Geschrieben in Feuer

Die Kronen-Schneelande erwartet euch!


Alle Informationen zum zweiten Teil des Erweiterungspasses "Die Schneelande der Krone" findet ihr bei uns auf Bisafans:

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  • Momentan arbeite ich immer noch an einer Kurzgeschichte, die sich allerdings als etwas widerspenstig herausstellt — oder besser gesagt, meine Motivation ist widerspenstig und deshalb ist es gerade schwer daran zu schreiben, obwohl der Plot schon fest ist. Wird hoffentlich demnächst mal fertig.


    Und endlich kann ich sagen: ja, sie ist fertig geworden!
    Zuerst aber möchte ich noch auf die beiden Kommentare eingehen, vielen Dank @Thalfradin Sturm-Sucher und @meridian, dass ihr euch die Zeit genommen habt!






    Die folgende Kurzgeschichte ist für mich eine kleine Prämiere, weil ich sehr selten mit Menschen schreibe und bisher noch nicht über Fabelwesen geschrieben hab. Und dann sind's auch noch humanoide Fabelwesen!
    Die Idee zu dieser KG hab ich schon eine Weile, der Plot hat sich allerdings etwas zur ursprünglichen Idee verändert. Letztendlich entstand die ganze Sache aus einem einzelnen "Moment", der mir in den Sinn kam. Seit paar Jahren beschäftige ich mich immer mal wieder etwas mit Fabelwesen und Märchen und so weiter, dass das alles wohl irgendwie mitgespielt hat. In Zukunft möchte ich mich jedenfalls mehr mit Fabeltieren beschäftigen und über sie schreiben -- mal sehen, was dabei so herauskommt. (:  
    Im Spoiler gibt's übrigens ein paar Notizen zu dieser Geschichte, nichts großartiges, aber ich dachte mir, ich teil die trotzdem mal.


    Die Kurzgeschichte ist zudem auch ein Geschenk für @Rusalka, weil ich nicht abstreiten kann, dass er für mein vermehrtes Interesse an Fabelwesen etwas verantwortlich ist. :3



    Flötenklänge


    Goldenes Sonnenlicht floß zwischen den Lücken des Blätterdachs auf den Waldboden. Auf der leicht bewegten Wasseroberfläche des Sees sprangen die letzten Strahlen wie Funken, als das Gezwitscher der Vögel einsetzte. Das gleichmäßige Hacken eines Buntspechts gab einen ungewöhnlichen Takt vor, der den Tanz der Libellen zwischen den Rohrkolben zu begleiten schien. Die Luft war warm und feucht, doch je weiter die Sonne sich dem Horizont zuneigte, desto kühler wurde es. Der Ruf eines Falken erklang von der Ferne, als das Licht immer blasser wurde und sich das Wasser des Sees im Zwielicht kaum noch erahnen ließ. Unter den dichten Kronen des Waldes war es bereits finster, sodass der rote Pelz des Fuchses schwer auszumachen war. Die Jäger der Nacht verließen ihre Schlafplätze und als ein runder Vollmond im tintenschwarzen Himmel leuchtete schrie ein Uhu irgendwo zwischen den Bäumen.
    Gekicher und einzelne Flötentöne erklangen plötzlich aus dem Wald und näherten sich dem See. Neugierig blickte ein Dachs von seiner Futtersuche am Seeufer auf, als die Gestalten aus dem Schatten der Bäume traten. Tänzelnd und sich immer wieder drehend gingen die ausgelassen lachenden Dryaden zum Rand des Ufers. Sie fingen an ihre Flöten und Harfen zu spielen, klatschten den Takt mit und tanzten freudig auf und ab. Einige Waldbewohner blieben stehen und beobachteten die Nymphen für eine Weile, gingen jedoch bald ihrer Wege. Sie wussten, dass von diesen bildhübschen Wesen keine Gefahr ausging.
    Die Melodie schwebte durch die Nacht und war auch unter der Wasseroberfläche zu hören. Ein breites Lächeln erschien auf Jalos Gesicht, als er die vertrauten Töne vernahm. Geschwind schwamm der Nix von der Mitte des Sees zu dem Holzsteg, der sich vom Ufer aus mehrere Ellenlängen über das Wasser streckte. Jalo zog sich an einem der Stämme hoch, sodass er die tanzenden Nymphen in einiger Entfernung sehen konnte. Mit seinem Fischschweif schlug er immer wieder von einer Seite zur anderen, um an der Oberfläche bleiben zu können. Er hatte die Dryaden schon oft beobachtet, im Sommer tanzten sie jede Nacht. Der Anblick faszinierte ihn, wie sie sich auf ihren zwei Beinen drehten und ihre Instrumente spielten. Doch nie hätte er sich getraut auf sich aufmerksam zu machen. Lieber tat er es den Tieren gleich und lauschte der Musik und ihrem Gelächter.


    Doch mit einem Mal verklang die fröhliche Melodie und die Dryaden hatten aufgehört zu tanzen. Es dauerte eine Weile, bis für Jalo der Grund dafür sichtbar wurde, denn der Blick der Nymphen war in den finsteren Wald gerichtet. Schließlich kam eine Gestalt ins Mondlicht. Der Oberkörper des Wesens war menschlich, doch an den Seiten seines Kopfes wuchsen die gebogenen Hörner eines Widders. Von der Hüfte abwärts war der Faun mit dichtem, dunklen Fell bedeckt und seine Beine glichen denen eines Ziegenbocks. Als die Dryaden den Faun erkannten begannen sie wieder ihre Instrumente zu spielen und zu tanzen. Der Neuankömmling reihte sich ein, stampfte ausgelassen mit seinen gespaltenen Hufen, während er sich zu der Melodie drehte. Jalo kam nicht umhin ihn zu beneiden. Wie gern hätte er sich ebenfalls dem fröhlichen Tanz angeschlossen!
    Doch die Nymphen hatten den Faun bereits durchschaut. Er versuchte ihnen näher zu kommen und festzuhalten, doch sie brachten sich tänzelnd und drehend immer wieder außerhalb der Reichweite seiner Arme. Sie ignorierten seine schmeichelnden Worte, als er begann einige Verse aufzusagen. Der Nix konnte vom Steg aus nur die dunkle Stimme des Faun hören, die immer ungeduldiger und zorniger wurde. Schließlich entkam ein wütendes Meckern seinem Hals, als er auf eine der Dryaden zu stürzte. Er entriss ihr die Flöte und stellte Forderungen, die Jalo jedoch nicht verstehen konnte. Der Faun sprach noch einige wütende Worte bis er sich schließlich zum Steg wandte. Augenblicklich ließ der Nix sich ins Wasser fallen, tauchte unter und schwamm mehrere Ellen in den See hinaus. Was oberhalb der Wasseroberfläche vor sich ging, konnte er nur dumpf hören bis schließlich etwas platschend im See landete. Daraufhin folgten einige erschrockene Schreie und als diese verklungen waren breitete sich eine drückende Stille aus. Neugierig schwamm Jalo zu der Stelle, wo er das Platschen gehört hatte. Der Mond schien durch die Wasseroberfläche, doch es hätte für keinen Menschen gereicht in dem tiefen See etwas zu erkennen. Für den Nix reichte das kalte Licht jedoch und er fand auf dem Grund eine hölzerne Flöte. Er hob das Instrument auf, betrachtete es in seinen Händen, drehte es mit den langen Fingern zwischen denen sich Schwimmhäute spannten.
    Jalo verstand nicht, warum der Faun das getan hatte, aber er dachte nicht lang darüber nach, sondern schwamm zurück zum Holzsteg. Wieder zog er sich an einem der Stämme hoch, um das Ufer sehen zu können. Doch keine der Dryaden war zu sehen. Er wartete eine Weile, hoffte darauf, dass sie zurückkommen würden, aber auch nach längerem Warten hatte er nur einen Dachs gesehen und einige Eulenschreie gehört. Nachdenklich glitt Jalo wieder ins Wasser und schwamm aufs Ufer zu. Wenn er die Flöte dort hinlegen könnte, würden die Dryaden diese bestimmt in der nächsten Nacht finden! Doch der See wurde immer seichter, sodass der Nix kurz vor seinem Ziel nicht mehr weiterkam. Für einen Herzschlag dachte er darüber nach, sich an Land zu ziehen. Würde er es aber wieder zurück in den See schaffen? Noch viel wichtiger war jedoch: würden sich die Dryaden ihm überhaupt nähern? Unsicher betrachtete er die Flöte in seiner rechten Hand. Er wollte sie auf jeden Fall zurückgeben! Fest umklammerte er das kleine Instrument, als er sich mit den Fäusten abstützte damit er sich umdrehen und zurück in den See schwimmen konnte. Sobald das Wasser wieder tief genug war, tauchte er unter und verschwand in der Dunkelheit.


    Orangefarbenes Licht hatte sich im Osten hoch genug gekämpft, um über die dichten Baumkronen hinweg den See zu erleuchten. Nebelschwaden hingen noch über dem glitzernden Wasser, als Meisen und Spatzen den neuen Morgen mit ausgelassenem Zwitschern begrüßten und dabei von Amseln begleitet wurden. Wieder klopfte der Specht in seinem ganz eigenen Takt und am Waldrand ästen einige Rehe. Keckernd gerieten zwei Eichhörnchen aneinander und jagten sich daraufhin von Ast zu Ast. Sogleich hoben die scheuen Rehkühe die Köpfe und zogen sich schnell in den Wald zurück. Auf dem See gründelten derweil die Enten zwischen dem Schilfrohr, tauchten immer wieder hinab und schüttelten die Wassertropfen aus ihrem Gefieder.
    Lächelnd betrachtete Melina die Idylle als sie den letzten Baum des Forstes erreichte. Sie strich der alten Buche über die Rinde, fuhr mit ihren Fingern die Risse im Holz nach. Schließlich trat sie aus dem Schatten auf die Wiese, die sich bis zum Ufer des Sees erstreckte. Das Sonnenlicht fiel auf ihre helle Haut und je näher sie dem Wasser kam, desto ernster wurden ihre Gesichtszüge. Sie war gewillt ihre Flöte zurückzuholen. Auch wenn sie noch gar nicht wusste, wie sie das bewerkstelligen sollte. Das Gras unter ihren Füßen stoppte abrupt, als sie den Steg erreicht hatte, der sich mehrere Ellen in den See streckte. Das Holz war noch feucht von der Nacht, begann aber bereits unter der warmen Sonne zu trocknen.
    Melina schritt an das Ende des Stegs, setzte sich und ließ ihre Beine über dem Wasser baumeln. Ratlos blickte sie in die Ferne und fragte sich, wie sie es bloß schaffen sollte, ihre Flöte zu finden. Sie war noch nie geschwommen oder getaucht. Um ihr Instrument wiederzubekommen brauchte sie Hilfe.


    Jalo näherte sich mit dem Kopf aus dem Wasser einer Biberburg im westlichen Teil des Sees. Die Tiere mit dem dunklen Fell schliefen im Inneren des Baus, doch selbst, wenn sie den Nix gesehen hätten, hätten sie sich über ihn nicht gewundert. Vorsichtig befreite Jalo die Holzflöte aus dem Geflecht aus Ästen. Er wusste was mit Holz geschah, wenn es zu lang mit Wasser in Berührung kam, deshalb hatte er sich dafür entschieden die Flöte hier zu verstecken. Mit einem erleichterten Lächeln betrachtete er das Instrument, bevor er wieder hinabtauchte und zum Holzsteg schwamm. Irgendwie musste er die rechtmäßige Besitzerin finden oder es zumindest möglich machen, dass sie fand, was man ihr weggenommen hatte.
    Als der Nix die Mitte des Sees erreicht hatte, tauchte er kurz auf, nur um augenblicklich wieder unter Wasser zu verschwinden. Die Gestalt, die auf dem Steg saß hatte ihn erschrocken. Mit klopfendem Herzen näherte er sich und tauchte einige Ellen tiefer. Ob das vielleicht die Dryade war, der die Flöte gehörte?


    Seufzend erhob sich Melina und blickte auf die Wasseroberfläche, die die Umgebung widerspiegelte. Es wirkte, als wäre der See das Tor zu einer anderen Welt. Plötzlich hörte sie hinter sich ein Geräusch und drehte sich ruckartig um. Doch sie konnte nichts entdecken, nur eine Amsel flog in einiger Entfernung auf. Aber die konnte den dumpfen Laut nicht erzeugt haben. Verwundert schritt die Dryade zurück in Richtung Ufer, den Blick auf das Holz unter ihren Füßen gerichtet.
    „Seltsam“, murmelte sie halblaut, bevor sie sich wieder umdrehte. Sie musste immer noch eine Lösung für ihr Problem finden. Als sie die Augen wieder auf das weite Wasser richtete, fiel ihr etwas auf dem Ende des Stegs auf. Eilig ging sie darauf zu und beugte sich zu dem Gegenstand hinab.
    „Meine Flöte!“, rief sie freudig aus und machte eine kurze Drehung, bevor sie den Zustand des hölzernen Instrumentes überprüfte.
    Ein nahes Platschen ließ sie aufschauen. An der linken Seite des Stegs wellte sich das Wasser.
    „Ist da jemand?“, fragte sie laut. „Hast du mir meine Flöte wiedergebracht?“


    Die Frage der Dryade erreichte Jalo dumpf unter der Wasseroberfläche. Sie hielt ihn davon ab fortzuschwimmen. Er blickte über die Schulter zurück und fragte sich, ob das die Gelegenheit sein könnte, auf die er immer gehofft hatte. Es gab so viel, was ihn an Land interessierte, aber die Angst hatte ihn immer davon abgehalten. Seine Erscheinung war ungewöhnlich, selbst der grobe Faun war in seinen Augen ansehnlicher als der Nix selbst.
    Doch war die Ablehnung wirklich schlimmer als die Reaktion der Dryade nie zu kennen?
    Ruckartig drehte er sich um und schwamm an die Oberfläche.


    Melina setzte sich verwirrt auf das warme Holz und wartete. Irgendjemand hatte ihr das vermisste Instrument wieder gebracht. Sie musste sich bei demjenigen bedanken! Außerdem wurde sie langsam neugierig. Nicht einmal die Tiere des Waldes versteckten sich bewusst vor ihr. Eigentlich kannte sie kein Wesen, welches sich vor einer Dryade verbergen würde. Also musste dies jemand Besonderes sein. Und noch dazu im Wasser leben!
    Schließlich bemerkte sie einen dunklen Schatten, der sich der Oberfläche des Sees näherte. Ein Kopf tauchte aus dem Wasser auf und Melinas Augen weiteten sich vor Überraschung. Das dunkelbraune, schulterlange Haar hing triefnass an dem schmalen menschlichen Gesicht. Die Haut hatte einen feuchten Schimmer und die Augen die Farbe von dunkler Baumrinde nach einem Regenguss. Das Wesen näherte sich dem Pfahl neben der Dryade und zog sich daran hoch. Sie konnte nun die beinahe unscheinbaren Kiemen am Hals erkennen, sowie die Schwimmhäute zwischen den langen Fingern.


    Jalo war zu beeindruckt vom Aussehen seines Gegenübers, um etwas zu sagen. Die Haare der Nymphe waren hellbraune Locken in denen Blätter hingen. Um ihren Oberkörper rankten sich dunkelgrüner Efeu und hellroter wilder Wein bis zu ihren Hüften, wo ein weißes Leinentuch ihr als ihr als Rock diente. Doch besonders faszinierten ihn die grünen Augen der Dryade, die wie das Blattwerk der Bäume schimmerten, wenn das Sonnenlicht hindurch fiel.


    „Hallo“, schaffte Melina es schließlich zu sprechen. Der Nix zuckte kurz zusammen, als hätte sie ihn erschreckt. „Hast du mir meine Flöte wiedergebracht?“ Ein kurzes Nicken folgte.
    „Vielen Dank“, meinte sie lächelnd. „Ich bin so froh sie wieder in den Händen halten zu können, weil ich Angst hatte, sie nie wiederzusehen. Wie heißt du?“
    „Jalo“, brachte der Nix hervor und schlug die Augen nieder. Es fühlte sich seltsam an tatsächlich mit der Dryade zu sprechen. Vor lauter Aufregung schlug sein Herz so laut, dass er sicher war, sie müsste es hören.
    „Freut mich sehr dich kennenzulernen“, erwiderte sie, „mein Name ist Melina. Wie hast du die Flöte gefunden?“ Die tiefe Stimme des Nix klang angenehm, obwohl er nur ein einziges Wort gesagt hatte. Melina wollte ihm weiter zuhören.
    „Nun“, begann Jalo zögerlich, „ich war gestern hier und hab dir und den anderen Dryaden zugehört. Eure Lieder sind immer so schön, dass ich gern jede Sommernacht hier beim Steg bin und euch lausche. Und als der Faun deine Flöte in den See geworfen hat, schwamm ich gleich hin, weil ich nicht sehen konnte, was es war.“
    „Wie gut, dass du da warst“, sagte Melina und betrachtete das Instrument in ihren Händen. „Wer weiß, in welchem Zustand sie sonst gewesen wäre, wenn sie noch länger im Wasser gelegen hätte.“
    „Was wollte der Faun gestern Nacht?“, wollte der Nix plötzlich wissen. Verwundert schaute sie auf. Bisher hatte sie das nie erklären müssen, aber vielleicht wusste Jalo es tatsächlich nicht.
    „Ich bin ein bisschen überrascht, dass du das fragst“, gab sie zu. „Aber vielleicht wirke ich auf dich auch anders. Faune werden regelrecht verrückt, wenn sie Nymphen sehen. Richtig liebestoll. Es gibt Momente, da haben wir nichts dagegen, aber manchmal sind die Faune zu aufdringlich.“
    Jalo nickte als er meinte: „Scheinbar eine ähnliche Wirkung, wie Nixe auf Menschen haben. Die werden dann auch ganz merkwürdig und folgen uns ins Wasser.“
    „Und das wollt ihr nicht?“, fragte Melina vorsichtig.
    „Ich nicht“, gab er zurück. „Es gibt welche von uns, die das gern machen. So wie sich wohl auch ein paar Nymphen gern auf Faune einlassen.“
    „Aber du spürst keinen Anflug von Liebestollheit?“, wollte die Dryade prüfend wissen, woraufhin Jalo den Kopf schüttelte.
    „Nein, aber möchtest du mir denn ohne nachzudenken ins Wasser folgen?“
    „Sicherlich nicht“, erwiderte Melina ängstlich, „ich kann gar nicht schwimmen.“
    „Dann ist ja gut“, sagte der Nix mit deutlich hörbarer Erleichterung. „Sonst hätte ich es nämlich sehr bereut mich dir gezeigt zu haben.“
    „Ich bin froh, dass du es getan hast. Weil ich mich unbedingt bei demjenigen bedanken wollte, der mir meine Flöte wiedergebracht hat.“
    „Gern geschehen“, gab Jalo lächelnd zurück. „Mir war auch wichtig, dass du sie wiederbekommst.“
    Für einen kurzen Moment schwiegen beide und ließen die warmen Sonnenstrahlen auf ihre Haut scheinen. Der Himmel über ihnen war azurblau, keine Wolke war zu sehen und nur ein schwacher Wind strich über das Wasser. In den Blättern der Bäume flüsterte es dabei leise, doch das wurde von dem Gezwitscher der Vögel beinahe übertönt.
    Melina betrachtete noch einmal ihr Instrument, bevor sie es an den Mund führte und zu spielen begann.
    Die kleine Melodie schwebte durch die feuchte Luft und ließ ein paar Eichhörnchen in ihrem Keckern verstummen. Der Nix kannte dieses Lied nicht, was ihn nur noch mehr über das Flötenspiel der Dryade staunen ließ. Hohe und tiefe Töne wechselten sich harmonisch ab, sie klangen fröhlich und forderten zum Tanzen auf. Da Jalo aber nicht wusste, wie er das bewerkstelligen sollte, klopfte er nur verstohlen mit seiner Hand auf das Holz. Lächelnd schloss er die Augen und vergaß die Welt um ihn herum. Als die Musik schließlich leiser wurde und schließlich verklang, war es dem Nix, als wäre er aus einem Traum erwacht.
    „Das war wunderschön“, sagte er ehrfürchtig. Melina lächelte verlegen.
    „Danke schön, ich hab dieses Lied bisher noch niemandem vorgespielt, weil ich mir noch nich sicher war, ob es schon gut ist.“
    „Ich finde es herrlich“, erwiderte Jalo breit grinsend, doch seine Züge wurden schnell traurig.
    „Was ist los?“, fragte Melina besorgt und rückte etwas zu ihm. Erst jetzt fiel ihr auf, dass seine Haut den feuchten Schimmer verloren hatte und seine braunen Haare beinahe getrocknet waren.
    „Ich würde gerne noch länger hier bleiben, aber ich kann in der Sommerhitze nicht lang außerhalb des Wassers sein.“
    „Aber natürlich“, sagte die Dryade verständnisvoll. „Es ist wichtig, dass du auf dich aufpasst. Ich sollte auch zurück in den Wald, hier draußen könnten mich die falschen Wesen entdecken.“
    „Das solltest du auf jeden Fall tun“, stimmte der Nix ihr zu.
    Melina erhob sich und fragte: „Sehen wir uns heute Nacht?“
    „J-ja, sehr gerne“, brachte ihr Gegenüber überrascht hervor. Nie hätte er gedacht, dass sie ihn wiedersehen wollte und dann auch noch so bald!
    „Ich freu mich“, grinste sie, „und jetzt tauchst du schnell wieder in den See, ja?“
    Jalo nickte und ließ sich zurück ins Wasser fallen. In dem Moment als das kalte Nass ihn wieder umgab, bemerkte er erst, wie lang er sich außerhalb aufgehalten hatte. Er fühlte, wie die Wärme aus seinem Körper wich und seine Haut die Kühle begrüßte. Sehr viel länger hätte er sich in der Sommerhitze nicht außerhalb des Sees aufhalten dürfen.
    Vom Steg beobachtete Melina, wie der Nix unter der Wasseroberfläche schnelle Kreise zog. Dabei erkannte sie zum ersten Mal den Fischschweif, der dem eines Zanders ähnlich sah. Lächelnd erhob sie sich und ging über das warme Holz zurück ans Ufer. Ihre Flöte fest in der Hand lief sie über das kurze Gras in den Schatten des Waldes, dabei sprang sie ausgelassen wie ein junges Reh. Sie freute sich darauf Jalo schon so bald wiederzusehen!
    Der Nix tauchte tiefer hinab in den See, wo das Licht nur noch gedämpft die Wasserpflanzen erreichte. Es tat gut wieder in dieser bekannten Umgebung zu sein und er fühlte sich direkt erleichtert, dass sich hier nichts verändert hatte. Wie gewohnt schwammen die Fische an ihm vorbei und als er sich der anderen Uferseite des Sees näherte, konnte er über sich mehrere Entenfüße bedächtig paddeln sehen.
    Jalo wusste noch nicht, wie er sich die Zeit bis Sonnenuntergang vertreiben sollte. Es war ein seltsames Gefühl zu wissen, dass er dieses Mal nicht unbeachtet bleiben würde. Ein wenig hatte er Angst davor, doch vor allem war er aufgeregt und freute sich. Mit kräftigen Schlägen seines Fischschweifs schwamm er durch den See.
    Die heiße Mittagssonne strahlte auf ihrem Zenit auf den See hinab, der Wind blieb aus und die Bäume schwiegen in feuchten Wärme. Libellen schwirrten durch das Schilf und am Ufer flogen Bienen und Hummeln eifrig von einer geöffneten Blüte zur nächsten, während der Takt des hackenden Buntspechts durch den Forst hallte.

  • So, ham wa schon 2018 -- meine Güte ging das schnell.
    Für dieses Jahr hab ich mir gedacht, versuch ich mich ein wenig an Kurzgeschichten oder kurzen Geschichten zu Fabelwesen. Einfach, weil mir das Schreiben von Flötenklängen doch sehr viel Spaß gemacht hat und ich ohnehin schon eine ganze Weile außerhalb des Fandoms mal schreiben wollt. Im besten Falle entsteht auf diese Art jeden Monat eine Kurzgeschichte -- mal sehen, ob das tatsächlich so klappt. Bin noch nicht wirklich im Schreibrhythmus drin. Anyway.


    Die erste Kurzgeschichte -- also praktisch für den Jänner -- geht um die Yuki-onna aus dem japanischen Volksglauben. Jetzt ist die Geschichte leider nicht sehr "japanisch", weil ich wusste, dass ich mich in der Recherche total verlieren würde und die Geschichte dann sicherlich nicht fertig geworden wäre. Also ist die Sache eher "angelehnt" an die Yuki-onna und keine direkte Geschichte zu dieser Gestalt. Hatte zwar vor den Charakteren japanische Namen zu geben, aber dann dachte ich mir, das wär doch bissl wenig. Also gibt's deutsche Namen.
    Im Spoiler gibt's meine Schreibnotizen und da bleibt mir wohl nur noch viel Freude beim Lesen zu wünschen -- hoffentlich ist die Geschichte nicht zu kitschig. ^^"




    Schneefall


    Eisige Windböen fegten über die verschneiten Berggipfel und jagten den losen Schnee in weißen Wolken über das Gestein. Der Himmel bestand aus einer dichten, grauen Decke und die Sonne war nicht in der Lage diese zu durchdringen. So herrschte graues Zwielicht über dem Gebirge und den Tälern.
    Lautlos schwebte ein zierlicher Schemen durch die schneeweiße Landschaft. Das lange, schwarze Haar wehte im Wind, doch die weiße Kleidung und helle Haut machten die Gestalt nahezu unsichtbar. Krähen krächzten heiser im Flug, hielten auf den tiefer gelegenen Forst zu. Die weiße Gestalt folgte den schwarzen Vögeln den Berg hinab.


