Graue Tage [NaNoWriMo+]

Wir sammeln alle Infos der Bonusepisode von Pokémon Karmesin und Purpur für euch!

Zu der Infoseite von „Die Mo-Mo-Manie“
  • Aus dem Abgrund der Prokrastination erreicht das andächtige Publikum ein verheißungsvoller Wink: Die kalte Schulter wund vom Klopfen schleppt sich eine mit allen Abwassern gewaschene Lichtgestalt in das fahle Spotlight des Schreibnovembers, sie atmen auf – solange, bis ihnen die Luft für die Lobgesänge ausgeht, kommt die Sprache auf ihn. Es ist Ulti H., dem die Feder von den Umwegen geführt wird, der sich um keinen Ausfallschritt in die Belanglosigkeit zu schade ist, die akzentbehaftete, koffeingeschwängerte Stimme großer Worte und überschaubarer Taten, Ulti H., der gut Ding Weile haben lässt und sich selbst großzügig daran bedient. Der beflissenste Student der wohlplatzierten heißen Luft, der zweifache Gewinner des Helena-Blavatsky-Preises für gelebte Fiktion holt aus für einen weiteren Streich, die Tastatur und die Tränen auf den Wangen brennen – die neueste Addition im Format: Krampf in Epik stürzt geführt von Samthandschuhen über der atemlosen Audienz in sich zusammen, Ulti H. präsentiert:





    Kapitelübersicht:

    1 - Joseph Bates steht im Schilf

    2 – Was uns die Welt vor die Füße wirft

    3 - Strauss

    4 - Nachbeben

    5 - Die Akte Zenk

    6 - Festmahl der blinden Hühner

    7 - Eine Welt von Schwarz und Weiß

  • Joseph Bates steht im Schilf


    Der Oktober war über das Land gezogen und hatte mit sich eine herbstliche Stimmung gebracht, wie er es immer zu tun pflegte. Ex-Kommissar Joseph Bates, seit zwei Jahren beschäftigt mit seinem Ruhestand, drückte seine Zigarre in der Glasschale neben sich aus und erhob sich gemächlich von der sonnenbeschienenen Bank neben dem Wadribiehaus. Dann schloss er es ab und machte sich auf den Weg nach Hause. Während er über das gefallene Laub auf dem Waldweg schritt, dachte er daran, wie die Entwicklungen der letzten Zeit – die kleinen Entwicklungen, mit denen er sich dieser Tage beschäftigte – so rücksichtsvoll miteinander umgegangen waren, als hätte er seinen ehemals strikten Terminkalender einer besonders wohlwollenden, unsichtbaren Kraft überreicht, die ihn nun mit sanfter Hand durch den Lebensabend führte. Manchmal überraschte ihn seine Befriedigung, die er angesichts dieses Wandels empfand; ein scharfer Hund war er gewesen, unfähig, still zu sitzen, und bissig. Vor nicht allzu langer Zeit hätte er es sich nicht ausmalen können, Erfüllung außerhalb des Ordnungsschaffens, in der langsamen Ordnung seines Müßigganges zu finden. Doch sein junges Wadribievolk machte sich gut, und wenn seine Anne wieder einmal über die Zigarren schimpfte, rauchte er sie eben im Wald. Vor ihm tat sich der klare Herbstabend auf und Bates ging, über ihm die schwärmenden Navitaub, das letzte Stück des Feldweges auf die hellen Häuser von Tessera zu.


    Zuhause war es nicht still, sondern ruhig. Bates hängte seinen Mantel an die Garderobe und sah durch das Fenster in den Garten, wie Anne ihrerseits ihrer Beschäftigung im Garten nachging. In der Küche nahm er eine Ciderflasche aus dem Kühlschrank, schenkte sie in einen Krug ein und nahm ihn mit zwei Gläsern auf die Terrasse. Dort saß er dann und schaute zu, wie Anne die besonders widerspenstigen Auswüchse der Weintrauben an die Stöcke band. Sie bemerkte ihn, als er die Ärmel seines Hemdes aufknöpfte und sein Stuhl knarzte.

    „Oscar hat angerufen. Aber du hattest ja dein Handy nicht dabei.“

    Sie schaute nach drinnen, wo Bates‘ Handy stumm auf dem Tisch lag.

    „Brauche ich im Wald nicht. Was wollte er denn, sonst meldet er sich ja auch nicht?“

    Er wusste noch nicht so recht, wie er auf die plötzliche Erwähnung seines Sohnes reagieren sollte. Natürlich freute er sich, von ihm zu hören, doch da war noch etwas anderes, ein Gefühl, eine Ahnung vielleicht, die es ihm schwer machte, Oscar nicht zumindest unbewusst eine Absicht unterstellen zu wollen. Bates glaubte eigentlich, dass sie beide der Ansicht wären, dass es gut sei, den jeweils anderen ungestört sein Leben leben zu lassen – vielleicht hatte diese Nachricht deshalb Verunsicherung in ihm ausgelöst, weil sie es gewagt hatte, eine Selbstverständlichkeit in Frage zu stellen. Anne zog ihre Handschuhe aus, legte sie auf das Fensterbrett und setzte sich zu ihm.

    „Er will verreisen“, begann sie mit gehobenen Mundwinkeln, „gleich morgen. Und da wollte er sich heute noch verabschieden.“

    „Hm“, machte Bates und schenkte ihnen ein. „Will er zum Essen kommen?“

    „Das hat er nicht gesagt. Nur, dass er morgen für ein paar Tage ins Ausland muss und vorher noch Tschüss sagen will. Und ob wir…“

    Bates starrte zerstreut in das Feld hinter dem Garten und sagte nichts. Anne schlug die Beine übereinander.

    „Freust du dich denn nicht? Dein Sohn! Wie lange habt ihr euch nicht mehr gesehen?“

    „Ein halbes Jahr vielleicht, mehr oder weniger. Nein, das war … letzte Weihnachten, glaube ich. Aber“, er nahm einen großen Schluck vom Cider, „er reist doch ständig durch die Welt, springt für diese Firma zwischen allen Regionen herum… Du wolltest noch etwas sagen?“

    „Ja. Er wollte nämlich wissen, ob wir noch ‚Platz hätten‘ auf dem Hof. Er hat es ganz schnell gesagt, ich kam gar nicht mehr dazu nachzufragen – aber den haben wir wohl.“

    „Sind Evelyn wohl die Zimmer ausgegangen? Naja“, er faltete die Hände über dem Bauch, „wir werden es ja sehen.“


    Es war ein gewaltiger Lärm, giftig und penetrant, vor allem aber so, so zermürbend. Bates stand mit Anne in der Einfahrt vor Oscars schwarzer Limousine und konnte sich kaum auf den Mann vor ihm konzentrieren, so sehr ging ihm das Kläffen des kleinen Hundusters, welches aus der hinteren Autotür gesprungen war und jetzt um Oscars Beine herumtänzelte, auf den Zeiger. Gleichsam ärgerlich fixierten sie alle drei den überdrehten Köter, Begrüßungsversuche wären unter seinem Gebell einfach untergegangen. Oscar hatte ein paarmal Luft geholt, war aber immer sofort wieder unterbrochen worden und stieß den angestauten Atem schließlich in einem tiefen Seufzer aus, als das Hunduster zurück in das Auto hüpfte und vorerst Ruhe gab. Sie umarmten sich.

    „Dad!“ Oscars Lächeln wollte aufrichtig wirken, doch man sah ihm an, wie ungewöhnlich diese Situation für ihn war. Sein Vater konnte dies voll und ganz nachvollziehen, auch er kriegte es nicht besser hin.

    „Oscar. Schön, dich wieder einmal zu sehen. Oder euch.“ Er nickte zur Limousine, in der das Hunduster verschwunden war und glaubte zu verstehen, warum Oscar gestern nach der Auslastung ihres Heims gefragt hatte. „Ich nehme an, das Großmaul braucht eine Bleibe, wenn sein Herrchen verreist?“

    Etwas ertappt glättete Oscar sein Jackett. Fast wirkte er, als wäre er einer großen Enthüllung beraubt worden. „Nun, gewissermaßen, ich… Das Haus steht die nächste Woche lang leer, Evelyn und ich sind leider beide ziemlich ausgelastet, da wollte ich noch fragen…“

    Anne lächelte bloß wissend, Bates bemühte sich um eine erwartungsvolle Miene, wohl ahnend, was jetzt gleich kommen würde.

    „Ob wir dem Kläffer nicht einen Platz unter dem Ofen freimachen können während ihr weg seid, hm.“

    „Richtig.“ Oscar neigte den Kopf und blickte dann noch einmal zum Auto. „Es tut mir leid, dass ich euch so damit überfalle, aber es kam wirklich das eine zum anderen und uns fehlte einfach die Zeit, einen Sitter aufzutreiben…“

    Aber da war noch etwas, oder besser gesagt – jemand. Sie schauten sich an, schauten dann zu Oscar, der woanders hinschaute und ließen das Schauen dann sein.

    „Und Belaine?“

    „Belaine wäre“, kurzzeitig schimmerte der eingefleischte Geschäftsmann durch Oscars umgängliches Exterieur, „inbegriffen. Belaine? Kommst du bitte grüßen?“

    Für Oscar schien die Sache bereits besiegelt zu sein, sein Vater hingegen kam sich ordentlich dumm vor. Nicht einmal kontra geben konnte er diesen übereifrigen Plänen, die um ihn herum ohne seine Zustimmung geschmiedet worden waren. Doch noch dümmer wäre er sich vorgekommen, wenn er seiner überschaubaren Begeisterung nun vor seiner Enkelin Luft gemacht hätte – die stieg nämlich gerade aus, das unsägliche Hunduster fest umklammert. Sie vollführte ein eigenartiges Tänzchen beim Versuch, die Schuhe auf dem von dem inzwischen aufgekommenen Niesel feuchten Boden sauber zu halten, ein so sinnloses wie zeitraubendes Unterfangen. Dann stellte sie sich kerzengerade neben Oscar und reichte ihm und Anne wie einstudiert die Hand.

    „Hallo Opa. Hallo Oma. Danke, dass ich bei euch bleiben darf.“

    Anne ging in die Hocke und umarmte sie, Bates musterte Oscar kritisch. „Du hast ja Nerven. Das nächste Mal wäre eine Ankündigung nicht verkehrt, aber wenn sie jetzt schon da ist…“

    „Ach, ich wünschte, ich hätte euch früher informieren können, aber bis gestern Abend wussten wir noch gar nicht, wie lange ich weg sein würde – und für eine Woche können wir Belaine unmöglich alleine zuhause lassen.“

    „Na dann. Etwas Landluft wird ihr bestimmt guttun, wir können auf sie aufpassen.“ Inzwischen wollte er einfach einen Schlussstrich unter diese Angelegenheit setzen.

    „Danke, Dad. Das ist wirklich… großzügig“, sagte er, als hätte er irgendwem eine Wahl gelassen. „Hier… Belaines Kindermädchen haben eine Liste gemacht mit ihren Essgewohnheiten und den Kanälen, die sie schauen darf.“ Er überreichte ihm einen Zettel. „Um zehn sollte sie im Bett sein, aber ich vertraue euch ohnehin. Mich hast du ja auch nicht allzu schlecht hingebogen.“

    Er lachte, Bates lachte nicht, zumindest nicht innerlich. Oscars Auftauchen und die übereilte Forderung, die er mitgebracht hatte, hatten ihn nicht besonders empfänglich für Erinnerungen an früher gemacht. Trotzdem nahm er die Liste an sich und nickte dem selbstgerechten Weltenbummler, den er großgezogen hatte, bemüht verständnisvoll zu.


    Am nächsten Morgen war es neblig, als hätte sich die allgemeine Unklarheit, die den gestrigen Abend umrissen hatte, auf die Natur übertragen. Bislang war Bates aus seiner Enkelin nicht wirklich schlau geworden, bestenfalls hatte sie sein Gedächtnis aufgefrischt. Acht Jahre alt war sie, besuchte eine private Schule in Twindrake und war seit neuestem, wie er bereits mitbekommen hatte, Besitzerin eines Hundusterwelpens. Nott hieß das Untier, und es war exakt so laut und volatil, wie der erste Eindruck angedeutet hatte. Ansonsten war Belaine bemerkenswert verschlossen geblieben.

    Heute wollten sie mit Nott spazieren gehen. Mit Anorak und Schal wartete Bates in der kalten Morgenluft auf Belaine, sie ließ sich Zeit. Schließlich erschien sie mit einem bereits aufgedrehten Welpen an der Leine und sie machten sich auf zur Route 11.

    Dieser Weg gehörte zu Bates‘ liebsten Landstrichen der Region, selbst wenn der Nebel die Sicht auf das Meer verdeckte. Der Wald zu ihrer Rechten zeigte sich von seiner farbenfrohsten Seite, nicht aufdringlich, sondern würdevoll in seiner Pracht, eine mystische, morgendliche Stille ausstrahlend, die nur von den gelegentlichen Schreien der Vogelpokémon ergänzt wurde. Der Kiesweg unter ihren Füssen knirschte, während Bates Nott mit einem Stock beschäftigte. Laut Belaine war er ganz verrückt nach Apportieren, doch sie hatte sich beim Werfen des dreckigen und nassen Stöckchens so sehr geziert, dass ihr Großvater ihr die Bürde abgenommen hatte. So gingen sie über die Anhöhe über dem Strand und bogen dann ab in den Wald. Dies war nicht Bates‘ gewöhnliche Spazierroute, denn er befürchtete, dass es ihre Außergewöhnlichkeit schmälerte, wenn er ihr zu oft folgte; doch heute war ihm ganz besonders danach, nicht zuletzt wegen dem verträumten, verwachsenen Teich, zu dem sie schließlich gelangten. Schwerfällig ließ sich Bates auf die modrige Bank am Ufer fallen, Belaine kletterte deutlich agiler auf den Platz neben ihm. Sie starrten auf das neblige Wasser und die Ringe, die die vom Blätterdach fallenden Tropfen auf der Oberfläche hinterließen, und sagten eine Zeit lang nichts. Belaines immer etwas forschende Stimme durchbrach das Schweigen als erstes.

    „Gibt es hier wilde Pokémon?“

    „Die gibt es bestimmt. Vielleicht sehen wir welche, wenn wir genau hinschauen.“

    „Aber… Sind die nicht gefährlich?“

    „Hm. Nein. Die Pokémon sind nur gefährlich, wenn man ihnen gefährlich wird. Und wir“, er ließ einen flachen Stein über den Teich springen, Belaine folgte seinem Weg fasziniert, „wollen ihnen bestimmt nichts Böses. Stimmts?“

    Er lächelte nachdenklich, Belaine ließ die Beine baumeln. „Nein, wir tun nichts Böses. Aber wenn ein Pokémon wirklich böse wäre… Was tun wir dann? Hast du ein Pokémon?“

    Er schüttelte den Kopf. „Nicht hier. Ein paar Wadribie und ihr Honweisel kennen mich und ich kenne sie, aber… Nein, ich habe keine Pokémon. Kann Nott uns etwa nicht beschützen?“

    Sie lachte, der Gedanke, dass Nott sich gegen ein wildes Pokémon behauptete, belustigte sie mehr als die unsichtbaren Kreaturen im Dickicht sie zu ängstigen vermochten. „Neeein, Nott ist noch zu klein. Aber er lernt gerade Glut! Nott, mach Glut!“

    Das Hunduster sprang auf, stellte sich vor die Menschen auf der Bank und blickte sie schwanzwedelnd an, machte aber keinerlei Anstalten, Belaines Auffoderung nachzukommen. Sie wiederholte sich und er bellte.

    „Wir üben noch. Manchmal macht er Feuer, aber er weiß noch nicht, dass das Glut heißt…“

    Bates aber schaute an Nott vorbei zum anderen Ende des Ufers und entdeckte dort etwas.

    „Warte, Belaine. Schau mal… Siehst du dort drüben, der Fleck mit dem umgeknickten Schilf? Dort könnte ein wildes Pokémon sein, vielleicht ein Branawarz.“

    Er wies auf besagte Stelle im Schilf und Belaine folgte seiner Hand. „Können wir das anschauen gehen?“, flüsterte sie, angetan von der Gelegenheit, die sich ihnen hier gerade bot. Bates nickte. „Aber wir müssen leise sein.“

    Leise waren sie durchaus, als sie um den Tümpel schlichen, Nott hatten sie an die Bank gebunden. Das dichte Schilf erstreckte sich auch abseits des Wassers in den Wald, sodass sie am Ufer entlang nur langsam vorankamen. Als sie das Versteck des wilden Pokémons erreichten, gingen sie beide in die Hocke und Belaine reckte den Hals. Die hohen Halme waren stark lädiert von was auch immer sich dort breitgemacht hatte, ein blauer Körper, nur knapp über der Wasseroberfläche. Im selben Moment, in dem Belaine ängstlich nach seiner Hand griff, dämmerte es Joseph Bates, dass es kein Branawarz war, das sich hier im Schilf verbarg.

    Opa…?“

    Bekleidet mit einer blauen Windjacke trieb im idyllischen Teich eine Frau, deren schulterlanges dunkelbraunes Haar sich im Wasser um ihr untergetauchtes Gesicht auffächerte. So lag sie regungslos in der eisigen Brühe, und während sich die Natur um sie herum langsam auf den Winter vorbereitete, hatte sie ihre Ruhe bereits gefunden.




    Es ist das heiß erwartete Belaine Bates-Prequel, zumindest so halb. This ain't about her. Seht wie ich hier dem fast schon vergangenen NaNoWriMo hinterherrenne, seht wie ich mich an einer Fanfiction versuche.

  • Hallo,


    von dem Prequel mit Belaine in einer Nebenrolle hast du ja bereits vor einiger Zeit erzählt. Angesichts der Umstände wird auch relativ klar, in welch guten Verhältnissen sie aufgewachsen ist. Gleichzeitig lässt Oscar anfangs seinem Missmut jede erdenkliche Luft, bis er sich mit der nicht abgesprochenen Situation einigermaßen arrangiert hat. Dadurch macht er auf mich einen etwas grummeligen, aber grundsätzlich nahbaren Eindruck als Person. Da gegen Ende des ersten Kapitels eine Leiche auftaucht, bin ich gespannt, in welche Richtung sich die Geschichte entwickelt. Kriminalfälle lese ich doch eher selten, allerdings ist dir der bisherige Aufbau gelungen.


    Wir lesen uns!

  • Was uns die Welt vor die Füße wirft


    Kommissar Moore aus Twindrake hatte angeboten, sie im Dienstwagen nach Hause zu bringen. Bates hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt – natürlich war er sich bewusst, dass danach ein ernstes Gespräch auf ihn wartete, doch das stand er lieber bei Kaffee und Zimmertemperatur durch als draußen im kalten Regen. Während der gesamten Fahrt hatte Belaine kein Wort gesagt. Zwar hatte Moore ein paar Versuche gemacht, ihr ihre Version der Geschichte zu entlocken, doch Bates‘ ungehaltener Ausruf, er sollte das arme Kind in Ruhe lassen, hatte ihn eines Besseren belehrt. Als sie auf dem Hof ankamen, war das Wetter mindestens genauso trüb die die Gemüter. Sie stiegen aus, traten sich die Schuhe auf der Fußmatte ab und gingen hinein.

    Drinnen erwartete sie Anne, die Moore, den sie noch aus Bates‘ aktiver Zeit kannte, gerade freudig begrüßen wollte, doch die mehr als langen Gesichter verrieten, dass jetzt keine gute Zeit war, Nettigkeiten auszutauschen.

    „Magst du kurz Belaine nehmen“, fing Bates dumpf an, „Ich muss noch schnell etwas mit dem Kommissar besprechen.“

    Er geleitete Moore in die Küche und bat ihm einen Stuhl an. „Nun denn. Was darf es sein, Kaffee? Schnaps? Ich habe von der Nachbarin diesen Kirsch bekommen, der ist wirklich…“

    „Bates“, unterbrach ihn Moore, „ich schätze die Gastfreundschaft, aber die Arbeit geht vor. Du scheinst dich gut im Ruhestand eingelebt zu haben und das gönne ich dir, aber bitte lass uns erst über die Leiche reden.“ Er hängte seine Jacke auf den Stuhl und schaute sich in der Küche um. „Aber… Kaffee.“

    Als der Kaffee auf dem Tisch stand, setzte sich auch Bates. „Ich hasse das, Moore. Es gibt ‚zur falschen Zeit am falschen Ort‘, und dann gibt es ‚Leichenfund beim Spazierengehen mit der Enkelin‘. Seitdem du übernommen hast, dachte ich eigentlich, dass die nächste Leiche, die in meinem Leben eine Rolle spielen wird, meine eigene sein wird.“

    Wie um die Aussage zu unterstreichen, holte er aus der Brusttasche sein Zigarrenetui und zündete sich eine an.

    „Aber sag: Was willst du noch von mir wissen? Mehr als die Zeit, als wir sie gefunden haben, kann ich dir auch nicht geben.“

    „Vielleicht… vielleicht. Aber vielleicht kann ich dir etwas geben.“

    „Schlag es dir aus dem Kopf, Moore. Ich habe damit nichts mehr zu tun und will es auch nicht mehr haben. Momentan frage ich mich nur, was ich Belaine erzählen soll.“

    Anstatt auf ihn einzugehen, zog Moore einen Plastikbeute als der Jacke. Darin befand sich ein noch nasser Ausweis.

