden scheint, angesprochen ist) und Allegorien ("hast du es gefunden? - Danke fürs Suchen und Finden. PS. Der Finder darfs behalten."). Ja, ich glaube, das wars so an inhaltlichen Besonderheiten. :)


    Generell achte ich beim Dichten nicht unbedingt darauf, ob es sich reimt oder ein Metrum herauskommt. Für mich ist es ein Gedicht, wenn es mehr als nur den Inhalt transportiert, in dem Fall Emotionen, in anderen Fällen Gedanken, die sich sonst schwer ausdrücken lassen. Generell sind Emotionen die beste Muse für ein Gedicht und gerade dann sollte man dem einfach freien Lauf lassen, optimieren kann man später immer noch, wenn man die Gedanken ordnet. Tatsächlich schreibe ich persönlich mir in so einem Fall meistens Stichworte, teilweise Reime, die gut klingen, Metaphern usw. die mir einfallen, auf, und ordne sie dann in einem Schreibprozess zu einem Gedicht an. Freut mich, wenn es auch anderen gefällt und nicht nur mir selbst! x)


    Liebe Grüße und Danke noch einmal!



  • Der Autor


    Gattung: Prosa


    Es war einmal, so könnte diese Geschichte beginnen, ‚Es war einmal‘ oder ‚Eines Tages‘ oder „Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr“, aber nein, das ist zu generisch. Da muss etwas Spannenderes, oder zumindest etwas mit einem tieferen Sinn, mit Bedeutung. Sonst kann das doch jeder Computer. Tatsächlich habe ich gelesen, dass kürzlich ein Computer an Harry Potter weitergeschrieben hat.


    Sollte ich vielleicht auf den Zug aufspringen, der vom Gleis 9 ¾ fährt? Ein paar Galleonen sind damit bestimmt zu machen. Dann kann ich mir vielleicht das neue MacBook kaufen, auf dem es sich angeblich so gut schreibt. Das ich natürlich schon habe, wenn man meine Autorenkollegen fragt, denn warum sollte ich mir die Blöße geben, dass sich das Buch nicht so gut verkauft. Beziehungsweise, dass irgendwelche höheren Mächte dahinter stehen, dass mein Meisterwerk nicht in allen Buchhandlungen zwischen Hamburg und Wien erhältlich ist, und das nicht, weil es ausverkauft ist. „Das haben wir nicht vorrätig. Wir können es für Sie bestellen, wenn Sie möchten, oder Sie versuchen es in einer anderen Filiale, ich sehe kurz im Bestand nach …“, bemüht der gelangweilte junge Mann, schlaksig und mit arroganter Brille, das Gerät vor ihm, das aussieht wie ein Gerät, welches aus einer Liaison von einer Kasse und einem 90er-Jahre PC zusammengeschustert wurde. Und genau so schnell rechnet es. Aber irgendwann haben wir es wieder: „Nein, leider auch nicht. Es dürfte vergriffen sein.“ Ha, dass ich nicht lache, leider verstehe nur ich den Scherz und kann mir gerade noch ein verzweifeltes Grinsen verkneifen. „Ich kann es, wie gesagt, für Sie bestellen. Wie wär‘ der Name, werter Herr?“ – „Sparen Sie sich die Mühe, an den Verlag wenden kann ich mich auch selbst.“ Das stört den Verkäufer nicht und er wendet sich wieder dem Buch zu, das neben ihm liegt und von Konjunktionen handelt. Statt sich weiter um mich, seinen Kunden, zu kümmern, streicht er mit einem grünen Textmarker Stellen in dem Buch an. Mir graust es. Ich habe nie zu der Sorte Studenten gehört, die in Büchern herumkritzelt, aber gut, meine Bücher waren auch zumeist aus der Bibliothek und ich sehr sozial veranlagt (anders als andere) – aber der Gute hier, der sitzt ja direkt an der Quelle. Ein Büchersnob, sozusagen. Bestimmt studiert er Linguistik, oder sogar Germanistik, und ist gerade dabei, seine Karriereleiter zu besteigen.


    Ob er meinen Namen kennt? Schon einmal gelesen hat? Erkannt hat er mich ja nicht. Aber wozu auch, nur weil man Bücher liest, kennt man ja nicht unbedingt den Autor. Schon gar nicht, wie der eventuell aussehen könnte. „Der Autor ist tot“ hat Barthes mal gesagt. Naja, in der Rezeptionstheorie bin ich ja sowieso nur derjenige, der auf seinem alten Laptop Zeichen in die Tasten haut. Was die Leser dann lesen, ist wieder ihre Sache. Mein Buch ja anscheinend sowieso nicht. Warum habe ich mich auch mit der Verlegerin über das Titelbild gestritten? „Eine Blume, das wäre doch hübsch, das spricht die Frauen an“, aber ich wollte keine Blume. Immer die Frauen mit ihren dummen Blümchen. Immer die Verleger mit ihren eigenen Ideen. Das ist MEIN Buch, MEIN Text und da kommt kein einziges Mal eine Blume vor. Fick die Blume, wofür soll die noch stehen? So ein dummes Symbol. Wer sagt, dass mein Buch „Frauen ansprechen“ soll, wieso nicht Menschen, die auch mehr sehen als nur eine Blume am Cover? Wer fragt mich, was ich will, was ich mir dabei gedacht habe?