    Bei jedem Schlag grub sich das scharfe Metall der Axt tiefer in das Holz. Der ächzende Ton des Baumes schien immer deutlicher zu werden, bis das Holz schließlich splitterte und die Fichte mit krachenden Ästen auf dem Boden aufschlug. Der Baum lag gerade mal einen Herzschlag, da waren die Männer schon dabei ihn mit weiteren geübten Axtschlägen zu zerkleinern.
    Die Holzfäller waren ungewöhnlich tief im Wald, obwohl sie nur einen Baum schlagen wollten. Aber diese Fichte war schon lange zum Fällen vorgesehen gewesen und so hatten sie den fehlenden Schneefall der letzten Tagen genutzt, um heute tiefer als sonst in den Forst vorzudringen. Der Takt der Äxte erfüllte die eiskalte Luft und vor den angestrengten Gesichtern der Männer standen dichte Atemwolken. Sie achteten nicht auf ihre Umgebung, denn der Lärm würde dafür sorgen, dass sie nicht von Tieren gestört würden. Nach und nach klangen die erschöpften Stimmen durch die Luft, um den Erfolg ihrer Arbeit zu vermelden. Der Fichtenstamm war nun auf mehrere Ellen große Stücke zerkleinert worden. Sie trieben Eisenhaken in das Holz und zogen an Metallketten das Werk ihrer Arbeit zum Waldrand, wo ein Pferdeschlitten auf sie wartete. Auf halbem Weg bemerkten die Männer, dass es anfing zu schneien. Sie trieben sich gegenseitig dazu an, schneller zu gehen, manch einer rannte fast in seinen schweren Stiefeln. Schließlich lichtete sich der Wald vor ihnen und gab die Sicht frei auf den verschneiten Weg hinab ins Tal. Der Pferdeschlitten stand noch so da, wie sie ihn verlassen hatten. Schnaubend schüttelte sich das braune Ross, um die Schneeflocken von seinem Kopf zu bekommen.
    „Das war knapp“, sagte einer, als er das Holz auf den Schlitten lud. Die anderen pflichteten ihm bei und das Verladen ging ihnen geübt schnell von der Hand. Sie waren bereit zum Aufbruch, als einer von ihnen eine Bewegung zu seiner Linken wahrnahm. Krächzend flogen einige Krähen an ihnen vorbei und lenkten den Blick der fünf Männer auf eine zierliche Gestalt. Vier von ihnen ergriffen innerhalb eines Augenblicks die Flucht. Einer schnappte sich die Zügel des Pferdes und zwang es mit seinem eigenen schnellen Tempo in einen schnellen Trab. Die anderen drei rannten hinterher, behielten die Ladung im Blick und riefen nach dem letzten aus ihrer Gruppe. Doch dieser rührte sich nicht.
    „Komm endlich! Los lauf!“, schrien sie hinauf zu ihm, doch es war, als würde er sie nicht hören. So musste sie ihn zurücklassen, während der Schneefall immer stärker wurde.


    Die zierliche Gestalt vor dem jungen Mann sagte nichts und er war sich nicht einmal sicher, ob sie ihn überhaupt ansah. Ihre Haut war ungewöhnlich hell und das lange, schneeweiße Kleid verschmolz mit der Landschaft. Ohne die schwarzen Haare, hätte er sie vermutlich gar nicht wahrgenommen. Nach einem sehr langen Moment, wo sie sich gegenüberstanden drehte sich die weibliche Gestalt um und verschwand im Wald.
    Er hatte Glück gehabt. Die Schneefrau war von selbst gegangen, ohne ihn zu verzaubern. Jedenfalls fühlte er sich nicht von merkwürdiger Magie erfüllt, aber wer konnte schon sagen, wie sich das anfühlte? Er sah hinunter ins Tal, wo er die Dächer seines Dorfes unter all den Schneeflocken kaum noch ausmachen konnte. Doch anstatt hinunter zu gehen, folgte er einer Ahnung und lief schnellen Schrittes in den Wald. Zwischen all den dunklen Bäumen, war die weiße Schneefrau besser auszumachen und er behielt sie fest im Blick. Es war nur eine plötzliche Idee gewesen, eine schwache Vermutung. Aber er konnte sie nicht abschütteln. Und deshalb brauchte er eine Antwort. Eine Antwort von der Schneefrau.


    Als er die letzten Bäume des Forstes passierte blickte er auf eine völlig weiße Landschaft, die von tanzenden Schneeflocken bevölkert war. Beinahe hätte er die Schneefrau aus den Augen verloren, doch dann sah er ihr schwarzes Haar im Wind flattern und stapfte weiter durch den Schnee. Böen peitschten den Schnee von einer Seite zur anderen, während er immer weiter voran schritt. Er spürte wie er immer schwächer wurde und sich kaum noch auf den Schemen konzentrieren konnte, der mühelos über die weiße Landschaft schwebte. In dieser Höhe schien es nichts anderes zu geben als rieselnde Flocken und tiefen Schnee, der das Vorankommen mit jedem Schritt schwieriger machte.
    Das graue Licht um ihn herum wurde schwächer, als die Silhouette einer Hütte vor ihm auftauchte. Der Erschöpfung nahe hielt er darauf zu, stolperte voran und schaffte es mit letzter Kraft durch die Holztür. Schwer atmend rang er nach Luft, als die Tür hinter ihm leise ins Schloss fiel.
    Die Schneefrau kniete vor einem Kamin, doch es erklangen nicht die vertrauten Geräusche von aneinander geschlagenen Steinen, wie er sie vom Feuermachen kannte. Stattdessen murmelte sie dem dort liegenden Holz zu, bis das angenehme Knistern von leckenden Flammen zu hören war.
    Es wurde langsam warm in dem Raum und das Glas der kleinen Fenster beschlug. Der junge Mann nahm seine mit Schnee überzogene Mütze ab und zog den feuchten Schal aus. Seine Atmung begann sich langsam zu beruhigen, doch die Erschöpfung in seinem Körper wurde immer stärker. Er schlüpfte aus seinen schweren Stiefeln und legte die dicke Felljacke über einen der Stühle, die bei dem kleinen Holztisch standen.
    Er achtete wenig auf die Einrichtung, erkannte nur noch eine Nische, wo er ein Bett vermutete, und betrachtete die Schneefrau, die immer noch vor dem Kamin kniete. Es war ein merkwürdiges Bild, das Spiel des warmen Lichts auf der hellen Haut zu sehen. Jeden Moment befürchtete er, dass sie aufgrund der Hitze schmelzen würde, doch stattdessen stand sie nach mehreren Augenblicken der Stille auf und wandte sich ihm zu.
    „Danke“, sagte er schließlich heiser. „Ich bin mir sicher, du hättest dir selbst wohl kein Feuer gemacht.“ Der Blick aus ihren dunklen Augen war für ihn nicht zu deuten und doch empfand er seinen Kommentar als unpassend.
    „Warum bist du hier?“, fragte sie schließlich mit entrückter Stimme. Als wäre sie mit ihren Gedanken weit fort.
    „Ich glaube“, begann er vorsichtig, „ich kenne dich. Deshalb bin ich dir gefolgt.“ Er wartete auf eine Reaktion, doch sie sah ihn nur ausdruckslos an. Die Art, wie sie durch ihn hindurch schaute ließ leichte Angst in ihm aufsteigen. Die Geschichten, die man sich erzählte und mit denen er aufgewachsen war, waren ihm gut bekannt. Man durfte solch mächtige Wesen nicht erzürnen oder man würde mit einem Fluch belegt werden.
    „Woher solltest du mich kennen?“, erwiderte sie schließlich. Ihr Tonfall hatte sich verändert, deutliche Neugier war in ihren Worten zu hören und sie sah ihn direkt an. Er schluckte bevor er vorsichtig antwortete: „Weil ich glaube, dass du mal ein Mensch warst, wie ich.“
    Die Schneefrau tat einen erschrockenen Schritt zur Seite, sodass der Tisch zwischen ihnen war und klammerte sich an einem Stuhl fest. Mit aufgerissenen Augen starrte sie einige Augenblicke auf das Holz, bevor sie den Blick hob und ihn direkt ansah.
    Reflexartig griff er nach seiner Felljacke, bereit aus der Hütte zu stürmen, sollte sie versuchen ihn mit Magie zu bestrafen. Auch wenn er keine Vorstellung davon hatte, wie er das erkennen sollte, doch ihre Reaktion machte ihn nur noch vorsichtiger.
    „Ich … war ein … Mensch?“, flüsterte sie schließlich in die unangenehme Stille. Sie blinzelte ein paar Mal und die Anspannung in ihrem Körper schien sich zu lösen, als sie sich halb dem Feuer zuwandte.
    „Wer war ich?“, fragte sie nach einer weiteren Pause, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam.
    „Nun, ich bin mir nicht ganz sicher“, musste er zugeben. Er war seiner Ahnung bis zu diesem Punkt gefolgt, doch gerade in diesem Moment stellte er sie infrage und zweifelte an seinem Gefühl. Hatte er vielleicht nur fantasiert? Hatte seine Neugierde einen Grund erfunden diesem fremden Wesen zu folgen? Vorsichtig und leise trat er näher an die Holztür. Die Schneefrau drehte sich von den knisternden Flammen weg, sah eine Weile an ihm vorbei, bevor sie ihn mit ihren dunklen Augen fixierte.
    Er hatte ihre Frage nicht beantwortet und sie ließ ihn spüren, dass sie weiterhin eine Erklärung erwartete. Ihr Blick war ihm noch unheimlicher.
    „Weißt du“, begann er zögerlich, „vor zwei Wintern ist eine junge Frau aus unserem Dorf verschwunden. Sie war an einem sonnigen Tag am Dorfrand gesehen worden, wie sie in den Wald ging. Weil sie geschickt mit dem Bogen umgehen konnte, nahmen alle an, sie wäre auf die Jagd gegangen.“
    Die Schneefrau sah ihn unverändert an, ihre Augen forderten Antworten.
    „Später am Tag begann es zu schneien. Ich … habe mir Sorgen gemacht und bin zu ihrem Haus gegangen, um nachzusehen, ob sie zurückgekehrt war. Doch das Haus war leer. Der Schneefall wurde heftiger, der Wind harscher …“
    Er brach ab und klammerte sich an seiner Felljacke fest. Keinen Tag in seinem bisherigen Leben hatte er so sehr versucht zu vergessen wie diesen. Doch es war ihm einfach nicht möglich diese Gefühle wegzuschieben. Für kurze Zeit konnte er sie vergraben, aber es gab immer einen schwachen Moment in dem sie an die Oberfläche kamen, wie Schneeglöckchen durch die Schneeschicht brechen.
    „Ich bin in den Wald“, fuhr er mit unsicherer Stimme fort. „Der Weg war verschneit, jede Fußspur war bereits verdeckt. Um mich herum pfiff der Wind und peitschte mir die Schneeflocken ins Gesicht. Es war zwecklos und doch rief ich nach ihr. Hoffte auf ein Zeichen von ihr, aber es wurde immer dunkler und ich war ohne Lampe losgelaufen.“
    „Du hast aufgegeben“, kommentierte die Schneefrau kühl.
    „Nein!“, entkam es ihm wütend, „Niemals könnte ich sie aufgeben. Ich hab die ganze Nacht in ihrem Haus gewartet. Konnte keinen Schlaf finden und saß die ganze Zeit vor der Tür.“
    „Aber sie kam nicht zurück …“
    Er senkte den Blick und schüttelte traurig den Kopf. „Nein, sie kam nicht wieder. Wir suchten am nächsten Tag nach ihr, durchkämmten den uns bekannten Teil des Waldes, gingen weiter den Berg hinauf, als wir es im Winter jemals tun. Doch wir konnten sie nicht finden. Bis zum heutigen Tag weiß keiner, was mit ihr passiert ist.“ Seine Finger gruben sich in das dunkle Fell seiner Jacke.
    „Wenn … sie nur gewusst hätte … vielleicht wär sie dann nicht … allein gegangen … und sie wär noch bei mir“, sagte er mit bebender Stimme. In der Zeit danach hatte er sich diese Frage oft gestellt. Wenn er nur mutiger gewesen wäre und ihr erzählt hätte, was ihn schon einige Zeit beschäftigt hatte. Er kniff die Augen fest zusammen, doch das half nicht gegen die aufkommenden Tränen.
    „Sie wusste es“, flüsterte die Schneefrau in die Stille und ließ ihn verwundert den Kopf heben. „Ich wusste es.“ Sie ging am Kamin vorbei, in dem das Feuer weiterhin knisterte und an den Holzscheiten leckte, und blieb einen Schritt vor ihm stehen.
    „Leon“, sagte sie und lächelte ihn an. In diesem Augenblick war ihm das Wesen vor ihm nicht mehr fremd. Er fürchtete keine Magie mehr, seine Angst schmolz unter der Wärme des Lächelns und alles um ihn herum kam ihm vor wie im Traum.
    „Johanna?“, fragte er, als er vergeblich versuchte den Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken. Die ersten Tränen rannen ihm bereits über das Gesicht.
    „Ich bin es, du hast mich wieder daran erinnert. Und ich weiß auch wieder, was an jenem Tag geschehen ist. Es tut mir so leid, dass ich dir so viel Kummer bereitet hab.“ Eine kurze Pause trat ein, in der sich die Schneefrau für ihre Erzählung kurz sammelte. All die Bilder kamen in jedem verstrichenen Augenblick stärker in ihr Gedächtnis zurück.
    „Es war keine kluge Entscheidung gewesen, an diesem Tag in den Wald zu gehen. Ich hatte nur vor ein wenig zu jagen und Feuerholz zu sammeln. Wollte mich bewegen und eine Weile für mich allein sein. Schon seit einiger Zeit hatte ich damals eine Verbundenheit zu dir gespürt. Seit meine Eltern gestorben waren hatte ich niemanden und war auch zufrieden damit. Es war ein neues Gefühl abends nicht einschlafen zu können, weil ich mich fragte, was dir wohl gerade im Kopf herumging. An jenem Tag war ich neugieriger als sonst. Der Wald schien unerwartet einladend und ich hatte auch bald die Spur einiger Rehe entdeckt. Ich folgte ihnen, verlor ihre Fährte aber wieder, weil ich zu sehr in Gedanken war. Irgendwann begann es zu schneien, also wollte ich umkehren. Doch ich hatte nicht aufgepasst und wusste nicht mehr wo ich mich befand. Trotzdem versuchte ich zurück zum Dorf zu finden, stolperte aber mehr als ich ging, weil sich so verängstigt war. Ich übersah einen Abhang und fiel in die Tiefe. Als nächstes wachte ich in dieser Hütte auf, ohne Erinnerung wer ich bin oder wie ich hierher gekommen war. Von diesem Moment an trieb es mich im Winter ziellos hinaus. Sobald der Schnee zu schmelzen begann, verschwand ich und mit dem ersten Schneefall erwachte ich hier. Bis heute.“
    Trotz der Wärme um ihn herum begann Leon bei den Worten Johannas zu zittern. In seinem Inneren zog sich alles zusammen als er sich vorstellte, wie sie umhergeirrt und schließlich verstorben war. Es tat weh so nah vor ihr zu sein. Und doch war sie seit zwei Wintern unerreichbar für ihn.
    „Danke Leon“, sagte sie lächelnd.
    „Wofür?“, schluchzte er. „Ich hab keinen Dank verdient. Damals hätte ich dich sofort suchen sollen, dir hinterher laufen und all das verhindern. Ich …“ Seine Stimme versagte, als er auf die Knie sackte und all die Tränen weinte, die er über die Jahre zurückgedrängt hatte. Die Trauer vereinnahmte sein ganzes Wesen, welches unter den Schluchzern erzitterte.
    Johanna kniete sich vor ihm, um ihn zu umarmen. Nichts wollte sie mehr in diesem Moment, als ihn zu trösten, doch sie hatte in dieser Gestalt noch kein anderes Wesen berührt. So hoffte sie bloß, Leon damit nicht zu verletzen. Als sie ihre Arme um ihn legte, beugte er sich nach vorn und vergrub sein Gesicht in ihrer Schulter. Sanft strich sie ihm über das schwarze Haar, während sie ihn festhielt.


    Eine lange Zeit verging bevor Leons Traurigkeit ihren lang ersehnten Ausdruck gefunden hatte. Trotz der Scham, die er verspürte breitete sich die Erleichterung stärker in ihm aus und der Schmerz wich schließlich einer ungeahnten Ruhe. Sein Schluchzen wurde leiser, bis es nur noch ruhig atmete. Er lehnte sich wieder zurück und fuhr sich mit den Händen über sein errötetes Gesicht.
    „Zieh deine Jacke an“, sagte Johanna leise. „Ich bring dich nach Hause.“
    Schwerfällig stand er auf, wickelte sich den Schal um den Hals und setzte seine Strickmütze auf den Kopf. In der Seitentasche seiner Felljacke fand er ein Stofftaschentuch, das er einige Male benutzte, damit er nicht mehr schniefte. Er nahm Johannas Hand, als sie ihm diese entgegenstreckte und gemeinsam traten sie aus der Holztür.


    Die Nacht war über die Berge hereingebrochen. Über ihnen leuchtete der Vollmond in einem schwarzen Firmament, in dem die Sterne still funkelten. Leon konnte kaum etwas erkennen, das silberne Mondlicht erleuchtete den Schnee nicht genug, um zu sehen, was vor ihm lag. Er vertraute voll und ganz auf die Führung durch Johanna. Lang und ohne Worte liefen sie durch die Dunkelheit, durchquerten den Forst und erreichten schließlich das Dorf. Nur noch vereinzelt brannten Lampen und sanfter Feuerschein schien durch einige Fenster.
    „Es wird Zeit für den Abschied“, brach Johanna das Schweigen zwischen ihnen. Leon wusste, dass dies das letzte Mal sein würde, an dem er sie sehen konnte.
    „Du hast mir meine Erinnerungen wiedergegeben. Ich verspüre eine Ruhe, die ich seit meinem Tod nicht hatte. Wenn die Nacht vorbei ist, werde ich wohl verschwunden sein“, fuhr sie fort. Er konnte nur nicken, als er erneut die Tränen in seinen Augen spürte.
    „Ich danke dir, Leon. Leb wohl“, sagte sie sanft, als sie höher schwebte und ihm einen Kuss auf die Stirn hauchte. Ein schmerzhafter Stich ging bei dieser Berührung durch seine Brust.
    „Leb wohl, Johanna“, erwiderte er mit belegter Stimme, als sie sich langsam entfernte und er sie nicht mehr sehen konnte. Er stand noch mehrere Augenblicke in der Kälte, bevor er sich von dem Berg abwandte und nach Hause ging.


    Einige Tage später fand man auf dem Dorffriedhof ein neues Grab. An der kleinen Mauer, die dem Berg am nächsten war, lag auf einem Steinbett ein Bogen samt Köcher. Niemand musste nachfragen, wem das Grab gehörte.

  • So - ich dachte mir, ich führe mir mal deine Kurzgeschichte zu Gemüte. Alleine, weil es mich neugierig gemacht hat, wie du die Figur der Yuki-onna in deinem Text verarbeitest. Dadurch, dass ich nämlich einer ihrer Interpretationen aus „Avatar“ kannte, konnte ich mir immerhin schon mal - mehr oder weniger - ein gutes Bild machen, das ich durch deine Beschreibungen, die wirklich sehr gelungen sind, verfeinern konnte.


    Die weiße Gestalt folgte den schwarzen Vögeln den Berg hinab.

    Tolle Gegenüberstellung der Farben! Fiel mir irgendwie direkt ins Auge (auch, weil ich total der Fan von Farbsymbolik beziehungsweise allgemein der Nutzung von Farben in Beschreibungen bin) und wollte ich an der Stelle honorierend erwähnen :D


    Der Takt der Äxte erfüllte die eiskalte Luft und vor den angestrengten Gesichtern der Männer standen dichte Atemwolken.

    Fand dieses Beispiel hier sehr treffend, um auch deine Beschreibungen, die du verwendest, positiv hervorzuheben. Ich bin ja tatsächlich ein sehr kritischer Leser, was vor allem daran liegt, dass mich ein Text wirklich begeistern und intensive Bilder in meinem Kopf herstellen muss, damit ich dran bleibe. Dir ist das gelungen.


    „Das war knapp“, sagte einer, als er das Holz auf den Schlitten lud.

    Fand die Stelle deshalb witzig, weil ich irgendwo damit gerechnet habe, dass sich mit dem Schnee die gute Frau ankündigt. Das wurde letztlich natürlich hierdurch und durch die folgenden Zeilen bestätigt, was mir an der Stelle viel Freude bereitet hat.



    Könnte das vermutlich jetzt mit einigen Textstellen so weiterführen, will jedenfalls sagen: Mir hat es viel Freude bereitet, den Text zu lesen. Wobei Freude hier nicht mal richtig wäre xd Also: Er hat auf jeden Fall die Anforderung erfüllt, mich zunehmen und ihn mich lesen zu lassen.
    Außerdem, das muss ich einfach zugeben, hat mich gerade das letzte Drittel tatsächlich literally zu Tränen gerührt. Es war echt super traurig und irgendwie hat mich das total mitgenommen, sodass ich während des Lesens ein, zwei, vielleicht drei Tränen nicht so richtig zurückhalten konnte :I Und sowas heißt bei mir schon was. Hat mich echt mitgerissen, große Klasse, wirklich!

  • Ich markier dir mal alles grün bzw. rot und versuche alles, bei dem es mir gelingt, zu beschreiben :3




    Liebe Grüße :blush:

  • Hey Cynda,


    ich bin gerade über den Schneefall gestolpert (draußen ist zurzeit auch was los) und denke, dass du die Legende um die Yuki-onna grundsätzlich gut eingefangen hast. In Anbetracht dessen, dass die Geschichte eher an westliche übernatürliche Phänomene angehaucht ist, hast du es gut geschafft, das entsprechend zu übertragen. Auch wenn es am Ende ein kleines Problem gibt. Natürlich nicht ganz das Ende, aber wenn Johanna tatsächlich einen Gedächtnisverlust hatte, wie kann sie sich nun plötzlich an alles erinnern? Das wirkt mehr auf den Plot zurechtgeschnitten, als wirklich notwendig war. An und für sich benötigst du die Erklärung nämlich gar nicht, sodass es trotzdem noch rund klingt und Sinn ergibt. Dass sie gestorben ist, wird ja spätestens am Ende mehr als nur einmal angedeutet oder erwähnt und da hätten sich subtilere Andeutungen wohl besser gemacht als gleich die Lebensgeschichte zu erzählen.
    Das war's so weiters aber auch schon mit der Kritik. Alles weitere ist sehr harmonisch aufgebaut und besonders die erste Begegnung mit ihr im Schnee und die anschließende Verfolgung lassen sehr mystische Stimmung aufkommen. Etwas Angst hätte sich bei Leon vermutlich noch gut getan, weil man ja doch nicht alle Tage mit einem Geisterwesen konfrontiert wird, aber ansonsten haben sich Neugier und Interesse gut hinzugemischt, mehr erfahren zu wollen. Die Gefühle kamen besonders nach der Wiedervereinigung gut zum Vorschein und sie waren über alle Maßen nachvollziehbar. Auch, dass Johanna freundlich und irgendwo gelassen bleibt; das passt einfach zum Image der Vorlage. Hat mir auf jeden Fall gefallen.


    Wir lesen uns!

  • Wird Zeit, dass ich hier mal wieder update. Momentan ist das mit dem Schreiben ein wenig schwierig, aber zumindest hab ich im Februar noch eine Fabelwesen-KG hinbekommen. Auch wenn ich überhaupt nicht einschätzen kann, ob sie gut ist. Nun, egal.


    Erstmal ein großes Danke an @Cosi, O-mega und @Rusalka für die Kommis. ^.^





    Als nächstes gibt es meine Abgabe für die Aktion Steinzeit-Gedichte, bei dir ich auch noch total überraschend den ersten Platz gemacht hab. Damit hatte ich echt nicht gerechnet. ^^"
    Deshalb erstmal ein großes Dankeschön an alle Voter! Im Spoiler gibt's meine persönliche Interpretation der Sache, deshalb gibt's ein Highlight für @Galileo @Alphys @Obscuritas @Thrawn die kommentiert haben und an @Cassandra  (:



    NÄHE UND WORTE


    Dunkelheit schleicht —
    Kälte naht.


    Schnee schweigt. Pfeifender Wind.


    Ein Wort? Oder drei?
    Leise geformt. Deine Stimme.


    Geschlossene Augen. Gefrorene Zeit.
    Warme Lippen. Kühle Haut.


    Vier Worte. Von dir.
    Drei Worte. Von mir.


    Leuchtender Mond. Wolken wandern.


    Dunkelheit angekommen —
    Kälte vergessen.