    „Melissa Zenk. Buchhalterin bei Devon, achtundzwanzig Jahre alt, alleinstehend, wohnte in Twindrake. Man hat sie mit mehreren Stichen in den Rücken getötet – zumindest das dürfte dir auch aufgefallen sein, oder?“

    „Ich habe nicht hingeschaut. Woher weißt du das überhaupt jetzt schon alles?“

    „Die Devon Corporation ist wohl sehr transparent mit den Informationen ihrer Angestellten. Zenks Name hat dem Internet ausgereicht, um uns ihren Hintergrund mitzuteilen.“

    Ein ungutes Gefühl beschlich Bates, als er an seinem Kaffee schlürfte. „Devon also.“

    „Richtig, Devon. Wenn ich mich richtig erinnere, hast du da… Kontakte?“

    Das ungute Gefühl verstärkte sich. Der seltsame Austausch mit Oscar gestern war das eine gewesen, erneut mit ihm Kontakt aufzunehmen, diesmal wegen einer ermordeten Angestellten, etwas ganz anderes.

    „Oscar ist nicht da.“

    „Du hast ein Handy, Bates. Ich erwarte nicht, dass du uns mit einem Anruf bei Oscar Bates Zenks Mörder lieferst, aber vielleicht kann dir dein Sohnemann etwas über die Beziehungen der Toten verraten, vielleicht hatte sie Konkurrenten, Feinde, irgendwas, könnte ja sein. Wenn wir dort antanzen, laufen in den Anwaltskanzleien der Region gleich die Leitungen heiß, aber dir gegenüber könnte er etwas offener sein.“

    Bates seufzte, stand auf und öffnete den Kirsch. „Ich arbeite nicht mehr für euch, Moore. Ich arbeite gar nicht mehr.“ Um seiner Aussage Nachdruck zu verleihen, goss er sich ein Gläschen ein und kippte es herunter. „Natürlich ist es schade um diese Frau, aber… Ihr habt die letzten zwei Jahre auch ohne mich hingekriegt, ihr werdet auch dieses Mal den Mörder packen.“

    „Ich verstehe. Schade.“ Sie schwiegen. Aus dem Wohnzimmer drangen die Geräusche des Fernsehers, irgendein Pokémon-Wettkampf wurde übertragen. Gelegentlich hörte man Belaines Stimme, die Anne über die Feinheiten des Pokémon-Kampfes belehrte. Moore trank seinen Kaffee aus.

    „Deine Enkelin also. Wohl ein aufgewecktes Mädchen – sie scheint das Ganze zu wegzustecken.“

    „Ich hoffe es.“ Auf einmal fühlte sich Bates in seiner Starrsinnigkeit schlecht, fühlte sich schlecht, den Kommissar, der nur seine Arbeit tat, so abblitzen zu lassen. Doch er hatte gesagt, was er sagen wollte. „Hör zu, Moore. Ich werde Oscar anrufen, aber dann ist Schluss. Wenn ich etwas erfahre, ist das gut. Wenn nicht, ist das für mich auch gut. So oder so endet damit meine Beteiligung an diesem Fall, aber… ich drücke euch die Daumen.“

    „Danke.“ Moore stand auf und nahm seine Jacke. „Dann hoffe ich, dass ich von dir höre.“

    „Oh, das hoffe ich auch – und das nächste Mal musst du meinen Kirsch probieren.“


    Nach dem Abendessen stand Bates auf der Veranda und lauschte dem Klingeln seines Telefons durch das sanfte Prasseln des Regens. Drinnen saß Belaine und drückte auf dem ihren herum, es war schwierig einzuschätzen, wie sie den heutigen Morgen verarbeitet hatte; Anne gegenüber hatte sie ihre Erlebnisse nur oberflächlich berichtet und das Thema danach nicht mehr angeschnitten, Bates machte sich Sorgen. Dann knackte die Leitung und er war mit den Gedanken wieder in der Gegenwart.

    „Dad?“

    „Oscar, hallo. Du, ich…“, er suchte nach Worten, „wir haben ein Problem.“

    „Belaine? Was hat sie…“

    „Nein, nicht Belaine. Es geht um eine Melissa Zenk, die bei Devon gearbeitet hat – sagt dir der Name etwas? Buchhalterin war sie wohl.“

    „Melissa Zenk, ja…“, einen Moment lang war es still, Oscar schien zu überlegen, „ja, der Name sagt mir etwas – warte, sagtest du, sie war…?“

    „Sie ist tot, ermordet, seit heute Morgen. Wir haben sie in einem Tümpel auf der Route 11 gefunden.“

    Am Telefon war es schwierig zu deuten, wie Oscar die Nachricht aufgefasst hatte. Vorerst sagte er gar nichts, schließlich ein Räuspern. „Bedauerlich. Die Welt ist schlecht. Jedenfalls danke, dass du-“

    „Warte, warte – kanntest du sie? Hast du eine Ahnung, wer Melissa Zenk erstechen und in einen Teich werfen würde, hatte sie Feinde oder…“

    „Warum fragst du das?“, kam es vorsichtig aus dem Hörer, „Hat dich die Polizei etwa wieder eingespannt?“

    Bates wollte schon fragen, warum Oscar fragte, warum er das fragte, ließ es aber bleiben. „Nein. Nein, es ist… persönliche Neugierde, alte Gewohnheit, was weiß ich. Wahrscheinlich wirklich die Gewohnheit.“

    „Dann muss ich dich leider trotzdem enttäuschen. Weder kannte ich Zenk persönlich, noch habe ich momentan die Kapazität, um ihren Lebenslauf oder dergleichen zu überfliegen. Sonst noch etwas? Grüß mir Belaine, ja?“

    Ernüchtert über die Entwicklung des Gespräches starrte Bates in das abendliche Dunkel hinaus und ließ Oscar ziehen. „Nein, sonst nichts. Mache ich. Gute Nacht, Oscar.“

    Er legte auf. Eine tiefe Unzufriedenheit hatte von ihm Besitz ergriffen, ein kalter, bleierner Ärger, der sich bereits nach Moores Besuch angeschlichen und ihn inzwischen fest im Griff hatte. Der Kommissar hatte seine Absage viel zu schnell akzeptiert und Oscar hielt ihn anscheinend nicht für den richtigen Empfänger der Informationen, die er offensichtlich hatte. Plötzlich schien ihm das Altern wie ein Fluch, ein unaufhaltsamer Prozess des Zerfalls, dessen erstes Opfer das eigene Renommee war. Er ging nach drinnen, gab Anne einen Kuss und nahm sich Schirm und Mantel. Selten hatte es einen besseren Zeitpunkt für einen Ausflug in die Kneipe gegeben.


    Auch unter der Woche war die Waage abends gut besucht, von Leuten, die für den nächsten Morgen keinen Wecker zu stellen hatten – Leute wie Joseph Bates. Am Stammtisch saßen die Stammkunden: Bartholomew Mitch, der Geizkragen, der mit seinem Vermögen überall hätte sein können, aber jeden Tag in der Waage verbrachte; Katerine Daems, deren Mann laut akzeptiertem Kalender vor zehn Jahren gestorben war, nach ihr aber erst gestern; und der alte Dvorsky, der zwar nicht viel älter war als die anderen, dem bisher aber kein besseres Epitheton gegönnt worden war. Bates setzte sich zu ihnen und erkannte sogleich, dass er auch hier keine Ruhe vor Melissa Zenk finden würde.

    „Das hat überhaupt nichts mit Misstrauen zu tun“, ereiferte sich Mitch, „ich sage nur, dass die Leute von heute roher und gewaltbereiter seinen als früher. Und andere Zeiten erfordern nun einmal ein anderes Anpacken.“

    „Das sagst du so leicht“, spöttelte Daems, „wenn du doch allerhöchstens noch den Autoschlüssel für die zweihundert Meter hierher anpackst. Aber nur zu, sprich weiter, vielleicht kann dich ja unser Dorfbulle aufklären, dass dein Gewäsch nicht nur dumm, sondern auch gesetzeswidrig ist.“ Sie hob ihr Bier Bates entgegen. „Hallo Joe. Du kommst gerade richtig – da stirbt eine Frau – einfach so – und Bart will sogleich den Überwachungsstaat einführen.“

    „Ich Idiot. Was hat mich nur geritten, zu glauben, dass ich hier diese verdammte Leiche aus dem Kopf kriege.“ Er hob die Hand und gab der Kellnerin einen Wink, Dvorsky lachte pfeifend. „Passiert ja sonst nichts.“

    „Die Aasfresser müssen sich mit dem begnügen, was sie finden“, blähte sich Mitch wieder auf, „die Welt dreht sich inzwischen schneller, als wir zusehen können. Dann reden wir halt über alles, was sie uns vor die Füße wirft.“

    Bates brannte sich eine Zigarre an. „Schon gut, schon gut. Ihr habt ja recht.“

    „Habt ihr denn schon eine Spur?“, wollte Daems wissen. Bates schaute böse und zielte mit der Zigarre auf sie. „Dünnes Eis, Katie. Ich will nichts damit zu tun haben. Moore wird das schon richten.“

    „Und darum sage ich“, sah Mitch seine Chance erneut gekommen, „dass man den Leuten einfach etwas mehr über die Schulter schauen sollte! Mit der Technik von heute – meine Tochter, die hat ein Felilou, dem wurde ein Chip eingepflanzt, jetzt weiß sie ganz genau, wo es überall herumstreunt – so etwas brauchen wir, zack, zack! Dann bräuchten die Herren bei der Polizei nur nachzusehen, wer sich am Tatort“, er betonte das Wort Tatort, als wäre es ein gar exotischer Ausdruck, „so herumgetrieben hatte, als diese Frau ermordet wurde. Stattdessen bauen diese Wissenschaftler lieber“, mit der Hand wedelnd suchte er nach Worten, „fliegende Schiffe und… und Itemradars. Wozu soll ein Schiff denn fliegen? Ein Schiff schwimmt im Wasser, reicht das etwa nicht?“

    Dvorsky lachte wieder, Mitch fand das nicht zum Lachen. „Da lachst du, was? Warst wahrscheinlich Kapitän dieser Höllenmaschine, du… du Anarchist!“

    Die Kellnerin kam zu ihrem Tisch und sie bestellten eine weitere Runde. Mitchs Äußerungen belustigten sie ungemein.

    „Gar nichts war er“, entgegnete Daems.

    „Gar nichts war ich, „pflichtete ihr Dvorsky bei. „Ein Sponsor vielleicht, eine Unterschrift. Klang wie eine gute Sache damals, diese Plasmas. Mag den Gedanken immer noch, gebe ich zu. Aber“, er schob sich die Dritten, die etwas verrutscht waren, zurecht, „jetzt bin ich zu alt, um die Welt zu verbessern.“

    „Einen Scheiß wollten diese Spinner verbessern.“ Mitch nahm sein Bier entgegen, der Rest der Runde tat es ihm gleich. „Womit mein Punkt noch immer steht: Die Welt ist voll mit“, er gestikulierte wild, „Verrückten! Manche sind harmlos, so wie du, anderen geben ihren Schiffen Flügel und frieren Städte ein. Und wir, die Normalen, wissen erst, zu welcher Art Verrückte sie gehören, wenn sie ihre verrückten Späßchen bereits getrieben haben. Ist es denn wirklich zu viel verlangt, die Verrückten im Auge zu behalten? Oder sie gleich einzusperren?“

    Bates war nur froh, dass Zenk nicht mehr das Thema war. Dafür nahm er auch Mitchs Gezeter in Kauf. „Ein Träumer bist du, und ein Schuft. Du kannst Leute nicht für etwas einsperren, das sie nur denken. Wenn sie etwas verbrechen, werden sie eingebuchtet, vorher nicht. Und verrückte Gedanken sind kein Verbrechen.“

    Daems klatschte hämisch. „Da hast du es, du alter Bock, direkt von der Schmiere höchstselbst. Wie stellst du dir das überhaupt vor, nach Verrückten zu suchen? Was, wenn der Mörder“, Bates Laune sank wieder, „gar nie verrückt war, sondern rational und besonnen beschlossen hat, heute eine Frau im Wald umzubringen? Vielleicht war er kerngesund, als er sie getötet hatte. Vielleicht war er sogar im Recht.“

    Mitch stierte angestrengt vor sich hin und mahlte mit dem Kiefer. „Dann brauchen wir eben die Chips, sage ich doch. Das Felilou beschwert sich auch nicht darüber, das merkt wahrscheinlich gar nicht, dass es einen hat.“

    „Damit kannst du einen Mord auch nicht verhindern“, warf Dvorsky abgeklärt ein, „und vor allem kannst du den Leuten ihre verrückten Gedanken nicht verbieten. Was in ihrem Kopf passiert, geht niemanden sonst etwas an – erst, wenn die Gedanken aus dem Kopf rausspringen, hat es die Polizei zu interessieren. Stimmts, Joe?“

    Bates nickte nur, er war mit Trinken beschäftigt. Mitch schmollte. „Zum Glück geht es mich nichts an, was in deinem Abweichlerkopf passiert, Dvorsky. Kam dein Vater nicht ohnehin aus Sinnoh?“

    So ging das noch eine ganze Weile hin und her.


    Es war halb zwei, als Joseph Bates unsicheren Schrittes den Heimweg in Angriff nahm. Noch leuchteten die Straßenlaternen, sodass er sich wenigstens auf seine Augen verlassen konnte, wenn ihn schon sein Gleichgewichtssinn nicht mehr unterstützte. Im Nachhinein konnte er nicht mehr genau bestimmen, warum er eigentlich am Rande des Dorfes, unter der letzten Laterne, vor den letzten zweihundert Metern zum Hof, zum Handy gegriffen hatte. Persönliche Neugierde, alte Gewohnheit, was weiß ich. Er wählte Sterling Halls Kontakt aus und wartete geduldig, bis sich dieser schließlich meldete.

    „Yes, Herzchen?“

    „Sterling.“

    „Joe, was um alles… Es ist halb zwei in der Nacht.“

    „Zum Glück hat das Kommissariat deine scharfe Auffassungsgabe auf seiner Seite. Grüß dich.“

    „Bist du betrunken? Komm schon, jetzt ist nicht der richtige…“

    „Unwichtig, unwichtig“, lenkte Bates schnell ein, „wichtig ist Melissa Zenk.“

    Sekunden vergingen, bis Hall antwortete. „Du bist unmöglich, weißt du das? Heute Nachmittag kam Moore geladen wie ein Zebritz reingestürmt und wünschte sämtliche Kräfte der Natur in die Zerrwelt – wegen dir. Hast ihm wohl die kalte Schulter gezeigt, das ist er sich nicht mehr gewohnt.“ Er kicherte. „Und jetzt rufst du zu nachtschlafender Stunde an und willst mit mir über Zenk plaudern. Also, was gibt es, das Moore nicht hören darf?“

    „Langsam jetzt. So weit will ich gar nicht gehen. Ich möchte nur…“, er überlegte, „im Bilde sein. Moore kann mich anflehen bis er schwarz wird, aber… Ich will mich nicht einmischen, verstehst du, aber wenn ich eine Tote beim Spazieren finde, kann ich die nicht einfach so vergessen.“

    „Ein Zaungast willst du sein.“

    „Nenn es, wie du willst. Das ist mir egal, aber könntest du mir nicht einen kleinen Gefallen tun-“

    „Und ein wenig Ausplaudern, was wir so nachforschen? Ha!“ Hall hatte offensichtlich Freude an Bates innerem Zwist. „Kriminalkommissar Bates hätte geschäumt, wenn hinter seinem Rücken Informationen geteilt worden wären.“

    „Kriminalkommissar Bates züchtet jetzt Wadribie. Ich bin nur ein alter Mann, der von seiner Blindheit aufgefressen wird.“

    Wieder schwieg das Telefon, dann seufzte Hall. „Komm am Freitag ins Präsidium. Moore hat dann frei, falls es dir darum geht. Vielleicht haben wir bis dahin etwas, denn momentan ist Zenk ein frustrierend unbeschriebenes Blatt. Und sollte der Mord wirklich mit Devon zusammenhängen, wird es noch schwieriger.“

    „Es geht mir nicht um Moore, der kann mir gar nichts. Der freut sich doch auf den gemeinsamen Kirsch demnächst. Ich will nur… mehr wissen. Auf dem Laufenden gehalten werden.“

    „Soso. Wenn ich nicht mit dem engagiertesten Imker der Region sprechen würde, hätte ich gesagt, dass du deine eigenen kleinen Ermittlungen anstellen willst. Aber da ist absurd, nicht wahr? Denn wenn dem so wäre“, Hall kostete den Moment aus, „wäre ich beinahe verleitet, einen gemeinsamen Informationsaustausch vorzuschlagen. So unter ehemaligen Kollegen, weißt du.“

    „Ja, ja, verdammt. Dann eben so. Ich höre mich ein wenig um, ihr lasst eure Spurensicherer und Forensiker Wunder wirken und wir beide bleiben in Kontakt.“

    „Ist schön, dich wieder im Team zu haben, Joe.“

    „Du hast Nerven!“

    Hall lachte. „Keine Angst, ich verliere kein Wort darüber. Nichts läge mir ferner, als deinen Stolz anzukratzen.“

    Bates wusste nicht, was er erwidern sollte. Sein Kopf rauschte. „Danke, Sterling. Du bist ein Schatz.“

    „Immer doch, mein Lieber. Gute Nacht.“

    „Gute Nacht. Und grüß mir dein Herzchen.“




    Hallo,


    von dem Prequel mit Belaine in einer Nebenrolle hast du ja bereits vor einiger Zeit erzählt. Angesichts der Umstände wird auch relativ klar, in welch guten Verhältnissen sie aufgewachsen ist. Gleichzeitig lässt Oscar anfangs seinem Missmut jede erdenkliche Luft, bis er sich mit der nicht abgesprochenen Situation einigermaßen arrangiert hat. Dadurch macht er auf mich einen etwas grummeligen, aber grundsätzlich nahbaren Eindruck als Person. Da gegen Ende des ersten Kapitels eine Leiche auftaucht, bin ich gespannt, in welche Richtung sich die Geschichte entwickelt. Kriminalfälle lese ich doch eher selten, allerdings ist dir der bisherige Aufbau gelungen.

    Ich habe dazu gar nicht mehr zu sagen außer danke 🙏 Noch ist der Aufbau im Gange, Worldbuilding etc. aber es freut mich ungemein, dass ich Lesende habe :D

  • Hallo,


    da ist er ja: Der klassische Aufbau über den Umstand, dass der sich eigentlich in Rente befindliche Kommissar nun doch gebeten wird, bei den Ermittlungen zu helfen, bis er schließlich selbst ausreichend Interesse aufbaut, um außerhalb von Schachtelsätzen seine eigene Neugier zu befriedigen. Letztendlich kam dabei noch nicht so viel heraus. Was ich hervorheben möchte, sind die Dialoge mit anderen Charakteren. Die Unterhaltung mit Hall war sehr natürlich aufgezogen und die Menschen in der Bar machten öfter als einmal davon Gebrauch, gesellschaftskritisch zu reagieren. Hier hast du gut aufgezeigt, dass die Welt lebt und sich dreht.


    Wir lesen uns!

  • Huhu Ulti ^-^


    Ich habe eben die ersten beiden Kapitel deiner Geschichte gelesen und wollte kurz festhalten, dass mir dein bisheriger Aufbau wirklich ausgesprochen gut gefällt. Nachdem Bates bereits im ersten Absatz des ersten Kapitels sehr greifbar eingeführt wird, ist es vor allem der Kontrast zwischen der absolut niedlichen Glut-Szene mit dem Hunduster und dem durchaus überraschenden Ende desselben Kapitels, welcher positiv hervorzustechen weiß. Man wird beim Lesen zunächst in eine angenehm vertraute Stimmung versetzt, wodurch das vorab bereits nachdrücklich angedeutete Genre ein wenig in Vergessenheit gerät. Die genretypische Entdeckung der Leiche wirkt auf diese Weise sodann enorm überraschend, sodass man mit Bates und seiner Enkelin wunderbar mitfühlen kann. Der Cut zum Ende des Kapitels ist gut gesetzt, da zu diesem Zeitpunkt eine enorme Spannung besteht, welche das Interesse am Weiterlesen fördert. Die Gespräche, welche in der Folge im zweiten Kapitel entstehen, zeugen von einer enormen Melancholie, welche nicht bloß durch die allgemeine Situation, sondern vor allem auch durch die steten Verweise auf Alter und Alkohol getragen wird. Insbesondere das Gespräch in der Kneipe wirkt lebendig und abwechslungsreich; dass sich Bates dabei selbst eher bedeckt hält, eröffnet einen interessanten Einblick in die Welt. Auch das Ende des zweiten Kapitels macht durchaus neugierig, da die Ermittlungen für Bates nun wohl allmählich beginnen werden. Sprachlich gefällt mir deine Geschichte bisher ebenfalls sehr gut, sodass ich insgesamt gespannt bin, wie es weitergehen wird – auch wenn der NaNo inzwischen nun schon beendet ist. ^-^

  • Ulti

    Hat den Titel des Themas von „Der Graumaler [NaNoWriMo+]“ zu „Graue Tage [NaNoWriMo+]“ geändert.
  • Strauss


    Noch immer regnete es. Joseph Bates stand in der nasskalten Morgenluft unter seinem Regenschirm und wohnte schweigend Melissa Zenks Begräbnis bei. Um das offene Grab standen Menschen, zwar nicht viele, doch genug, um ihm die Sicht auf den Grund ihres Kommens zu verdecken – doch darum ging es ihm ohnehin nicht. Während ein Priester gegenüber der überschaubaren Versammlung seine Rede hielt, schaute er sich um. Eigentlich schaute er sich schon die ganze Zeit um, seitdem er angekommen war, aber hätte er damit aufgehört, wäre ihm nichts anderes übrig geblieben, als die schlechte Stimmung in ihrer Gänze einzulassen. Denn schlecht war sie. Kein Begräbnis war je ausgelassen und sollte es auch nicht sein, aber Zenks Bestattung übte eine besonders unangenehme Schwere auf den Friedhof aus. Die Bemühungen des Geistlichen, ihren Übertritt ins Jenseits in schöne Worte und Erinnerungen zu packen, zerliefen einfach im Niesel. Bates hörte ihm eine Weile zu und fragte sich schließlich, wie viel Wahrheit in seinen Worten steckte. Er kam zu keinem befriedigenden Schluss.