    Tja, was habe ich mir dabei gedacht. Nachgegeben hat sie mir, die Verlegerin, keine Blume sieht man am Cover, wenn das Buch in den Regalen liegt. Besser gesagt, läge, denn jemand versteht sich darauf, seine Drohungen wahr zu machen. „Das Buch kannst du abschreiben. Das wird sich nicht verkaufen, ich schwöre es dir“, hat sie mir gesagt und eine geringere Stückzahl als vereinbart in den Druck geschickt, im Wissen, dass es nicht den Laden, sondern das Lager hüten wird. Von dort aus kann die Buchhandlung es bestellen. Wenn sie möchte, wenn der Verlagsvertreter sie vom gelungenen Inhalt des Werkes überzeugen konnte. Ich habe das Gefühl, dass er mein Buch nicht gelesen hat (vielleicht steht er auch auf Blumen?) oder sein Exemplar verlustig gegangen ist, untergegangen unter den Bücherbergen der Kollegen, deren Cover ihn mit generischen, natürlich tiefgründigen, Motiven überzeugen konnten. Oder die Verlegerin wusste ihn zu überzeugen. Ich glaube an letzteres und notiere mir in meinem Notizbuch im Kopf: Einen neuen Verlag suchen. Super, weil das ja beim ersten Mal schon so gut geklappt hat. Ein Glück, dass man mich der zweite dann abgeworben hat, weil sie dort mein Talent erkannt haben. Dass so ein Talent auch ganz schön stur sein kann, wissen die zwar, aber sie wissen auch, dass wir ohne sie nicht können. Ohne sie, die Literaturmaschinerie, innerhalb der wir Autoren alles und nichts sind. Sie brauchen uns, wir brauchen sie, aber vor allem brauchen wir sie, weil es uns wie Sand am Meer gibt. Immerhin hast auch du in der Schule schreiben gelernt. Beste Voraussetzung also, um Autor zu werden.


    Ich streiche die Notiz wieder aus meinem Kopf. Alle Verlage sind gleich, oder sie sind schlecht. Das Ergebnis ist das gleiche: mein Buch wird nicht verkauft, und ich bekomme kein MacBook. Also zurück zu der Harry Potter-Idee. Fällt das unter Copyright-Verletzung? Sollte ich lieber Parry Hotter schreiben? Vermutlich ist der Verlag so mächtig, dass selbst eine Geschichte über eine Zaubererschule deren Copyright verletzt. Aber letzten Endes will ich ja eh kein Trittbrettfahrer, keine copy cat, sein. Ich will originell sein. Deshalb auch keine Blume am Cover MEINES Buches. Doch das einzige Regal, in dem es steht, ist ebenfalls meines. Okay, das ist untertrieben, habe ich meine Belegexemplare doch zu Weihnachten in meiner Familie und an Freunde verschenkt (Selbstgemachtes kommt immer gut an HAHA), die mir durchaus glaubhaft versichert haben, dass ihnen das Buch gefällt oder sie sich zumindest geschmeichelt fühlten, wenn sie sich in einem Charakter wiedererkannt haben. Ja, das Leben schreibt die besten Geschichten, zumindest inspiriert es zu den besten. Und manchmal geschehen einem so unglaubliche Dinge, die kann man niemandem erzählen, ohne es als erfunden zu verkaufen, sonst wird man für verrückt gehalten. Die Gattung nennt man dann Roman. Oder Novelle. Ich glaube der Unterschied liegt in der Länge, aber fragt mich nicht. So eine Entscheidung trifft der Verlag.


    Meine Aufgabe ist es, den Text zu schreiben. Nicht zu kurz, nicht zu lang, nicht zu langweilig, nicht zu extravagant (dafür bin ich noch nicht bekannt genug), nicht zu kafkaesk (Leser lieben Kafka, aber schreibt man wie Kafka, verstehen sie einen nicht) und UM GOTTES WILLEN so, dass man es gut verkaufen kann. Liegen Vampire im Trend? Schreib einen Roman über eine Liebesgeschichte mit einem Vampir. Liebesgeschichten gehen sowieso immer gut. Vampire haben ein Ablaufdatum. Dann kommen Werwölfe, Zombies (‚Verliebt in einen Zombie‘ stelle ich mir allerdings schwierig vor), Nerds – „wenn wir schon dabei sind, leg‘ dir ein weibliches Pseudonym zu, sonst verkaufen sich die anderen Romane nicht mehr“ – und so weiter und so fort. Bei den ganzen Vorgaben kann man froh sein, nicht durch einen Computer ersetzt zu werden.