  • Salut! Ich bin gerade so in Kommentierlaune und habe dein "Steinzeit-Gedicht" gesehen; da wollte ich dir auch gleich etwas Feedback da lassen. :3
    Gleich vorweg, weil mir das bei Faolin vorhin auch schon aufgefallen ist, ich finde Erklärungen blöd. Ich hab mich jetzt zwar gezwungen, den Spoiler noch nicht zu öffnen, aber die Versuchung ist schon echt groß, gerade wenn er sogar vor dem eigentlichen Gedicht steht. :c


    NÄHE UND WORTE
    Ich fange mal direkt beim Titel an. Die beiden Begriffe mit einem und zu koordinieren, finde ich an sich schon etwas ungewöhnlich. Irgendwie gehören sie für mich einfach nicht zusammen. Umso interessanter, dass sie hier so nah beieinander stehen. Durch die "Worte" denke ich zuerst an Menschen, die sich dann vielleicht sehr nah stehen oder einfach nur nah beieinander stehen. Es könnte aber auch eine geographische Nähe sein, die irgendwas mit Worten zu tun hat. Warum der Titel komplett groß geschrieben ist, ist mir nicht ganz klar. Ich vermute mal eine Bedeutung dahinter, da du das sonst nicht machst, wenn ich so nach oben schaue; vielleicht klärt sich das beim Lesen.
    Die ersten beiden Verse lassen auf eine abendliche Szene deuten; die Nacht bricht langsam an. Die Kälte und der Schnee lassen zudem vermuten, dass gerade Winter herrscht. Eine wirkliche Stimmung herauszulesen, finde ich hier sehr schwer, auch weil ich weiß, dass die Form stark begrenzt war. Es wirkt auf mich aber relativ neutral, ein bisschen als würde jemand das Wetter als eine Art Ansage durchgeben. Schleichen und schweigen deuten aber zumindest auf eine eher ruhige Umgebung hin. Der vierte Vers ist spannend, weil hier gleich zwei Wörter hervorgehoben werden, nämlich die beiden Zahlen. Insgesamt lassen die Verse vier bis sieben auf zwei Personen schließen, die sich in einer romantischen Szene befinden. Es fallen weitere Worte. Abschließend berichtet das lyrische ich erneut von der Umgebung und gibt der Szene damit einen schönen Rahmen. Das Ende rundet es schön ab, weil die andere Person die "Kälte vergessen" lässt.
    Vom Aufbau finde ich das Gedicht eigentlich ganz niedlich, weil es so schön symmetrisch aufgebaut ist. Gleichzeitig zieht sich vor allem das Motiv der Kälte durch das gesamte Gedicht, sowohl am Anfang und am Ende als tatsächliche Kälte als auch in der Mitte in Form der gefrorenen Zeit. Die "warmen Lippen" der anderen Person, die gemeinsam mit der gefrorenen Zeit in der Mitte des Gedichts stehen, sind es schließlich, die die Kälte auflösen.
    Bleibt die Frage, worum es sich bei den ominösen Worten handelt. Bei dem ersten Wort stehe ich ein wenig auf dem Schlauch. Auch das "Oder" irritiert mich etwas, da die Worte ja scheinbar tatsächlich gesprochen werden. Warum dann ein oder? Vielleicht ist es hier noch eher ein Wunschdenken des lyrischen Ichs, später hingegen Realität. Dagegen spricht allerdings, dass es am Ende weder ein Wort noch drei Worte sind, die durch die andere Person gesprochen werden. Außer die Person erfüllt den Wunsch so, dass sie einfach alles sagt. Ich habe zwar Vermutungen, aber lese das dann gleich einfach nach, haha. Die Hervorhebungen scheinen mir übrigens an allen Stellen überflüssig, außer sie geben einen entscheidenden Tipp auf die Bedeutung, den ich gerade einfach nicht erkenne. Ansonsten bekommt ohnehin jedes Wort seine Aufmerksamkeit, weil die Verse einfach so enorm kurz sind und durch die Form unterstützt werden.
    An dieser Stelle habe ich dann auch deine Informationen dazu gelesen und schon ergibt der Titel Sinn. Da wäre ich allerdings durch das Gedicht eher nicht drauf gekommen. Vielleicht hätte man das noch etwas deutlicher machen können, indem man auf beiden Seiten noch einen Vers eingeschoben hätte. Zwischen dem dritten und vierten Vers könnte beispielsweise ein "Du fort." und an der entsprechenden Stelle am Ende ein "So nah." o.ä. einbauen, das aber nur als Anregung. Warum im Titel alles groß geschrieben ist, verstehe ich trotzdem noch nicht ganz.


    Insgesamt finde ich das Gedicht aber wirklich gut. Ich glaube, das ist auch an sich eine super Übung, um in freie Lyrik einzusteigen. Gerne noch mehr davon. :3


    Au revoir!

  • Heute kein Update, dafür eine Ankündigung -- doch zuerst geh ich noch auf @Flocons Feedback ein.


    Vielen Dank für deinen Kommentar, Flocon, der hat mich sehr überrascht und sehr gefreut. (:

    Ich hab mich jetzt zwar gezwungen, den Spoiler noch nicht zu öffnen, aber die Versuchung ist schon echt groß, gerade wenn er sogar vor dem eigentlichen Gedicht steht. :c


    Ja, da hast du Recht, das war vermutlich nicht die beste Platzierung. ^^"

    Warum der Titel komplett groß geschrieben ist, ist mir nicht ganz klar. Ich vermute mal eine Bedeutung dahinter, da du das sonst nicht machst, wenn ich so nach oben schaue; vielleicht klärt sich das beim Lesen.


    Das ist tatsächlich einfach nur, weil ich den Titel hervorheben wollte, deshalb wählte ich die Großschreibung. Vermutlich hätten Kapitälchen hier besser gepasst.

    Es wirkt auf mich aber relativ neutral, ein bisschen als würde jemand das Wetter als eine Art Ansage durchgeben. Schleichen und schweigen deuten aber zumindest auf eine eher ruhige Umgebung hin.


    Mhm, interessant, dass du das so neutral empfindest. Ich hatte gehofft schon ein wenig Stimmung zu erzeugen, aber vermutlich war das auch eher nur in meinem Kopf. Weil ich die konkreten Bilder ja schon hatte, während du das nur anhand der Worte mitbekommst. Danke für die Anregung, werde versuchen das bei zukünftigen Gedichten zu beachten!

    Die Hervorhebungen scheinen mir übrigens an allen Stellen überflüssig, außer sie geben einen entscheidenden Tipp auf die Bedeutung, den ich gerade einfach nicht erkenne.


    Das stimmt, die waren auch nicht mit besonders viel Hintergedanken gesetzt, muss ich zugeben. Man kann sie tatsächlich auch einfach weglassen.
    Danke für dein Feedback! Du hast tatsächlich die Handlung des Gedichts ganz schnell erfasst gehabt. (: Da ich schon so viel in den Hintergrundspoiler geschrieben hab, weiß ich gar nicht mehr, was ich noch groß zu deinem Feedback schreiben soll. ^^" Es stimmt, dass die Limitation der Form hier vermutlich viel von der Stimmung wegnimmt und auch vieles zu offen ist. Ich hätte die Thematik in einem "normalen" Gedicht vermutlich besser untergebracht, als in dieser Form -- möglicherweise mach ich das auch noch. Vielen Dank auch für deine Anregungen!




    Und nun die besagte Ankündigung. Ich hab mich entschlossen Geschrieben in Feuer als Sammlung nicht mehr weiterzuführen. Das fühlt sich momentan einfach richtig an, weil meine Schreibmotivation absolut unfokussiert ist. Deshalb fühl ich mich besser damit, wenn die Sammlung in der Bibliothek zu finden ist.
    An dieser Stelle ein großes Dankeschön an alle Leser und Kommentatoren über die vergangenen knapp sieben Jahre. Es hat mir immer eine sehr große Freude gemacht eure Gedanken und Meinungen zu meinen Werken zu lesen. Vieles hier war experimentell, etwas was ich zuvor noch nicht versucht hab und gerade deshalb hat mich euer Feedback immer angespornt, mich weiter auszuprobieren.
    Vielen Dank! <(^.^<)
  • Waaaa...?! Wieso?! Ich mochte diese Sammlung wie viele andere, Cynda :shocked:

    "Das Leben selbst vergeht. Die Taten derer die du getan hast aber werden je nachdem wie Erfolgreich jene waren, nicht vergessen werden. In unglücklichen Fällen können Ärzte wie Hua Tuo können einen gar Unsterblich machen. Tja, seit meinem Unfall mit Hua im Jahre 120 lebe ich seit 90 im Aussehen eimes 30 Jährigen. Auch wenn mein Alter von 1929 Jahren etwas gewöhnungsbedürftig ist.", Lynneth Bucherstede, Lu Bus Bruder (25.02.2019)


    <a href='http://internetometer.com/give/47871'><img src='http://internetometer.com/image/47871.png'/></a>

  • So, nach zwei Jahren wollte ich mal wieder was hier veröffentlichen. Es handelt sich um eine meiner -- noch wenigen -- Fantasy-KGs. Insgesamt sind es 18k Wörter, weswegen es die Geschichte in drei Parts geben wird.


    Vorher noch ein wenig Trivia und dann geht's los! (:

    -- Inspiration für die Darstellung der Luftschiffe ist eine Mischung aus Xenoblade Chronicles 2, Final Fantasy und Das Schloss im Himmel

    -- Um die Maschinenteile möglichst richtig zu benennen hab ich während des Schreibens immer wieder in Wikipedia recherchiert

    -- Der Ausspruch "Erfroren sind schon viele, erstunken noch keiner" ist im Österreichischen und Boarischen bekannt. In Österreich sagt man: "Dafraun san schau vü, dastunga nu kana." Und in Bayern bekannt als: "Dastunga is no koana, owa dafroan san scho vü." (Wörtlich: Erstunken ist noch keiner, aber erfroren sind schon viele.")

    -- Die Namen der Ortschaften sind real und befinden sich alle in Niederösterreich, allerdings hab ich nicht auf geografische Korrektheit geachtet, sondern nur hübsche Namen herausgesucht

    -- Echos Aussehen basiert auf diesem Bild der Künstlerin sandara und ich kannte die Zeichnung, bevor ich die KG geschrieben hab

    -- Der Name des Kapitäns ist eine offensichtliche Anspielung an die einzigen Luftschiffe unserer Zeit: die Zeppeline

    -- Die Charaktere sind ziemlich aus dem Bauch heraus benannt, lediglich Merthen recherchierte ich kurz

    -- Es existiert noch kein konkretes Worldbuilding für diese "Welt", aber vielleicht wird daraus noch was


    ------------------


    An Bord der Donau

    (I / III)


    Nachtruhe lag über dem Lufthafen Plaika. Wie schlafende Giganten schwebten die eisernen Luftschiffe vor Anker. Kein Rotor machte ein Geräusch, doch ab und an rasselte eine Eisenkette, wenn ein stärkerer Windstoß durch den Hafen fuhr. Vor Stunden waren die letzten sauberen Geschäfte im Licht der Sonne abgewickelt worden. Zufrieden stellte er fest, dass die Geschichten über Plaika stimmten. Die Verschärfung der Handelsgesetze hatte tatsächlich dazu geführt, dass sich des Nachts niemand mehr im Hafen befand. Jegliche Fracht durfte nur unter strenger Kontrolle bei Tageslicht verladen werden.

    Doch das störte ihn nicht. Die Ware, die er hier erwerben wollte, würde keiner der wachsamen Beamten am nächsten Tag zu Gesicht bekommen.

    Er hatte den vereinbarten Treffpunkt unter einer der wenigen Lampen erreicht. Die Glühbirne war grell und als er direkt darunter stand, konnte er die Welt außerhalb des Lichtkegels nur noch als undeutliche Schemen erkennen. Mit verschränkten Armen lehnte er sich gegen den Laternenpfosten und wartete.

    Nach einiger Zeit konnte er gleichmäßige Schritte auf dem metallenen Boden hören, welche von dem leisen Rasseln einer Kette und dem Geräusch von Krallen begleitet wurde. Er richtete sich auf, als er knapp außerhalb des Lichtkegels eine Gestalt erblickte.

    „Guten Abend", begann sein Gegenüber zu sprechen. „Habe ich mit Kapitän Zeppelin zu tun?“

    „Haben Sie“, erwiderte er mit verschränkten Armen. „Steht unser Handel noch?“

    „Gewiss, ich habe hier was Sie bestellt haben“, antwortete die gesichtslose Stimme und streckte eine Hand in den Lichtkegel. Ein schwarzer Lederhandschuh kam zum Vorschein, der restliche Arm war mit dunklem Stoff bedeckt.

    „Sehr gut. Ich möchte die Ware sehen, bevor ich bezahle. Damit sind Sie doch sicherlich einverstanden.“ Kapitän Zeppelin war ein erfahrener Mann. Diese Geschäfte hatten sich in den letzten Monaten als sehr lukrativ herausgestellt und bisher hatte er immer das erhalten, was er wollte. Trotzdem war er weiterhin vorsichtig und wollte dem mysteriösen Händler klarmachen, dass er sich nicht übers Ohr hauen ließ.

    „Aber natürlich“, erwiderte sein Gegenüber und zog die Hand zurück. Mit einem plötzlichen Kettenklirren wurde eine Gestalt in den Lichtkegel gestoßen, die ächzend auf dem metallenen Boden liegen blieb. Der von unzähligen Bartstoppeln umringte Mund des Kapitäns verzog sich zu einem breiten Grinsen. Das war genau das, was er bestellt hatte.

    Der Lederhandschuh wurde erneut in den Lichtkegel gestreckt und der Kapitän griff in die Innentasche seiner Lederjacke. Ein dickes Bündel Geldscheine kam zum Vorschein, die er dem Verkäufer mit einem kräftigen Handschlag übergab. Von dem Begleiter seines Handelspartners nahm er die Kette entgegen, die am Halsring seiner Ware hing.

    „War schön mit Ihnen Geschäfte zu machen, Kapitän“, verabschiedete sich die gesichtslose Stimme und verschwand in der Dunkelheit.

    „Darauf kannst du wetten“, murmelte er zufrieden zu sich selbst. Er zog die Kette nach oben, um seine neue Errungenschaft zum Aufstehen zu bewegen. Sichtlich mühsam kämpfte sich das Geschöpf auf seine Krallen. Als es schließlich zitternd und unsicher vor ihm stand, sah es zu ihm auf. Das dicke Tuch über dem Mund hinderte das Wesen daran einen Laut von sich zu geben, sodass die Angst dem Kapitän aus dunklen Augen entgegen schrie.

    Ungerührt drehte er sich um und zog das stolpernde Geschöpf hinter sich her. Diese Ware würde ihm sehr viel Geld bringen.



    „Aufstehen ihr Leichtmatrosen!“, hallte die laute Stimme des Kapitäns durch die Lautsprecheranlage und weckte jeden unsanft, der nicht bereits wach war. Manu wurde aus dem Tiefschlaf gerissen, was ihn von einem Moment auf den anderen kerzengerade mit klopfendem Herzen in seinem Bett sitzen ließ.

    „In zwei Stunden legen wir ab, also ab auf eure Posten. Ich sag's nicht noch mal!“, beendete der Kapitän seinen morgendlichen Weckruf.

    „Du solltest dir wirklich einen Wecker zulegen“, wandte sich Torben an den verwirrten Manu, der sich gerade den Schlaf aus den Augen rieb.

    „Aber den brauch ich doch nicht, wenn der Käpt'n uns weckt“, erwiderte er gähnend.

    „Wenn du es sagst“, meinte Torben schulterzuckend, während er sich das Hemd seiner Arbeitskleidung zuknöpfte. Danach schnappte er sich seine Waschtasche und verließ die Kabine. Als die Metalltür sich hinter seinem Zimmerkollegen schloss, spielte Manu für einen Moment mit dem Gedanken sich wieder hinzulegen. Doch er entschied sich dagegen, stand auf und zog sich ebenfalls seine Arbeitsuniform an. Er gähnte laut, als er seinem Kameraden in den Gemeinschaftswaschraum folgte. Auf dem Weg dorthin konnte er niemanden sonst aus der Mannschaft entdecken und ihn beschlich das ungute Gefühl, dass der Rest wohl bereits seit einer Weile wach war.

    Als er den großen Waschraum betrat wünschte er den anderen Matrosen einen Guten Morgen. Drei von ihnen putzten sich über den Waschbecken an der rechten Wand die Zähne und konnten deshalb nur nicken. Aus einer der gegenüberliegenden Toilettenkabinen schallte jedoch ein Morgengruß zurück.

    „Ich hoff, du hast da drin ein Fenster auf, Sam“, witzelte Manu, nachdem er seine hölzerne Zahnbürste auf die Ablage eines der Waschbecken gelegt hatte.

    „Offenes Fenster?! Für wie dämlich hältst du mich eigentlich, Jungchen? Da frier ich mir doch meinen Allerwertesten ab. Du weißt ja wie das gute alte Sprichwort geht …", begann Sam, doch Manu beendete seinen Satz: „Erfroren sind schon viele, erstunken noch keiner.“

    „Ich würde allerdings meinen Geruchssinn gern behalten“, kommentierte Torben grinsend das Gespräch, als er an Manu vorbei zur Tür ging. „Wir sehen uns dann später im Maschinenraum.“ Auch die anderen zwei Kameraden, die sich mit Torben zusammen die Zähne geputzt hatten, gingen an Manu vorbei und verließen den Waschraum. Im hinteren Teil, wo sich die Duschen befanden, plätscherte Wasser und immerhin saß der alte Sam noch auf dem Klo. Aber abseits davon, schien tatsächlich der Rest der vierzigköpfigen Mannschaft auf ihrem Posten zu sein. Oder zumindest bereits beim Frühstück.

    Manu ging in eine der Toilettenkabinen, bevor er sich die Zähne putzte. Als er vor drei Jahren auf diesem Luftschiff angeheuert hatte, hätte er sich nie träumen lassen, dass er sich mal öfter und gründlicher als jemals zuvor in seinem Leben die Zähne putzen würde. Doch Kapitän Zeppelin hatte mehrere Jahre in der Armee gedient und legte großen Wert darauf, dass seine Mannschaft gepflegt und gesund war. Manu spülte gerade zum letzten Mal seinen Mund aus, als Sam zufrieden seufzend aus der Toilettenkabine trat. Von den Duschen her betrat Stefan mit einem Handtuch um die Hüften den Raum.

    „Hier ist noch jemand?“, fragte er verwundert. „Ich dachte, ich wäre der Letzte.“

    „Offensichtlich nicht, Jungchen“, erwiderte Sam lachend, bevor er mit der Zahnbürste in seinem Mund herumfuhrwerkte.

    „Warum bist du überhaupt so spät dran?“, wollte Manu verwirrt von Stefan wissen. „Sonst bist du doch immer der Erste?"

    „Ich hab mit Adler gestern ein paar Überstunden geschoben. Einer der unteren Rotoren hat komisch gerasselt und wir haben ewig nicht herausgefunden woran's lag. Am Ende war's ne Unwucht in einem der Kugellager“, erklärte Stefan und fügte hinzu, „deshalb muss ich mich heut auch nicht so beeilen, weil der Chef ja Bescheid weiß. Wir sehen uns!“

    Manu wusch sich noch das Gesicht und verließ mit Sam gemeinsam den Waschraum. Sie brachten beide noch ihre Waschsachen zurück in ihre Kabinen, bevor sie zum Frühstück joggten. Im Speisesaal, eine Ebene über den Mannschaftsquartieren, war zu Manus Erleichterung schon mehr los. Die große Uhr, die gegenüber der Tür hing, zeigte zwar, dass bereits eine dreiviertel Stunde vergangen war, seit er sich aus dem Bett gehievt hatte, aber die entspannte Stimmung unter den anwesenden Matrosen bedeutete zumindest schon mal keine Probleme. Fürs Erste jedenfalls.

    „Speck am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen“, verkündete Sam neben ihm und ging schnellen Schrittes auf die Essensausgabe zu.

    „Stimmt, heut haben Erwin, Josef, Matthias und John Küchendienst. Die kriegen nichts anderes als Spiegeleier mit Speck zustande“, erinnerte sich Manu grinsend, als er sich ein Tablett schnappte und Sam folgte.

    Einige Augenblicke später saß er vor einem heiß dampfenden Spiegelei mit knusprig gebratenem Speck und zupfte sich seine Semmel in mundgerechte Stücke. Torben saß ihm gegenüber und trank seinen Kaffee; Sam hatte sich zu der Gruppe gesellt, die für den Frachtraum zuständig war. Obwohl die Sitzflächen der Bänke nur aus Metall waren und man es nicht lange aushielt auf ihnen zu sitzen, schienen nur die wenigsten Matrosen im Raum es eilig zu haben aufzustehen. Torben eingeschlossen, den Manu beim Lesen einer Zeitschrift beobachtete.

    „Wo hast du die her?“, fragte er seinen Zimmergenossen zwischen zwei Bissen.

    „Von dem Stand am Rand vom Hafen“, antwortete Torben ohne ihn anzusehen. „Ich sollte für Adler gestern ein Ersatzteil besorgen und hab mir die hier gegönnt.“

    „Und worum geht's da?“, hakte Manu weiter nach. Die Schrift war für ihn zu klein um etwas lesen zu können und das Cover verdeckte sein Kumpel mit einer Hand.

    „Ich befürchte“, erwiderte Torben langsam, „dafür bist du noch ein wenig zu jung.“

    „Ach laber nicht!“, entgegnete Manu laut. „Du bist auch nur drei Jahre älter als ich.“

    „Drei Jahre können viel ausmachen, weißt du?“, meinte sein Kumpel mit einem wissenden Unterton in der Stimme, leerte seine Kaffeetasse mit einem Schluck und stand auf.

    „Mistkerl“, fluchte Manu leise, der genau wusste, dass Torben eine Menge Spaß dabei hatte ihn aufzuziehen. „Als wär da so ein großer Unterschied zwischen zwanzig und dreiundzwanzig.“ Er beobachtete missmutig, wie Torben den Speisesaal verließ, danach aß er den Rest seines Frühstücks schneller auf, als geplant und brachte sein Tablett weg.

    Manu wollte ebenfalls gerade den Speisesaal mit ein paar anderen Matrosen verlassen, als die Stimme des Kapitäns aus dem Lautsprecher schallte.

    „Ich hoffe auch die letzten Leichtmatrosen schaffen es endlich auf ihre Posten. In einer Stunde legen wir ab und wenn ihr mich überraschen wollt, dann sind wir im besten Fall schon in dreißig Minuten weg von hier. Überrascht mich!“

    „Aye, aye!“, riefen einige der Matrosen lachend, auch wenn sie wussten, dass der Kapitän sie nicht hören konnte. Manu machte sich schnellen Schrittes auf den Weg in den Maschinenraum.


    Der große Raum begrüßte jeden mit dem brüllenden Lärm der Maschinen. Nur im Hafen, wenn das große Luftschiff von dem lautlosen, riesigen Ballon gehalten wurde und die unzähligen Propeller schwiegen war es im Maschinenraum ungewöhnlich ruhig. Ab und an hörte man in dieser Ruhe das Fluchen von einem Matrosen und das Geräusch von metallenem Werkzeug, das auf den Boden fiel.

    „Guten Morgen, Herr Adler. Melde mich zum Dienst“, begrüßte Manu den Chefingenieur, der gerade ein großes Zahnrad prüfend betrachtete. In einiger Entfernung stand Torben und putzte die Blätter eines kleinen Rotors.

    „Wird aber auch Zeit“, erwiderte Raphael Adler ohne ihn anzusehen. An Bord riefen ihn alle nur mit seinem Nachnamen. Die Ärmel seines grauen Arbeitshemdes waren hochgekrempelt und seine kräftigen Hände glänzten von schwarzem Öl. Niemand wusste, ob selbst die beste Seife es schaffte die dunkle Farbe von seiner Haut zu waschen.

    „Wie du siehst ist Torben bereits fleißig, er wird den Rotor sauber machen und dann am Heck wieder einbauen. Stefan hat den Schaden gestern bemerkt“, begann Adler mit tiefer Stimme. Danach drehte er sich von dem Zahnrad weg und schaute Manu direkt an. „Du schnappst dir die Kanne Öl dahinten und ölst die Luftschrauben dreizehn, vierzehn und siebzehn am Oberdeck. Die quietschen nämlich ganz fürchterlich und ich will nicht, dass sich das Material abnutzt. Neue Luftschrauben sind teuer und drei auf einmal austauschen könnte fast nen Monat Wasser und Brot für die ganze Mannschaft bedeuten.“

    „Aye, aye, bin schon unterwegs“, erwiderte Manu gehorsam, lief zum Regal hinter Torben und nahm die mit Schmieröl gefüllte Kanne heraus.

    „Und nicht trödeln, gell? Hier gibt's noch ne Menge anderes zu tun, sobald die alte Dame wieder zufrieden brummend in der Luft ist!“, rief Adler dem Matrosen hinterher, als dieser bereits die Tür des Maschinenraums geöffnet hatte.

    Manu lief durch die Gänge des Luftschiffes, die von kleinen elektrischen Lampen beleuchtet wurden. Immer wieder kamen ihm weitere Matrosen entgegen, die auf dem Weg zum Maschinenraum oder den vier Frachträumen waren, die sich auf derselben Ebene befanden; nämlich unten im Bauch des Luftschiffes. Auf seinem Weg auf das Oberdeck nahm er zwei Metallstufen auf einmal, bis er schließlich laut schnaufend die letzte Tür öffnete, die ihn von der Außenwelt trennte. Das helle Sonnenlicht blendete ihn, sodass er mit dem linken Arm sein Gesicht verdecken musste. Es dauerte mehrere Momente, bis sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten.