    Dann ebbte die Rede des Priesters ab und er übergab das Wort erst einer schlichten älteren Dame und anschließend dem Herrn, der sie während ihrer Trauerrede untergehakt hatte. Die schwermütigen Worte flossen einfach dahin, Bates ließ den Blick schweifen. Als der Mann ausgesprochen hatte, legte sich bleiernes Schweigen über die schwarz gekleidete Zusammenkunft. Bates musterte den Mann, der, wie er annahm, Zenks Vater war. Dessen gerötete Augen ruhten auf einer durchnässten jungen Frau in Bates‘ Nähe, in ihnen, unter der Last des Verlustes kaum zu erkennen, eine Aufforderung. Doch die Frau haderte offensichtlich mit sich selbst, mal glaubte man, dass sie sich sogleich in Bewegung setzen und zu Herr und Frau Zenk treten würde, dann war sie aber doch wieder wie erstarrt und begrub letztendlich ihr Gesicht in den schwarz behandschuhten Händen, von Bates Position aus war deutlich zu erkennen, dass sie weinte. Man drängte sie nicht weiter.

    Als die Zeremonie ihr Ende gefunden hatte, schritt Bates dennoch durch die sich auflösende Gesellschaft zum Grab und warf einen Blick hinein. Darin befand sich bloß ein nasser Sarg.

    „Ich kenne Sie nicht“, erklang plötzlich eine zittrige Stimme zu seiner Rechten. Er drehte sich danach um und fand sich der Frau gegenüber, die sich vorhin nicht hatte zu einer Trauerrede durchringen können. Auch sie war, wie alle Anwesenden, in schwarz gekleidet, trug aber über ihrem Kleid einen dunkelgrauen Regenmantel und keinen Schirm, sodass ihr die triefenden, wahrscheinlich hellbraunen Locken traurig im Gesicht klebten. Sie sah aus, als hätte sie keine Tränen mehr zum Vergießen übrig.

    „Und ich kenne Sie nicht. Wenn Sie es wünschen, können wir das ändern.“

    Sie bemühte sich um ein höfliches Lächeln und scheiterte. „Ruby Strauss.“

    „Joseph Bates.“

    Sie nickte emotionslos. „Sie… sind mir aufgefallen.“

    Bates fuhr sich mit der Hand über den Kiefer. „Tut mir leid. Ich wollte eigentlich schon länger einmal auf elektrisch umsteigen.“

    Sie starrte direkt auf den kleinen Schnitt in seinem Gesicht und wandte dann verlegen den Blick ab. „Nein, ich meinte nicht… Tut mir leid, seitdem Melissa…“, sie verzog das Gesicht, nass war es ohnehin schon, „ich bin verloren, ich weiß nicht, was ich...“

    Bates hielt seinen Schirm über sie, sagte nichts und wartete, bis sie sich wieder gefangen hatte.

    „Melissa wurde ermordet. Und Sie…“, ihre Schultern versteiften sich, „sehen aus wie ein Polizist. Also – wie ein guter.“

    Diesmal verspürte Bates keinen Unmut. „Vielleicht sehe ich noch so aus. Aber im Dienst bin ich schon lange nicht mehr.“

    „Was… was tun Sie dann hier? Kannten Sie Melissa auch?“ Nun schaute sie ihn wieder an, aus diesen verheulten braunen Augen.

    Dann war es an Bates, nicht mehr wohl in seiner Haut zu fühlen. „Ich habe sie gefunden. Beim Spazierengehen am Sonntag.“

    „Oh.“

    Der Regen spielte seine eintönige Melodie auf dem Schirm und Bates war sich noch immer nicht ganz sicher, was Ruby Strauss denn eigentlich zu sagen hatte. Also fragte er nach. „Sie waren befreundet?“

    „Ja. Wir hatten unsere Differenzen, aber…“, sie zog wenig damenhaft die Nase hoch und verlor sich in einem Flüstern, „sie war meine beste Freundin. Wir hatten eine Wohnung zusammen, und jetzt… Was soll ich jetzt bloß tun?“

    „Reden Sie“, hörte Bates sich sagen, „die Leute reden heute viel zu wenig miteinander.“ Den Gedankengang zu Oscar unterband er auf halber Strecke.

    „Das wird Melissa auch nicht wieder lebendig machen. Nein, Melissa braucht Gerechtigkeit. Und ich auch“, fügte sie beinahe kleinlaut hinzu.

    „Das wird sich ergeben, da bin ich mir sicher. Heutzutage kommt ein Mörder nicht mehr davon.“ Er hatte versucht überzeugend, aufbauend zu klingen, kaufte sich seine Aussage aber selber kaum ab. Ob Strauss es tat, konnte er in ihrem vergrämten Gesicht nicht erkennen.

    „Sie scheinen ja zu wissen, wovon Sie sprechen. Vielleicht haben Sie recht – mit dem Reden, meine ich. Aber bitte nicht hier, ich ertrage diesen Ort nicht mehr.“

    Bates konnte ihr nur beipflichten und nickte. „Kennen Sie das Nook am Pfefferwuchsplatz? Wenn Sie wollen, nehme ich sie gleich mit.“

    Sie starrte einige Momente lang das nasse Gras an und schien angestrengt nachzudenken. „Ich glaube, ich brauche jetzt erst einmal einen Moment für mich. Danke für das Angebot, aber… lieber morgen – sofern es Ihnen passt.“

    „Gerne. Und…“, Bates schalt sich innerlich, dass er sich bislang nicht um dieses Mindestmaß an Höflichkeit bemüht hatte, „mein Beileid.“

    „Ich danke Ihnen.“ Diesmal gelang ihr das Lächeln, wenngleich es noch immer von Trauer und Hilflosigkeit geprägt war. „Da wäre allerdings noch eine Sache…“

    „Nur zu.“

    „Ich“, sie schien mit sich zu ringen, „habe Angst, Herr Bates. Die Dinge, mit denen sich Melissa bis vor ihrem… bis vor kurzem beschäftigt hatte, waren wichtig. Wichtig genug, um deswegen zu sterben. Wenn ich eine Bitte an Sie richten darf: Bitte erwähnen Sie meinen Namen nicht, niemandem gegenüber. Ich vermisse sie, aber… ein allzu baldiges Wiedersehen würde uns beide unglücklich machen.“

    „Das verstehe ich. Ja, das verstehe ich. Aber…“, er schaute zum Himmel, wo der Regen aufgehört hatte zu fallen, „Sie vermitteln mir den Eindruck, als wären Sie zumindest ansatzweise im Bilde über die Umstände von Melissa Zenks Ableben. Warum wenden Sie sich nicht an die Polizei?“

    „Ich sollte wohl sagen: Ich fühlte mich meines Lebens nicht mehr sicher, sollte der Blick der Feinde, die sich Melissa gemacht hat, auch auf mich fallen. Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, aber ein bloßes Versprechen von Diskretion genügt mir bei der Polizei nicht. Devon ist mächtig, und der Arm des Gesetzes bestechlich. Und wer es nicht ist…“ Sie sprach nicht mehr weiter, sondern drehte sich stattdessen zu Zenks Grab um. Dann gingen sie zurück auf den Kiesweg und steuerten den Ausgang des Friedhofs an, während Bates den Schirm zusammenklappte und sich Strauss‘ Worte durch den Kopf gehen ließ. Sie gefielen ihm nicht.

    „Sie verdächtigen also Devon.“

    „Ich verdächtige nicht.“ Strauss war stehengeblieben und schüttelte sich Tropfen von den Ärmeln. Als sie ihn wieder anschaute, sprühte ihr Blick vor Eifer. „Ich weiß es.“

    „Hm.“ Ein kalter Schauer lief über Bates‘ Rücken. Oh, Oscar, tu mir das nicht an.

    „Morgen werde ich es Ihnen gerne erklären. Halb zehn?“

    Zerstreut nickte Bates. „Halb zehn ist gut.“

    Sie verabschiedeten sich und Bates schloss seinen Wagen auf. Als er sich hineinsetzte, sah er im Rückspiegel, wie Strauss, verlassen von dem plötzlichen Ärger, der sie gerade noch übermannt hatte, geknickt davonging. Instinktiv griff er zum Handy, öffnete die Kontakte und hatte den Daumen bereits über dem H platziert, da legte er es wieder weg und fuhr nach Hause.




    Derzeit findet sich mein strahlender Kadaver andauernd passierenden Geschehnissen ausgesetzt, weshalb ich Schreiben nicht unbedingt priorisiert habe. Um meine Geschichte trotzdem voranzubringen, habe ich mich heute für ein kürzeres Kapitel entschieden bzw. das geplante dritte Kapitel aufgeteilt - und damit niemand mit leereren Händen als sonst gehen muss, habe ich mir noch ein Titelbild zurechtgelegt sowie den Titel geändert - das Motiv der Geschichte bleibt erhalten, ihr Name aber dürfte nun ganzheitlicher sein und, in meinen Augen, schmissiger.
    Bevor ich mein Herz schneller schlagen lasse und auf eure wundervollen Kommentare eingehe, präsentiere ich nicht ohne Freude einige Reaktionen von außerhalb des Forums.


    Zitat von Harry Frankfurt, amerikanischer Philosoph

    Ulti H. stellt sich gegen den wachstumsorientierten Zeitgeist und beweist, dass man auch mit wenig wenig erreichen kann.


    Zitat von Königin Margarethe II von Dänemark

    Ich möchte Ulti H. nicht im Dunkeln begegnen. Eigentlich auch nicht tagsüber. Überhaupt erachte ich eine Begegnung mit Ulti H. als wenig wünschenswert.


    Zitat von prag aktuell

    Ulti H. erregt Aufsehen.


    Und nun zum real deal.

    Hallo,


    da ist er ja: Der klassische Aufbau über den Umstand, dass der sich eigentlich in Rente befindliche Kommissar nun doch gebeten wird, bei den Ermittlungen zu helfen, bis er schließlich selbst ausreichend Interesse aufbaut, um außerhalb von Schachtelsätzen seine eigene Neugier zu befriedigen. Letztendlich kam dabei noch nicht so viel heraus. Was ich hervorheben möchte, sind die Dialoge mit anderen Charakteren. Die Unterhaltung mit Hall war sehr natürlich aufgezogen und die Menschen in der Bar machten öfter als einmal davon Gebrauch, gesellschaftskritisch zu reagieren. Hier hast du gut aufgezeigt, dass die Welt lebt und sich dreht.


    Wir lesen uns!

    Es macht mich so unsinnig happy dass Leute mein Worldbuilding bemerken und mögen sowie den Dialogen etwas abgewinnen können - Dialoge sind für mich immer ein Seiltanz zwischen authentischer Belanglosigkeit und Katalysatoren für den Plot, ich bin froh, dass ich anscheinend zumindest die Authentizität nicht schlecht getroffen habe 🙏
    Aber du hast schon recht; ich erfinde das Rad nicht neu, wollte und will ich für dieses Projekt aber auch nicht. Ich kann dir gerne mal privat meine Inspirationen verraten, damit ich für die Öffentlichkeit nicht zu berechenbar werde :*

    Huhu Ulti ^-^


    Ich habe eben die ersten beiden Kapitel deiner Geschichte gelesen und wollte kurz festhalten, dass mir dein bisheriger Aufbau wirklich ausgesprochen gut gefällt. Nachdem Bates bereits im ersten Absatz des ersten Kapitels sehr greifbar eingeführt wird, ist es vor allem der Kontrast zwischen der absolut niedlichen Glut-Szene mit dem Hunduster und dem durchaus überraschenden Ende desselben Kapitels, welcher positiv hervorzustechen weiß. Man wird beim Lesen zunächst in eine angenehm vertraute Stimmung versetzt, wodurch das vorab bereits nachdrücklich angedeutete Genre ein wenig in Vergessenheit gerät. Die genretypische Entdeckung der Leiche wirkt auf diese Weise sodann enorm überraschend, sodass man mit Bates und seiner Enkelin wunderbar mitfühlen kann. Der Cut zum Ende des Kapitels ist gut gesetzt, da zu diesem Zeitpunkt eine enorme Spannung besteht, welche das Interesse am Weiterlesen fördert. Die Gespräche, welche in der Folge im zweiten Kapitel entstehen, zeugen von einer enormen Melancholie, welche nicht bloß durch die allgemeine Situation, sondern vor allem auch durch die steten Verweise auf Alter und Alkohol getragen wird. Insbesondere das Gespräch in der Kneipe wirkt lebendig und abwechslungsreich; dass sich Bates dabei selbst eher bedeckt hält, eröffnet einen interessanten Einblick in die Welt. Auch das Ende des zweiten Kapitels macht durchaus neugierig, da die Ermittlungen für Bates nun wohl allmählich beginnen werden. Sprachlich gefällt mir deine Geschichte bisher ebenfalls sehr gut, sodass ich insgesamt gespannt bin, wie es weitergehen wird – auch wenn der NaNo inzwischen nun schon beendet ist. ^-^

    Was für ein schöner Kommentar, ich heule nicht :crying: Überwältigt von so viel Bestätigung. Du sprichst da so vieles an, von dem ich gehofft hatte, dass es dem allgemeinen Vibe zuträglich sein wird und offenbar war das das auch. Ich habe ja zum Ende des ersten Kapitels ein wenig mit mir selbst gehadert, fand den Twist erst etwas cheesy gewordet, musste ihn aber unbedingt drin lassen, um nicht ein reines Slice of Life-Kapitel geschrieben zu haben 🥴 Und wenn ich mir deinen Kommentar so durchlese, kam das Zuschnappen der Falle anscheinend gut genug an :'D
    Zum beendeten NaNoWriMo - hinsichtlich meiner Bekanntschaft mit meiner mangelhaften Disziplin oder Motivation für überhaupt irgendwas habe ich deshalb auch das + in den Titel gesetzt, ich hielt es nie für sehr wahrscheinlich, dass ich die geplanten sechs Kapitel in neun Tagen fertigkriege. Ansonsten - tausend Dank fürs Lesen, ich hoffe sehr, dass ich dich auch weiterhin unterhalten kann.

  • Hallo,


    ich kam bisher noch nicht in Verlegenheit, eine Beerdigung zu beschreiben. In meinen Augen ist dir diese Szene aber außerordentlich gut gelungen. Hauptsächlich ist das wegen Bates, der sich zwar eigentlich nach Hinweisen umsieht, aber dennoch nicht die Stimmung drückt. Dieser Spagat zwischen Arbeit und Anteilnahme geht sorgfältig in dem Dialog mit Ruby auf und dadurch wirkt das Gespräch auch nicht aufgesetzt. Ganz im Gegenteil machen die beiden den Eindruck, sich immer auf Augenhöhe zu begegnen. Der Griff zum Smartphone am Schluss zeigt zusätzlich, dass Bates die gesamte Investigation sehr behutsam angeht und keine Grenzen überschreitet.


    Wir lesen uns!

  • Huhu Ulti! ^-^


    Auch das dritte Kapitel weiß mit einer großen Portion Melancholie zu überzeugen, welche insbesondere vom passenden Bild des Regens und damit zusammenhängend von wirklich ausgesprochen schönen Formulierungen getragen wird. Positiv hervorheben möchte ich an dieser Stelle die Bemühungen des Geistlichen, welche im Niesel zerlaufen sowie die eintönige Melodie des Regens, welcher den Regenschirm als sein Instrument verwendet. An beiden Stellen wird das ohnehin schon triste Wetter gekonnt in Szene gesetzt, um die allgemeine Atmosphäre fast ein wenig zerbrechlich zu unterstreichen.

    Auch inhaltlich geht die Geschichte einen ordentlichen Schritt voran; trifft Bates mit Ruby Strauss nun doch auf eine Person, welche ihm einige Informationen zum Fall bieten zu können scheint. Dass die beiden sich noch einmal in einem anderen Kontext treffen und austauschen möchten, macht neugierig und lässt Raum zur Spekulation offen, was Ruby sagen und was sie vielleicht zunächst noch verheimlichen wird. Wenngleich das Gespräch zwischen den beiden insgesamt absolut authentisch wirkt, hat es mich rein logisch aber zumindest etwas irritiert, dass Ruby sich einem völlig fremden Mann öffnen möchte, nur weil er nach einem guten Polizisten aussieht, während ihr ein Versprechen von Diskretion vonseiten der Polizei explizit nicht genügt. Vielleicht klärt sich das im Verlauf der Geschichte aber auch noch, wieso sie sich ausgerechnet Bates anvertraut; schließlich ist sie scheinbar auch sehr bewusst auf ihn zugegangen.


    Sprachlich möchte ich außerdem noch anmerken, dass man vor Auslassungspunkten in der Regel ein Leerzeichen setzt, wenn diese ganze Wörter ersetzen. Im Satz würde es also beispielsweise so … aussehen. Das ist aber wirklich nur eine absolute Kleinigkeit, die mir beim Lesen aufgefallen war. ^^'


    Insgesamt war das Kapitel auf jeden Fall wieder sehr angenehm geschrieben und ich bin total gespannt, wie es weitergehen wird! Falls wir uns hier nicht mehr lesen sollten, wünsche ich dir auch schon einmal, dass du gut in das neue Jahr kommst! ^-^

  • Nachbeben


    Es war ein schöner Morgen. Die vereinzelten Wolken am Himmel vermochten das kalte Strahlen der Sonne nicht zu mindern und auf dem Feldweg, über den Bates mit Belaine und Nott nach Twindrake ging, hatten tiefe Pfützen das Umschlagen des Wetters überdauert. Man hatte die schöne Route in die Stadt genommen, fernab der Hauptstraße, über die Äcker und vorbei an Belaines protzigem Elternhaus. Während diese Nott bei Laune hielt, indem sie die Steine auf dem Weg herumkickte, war Bates so sehr in Gedanken versunken gewesen, dass er Oscar und Evelyns Anwesen erst bemerkt hatte, als sie schon beinahe davorstanden – und sie waren nicht alleine. Ein adretter junger Mann in ebenso adrettem schwarzen Mantel war gerade dabei, das Tor zum Anwesen zu verschließen und wirkte anständig überrascht, als er seine Gesellschaft bemerkte. Bates gab sich keine Mühe, seine Skepsis zu verbergen. Denn skeptisch war er.

    „Niemand zu Hause, was. Hat die Familie Bates vergessen, den Herd auszumachen?“

    Der Mann schien weder ihn noch Belaine einordnen zu können. Steif vergrub er seine Hände in den Taschen und lehnte sich verunsichert zurück. „Ach… Mitnichten, nein, ich war im Garten. Ist mein Beruf, wissen Sie, das Gärtnern.“ Sein Blick sprang zwischen ihnen herum und blieb schließlich auf Bates hängen, Belaines Starren schien ihm nicht zu behagen. „Ist ruhiger diese Woche, aber wenn die Blätter zu lange auf dem Rasen liegenbleiben, ist das auch nicht gesund.“

    „Hm.“ Bates bemerkte, wie Belaine nach seiner Hand griff. Wie beiläufig schaute er am Gärtner vorbei auf den besagten Rasen. Durch das Tor konnte man längstens nicht die gesamte Grünanlage erkennen, und die Bäume, von denen die Blätter fallen konnten, befanden sich nicht in Sichtweite. „Dann müssen sie früh aufgestanden sein, wenn sie jetzt schon fertig sind. Ist ein großer Garten.“

    „Oh, wie recht Sie damit haben. Mit der Stirnlampe musste ich sie zusammenkehren, eine wirklich unrühmliche Zeit für derartige Arbeiten.“ Er gähnte genüsslich, eine, verglichen mit seiner gewählten Ausdrucksweise, flegelhafte Geste. „Ich möchte wirklich nicht unhöflich sein, aber ich denke, nun sollte ich ein paar Stunden Schlaf nachholen. Feierabend um diese Zeit hat auch etwas, finden Sie nicht?“

    Nicht überzeugt wünschte Bates ihm einen guten Tag und sah zu, wie er sich auf das an der Hecke angelehnte Fahrrad schwang und davonradelte. Auch Belaine, die während der ganzen Begegnung nichts gesagt hatte, verfolgte seinen Abgang und meldete sich dann überraschend abgeklärt zu Wort.

    „Er hat gelogen. Moody ist der Gärtner, und der ist alt.“

    Bates seufzte ausgiebig. „Dann sollten wir wohl nach dem Rechten schauen gehen.“ Behäbig musterte er das verschlossene Tor. „Hast du einen Schlüssel?“

    Aber Belaine brauchte keinen Schlüssel. Triumphierend wischte sie sich eine schwarze Strähne aus dem Gesicht und steuerte zielstrebig ein unscheinbares Kästchen in der Mauer an, reckte sich hoch und tippte auf der Tastatur darin herum. „Zwei-Sieben-Acht-Sechs-Neun-Fünf!“

    Ein aufdringliches Surren ertönte, das Tor war offen und Belaine grinste stolz. Bates lächelte ebenfalls. „Gut gemacht. Dann wollen wir doch gleich einmal nachforschen gehen.“


    Nicht nur war der feuchte Rasen mit bunten Blättern übersät gewesen, es hatten sich auch keinerlei Anzeichen darauf gefunden, dass ihn jemand in letzter Zeit betreten hatte – der Mann musste aus der Villa gekommen sein. Auch die eigene Haustür war kein Hindernis für Belaine gewesen und so standen sie kurz darauf in der Eingangshalle von Bates Manor. Dort fanden sich nasse Abdrücke auf dem Marmorboden und Belaine schien erst jetzt, als sie in den eigenen vier Wänden stand, zu realisieren, dass der Fremde ein Einbrecher gewesen sein könnte.