    Noch nicht jedenfalls. Der Gedanke daran entfacht in mir die Vorstellung einer dystopischen Welt ohne Autoren. In der Autoren tatsächlich tot sind, zumindest der Beruf. Dass die Menschen dann noch lesen, kann ich mir sowieso nicht vorstellen. Das kostet doch Zeit, und Zeit ist Geld, und ohne Geld stirbst du im Kapitalismus, also wo denkst du hin? Da muss ich tatsächlich grinsen. Ohne Leser keine Verkaufszahlen. Ohne Verkaufszahlen kein Geld. Ohne Geld – keine Verlage. Vielleicht ist der Autor dann nicht tot, sondern frei? Die Vorstellung gefällt mir und ich beginne zu schreiben.





    Rezept: Frühlingsgefühle


    Gattung: freie Poesie


    Man nehme eine Menge frische Liebe,
    ergänze sie durch ebenso viel neue Hoffnung.


    Anschließend gebe man vorsichtig Zärtlichkeit hinzu,
    bevor man das Ganze mit etwas Würze
    – empfehlenswert sind feurige Emotionen wie Sehnsucht –
    zu einem einmaligen Erlebnis vermengt.


    Serviert werden kann es mit einer großen Portion Mut –
    dann haben wir den Salat.



  • Servus Narime!


    Ich dachte mir, ich schau auch mal wieder vorbei und kommentier ein wenig. Dein Werk zur Tarot-Aktion hab ich schon gelesen und muss sagen, dass ich es interessant finde. Sehr viel dazu sagen kann ich allerdings nicht, weil die Geschichte ja auf den Karten an sich basiert. Und deshalb jede inhaltliche oder charakterliche Kritik hier eh nicht greift. Ich persönlich fand’s spannend, wie du die Karten umgesetzt hast. Fand aber allgemein den Autoren von Anfang an als Charakter sehr unsympathisch. ^^“ Deshalb ging vielleicht an mir die ganze Sache etwas vorbei. Aber, wie gesagt, die Umsetzung der Karten hat mir gefallen!


    Deshalb schau ich mir dein Rezept: Frühlingsgefühle etwas näher an. Hab ja schon auf discord gesagt, dass ich das sehr faszinierend find, weil ich in solchen Konzepten gar nicht denke.


    Frühlingsgefühle sind flüchtig, haben also mit richtiger Liebe nichts zu tun und sind mehr diese klassische Schwärmerei und Verliebtheit. (All das, was gemeinhin viel zu häufig für Liebe gehalten wird, lol.) Deshalb ist es passend, dass die erste Zutat des Rezeptes „frische Liebe“ ist, die ich mal als Verliebtheit ansehe. Würd mir natürlich mehr taugen, wenn der Begriff an sich tatsächlich fallen würde, aber ok. Das darauf dann „viel neue Hoffnung“ folgt, ist klar. Das sind die Grundzutaten: man ist verliebt und hat Hoffnung darauf, dass daraus auch etwas wird. Und man die andere Person nicht nur wochenlang anschmachtet.
    Verblüfft war ich ja über die „Zärtlichkeit“ — wie meinst du die konkret? Also im körperlichen Sinne oder eher im „vorsichtigen Nähern“? War ich mir nicht ganz sicher. Dass die Würze hier vor allem aus Sehnsucht kommt, fand ich interessant und passend.
    Der letzte Teil ist dann ein passender Schluss für dieses Rezept. Die Portion Mut ist sicherlich das Geständnis, dass man in jemanden verliebt ist. Jedenfalls würde ich das so sehen, weil es ja doch Mut braucht, um das auszusprechen. Dass daraus ein „Salat“ werden kann, was ungeahnte Probleme nach sich ziehen könnte, ist nur verständlich. Vermutlich haben Frühlingsgefühle deshalb auch keinen allzu positiven Ruf und werden nie mit Dauerhaftigkeit in Verbindung gebracht.
    Alles in allem also sehr interessant gemacht und hat definitiv meinen Horizont erweitert. (:

  • bla



    Die Last




    Gattung: freie Poesie


    Du trägst
    volle Einkaufstaschen,
    den Müll hinunter,
    einen Brief zur Post.


    Du trägst
    ein hübsches Kleid,
    roten Lippenstift,
    die Haare offen.


    Du trägst
    seinen Haushalt,
    seinen Namen,
    sein Kind.


    Du trägst
    Verantwortung,
    es mit Fassung,
    ein Lächeln im Gesicht.


    Aber erträgst Du es?




  • Huhu du Profi <3  


    Ein echt cooles Gedicht hast du da geschrieben, gefällt mir sehr gut. Im Allgemeinen mag ich es, wenn man ein Konzept hat beim Schreiben von sowas und dieses Konzept von dem Bild "Last tragen" und die Wortspiele damit sind echt gut gelungen. Ganz typisch löst du dann gegen Ende das Bild quasi auf bzw. erklärst, was eigentlich gemeint ist. Also alles in allem echt toll! Wirklich zu meckern habe ich eigentlich nichts, ich finde das Gedicht ist in sich perfekt.


    Eine schöne Woche noch!

  • Narime

    Hat das Label Verschiedenes entfernt