    „Wow“, formten Manus Lippen lautlos, als er seinen Blick schweifen ließ. Rechts von ihm stand die Sonne exakt auf gleicher Höhe wie er selbst. Eine gleißende runde Scheibe, die das Dunkel der Nacht bereits komplett vom Himmel vertrieben hatte und die vereinzelten Wolken orange färbte. Links von ihm wurde der Hafen langsam wach und als er an die Reling trat, konnte er sehen, wie bereits mehrere Arbeiter zwischen großen und kleineren Kisten umhergingen. Außer der Donau lagen noch zwei größere Handelsschiffe und ein kleineres Luftschiff vor Anker. Es erregte Manus Aufmerksamkeit, weil er keine Rotoren entdecken konnte. Stattdessen ragten zwei große Zylinder aus dem Heck des Schiffes.

    „Ob das eines dieser Kerosin-Schiffe ist?“, fragte er sich. Die Konstruktion war auf jeden Fall auf Schnelligkeit ausgelegt, nicht auf das Befördern von Lasten. Deshalb kam dieses Luftschiff auch ohne Parkballon aus und konnte von den eisernen Parkklammern des Hafens gehalten werden. Für ein großes Handelsschiff wie die Donau unmöglich, die Klammern würden abbrechen wie Zweige. Manu legte den Kopf in den Nacken und blickte von unten auf den großen beigefarbenen Ballon. Er war mit einem speziellen Gas gefüllt und genauso lang wie die Donau. Mühelos hielt er das schwere Schiff in der Luft, sodass nur ein paar starke Eisenketten nötig waren um ein Abdriften zu vermeiden.

    Die Stimmen vieler Männer drangen zu ihm herauf und er blickte nach unten. Unter dem strengen Blick von uniformierten Beamten wurden die letzten Kisten über eiserne Rampen in den Bauch der Donau befördert. Manu erkannte den ersten Offizier Leonhard Merten an seiner Uniform, wie dieser Handzeichen gab und die Verladung nicht weniger streng dirigierte.

    Schnell riss er sich von dem Anblick los und widmete sich seiner Aufgabe, die von Adler genannten Rotoren zu ölen. Wenn er zu lange für diese einfache Anweisung brauchen würde, würde Adler ihn zur Strafe nur noch den Maschinenraum schrubben lassen. Eilig lief er zu den genannten Rotoren am Heck der Donau. Im Sonnenlicht glänzten die Propeller golden. Sie bestanden aus Aluminiumbronze, was sie besonders verschleißfest machte und damit bestens für den Luftschiffbau eignete. Trotzdem konnten sie kaputt gehen, weshalb sie eine Menge Pflege benötigten.

    Obwohl die einzelnen Rotoren nicht beschriftet waren, wusste Manu genau, welche Adler gemeint hatte. Sein erstes Jahr an Bord hatte der junge Matrose damit verbracht jeden einzelnen dieser Propeller kennenzulernen. Wie sie für die Steuerung benutzt wurden, warum sie unterschiedlich groß waren oder ihre Rotorblätter verschiedene Formen und Längen aufwiesen. Und natürlich welche Zahl zu welchem Propeller gehörte.

    Dreizehn und Vierzehn erkannte er schnell, nicht nur, weil sie nebeneinander waren, sondern auch identisch aussahen. Sie befanden sich ziemlich mittig am Heck und ihre Blätter waren eine Armlänge lang und die breiteste Stelle war zwei Hand breit. Prüfend bewegte er die Rotoren ein wenig und hörte sofort das Quietschen. Mit der Ölkanne verteilte er das Schmieröl dort, wo sich die Stange des Propellers in dem Zylinder drehte. Er bewegte den Propeller erneut und das metallische Quietschen war verschwunden.

    Propeller Siebzehn war eine größere Variante und befand sich an Backbord. Er war zu groß um ihn zu drehen, deshalb musste Manu sich hier auf die Aussage von Adler verlassen, dass Schmieröl notwendig war. Eine kleine, metallene Leiter führte zu dem Propeller, die der Matrose schnell hinauf- und nach getaner Arbeit hinunterkletterte.

    „Fertig“, sagte er zufrieden zu sich selbst, als er sich abwandte und zurück zum Maschinenraum ging. Im Inneren der Donau fiel sein Blick auf die Uhr, die an der Wand vor der Tür zum Maschinenraum hing. Die Zeit des Abflugs war gekommen und als er die Metalltür öffnete, konnte er es auch hören.

    „Alle Mann auf ihre Posten!“, schrie Adler durch den gesamten Raum. „Maschinen werden gestartet! Nehmt eure Hände aus den Zahnrädern. Haltet euer Werkzeug fest und greift euch die nächste Haltestange!“ Manu gehorchte und griff automatisch die Eisenstange direkt neben der Tür. In einigen Metern Entfernung legte Adler einen schweren Hebel um und das ruhende Metall im Raum erwachte zum Leben.

    Die Zahnräder, groß und klein, begannen sich erst zögerlich, dann immer schneller und gleichmäßiger zu drehen. Kolben fingen an zu stampfen, Metall traf auf Metall und ein Ruck ging durch das große Schiff, als es einen kurzen Sprung in die Luft machte. Die Propeller, die für die Höhe verantwortlich waren liefen auf voller Kraft und hatten damit den Parkballon abgelöst.

    „Trupp vier!“, schrie Adler aus voller Kehle durch den Raum. „An Deck mit euch, holt den Parkballon runter!“ Fünf Matrosen liefen an Manu vorbei, er selbst machte sich auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz. Auch ohne konkrete Anweisungen von Adler, hatte er einen eigenen Bereich in der großen Maschinerie. Er war zusammen mit Torben und zwei anderen Matrosen für die Instandhaltung der Werkzeuge verantwortlich. Diese Arbeit hatte er in den vergangenen drei Jahren gelernt; erst vor kurzem hatte er unter Adlers peniblem Blick eine Prüfung abgelegt und konnte sich seitdem selbst organisieren. Wie üblich war seine Werkbank bereits mit kaputtem Werkzeug übersät.

    „Wer in aller Welt arbeitet hier eigentlich?“, schimpfte er. „Sind das wirklich Männer oder schlecht programmierte Roboter?“ Dabei hob er einen völlig verbogenen Schraubenschlüssel hoch.

    „Der dürfte wohl Bekanntschaft mit ein paar Zahnrädern gemacht haben“, kommentierte Torben und erntete von Manu einen entgeisterten Blick.

    „Wie?!“, fragte er, doch sein Kollege zuckte nur mit den Schultern.

    „Frag mich doch nicht, immerhin mach ich denselben Job wie du. Woher soll ich wissen, wie die anderen Mechaniker ihr Werkzeug benutzen?“

    Seufzend verschaffte Manu sich einen Überblick über die kaputten Werkzeuge und welche er zuerst reparieren sollte. Torben setzte sich an seine eigene Werkbank, wo er sich einem weiteren Propeller widmete. Adlers Stimme erhob sich erneut über den stetigen Lärm: „Alle Mann festhalten! Wir legen ab!“

    Gleichzeitig griffen Manu und Torben die Haltestangen, die sich neben ihren Werkbänken befanden und es gab einen kurzen Ruck nach vorne. Die zwei riesigen Luftschrauben am unteren Heck waren angesprungen und trieben das Luftschiff nach vorne. Damit waren sie auf dem Weg zum nächsten Hafen. Und für Manu begann ein weiterer Arbeitstag an Bord der Donau.


    Satt und müde verließ Manu den Speisesaal, mit dem Ziel bald in sein Bett zu fallen. Die Nächte waren besonders kurz, wenn sie auf dem Weg zum nächsten Hafen waren, da der Maschinenraum zu jeder Uhrzeit besetzt sein musste. Die Einteilung des Schichtdienstes hatte Adler heute bekannt gegeben. Manu war während der ganzen Reise für die erste Schicht eingetragen, die vor Sonnenaufgang anfing. Die Vorstellung allein drückte seine Stimmung, denn er tat sich mit dem frühen Aufstehen schwer.

    „Was soll’s", seufzte er, als er die schmalen Metallstufen zu seiner Kabine hinaufstieg. Doch kurz vor der Metalltür fiel sein Blick auf eine der Uhren, die im Gang hingen. Es war noch zu früh und er wusste, dass er nicht würde schlafen können. Also beschloss er, die Zeit zu nutzen.

    Seine Stiefel klangen viel zu laut auf den metallenen Treppen, aber er wusste, dass niemand auf ihn achten würde. Trotzdem drehte er sich noch mehrere Male um, um zu prüfen, dass ihm niemand folgte. Vorsichtig öffnete er die Tür zu Frachtraum zwei und schlüpfte hindurch. Das stetige Wummern der Maschinen war deutlich zu hören, schließlich befand sich der Maschinenraum ganz in der Nähe. Die Luft war stickig und es herrschte diffuses Zwielicht, da die wenigen Bullaugen an der Wand weit auseinander lagen. Eines von ihnen befand sich an der Außenwand direkt neben der Tür und Manu öffnete es einen Spaltbreit. Anstatt den Lichtschalter zu betätigen, der die vielen elektrischen Deckenlampen anschalten würde, griff Manu nach der Petroleumlampe, die neben der Tür hing. Sie war für Notfälle gedacht, wenn die Elektrizität nicht funktionieren sollte. Er zweckentfremdete sie jedoch, da er es für unnötig hielt den ganzen Frachtraum zu erleuchten. Mit den Streichhölzern auf dem Regal entzündete er die Lampe und ging los.

    Es war niemandem außer den Lagerarbeitern gestattet den Frachtraum ohne Erlaubnis einer ranghöheren Person zu betreten. Das wusste Manu. Er wusste aber aus Erfahrung der letzten Jahre, dass die Lagerarbeiter auf einem Flug tatsächlich weniger zu tun hatten, als die meisten anderen Matrosen an Bord. Deshalb war es für ihn ein leichtes sich hier einzuschleichen, obwohl es immer ein hohes Risiko bedeutete. Niemand wusste, welche Strafen es für das Herumtreiben im Frachtraum gab, weil es bisher noch niemand versucht hatte. Oder sie alle so gut darin waren unerkannt zu bleiben wie Manu.

    Im Hafen von Ferlach, ihrer Station vor Plaika, hatte er einem Buchhändler eine kleine Kiste voll Bücher abgekauft. Ursprünglich war diese in seiner Kabine gewesen, aber weil er Torbens Neugierde kannte, hatte er sie hier im Frachtraum untergebracht. Im hinteren Teil gab es ein paar windige Metallregale, an denen manche Ladung entweder verstaut oder gesichert wurde und er hatte seine kleine Kiste dort einfach dazugestellt. Sie wurde von zwei größeren Kisten verdeckt, die erst im kommenden Hafen von Molln entladen werden würden. Und weil seine unbeschriftete Kiste auf jeden Fall in Molln Aufmerksamkeit erregen würde, hatte er beschlossen den Inhalt jetzt durchzusehen und zu entscheiden, was er damit machen würde.

    „Es wird vermutlich doch darauf hinauslaufen, dass ich mir Torbens dummes Gerede eine Weile antue, wenn er ungefragt in meinen Sachen herumwühlt“, dachte er resigniert. Manu schämte sich nicht für die Bücher, die er gekauft hatte, aber er wusste, dass die anderen sich sicherlich eine Weile über ihn lustig machen würden, würden sie diese sehen. Zwar gab es einen kleinen Anteil an Matrosen, der kaum lesen und schreiben konnte, aber Torben und die meisten aus dem Maschinenraum gehörten leider nicht dazu.

    Seine Schritte gaben dem stetigen Summen der Motoren taktvolle Untermalung, während er zielstrebig durch den großen Raum zu dem Regal lief. Er zog die beiden anderen Kisten, die mit Seilen an dem Metallregal fixiert waren, ein wenig zur Seite und holte seine Kiste hervor.

    Vorsichtig hob er den hölzernen Deckel ab, legte ihn neben sich und nahm eines der Bücher heraus. Kurz strich er über den roten Ledereinband in dem mit goldener, schnörkeliger Schrift der Titel eingeprägt war, bevor er das Buch aufschlug. Manu konnte lesen und schreiben, auch wenn er die Schule nur vier Jahre besucht hatte. Probleme machte ihn allerdings die Schrift, die in diesen älteren Büchern verwendet wurde. Er konnte die Buchstaben deswegen nicht immer entziffern, aber die Bilder hatten es ihm angetan. Alle paar Seiten prangte eine detaillierte Karte auf dem Papier, mit blasser Farbe illustriert und mit einfachen Buchstaben beschriftet. Die Orte sagten ihm nichts, er wusste nicht einmal, ob es sich um reale oder fiktive handelte. War das vor ihm ein Märchenbuch? Oder die Aufzeichnungen eines Kartographen? Er wusste es nicht, denn bisher hatte er noch keine Ruhe gehabt zu lesen, nur die Bilder hatte er mit wachsender Begeisterung betrachtet.

    Vorsichtig legte er das Buch zurück in die Kiste und nahm ein anderes heraus. Diesem fehlte der Buchrücken, sodass man die Fadenheftung sehen konnte. Die Buchdeckel waren schlichter Karton, schmucklos und einfach. Es war handschriftlich geschrieben und die Buchstaben standen in blauer Tinte auf dem weichen Papier. Zu Manus Freude besaß der Schreiber eine gut leserliche Handschrift. Auf dem schlichten Buchdeckel war kein Titel und der Text begann ohne Überschrift. Es war ihm ein Rätsel, woher dieses Buch kam und wer der namenlose Autor war. Doch anstatt sich in dem Text zu verlieren, legte er es wieder zurück. Noch drei weitere Bücher lagen in der Kiste. Diese hatten alle ordentliche Einbände, einer rot, die anderen schwarz. Er wollte gerade nach einem anderen greifen, als er das deutliche Rasseln einer Kette hörte.

    Es ließ Manu überrascht innehalten. Das gleichmäßige Surren des Motors erfüllte den Raum, sodass nur lautere oder nahe Geräusche dieses kurz übertönen konnten. Vorsichtig legte er den Deckel wieder auf die hölzerne Kiste und verstaute sie in ihrem Versteck. Er hob die Petroleumlampe auf, auf der Suche nach der Quelle des Geräusches. Es ertönte nun immer und immer wieder, der Klang wurde begleitet von einem Kratzen und Klappern auf dem Metallboden. Für Manu klang es wütend oder verzweifelt, als würde ein Kampf hier in diesem Frachtraum ausgefochten werden. Eine Reihe mannshoher Kisten versperrte ihm die Sicht auf den hinteren Teil des Frachtraums, doch er wusste, was sich dort befand. In einem eisernen, abschließbaren Käfig wurden die Waren aufbewahrt, die dem Kapitän, ersten Offizier und Chefingenieur gehörten. Nicht mal die Lagermatrosen hatten einen Schlüssel für das Vorhängeschloss. Konnte das Geräusch von dort kommen?

    Als der Lichtkegel von Manus Lampe hinter der letzten Kiste hervorkam, hatten die Geräusche mit einem Mal aufgehört. Neben dem Surren des Motors und seinen Stiefeln auf dem Metallboden war nichts mehr zu hören. Verdutzt näherte er sich dem Käfig, leuchtete mit ausgestreckter Hand durch die Gitterstäbe. Und hätte beinahe die Petroleumlampe vor Schreck fallen gelassen.

    Das Licht fiel auf zwei krallenbewehrte Greifvogelfüße. Weiße Federn bedeckten die Oberschenkel und den menschlichen Torso des Wesens bis zur Brust. Raue Seile fixierten die federlosen Arme zusammen mit den zwei mächtigen Flügeln am Körper der Gestalt. Der Kopf war bedeckt mit einer Mischung aus kurzen hellbraunen Haaren und Federn, der Mund von einem dicken Tuch verdeckt. Verängstigte schwarze Augen blickten ihm entgegen. Um den Hals des Wesens hing ein Eisenring an dem eine Kette befestigt war, die wiederum mit einem Haken am Boden des Frachtraums fixiert wurde.

    Manu drehte sich abrupt um und rannte zurück zum Ausgang. Seine eiligen Schritte untermalten das Maschinensurren für einige Augenblicke mit einem schnellen Takt, bis er schließlich keuchend und mit klopfendem Herzen die Tür erreichte.

    „Was habe ich da gerade gesehen?“, fragte er sich, während er nach Luft rang. Er stellte sich zu dem leicht geöffneten Bullauge.

    „Die Donau transportiert keine lebende Fracht“, erinnerte er sich deutlich an die Worte des Kapitäns an seinem ersten Tag an Bord.

    „Aber warum ist in dem Käfig dort ein Lebewesen?“, fragte er halblaut. Manu mochte nicht viel wissen, aber er erkannte eine Harpyie, wenn er sie sah. Er kannte die Geschichten, die man sich erzählte. Einer Sage nach, hatte ein Himmelsdrache den Meerjungfrauen Falkenflügel geschenkt, als er sah, wie sehr sie die Seefahrer vermissten, deren Schiffe zu fliegen gelernt hatten. In so manchem Hafen hatte er von den Harpyien und anderen Fabelwesen gehört, aber er hätte nie gedacht, jemals eines zu Gesicht zu bekommen.

    Doch nicht die Überraschung über eine leibhaftige Harpyie vor ihm ließ sein Herz wild schlagen. Er wusste, er hatte etwas entdeckt, was für seine Augen nicht bestimmt war.

    „Was soll ich jetzt machen?“, fragte er sich, als er das Fenster schloss und das Licht der Lampe löschte.

    Vorsichtig öffnete er die Tür des Frachtraums einen Spalt, zwängte sich hindurch und schloss sie wieder. Er achtete darauf, ob ihn auch niemand gesehen hatte, bis er endlich den Gang zu seiner Kabine erreichte. Erst in diesem Moment erlaubte er sich zu entspannen. Trotzdem überschlugen sich in seinem Kopf die Gedanken. Als er die Tür zur Kabine öffnete lag Torben bereits auf der unteren Matratze des Stockbetts und las in derselben Zeitschrift, wie schon heute morgen. Manu ging wortlos an ihm vorbei und begann sich aus seiner Arbeitskleidung zu schälen. Sein Zimmergenosse legte die Zeitschrift auf seinen Bauch, dabei musterte er ihn mit hochgezogener Augenbraue.

    „Warum so still?“, fragte Torben schließlich. „Ich hab dich seit dem Abendessen nicht mehr gesehen und da hast du gar nichts zu erzählen?“

    Manu antwortete nicht sofort. Einerseits wollte er seinen Kameraden einweihen oder zumindest fragen, ob so etwas schon vorgekommen war. Vielleicht war es ja ein offenes Geheimnis, dass ab und an lebende Fabelwesen an Bord waren, nur er hatte es nicht mitbekommen? Andererseits wollte er Torben nicht in diese Sache mit reinziehen. Wenn niemand die Harpyie sehen durfte, hatte Manu ungewollt nicht nur einen Befehl missachtet, sondern war möglicherweise auch noch Zeuge unsauberer Geschäfte an Bord. Da es ihm gar nicht erst erlaubt war in den Frachtraum ohne Anweisung eines Vorgesetzten zu gehen, wog sein Vergehen umso schwerer.

    Letztendlich war er mit Torben auch gar nicht so gut befreundet. Sie kamen miteinander als Matrosen an Bord ganz gut aus, aber wirklich viel wussten sie voneinander nicht. Vertraute er Torben genug, ihn nicht bei den Ranghöchsten zu verpfeifen?

    „Hey, Erde an Manu! Was ist los mit dir?“, fragte sein Zimmergenosse und machte einen sehr verwirrten Eindruck.

    „Hat die Donau schon einmal lebende Fracht transportiert?“, wollte Manu wissen, als er sein Arbeitshemd auf einen Kleiderbügel hängte.

    „Wie kommst du darauf?“, erwiderte Torben verwundert, richtete sich dabei auf und legte die Zeitschrift zur Seite. „Lass mich mal überlegen ... ich bin jetzt fünf Jahre hier und in dieser Zeit gab es keine lebende Fracht. Als ich hier anfing, erzählte man mir, dass der Käpt'n in seiner Anfangszeit mit der Donau auch lebende Fracht transportiert hat. Auf kurzen Strecken hauptsächlich, meist Hühner und Hasen.“ Manu hatte inzwischen bequemere Kleidung angezogen und sich auf den Stuhl zwischen den zwei Spinden gesetzt, die im hinteren Teil der Kabine standen.

    „Aber irgendwas ist passiert“, überlegte sein Zimmerkollege und kratzte sich dabei am Kopf. „Ach ja, die Sache mit den zwei Pfauen!“

    „Pfaue?“, meinte Manu verwirrt.

    „Ja, für den Vogelgarten in Melk. Käpt'n Zeppelin willigte ein die beiden zu transportieren, aber die Strecke war lang und sie kamen aufgrund von Turbulenzen nicht gut voran. Er hatte sich in der Reisezeit vertan und konnte die Vögel nicht durchgehend versorgen. Als es ans Ausladen der beiden ging, lagen sie tot in ihrem Reisekäfig.“ Torben seufzte, ob der Vorstellung. „Danach hat Zeppelin wohl nie wieder einen Transport lebender Fracht angenommen und schließlich die Regel aufgestellt, dass die Donau nur Güter ohne Herzschlag transportiert.“ Er richtete sich von dem Bett auf und streckte die Arme zum Dehnen von sich.

    „Aber wie kommst du darauf?“, fragte er erneut, doch Manu wich seinem Blick aus.

    „Nur so, ist mir einfach in den Sinn gekommen.“

    „Spuck's aus“, forderte Torben mit vor der Brust verschränkten Armen. Manu spürte, wie sein Zimmerkollege ihn durchdringend ansah und sich nicht mit einer weiteren Ausrede zufrieden geben würde. Er seufzte, als er schließlich aufsah.

    „Ich glaub, ich hab was gesehen, was ich nicht sehen durfte“, begann er zögerlich zu erzählen.

    „Und was war das? Lebende Fracht?“, bohrte sein Kamerad weiter, als er sich wieder auf sein Bett setzte. Manu nickte kurz und sprach weiter: „Ich will dich da nicht reinziehen, deshalb will ich es dir auch eigentlich gar nicht erzählen.“

    „Ah, deshalb also“, erwiderte Torben lächelnd und fuhr sich durch die kurzen blonden Haare. „Mach dir da mal keine Gedanken. Ich erzähl's keinem weiter, aber ich bin zu neugierig.“

    „In Ordnung, aber es ist wirklich wichtig, dass das nicht die Runde macht. Nicht, bis ich weiß, was ich tun soll“, sagte Manu und erhielt von dem Matrosen ein zustimmendes Nicken. „Ich hab mich in Frachtraum zwei geschlichen …"

    „Du hast was?!“, platzte es aus Torben heraus. „Bist du wahnsinnig?!“

    „Hey, nicht so laut“, entgegnete Manu scharf.

    „Entschuldige“, kam die kleinlaute Erwiderung. „Ich hätte nur nie gedacht, dass du so etwas Dummes machen würdest. Wir sind nicht befugt einen der Frachträume zu betreten. Und das weißt du.“

    „Klar weiß ich das“, fuhr er fort. „Aber ich habe etwas gekauft, was ich dort untergebracht hab und nachdem hab ich geschaut.“

    „Wie groß ist es denn, dass es hier in der Kabine keinen Platz hat?“, wollte Torben wissen.

    „Es hätte schon Platz“, antwortete Manu ungeduldig, da er dieses Thema nicht vertiefen wollte, „aber ich wollte verhindern, dass mich jeder fragt, was in der Kiste ist.“

    „Das wär aber bei Weitem sicherer gewesen, als sie im Frachtraum zu verstecken“, erwiderte der Matrose kopfschüttelnd.

    „Ist ja gut“, fuhr er seinen Zimmerkollegen an, „ich hab's verstanden. Ich hätte das alles verhindern können, wenn ich die Kiste hierher genommen hätte. Hab ich aber nicht. Willst du jetzt wissen, was ich deshalb gesehen hab oder weiter über mögliche Szenarien sprechen?“

    Torben hob abwehrend die Hände: „In Ordnung, tut mir leid. Erzähl weiter.“

    „Gut“, meinte Manu und nahm seine Erzählung wieder auf. „Ich hab im Frachtraum nach meiner Kiste geschaut, weil ich wusste, dass ich sie dort nicht mehr lang lagern kann, ohne, dass sie entdeckt wird. Deshalb war ich dort. Aber als ich dort war und darüber nachgedacht hab, hab ich plötzlich ein Geräusch gehört. Ein Kettenrasseln. Ich bin dem gefolgt und kam zu dem Metallkäfig, in dem der Käpt'n, Merten und Adler ihre persönlichen Waren wegschließen. Und dort hab ich dann die lebende Fracht gesehen.“ Er stoppte, wartete auf eine Reaktion von Torben. Sein Zimmerkollege schien über das plötzliche Ende überrascht und fragte gleich: „Und, was ist es genau? Irgendein Tier? Es ist aber kein Mensch, oder?“

    „Es ist ... beides“, antwortete Manu und erntete einen verständnislosen Blick von Torben.

    „Wie ‚beides‘?"

    „Es ist eine Harpyie.“

    Der Satz hing in der Luft, als sein Kamerad ihn ungläubig anschaute.

    „Das ... das ist ein Scherz, oder? Du tischt mir hier Seemannsgarn auf!“, erwiderte er, als er anfing gepresst zu lachen.