    „O-Opa, was ist, wenn das ein Räuber war?!“

    „Dann sollten wir nachsehen, ob er etwas gestohlen hat.“

    „Wir müssen die Polizei anrufen!“

    Aber dafür fehlte Bates momentan die Geduld. Wenn sich der Kerl artig Zugang durch das Tor verschafft hatte, war es ohnehin unwahrscheinlich, dass er nur des Raubens wegen hierhergekommen war – zumindest wollte er das glauben, und er wollte, dass Belaine es auch glaubte. „Die Polizei können wir anrufen, sobald wir wissen, warum er hier gewesen ist. Hast du gesehen, wie er das Tor abgeschlossen hat? Vielleicht war es auch einfach ein Mitarbeiter von deinem Vater…“, sein Puls beschleunigte sich, denn so aufgescheucht, wie Belaine in der Halle umherirrte, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie die Fußspuren verschmiert haben würde. Glücklicherweise schien ihr in diesem Moment ein gar bedeutsames Detail eingefallen zu sein. „Ohje, ich muss in mein Zimmer! Und nachschauen, ob noch alles da ist!“

    „Tu da-“, fing Bates an, aber sie war bereits den opulenten Treppenaufgang hochgeeilt, Nott hinter sich herziehend. Deutlich gefasster folgte er dann den Spuren und damit auch seiner Enkelin, denn der angebliche Gärtner hatte sich ebenfalls in das Obergeschoss begeben. Der Streifzug durch das Anwesen hatte etwas Surreales an sich, die schiere Größe, der absurde Prunk und Notts gelegentliches Kläffen, das von weit her durch die Gänge hallte, verursachten in Bates ein tiefes Gefühl der Deplatziertheit, kannte er von dem Gebäude doch kaum mehr als den Speisesaal. Dazu kam er sich gehörig lächerlich vor, wie ein Detektiv aus einem Kinderbuch ausgerechnet Fußspuren zu verfolgen, doch dem geschenkten Pampross wollte er nicht ins Maul schauen. Einer Sache war er sich jedoch schon jetzt todsicher: Dieser Gärtner hatte exakt gewusst, was er wo zu suchen hatte – seine Spur zeugte von Zielstrebigkeit und einer genauen Vorstellung des Aufbaus von Bates Manor… Und schlussendlich endete sie vor einer verschlossenen Tür. Bates rief Belaines Namen in die Eingeweide des Herrenhauses.


    Sie hatte den anfänglichen Schock darüber, dass jemand Oscars Arbeitszimmer betreten hatte, verdaut und es danach mit demselben schwungvollen Ausdruck, mit dem sie schon das Gartentor aufgesperrt hatte, aufgeschlossen. Sie traten ein und fanden rein gar nichts Außergewöhnliches vor, alles befand sich in bester Ordnung. Ihre eigenen dunklen Abdrücke auf dem Teppich gesellten sich zu den bereits vorhandenen, die sich vor dem Schreibtisch gesammelt hatten und nicht mehr weiterführten. Auf der Tischplatte befand sich eine grüne Lederunterlage und darauf nichts, einzig ein Laptopstecker lag wie hingeworfen daneben.

    „Der Laptop“, merkte Bates an und Belaine machte große Augen.

    „Hat er ihn gestohlen?!“

    „Kaum. Mitgenommen hat er ihn vielleicht, aber ein Einbrecher hätte bestimmt noch viel mehr entwendet.“ Eine gute Gelegenheit, weitere Sorgen zu zerstreuen – denn Bates war inzwischen tatsächlich davon überzeugt, dass der Mann auf Oscars Geheiß hierhergekommen war. „In deinem Zimmer fehlt auch nichts?“

    Sie dachte scharf nach. „Ich weiß nicht … ich war noch nicht im oberen Stock.“

    Die luxuriöse Absurdität hinter dieser Aussage bestärkte Bates‘ Verdacht, dass er hier Gespenstern nachjagte. Er würde Oscar noch einmal anrufen und nach dem Mann fragen, doch eigentlich ging es ihn nichts an, wer alles die Schlüssel zu seinem Heim besaß. Nachdem er geduldig vor Belaines Zimmer gewartet hatte, schlug ihnen kurz darauf wieder eine frische Brise entgegen.


    Das Nook war ein gemütliches Etablissement, das so tageslichtverwöhnt war, dass um diese Zeit keine Lampen zu brennen brauchten. Ruby Strauss wollte nichts davon – sie hatte sich in der hinterletzten Ecke des Cafés verkrochen, sich regelrecht in das bisschen Schatten, das hier um seine Existenz kämpfe, gehüllt und drehte bei jedem Klingeln der Türglocke den Kopf. Bates setzte sich zu ihr und zog einen Stuhl für Belaine heran. Strauss musterte sie skeptisch und leistete sich keine Umwege um den heißen Brei.

    „Ich hatte eigentlich gehofft, dass wir hier unter uns wären.“

    „Sind wir doch“, entgegnete Bates und rührte Zucker in seinen Kaffee. „Belaine wird sich schon nicht langweilen.“

    „Genau das ist meine Sorge. Sie weiß etwas – sie ist in Gefahr. Ich bitte Sie, Kommissar, seien Sie nicht fahrlässig.“

    „Sie ist ein Kind, Strauss“, gab Bates angespannt zurück und fügte in Gedanken und ein verdammt teures dazu an, „Sie können sie nicht einfach auf die Straße setzen!“

    „Man kann auch nicht einfach Buchhalterinnen ermorden und in Teiche werfen – trotzdem passiert es.“

    Es war ein elendiger Seiltanz. Strauss hatte Informationen, aber auch Angst, von der Bates noch nicht einmal wusste, ob sie denn berechtigt war. Trotzdem beschloss er widerwillig, die Frage nach der Validität dieser Angst seinem Gewissen vorzuziehen – auch wenn es ihm gar nicht behagte, die Alleinerbin eines Devon-Verwaltungsrates unbeaufsichtigt auf einem offenen Platz herumstehen zu lassen. Es war seltsam; bislang hatte er Belaine überhaupt nicht von dieser Seite wahrgenommen, der Abstecher in das Anwesen jedoch hatte ihm wieder verdeutlicht, aus welchen Sphären sie eigentlich kam und welche Gefahren diese Herkunft mit sich brachte. Wenigstens, so redete er sich ein, konnte er so versuchen, sie so gut wie möglich aus dieser unschönen Angelegenheit um Zenk herauszuhalten. Er seufzte.

    „Nun denn. Belaine“, begann er, sie schaute zerstreut von ihrem Handy auf, „magst du kurz mit Nott vor die Tür? Frau Strauss hier wünscht ein Gespräch unter vier Augen. Ich bin sicher, es dauert nicht lange.“

    Die Antwort war ein gleichgültiges Geräusch und ein Ziehen an Notts Leine. Beim Weggehen drehte sie sich noch einmal um, ein schelmisches Grinsen auf den Lippen. „Bestellst du mir dafür eine Schwedentorte? Sonst könnte Oma davon erfahren…“

    Bates stand erst der Mund offen, lachte dann aber herzlich. Nach dem holprigen Start mit Strauss tat es gut. „Sollst du haben. Und bleib in der Nähe, ja?“

    Strauss beobachtete, wie sie das Cafè verließ und sich auf eine Bank vor dem Fenster setzte. „Genau so hatte ich mir Belaine Bates vorgestellt. Vielleicht etwas weniger folgsam. Verzogene Göre.“

    Bates hob eine Augenbraue und pustete auf seinen Kaffee. „Sie sind ja gut informiert. Kennen Sie auch ihre Schuhgröße?“

    „Lassen Sie das meine Sache sein, Herr Kommissar. Sie und ich sind hier wegen Melissa Zenk.“

    „Ex-Kommissar. Aber bitte, berichten Sie.“

    Sie umfasste ihre eigene Tasse mit beiden Händen und starrte auf das Herzchen aus Kaffeeschaum. Die angespannte Atmosphäre lockerte sich und schuf Raum für eine nicht minder bedrückende Schwermütigkeit. Bates wollte schon nachfragen, doch sie gab sich einen Ruck. „Team Plasma.“

    Er hatte mit vielem gerechnet, aber bestimmt nicht mit Team Plasma. Gespannt wartete er ab, was folgen würde. Strauss flüsterte regelrecht.

    „Melissa hatte mir davon erzählt. Bei Devon … sie hatte archiviert, Transaktionen, viele davon. Die langweiligste Arbeit, die ich mir vorstellen kann, aber … sie war neugierig. So war sie schon immer. Zu…“, sie schluckte, „neugierig. Hat uralte Überweisungen gefunden, ohne Betreff, von Firmen, die es heute nicht mehr gibt. Sie hat gegraben und gegraben, fand Namen dazu, fand die Personen hinter den Namen. Team Plasma. Devon steckte damals bis zum Hals in Geschäften mit ihnen – was für welche, war jedoch nie angegeben gewesen. Sie wollte damit vor Gericht.“

    Sie zog die Nase hoch und wischte sich über die Augen.

    „Sie hatte einen starken Sinn für Gerechtigkeit, glaubte an das Gute in der Welt. Sie war gewissermaßen eine … sagen wir, eine Idealistin. Unbestechlich. Deshalb musste sie…“

    Anstatt den Satz zu Ende zu führen, holte sie tief Luft und trank ihre Tasse in einem Zug aus. Dann sah sie Bates mit einem seltsamen Blick an, als wäre es ihr überaus wichtig einzuschätzen, wie er diese Neuigkeiten aufnehmen würde.

    Hinter dessen bemüht stoischer Fassade tobte indessen ein formidabler Sturm aus unangenehmen Emotionen. Auf einmal fürchtete er sich vor dem beabsichtigten Telefonat mit seinem Sohn, fragte sich, ob er es nicht einfach umgehen könnte, wenn er daran festhielt, dass auf dem Laptop jene belastenden Transaktionen festgehalten gewesen waren. Doch er wusste, dass ihn bloße Vermutungen auf lange Zeit nicht glücklich machen würden, hatten sie noch nie, wenn sie es täten, wäre er Sportreporter oder dergleichen geworden. Mit dem Schaffen von Klarheit konnte er gleich jetzt anfangen, und fürs Erste würde es auch gar nicht schmerzhaft sein.

    „Wenn Sie sich dessen so sicher sind – Sie sagten, Sie hätten Gewissheit, ich erinnere mich – muss ich Sie aber erneut fragen: Warum gehen Sie nicht zur Polizei damit? Ich kann Ihnen versichern, dass Ihre Theorie auch dort auf offene Ohren stoßen wird. Was Sie mir geschildert haben, ist keine nie dagewesene Übersteigerung der Verkommenheit – es ist, leider, längstens nicht so absurd, dass die Welt deswegen aus ihren Fugen gerät. Ich verstehe Ihre Angst, aber Sie könnten eine Schlüsselrolle in diesem Fall spielen.“

    Seine abgeklärte Antwort hatte sie schwer enttäuscht, er sah es ganz genau. Mit dem Kaffeelöffelchen spielend sammelte sie ihre Gedanken.

    „Sie … sind mir ja abgebrüht. Ich hatte gehofft, dass dem nicht so wäre; sehen Sie, genau deshalb – zumindest zu einem Teil davon – hatte ich bisher eine Aussage vermieden. Für Sie ist diese ganze beschissene Affäre bloß ein weiterer Skandal, Sie haben sich so oft mit den Abgründen der menschlichen Natur auseinandergesetzt, dass Sie vergessen haben, wie schauerlich ein solcher Abgrund sein kann. Herr Kommissar.“ Sein abgelegter Titel hätte wohl vor Gift triefen sollen, doch die Niedergeschlagenheit in Strauss‘ Stimme ließ ihre Absicht nur erahnen. Sie lehnte sich zurück und fixierte ihre Knie. „Es war nicht Ihre beste Freundin, die sterben musste.“

    Schweigen legte sich über sie, sodass Bates ganz alleine mit seinen Vorwürfen an sich selbst war. Ein verdammter Trampel war er. Der einzigen Informantin in dieser Angelegenheit hatte er weit ausholend vor den Kopf gestoßen, weil … ja, warum überhaupt? Weil er ihr nicht glaubte, weil er ihre Furcht nicht ernst nahm? Weil er an ihr zweifelte, an diesem einen Fetzen eines Geheimnisses, das sie ihm bisher vorenthalten hatte? Sie hatte ihre Hoffnung in sein offenes Ohr gesetzt und er war gründlich darauf herumgetreten. Das verfluchte ewige Misstrauen, das er eigentlich bereits überwunden geglaubt hatte, hatte ihn im ungünstigsten Moment wieder eingeholt und ein höchst brisantes Gespräch sinnlos zerschossen.

    Während er so vor sich hin grübelte, ergriff Strauss wieder zögerlich das Wort. „Was den anderen Teil angeht … den habe ich Ihnen bereits erklärt. Gestern. Solange nur Sie von mir wissen, schlafe ich bedeutend ruhiger, als wenn ich weiß, dass mein Name in Druckbuchstaben unter meiner Aussage steht und jedem dahergelaufenen Hilfspolizisten ein Begriff ist. Ich möchte in einem Bett sterben, nicht in einem Teich… Nicht, dass ich überhaupt noch ruhig schlafe.“

    Die Ladenglocke klingelte und Stimmen waren zu vernehmen. Keine davon gehörte Belaine, also beachtete Bates sie auch nicht weiter. Strauss hingegen versuchte einen Blick auf die neue Kundschaft zu erhaschen, doch die Nische, die sie vom Rest der Welt abschirmte, schirmte den Rest der Welt auch von ihr ab. Dann sank sie wieder auf ihrem Stuhl zusammen.

    „Sie haben mir Ihre Beziehung zu Melissas Tod klar gemacht, und … vielleicht ist das auch gut so. Wenn ich Sie um einen – hoffentlich – letzten Gefallen bitten darf: Können Sie diese“, sie suchte nach Worten und fand schließlich das naheliegendste, „Aussage zu Ihren Leuten tragen? Ohne mich namentlich zu erwähnen, versteht sich. Vielleicht hat man bei der Polizei bereits dieselben Schlüsse gezogen, doch der Gedanke, dass dem nicht so sein könnte, lässt mir keine Ruhe. Devon muss geradestehen. Für Melissa … und Team Plasma. Ich wünschte, ich könnte Ihnen mehr dazu bieten, etwas Handfestes – ich weiß, dass Melissa einen privaten Laptop hatte, auf dem sie vermutlich ihre Recherchen gespeichert hatte, zumindest hoffe ich, dass sie sie dort festgehalten hatte. Doch ich konnte ihn nicht finden. Zuhause hatte sie ihn nicht.“

    Bates hoffte, dass dies der letzte unauffindbare Laptop des Tages sein würde und nickte bedächtig. „Meine Leute sind sie nicht mehr, aber ich werde zusehen, dass sie erfahren, was sie erfahren müssen.“

    „Danke. Das würde mir viel bed-“, einmal mehr fuhr ihr Kopf herum, ein Kunde, der sich mit einer Zeitung und einer Tasse Kaffee in ihre Nähe begeben hatte, hatte ihre rastlose Aufmerksamkeit erregt. Und ihren Ärger. Es war der alte Dvorsky, der um diese Zeit seine gelegentliche Beschäftigung der Postzustellung abgeschlossen hatte und sich gerade hinsetzen wollte, als er Bates und Strauss erblickte und fröhlich lächelnd auf sie zuging. Das eben noch verlorene Elend, das Bates gegenübersaß, war auf einmal wie ausgewechselt, unter dem fragilen Gerüst aus Ohnmacht und Trauer brach bei Dvorskys Anblick furienhafter Zorn hervor, sie sprang auf, schnappte sich ihren Mantel und ihre Tasche und fauchte ihm alles Unheil der Welt entgegen.

    „Auf keinen Fall! Teile ich auch nur einen Bezirk mit diesem, diesem … Heuchler! Opportunisten! Trittbrettfahrer! Mir schäumt die Galle, wenn ich ihn nur ansehe!“

    Sie stürmte von dannen, drehte sich dann aber doch noch um und starrte Bates an, den Blick voller Wut, die zwar nicht ihm galt, aber dennoch ganz und gar Besitz von ihr ergriffen hatte. „Kommissar, ich bedaure Sie um die Gesellschaft, die Sie verloren haben, und neide Ihnen bestimmt nicht jene, die Sie im Begriff sind zu gewinnen.“

    Und damit rauschte sie davon. Bates und Dvorsky wechselten bloß fassungslose Blicke, bis sich letzterer zu ihm an den Tisch setzte und die Zeitung neben sich legte. „Eigenartige Gesellschaft leistest du dir, Joe.“

    „Glaub mir, ich bin mindestens so überrascht wie du.“

    Dann stand er auf, stieß im Gang auf Belaine, die den geladenen Abgang von Strauss sogar draußen mitbekommen hatte, und bestellte eine Schwedentorte.


    „Sag mal“, Bates holte sein Zigarrenetui aus der Tasche, erinnerte sich an Belaine auf dem Rücksitz und steckte es wieder weg, „musstest du eigentlich jemals geradestehen? Für das, was … aus deinem Kopf rausgesprungen ist, damals.“

    Er hatte bewusst die Formulierung gewählt, die schon Dvorsky benutzt hatte bei ihrem letzten Gespräch in der Waage. Dieser hatte nach der Torte angeboten, sie in seinem Wagen nach Tessera zu bringen und man hatte dankend angenommen, nun sah Bates auf dem Beifahrersitz die Bäume vorbeiziehen und grub in der Vergangenheit anderer Leute.

    „War nichtmal mein Kopf, aus dem gesprungen wurde. Ein schönes Team wäre das gewesen, wenn alle ihren eigenen Ideen nachgehangen wären. Nein, nein, N war derjenige mit den Ideen gewesen. Wir anderen fanden die Ideen einfach so gut, dass wir sie übernommen hatten.“

    Bates spürte, wie von hinten sein Sitz getreten wurde. Er ging nicht darauf ein und bohrte stattdessen nach.

    „Ärger hattest du deswegen nie?“

    Dvorsky winkte ab. „Da du niemals an meine Haustüre klopfen musstest, denke ich nicht. Schlimmstenfalls werde ich angegiftet, welche Ausmaße das annehmen kann, hast du ja eben gesehen. Aber es gibt nicht viele Leute, die gerne grollen. Und überhaupt, sag mal“, er verlangsamte das Tempo, als sie die Dorfbrücke passierten, „wer war das überhaupt? Kam mir irgendwie bekannt vor.“

    „Eine Hinterbliebene der Toten aus dem Teich“, gab Bates unverblümt zu, „wohnt ebenfalls in Twindrake. Sie war ziemlich am Boden, als wir uns trafen … ich versuchte, ihre Laune zu heben, aber du warst wohl nicht eingeweiht in den Plan.“

    „Na sowas. Das tut mir leid.“

    „Viele Leute sind eben nicht alle. Leidtun kann sie einem aber allemal, auch wenn ich froh bin, dass sie einen anderen Beruf als ich ergriffen hat – sie scheint der gesellschaftlichen Reintegration nicht zu viel Bedeutung beizumessen.“

    „Ach, hör auf. Reintegration. Ein kleines Bußgeld hatte ich gezahlt, mit der Post kam das damals, ganz unpersönlich. Du redest ja, als hätte ich die Liga mit eigenen Händen eingerissen.“

    Bates lachte. „Es ist ein verfluchtes Stigma, auch jetzt noch.“ Dann wurde er wieder ernst. „Und ein verfluchter Rattenschwanz an Nachbeben.“

    „Klingt fast so, als wüsstest du mehr als ich.“

    Tessera war nun in Sichtweite und Belaine meldete sich lautstark. „Opa! Können wir aussteigen? Jetzt?“

    „Muss Nott raus?“

    „Nein, ich. Ich will nicht mit dem da fahren.“

    Also hielten sie an und stiegen aus. Bevor Dvorsky aber weitergefahren war, hatte Bates eine letzte Frage an ihn gerichtet. „Nur aus Interesse… Glaubst du, dass noch Plasmazellen existieren?“

    Den Arm aus dem Fenster baumeln lassend überlegte dieser. „Um ehrlich zu sein? Nein. Keine Zellen, keine Treffen und dergleichen. Vielleicht noch einige verbissene Extremisten, aber … die Leute von Einall haben entschieden, dass sie keinen Bedarf mehr für Team Plasma haben. Habe ich auch nicht mehr. Ich bin zu alt, um die Welt umstürzen zu wollen, so, wie sie jetzt ist, ist sie gut genug zu mir.“

    Und damit gingen sie ihrer Wege.




    Merkwürdig, wie ausgerechnet das Kapitel, in dem Laptops einen Hauch von Relevanz besitzen, verfasst wird, während der meine in der Totenstarre verharrt. Ich musste wirklich alles am Desktop schreiben, von allen Luxusproblemen, mit denen ich mich so herumschlage, ist dies definitiv eines davon. Aber nun ist es da, Opium für den FF-Bereich und vielleicht sogar ein Grund, „hm“ zu sagen. Es war schon richtig, diesen Abschnitt aufzuteilen – sogar ohne den Part mit dem Friedhof ist Nachbeben das bisher längste Kapitel, vielleicht merkt man auch, dass es in Etappen geschrieben wurde. Wie dem auch sei, es folgen die fachkundigen Meinungen aus aller Welt.


    Zitat von Breel Embolo, Schweizer Nationalfußballspieler

    Ich denke jeden Tag an Ulti H. Derlei Gedanken lassen jedoch keinen kausalen Zusammenhang mit meinem restlichen Alltag erkennen und ich könnte wohl auch ohne sie leben.


    Zitat von Mama H.

    Darf ich auch mal lesen?


    Zitat von Uriella, Sprachrohr Jesu

    Es bleibt offen, ob Ulti H. die Schwelle zur Schundliteratur als Ober- oder Untergrenze versteht.


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    Hallo,


    ich kam bisher noch nicht in Verlegenheit, eine Beerdigung zu beschreiben. In meinen Augen ist dir diese Szene aber außerordentlich gut gelungen. Hauptsächlich ist das wegen Bates, der sich zwar eigentlich nach Hinweisen umsieht, aber dennoch nicht die Stimmung drückt. Dieser Spagat zwischen Arbeit und Anteilnahme geht sorgfältig in dem Dialog mit Ruby auf und dadurch wirkt das Gespräch auch nicht aufgesetzt. Ganz im Gegenteil machen die beiden den Eindruck, sich immer auf Augenhöhe zu begegnen. Der Griff zum Smartphone am Schluss zeigt zusätzlich, dass Bates die gesamte Investigation sehr behutsam angeht und keine Grenzen überschreitet.


    Wir lesen uns!

    Wie erkläre ich das jetzt am besten - ich habe mich wirklich nicht einmal gefragt, ob ich der Szene einer Beerdigung "gerecht werde" oder dergleichen, ich dachte mir einfach okay, das macht sich gut im Plot 😭 Freut mich aber umso mehr dass du sie als angemessen empfunden hast, was mich gleich zum nächsten Kommentar bringt, dem ich leider nicht mit derselben gedankenlos gerechtfertigten Fassung begegnen kann.

    Huhu Ulti! ^-^


    Auch das dritte Kapitel weiß mit einer großen Portion Melancholie zu überzeugen, welche insbesondere vom passenden Bild des Regens und damit zusammenhängend von wirklich ausgesprochen schönen Formulierungen getragen wird. Positiv hervorheben möchte ich an dieser Stelle die Bemühungen des Geistlichen, welche im Niesel zerlaufen sowie die eintönige Melodie des Regens, welcher den Regenschirm als sein Instrument verwendet. An beiden Stellen wird das ohnehin schon triste Wetter gekonnt in Szene gesetzt, um die allgemeine Atmosphäre fast ein wenig zerbrechlich zu unterstreichen.

    Auch inhaltlich geht die Geschichte einen ordentlichen Schritt voran; trifft Bates mit Ruby Strauss nun doch auf eine Person, welche ihm einige Informationen zum Fall bieten zu können scheint. Dass die beiden sich noch einmal in einem anderen Kontext treffen und austauschen möchten, macht neugierig und lässt Raum zur Spekulation offen, was Ruby sagen und was sie vielleicht zunächst noch verheimlichen wird. Wenngleich das Gespräch zwischen den beiden insgesamt absolut authentisch wirkt, hat es mich rein logisch aber zumindest etwas irritiert, dass Ruby sich einem völlig fremden Mann öffnen möchte, nur weil er nach einem guten Polizisten aussieht, während ihr ein Versprechen von Diskretion vonseiten der Polizei explizit nicht genügt. Vielleicht klärt sich das im Verlauf der Geschichte aber auch noch, wieso sie sich ausgerechnet Bates anvertraut; schließlich ist sie scheinbar auch sehr bewusst auf ihn zugegangen.


    Sprachlich möchte ich außerdem noch anmerken, dass man vor Auslassungspunkten in der Regel ein Leerzeichen setzt, wenn diese ganze Wörter ersetzen. Im Satz würde es also beispielsweise so … aussehen. Das ist aber wirklich nur eine absolute Kleinigkeit, die mir beim Lesen aufgefallen war. ^^'


    Insgesamt war das Kapitel auf jeden Fall wieder sehr angenehm geschrieben und ich bin total gespannt, wie es weitergehen wird! Falls wir uns hier nicht mehr lesen sollten, wünsche ich dir auch schon einmal, dass du gut in das neue Jahr kommst! ^-^

    Keine Lüge, die Erkenntnis, dass ich gefühlt mein Leben lang Auslassungspunkte falsch gesetzt habe, hat mich eiskalt erwischt und mich bis in meinen morschen Kern erschüttert. Ich hatte vor ca. einem Jahr eine Phase, in der ich mich am Leerzeichen davor versucht hatte, mein hallender Dickschädel empfand das dann aber nicht als hübsch genug und so ließ ich es sein, bloody hell. Genug davon, danke für den Hinweis 🥴
    Ich merke auch gerade, dass ich mich hier eigentlich nicht zu zukünftigen Kapiteln äußern sollte, bitte verzeih mir also, wenn ich nicht auf das angesprochene Logikloch eingehe. Doch wie immer gibts du mir das Gefühl, dass das, was ich hier mache, einen Wert hat, unendliche Dankbarkeit für dich und deine lieben Worte.

    Und scheinbar hat es ja im alten Jahr doch nicht gereicht, um sich nochmals zu lesen, daher wünsche ich dir jetzt einfach nachträglich ein frohes Neues :D

  • Hallo,


    das Kapitel aufzuteilen war sinnvoll, um die thematischen Szenenwechsel nach der Beerdigung besser darzustellen. Wenn man von der unbekannten Person absieht, mochte ich hier Belaine besonders gerne. Einerseits wirkt sie sehr aufgeschlossen und andererseits zeigt sie sich von ihrer schelmischen Seite, wenn es um Desserts geht. Überraschend fand ich nur Josephs Reaktion, der darüber gelacht hat. Die beiden scheinen doch ein gutes Gespann zu sein. Team Plasmas Beteiligung ist aber ein interessanter Plotpunkt, wobei Dvorsky besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Seine Darstellung als ehemaliges Mitglied war mit der Ablehnung seitens Strauss und seiner eigenen gleichgültigen Haltung gelungen.


    Wir lesen uns!

  • Die Akte Zenk


    „Ein Einbrecher? Nicht du auch noch!“

    Joseph Bates saß alleine im Wohnzimmer und hatte die Füße hoch- und das Telefon ans Ohr gelegt. Während Anne mit Belaine und dem Kläffer eine Runde drehten, hatte er Oscar angerufen.
    „Belaine hat mir bereits alles erzählt, sehr … bunt. Die wildesten Theorien… Sie scheint sich zumindest nicht zu langweilen auf dem Land, hah! Jedenfalls – ihr braucht euch nicht zu sorgen, er war auf meinen Wunsch gekommen. In Stratos hatten sie Feuer im Dach, eine Exportlizenz wurde wohl früher als erwartet gefordert, und da ich sie nur in Papierform bei mir im Schreibtisch herumliegen hatte, durfte der arme Kerl dafür durch die halbe Region reisen.“

    „Eine Exportlizenz, hm. Auf deinem … Computer hattest du die nicht? Heutzutage ist doch alles digital, was digital sein kann.“

    „Leider nicht das vollständige Dokument – es ist nicht unterschrieben. Nein, die einzige rechtwirksame Version davon hatte noch in meinem Arbeitszimmer gelegen.“

    „Apropos … du kennst dich da wahrscheinlich besser aus als ich – die Steckeranschlüsse in Hoenn, sind die genormt?“

    „Hm? Wie kommst du denn darauf?“

    „Du hast dein Ladekabel vergessen, es lag noch auf dem Schreibtisch, als ich heute Morgen da war. Ich gehe davon aus, dass du ein neues kaufen musstest.“

    Am anderen Ende der Leitung vergingen einige nachdenkliche Momente, dann mischte sich ein Unterton der Verunsicherung in Oscars Stimme. „Dann musst du dich getäuscht haben, ich habe es hier bei mir.“ Ein Geräusch, das exakt so klang, als schüttle jemand an einem Kabel, unterstrich seine Aussage.

    „Dann scheint ja alles in bester Ordnung zu sein. War wohl ein anderes Kabel … oder für einen anderen Laptop. Vielleicht für jemand anderen Laptops.“

    Wieder Schweigen, diesmal aber wirkte es nicht bloß nach einer Zeitspanne des Sammelns von Worten, sondern wie die Ruhe vor dem Sturm. „Mir gefällt das nicht. Du treibst doch irgendein Spielchen mit mir – redest dir irgendeinen … Spuk ein.“

    „Weil ich nicht von gestern bin, Oscar.“ Wäre ihr Gespräch ein Spiel gewesen, so hatte Bates den metaphorischen Griff zur Trumpfkarte bereits angedeutet, der Point of no Return, ab dem er das Pokerface hatte fallen lassen, ab dem er zum Agieren übergegangen war und das Reagieren der Vergangenheit anheimfallen lassen musste. „Hat dein sauberer Angestellter heute Morgen den Laptop von Melissa Zenk in Sicherheit gebracht, ja oder nein? Und wie bist ausgerechnet du an ihn gekommen?“

    „So ist das also. Ich weiß, was du denkst. Ich weiß nicht, wie viel du zu wissen glaubst, aber ich sage dir, ich schwöre dir eines: Weder ich noch sonst irgendjemand von Devon hat Zenk auf dem Gewissen, dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“

    „Ja oder nein!“

    Ein scharfes Hochziehen der Luft war zu vernehmen, dann ein langes Ausatmen. „Ja. Ja, hat er – Zenk plante einen juristischen Krieg, der uns alle zerrieben hätte. Niemand hätte gewonnen, am allerwenigsten sie. Wir hatten unsere Ahnungen, versuchten sie zu überzeugen, milde zu stimmen, sie zur Vernunft zu bringen, nichts wirkte. Was für eine enorme Sammlung an Informationen sie angehäuft hatte, wussten wir auch erst seit Ende letzter Woche, als dieser Laptop konfisziert wurde – man wollte ihr diesen Montag kündigen.“

    „Und am Sonntag war sie tot. Das dürfte nicht ungelegen gekommen sein.“

    Er hatte es ausgesprochen, bevor er sich die Implikationen vollständig ausgemalt hatte. Oscar benannte, merklich erschüttert, was ihm eiskalt den Rücken hochgekrochen kam. „Ich … ich weiß nicht, was für ein Teufel dich gerate reitet, aber … bitte lass nicht zu, dass er aus mir einen Mörder macht. Ich habe das Gefühl, dass du auf dem besten Weg bist, sehr unglücklich zu werden.“

    Bates schluckte dreimal leer, konnte das furchtbare Gefühl, dass sich durch seinen ganzen Körper ausbreitete, aber nicht verdrängen. Vom Teufel geritten. Dem eigenen Sohn einen Mord vorzuwerfen, mindestens die Orchestrierung davon. Das war nicht gut, ganz und gar nicht.

    „Oscar, ich – tut mir leid, ich wollte nicht…“

    „War das dann alles?“

    Selbst wenn es nicht alles gewesen wäre, Bates wollte nur noch aufhängen.

    „Ja. Tut mir leid.“


    Im gelben Schein der Deckenlampe in der Stube fragte er sich wieder und wieder, wie er nun mit der Situation, die er sich da geschaffen hatte, umgehen sollte. Sie machte ihn krank. Er stand auf, öffnete die Terrassentür, setzte sich dann aber wieder zurück in den Sessel und zündete sich eine Zigarre an – wohl ein Tropfen auf dem heißen Stein der aufgeriebenen Nerven, vielleicht sehnte er sich auch bloß nach einer strafenden Bemerkung von Anne. Während er wie versteinert vor sich hin rauchte, fragte er sich, warum Ruby Strauss sich ausgerechnet an ihn gewandt hatte, damals, am offenen Grab. In Gedanken ließ er ihre erste Begegnung noch einmal Revue passieren, dass er aussehe wie ein „guter Polizist“, im Gegensatz dazu ihr beinahe besessenes Beharren auf die Wahrung ihrer Anonymität gegenüber ebendieser Polizei. Eine bewegte Vergangenheit schien naheliegend, vielleicht ein noch offenes Delikt, das sie nicht ans Tageslicht geschleift haben wollte. Bates fühlte sich schlecht, über derlei Dinge erst zu sinnieren, nachdem er seiner eigenen Familie so hemmungslos eine Verstrickung in ein übles Verbrechen vorgeworfen hatte. Und dann war da noch ihr Ausbruch im Café, wie der blanke Hass aus ihr geflutet gekommen war und jegliche Kommunikation unterbunden hatte; er musste noch einmal mit Dvorsky sprechen, ihn auf eine mögliche Verbindung zu Strauss ansprechen, denn je mehr er darüber nachdachte, desto extremer kam ihm die Szene von heute Morgen vor.

    Sich auf andere Gedanken bringen zu wollen war vergebene Leibesmüh, also beschloss er, diese Gedanken wenigstens zu ordnen. Er telefonierte an Hall und erzählte ihm von Devon, Plasma und Zenks Rolle in dem Debakel.

    „Weißt du, die Sache mit der Kündigung macht mich stutzig. Devon hätte Zenks Leben alleine damit ruinieren können, ein Arbeitszeugnis wird nach diesem … Verhalten kaum lobhuldigend ausgefallen sein. Stattdessen wurde sie umgebracht. Scheint mir etwas extrem, nicht?“

    „Ja…“ Bates spürte, wie langsam Widerwillen in ihm aufkam. Vielleicht war es doch nicht die beste Idee gewesen, sich so zielstrebig weiter in die Angelegenheit zu vergraben. „Vielleicht hat das eine wirklich nichts mit dem anderen zu tun.“

    „Oder die linke Klaue von Devon weiß nicht, was die rechte tut. Auf jeden Fall werden wir überprüfen, ob eine solche Kündigung tatsächlich geplant war.“

    „Gibt es denn wirklich nichts, was sonst auf ein Motiv hindeutet? Persönliche Beziehungen, solche Dinge eben.“

    „Wir haben heute Nachmittag ihre Mitbewohnerin vernommen. Seltsame Frau, aber sie scheint sauber zu sein. Abgesehen davon schien die Gute ein ziemlich einsames Leben geführt zu haben.“

    Dann war Strauss zuletzt also doch der Polizei in die Fänge gelaufen.

    „Fiel euch irgendwas … Ungewöhnliches auf? An ihr, meine ich.“

    „Sie ist nicht vorbestraft, falls du das meinst. Ist vor ein paar Jahren von Brassbury nach Twindrake gezogen und arbeitet zurzeit bei einem Transportunternehmen, alles sehr durchschnittlich – lebt auch nicht mit Pokémon zusammen. Es wurde bloß angemerkt, dass sie nicht unbedingt umgänglich sei.“

    „Und der Tatort?“

    „Am besten machst du dir selber einen Eindruck. Bist du morgen frei? Das Angebot steht noch, Moore hat sich schon heute Morgen ins Wochenende verabschiedet.“

    „Gut.“ Bates hörte dem fallenden Regen draußen zu und räusperte sich. Solange ihn dieser Fall so sehr im Griff hatte, würde es auch nicht weiter schaden, die Spekulationen gegen ein paar handfeste Spuren einzutauschen. „Dann komme ich euch morgen besuchen. Und grüß mir dein Herzchen.“


    Freitags hatte er den Bus nach Twindrake genommen und sich beim Präsidium gemeldet, wo er auf Hall wartete. Vor zwei Jahren war er zum letzten Mal hier gewesen, seitdem schien sich kaum etwas verändert zu haben. Ein neues Gesicht hatte ihn empfangen, ein junger Mann mit einem unansehnlichen Kinnbärtchen, den er nach dem Fräulein Bitter fragte, die er eigentlich erwartet hatte. Tatsächlich war auch sie noch hier, doch zum tratschen blieb ihnen nicht viel Zeit, denn da tauchte auch schon Hall auf und führte ihn an seinem alten Büro vorbei in ein neues. Sie setzten sich und Bates schaute sich um, doch viel zu sehen gab es nicht.

    „Nun.“

    „Nun … ja. Zunächst einmal geht es hier nicht um Zenk, zumindest nicht, wenn jemand fragt. Wenn Moore außer Hause ist, sehen sie es hier nicht so eng mit der Professionalität, aber wenn herauskommt, dass ich dir Einsicht in die Akten gewährt habe, darf ich mit mehr als einer Standpauke rechnen. Einen Kaffee trinken im neuen Büro, das machen wir und sonst nichts.“

    Bates grinste schwach in sich hinein und nickte. Dann zog Hall eine Schublade auf und holte ein schmales Dossier hervor.

    „Zenk ist zum Glück, wenn man das so nennen kann, meine Zuständigkeit. Hier sind die Berichte der Spurensicherung und der Gerichtsmedizin, aber ich will ehrlich sein – Twindrake ist nicht Stratos, hier haben wir keine üblichen Verdächtigen auf der Kurzwahl. Es gibt Spuren, wir haben auch so etwas ähnliches wie einen Tathergang, aber…“, er überreichte Bates das Dossier, dieser nahm es entgegen und blätterte wahllos darin herum, während Hall weitersprach, „wie gesagt, keine Verdächtigen und vor allem kein Motiv.“

    „Nicht einmal Raub?“

    „Das glaubst du doch selber nicht. Wir fanden bei ihrem Ausweis auch noch Bargeld sowie eine Kreditkarte und ihr Schmuck war nichts wert. Du hast sie ja gesehen – im Nirgendwo, mitten im Schilf, das war ein vorsätzlicher Mord. Jedenfalls … hier, schau mal.“

    Er lehnte sich über den Tisch und fischte eine Seite aus Bates‘ Hand. „Von der Spurensicherung. Bei Zenk war eine weitere Person, der Mörder: Schuhgröße 46, grobes Profil, sehr wahrscheinlich Wanderschuhe. Seltsam aber ist die Gangart – die Schrittlänge scheint wie willkürlich zu variieren und der Großteil des Gewichts lagerte auf dem vorderen Teil des Fußes. Wer so geht, müsste eigentlich auffallen.“

    „Bei der Schuhgröße wahrscheinlich ein Mann?“

    „Ist anzunehmen. Aber das ist noch nicht alles – hier, der Tatort. Was siehst du?“

    Er hatte Bates auf eine weitere Seite hingewiesen, auf der ein Foto des Ufers zu sehen war. Bates musterte das Bild und dachte lange nach. „Wenig.“

    „Genau. Hätte Zenk sich gewehrt, wäre es zu einem Kampf gekommen, dann wäre der Boden komplett umgegraben. Die Gegend ist schließlich ein einziger Morast. Aber der Boden ist nicht umgegraben, Zenk und ihr Mörder schienen zielstrebig dorthin gegangen zu sein, sich kaum bewegt zu haben und dann stach er von hinten zu, dreimal. Zuhinterst“, er wedelte mit den Fingern zum Dossier, „ist der Bericht der Frau Doktor. Drei Stiche nahe beieinander, der mittlere brach durch das Schulterblatt und traf das Herz. Dann dürfte sie nach vorne gekippt sein und wurde liegengelassen.“

    „Sie musste ihm vertraut, nichts geahnt haben...“

    „Davon ist auszugehen. Und eine Sache ist da noch … und sie macht mich wahnsinnig. Die Tatwaffe.“

    Bates runzelte die Stirn. „Ein Messer, nehme ich an?“

    „Sieht schwer danach aus, nicht? Aber die Positionen der beiden passen überhaupt nicht. Zenk stand damals nahe am Teich, hast du ja gesehen – aber die Spuren des Mörders enden über einen Meter vorher. Er hat sie erstochen, ja, aber um diese Distanz zu überbrücken und noch genug Kraft für den Stoß aufbringen zu können … es ist lächerlich, aber ich muss ständig an ein Schwert denken. So ein richtiges Schwert, weißt du. Aber dann wiederum hätte er keine drei Stiche gebraucht, überhaupt keine drei Stiche ausführen können, bevor sie gefallen ist. Und so ein Schwert ist ja auch nicht unbedingt unauffällig. Es ist ein verdammtes Buch mit sieben Siegeln.“

    Man konnte ihm nur beipflichten, es war zum Haare raufen. Bates hatte gehofft, dass ihn ein Lösungsansatz des Falles beginnend beim Tathergang anstelle des Motivs weiterbringen würde, stattdessen war nun ein schwertschwingender, hopsender Freund von Melissa Zenk in sein Leben getreten und er hatte sich selten ratloser gefühlt.


    In ihrer geteilten Ungewissheit war das Gespräch alsbald zu anderen Themen abgedriftet und keiner der beiden Männer schien damit ein Problem gehabt zu haben. Als Bates dann das Präsidium verlassen hatte, ging er zur Bushaltestelle und entdeckte auf der anderen Straßenseite Ruby Strauss. Sie schien ihn schon von Weitem gesehen zu haben und kam lächelnd auf ihn zu, Bates lächelte nicht, denn sie in einer solchen Laune zu sehen erschien ihm merkwürdig.

    „Sie gehen nach Hause?“, begann sie unverblümt und er nickte abwesend, ein Teil von ihm noch immer die Akte Zenk in der Hand haltend.

    „Ich gehe nach Hause.“

    „Ich habe gesehen, wie Sie bei der Polizei waren. Gibt es Neuigkeiten zu Melissa?“

    „Keine Guten, fürchte ich. Sie besitzen nicht etwa ein sehr unauffälliges Schwert?“

    Ihre Lippen kräuselten sich. „Wie bitte…? Das müssen Sie mir erklären – aber ich wollte Sie ohnehin sprechen. Was halten Sie davon, wenn wir einen Spaziergang machen?“

    Er wäre ein Narr gewesen, hätte er diese Gelegenheit ausgeschlagen, also stimmte er zu und sie machten sich auf den Weg. Von der Haltestelle bis zum angrenzenden Wald vor Tessera war es nur ein Katzensprung, und so fanden sie sich schon bald inmitten herbstlicher Farben und rauschenden Blättern, als Strauss mit der Sprache herausrückte.