    „Nein. Wir haben eine lebende Harpyie im Frachtraum“, sagte Manu mit ernster Stimme.

    „Aber, wer ..., ich meine ..., warum? Wieso? Ich kapier das nicht!“, entkam es Torben sichtlich verwirrt. Manu zuckte mit den Schultern, immerhin waren es dieselben Fragen, die er sich auch stellte.

    „Am meisten frage ich mich aber, was ich jetzt machen soll“, erwiderte er seufzend.

    „Nichts“, meinte Torben, „selbst wenn es sich um Schmuggel oder sonst etwas handelt, kannst du nichts tun. Die Fracht gehört entweder Zeppelin, Merten oder Adler und keiner von denen wird sich von uns was sagen lassen. Vor allem, wenn es Zeppelins Ware ist. Jede Einmischung sorgt dafür, dass du beim nächsten Hafen vom Schiff fliegst.“

    Manu wusste, dass sein Kamerad recht hatte. Egal, wem die Harpyie gehörte, er konnte nichts tun. Obwohl Zeppelin die Regel aufgestellt hatte, dass lebende Fracht nicht mehr transportiert wird, würden Merten und Adler so eine Aktion nicht hinter dem Rücken des Kapitäns durchführen. Und wenn die Harpyie Zeppelin selbst gehörte, waren einem einfachen Matrosen wie ihm die Hände gebunden. Trotzdem konnte er das nicht akzeptieren.

    „Das ist keine Fracht“, zischte Manu wütend. „Das ist ein Lebewesen.“

    „Wie auch immer“, erwiderte Torben mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Wenn du dich einmischst, fliegst du von Bord.“


    Die Worte hallten noch lang in Manus Kopf wieder, als er danach schlafen ging. Sein Zimmerkollege hatte noch ein wenig auf ihn eingeredet, aber er hatte sich nichts davon gemerkt. Die Nacht war kurz gewesen, er hatte kaum schlafen können und es doch irgendwie gemeinsam mit Torben rechtzeitig zu seiner Schicht geschafft. Das Frühstück hatte Manu einfach ausfallen lassen, der Gedanke an Essen war ihm schon zu viel gewesen. Er merkte deutlich, dass sein Kamerad ihn mehr als sonst beobachtete, aber das war ihm gleich. Gähnend saß Manu an seinem Arbeitstisch und reparierte ein Werkzeug. Die meisten Schäden wiederholten sich, sodass er mehrere Stunden dasselbe tat und sich wie ein Arbeiter am Fließband einer großen Fabrik vorkam.

    Er ließ die Frühstückspause ausfallen, obwohl Torben ihn dazu drängte. Doch Manu gefiel sein momentaner Arbeitsrhythmus und er hatte immer noch keinen Appetit. Außerdem war es ihm ganz recht für kurze Zeit allein zu sein. Seit dem Aufwachen hatte er sich gefragt, ob sich wohl jemand um die Harpyie im Frachtraum kümmerte. Ihm ging die Geschichte mit den zwei Pfauen nicht aus dem Kopf und er machte sich Sorgen. Vor allem der Gedanke, dass das Überleben der Harpyie dem Käufer eventuell gar nicht wichtig war, ließ ihn erschaudern. Wer an Bord konnte so grausam sein?

    Natürlich wusste Manu, dass man auf einem Luftschiff aus härterem Holz geschnitzt sein musste, aber selbst wenn Zeppelin und Merten unnahbar wirkten und eine enorme Autorität ausstrahlten, hätte er sie nie als grausam beschrieben. Adler schon gar nicht. Er war ruppig und hatte sicherlich mehr Interesse an seinen Maschinen, als an Lebewesen, aber er war auch sehr fair und achtete immer darauf, dass es den Matrosen unter ihm gut ging. Wenn Adler mitbekommen hätte, dass er nicht in der Frühstückspause war, hätte er Manu eigenhändig dorthin geschleift.

    Er blickte von seinem Werkzeug auf die Uhr, die in einiger Entfernung an einem hervorstehenden Rohr hing.

    „Noch vier Stunden“, dachte er, „und dann muss ich mich entscheiden.“

  • Hallo, Cyndaquil ^^


    Ich habe eben deine Geschichte gelesen, obwohl ich eigentlich etwas anderes tun wollte, und bin echt gut unterhalten worden. Trotz dass es größtenteils Einleitung und Alltagsgeschehen war, wurde es mir nicht langweilig. Kann gut sein, dass das auch an der großen Menge an (Neben-)Figuren liegt, dadurch wird die Erzählung lebendig. Sehr angenehm, dass du trotz Fantasy-Welt (zumindest in Ansätzen) auf existierende Namen setzt und nicht möglichst wohlklingende und sprechende erfindest (am besten noch mit viel th und y ^^). Das macht es einfach zugänglicher, ohne großen Schnickschnack und teils die Frage, wie man dies und das denn nun wieder ausspricht. Merten war mir als Name übrigens aus Krabat bekannt, aber keine Ahnung, ob es den tatsächlich gibt. Mir gefällt die realistische Herangehensweise und dass es auf so einem Luftschiff dreckig zugeht, Adler mit seinen Ölarmen ist mir im Gedächtnis geblieben. Oh, und ebenfalls sehr angenehm, dass Manu als Hauptperson nicht das dunkle Geheimnis tief in seinem Herzen versteckt, sich absondert von seinen Kameraden, pipapo, sondern darüber redet. Und natürlich muss es mit einem Cliffhanger enden, was auch sonst.


    Äh ja, das wollte ich nur kurz dalassen, ist jetzt keine Analyse oder ähnliches, aber das muss ja auch nicht. Wollte nur sagen, dass mir die Geschichte gefallen hat, und hiermit habe ich dann ja auch das Thema abonniert, damit ich die Fortsetzung nicht verpasse :D

    Und plötzlich schien ein neuer Kontinent

    am Horizont, wir sind noch lange nicht am End’!
    __________________________________________________________- Flocon


    Ein Dankeschön an Aigis für diesen wunderbaren Avatar ^-^

  • Hallo,


    der Anfang ist in vielerlei Hinsicht magisch. Einerseits ist da diese Welt mit Luftschiffen, alltäglich, dreckig und nachvollziehbar. Das wird vor allem durch die handelnden Personen unterstützt, die in erster Linie durch Normalität und Durchschnittlichkeit auffallen und das ist sehr erfrischend. Auf diese Weise wirkt alles sehr bodenständig – besonders in der Luft – und Manu darf so sein Abenteuer an Bord erleben. Andererseits ist da die Harpyie, die man auch nicht besonders oft in Geschichten liest und die du auch bewusst als selten erwähnst. Da bietet sich Schmuggelware natürlich an und ich bin gespannt, wo das hinführt.


    Wir lesen uns!

  • Vielen Dank an Mandelev und Rusalka für eure Kommis! (:


    Mandelev

    Danke für dein Lob! Ich war mir tatsächlich ein wenig unsicher, ob der Alltag von Manu nicht zu langweilig ist, deshalb freut's mich, wenn du das nicht so empfunden hast. (: Und es freut mich auch, dass meine spontane Idee, einfach Google-Maps für Ortsnamen zu öffnen, wohl gar nicht so naiv war, wie ich dachte. Hab wirklich gedacht: "Mei, was bin ich unkreativ, dass ich mir nicht mal Ortsnamen ausdenken kann!" Aber letztendlich: wozu was ausdenken, wenn es schon so hübsche Ortsnamen gibt?

    In Krabat gab es einen Merten? Wow, das hatte ich komplett vergessen.

    Adler mag ich auch sehr, auch wenn er keine so große Rolle hat, aber ich konnte ihn mir so gut vorstellen. Er ist so ein richtiger Vollblutmechaniker.

    Danke noch mal für deine Gedanken zu diesem ersten Part -- bin schon neugierig, was du zum nächsten Teil sagen wirst. (:


    Rusalka

    Drabble-Kommi -- gewieft! :3

    Danke auch für dein Lob! Es freut mich, wenn dieser Mix aus "Alltag" und "Magie" hier so gelungen ist. Über Harpyien liest man wirklich nicht oft, aber ich denke, das liegt hauptsächlich daran, weil sie so unterschiedlich dargestellt werden. Die meisten werden sie eher als Antagonisten wählen, weil sie ja doch keinen so guten Ruf haben. Die Harpyien in dieser Welt sind allerdings ein recht friedliches Volk. Aber es ist eben auch eine kapitalistische Welt und ja, was man zu Geld machen kann, wird zu Geld gemacht.

    Schön zu hören, dass ich eine gewisse Bodenständigkeit herüber gebracht hab, weil das war durchaus mein Ziel! :D

    Danke für deine Gedanken in hundert Wörtern, freu mich schon, was du zum nächsten Part sagen wirst.



    An Bord der Donau

    (II / III)


    Die vier Stunden vergingen schneller, als Manu es sich vorgestellt hatte. Torben kam zurück und sie arbeiteten weiter mit dem stetigen Geräusch der Maschinen, welches Manu an diesem Tag besonders genoss. Denn es hielt seinen Kameraden davon ab ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Zwar versuchte Torben es trotzdem, aber darauf reagierte er einfach nicht. Als das schrille Pfeifen das Ende der Frühschicht ankündigte kam ihnen Adler entgegen.

    „Manu“, wandte der Chefingenieur sich an ihn, „ich hab dich bei der Frühstückspause nicht gesehen. Du warst doch dort, oder?“

    „Nein, Herr Adler, das war ich nicht“, gab Manu offen zu. Es hatte keinen Zweck seinen Vorgesetzten anzulügen und das wollte er auch gar nicht. Der Chefingenieur sah ihn einen Augenblick ernst an. Schließlich sagte er: „Das kommt nicht noch mal vor, verstanden? Wenn du mir hier aufgrund von Unterzucker umkippst ist das lebensgefährlich.“

    „Aye, Herr Adler, kommt nicht wieder vor“, erwiderte er gehorsam und ging gemeinsam mit Torben zum Mittagessen. Inzwischen knurrte sein Magen so laut, dass er ihn nicht mehr ignorieren konnte. Glücklicherweise war die Speisekarte heute ganz nach seinem Geschmack, denn es waren sechs Matrosen in der Küche eingeteilt, die allesamt aus Restaurantfamilien stammten. Deshalb genoss Manu wenig später seine Semmelknödel mit einer sämigen Fleischsoße. Torben saß ihm gegenüber und drehte seine Spaghetti Bolognese um die Gabel. Sie hatten noch nicht viele Worte heute gewechselt, da Manu schlichtweg nicht reden wollte. Er bemerkte, dass das seinen Kameraden störte, aber es war ihm gleich.

    „Was machst du jetzt?“, fragte Torben plötzlich ohne ihn anzusehen, ganz auf das Aufwickeln der Spaghetti fokussiert.

    „Das einzig Richtige“, erwiderte Manu und versuchte dabei möglichst neutral zu klingen. Er schob sich ein Stück seines Knödels in den Mund, sah auf und bemerkte Torbens fragenden Blick.

    „Was heißt das?“, wollte er wissen, doch Manu ging darauf nicht ein, sondern stellte eine Gegenfrage.

    „Bis nach Molln brauchen wir noch zwei Tage, oder?“

    „Ungefähr, ja. Vielleicht auch drei. Warum?“, entgegnete Torben verwirrt.

    „Nur so, damit ich weiß, wie lang ich Zeit hab.“

    „Für was?“, wollte sein Kamerad wissen und Manu bemerkte eine leichte Verzweiflung in seiner Stimme. Es überraschte ihn etwas, denn bisher hatte Torben sich nie anmerken lassen, dass er sich Sorgen um etwas machte.

    „Ich muss gestehen“, fuhr Torben leiser fort, als er sein Besteck auf den leeren Teller legte, „dass ich immer noch nicht weiß, ob ich dir helfen soll. Doch wenn ich es tue, geh ich ein Risiko ein, das ich nicht eingehen will, deshalb wär's vermutlich klüger die ganze Sache einfach zu ignorieren. Trotzdem möchte ich, dass du eines weißt.“

    „Und das wäre?“, fragte Manu interessiert und schob sich den letzten Löffel Soße in den Mund.

    „Dass ich dich vermissen werd.“

    Er war so sprachlos, dass er nichts darauf erwidern konnte und Torben einige Augenblicke mit dem Löffel im Mund anstarrte.

    „Du siehst ein bisschen dämlich so aus“, meinte sein Kamerad leise lachend, woraufhin Manu schnell den Löffel aus dem Mund nahm.

    „Kannst du's mir verübeln? Hätte nie gedacht, dass du mich vermissen könntest“, erwiderte er mit einem Schulterzucken.

    „Tja, jetzt weißt du's. Wird langweilig werden ohne dich.“

    „Aber helfen möchtest du mir trotzdem nicht?“, wollte Manu wissen, als er sein Besteck auf den Teller legte. Torben schüttelte den Kopf: „Ich würd gern, aber ich kann's mir nicht leisten von diesem Schiff zu fliegen.“

    „Denkst du nicht, dass wir woanders Arbeit finden würden?“

    „Vielleicht, vielleicht auch nicht. Kannst mich ruhig feige und bequem nennen, aber ich mag es hier an Bord und denke, dass es woanders wesentlich schlimmer sein könnte“, antwortete Torben und fuhr sich durch seine blonden Haare. Manu konnte seinen Gedankengang nachvollziehen, denn er war genauso gern wie sein Kamerad an Bord der Donau. Aber er konnte das Lebewesen im Frachtraum nicht ignorieren. Torben nahm sich Manus Teller und sagte: „Ich nehm das für dich mit. Tu was du nicht lassen kannst, aber pass auf, in Ordnung?“

    „Mach ich. Danke“, erwiderte Manu lächelnd und stand auf. Während Torben die Teller zurück zur Essensausgabe brachte, machte er sich auf den Weg aus dem Speisesaal. Aus dem Korb am Eingang, der mit den übrigen Brezen vom Morgen gefüllt war, nahm er sich zwei mit, das würde niemanden misstrauisch machen. Danach ging er zurück zu seiner Kabine. Er traf mehrere Matrosen, die aus der Richtung der Frachträume kamen, aber keiner von ihnen war Lagerarbeiter. Fast war er ein wenig enttäuscht, denn er hätte gern gewusst, ob außer ihm noch jemand die Harpyie entdeckt hatte. Aber gerade dieser Gruppe von Matrosen wollte er auf keinen Fall davon erzählen. Es handelte sich um eine Gruppe von sechs hochgewachsenen und durchtrainierten Männern, die alle einen militärischen Hintergrund hatten. Sie waren nicht direkt unfreundlich, aber Manu empfand sie als grob und ihr Humor war zeitweise eher makaber. Hauptsächlich waren sie auf der Brücke der Donau eingesetzt, wo sie ihre Befehle direkt vom Kapitän erhielten. Manu wollte sich nicht vorstellen, wie sie auf die Harpyie reagieren würden.

    In seiner Kabine angekommen ging er direkt zu seinem Spind und holte eine Thermosflasche, sowie eine metallene Brotdose heraus. Er brach die zwei Brezen in passende Stücke, sodass sie in die Dose passten und verließ danach die Kabine mit der Thermosflasche in Richtung des Waschraums. Als er die Tür öffnete hörte er im hinteren Teil Wasserplätschern, doch vorne bei den Toiletten und den Waschbecken war niemand. Sorgfältig wusch Manu die metallene Flasche aus, bevor er sie mit frischem Wasser füllte.

    „Willst du einen Ausflug machen?“, sprach ihn plötzlich jemand an und er drehte sich erschrocken um. Neben ihm stand Marcel, mit einem grauen Bademantel bekleidet, der sich gerade mit einem Handtuch die schulterlangen, schwarzen Haare trocknete.

    „Nein, wie kommst du darauf?“, erwiderte Manu verwirrt, weil er nicht verstand, worauf Marcel hinaus wollte. Dieser zuckte mit den Schultern, als er meinte: „Naja, warum sonst solltest du deine Thermosflasche so gründlich ausspülen?“

    „Ach so, das meinst du. Naja, ich dachte mir, ich sollte sie wieder mal sauber machen. Und öfter benutzen, gerade jetzt wo's Sommer wird“, versuchte er sich an einer halbwegs glaubwürdigen Erklärung.

    „Wenn du es sagst“, kam nur von Marcel, als dieser den Waschraum verließ. Manu atmete kurz durch und war dankbar dafür, dass sein Kamerad nicht neugierig war. Bevor noch andere Leute ihm Fragen stellen konnten, verließ er ebenfalls den Waschraum und schnappte sich die Brotdose aus seiner Kabine.

    „Jetzt muss ich es nur ungesehen zu Frachtraum zwei schaffen“, dachte er, während die Tür hinter ihm zufiel.


    Wenige Minuten später schloss Manu die Tür vom Frachtraum so leise wie möglich hinter sich. Zu seiner Überraschung war er niemandem auf dem Weg begegnet, denn die zweite Arbeitsschicht des Tages hatte angefangen, sodass ein Teil der Matrosen gerade bei der Arbeit war. Die anderen Matrosen aus seiner Schicht hatten sich wahrscheinlich auf dem Oberdeck getroffen oder schliefen in ihren Kabinen, vielleicht saßen sie aber auch noch redend im Speisesaal. Manu selbst verbrachte seine Nachmittag sonst meist ebenfalls auf dem Oberdeck und genoss die Aussicht. Auch nach drei Jahren an Bord, war er immer noch begeistert und fasziniert von der Tatsache durch die Luft zu reisen.

    Manu öffnete wieder das runde Fenster in der Nähe der Tür und stellte Box und Flasche auf den Boden. Danach griff er zur Lampe, entzündete sie und nachdem er sich die Box unter den Arm geklemmt hatte und die Flasche in der anderen Hand hielt, machte er sich auf den Weg durch den Frachtraum. Er war weiterhin vorsichtig und lauschte nach Geräuschen, doch abseits des allgegenwärtigen Motorenbrummens konnte er nichts hören. Vorsichtig spähte er um die letzte Kiste, die seinen Blick zu dem abgeschlossenen Käfig versperrte. Die Harpyie lag zusammengekrümmt auf der Seite, eine Position, die für Manu nicht nur unbequem wirkte, sondern auch für sie schwierig zu ändern schien, waren doch ihre Arme immer noch am Körper fixiert. Als Manus Schritte sich näherten, regte sich die Harpyie und bewegte den Kopf ein wenig. Er versuchte sich so zu nähern, dass sie ihn sehen konnte, weil er sie nicht unnötig erschrecken wollte. Die Krallen kratzten über den Metallboden, als sie versuchte sich aufzurichten, doch sie gab es nach wenigen Versuchen auf und blieb liegen. Ihr gegenüber stellte Manu außerhalb des Käfigs die Lampe auf dem Boden; daneben legte er die Metallbox. Er setzte sich im Schneidersitz hin, die Thermosflasche in der Hand.

    Während er den Deckel von der Metallflasche schraubte, fragte er: „Hast du Durst?“

    Es dauerte einige Augenblicke, bis die Harpyie darauf reagierte und Manu hoffte, dass sie nur von dem Angebot zu überrascht war. Sie hob den Kopf und nickte, woraufhin er den Deckel der Thermosflasche, der als Becher diente, mit Wasser füllte.

    „In Ordnung“, erwiderte er, als er um den Käfig herumging, bis er bei ihr angekommen war. Das Licht der Lampe reichte nicht weit genug, sodass er nur im Halbdunkeln die Fesseln betrachten konnte. Er hatte vermeiden wollen mit einem Messer zu arbeiten, aber die Knoten machten einen gut gebundenen Eindruck. Die würde er nicht so leicht lösen können und Zeit wollte er damit auch nicht vergeuden. Manu griff in seine Hosentasche und holte sein Taschenmesser hervor.

    „Bitte nicht bewegen, ich schneide das Tuch durch“, sagte er, als er durch die Stäbe griff. Glücklicherweise lag sie nah genug, sodass er sie gerade noch erreichen konnte. Vorsichtig führte er das Messer zwischen den Stoff und den Haaren der Harpyie. Es dauerte mehrere Momente, bis sich die scharfe Klinge durch den groben Stoff geschnitten hatte, doch schließlich war auch die letzte Faser durchtrennt und das Tuch glitt zu Boden. Erleichterte atmete Manu aus, als er das Messer wieder wegsteckte.

    „Ich helf dir, warte kurz“, meinte er leise bevor er seine Hand zwischen ihren Arm und den Metallboden schob. Mit weniger Anstrengung als er vermutet hatte, schaffte er es, ihren Oberkörper anzuheben, sodass sie sich aus eigener Kraft aufsetzen konnte. Mit kratzenden Krallen und dem Klirren der Kette rutschte sie zurück und lehnte sich an die Eisenstäbe, was Manu vor Überraschung zurückweichen ließ. Er hörte, wie sie mehrere Male tief ein- und ausatmete.

    In der Zwischenzeit nahm er den Becher auf und steckte ihn zwischen die Stäbe. Sie bemerkte die Bewegung, drehte schnell den Kopf und betrachtete den Metallbecher eine Weile. Auf Manu wirkte sie skeptisch und er überlegte bereits, wie er sie zum Trinken ermutigen sollte, als die kurze Distanz überwand und ihre Lippen an den Rand des Bechers legte. Vorsichtig kippte er den Becher, den sie gierig leerte.

    „Noch mehr?“, fragte er lächelnd, woraufhin sie nickte. Manu lief zurück zu seiner Lampe und holte die Thermosflasche. Er füllte den Becher erneut, den die Harpyie wieder vollständig austrank, dieses Mal ein wenig langsamer.

    „Fühlst du dich besser?“, wollte er wissen, als er den Becher wieder auf die Flasche schraubte. Sie nickte, vermied aber ihn anzusehen. Manu griff wieder nach seinem Taschenmesser und ließ die Klinge aufschnappen. Obwohl er nicht geplant hatte, sie von ihren Fesseln zu befreien, konnte er den Anblick schließlich nicht mehr ertragen. Es war schon schlimm genug, dass sie in einem Käfig mit einer Kette um den Hals saß, aber zu sehen, wie die dicken Seile ihr die weiß-grauen Flügel an den Körper pressten wollte er nicht mehr dulden.

    „Halt kurz still, ich schneid die Seile durch“, sagte er und griff wieder durch die Metallstäbe. Die Harpyie schien wie erstarrt, während er mit seinem Messer am ersten Seil herum sägte, das Oberarme und Flügel an ihren Körper fixierte. Mit einem kurzen Schnalzen durchtrennte die Klinge schließlich das grobe Seil. Manu ging direkt zum nächsten über, welches mit demselben Geräusch zerschnitten wurde. Ganz auf das Schneiden konzentriert, bemerkte er nicht, wie sich die Harpyie anspannte. Das letzte Seil befand sich auf Höhe ihres Bauches und Manu musste sich herunterbeugen, um es in dem Halbdunkel zumindest ein wenig erkennen zu können. Als auch dieser Strick endlich durchtrennt war, setzte Manu sich seufzend auf.

    „Geschafft“, sagte er erleichtert und ließ die Klinge seines Taschenmessers wieder einschnappen. Er steckte es gerade wieder in seine Hosentasche, als die Harpyie sich vor ihm plötzlich erhob und eilig von ihm weg stolperte. Sie schaffte nur wenige Schritte, bevor sie nach vorn fiel und die Hände zu Hilfe nehmen musste, um auf allen Vieren weiter zu krabbeln. Die Kette um ihren Hals klirrte und ihre Krallen kratzten hektisch über den Metallboden. Bei dem Ring angekommen, an dem ihre Kette befestigt war, hielt sie inne und ging in die Hocke. Schwer atmend und mit leicht geöffneten Flügeln drehte sie sich zu ihm um.

    Manu brauchte einige Momente, in denen er sie einfach nur mit offenem Mund anstarrte. Sie war von kleiner, zierlicher Statur, aber durch ihre Flügel wirkte sie trotz ihres erschöpften Zustandes kampfbereit und er wollte ihre Krallen lieber nicht zu spüren bekommen. Er schaffte es schließlich seinen Mund zu schließen und aufzustehen. Mit der Thermosflasche in der Hand, ging er um den Käfig herum und zurück zur Lampe. Die Harpyie folgte ihm erst nur mit dem Kopf, drehte sich aber doch zu ihm um. Manu setzte sich neben die Lampe im Schneidersitz auf den Boden, öffnete die Metallbox und nahm ein Stück Breze heraus. Durch die Metallstäbe hielt er es ihr entgegen: „Hier für dich.“

    Es dauerte eine Weile, bis sie sich zögerlich und gebeugt näherte. Eine Armlänge von seiner Hand entfernt verharrte sie, schnappte sich schnell das Brezenstück und machte zwei Schritte zurück um außer Reichweite zu sein. Manu beobachtete, wie die Harpyie einen kleinen Bissen zum Kosten nahm, bevor sie eilige den Rest aß.

    „Schmeckt's dir?“, fragte er grinsend. „Ich hab noch mehr, du kannst so viel haben, wie du möchtest.“ Er nahm die Metallbox, die gerade so breit war, dass sie zwischen die Metallstäbe hindurch passte. Kauend schaute sie von ihm zu der gefüllten Box und wieder zu ihm. Erneut näherte sie sich vorsichtig, blieb allerdings dieses Mal bei der Metallbox hocken und nahm ein Brezenstück nach dem anderen heraus. Vorsorglich füllte Manu wieder den Deckel der Thermosflasche mit Wasser und stellte diesen ebenfalls dazu. Ihn selbst machte es immer sehr durstig, wenn er Brezen aß, deshalb nahm er an, dass es ihr vielleicht ähnlich ergehen würde. Tatsächlich griff sie nach einer Weile nach dem Becher und trank einige Schlucke.