    „Also“, begann sie erwartungsvoll, „was haben Sie herausgefunden, Herr Kommissar?“

    Er hatte die Hände in den Taschen vergraben und den Blick auf den feuchten Waldweg geheftet. „Ich habe nichts herausgefunden. Hall und Moore und die anderen, die finden Dinge heraus. Ich versuche nur, mich damit nicht verrückt zu machen.“

    „Ach, nun seien Sie doch nicht so. Sie wären heute zuhause geblieben, wenn Sie sich nicht dafür interessierten.“

    „Die Sache ist … verzwickt. Unangenehm.“

    „Das können Sie laut sagen.“

    Der Schwermut in ihrer Stimme war ihm nicht entgangen. „Tut mir leid. Es ist nur … es gibt kein vernünftiges Motiv, der Ablauf der Tat ist absurd…“ Beiläufig schaute er ihr auf die Füße. Sie trug Chucks, eine Größe 46 war das nicht. „Man hat Zenk erstochen, aus einer unmöglichen Distanz, ohne dass sie sich gewehrt hätte. Mehr weiß weder ich noch sonst jemand.“

    „Und Devon, was sagen Sie dazu?“

    „Devon wusste von Zenks Recherchen, doch sie hatten sich für eine Kündigung entschieden. Ein Mord scheint mir hinsichtlich dieser Entwicklung etwas drastisch.“

    „Nicht Sie auch noch!“ Ihre Empörung war so echt, wie sie nur sein konnte. „Das glauben Sie etwa?! Das ist doch fadenscheinig, natürlich würde Devon so etwas behaupt-“

    Sie brach plötzlich ab und Bates musterte sie verwundert. Sie war stehen geblieben, der Körper angespannt, und starrte an ihm vorbei, hinein in den Wald. Als er ihrem Blick folgte, sah er auch den Grund für ihre Beunruhigung: Unweit des Weges, kaum verdeckt von den letzten Blättern, hing kopfüber ein Skorgro am Ast einer besonders mächtigen Eiche und fixierte sie aus gelben Augen. Im Gegensatz zu Strauss war er aber nicht sonderlich beeindruckt davon. Mit den meisten wilden Pokémon verhielt es sich nicht anders als mit den Wadribie; solange man sie in Ruhe ließ, hatte man die seine.

    „Das tut uns schon nichts“, hörte er sich sagen, wobei er den Blick aber nicht von Skorgro abwandte, „wir dürfen ihm bloß nicht zu nahe treten.“

    Doch Strauss schien andere Pläne zu haben. Als sie nicht gleich antwortete, wagte er einen Blick über die Schulter und stellte erstaunt fest, dass sie eine Pfeife an die Lippen gelegt und hineingeblasen hatte – der Ton musste für Menschen, oder zumindest für Menschen seiner Altersklasse, unhörbar sein. „Strauss, provozieren Sie es nicht auch noch!“

    „Nicht meine Absicht!“, gab sie entschuldigend zurück, „aber zu dritt fühle ich mich wohler als zu zweit.“

    Sie schaute an ihm vorbei mit einem seltsam belebten Ausdruck, und als Bates sich wieder umdrehte, erschrak er gehörig: Aus dem Nichts war ein Snibunna neben ihm aufgetaucht, er hatte es nicht einmal vielleicht kommen hören. Es grinste ihn an und gab einen grüßenden Laut von sich, dann eilte es an Strauss‘ Seite. Zu dritt passierten sie dann wachsam schweigend Skorgros Warte und trauten sich erst wieder etwas zu sagen, als es außer Sichtweite geraten war.

    „Mir wurde gesagt, sie besäßen keine Pokémon.“

    Besitzen – ein furchtbares Wort. Freunde besitzt man nicht, und Glitter Freeze hier ist nichts, wenn nicht ein Freund. Ich könnte ihm auch niemals einen dieser schrecklichen Pokébälle zumuten.“

    „Hm.“ Er wunderte sich. „Wissen Sie, das kommt mir nicht unbekannt vor. Damals…“

    „Ich – gleich! Entschuldigung, mein Schuh.“ Sie bückte sich hinter ihm und fummelte an den Schnürsenkeln herum. Bates war indessen ebenfalls stehengeblieben und ließ die Waldatmosphäre auf sich wirken, doch gerade als er die sich wiegenden Baumkronen betrachtete, wirkte etwas anderes, weitaus weniger idyllisches in seiner unmittelbaren Nähe auf ihn ein, präziser: auf seinen Rücken. Da presste sich eine zarte Pfote gegen seinen Körper, die, er war sich sicher, deutlich weniger zart sein würde, wenn er sich jetzt zu plötzlichen Bewegungen hinreißen ließ.

    „Strauss“, zwar gab er sich die größte Mühe, gefasst zu wirken, konnte sein Unbehagen aber nicht komplett überspielen, „was soll das werden?“

    „Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, Herr Kommissar“, sie ging an ihm vorbei und baute sich mit verschränkten Armen vor ihm auf, „aber das mit der Sicherheit bezog sich nicht nur auf das wilde Pokémon. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob ich Ihnen noch vertrauen kann.“

    „Inzwischen beruht das auf Gegenseitigkeit, danke auch.“

    „Sie haben mir versprochen, mich nicht bei der Polizei anzugeben. Und trotzdem hatte ich sie gestern in der Wohnung. Wollen Sie mir das erklären?“

    Bates fiel aus allen Wolken. Diese Frau hatte Nerven – bedrohte ihn aus reiner Paranoia mit ihrem Snibunna. „Das haben Sie sich wohl selber zuzuschreiben, so als ehemalige Mitbewohnerin von Melissa Zenk.“

    Das ist Ihre Rechtfertigung?“

    Das ist ihre Anschuldigung?“ Diese Dreistigkeit ließ ihn beinahe die Klauen in seinem Rücken vergessen. „Ich habe zu meinem Wort gestanden. Und nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich nun sage, dass ich es reichlich naiv finde zu glauben, dass Sie als eine Angehörige ohne eine Vernehmung davonkommen würden.“

    Seine Worte schienen Gehör zu finden, also legte er nach. „Angeblich haben Sie ja weder Vorstrafen noch sonst einen unsauberen Lebenslauf. Macht Ihnen eine mögliche Vergeltung von Devon wirklich so viel Angst, dass Sie lieber der Klarheit in diesem Fall im Weg stehen?“

    Strauss wirkte überrumpelt. „Sehen Sie … in diesem Punkt liegen Sie falsch, Herr Kommissar.“ Sie gab Glitter Freeze einen Wink und es ließ von Bates ab, dieser atmete auf. Strauss schien sich ein Herz zu fassen und holte tief Luft, bevor sie fortfuhr. „Ich kann nämlich von Glück reden, dass ich gestern nur von Anfängern und Gewohnheitstieren besucht wurde – ich wäre wohl in Schwierigkeiten geraten, wäre auch nur einem von denen aufgefallen, dass ich…“, sie wandte den Blick zum Himmel und trat von einem Fuß auf den anderen, „dass ich damals der Verhaftungswelle entgangen bin. Als Ihre Leute über die meinen hergefallen sind, alles im Namen der gesellschaftlichen Ordnung. Als Team Plasma für tot erklärt wurde, ich aber weiterleben musste.“

    Bates brauchte einen Moment, um dieses Teil des Puzzles an seinen richtigen Platz zu legen. Oder – er hätte ihn gebraucht, wäre es ihm denn gelungen. „Dann sind Sie gar nicht aus Brassbury. Deshalb der Ausbruch im Café – Dvorsky hatte Sie aufgegeben und vergessen.“

    „Ich erwarte gar nichts von diesem alten Narren“, fauchte sie. „Nur machen mich Leute wie er krank. Opportunisten wie er – wie Devon! – haben nie verstanden, worum es ging. Die Vision war verschwendet, vielleicht war das unser Untergang, ich weiß es nicht. Aber vielleicht verstehen ja Sie, worum es mir geht. Es ist alles so … falsch. Die längste Zeit war es diesen seelenlosen Materialisten, diesen Geiern mehr als recht, sich eine goldene Nase mit unserer Not zu verdienen – haben Sie sich nie gefragt, wer für die Ausrüstung Plasmas gesorgt hat? Und kommen Sie mir nicht mit irgendeinem Schwarzmarkt, nein, es war Devon, Devon alleine, die sich hinter ihrem sauberen Image an unserem Kampf bereichert hatten. Und jetzt, jetzt wo ihnen Melissa unbequem geworden ist, fällt es ihnen langsam ein, sich um die letzten losen Enden zu kümmern.“

    Sie hatte die Fäuste geballt, wusste aber nicht, was sie damit anstellen sollte.

    „Und Sie sind ein solches loses Ende.“

    „Ich bin die letzte Person, die die Wahrheit kennt! Was soll ich denn noch sagen? Es gibt keine angemessene Entschädigung für den Verrat, den Devon an uns begangen hat, nicht in der Form, die Sie Gerechtigkeit nennen. Ich weiß nicht, was Sie noch zu hören brauchen, aber lassen Sie es mich trotzdem so formulieren: Man hat uns ausgenutzt, nach Strich und Faden, es ging niemals um die Vision und das ist unverzeihlich.“

    Eine gebrochene Frau, an die Vergangenheit gefesselt, Sklavin ihrer eigenen Unfähigkeit, ein Ideal aus vergangenen Tagen loszulassen. Sie tat Bates leid, zugleich wusste er ganz genau, dass ihr Kampf ein vergeblicher war – schließlich war er selbst dabei gewesen, als sich Zenks Lebenswerk für immer außer Reichweite von Ruby Strauss begeben hatte. Inzwischen hatten sie den Wald hinter sich gelassen und passierten die sonnenbeschienenen, feuchten Felder vor Tessera. Bates sagte noch immer nichts, versuchte aber angestrengt, sich zu wohlwollenden Worten durchzuringen.

    „Und … wenn Sie die Vergangenheit ruhen ließen – schließlich hat sie bereits mehr als genug Schaden mit sich gebracht.“

    „Das können Sie so leicht sagen. So leicht sagen Sie das, doch was wissen Sie schon davon? Wann mussten Sie schon mit ansehen, wie Ihre Überzeugungen mit Füßen getreten wurden, wieder und wieder, nur um dann zuletzt totgeschwiegen zu werden? Selbst Melissa war zu naiv gewesen – für sie mochte es vielleicht gereicht haben, Devons Verbrechen aufzudecken, aber sagen Sie mir, was hätte sich geändert? Dies ist eine Plasma-Angelegenheit, und Plasma braucht keine der Allgemeinheit entgegenkommende Reue von Devon. Das Erbe der Männer und Frauen, die so beiläufig benutzt und dann fallengelassen wurden, darf sich nicht in einem letzten Medienrummel zur Belustigung der ignoranten Massen erschöpfen.“

    „Sie zerstören sich, Strauss. Sie haben mich gefragt, was ich davon weiß – viel zu wenig, nichts, das gebe ich zu. Aber ich sehe doch, wie Sie davon aufgefressen werden. Ehren Sie Melissa, indem Sie nicht daran zerbrechen. Bitte.“

    Beide mit ihren eigenen grimmigen Gedanken beschäftigt gingen sie das letzte Stück bis zu Bates‘ Hof. Glitter Freeze hatte sie irgendwann unterwegs verlassen, so unbemerkt wie es gekommen war. Plötzlich ergriff Strauss wieder das Wort, aber nicht so, wie Bates er erwartet hätte.

    „Wie lange bleibt sie eigentlich bei Ihnen?“

    Er verstand nicht ganz. „Wie bitte?“

    Sie hob das Kinn zum Hof, wo Belaine auf dem Vorplatz in Annes Gummistiefeln stand und Nott Befehle zurief. Sie hatte sie noch nicht bemerkt.

    „Ah. Bis zum Sonntag. Dann geht sie nach Hause.“

    „Schade. Es scheint ihr bei Ihnen zu gefallen.“

    „Sie kann sich auf jeden Fall gut beschäftigen hier.“

    Es kam ihm nicht ungelegen, dass sich Strauss mit dieser Nebensächlichkeit ablenken wollte; er gönnte es ihr. Sie mochte eine selbstzerstörerische Fanatikerin sein, doch ihr Los im Leben neidete er ihr wirklich nicht. Belaine hatte sie inzwischen entdeckt und kam winkend auf sie zugelaufen, dies war auch Strauss‘ Stichwort für den Abschied. Bates blickte ihr hinterher und wandte sich dann seiner Enkelin zu, die in ihren viel zu großen Stiefeln ein mehr als willkommener Anblick der Leichtigkeit bot. Wie ihre kleinen Füßchen darin herumrutschten, kein Schritt dem anderen glich und die klobigen Dinger sie mehr als einmal beinahe nach vorne zogen – sein Lächeln gefror, sein Herz setzte für einen Augenblick aus.




    Keine Angst, Joseph Bates geht es gut, der kardiologische Aussetzer war rein metaphorisch. Dies ist der Ulti-Channel, hier lassen wir Leute nicht umsonst sterben.
    Aber Oida. So viele Gespräche in diesem Kapitel, und ehrlich gesagt habe ich nicht das Gefühl, auch nur einem davon gerecht geworden zu sein. Es ist alles so … schnell. Wiederum habe ich wohl alles gesagt, was gesagt werden musste und irgendwann sollten auch Punkte gesetzt werden, ich überlasse das Urteil der geschätzten Leserschaft. Ähnlich so wie ein Seeteufel habe ich hart im Trüben gefischt bei der Szene in Halls Büro, ich habe doch keine Ahnung von Polizeijargon, hachja. Jedenfalls ist es jetzt hier; das heiß ersehnte Strauss-Kapitel, das mir wahrscheinlich deshalb so Kopfzerbrechen bereitet, weil es mein Geschick in Sachen Informationsdistribution auf den Prüfstand stellt wie keines zuvor. Vielleicht steht und fällt der Reiz der Handlung mit diesem Chapter, doch wir schauen nach vorne, zwei mehr, dann darf ich mich Fanfiction-Autor nennen. Wie immer schalten wir an dieser Stelle zu den Feedbacks von diversen Szenegrößen.


    Zitat von Peter Watts, britischer Toningenieur

    I think it's marvellous! Hahaha...


    Zitat von Park Ryung-woo, ehem. Starcraft 2-Weltmeister

    Graue Tage gleicht dem Füttern von Katzen - eine gewisse Beiläufigkeit wohnt darin, der begleitende Geruch ist seltsam und man ist sich nie ganz sicher, ob die investierte Zeit auch wertgeschätzt wird.


    Zitat von Jimothy Cool, ADV-Gelehrter

    This is quite epic, folks. This is certainly a story.


    Und zuletzt einige Worte von der Fangemeinde.

    Hallo,


    das Kapitel aufzuteilen war sinnvoll, um die thematischen Szenenwechsel nach der Beerdigung besser darzustellen. Wenn man von der unbekannten Person absieht, mochte ich hier Belaine besonders gerne. Einerseits wirkt sie sehr aufgeschlossen und andererseits zeigt sie sich von ihrer schelmischen Seite, wenn es um Desserts geht. Überraschend fand ich nur Josephs Reaktion, der darüber gelacht hat. Die beiden scheinen doch ein gutes Gespann zu sein. Team Plasmas Beteiligung ist aber ein interessanter Plotpunkt, wobei Dvorsky besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Seine Darstellung als ehemaliges Mitglied war mit der Ablehnung seitens Strauss und seiner eigenen gleichgültigen Haltung gelungen.


    Wir lesen uns!

    Naw, danke für diesen Schwall an Bestätigung. Du liegst schon richtig, Belaine fiel es wohl schon seit immer leicht, mögliche Vorteile für sich zu erkennen und auszuhandeln, bis, naja, das Alola-RPG seinen Anfang nahm. Wenn dir der Plasma-Flavour gefallen hat, wirst du jetzt wohl auf deine Kosten kommen - und falls nicht, so bitte ich untertänigst um hemmungslose Rückmeldungen dazu, ich kann mich bei deiner Person ja ohnehin auf rege Beteiligung verlassen und ich schätze das wirklich, wirklich ♥️

  • Hallo,


    zwei Dinge sind an diesem Kapitelabschluss sehr interessant. Einerseits stellst du hier unmissverständlich dar, wie der Täter die Spuren am Tatort hinterlassen konnte. Andererseits wirkt Strauss' Frage so, als hätte sie vor, etwas mit Belaine anzustellen. Die Verbindungen zu Team Plasma wissen zu gefallen und ich empfinde es als realistisch, dass nicht alle so einfach ihre Vergangenheit hinter sich lassen können. Meine liebste Stelle war tatsächlich die, in der Strauss nicht nur Snibunna gerufen, sondern Bates fest im Griff hatte. Es kam nach den bisherigen Gesprächen unerwartet und hat genau die Wirkung erzielt, die du wolltest.


    Wir lesen uns!

  • Huhu Ulti! ^-^


    Ich bin etwas spät dran, möchte nun aber auch endlich etwas zu den beiden neusten Kapiteln schreiben. Das vierte Kapitel ist zunächst unterteilt in zwei größere Abschnitte – den vermeintlichen Einbruch in Oscars Anwesen und das vertraute Gespräch zwischen Bates und Strauss. Während beide Abschnitte einen ganz unterschiedlichen Fokuspunkt setzen, sind sie dennoch über ein ungutes Gefühl miteinander verbunden, das stets im Dialog zu schwelen scheint und sich im Fehlen des Laptops bzw. im Ausbruch Strauss' schlagartig entlädt. Besonders hervorheben möchte ich, wie im ersten Abschnitt nicht bloß die reine Szene beschrieben wird, sondern subtil immer auch die Beziehung zwischen Bates und Oscar eine Rolle spielt. Dass Bates etwa kaum mehr als den Speisesaal kennt, zeugt von einer unaufdringlichen Reflexion der emotionalen Distanz zwischen den beiden. Im zweiten Abschnitt ist es insbesondere das fordernde Beharren auf den Titel Kommissar, der zwar mit Nachdruck betont wird und dennoch im darauffolgenden Satz gekonnt eingeordnet wird, sodass die Szene insgesamt sehr greifbar ist. Ein Einwurf wie die Redewendung mit dem Pampross lockert das Kapitel auf eine angenehme Weise auf und sorgt damit für einen gelungenen Kontrast zur ansonsten eher bedrückten Stimmung.


    Im fünften Kapitel entlädt sich im Telefongespräch sodann zunächst die angespannte Beziehung zwischen Bates und Oscar, welche in den Kapiteln zuvor bereits behutsam etabliert worden ist. Bates verdächtigt Oscar offenkundig und die beiden brechen das Gespräch in der Folge durchaus nachvollziehbar abrupt ab. Bates' Selbstzweifel in kursiver Schrift zu benennen und die Szene anschließend auf die kurz gehaltene Entschuldigung enden zu lassen, gefällt mir gut, da auf diese Weise alles Zentrale ausgedrückt ist und der abrupte Charakter des Gesprächsendes so auch formal schön unterstrichen wird. Nach einem kurzen Telefonat mit Hall folgt jene Szene, von der du schreibst, dass du dir vor allem wegen des Polizeijargons unsicher gewesen bist. Persönlich kann ich dazu nur sagen, dass ich beim ersten Lesen enorm angetan war von der Szene und dass sich daran auch beim zweiten Lesen eben nichts geändert hat. Der rätselhafte Tathergang und das fehlende Motiv werden sehr gezielt aufgebaut und beim Lesen entsteht eine regelrechte Spannung, da (zumindest mir) auf Anhieb tatsächlich keine sinnvolle Lösung in den Sinn gekommen ist, dieses vielschichtige Rätsel zu lösen. Die Szene finde ich also wirklich enorm gelungen! Die letztliche Beschreibung des schwertschwingenden, hopsenden Freundes sowie die erneute Aufnahme des Schwerts zu Beginn des Gesprächs mit Strauss sorgen sodann für ein sinnvolles Lösen der Spannung, ehe das Gespräch selbst noch einmal kräftig anzieht. Der Hintergrund zu Strauss offenbart einige neue Einblicke und das Kapitelende deutet nachdrücklich einen Hinweis zur Lösung des Rätsels an. Auch die vorherige Drohung an Bates mithilfe von Snibunna könnte zur Lösung eines anderen Parts des Rätsels beitragen.


    Insgesamt finde ich beide Kapitel äußerst gelungen und ich bin sehr neugierig, wie am Ende alles zusammenlaufen wird. Eine wirklich sehr gut geschriebene Geschichte bisher! ^-^

  • Festmahl der blinden Hühner


    Am Samstagnachmittag besuchte Bates den alten Dvorsky. Die Sonne hatte sich seither wacker präsent gehalten und ließ sich von den vereinzelten Wolken, die sich hin und wieder vor sie schoben, nicht beirren, während das leiseste Lüftchen wehte und einen Aufenthalt auf Dvorskys Terrasse nicht nur ermöglichte, sondern auch überaus angenehm gestaltete. Der Alte wohnte alleine auf der Nordseite Tesseras, von wo aus man einen herrlichen Blick über das Dorf und beizeiten auf malerische Sonnenuntergänge hatte. Doch noch war es Nachmittag und die Markise war ausgefahren. Bates saß im Schatten und blickte gedankenverloren in den Himmel, als Dvorsky hinter ihm durch die Tür trat mit einer Flasche und zwei kleinen Gläschen. Er schnaufte heftig und ließ sich neben ihm auf die Bank sinken, mit hölzernen Bewegungen, die einem alleine schon vom Mitansehen Schmerzen bereiteten.