    Manu konnte gar nicht sagen, wie viel Zeit inzwischen vergangen war. Die Angst hier entdeckt zu werden war weit in den Hintergrund gerückt, dafür war er von der Harpyie zu fasziniert. Während er ihr beim Essen zusah beschäftigte ihn immer wieder die Frage, wer sie hierher gebracht hatte und zu welchem Zweck.

    Existierte etwa ein Schwarzmarkt für Fabelwesen? Gab es Jäger, die sich darauf spezialisiert hatten? Besonders verstörte ihn aber die Tatsache, dass es unweigerlich jemand von dieser Mannschaft war, der die Harpyie hier versteckt hatte. Von niemandem konnte er es sich vorstellen, selbst diejenigen, die er nicht mochte, hatten auf ihn niemals einen so durchtriebenen Eindruck gemacht. Er war immer stolz darauf gewesen, dass er auf der Donau als Matrose leben und arbeiten durfte, einem der Handelsschiffe mit dem besten Ruf in diesem Land. Doch jetzt war er sich nicht mehr so sicher, ob er sich hier noch wohlfühlte.

    Das Geräusch von Metall auf Metall holte ihn aus seinen Gedanken, als die Harpyie den Becher und die Box in seine Richtung schob. Beide waren leer.

    „Fühlst du dich besser?“, fragte er, als er die beiden Dinge auf seine Seite der Metallstäbe holte. Sie nickte lächelnd, dabei bewegte sie ihre Flügel ein wenig. Manu fiel auf, dass sie entspannter wirkte und ihn interessiert ansah. Er drehte den Deckel auf die Thermosflasche und sagte: „Wie heißt du?“

    Es folgte ein Stille, die ihn fast davon überzeugt hätte, dass die Harpyie gar nicht sprechen konnte. Doch er konnte sehen, dass sie scheinbar nach den richtigen Wörtern suchte. Sie öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder und zögerte. Manu überlegte schon, ob er sich zuerst vorstellen sollte, als die Harpyie etwas sagte.

    „Echo“, kam es schließlich aus ihrem Mund. Sie schien über die Silben zu stolpern, was ihn spekulieren ließ, dass seine Sprache für sie vielleicht schwierig auszusprechen war.

    „Ein schöner Name“, erwiderte er lächelnd. „Ich heiße Manuel, aber du kannst mich Manu nennen.“ Echo nickte verstehend und fragte: „Du neuer Käufer?“

    „Käufer?“, erwiderte er verwirrt. „Wie kommst du darauf?“

    „Kein Käufer?“, hakte sie enttäuscht nach, worauf Manu den Kopf schüttelte.

    „Wer ist dein jetziger Käufer? Wer hat dich hierher gebracht?“

    „Großer Mann“, brachte sie hervor. Bei der Art, wie sie die Silben betonte, hörte sich Manus Muttersprache wie ein fremder Dialekt an.

    „Ist Kapitän“, fügte sie hinzu. Die Worte hallten in seinem Kopf nach und er weigerte sich, das zu glauben.

    „Bist du sicher?“, hakte er mit skeptischer Stimme nach. Echo zuckte zusammen, tat einen Schritt zurück und entfaltete ihre Flügel ein wenig.

    „Ja“, erwiderte sie leise. Manu konnte es immer noch nicht fassen, aber er wusste auch, dass sie keinen Grund hätte ihn zu belügen. So viele Fragen tauchten in seinem Kopf auf, dass er sich nicht entscheiden konnte, welche er zuerst stellen sollte. Auch wenn er nicht wusste, ob Echo ihm überhaupt weitere Antworten geben konnte, immerhin war sie hier eingesperrt. Er öffnete den Mund, da er sich schließlich für eine Frage entschieden hatte, als die elektrischen Lampen an der Decke des Frachtraums plötzlich leuchteten.

    „Verflixt“, fluchte er und konnte schwere Schritte hören. Er pustete das Feuer der Lampe aus und schlüpfte so schnell wie möglich aus seinen Stiefeln, bevor er sich die Thermosflasche und die Brotbox unter den rechten Arm klemmte. Mit der linken Hand hob er die Schnürsenkel seiner Stiefel und die Lampe auf. Nur mit Socken an den Füßen lief er zu einer Ansammlung von Kisten und quetschte sich zwischen zwei mannshohe Holzboxen. Mit klopfendem Herzen stand er vor Anspannung zitternd da und konnte nur hoffen, dass Echo ihn nicht verraten würde.

    Die schweren Schritte kamen immer näher, bis sie schließlich stoppten. Echos Kette klirrte und Manu hörte, wie ihre Krallen über den Metallboden kratzten.

    „Was zum Henker?“, erklang plötzlich eine tiefe Stimme, die Manu sofort erkannte. „Wie konntest du dich von deinen Fesseln befreien? Verflixte Harpyie!“ Wieder hörte er die schweren Schritte, das Knacken eines Schlosses und ein unbekanntes Quietschen. Vorsichtig linste er an der Holzkiste vorbei. Kapitän Zeppelin hatte die Tür zu Echos Käfig geöffnet. Sie hatte sich in den hinteren Teil geflüchtet, so weit wie möglich weg von der Tür und vom Kapitän.

    Manu sah, wie Zeppelin ein paar Schritte auf Echo zuging, bevor er stehen blieb und sich nach unten beugte. Um mehr zu erkennen, war Manu zu weit weg, hörte aber erneut das Klirren einer Eisenkette und sah, wie Echo ruckartig nach vorn gezogen wurde. Verzweifelt stemmte sie sich dagegen, versuchte in dem engen Raum mit ihren Flügeln zu schlagen, doch sie kam dem Kapitän immer näher.

    „Er zieht sie an der Kette zu sich!“, verstand Manu schließlich die Situation. Als sie nur noch wenige Schritte von Zeppelin entfernt war, hörte er einen kurzen Falkenschrei, der ihn zusammenzucken ließ. Echos Schrei erstarb jedoch sogleich, als sie grob nach vorn gerissen wurde, das Gleichgewicht verlor und auf dem Boden landete.

    „Noch ein Mucks und ich schneid dir die Zunge raus“, drohte der Kapitän laut genug, dass Manu es hörten konnte. „Deine Stimme hat auf deinen Kaufpreis keine Auswirkung, also hindert mich nichts daran.“ Zeppelin ging in die Knie und hantierte am Boden herum. Nach einigen Augenblicken stand er wieder auf. Da Manu vermutete, dass der Kapitän jetzt gehen würde, versteckte er sich wieder. Es vergingen mehrere Minuten, in denen er nicht sehen konnte, was geschah, nur die Schritte Zeppelins zeigten an, dass er noch da war. Schließlich quietschte die Tür, erneut knackte das Vorhängeschloss und das Geräusch der Stiefel wurde leiser. Manu wartete weiterhin, bis plötzlich das Licht ausging und er nichts mehr sah. Seufzend entspannte er sich und trat vorsichtig aus dem Spalt zwischen den beiden Holzkisten. In seinen Taschen suchte er nach der Streichholzschachtel, die er sich vor mehreren Wochen mal von Torben geliehen und doch nie gebraucht hatte. Jetzt wäre sie seine Rettung. Er fand die kleine Pappschachtel schließlich in der Seitentasche an seinem linken Hosenbein.

    Einen Augenblick später brannte die Petroleumlampe wieder, wenn auch nicht mehr lang, wie Manu feststellen musste. Eilig schlüpfte er in seine Stiefel und lief zu Echo. Sie lag regungslos am Boden.

    „Echo?“, fragte Manu leise, als er bei dem Käfig angekommen war. „Bist du in Ordnung?“

    Langsam hob sie den Kopf und stemmte sich mit den Armen vom Boden ab. Er sah, dass die Kette bereits gespannt war, was es Echo nicht möglich machte sich weiter aufzurichten, schon gar nicht aufzustehen.

    In diesem Moment musste Manu sich entscheiden.

    „Ich hol dich da raus. In zwei Tagen sind wir im nächsten Hafen und dann …“ Er brach ab, als ihm bewusst wurde, dass er keine Ahnung hatte, wie er vorgehen sollte. In zwei Tagen konnte noch viel passieren. Es kam ihm einerseits zu lang und andererseits zu kurz vor. Echos Blick konnte er nicht deuten. Glaubte sie ihm? Oder dachte sie, dass er log?

    „Ich weiß, du hast keinen Grund mir zu glauben, aber ... ich werd's dir beweisen“, sagte er schließlich mit so viel Überzeugungskraft, wie er konnte, trotz der nagenden Zweifel in seinem Kopf. „Ich muss jetzt los, aber morgen komm ich wieder.“

    Echo legte ihren Kopf auf den Metallboden und schloss die Augen. In Manu wechselten sich Wut und Enttäuschung ab und er wünschte sich, dass sie noch etwas sagen würde. Aber sie schwieg, obwohl er noch mehrere Augenblicke mit der Petroleumlampe in der Hand vor dem Käfig stand. Schließlich wandte er sich ab und ging, als er bemerkte, dass die Leuchtkraft der Lampe langsam abnahm.

    „Ich kann es ihr nicht verübeln“, ging es ihm auf dem Rückweg durch den Kopf. „Warum sollte sie mir vertrauen? Sie kennt mich nicht länger als den Kapitän.“

    Zu seiner Überraschung fand er das Fenster neben der Tür des Frachtraums weiterhin geöffnet. Zeppelin schien es nicht bemerkt zu haben. Manu schloss es, löschte die Lampe und nahm sie mit nach draußen. Petroleum konnte er im Maschinenraum erhalten, das würde auch weniger auffallen. Vorsichtig öffnete er die Tür und lauschte einige Momente, bevor er sich nach draußen wagte. Er ging direkt zu seiner Kabine, damit er die Brotbox und die Thermosflasche loswerden konnte. Dort angekommen wunderte er sich, dass Torben nicht da war.

    „Ist es vielleicht schon Zeit fürs Abendessen?“, fragte er sich. Als er mit der Lampe wieder hinaus auf den Gang trat, blickte er auf die Uhr und stellte fest, dass es bereits 18 Uhr war. Er beschloss, dass er sich zuerst um das Petroleum kümmerte und danach in den Speisesaal gehen würde.


    Im Maschinenraum schenkte ihm keiner Beachtung, obwohl es gar nicht seine Schicht war. Doch die meisten Matrosen waren zu beschäftigt und alle, die es offenbar nicht waren, schienen sich nicht darüber zu wundern. Das Petroleum wurde in kleinen Metallfässern in einem Stahlschrank aufbewahrt. Das Nachfüllen ging schnell, obwohl Manu aufpassen musste nichts zu verschütten. Als die Lampe wieder gefüllt und damit einsatzbereit war, verließ er den Maschinenraum. Er überlegte einige Momente, ob er die Lampe gleich zurück in den Frachtraum bringen sollte oder sie auf dem Weg dorthin abstellen. Aber sollte jemand auf die Lampe stoßen konnte es sein, dass diese verschwinden würde und das konnte Manu sich nicht leisten. Also lief er zurück zu Frachtraum zwei, hing die Lampe wieder an ihren Haken und ging von dort direkt zum Speisesaal. Der Raum war gefüllt mit den Stimmen der Matrosen und dem Geräusch von Besteck auf Tellern.

    Es gab Lasagne, was einem Festtagsessen gleich kam, denn nur selten machten sich die Matrosen beim Küchendienst die Mühe so etwas Aufwendiges zu kochen. Die Stimmung in der Küche musste also besonders gut sein. Im Speisesaal war sie es jedenfalls. Von einer Gruppe von Matrosen erklang heftiges Gelächter. Als Manu mit seinem gefüllten Tablett überlegte, wo er sich hinsetzen sollte, stand plötzlich Torben neben ihm. Sein Zimmerkollege bedeutete ihm zu folgen und Manu ging hinterher, bis sie zu einem Tisch in der Nähe der lachenden Gruppe kamen, wo bereits Torbens Tablett stand.

    „Ich hab dich seit Stunden nicht gesehen, hab mir wirklich Sorgen gemacht“, begann Torben sofort das Gespräch, als Manu sich gerade erst hingesetzt hatte. „Wie lief’s?“

    „Ich weiß nicht, ob ich dir das sagen sollte“, meinte er leise, als er sich eine Gabel Lasagne in den Mund schob.

    „Warum nicht?“, wollte sein Kamerad verwundert wissen, als er mit seinem Messer das Gericht auf seinem Teller bearbeitete. Am liebsten wäre es Manu gewesen, dass er erstmal hätte essen können, bevor er Torbens Fragen beantworten musste. Seine Stimmung war ohnehin gedrückt und er wollte zumindest das seltene Ereignis einer Lasagne genießen. Aber so wie Torben ihn kauend ansah, wusste Manu, dass er keine Wahl hatte.

    „Ich weiß, warum die Harpyie hier ist“, antwortete er leise, während er auf seinen Teller sah.

    „Ernsthaft? Das ging ja schnell“, erwiderte Torben verwundert. „Hat sie es dir gesagt?“

    „Nicht ganz“, sagte Manu. „Ich sag's dir, aber du darfst jetzt nicht laut werden, in Ordnung?“

    „Alles klar“, flüsterte sein Zimmerkollege, dabei steckte er sich demonstrativ ein großes Stück der Lasagne in den Mund.

    „Der Käpt'n war da und hat nach der Harpyie gesehen.“

    Torben zuckte zusammen, erstarrte in der Bewegung und sah ihn entsetzt an. Manu war froh, dass Torbens Mund voll war und er diesen geschlossen hielt. Als der Matrose schließlich wieder anfing zu kauen, fuhr Manu leise fort: „Ja, hat mich auch überrascht. Und jetzt weiß ich noch weniger als vorher was ich machen soll.“

    „Hat er dich nicht gesehen?“, fragte Torben nachdem er geschluckt hatte, woraufhin Manu den Kopf schüttelte.

    „So blöd bin ich nun auch wieder nicht.“

    „Und, was hat er gemacht?“

    Am liebsten hätte er diese Frage überhört. Er wollte die Situation nicht noch einmal wiederholen, die ihn jeden Respekt vor dem Kapitän gekostet hatte.

    „Erzähl ich dir später“, raunte er und schob sich eine weitere gehäufte Gabel in den Mund. Sein konsequenter Blick auf den Teller vor sich zeigte seinem Zimmerkollegen, dass er nicht in der Stimmung war die Sache zu vertiefen. Torbens Blick spürte er noch eine Weile, aber er ignorierte ihn und hörte schließlich auch wieder das klassische Schaben von Metall auf Keramik, als sein Gegenüber weiter aß. Die Stille zwischen ihnen war nicht angenehm, aber Manu blendete es so gut es ging aus. Ab und an griff er zu dem Metallbecher Wasser neben sich um einen Schluck zu trinken. Ihre Teller waren schließlich geleert und beide Matrosen standen auf um ihr Geschirr zurück zu bringen. Schweigend gingen sie nebeneinander zu ihrer Kabine. Als sich die Tür hinter den beiden schloss, atmete Manu erleichtert durch, während Torben sich mit verschränkten Armen auf sein Bett setzte.

    „Also?“, begann sein Kamerad fragend.

    „In Ordnung“, erwiderte Manu seufzend, „ich erzähl's dir, aber mach mich nicht dafür verantwortlich, wenn ich dein Weltbild damit zerstöre.“

    „So schlimm?“, entgegnete Torben verwirrt, während sein Gegenüber sich gegen die Wand lehnte. Manu ging nicht darauf ein, sondern fuhr fort: „Zeppelin will die Harpyie verkaufen.“

    „Das ist nicht dein Ernst, oder? Jetzt verarscht du mich!“, entkam es seinem Kameraden in einer Mischung aus Entsetzen und Unglaube.

    „Seh’ ich so aus?“, sagte er ernst, verschränkte die Arme vor der Brust und Torben schüttelte darauf langsam den Kopf. „Ich vermute, er wird sie auch gekauft haben. Was bedeuten würde, dass unser Kapitän nicht nur seine eigene Regel bricht, keine lebende Fracht zu transportieren, sondern Lebewesen schmuggelt.“

    „Alter“, hauchte Torben, „was glaubst du, wie lang das schon laufen könnte?“

    „Wer weiß?“, erwiderte Manu schulterzuckend. „Theoretisch könnte er gleich nach dem Desaster mit den beiden Pfauen damit angefangen haben. Vielleicht ist die Harpyie auch sein erster Schmuggel. Es ist mir absolut egal, wie lang er das schon macht. Wenn er es schon länger macht, dann wundere ich mich, wie all diese Lebewesen überhaupt überleben konnten. Er hatte nicht einmal Wasser für sie dabei!“ Bei seinem letzten Satz musste er sich dazu zwingen nicht zu laut zu sprechen. Natürlich hatte es keinen Sinn Torben anzuschreien, aber er war immer noch geschockt von dem, was er gesehen hatte. Der Schmuggel war dabei nicht einmal das Schlimmste für ihn. Sicherlich war es ein Verbrechen und er wollte sich gar nicht ausmalen, woher Echo kam und wohin sie gebracht werden würde. Doch die Tatsache, dass Zeppelin sich nicht mehr um die Harpyie kümmerte als um eine Kiste voller Maschinenteile machte Manu unbeschreiblich wütend. Ohne Versorgung würde sie genauso in dem Frachtraum sterben wie die beiden Pfaue.

    „Was für ein Mistkerl“, fluchte Torben leise. „Wenn er schon dreckige Geschäfte machen muss, kann er sich wenigstens anständig um seine Fracht kümmern.“

    „Ich muss sie da rausholen“, sprach Manu weiter, ohne auf seinen Zimmerkollegen einzugehen. „Ich kann eh nicht mehr hierbleiben.“

    „Meinst du es bringt was, wenn wir uns an Adler wenden? Oder Merten?“, fragte Torben, doch sein Gegenüber zuckte nur mit den Schultern.

    „Keine Ahnung, ob die nicht genauso dran beteiligt sind. Nur weil sie nicht dort auftauchen, heißt es nicht, dass sie nicht doch was damit zu tun haben.“

    „Ich arbeite schon lang mit Adler und kenne seinen Standpunkt. Er war schon immer gegen lebende Fracht, weil die Donau dafür einfach nicht ausgelegt ist. Die Frachträume sind zu dunkel, es gibt zu wenig Frischluft und der ganze Aufbau ist einfach nur für verpackte Fracht gebaut worden. Er sagt auch immer, dass das der Grund ist, warum wir keine Passagiere mitnehmen, weil die Donau ein Handelsschiff ist und kein Vergnügungskreuzer“, erzählte Torben. Manu hätte ihm gerne geglaubt und er zweifelte auch nicht daran, dass sein Kamerad genau das sagte, was er wusste. Aber ob das tatsächlich der Wahrheit entsprach oder nicht, konnte er nicht einschätzen.

    Seufzend begann er seine Arbeitskleidung auszuziehen und in etwas Bequemeres zu schlüpfen. Es war zwar noch nicht sehr spät, aber er war müde und wollte nur noch ins Bett. Torben tat es ihm gleich und wenige Minuten später lagen beide auf ihren Matratzen. Während sein Zimmerkollege noch ein wenig beim Schein einer Petroleumlampe las, drehte Manu sich im Bett darüber auf eine Seite, schloss die Augen und hoffte bald einzuschlafen.

    Sein Kopf arbeitete noch einige Zeit, doch schließlich übermannte ihn der Schlaf, wenn auch nur ein leichter. Er erwachte einige Stunden später durch die Geräusche, die Torben beim Aufstehen machte, sodass sie gemeinsam zu ihrer Schicht im Maschinenraum erschienen. Eine hochgezogene Augenbraue war alles, was der Chefingenieur an Verwunderung zeigte und teilte den beiden schon zu Beginn spezielle Aufgaben zu. Manu verbrachte schließlich seine gesamte Arbeitszeit damit Zahnräder auszumessen und Modelle aufzuzeichnen. Keine besonders spannende Aufgabe, aber sie hielt ihn beschäftigt genug, dass die Schicht sich merkwürdig kurzweilig anfühlte. Die Frühstückspause ließ er dieses Mal nicht ausfallen, sagte aber wenig. Torbens Gesprächsansätze ließ Manu entweder unkommentiert oder antwortete so knapp, dass sein Gegenüber darauf nichts erwidern konnte. Schließlich gab sein Kamerad es auf, was ihm nur recht war.

    Gedanklich beschäftigte sich Manu damit, wie er Echo aus dem Käfig holen sollte. An den Schlüssel für das Vorhängeschloss zu kommen war mehr als unmöglich, immerhin besaßen den nur Zeppelin, Merten und Adler und keiner von den dreien würde ihn einfach herausgeben. Es war nicht einmal sicher, ob sie ihn überhaupt bei sich trugen oder in ihren Kabinen aufbewahrten, was einen Diebstahl für Manu zu schwierig machte, um ihn wirklich in Betracht zu ziehen. Es blieb also nur eine Möglichkeit: rohe Gewalt.

    Er hatte sich bereits eine gedankliche Liste aller Werkzeuge angelegt, die er möglicherweise brauchte und war deshalb damit beschäftigt zu überlegen, wie er diese alle ungesehen zum Frachtraum bringen konnte. Ihm blieb immerhin nicht viel Zeit zum Ausprobieren. Und die Gefahr von Zeppelin entdeckt zu werden war auch nicht kleiner geworden.


    Ein paar Stunden später saß er mit Torben beim Mittagessen. Es gab mal wieder Knödel, was Manu mit der momentanen Situation zwar nicht versöhnte, aber zumindest dafür sorgte, dass er Appetit bekam. Mit gut gefülltem Teller saß er kauend Torben gegenüber, der schließlich meinte: „Alles klar, was geht in deinem Kopf vor?“

    „Mh?“

    „Dass du bei der Frühstückspause wenig sagst, bin ich ja gewöhnt, du bist einfach kein Morgenmensch. Aber dein Blick ist schon die ganze Zeit so abwesend, als wärst du gar nicht hier“, erklärte sein Zimmerkollege und führt die Gabel zum Mund.

    „Würde dir an meiner Stelle vermutlich auch so gehen“, erwiderte Manu zwischen zwei Bissen. „Immerhin muss ich herausfinden, wie ich den Käfig aufbekomme.“

    „Schlüssel stehlen?“, schlug Torben achselzuckend vor, erhielt daraufhin aber ein kurzes Kopfschütteln.

    „Zu riskant. Außerdem weiß ich nicht mal, ob sie die Schlüssel bei sich tragen oder in ihren Kabinen haben. Ich hab keine Zeit irgendwelche Sachen zu durchwühlen.“

    „Was willst du dann machen?“

    „Ich dachte, ich brech entweder das Vorhängeschloss auf oder zerstör die Gitterstäbe ... irgendwie“, sagte Manu mit gerunzelter Stirn. „Wenn ich nur wüsste, wie ich das schnell bewerkstelligen kann.“

    „Da bin ich überfragt“, musste Torben zugeben. „Ich würde aber meinen, dass das Aufbrechen des Schlosses im Zweifelsfall schneller geht. So wahnsinnig schwer kann das nicht sein, immerhin hat der Lagerkäfig auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Das Schloss dürfte also auch etwas älter sein.“

    „Aber warum hat ihn noch nie jemand aufgemacht?“, wollte Manu wissen.

    „Zu viel Respekt?“, erwiderte sein Kamerad achselzuckend. „Ich kann nicht für die anderen sprechen, aber mich hat nie interessiert, was dort aufbewahrt wird. Und ich kenne auch keine Geschichte, dass es mal jemand gemacht hat.“

    „Das ist auch irgendwie komisch“, murmelte er und starrte in seinen Teller. „Als hätte es auf diesem Schiff noch nie ein schwarzes Schaf gegeben …"

    „Mhm, wenn du's so sagst, ist es natürlich merkwürdig“, gab Torben zu. „Ist schon sehr unrealistisch, dass es wirklich nie jemand versucht hat. Aber wir können leider nicht einfach die älteren Matrosen fragen, ob sie davon gehört haben. Oder gar wissen, wie es geht.“

    „Leider“, seufzte Manu bevor er den letzten Löffel Soße in den Mund steckte. „Ich werde also einfach ein paar Dinge ausprobieren müssen.“

    „Gehst du jetzt gleich?“, fragte Torben, woraufhin Manu nickte. Für einen kurzen Moment schien sein Zimmerkollege mit sich zu hadern, als wolle er sagen, dass er mitkommen würde. Doch stattdessen meinte er nur: „Viel Erfolg. Geh ruhig schon, ich bring dein Tablett weg.“

    Fast hätte Manu sich dazu hinreißen lassen ihn umstimmen zu wollen, aber er wusste, dass das nicht möglich war. Torben würde ihm nicht helfen, so wie er gesagt hatte. Etwas, das Manu gerade jetzt besonders störte, denn er konnte Unterstützung gut gebrauchen. Vor allem von der einzigen Person, der er genug vertraute.


    Kurze Zeit später stand er mit der gefüllten Thermosflasche und einem belegten Brot in der Brotdose vor der Tür zu Frachtraum zwei. In den Taschen seiner Arbeitshose befanden sich mehrere Werkzeuge, von denen er hoffte, dass sie ihm beim Aufbrechen des Schlosses nützlich sein würden. Er hatte sie vorhin aus einer Werkzeugkiste im Maschinenraum genommen und konnte nur hoffen, dass ihn niemand gesehen hatte. Noch ein letztes Mal lauschte er nach einem nahen Geräusch, bevor er die Tür öffnete und den Frachtraum betrat.

    Echo bewegte sich nicht, als Manu sich dem Käfig näherte. Er fragte sich, ob sie vielleicht gerade schlief oder ihn willentlich ignorierte. Obwohl er nicht sagen konnte, warum, war er sich doch sicher, dass sie ihn vom Kapitän unterscheiden konnte. Aber vielleicht war sie auch einfach nur zu schwach? Ein Gedanke, der ihn nur noch mehr darin bekräftigte sein Wort zu halten und sie zu befreien.

    „Hallo Echo“, grüßte er leise, als er sich vor der Käfigtür auf den Boden setzte. Es dauerte mehrere Momente, bevor die Harpyie sich rührte. Manu hatte die unangenehme Stille genutzt und die Werkzeuge aus seinen Taschen genommen, die er jetzt im Schein der Petroleumlampe auf den Boden legte.

    „Was ist das?“, hörte er Echos Stimme und sah sofort auf. Sie stützte sich mit den Händen vom Boden ab, die Metallkette war stramm gespannt. Neugierig zog sie sich ein wenig nach vorn, um einen besseren Blick zu haben, doch Manu vermutete, dass sie trotzdem nicht viel erkennen konnte.

    „Werkzeuge“, antwortete er lächelnd. „Ich möchte versuchen das Schloss hier aufzubrechen.“ Er griff zur Thermosflasche, schraubte den Deckel ab und füllte diesen mit Wasser.

    „Hast du Durst?“

    Echo nickte, woraufhin Manu aufstand und ihr den Becher durch die Stäbe rechts von ihr schob. Er war wirklich froh, dass der Käfig nicht quadratisch sondern rechteckig war. So weit wie sein Arm reichte, schob er den Metallbecher zu ihr, den sie vorsichtig mit einer Kralle näher heranzog. Genauso verfuhren sie mit der gefüllten Brotdose, sodass Echo kauend Manu dabei beobachtete, wie er das Vorhängeschloss inspizierte.

    Es war relativ schwer und die Messingoberfläche bereits angelaufen. Der Bügel des Schlosses, der zwei hervorstehende Winkelösen miteinander verband, glänzte silbern. Das Schlüsselloch befand sich unten am Schloss und ließ Manus Hoffnung sinken. Er besaß kein Werkzeug, welches in den schmalen, für genau einen Schlüssel geeigneten Schlitz passen würde. Trotzdem wollte er es versuchen und stocherte mit dem kleinsten Schlitzschraubendreher in dem Schloss herum. Doch nichts bewegte sich. Auch mehr Kraft half nichts und die Tatsache, dass er nicht genug Licht hatte, machte es auch nicht einfacher. Seine Frustration steigerte sich nach einer Weile mit jedem Moment mehr, bis er schließlich entnervt seufzte und sich auf den Boden setzte.

    „Es ist schwierig“, sagte Echo in die entstandene Stille. Aufgrund ihrer fremden Betonung der einzelnen Silben konnte Manu nicht erkennen, ob das eine Frage oder eine Feststellung war.

  • Hallo,


    mir gefällt an diesem Part zum einen die Freundschaft zwischen Manu und Torben. Obwohl sie im vorhergehenden Part als Zimmerkollegen noch etwas distanziert zueinander beschrieben wirkten, hat sich das hier deutlich geändert. Anhand der Dialoge schätze ich, wenn es hart auf hart kommt, können sich beide aufeinander verlassen. Andererseits ist da die Begegnung mit der Harpyie und wie vorsichtig sie agiert. Die Situation lässt das natürlich zu, aber das wird gern mal übersehen und mich freut es, dass du drauf geachtet hast. Mal sehen, ob sie befreit werden und Zeppelin dafür vielleicht sogar belangt werden kann.


    Wir lesen uns!

  • Vielen Dank an Rusalka für dein Kommi. (:


    Es stimmt, dass da eine gewisse Entwicklung zwischen Manu und Torben ist, die ich so nicht geplant hatte. Ich rede mich mal damit heraus, dass Torben manches Mal zeigen will, dass er älter ist als Manu und deshalb anfangs noch so distanziert war, aber eigentlich können sich die beiden schon gut leiden.

    Danke für dein Lob! Es war mir schon wichtig, dass Echo "andersartig" ist, aber deshalb nicht weniger menschlich. Und eben auch durch ihre vorherigen Erfahrungen geprägt ist und da vertraut man nicht einfach mal so einem dahergelaufenen Menschen -- auch wenn er freundlich war!


    Und hier kommt dann auch schon der letzte Teil dieser Kurzgeschichte. Danke an alle für's Lesen, ich hoffe, ihr hattet Spaß dabei. (:


    An Bord der Donau

    (III / III)



    „Leider, ja“, erwiderte er. „Schlösserknacken war dummerweise nicht Teil meiner Ausbildung.“ Ein weiteres Mal seufzte er, bevor er weiter sprach: „Das Problem ist, dass ich nichts sehen kann, wenn ich die Lampe nicht in der anderen Hand halte, aber ich kann mit nur einer Hand nicht arbeiten.“

    „Gibt es einen anderen Weg?“, fragte die Harpyie und schob die leere Brotdose von sich.

    „Naja, ich könnte noch versuchen entweder den Bügel zu durchtrennen oder die Winkelösen irgendwie aufzubrechen. Aber keine Ahnung, wie schnell das geht, es ist ziemlich dickes Metall.“ Frustriert kratzte er sich am Kopf, als er angestrengt nach einer weiteren Lösung suchte.

    „Abseits von Knacken und Aufbrechen bleibt halt nur noch an den Schlüssel selbst zu kommen. Aber das ist auch nicht einfacher.“ Mit einem Mal kam Manu die ganze Sache unmöglich vor. Er wusste nicht, wie man Schlösser im Halbdunkeln knackte, er würde ohne Schweißgerät oder Metallsäge es nicht schaffen die Winkelösen loszuwerden und den Schlüssel von einem der drei ranghöchsten Männer auf diesem Luftschiff zu stehlen war ein Unterfangen, von dem er nicht einmal wusste, wo er überhaupt anfangen sollte. In diesem Moment spürte er, wie ihm die Zeit durch die Finger rann.

    „Vielleicht ... soll es sein so“, sagte Echo in ruhigem Ton. „Es war nett von dir, es zu versuchen.“

    Ihre Kette klirrte, als sie den Kopf auf den Metallboden legte. Manu öffnete den Mund zu einer schnellen Erwiderung, musste diesen aber wortlos wieder schließen, als ihm nichts einfiel. Es tat weh. Doch in ihm regte sich auch ein plötzlicher Trotz. Er blickte zu den Werkzeugen, die er mitgenommen hatte. Eines davon war eine Metallfeile. Einem Impuls folgend, hob er sie auf und begann an einem der Metallstäbe zu feilen. Große Hoffnungen machte er sich nicht, doch zu seiner Überraschung stellte er fest, dass er kaum Mühe hatte mit der Feile das Metall abzutragen. Es dauerte natürlich länger, als mit einer Säge oder einem Schweißgerät. Das bedeutete, dass Manu sich genau überlegen musste, welche Stäbe er bearbeiten wollte, um nicht zu viel Zeit zu verschwenden. Er betrachtete das Schloss noch einmal. Die Winkelösen waren an vier Stäben verschweißt, schienen aber aus demselben Metall zu bestehen. Er begann an der Oberseite der Ösen zu feilen und hinterließ nach kurzer Zeit eine leichte Kerbe.

    „Es funktioniert“, entkam es ihm überrascht, als er ein lautes Lachen herunterschlucken musste. Zum Feiern war es noch zu früh. Nur weil er wusste, was funktionierte, half das trotzdem nicht dabei den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Auch wenn er Echo so früh wie möglich aus diesem Frachtraum herausholen wollte, würde das nur dazu führen, dass an Bord komplettes Chaos ausbricht, sollte der Kapitän herausfinden, dass seine Fracht verschwunden ist.

    „Funktioniert?“, hörte er die Harpyie leise fragen. Manu sah noch einmal von seiner Feile zum Schloss, bevor er sich Echo zuwandte und deutlich nickte.

    „Ich kann die Ösen auffeilen, dann kann ich das Schloss einfach abnehmen. Als nächstes muss ich dann herausfinden, wie ich dich von deiner Kette befreie, damit du hier herauskommst.“

    Sie erwiderte nichts darauf, begann allerdings den Haken am Boden des Käfigs genauer zu betrachten. Manu vermutete, dass es eine einfache Konstruktion sein musste, sonst hätte Zeppelin am Tag zuvor die Länge nicht so einfach verändern können. Im besten Falle war es nur ein Karabiner mit Schraubverschluss oder ein Kettenschnellverschluss.

    „Was siehst du?“, fragte er neugierig, nachdem Echo die Kette zu untersuchen begann und immer wieder daran zog. Es dauerte einige Augenblicke, bis die Harpyie auf seine Frage reagierte. In dieser Zeit war nur das Klirren der Kettenglieder zu hören.

    „Haken mit ... dicker Stelle. Ganz rau“, antwortete Echo leise.

    „Das ist gut, das lässt sich leicht öffnen“, erwiderte Manu erleichtert.

    „Wie?“, wollte sie gleich wissen und ihre Stimme klang gereizt.

    „Das raue Metallteil kann man drehen. Es wird dann locker, rutscht nach unten und man kann den Haken öffnen“, erklärte er ruhig. „Aber der Käpt'n hat's sicher fest zugedreht, dass man viel Kraft braucht.“ Echo erwiderte nichts, sah nur den Karabiner an und versuchte daran zu drehen, während Manu sich wieder dem Feilen zuwandte. Er begann nun damit den unteren Teil einer Öse zu bearbeiten, nachdem ihm auffiel, dass er das Schloss nur aus einer der Ösen entfernen musste, um die Tür zu öffnen. Er hoffte, dass seine Arbeit unbemerkt bleiben würde, sollte Zeppelin noch einmal auftauchen. Es vergingen mehrere Augenblicke in denen die beiden nicht miteinander sprachen. Echo hatte ihre Versuche den Karabiner zu öffnen bereits wieder eingestellt, da sich das Metallteil einfach nicht bewegen wollte. Stattdessen beobachtete sie Manu, der im Schein der Petroleumlampe feilte.

    „Okay“, stieß er schließlich aus und setzte sich auf den Boden. „Das ist jetzt soweit vorbereitet. Den letzten Rest kann ich ziemlich schnell durchfeilen und dann wäre dieses Problem schon mal gelöst.“ Er war mit seiner Arbeit wirklich zufrieden und hätte das durchaus gern gleich beendet, aber dafür war es noch zu früh.

    „Wie ist der Plan?“, fragte Echo sichtlich neugierig. Sofort konnte Manu darauf nicht antworten, denn er hatte noch keinen konkreten Plan, nur ein paar Ziele. Ziel Nummer eins wäre, dass Echo aus diesem Käfig rauskommt, was bedeutete, dass er die Tür und die Halterung ihrer Kette öffnen musste. Ziel Nummer zwei wäre Echo unbemerkt aus dem Lagerraum zu bekommen und so lange zu verstecken, bis sie in Molln ankommen würden. Dort musste er es dann mit ihr von Bord schaffen.

    Die größte Frage war allerdings, wann oder ob der Kapitän das Verschwinden von Echo bemerken würde. Sollten die Lagerarbeiter nicht eingeweiht sein, wovon Manu ausging, durfte Echo nicht hier sein, wenn es ans Ausladen ging. Zeppelin musste sie also vorher hier herausschaffen und in der Donau versteckt halten, bevor er sie wieder hier einsperrt. Oder in Molln verkauft, worüber Manu allerdings lieber nicht nachdenken wollte. Er schob jeden Gedanken an einen möglichen Schwarzmarkt für Fabelwesen so weit weg, wie er nur konnte, weil seine Fantasie ihm nur furchtbare Bilder in den Kopf pflanzte. Die Arbeitsbedingungen vieler Menschen waren schlimmer als seine eigenen und wenn Menschen schon andere Menschen so schlimm behandeln konnten, konnte es Fabelwesen unmöglich besser gehen als Tiere. Zwar war er trotzdem neugierig genug, dass er Echo gerne gefragt hätte, woher sie kam und wie sie hier gelandet war, doch nachdem sie dieses Thema von selbst nie aufgebracht hatte, wollte er es auch dabei belassen.

    „Ich hab noch keinen konkreten Plan“, antwortete er schließlich. „Erstmal muss ich dich da rausholen und dann müssen wir uns verstecken, bis wir in Molln ankommen. Ich weiß nicht, wann der Käpt'n wieder nach dir sehen wird, um dich vor unserer Ankunft im Mollner Hafen hier herauszuholen. Es kann sein, dass wir sehr schnell auffliegen und dann müssen wir improvisieren.“ Er zuckte mit den Schultern: „Zur Not schaff ich dich irgendwie aufs Oberdeck und du fliegst weg.“

    „Was passiert dann mit dir?“, wollte sie wissen und klang besorgt. Manu packte sein Werkzeug wieder in seine Hosentaschen, als er wieder mit den Schultern zuckte und sie nicht ansah.

    „Keine Ahnung. Im besten Falle werfen sie mich in Molln nur von Bord, im schlimmsten Fall konstruiert der Käpt'n irgendeine Geschichte und ich land in nem Gefängnis für wie lang auch immer.“ Manu hob den Kopf und konnte im Schein der Petroleumlampe ihren verängstigten Gesichtsausdruck sehen, woraufhin er sich an einem Lächeln versuchte.

    „Mach dir keine Sorgen, immerhin geht's um dich. Solang du hier rauskommst, ist mir egal, was mit mir passiert.“

    Echo ließ den Kopf hängen, als sie leise sagte: „Ich weiß nicht, wie gut ich noch fliegen kann.“

    „Wie meinst du das?“, fragte der junge Matrose und versuchte dabei nicht allzu geschockt zu klingen. Das hatte er noch gar nicht als Möglichkeit in Betracht gezogen.

    „Ist lange her, dass ich geflogen bin“, erwiderte sie unsicher. „Ich hab Angst, dass ich es nicht mehr kann. Oder dass man mir die Flügel gestutzt hat und ich weiß es nicht. Ich hab nachgesehen und alles sieht gut aus, aber man hat mir so oft damit gedroht …"

    Ihre Stimme brach und sie schwieg. Manu wollte sie trösten, aber er wusste nicht wie. Selbst wenn er angeboten hätte nachzusehen, hätte er möglicherweise nichts bemerkt. Als er ihre Flügel das erste Mal gesehen hatte, sahen sie für ihn normal aus. Aber er war bei Weitem kein Experte.

    „Ich bin mir sicher, dass du noch fliegen kannst“, erwiderte er und versuchte so viel Überzeugung wie er konnte in seine Worte zu legen, trotz seiner eigenen Zweifel. „Denn, wenn du es nicht mehr könntest, dann wüsstest du das bestimmt. Du bist vielleicht ein wenig aus der Übung, aber verlernt hast du's bestimmt nicht. Und sicherlich waren das nur leere Worte von den Leuten, die dich gefangen haben. Die wollten, dass du an dir selbst zweifelst, damit du nicht versuchst zu fliehen.“

    Echo sagte nichts darauf, was auf Manu wirkte, als würde sie darüber nachdenken. Er langte durch die Gitterstäbe, um Brotdose und Metallbecher wieder einzusammeln, nachdem nun die Werkzeuge wieder in seinen Hosentaschen verstaut waren.

    „Ich muss jetzt los, meine Sachen packen, aber ich komm später wieder. Spätestens morgen kommst du hier raus, versprochen“, sagte er lächelnd, als er aufstand. Sie hob schweigend den Kopf, während er ihr kurz mit der Petroleumlampe zuwinkte und sich auf den Weg aus dem Lagerraum machte. Doch zuvor holte er noch seine Kiste, denn deren Inhalt wollte er auf jeden Fall mitnehmen.

    So leise wie möglich schloss er die Tür des Frachtraums hinter sich. Mit beiden Armen trug Manu die Kiste vor der Brust, darauf standen die Brotdose und die Thermosflasche. Damit nichts davon herunterfiel musste er vorsichtig die Treppen hinaufsteigen und ging langsamer als gewohnt zurück zu seinem Quartier. Er begegnete auf dem Weg ein paar Matrosen, die ihm verwunderte Blicke zuwarfen, ihn aber nicht auf die Kiste ansprachen. Manu war durchaus froh darüber, auch wenn er sich bereits überlegt hatte, was er auf solche Fragen antworten würde.

    Erleichtert seufzte er, als er in seine Kabine trat. Zu seiner Überraschung war Torben gar nicht da, aber er hatte auch nicht auf die Uhr gesehen. Manu dachte nicht weiter darüber nach, sondern ging zu seinem Spind im hinteren Teil der Kabine und holte seinen großen Rucksack heraus, in den er daraufhin alles verstaute, was sich in dem Spind befand. Das viele Reisen und die kurzen Aufenthalte in den Häfen, zusammen mit einem geringen Lohn, hatten ihn davon abgehalten viele Gegenstände anzusammeln, seit er auf der Donau lebte und arbeitete. Deshalb passte auch alles problemlos in den Rucksack. Die fünf Bücher wickelte er zum Schutz in Kleidung und verstaute sie anschließend als letztes; die Kiste stellte er in den Spind, den gepackten Rucksack davor. Als er damit fertig war, hörte er hinter sich die Tür aufgehen und Torben kam herein.

    „Was machst du?“, fragte sein Kamerad, der mit einer Zeitschrift in der Hand gerade die Kabinentür schloss.

    „Ich habe gepackt. Gibt es schon eine genauere Prognose, wann wir in Molln ankommen werden?“

    „Du ziehst das wirklich durch, was?“, erwiderte Torben als er sich auf sein Bett setzte, worauf Manu nickte.

    „Jap, weil es das einzig Richtige ist.“

    „Verstehe. Und nein, noch gibt es keine konkrete Prognose, jedenfalls hab ich nichts mitbekommen. Spätestens zwei Stunden vor Ankunft werden wir ja eh benachrichtigt“, erwiderte sein Kamerad.

    „Das könnte zu spät sein“, seufzte er und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich muss Echo vor dem Käpt'n aus dem Käfig kriegen. Denn ich bezweifle, dass er sie drin lässt, bis es ans Ausladen geht. Er muss sie vorher aus dem Frachtraum holen und irgendwie verstecken.“

    „Echo? Heißt die Harpyie so?“, fragte Torben interessiert, was sein Kamerad bejahte. „Irgendwie würd ich sie jetzt doch gern sehen, bin durch dein Engagement ganz schön neugierig geworden.“

    „Vielleicht wirst du das eh“, erwiderte Manu nachdenklich. „Eventuell wär's gar nicht mal so dumm, Echo hier bei uns zu verstecken.“

    „Hältst du das nicht für etwas riskant? Wir sind nicht gerade abgeschieden von den anderen Quartieren und jederzeit kann sich hier eine Tür öffnen und sie entdecken“, gab sein Freund zu bedenken. Natürlich hatte er auch seine Zweifel an der Idee, aber wenn er es richtig anstellte, könnte er Echo ohne gesehen zu werden hierher bringen: nämlich mitten in der Nachtschicht. Die meisten Matrosen, die für die beiden anderen Schichten eingeteilt sind, würden zu diesem Zeitpunkt schlafen. Sicherlich gab es ein paar, die möglicherweise munter wären, aber die würden sich vermutlich nicht auf den Gängen aufhalten, da nachts in den meisten Teilen des Schiffs an der Beleuchtung gespart wurde und man sich nur mehr mit Petroleumlampe fortbewegen konnte.

    „Es geht nicht anders“, beschloss Manu, „ich muss Echo heute Nacht da herausholen und hoffen, dass ich es vor dem Käpt'n schaffe. Ansonsten war alles umsonst.“

    „Dann solltest du dich aber jetzt aufs Ohr hauen“, erwiderte Torben, als er sich auf seiner Matratze ausstreckte. „Es ist schon fast acht Uhr und Schichtwechsel ist um 23 Uhr.“


    Drei Stunden später klingelte Torbens Wecker, dessen durchdringendes Piepen er mit einer geschickten Handbewegung ausstellte. Manu kletterte bereits vom oberen Stockbett, als sein Kamerad sich auf der Matratze aufsetzte. Sie wechselten keine Worte, nickten sich nur zu, während Manu seine Arbeitshose anzog, in der sich noch sämtliche Werkzeuge befanden, die er am Schloss des Käfigs ausprobiert hatte. Er nahm alle bis auf die Metallfeile heraus und legte sie auf den Boden, danach ging er zur Tür und verließ die Kabine. Der Gang war dunkel, nur jede zweite Lampe brannte und auch nicht mit voller Stärke. Da Manu verhindern wollte, dass er Aufmerksamkeit erregte, konnte er keine Petroleumlampe mitnehmen und musste sich stattdessen mit dem Halbdunkel zufrieden geben. Er war in der Vergangenheit nie um diese Uhrzeit draußen gewesen, außer in sehr seltenen Fällen um die Toilette aufzusuchen. Leider war es dieses Mal nicht so einfach.

    Als er bei der Metalltreppe angekommen war, hinunter zum Maschinenraums zu kommen, hörte er, wie dort die Türen geöffnet wurden. Ein paar bekannte Gesichter gingen mit einer Petroleumlampe und in einer Unterhaltung vertieft in Richtung Speisesaal. Die Spätschicht hatte also offiziell Feierabend und die Nachtschicht hatte im Maschinenraum die Arbeit aufgenommen. Manu wartete bis er die Worte der anderen Matrosen kaum noch hören konnte, bevor er die Treppe hinunterging und zum Frachtraum ging. Noch mehr als ohnehin schon achtete er auf jedes Geräusch, welches er nicht dem unterschwelligen Brummen der Motoren zuordnen konnte. Seine Anspannung legte sich erst ein wenig, als er den dunklen Frachtraum betrat und die Petroleumlampe entzündete.

    Nachdem die Lampe noch dort hing, wo sie sein sollte und die elektrischen Lampen nicht brannten, war sich Manu sicher, dass der Kapitän nicht hier war. Trotzdem lauschte er angestrengt und versuchte mit seinen Stiefeln so leise wie möglich aufzutreten, um nicht gehört zu werden. Er spähte um eine mannshohe Kiste herum, die ihm den Blick auf den Käfig versperrte, fand zu seiner Erleichterung aber niemanden dort vor. Eilig lief er zu Echo, die aufgrund des Geräusches seiner Schritte den Kopf hob.

    „Da bin ich“, sagte er etwas außer Atem, stellte die Lampe ab und fing sofort zu feilen an. Die Harpyie beobachtete ihn schweigend dabei, wie er konzentriert und mit schnellen Bewegungen arbeitete. Es dauerte mehrere Momente bis das restliche Metall durchgefeilt war und das Vorhängeschloss nur noch in einer Öse hing.

    „Geschafft!“, entkam es Manu sichtlich erleichtert, als er die Feile wieder in seine Hosentasche steckte und aufstand. Es fühlte sich surreal, wie sich die Tür zum Käfig schließlich öffnen ließ und als er schließlich hineinging war er sich für einen Moment nicht sicher, ob er das alles nicht träumte. Echo schaute ihn entgeistert an, als könnte sie es auch nicht glauben. Für einen Augenblick sahen sie sich verdutzt an, bevor Manu sich wieder besann, in die Hocke ging und die Befestigung der Kette untersuchte. Es kostete ihn einige Anstrengung und mehrere Versuche den Schraubverschluss des Karabiners zu lösen. Am Ende hatte er sich seine Handfläche wund gescheuert, da er einige Male von dem rauen Metall abgerutscht war.

    „Endlich sind wir dieses Ding auch los“, sagte er breit grinsend, als er den Karabiner öffnete und von der Öse am Metallboden löste. Manu stand auf und hielt Echo die Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Verdutzt blickte sie einen Moment auf die ausgestreckte Hand, sah ihm ins Gesicht und nahm die Hilfestellung schließlich an.

    Mit einem kurzen Ruck zog er sie auf die Füße und bemerkte erneut, wie wenig Echo zu wiegen schien. Die Kette klirrte leise, als die Harpyie vor ihm stand.

    „Darf ich mir den Halsring mal ansehen?“, fragte er, woraufhin sie nickte und den Kopf hob. Manu tastete das Metall ab und suchte nach einem Verschluss oder etwas ähnlichem, fand aber zuerst nur das Gelenk des Rings. Schließlich fiel ihm auf, dass das erste Kettenglied, das von dem Halsring abging ein Karabiner war, der mit einer Zange und jeder Menge Kraft verbogen wurde, sodass er sich nicht mehr öffnen ließ.

    „Elende Verbrecher“, fluchte Manu halblaut und griff wieder nach seiner Feile. „Das dauert jetzt leider ein wenig, weil ich nicht weiß, wie schnell das durch ist.“

    Echo erwiderte nichts und hielt nur weiterhin ihren Kopf oben. Es dauerte mehrere Minuten bis das Metall durchgefeilt war. In dieser Zeit bewegte die Harpyie nur ab und an die Flügel, stand sonst aber vollkommen still. Manu fragte sich kurz, ob das eine Eigenart dieser Lebewesen war, doch er hatte keine Zeit darüber nachzudenken und nachdem Echo noch nicht ein Wort gesagt hatte, erschien es ihm auch nicht als guter Zeitpunkt danach zu fragen. Als der Karabiner schließlich durchgefeilt war, fädelte Manu ihn aus den Ösen am Halsring. Die Kette landete klirrend auf dem Metallboden, was Echo kurz zusammenzucken ließ. Manu kümmerte sich nicht darum, sondern öffnete den Halsring. Das Gelenk quietschte und war schwergängig, aber er konnte ihn schließlich weit genug öffnen, um die Harpyie von dem Metallring zu befreien.