    „Du bist so stur, weißt du das?“

    „Du kennst dich aus.“ Dvorsky öffnete die Flasche und schenkte ihnen vom Williams ein. „Warum meinst du?“

    „Jeden Tag die Treppen hoch und runter, in einem engen, dreistöckigen Häuschen, oben am Hügel. Ich sehe ja, wie es dir nicht guttut. Warum verkaufst du es nicht? Damit könntest du dir etwas Schönes, etwas Zugänglicheres weiter unten leisten.“

    „Ich hänge daran. Das ist eines dieser Dinge, an denen man festhalten will, wider besseren Wissens. Aus Gewohnheit bestimmt, aber die Überzeugung würde ich auch nicht ausschließen. Cheers.“

    Sie prosteten sich zu und kippten den Schnaps. Er brannte und Bates musste husten, doch unangenehm war es nicht. „Die Überzeugung, dass du noch immer die Treppen rauf und runter springen magst wie mit zwanzig?“

    „Vielleicht war Überzeugung das falsche Wort. Nenn es … Identifikation, ja. Ich wäre doch verloren, müsste ich mich irgendwo anders zurechtfinden als in denselben vier Wänden, die ich schon seit Jahrzehnten um mich habe. Auf das Alter kommen die Veränderungen eben nicht mehr so schön daher, wie sie es früher getan haben.“

    „Da sagst du was.“ Das Stichwort der Überzeugung brachte Bates zurück auf jenes Thema, weshalb er unter anderem den Weg zu Dvorsky hoch unternommen hatte. „Aber Apropos. Ruby Strauss.“

    Dvorsky musterte ihn neugierig aus grauen Augen, um die sich die Fältchen zogen wie die Ranken eines Tangelas um dessen Gesicht. „Hmmm … wer?“

    Es war jetzt an Bates, nicht zu verstehen. „Ruby Strauss eben. Du hast bestimmt nicht schon vergessen, wie sie dich neulich im Nook angegangen hat? Ihr scheint ja eine gemeinsame Vergangenheit zu haben, mehr oder weniger.“

    „Ach, stimmt. Ich habe neulich länger darüber nachgedacht, dann ist es mir wieder eingefallen, leider zu spät. Colette Wedekind – ich habe mich nicht schlecht gewundert, dass du mit der unterwegs warst. Ich hätte sie beinahe nicht erkannt.“

    Gerade jetzt stieg Bates der Alkohol in den Kopf und er machte große Augen. Colette Wedekind war ein Name, der ihm nicht gänzlich unbekannt vorkam, ein Name aus der Vergangenheit. „Lass mich … lass mich kurz überlegen.“

    Er überlegte, und je länger er überlegte, desto mehr fiel ihm zum Namen Colette Wedekind ein. Er hatte von ihm gelesen, hatte ihn mehrmals vernommen; die vertrackte Angelegenheit einer strafunmündigen Plasma-Anhängerin, die von den Mühlen der Justiz so lange zermahlen worden war, bis die besagte Person, damals noch kaum mehr als eine Halbwüchsige, ebendiesen Mühlen entschwunden war, noch bevor das letzte Wort gesprochen werden konnte. Und nun war sie wieder aufgetaucht, als erwachsene Frau, zwar mit einem halbwilden Snibunna und gehörigem Groll, dafür ohne ihre Freundin.

    Die … ist das. Ja, doch, ich erinnere mich. Sie gehörte zu Flavus, nicht?“

    Die Erinnerungen kamen zurück, unter ihnen jene, wie Kommissar Joseph Bates, damals noch mit Schnurrbart und etwas agiler, dieser Colette Wedekind gegenübergesessen und sich im Nachhinein geärgert hatte, dass seine Vernehmung für nichts gewesen war aufgrund ihres Alters. Er hatte ihr seinen Namen genannt und war bereit gewesen, sie milde anzugehen, doch sie hatte sich bemerkenswert verstockt gezeigt. Und irgendwann später war auch diese Erinnerung verblasst, wurde von der Routine weggespült – es war eine alltägliche Sache gewesen, durchdrungen von der allgemeinen Erleichterung, dass man Team Plasma endlich beigekommen war und nun wieder Ordnung in der Region einkehren würde. Mit dem Affentanz, der sich später um das Verfahren von Wedekind abspielen würde, hatte er nie etwas zu tun gehabt.

    „Ja“, pflichtete ihm Dvorsky bei, „und nachdem er eingesackt wurde, ist sie verschwunden. Gut für den Kerl, der das Team später dann wiederbeleben wollte – Thomas Irgendwas war es, meinte ich?“

    „Achromas.“

    „Genau, der. Der Colette hätte nicht gefallen, was er mit Ns Erbe anstellen wollte – sie hatte diesen Mann vergöttert, wäre ihm wohl ohne zu zögern wohin auch immer gefolgt, wahrscheinlich sogar in den Tod. Sie kann einem leidtun.“

    „Warum meinst du?“ Bates Stimme war gefasst, aber ehrlich neugierig. „Manchmal glaube ich durchaus, dass mir im Leben so etwas wie ein höheres Ziel fehlt.“

    „Das kannst du nicht vergleichen. Du bist pensioniert, natürlich ist dir langweilig. Nein, ich meine: Sie hat sich verschwendet. N war ein feiner Bursche, kein Zweifel. Aber letztendlich war nicht er es, der den Ton angegeben hatte bei Plasma, das war von Anfang an G-Cis gewesen. Ein Teufel von einem Mann, das sage ich dir. Zu schlau, wenn du mich fragst, und so einnehmend, guter Himmel. Ich bin ihm einmal begegnet während einer Veranstaltung für Interessierte, eine Vorlesung … in der Art. Er und Rubius waren da, und obwohl diese Weisen sich eigentlich ihren Rang teilen sollten, war allen klar, wer das Sagen hatte.“

    Er füllte ihre Gläser nach und stürzte seines sogleich herunter. „G-Cis ging es nicht um die Harmonie, doch er konnte sich – und Plasma – verkaufen. Auch ich fand, dass er für eine gute Sache stand. Eigentlich ist es ein Jammer, wie banal seine Ambition tatsächlich war, wie er nicht müde wurde, sich für die große Idee der Freiheit aller Pokémon aussprach, dabei aber letztendlich nicht selber daran glauben konnte, weil ihm die Aussicht auf persönliche, weltliche Macht im Weg gestanden hat.“

    „Und Strauss … Colette Wedekind?“

    „Dazu komme ich gleich. Jedenfalls war der Verstand von Plasma, G-Cis, von einem anderen Ehrgeiz getrieben als das Gesicht, N. Für G-Cis war N ein Instrument – du kannst mir ruhig glauben, ich habe das von alten Kollegen, die besser informiert waren als ich – und wenn sich Colette in ihrem jugendlichen Fanatismus einem bloßen Instrument verschrieben hat, zu was macht sie das dann? Ich finde, das ist…“, er dachte kurz nach, „hinterhältiger, als direkt ausgenutzt zu werden. Ein Leben nach einem Wunsch, der sich zwar selber so ernst nimmt, wie er nur kann, schlussendlich aber, bedingt durch seine Natur, niemals die Wirklichkeit schaffen kann, die er verspricht und selber gerne sehen würde.“

    Bates brauchte einen Moment, um Dvorskys Ausschweifung und ihren Schluss in ihrer Gänze zu erfassen, stimmte ihm dann aber zu. Colette Wedekinds Überzeugung war keine, die er ihr neidete. In seinem Hinterkopf pochte eine Ahnung, derer er aber nicht habhaft werden konnte, noch nicht, und es ärgerte ihn. Ihm fehlte eine letzte Erkenntnis, um Wedekind mit Zenks Ableben in eine hieb- und stichfeste Verbindung bringen zu können, noch konnte er ihre Rolle, die sie in dieser ganzen Sache spielte, nicht mit Sicherheit bestimmen.

    „Etwas anderes … also, nicht ganz. Glaubst du, dass sie zu einem Mord fähig ist?“

    Dvorsky brauchte eine lange Zeit, um sich seine Gedanken zu machen. Er starrte grübelnd auf die weißen Fassaden unter ihnen und sagte nichts, bis er schließlich mit flatternden Kiefermuskeln den Kopf schüttelte.

    „Nein“, sprach er sich dann aus, „ich glaube nicht. Es geht dir noch immer um die Frau im Teich, nicht? Ich weiß nicht, warum du dich ausgerechnet mit Colette in dieser Sache abgibst, aber ich kann es mir einfach nicht vorstellen. Sie war … idealistisch, eifrig, ist es wohl noch immer, nachdem, was ich neulich von ihr erleben durfte. Aber ein Mord? Das passt nicht zu dem, an das sie geglaubt hatte. Zu ihrer Überzeugung, zu N. Er stand für Frieden … und Harmonie. Und für was er stand, dafür stand auch Colette. Warum glaubst du, dass sie etwas mit dem Mord zu tun hat?“

    „Ich habe gestern mit ihr gesprochen. Lass mich ausholen.“ Bates trank aus und hielt Dvorsky sein Glas hin, er füllte nach. „Wedekind – mir hat sie sich als Ruby Strauss vorgestellt, damals auf der Beerdigung – lebte mit der Toten aus dem Teich zusammen. Auch sie war wohl mit Plasma involviert gewesen; später trat sie eine Stelle bei Devon an als Buchhalterin und war vor ihrem Tod im Begriff gewesen, die Geschäfte, die Devon damals mit Plasma abgewickelt hatte, auszugraben. Wedekind ist überzeugt, dass sie deshalb sterben musste, dass sie von Devon ermordet wurde, um deren nie veröffentlichte Beteiligung an Plasma weiterhin geheim zu halten. Ich glaube, dass das nicht abwegig ist.“

    „Aber du hast mich eben auch gefragt, ob Colette einen Mord begehen könnte. Von ihrer Unschuld bist du also nicht überzeugt… Ist es wegen deinem Junior? Er ist bei Devon.“

    „Das ist es eben. Vielleicht ist das meine Überzeugung, vielleicht habe ich ja doch eine – ich ertrage den Gedanken nicht, dass sie recht haben könnte. Und was den Mord selber angeht; sogar Wedekind könnte ihn begangen haben, nur sehe ich nicht warum und es macht mich wahnsinnig. Warum? Es gibt keine Garantie, dass sie die Wahrheit sagt. Schließlich ist sie auf mich zugekommen, nicht ich auf sie. Indessen haben sie auf dem Präsidium nicht mehr als eine Schuhgröße und einen wirren Tathergang – und Belaine hat mir gestern vor Augen geführt, dass man nicht einmal möglichen handfesten Spuren trauen kann.“

    „Tut mir leid, aber du hast mich verloren. Was hat Belaine damit zu tun?“ Er blickte ihn verunsichert an. „Wir reden hier von deiner Enkelin, oder?“

    „Ja. Eigentlich auch nicht so wichtig. Ich habe dich nach deiner Einschätzung gefragt und du hast sie mir gegeben, mit mehr sollte ich dich auch nicht behelligen. Ohne dich wäre mir Wedekind vermutlich weiterhin als Strauss begegnet, das hätte auch nicht sein müssen.“

    „Es ist lange her, Joe. Mach dir keine Vorwürfe. Mir lässt der Rücken keine Ruhe und dir geht es ähnlich mit dem Kopf.“

    „Ich hätte nichts gegen einen Themenwechsel. Am Abend gehe ich mit Anne essen, bis dahin sollte ich einen halbwegs gefassten Eindruck machen.“

    Dvorsky schüttelte die Flasche, wohl heiter, aber nicht ohne eine gewisse Nachdenklichkeit. „Nun. Wir haben ja noch einiges vor uns.“


    Bates massierte sich die Schläfen, als die Kellnerin ihren Roten brachte und einschenkte. Er musste aufpassen. Neben ihm saß Belaine, eine riesige Cola vor sich, und studierte mit sichtbarer Begeisterung die Speisekarte.

    „Blätterteig“, las sie laut vor und sah fragend ihn und Anne an. „Was ist das? Klingt exotisch.“ Sie hatte das letzte Wort ausgesprochen, als sei es eine grandiose Offenbarung, als erwarte sie, dass man danach aufgeregt Luft holen musste. Bates warf einen Blick auf die aufgeschlagene Seite der Karte vor ihr und wusste nicht so richtig, woran er war. Es war die denkbar gewöhnlichste Hausmannskost, die man sich vorstellen konnte, von kundiger Hand zubereitet, natürlich, aber dennoch war es nicht die Auswahl, sondern die Qualität, die die Leute in dieses Restaurant zog.

    „Das ist, naja. Karpador im Teig, dünner Teig. Und dann wird es gebacken.“

    Anne setzte ihr Glas ab und unterstützte seine ungeschickte Erklärung einem konkreteren Beispiel. „Derselbe Teig wie bei den Apfeltaschen.“

    Auf dem Weg in das Lokal hatte ihnen Belaine erzählt, dass ihre Eltern sie für gewöhnlich nicht in Restaurants mitnahmen – als Fußnote in einer weitaus umfangreicheren Ausführung der Kampftechniken der Piccolente im Weiher hinter dem Hof. Schließlich entschied sie sich des Namens wegen für ein Pilzrisotto und rutschte ab dann unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, immer wieder den anderen Kindern draußen auf dem Sitzkarussell forschende Blicke zuwerfend. Anne erlöste sie und schlug vor, dass sie sich zu ihnen gesellte, danach gaben auch sie ihre Bestellung auf.


    „Und jetzt sag mir, was los ist. Ich mag nicht mitansehen, wie du dich grämst.“

    „Ich war heute bei Dvorsky. Wir haben geredet.“ Bates brach sich ein Stück vom Baguette auf dem Tisch ab, steckte es in den Mund und kaute lange darauf herum, ehe er weitersprach. „Über Melissa Zenk und über Ruby Strauss, die eigentlich Colette Wedekind heißt. Auch sie treibt ein Spielchen, auch sie verkauft mich für dumm, wenn ich nicht zweimal hinsehe. Ich bin es leid, immerzu misstrauen zu müssen. Es macht mich kaputt.“

    „Obwohl du alleine es in der Hand hast, alter Mann.“ Sie berührte die seine, er grübelte weiter.

    „Du bist übrigens einer der wenigen Menschen, die wirklich zuhören können. Ich glaube, das liebe ich am meisten an dir – bitte lass nicht zu, dass du damit aufhörst.“

    „Ich habe mich mit Oscar überworfen, ihm misstraut. Wollte ihm nicht zuhören … diese verdammte Tote im Teich.“

    „Du musst das nicht tun.“ Als er aufschaute, erwiderte Anne seinen Blick eindringlich. „Nichts davon ist deine Verantwortung, insbesondere dann nicht, wenn es dich so unglücklich macht. Ich bitte dich, lass die Sache gut sein. Es gibt so viel Schöneres, das deine Zeit wert ist.“

    Ihr aufrichtig sorgenvoller Ausdruck versetzte Bates einen Stich – er erinnerte ihn daran, dass er die Ufer von Richtig und Falsch aus den Augen verloren hatte und orientierungslos irgendwo dazwischen herumtrieb – in welche Richtung er schwamm, würde er erst wissen, wenn er angekommen war.

    „Und trotzdem muss ich ausbaden, was ich mir eingebrockt habe.“

    „Was ist zwischen dir und Oscar vorgefallen?“

    Erst zögerte er, dann aber erlaubte er sich das Vertrauen. „Strauss – Wedekind – ach, was weiß ich – behauptet, dass Zenk im Auftrag von Devon sterben musste, da sie in der schmutzigen Wäsche der Firma herumgegraben hatte. Selbst wenn Oscar nichts davon gewusst hatte, so liegt ihm trotzdem etwas an der Wahrung dieses Geheimnisses – als ich neulich mit Belaine spazieren war, ist uns einer seiner Mitarbeiter begegnet, der gerade dabei war, Teile dieser Wäsche zu entsorgen. Ich habe ihn damit konfrontiert und … war nicht besonders gefühlvoll dabei.“

    Sie nickte langsam. „Dicke Post. Santé.“

    Sie stießen an.

    „Ich mache mir Vorwürfe – nicht nur, weil ich ihm Vorwürfe gemacht habe, das war zweifellos eine kolossale Eselei – aber … ich würde ihn gerne als jemanden sehen, der zu solchen Geschäften „nein“ sagt. Als Vater habe ich versagt, und dies ist nun die Quittung: Schuld und Ärger.“

    Während er vom Wein kostete – und sich innerlich zu seiner Wahl beglückwünschte – ergriff Anne wieder das Wort, gefühlvoll, aber eindringlich.

    „Er trifft seine eigenen Entscheidungen. Du kannst sie verurteilen, aber ändern kannst du sie nicht – und versagt hast du schon gar nicht, es ist nicht deine Schuld, dass er sich seiner Arbeit verpflichtet fühlt. Er ist ja kein Ungerader… Ich bin mir sicher, dass sich alles erklären lässt; aber dafür müsst ihr auch miteinander reden wollen, einander vertrauen können. Die Welt ist nicht nur schwarz und weiß – und Oscar ist immer noch dein Sohn, und wenn ihm jemand eine Chance gibt, dann solltest du das sein. Morgen kommt er zurück, und ich weiß, dass ich es dir übelnehmen würde, wenn ihr euch dann nicht in die Augen schauen könntet.“

    Er nickte bedächtig, während seine Gedanken bereits weitergezogen waren. Oscars Rückkehr stand schon morgen an, paradoxerweise hatte er kaum mehr daran gedacht. Seine Beteiligung bei der Beseitigung von Devons Spuren hatte in den letzten paar Tagen wie ein Vorhang vor dem Bild seines Sohnes gewirkt, war stets das erste gewesen, das seine mentalen Ressourcen gefesselt hatte. Verdrängt oder vergessen hatte Bates das Datum deswegen nicht, er erinnerte sich, wie er unter anderem Wedekind von Belaines anstehender Abreise erzählt hatte, aber…

    Er hatte Wedekind davon erzählt.

    Später konnte Joseph Bates nicht mehr mit Sicherheit sagen, warum ihn in diesem Moment genau dieser Gedankengang so geängstigt hatte, doch was er mit Bestimmtheit wusste war, dass er das körperlose Gefühl der Gefahr, das ihn lange genug verfolgt hatte, endlich zu fassen bekommen hatte. Anne hatte recht gehabt: Es würde ihm nichts bringen, einem bereits geschehenen Unglück nachzuhängen, zumindest nicht, solange die Chance bestand, dass sich ein weiteres ereignen könnte.

    „Danke.“ Er erhob sich, Anne schaute ihn verwundert an. „Du willst ihn jetzt gleich anrufen? Das Essen kommt doch bald.“

    „Sonst finde ich keine Ruhe.“

    „Du bist unmöglich.“ Sie lächelte, erleichtert über seine plötzliche Initiative. „Rufst du danach auch gleich Belaine rein?“


    Draußen schaute er sich nach dem Mädchen um, hielt sich, als er sie und sie ihn entdeckt hatte, demonstrativ das Telefon ans Ohr und ging auf den Parkplatz. Der Abend war kühl geworden, und während der Wind die bunten Blätter zittern ließ, zitterten Bates‘ Finger ebenfalls, als er Oscar anwählte. Es dauerte einen Moment, bis sich jemand meldete.

    „Dad?“

    „Oscar, hallo, du … hör zu, ich weiß, es ist kompliziert und wir haben uns vieles zu erklären, aber … es ist von allergrößter Wichtigkeit, dass du deinen Flug morgen streichst.“

    „Was hast du…“, mehrere Sekunden der Stille verstrichen, "was ist los, was soll das?“

    Bates holte tief Luft. „Ich glaube, dass du in Gefahr bist. Und ich habe dich reingeritten.“




    27. JANUAR?! Ulti H. und das Problem, dass immer irgendwas passiert. Nachdem ich dieses Kapitel lange, lange vor mir hergeschoben hatte wollte ich es eigentlich erst veröffentlichen, wenn das neueste Belaine-Bild für die schamlose Selbstpromo präsentabel ist, aber ich habe es anscheinend nur auf dem Desktop anstatt in der Cloud gespeichert und so beschloss ich, dass das Kapitel auch ohne vage assoziiertes Beiwerk erscheinen wird. Ähm. Hier ist es also, jenes Kapitel, das mich blendend grell als Schneider-Fanboy outet, es fließt der Flaschengeist in den Herbst hinein, während die Vergangenheit und die Selbstzweifel ausgegraben werden. Ich denke, ich sollte jetzt schnell den nächsten Teil anfangen, damit das hier nicht nur als Geschwätz in Erinnerung bleibt.


    Apropos Geschwätz:


    Zitat von Tychus Findlay, Mörder, Pirat, Verräter

    Hell, it’s about time.


    Zitat von René Descartes, Rationalist

    Ulti H. existiert trotzdem und es macht mich rasend.


    Zitat von Harald Lesch, Menschenfreund

    Stellen wir uns die Frage nach Ulti H., so dürfen wir uns nicht mit dem „wer“ begnügen, sondern müssen auch immer das „warum“ einbeziehen – miteinander, versteht sich.


    Rekommis kommen später mal, vorerst lieben Dank für eure Kommentare

  • Hallo,


    auch wenn es noch so klein war, hat mir besonders die Phrase „Die Welt ist nicht nur schwarz und weiß“ gefallen. In dieser Welt, in Einall, ist sie dank der zugehörigen Spiele noch präsenter und angesichts der Verstrickungen, in denen sich die teilhabenden Charaktere befinden, trifft das auch dementsprechend zu. Mehr über Ruby zu erfahren war interessant, genauso wie Dvorskys aktuelles Leben nebenbei beschrieben wurde. Ich finde es gut, dass Team Plasmas Taten in Relation zur Gegenwart gesetzt und mehr über die Nachwirkungen erzählt werden. Ein guter Cut am Ende; mal sehen, wie Oscar darauf reagiert.


    Wir lesen uns!

  • Eine Welt von Schwarz und Weiß


    Auch am Flughafen von Panaero City war es inzwischen Sonntag geworden, Abend ebenfalls. Durch die Glastüren des Eingangs schritt der Herr Bates, sein leichtes Gepäck selber tragend, und steuerte bestimmt auf die schwarze Limousine zu, die direkt auf dem Parkplatz davor wartete. Ein Fahrer war durch die getönten Scheiben nicht zu erkennen, auch stieg niemand aus, um ihm den Koffer abzunehmen – er öffnete die Tür, setzte sich und platzierte den Koffer neben sich.

    „Bates Manor.“

    Sie fuhren los.

    Erst als der Wagen die Autobahnauffahrt erreicht hatte, fielen weitere Worte. Die Chauffeurin, die die Mütze ihrer Uniform tief ins Gesicht gezogen hatte, starrte zwar unentwegt auf die Straße vor ihnen, ein gewisser Unterton in ihrer Stimme verriet jedoch, dass ihre Gedanken nicht um die anstehende Reise kreisten.

    „Meinen Respekt. Ich habe Sie unterschätzt.“

    Joseph Bates indessen war nicht nach einer Antwort, zumindest nicht sofort. Während er draußen die Landschaft beim Vorbeiziehen beobachtete, sonnte er sich in der Erkenntnis, dass sich ihn sein Gespür nicht getäuscht hatte – es war auch höchste Zeit geworden. Er schwieg und fragte sich, wie er nun seinen Kopf aus der Schlinge ziehen wollte, die Colette Wedekind für Oscar ausgeworfen hatte. Diese schien das monotone Brummen des Motors als einziges präsentes Geräusch ohnehin nicht zu gleichen Teilen zu schätzen wie er.

    „Was haben Sie jetzt vor?“

    „Ich lasse mich herumfahren.“

    „Hören Sie auf. Der Spaßvogel steht Ihnen nicht.“

    Bates sah zum Innenspiegel, sein Blick traf den von Wedekind. „Wir können nicht alle so facettenreich sein wie Sie, Colette.“

    Sie erwiderte nichts und gab Gas, ihren Blick wieder starr auf die Fahrbahn fixiert. Er hingegen betrachtete das Moor abseits davon, so vergingen einige leere Minuten, in denen sich nichts änderte außer das Tempo, in dem sie über den Asphalt brausten.

    „Glauben Sie, dass ein Menschenleben gegen eine Idee aufgewogen werden kann?“

    Er hatte die Frage plötzlich und wie beiläufig gestellt, doch ein weiterer Blick in den Spiegel sagte ihm, dass sie sehr wohl verstanden hatte, worauf er hinauswollte. Sie weinte. Stumm und unaufdringlich zwar, doch ihre Augen waren feucht und die Wangen ebenfalls. Dann schaute er wieder nach draußen, der Motor heulte.

    „Warum musste Melissa Zenk sterben?“

    Er brauchte sie nicht anzusehen, er konnte sich ausmalen, wie ihre Unterlippe zitterte, wie sich ihre Mundwinkel verkrampften und wie sich ihre Augen auch durch den Schleier der Tränen nicht aus ihrer Starre lösen wollten. Dann unterbrach sie ein aufkommendes Schluchzen, es klang beinahe schmerzhaft.

    „Ich habe Devon die Arbeit abgenommen. Es wäre ohnehin passiert.“

    Sie sprach unheimlich gefasst, ihrer Stimme hörte man die Tränen nicht an. Bates ließ ihr die Zeit, die sie brauchte.

    „Das Dossier. Das verdammte Dossier war der Grund, weshalb sie…“, sie schluckte schwer. „Darin war alles. Die Früchte monatelangen Grabens im Dreck, jeder unansehnliche Krümel, der im Laufe der Zeit an Devons fettem Wanst klebengeblieben war. Sie hatte alles, da drin…“

    „Es wäre eine Chance gewesen.“

    „Für Devon. Melissa hätte ihnen sämtliche Indizien auf dem Silbertablett serviert, wäre sie damit vor Gericht gegangen. Sie hätten eine Horde Anwälte auf den Prozess losgelassen, ihn unter den Tisch gekehrt und danach gewissenhaft alle Spuren entfernt. Auch … Melissa.“

    Bates schüttelte den Kopf. „Sie hätte ihre Stelle verloren. Und nicht mehr.“

    Die düstere Implikation hing wie eine schwarze Wolke über den beiden. Wedekinds Atmung beschleunigte sich krampfhaft, sie hyperventilierte und klammerte sich noch verbissener an das Steuerrad, während die Limousine erneut beschleunigte. So langsam machte sich Bates Sorgen um ihre Sicherheit.

    „Ich … ich wollte nicht. Niemand würde das wollen. Wir haben uns so oft gestritten. Man hat mich gezwungen… Es hätte nicht funktioniert. Keiner Gerechtigkeit wäre damit genüge getan gewesen, sie konnte nicht … ich musste sie daran hindern, sonst…“

    „Und jetzt?“, fiel ihr Bates in den abgehackter werdenden Monolog, „Und jetzt wäre es gerecht und richtig gekommen, wenn Sie sich an einem Funktionär Devons nach dem anderen abgearbeitet hätten?“

    „Natürlich stört Sie das!“, schrie sie unvermittelt auf, drückte das Pedal durch und ihren Passagier in seinen Sitz. „Glauben Sie, dass ich, wenn dem nicht so wäre, Sie damals auf dem Friedhof auch nur angesehen hätte? Es war ein Wink des Schicksals gewesen, wir beide trafen erneut aufeinander, doch Sie hatten mich bereits vergessen. Ich Sie aber nicht, Joseph Bates.“

    Die imposanten Pfeiler der Zylinderbrücke kamen nun in Sicht. Bei ihrem aktuellen halsbrecherischen Tempo würden sie sie im Handumdrehen passiert haben, Bates fragte sich, was danach passieren würde. Doch noch war Wedekind der Gesprächsstoff nicht ausgegangen.

    „Doch es ist grausam, das Schicksal. Wenn es denn so etwas überhaupt gibt. Wie konnten Sie…“, ihr Ton wurde wieder scharf und anklagend, „Verstehen Sie eigentlich, was ich getan habe?! Ich habe sie umgebracht.“ Die Tränen rannen weiter. „Für nichts. Weil Sie nicht…“

    „Weil ich die Rolle, die Sie mir zugedacht hatten, schlecht gespielt hatte.“

    Sie trat so abrupt auf die Bremse, dass der Wagen ausscherte und noch einige Meter über die Brücke schleuderte. Bates wurde nach vorne gerissen und der Sicherheitsgurt schnitt ihm in die Brust, doch er blieb heil. Als er sich wieder gesammelt hatte, sah er zu Wedekind, die wie betäubt am Steuer saß und in die Leere starrte. Er wartete ab, mit eiskalten Händen.

    „Das ist wichtig, verstehen Sie“, begann sie dann wieder, zögerlich. „Wichtig, dass ich es war, die Melissa … getötet hatte. Ich war es, die die Entscheidung getroffen hatte, dass sie damals am Teich sterben sollte, ich habe über ihr Leben verfügt.“ Sie griff in ihre Tasche und Bates wollte gerade unruhig werden, doch es war bloß die Pfeife, die sie hervorholte. Dann stützte sie den Kopf in die Hand, mit der sie sie umklammerte. Als sie weitersprach, lag keine Feindseligkeit mehr in ihrer Stimme, nur abgründige, flehende Reue. „Nicht Glitter Freeze. Glitter Freeze bewegt sich nicht in dem Rahmen, der unser aller Leben so miserabel gemacht hat. Schuld und Unschuld bedeuten nichts für ein Pokémon, nicht nach unserem Begriff. Melissas Blut klebt an meinen Händen, nicht an seinen Klauen… Bitte, vergessen Sie das nicht.“

    Sie führte einen Handgriff aus, den Bates von seinem Sitz aus nicht genau erkennen konnte, und warf ihm etwas nach hinten. Er fing es, es war die Pfeife … und der Autoschlüssel.

    „Colette, was…“

    Sie drehte sich zu ihm um, sah ihn aus verheulten Augen an, wie damals, bei ihrer vermeintlich ersten Begegnung. „Lassen Sie es nicht alleine, versprechen Sie es mir. Glitter Freeze verdient ein gutes Leben.“

    Dann stieg sie aus und schlug die Tür zu. Eine böse Ahnung stürzte sich auf Bates, er sprang ebenfalls aus dem Wagen und folgte ihr mit weichen Knien. Die Sonne versank in diesem Moment spektakulär hinter dem Horizont und ließ den Fluss unter ihnen in den schönsten Farben erstrahlen, Wedekinds Silhouette hob sich dunkel und fragil vom Abendhimmel ab.

    „Colette!“ Bates hastete ihr hinterher, doch sie hatte bereits eine Hand auf das Geländer gelegt. „Machen Sie keine Dummheiten!“

    „Damit kommen Sie jetzt?“ Sie lächelte ihn an, verzweifelt, geschlagen. „Aber … warum?“

    Der kritische Augenblick, der Bates geblieben wäre, um sie hinzuhalten, verstrich, als er Luft holen musste. Wedekind wurde plötzlich wieder finster.

    „Warum, frage ich?! Was wollen Sie überhaupt noch? Sie haben gewonnen, Kommissar, und ich habe verloren, auf ganzer Linie. Ich habe versagt. Ich habe eine geliebte Person ermordet, ich habe sie geopfert … für nichts. Und ich habe Sie benutzt, ausgenutzt, Sie und ihre Familie, ich habe Sie verwirrt und getäuscht, ich habe Ihr Leben bedroht! Ich wollte Ihren Sohn umbringen!“

    Den letzten Satz kreischte sie regelrecht, bevor sie von einem Schluchzen durchgeschüttelt wurde. „Was kümmert es Sie, was aus mir wird? Hassen Sie mich! Ich flehe Sie an, hassen Sie mich doch endlich! Nichts anderes habe ich verdient.“

    Bates trat einen Schritt nach vorne, Wedekind hob ein Bein auf das Geländer. Er blieb stehen, Rauschen in den Ohren und Zittern in den alten Gliedern.

    „Tun Sie das nicht“, stieß er schließlich hervor, „werfen Sie nicht noch ein Leben weg wegen einer Idee.“

    „Wegwerfen“, spie sie aus, „das können Sie schon sagen. Wie können Sie überzeugt von Ihrem Handeln sein, wenn Sie sich schon weigern, mich für das meine zu verurteilen?“

    „Die Welt“, raunte Bates, „ist nicht nur schwarz und weiß. Sie glauben vielleicht, dass es für Sie nur einen Ausweg gibt, aber das stimmt nicht. Das stimmt nicht, hören Sie? Kommen Sie zur Vernunft, Colette! Sie mögen ein großes Unglück verursacht haben, aber um Himmels Willen, Sie sind mehr als nur das!“

    Sie hob sich auf das Geländer und sprach mit einer ruhigen Abgeklärtheit, mit einer Resignation in der Stimme, die Bates schaudern ließ. „Ihre Welt, Kommissar. Ihre Welt mag nicht nur schwarz und weiß sein, und nur in ihrer Welt können Sie mich, die Mörderin, nicht verachten wollen. In Ihrer Welt liegt über allem ein matschiger, grauer Schleier, und alleine Ihre Launen bestimmen den Farbton, den Sie wahrnehmen wollen. Aber in dieser Welt will ich nicht leben.“

    Damit lehnte sie sich zurück und fiel.

    Während Bates noch wie vom Blitz getroffen auf der Straße stand, näherte sich unter ihm ein Zug. Er war nicht rechtzeitig da – Wedekinds Aufprall auf der Wasseroberfläche erfolgte, noch bevor der Schienenlärm ihn übertönen konnte. Es war ein furchtbares Geräusch, absolut und endgültig, doch Bates wusste, dass ihn dieses Erlebnis noch lange Zeit nicht loslassen würde. Er fühlte sich, als wäre er an ihrer statt gefallen, taub und leer. Verloren. Aus seinem Mantel holte er die Zigarettenschachtel, steckte sich mit bebenden Händen eine Mayfield an und rauchte sie in drei Zügen. So stand er auf der leeren Straße, vor ihm der tiefe Fall und hinter ihm, mitten auf der Fahrbahn, der abgestellte Wagen, und löste sich erst aus seiner Starre, als die Sonne verschwunden und der Himmel violett geworden war. Danach setzte er sich ans Steuer und fuhr zu Anne.


    Oscar hatte seine Bitte beherzigt und hatte erst in der Nacht auf den Montag den Flug von Hoenn genommen, was Bates ihm nicht nur hoch anrechnete, sondern ihn auch ungemein erleichtert hatte. Am Vormittag hatte er den Wagen zum Anwesen zurückgebracht und einige Worte mit dem Fahrer getauscht – der arme Mann hatte erst seine Verwirrung über das gestrige Verschwinden des Autos zum Ausdruck gebracht und danach seine Empörung über die Polizei, die am Sonntag die Füße hochlegte, sich dann aber erleichtert gezeigt und keine weiteren Fragen mehr gestellt.

    Später fasste sich Bates ein Herz und telefonierte Hall, um ihn über die Leiche zu informieren, die man möglicherweise demnächst vor Marea aus dem Wasser ziehen würde – zuversichtlich war er aber nicht. Einige kritische Fragen später glaubte er die Polizei informiert genug, um sich entlastet zu fühlen und war um eine Verabredung in der Waage reicher, bei der er sich noch ein letztes Mal mit Zenk beschäftigen musste. Danach ging er mit Belaine und Nott spazieren.

    Als sie zurückkamen, stand die schwarze Limousine wieder auf dem Vorplatz und Oscar in der Küche. Bates freute sich heimlich über die Selbstverständlichkeit, mit der er bei seinem Anblick lächeln konnte, die Anschuldigungen und Vorwürfe schienen in diesem Moment weit entfernt und fremd. Nachdem sie Belaines Koffer aus dem Haus geschleppt hatten, sprach er noch sein Beileid für Zenk aus. Oscar nahm es gefasst zur Kenntnis, bedankte sich für ihre Gastfreundschaft und Bates‘ Mühen, wobei er mehr oder weniger durchschimmern ließ, dass er noch nicht alle Eigenheiten des Debakels, dem er gestern entgangen war, an ihren korrekten Platz setzen konnte. Sie einigten sich, dass dies nicht weiter schlimm sei und umarmten sich zum Abschied. Bei der Abfahrt hielt Belaine Nott aus dem Fenster, der jaulend einige Flämmchen spie und winkte ihnen zu, bis sie außer Sichtweite geraten waren.

    Als es spät geworden war, ging Bates auf die Terrasse hinaus und blieb im Garten stehen, den in der Nachtluft farblosen Wald selbstvergessen betrachtend. In seiner Hosentasche befand sich noch immer die Pfeife, er nahm sie heraus und musterte sie lange und nachdenklich, bevor er sie an den Mund führte und hineinblies.






    Ist es das? Ich glaube, das ist es. Der November ist nur noch eine blasse Erinnerung, die keine Macht mehr über meinen Schaffensdrang ausüben kann – trotzdem hat der endlich ausgereicht, um dieses Projekt Ende zu führen. Eigentlich bin ich es mir nicht gewohnt, Dinge zu beenden, darum lasst mich zur erleichterten Verarbeitung noch etwas weiterpalavern; ich hatte meinen Spaß, wirklich. Angefangen bei der Planung bis hin zum präzisen Platzieren von Wörtern war es mir eine Freude, ich mag zwar nicht immer inspiriert gewesen sein, aber gut Ding will Weile haben und ich finde, die Weile qualifiziert dieses Werk unter anderem als gutes Ding. Um mir aber nichts einzureden rufe ich alle Interessierten auf, ihre Einschätzung abzugeben und bedanke mich im gleichen Zug bei allen, die dies bisher so herzlich getan haben - Rusalka & Flocon ihr seid toll und habt mir viel Bestätigung und wichtige Rückmeldungen geliefert, vielen Dank an euch und alle anderen, die dabei waren!


    Meiner persönlichen Einschätzung nach ist die Geschichte ziemlich so gekommen, wie ich sie anfänglich geplant hatte, bis auf einige Namen und einzelne verfeinerte Interaktionen konnte ich mich an das Skript halten und unter dem Strich bin ich zufrieden. Ein letztes Mal wollen wir nun unser Augenmerk auf gewichtige Aussagen aus mehr oder weniger realen Umgebungen werfen:


    Zitat von Sebastian Meisinger aka YSL Beezy, Kulturimporteur

    Graue Tage ist groß, Motherfucker, wie das Gegenteil von klein.


    Zitat von Javier Milei, Träger einer Frisur

    Die Worte wurden gesprochen, die Kapitel haben gesungen; und Ulti H. würde sich abheben, wenn denn all diese heiße Luft der Last des nun geretteten Literaturhandwerks entgegenwirken könnte.


    Zitat von Marianne Feuchter, älteste junge Frau der Welt

    Stinkt ds Büsi?


    Wir lesen uns ✌️

  • Hallo,


    es ist interessant, wie sich am Ende alles zu einem Ganzen zusammenfügt. Vor allem gefiel mir der Beginn, als nur von einem Herrn Bates die Rede war und sich nach dem letzten Kapitel erst herausstellen musste, welche Konstellation da nun im Auto sitzt. Während des Gesprächs ist deutlich erkennbar, dass sich Colette nicht nur ausspricht, sondern auch um das Wohlergehen ihres Partners Sorgen macht. Auch wenn sie es selbst nicht wahr haben wollte, lassen sich auch ihre Taten nicht vollends in Schwarz und Weiß einteilen. Angesichts des grauen Schleiers der Welt ist das ein passender Abschluss.


    Wir lesen uns!

  • Na gut, ich habe mich heute dann doch endlich dazu überwunden deine Story neu anzufangen. Zum NaNoWriMo hatte ich sie schon einmal gestartet, aber wie erwähnt fallen gelassen, weil ich keine Zeit hatte und ich mich dann einfach nicht mehr dazu aufraffen konnte. Da ich aber großer Fan deiner RPG Beiträge und der Story darin bin, wollte ich das dann doch nochmal versuchen. Ich muss dir also nicht zum hundertsten Mal sagen, dass ich deinen Schreibstil mag und mich deine Erzählweise packt, wie keine andere. Du schaffst es einfach, mich mit jedem Wort zu fesseln und so habe ich die ersten beiden Kapiteln jetzt inhaliert und bleibe dabei: Du bist der Wahnsinn. Ich werde auf jeden Fall noch den bisher erschienen Rest lesen und so zu deinem Fangirl#1 mutieren, also mach dich darauf gefasst.


    Kapitel 1 beginnt so langweilig, fast so grau wie der Titel und die ignorante Hassliebe zwischen Vater und Sohn wird nur durch das freche Hunduster abgerundet, das mich einfach viel zu sehr an meinen eigenen Hund erinnert. Als Bates und Belaine das vermeintliche Branawarz begutachten wollten, hatte ich zu Beginn eher Angst, dass Nott da für Stress sorgen würde und konnte erleichtert aufatmen, als sie es angebunden ließen, um das, was sich hinter dem abgeknickten Schilf befindet, nicht nervös zu machen … blöd nur, dass sich da gar nichts mehr mit intakten Nerven versteckte. Ich hatte wirklich nicht mit dem Ende des ersten Kapitels und somit dem Beginn der Geschichte gerechnet, aber ich war ekelhaft positiv überrascht.


    Zu Kapitel 2 werde ich nicht viel sagen, außer dass mir dieser Satz – als er zum zweiten Mal auftauchte – eine Mischung aus Lächeln und Augendreher ins Gesicht zauberte:

    Persönliche Neugierde, alte Gewohnheit, was weiß ich.

    Irgendeine Magie hatte das an sich und vollendete das Kapitel für mich komplett. Auch wenn nicht viel passiert ist, wurde man als Leser:in einfach in die Welt hineingesaugt, so als wäre man selbst irgendwie die Person an der Bar, keine Ahnung. Ich melde mich vermutlich dann einfach wieder nach den nächsten beiden Kapiteln, also bis bald.

  • ERNEUT HALLO.


    Ich beziehe mich in diesem Beitrag auf die Kapitel 3 bis 5, auf die letzten beiden gehe ich demnächst noch ein. Ich kann mich außerdem nicht immer auf ein Kapitel an sich beziehen, sondern werde das so ein bisschen vermische, weil ich sie gestern gelesen habe und jetzt nur noch auf das eingehen kann, was ich noch weiß.



    Dazu kam er sich gehörig lächerlich vor, wie ein Detektiv aus einem Kinderbuch ausgerechnet Fußspuren zu verfolgen, doch dem geschenkten Pampross wollte er nicht ins Maul schauen.

    Den ersten Satz fand ich dermaßen auflockernd, weil das einfach so lächerlich klingt und Bates in ein kindliches Licht rückt. Hat mir in dem Moment sehr getaugt, fast so sehr wie Wortwitze, in denen Tiere durch Pokémon ersetzt werden. Hilarious.

    „Oscar, ich – tut mir leid, ich wollte nicht…“

    „War das dann alles?“

    Selbst wenn es nicht alles gewesen wäre, Bates wollte nur noch aufhängen.

    „Ja. Tut mir leid.“

    Der ganze Dialog war geladen mit Emotionen, aber genau diese Stelle hat mich richtig überzeugt. Es wirkt so hilflos und man weiß nicht, mit wem man mehr mitfühlen soll. Die angespannte Vater-Sohn-Beziehung macht Oscar übrigens an dem Punkt noch sehr verdächtig in den Mord verwickelt zu sein.


    „Von der Spurensicherung. Bei Zenk war eine weitere Person, der Mörder: Schuhgröße 46, grobes Profil, sehr wahrscheinlich Wanderschuhe. Seltsam aber ist die Gangart – die Schrittlänge scheint wie willkürlich zu variieren und der Großteil des Gewichts lagerte auf dem vorderen Teil des Fußes. Wer so geht, müsste eigentlich auffallen.“

    „Bei der Schuhgröße wahrscheinlich ein Mann?“

    Oder eine Frau in viel zu großen Schuhen, was auch die Gangart erklären könnte...

    Wie ihre kleinen Füßchen darin herumrutschten, kein Schritt dem anderen glich und die klobigen Dinger sie mehr als einmal beinahe nach vorne zogen – sein Lächeln gefror, sein Herz setzte für einen Augenblick aus.

    Ich habe es dir schon geschrieben: ICH WUSSTE ES. Ich liebe diesen Belaine-Moment.


    Aber Oida. So viele Gespräche in diesem Kapitel, und ehrlich gesagt habe ich nicht das Gefühl, auch nur einem davon gerecht geworden zu sein. Es ist alles so … schnell.

    Das einzige, das hier schnell ging, war mein Aufsaugen deiner FF. Ich finde, du bist den Gesprächen mehr als gerecht geworden und ich weiß nicht, ob es an mangelndem Vergleich liegt oder, dass ich generell ein Fan von deinem Schreibstil bin, aber ich könnte gerade nicht glücklicher sein, die FF zu lesen. Bin auf jeden Fall sehr gespannt und melde mich nach den letzten beiden Kapiteln noch einmal.


    Deine Geschichte lädt durch diese anhaltende Melancholie auch sehr zum Zeichnen ein und irgendwie würde es mich schon reizen, da was dazu zu machen.