    „Na, geht doch“, sagte er triumphierend. „Und jetzt nichts wie raus hier.“

    Echo folgte ihm nur zögerlich aus dem Käfig und als Manu nach der Petroleumlampe griff, sah sie sich eingeschüchtert im Frachtraum um.

    „Alles in Ordnung?“, fragte er und hoffte, dass sie ihm antworten würde. Ihre Stille verunsicherte ihn, auch wenn er es hauptsächlich darauf schob, dass sie vermutlich nicht fassen konnte, was hier gerade passierte.

    „Ja“, sagte sie schließlich leise. „Ich kann nur nicht glauben, was geschieht.“

    „Ich auch nicht, aber wir müssen hier weg, bevor uns noch jemand sieht“, erwiderte er und hielt ihr erneut die Hand hin, die sie ergriff und sich von ihm mitziehen ließ. Schnellen Schrittes durchquerten sie den Frachtraum, bis sie bei der Tür angelangten. Manu löschte die Petroleumlampe und hängte sie wieder an ihren vorgesehenen Platz. Danach öffnete er so leise wie möglich die Metalltür nach draußen. Nur wenig Licht drang herein, sodass er wieder nach Echos Hand griff, um sie nach draußen zu führen. Die Krallen der Harpyie klangen auf dem geriffelten Metallboden vor dem Frachtraum besonders kratzig, sodass Manu Angst hatte, das Geräusch könnte Aufmerksamkeit erregen. Außerdem sah er selbst in dem wenigen Licht, dass Echo vom Laufen ein wenig erschöpft schien. Kurzentschlossen trat er vor sie und ging mit dem Rücken zu ihr in die Hocke.

    „Steig auf“, flüsterte er und sah sie erwartungsvoll über die Schulter an. Echo zögerte einen Moment, trat dann aber doch näher und schlang ihre Arme um Manus Hals, während er unter ihre Greifvogelbeine griff. Er erhob sich und ging langsam zu seiner Kabine.

    Die Harpyie wog wirklich nicht viel, was ihn einmal mehr verblüffte. Ob das daran lag, weil sie fliegen konnten oder ob Echo einfach unterernährt war, konnte er nicht sagen. Den Gedanken schob er jedoch zur Seite, denn jedes Geräusch ließ ihn kurz zusammenzucken. Seine Schritte erschienen ihm lauter als sonst und in der fahlen Dunkelheit hatte er ab und an das Gefühl Schemen zu sehen. Doch niemand war zu sehen. Die Maschinen der Donau stampften im Bauch auf halber Kraft und Manu wusste, dass die Nachtschicht hauptsächlich Reparaturen vornahm und allgemein drauf achtete, dass nicht plötzlich etwas ausfiel. Die restliche Crew müsste schlafen, selbst auf der Brücke ist nachts nur mehr Minimalbesetzung. Manu fragte sich, ob der Kapitän ebenfalls schlief oder sich vielleicht gerade auf den Weg zum Frachtraum machte. Die Vorstellung, dass Echos Verschwinden jeden Moment auffliegen könnte, ließ ihn die letzten Meter zu seiner Kabine etwas schneller laufen. Erleichtert atmete er aus, als er die Metalltür öffnete und mit Echo auf dem Rücken schnell hineinging.

    Torben schreckte bei dem Geräusch der Kabinentür hoch. Mit einer reflexartigen Armbewegung schaltete er das elektrische Licht ein und erhellte die ganze Kabine. Echo und Manu mussten die Augen aufgrund der plötzlichen Beleuchtung schließen.

    „Ist nicht die Möglichkeit“, entkam es Torben entgeistert, während sein Kamerad in die Knie ging, damit Echo wieder festen Boden unter den Krallen hatte.

    „Sag bloß, du hast mir bis zum Schluss nicht geglaubt“, erwiderte Manu vorwurfsvoll, worauf der Matrose nur schief grinsen konnte.

    „Tut mir leid, aber die Sache klang doch etwas unglaublich.“

    „Darf ich vorstellen: Echo, das ist Torben und Torben, das ist Echo“, sagte Manu leise und setzte sich auf den Boden.

    „Öhm, hallo“, wandte sich sein Kamerad sichtlich schüchtern an die Harpyie, die ihn nur ansah und kurz nickte, bevor sie in die Hocke ging und Manu erwartungsvoll ansah.

    „Wie geht es weiter?“, fragte Echo leise. Er seufzte kurz, bevor er die Beine zum Schneidersitz verschränkte: „Wir müssen erstmal warten, denn ohne in der Nähe vom Mollner Hafen zu sein, macht es keinen Sinn von Bord zu gehen.“ An Torben gewandt fragte er: „Wie lang denkst du, dass es noch dauern wird?“

    „Puh, schwer einzuschätzen. Aber ich denke, bei der jetzigen Geschwindigkeit und den mangelnden Problemen mit dem Wetter, könnten wir durchaus in ein paar Stunden dort sein“, antwortete der Matrose und sah auf seinen Wecker. „Jetzt ist fast 2 Uhr früh.“

    „Dann sollten wir wohl noch ein bissl Schlaf kriegen können“, dachte Manu laut und wollte Echo gerade sein Bett anbieten, da hatte sie sich schon seitlich auf den Boden gelegt und mit ihren Flügeln umschlossen. Er bedeutete Torben das Licht auszuschalten und kletterte derweil auf die obere Matratze des Stockbetts.


    „Guten Morgen“, tönte die sachliche Stimme von Leonard Merten durch den Lautsprecher. „Ich möchte euch darüber informieren, dass wir den Hafen von Molln in einer Stunde erreichen werden. Alle Matrosen auf ihre Posten!“

    Manu und Echo schreckten gleichzeitig aus dem Schlaf. Die Harpyie aufgrund der fremden Stimme, die plötzlich die kleine Kabine gefüllt hatte und Manu aufgrund der Tatsache, dass es die Stimme des ersten Offiziers war. Das kam nur sehr selten vor und führte dazu, dass sich sein Magen in dunkler Vorahnung zusammen krampfte.

    „Wo ist Torben?“, fragte Echo, als der Matrose vom Stockbett herunterkletterte. Sein Kamerad lag nicht mehr in seinem Bett, doch ihn verwunderte das weniger.

    „Torben ist arbeiten“, antwortete er ihr deshalb, als sie sich erhob. „Ich hoffe, er hat eine gute Ausrede gefunden, warum ich nicht ebenfalls auf der Schicht erschienen bin.“ Er wandte sich um und schulterte seinen Rucksack. Gestern hatte er seine Arbeitsklamotten nicht ausgezogen, besonders wohl fühlte er sich nicht darin, aber es erschien ihm am besten die robuste Kleidung anzubehalten. Die mit Angst vermischte Aufregung machte ihn unruhig und er fingerte deshalb an den Trägern seines Rucksacks herum, während er auf die Kabinentür starrte. Echo wirkte in ihren Bewegungen ebenfalls unruhig.

    Manu konnte nicht sagen worauf er wartete. Darauf, dass alle Matrosen der Spät- und Nachtschicht auf ihre Posten gegangen waren? Oder darauf, dass Echos Verschwinden bemerkt wurde und ihnen nichts anderes übrig blieb, als auf das Oberdeck zu fliehen? Aber was dann? Molln war noch eine Stunde entfernt.

    Um sich abzulenken dachte Manu darüber nach, was möglicherweise passiert war. Denn je mehr er darüber nachdachte, desto weniger hielt er es für wahrscheinlich, dass der Kapitän mithilfe der Crew Echo suchen würde. Zwar fielen ihm sofort ein paar seiner Kameraden ein, die ohne Nachzufragen jeden Befehl von Zeppelin ausführen würden, aber da war ja auch noch Merten. Würde der erste Offizier so einer Sache wirklich zustimmen? Ob Zeppelin ihn eventuell erpresste? Oder ob Merten wirklich keine Ahnung hatte, was vor sich ging? Die Möglichkeiten waren vielfältig. Und obwohl Manu nicht schlecht über Adler denken wollte, so war auch der Chefingenieur ein Kandidat, der genauso eingeweiht sein konnte oder wie alle anderen von nichts wusste.

    Eine plötzliche Stimme aus dem Lautsprecher ließ Manu und Echo gleichermaßen zusammenzucken.

    „Alle Matrosen aufgepasst. Wir werden den Hafen von Molln in einer halben Stunde erreichen.“ Es war wieder Mertens Stimme, sachlich und neutral wie üblich. Kurz nachdem er verstummt war, meldete sich eine andere Stimme zu Wort, die bei dem Matrosen und der Harpyie zu ängstlichem Herzklopfen führte. Es war Zeppelins Stimme, die durch die kleine Kabine hallte und deren Wut nur schwer zu leugnen war. Aber es war nicht dieselbe Wut, die Manu kannte, wenn irgendwas an Bord schief lief. Etwas, worüber man lachen konnte, weil es einen selbst nicht betraf und man wusste, dass der Kapitän jemandem zwar den Kopf waschen würde, aber die Sache damit auch abgeschlossen wäre. Das hier war etwas anderes. Vor dieser Stimme hatte er Angst.

    „Ich will Manuel Ahorn auf der Brücke sprechen. Sofort! Sollte ihn jemand an Bord sehen, will ich, dass er zu mir gebracht wird!“

    „Wir müssen los“, sagte Manu nur und zog einmal mehr die Träger seines Rucksacks fest. „Wir müssen auf jeden Fall zum Oberdeck. Selbst, wenn wir es nicht rechtzeitig zum Hafen schaffen, kannst du dann wegfliegen.“

    „Aber dann erwischen sie dich“, entkam es Echo entsetzt und ihre aufgewühlten Gefühle ließen sie über die Silben der Worte stolpern. Fast hätte Manu sie nicht verstanden.

    „Das ist egal, hier geht's nicht um mich“, erwiderte er ernst, als er auf die Kabinentür zuging und angestrengt lauschte. Er konnte nichts hören, aber das würde sicherlich nicht lang so bleiben.

    „Los geht’s", sagte er, als er die Tür öffnete und nach draußen trat. Echo folgte ihm vorsichtig, doch auch wenn sie ihre Schritte behutsam setzte waren diese nicht zu überhören. Mit einem Handzeichen bedeutete Manu, dass sie ihm folgen sollte und so liefen sie den hell beleuchteten Gang entlang. Ohne anzuhalten nahm er die erste Treppe Richtung Oberdeck. Sie erreichten die nächste Ebene, auf der sich die Brücke befand. Gerade als sie sich der nächsten Treppe zuwandten, ging eine Tür auf. Manu stoppte nicht und Echo hielt sich dicht hinter ihm, aber der durchdringende Ruf der folgte ließ sie kurz zusammenzucken.

    „Käpten!“, schrie jemand und sie hörten schwere Schritte hallen, was ihre Geschwindigkeit nur noch erhöhte. Manu nahm zwei Metallstufen auf einmal, was sich Echo schnell von ihm abschaute. Endlich bei der Tür zum Oberdeck angekommen, warf er sich dagegen, während er die Klinke herunterdrückte. Helles Sonnenlicht blendete ihn kurz, doch er lief weiter, den Arm über die Augen gelegt, bis er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Echo ging es hinter ihm genauso und er drehte sich deshalb rasch zu ihr um, als er ihre Schritte nicht mehr hörte. Sie stand blinzelnd auf dem Metallboden und betrachtete fasziniert die Umgebung.

    Um sie herum war blauer Himmel, in der Entfernung bewegten sich Wolken in verschiedenen Höhen. Die Rotoren drehten sich schnell und mit verschieden lauten Surrgeräuschen, glänzten dabei im Sonnenlicht. Manu konnte Echo ihre Faszination schwer übel nehmen, musste sie aber auch aus dieser heraus reißen. Er ging auf sie zu, griff nach ihrer Hand und zerrte sie das Oberdeck entlang zum Bug der Donau. Sie mussten so viel Abstand zwischen sich und dem Aufgang zum Oberdeck bringen wie möglich. Jeden Moment konnten Zeppelin und andere Matrosen hier auftauchen.

    „Was jetzt?“, fragte Echo laut, trotzdem wären ihre Worte von einer plötzlichen Windböe fast fortgeweht worden. Sie beobachtete Manu dabei, wie er seinen Rucksack vom Rücken nahm und stattdessen an der Brust trug. Mit einer Hand an der eisernen Reling blickte er nach vorn. Der Hafen war bereits deutlich vor ihnen zu erkennen, trotzdem betrug der Abstand immer noch mehrere hundert Meter.

    „Ich hab mir gedacht“, wandte er sich an die Harpyie, „dass ich dich wieder auf den Rücken nehme und wir dann zum Landesteg gleiten.“

    „Ich weiß nicht, ob ich das schaffe“, gab Echo unsicher zurück, als sich ihre Hände an die Reling krallten. Manu konnte ihre Angst verstehen, aber es war die einzige Möglichkeit. Obwohl es an Bord Fallschirme für den Notfall gab, hatte er nicht an einen solchen als Hilfsmittel zur Flucht gedacht. Hauptsächlich deswegen, weil er diesen kaum steuern konnte und er sich damit die geringsten Chancen ausgerechnet hatte überhaupt im Mollner Hafen zu landen.

    Sie sahen beide dabei zu, wie die Donau dem Hafen immer näher kam. Die Landestege tauchten schließlich im Dunst auf.

    „Noch ein bisschen näher“, dachte Manu, als eine laute Stimme die Stille durchbrach.

    „Da sind sie!“, schrie Zeppelin, woraufhin sich der Matrose und die Harpyie umwandten. Fünf Männer kamen hinter dem Kapitän auf das Oberdeck. Zu Manus Entsetzen trugen sie alle Waffen und kamen mit militärischer Selbstsicherheit auf ihn und Echo zu.

    „Keine Bewegung, Junge. Du hast dich schon genug in die Scheiße geritten. Bring mir meine Fracht wieder, sofort!“, befahl Zeppelin, während zwei Männer ihre Gewehre hoben und auf die Ausreißer zielten. Manus und Echos Blicke trafen sich und er formte ein „Flieg los“, lautlos mit den Lippen, doch in ihrem Blick war zu viel Angst, sodass sie seinen Hinweis nicht verstand.

    „Wird's bald oder müssen wir euch holen kommen?“, drohte Zeppelin und man hörte ihm an, dass seine Geduld erschöpft war. „Das ist deine letzte Chance auf eine Zukunft an Bord, Junge. Ansonsten verbringst du den Rest deines Lebens in einem Gefängnis.“

    „Das ist eher Ihr Platz und nicht meiner!“, schrie Manu ihm entgegen. Er hielt es nicht mehr aus stumm vor dem Kapitän zu stehen. Zeppelin hob gerade zu einer Erwiderung an, da kippte die Donau ein Stückchen zur Seite, sodass die Männer kurz ihre Balance zu verlieren drohten. Manu überlegte nicht lang und sagte zu Echo: „Steig auf meinen Rücken, jetzt!“ Ohne zu zögern trat sie hinter ihn und schlang ihre Arme um seinen Hals. Der Matrose stieg über die Reling, was sich aufgrund seines Gepäcks und dem Gewicht von Echo, mochte es auch noch so gering sein, als Herausforderung herausstellte. Mit der rechten Hand hielt er sich weiterhin fest und sein rechtes Bein befand sich noch auf dem Metallboden des Oberdecks, während sein linkes Bein im Freien hing und er mit dem linken Arm Echos Raubvogelbein festhielt.

    „Sobald wir fallen, musst du die Flügel aufspannen, sonst ist es vorbei, verstanden?“, wandte er sich an Echo, die nichts darauf erwiderte. Die Landestege vom Mollner Hafen kamen immer näher und die Donau kippte ein weiteres Mal leicht zur anderen Seite. Manu hatte keine Ahnung, warum das große Luftschiff sich derartig bewegte, denn er konnte keine Turbulenzen feststellen. Was auch immer im Inneren des Schiffes vorging, es war zu ihrem Vorteil. Doch Zeppelin und seine Männer waren keine Anfänger und näherten sich trotz der unüblichen Bewegungen der Donau mit schweren Schritten den Flüchtenden.

    „Ich hasse es, wenn man sich in meine Angelegenheiten einmischt, Junge“, rief Zeppelin ihnen zu und im nächsten Moment knallte ein Schuss, als das Schiff erneut leicht zu einer Seite kippte. Der Schuss dröhnte noch in Manus Ohren, als er die Reling losließ und sprang.

    Für einen kurzen Moment fühlte er sich schwerelos, während er mit seinem rechten Arm nach Echos zweitem Bein griff. Doch die Schwerkraft war unerbittlich und ließ ihn und die Harpyie ruckartig mehrere Meter in die Tiefe stürzen. Ein heller Falkenschrei durchdrang die Stille, als Echo ihre schneeweißen Flügel ausbreitete und versuchte mit dem zusätzlichen Gewicht klarzukommen. Sie wurden vom Wind von einer Seite zur anderen gedrückt und trotz angestrengtem Flügelschlagen war es für sie unmöglich an Höhe zu gewinnen. Das Halten der Flughöhe war für sie schon eine Herausforderung.

    Manu bemerkte, wie Echo ihre Hände von seinem Hals nahm und diese stattdessen unter seine Arme schob. Sie versuchte ihn so besser zu tragen.

    „Es ist nicht mehr weit!“, rief er ihr zu. „Sobald du über dem Steg bist, lass mich einfach fallen.“ Sie reagierte nicht darauf, konzentrierte sich voll auf das Fliegen. Die Landestege kamen immer näher und Manu konnte die ersten Menschen sehen, die im Hafen ihren Arbeitstag begannen. Nur noch wenige Meter trennten ihn und Echo von dem rettenden Metall, welches sich zu ihnen streckte.

    „Wir sind fast da“, sagte er, doch sein Herzschlag konnte sich noch nicht beruhigen, denn er hörte Echos angestrengtes Keuchen. Ihre Kräfte gingen sichtlich zur Neige.

    „Ich kann nicht mehr“, entkam es ihr erschöpft und sie sackten einige Meter in die Tiefe, als sie kurz aufhörte mit den Flügeln zu schlagen, da sie versuchen wollte zu segeln. Doch der Wind kam aus der falschen Richtung und hätte sie allein vielleicht tragen können, aber nicht mit dem zusätzlichen Gewicht.

    Manu sah nach unten und erkannte den Landesteg unter sich.

    „Wir sind da, geh runter oder lass mich los!“, rief er ihr zu. Wie auf Kommando sackten sie erneut einige Meter nach unten und Manu bereitete sich auf den Fall vor.

    „Lass los!“, rief er Echo erneut zu, während er ihre Beine los ließ. Sichtlich widerwillig lockerte die Harpyie ihren Griff um seine Arme. Manu fiel mit einem Schrei auf den Metallboden, das Gewicht seines Rucksacks ließ ihn nach vorn fallen. Obwohl er versuchte sich mit den Armen abzufangen, drückte er sich seinen Rucksack gegen die Brust, was ihm kurz die Luft aus den Lungen presste. Hektisch zog er Riemen von den Armen und setzte sich nach Luft schnappend auf den Boden.

    Echo segelte über ihn hinweg und schaffte es nach mehreren Metern das Metall des Landestegs unter den Krallen zu haben. Trotz ihrer Landung auf beiden Beinen, war ihre Geschwindigkeit zu schnell, sodass sie nach vorn stolperte und schließlich zitternd mit hängenden Flügeln zu Boden sank.

    Die ungewöhnliche Ankunft war von mehreren Schaulustigen beobachtet worden und die ersten Hafenarbeiter näherten sich Echo sichtlich überrascht und neugierig.

    „Ist alles in Ordnung mit dir, Junge?“, fragte ein hochgewachsener Arbeiter Manu, als dieser sich gerade auf die unsicheren Beine kämpfte.

    „Ja, alles klar“, erwiderte er ohne den Mann anzusehen, schnappte sich seinen Rucksack und stolperte zu Echo.

    „Alles in Ordnung?“, wollte er von ihr wissen, als er ihr die Hand hinhielt, um ihr aufzuhelfen. Sie ging auf die Frage nicht ein, ergriff aber seine ausgestreckte Hand und ließ sich hinterher ziehen. Mit einer Mischung aus wackeligem Laufen und Stolpern suchten sie ihren Weg durch den Hafen. Manu ignorierte die Blicke, die sie auf sich zogen und versuchte jedem Hafenarbeiter so schnell wie möglich aus dem Weg zu gehen oder gar nicht erst zu nahe zu kommen. Zu seiner Überraschung blieb es aber bei verwunderten Blicken, keiner der Männer versuchte sie aufzuhalten.

    Der Matrose zerrte die Harpyie zwischen mannshohe Holzkisten und metallene Container, bis er sich schließlich sicher genug fühlte. Keuchend lehnte er sich an einige gestapelte Metallboxen und rutschte mit dem Rucksack auf dem Rücken daran herunter, bis er nach Luft schnappend auf dem Boden saß. Den Griff um Echos Hand hatte er bereits gelockert, sodass diese einfach aus seiner glitt. Die Harpyie ging ebenfalls in die Hocke und rang nach Luft. Sie zitterten beide vor Anstrengung; die Vorstellung sich noch weiter bewegen zu müssen kam beiden wie Folter vor.

    Viele Augenblicke brauchten die Flüchtenden, bis sich ihre Atmung soweit beruhigt hatte, dass sie nicht mehr wie gehetzte Tiere keuchten. Manus Herz schlug heftig vor Anstrengung und Angst. Obwohl er wusste, dass die Donau zum Andocken mindestens eine halbe Stunde braucht, fühlte er sich im Hafengebiet nicht sicher. Und dabei ging es ihm nicht mal um sich selbst, Echo war hier einfach nicht sicher.

    „Wir haben's geschafft“, brachte er schließlich mit kratziger Stimme hervor. Sein Hals war vom Keuchen ganz trocken. „Tut mir leid, dass du dich so anstrengen musstest.“ Die Harpyie antwortete nicht darauf, sah ihn nur aus dunklen Augen an und schüttelte leicht den Kopf.

    „Danke“, sagte Echo schließlich. „Ohne dich, weiß ich nicht, wo ich wär.“

    „Hab ich gern gemacht“, erwiderte Manu und lächelte. „Am besten fliegst du gleich nach Hause. Ich hab keine Ahnung, was auf der Donau gerade los ist, aber sie werden bestimmt nach dir suchen.“

    „Ich weiß nicht, ob ich stark genug dafür bin. Und ... ich will dich hier nicht zurücklassen“, entgegnete Echo besorgt. Er wusste, dass er viel von ihr verlangt hatte, aber Manu hatte keine Ahnung, ob er sich gemeinsam mit ihr verstecken konnte. Immerhin waren sie nicht in einem kleinen Ort, sondern in einer Handelsstadt. Zwar behagte ihm die Vorstellung nicht, sich sofort von ihr verabschieden zu müssen, mit geringer Hoffnung, sie je wiederzusehen, aber es war besser für sie, wenn sie den Vorsprung ausbaute. Anstatt von ihm zurückgehalten zu werden.

    Schwerfällig erhob sich Manu vom staubigen Boden.

    „Leider weiß ich nicht, wie gut man sich hier als Harpyie verstecken kann“, begann er, während er sich unsicher umsah. „Aber zur Not schlagen wir uns einfach irgendwie durch.“ Echo nickte lächelnd und wirkte zu seiner Erleichterung nicht mehr ganz so erschöpft. Er spähte in Richtung Landestege, ob er bereits bekannte Gesichter erkennen konnte, aber da waren nur die fremden Hafenarbeiter zu sehen. Also ging er schnellen Schrittes mit Echo in die andere Richtung, um den Hafen zu verlassen.

    Obwohl es einen zentralen, breiten Weg gab, versuchte Manu diesen so gut es ging zu meiden und lief mit Echo immer wieder zwischen mannshohen Containern und Kisten parallel, sodass sie nicht so leicht zu entdecken waren. Schließlich kamen sie zu einem großen Marktplatz an dem verschiedene Stände aufgebaut waren und es vor Leuten nur so wimmelte. Die Marktschreier priesen ihre Ware an, dazwischen liefen Hausfrauen und Kinder.

    Manus erster Impuls war diese Menschenmasse zu meiden, doch dann sah er etwas, was ihn reflexartig dazu brachte sich die Augen zu reiben. Denn er konnte kaum glauben, was er sah. Dort standen Greife und rissen sich große Fleischbrocken zurecht. Die Stände waren auch keine Holzbuden, wie Manu sie von anderen Städten kannte, sondern erinnerten ihn nach genauerem Hinsehen an Kutschen mit Tragflächen und Rotoren.

    „Fliegende Händler!“, stieß er erstaunt hervor. Es gab sie also wirklich! Als Torben ihm das erste Mal vor zwei Jahren von ihnen erzählt hatte, hatte er es erst für Seemannsgarn gehalten. Wenn die Leute in Molln auf Greife nicht negativ reagierten, dann waren Fabelwesen hier vielleicht gar keine Seltenheit?

    „Verzeihung?“, sprach eine ältere, weibliche Stimme ihn von der Seite an.

    „Ja?“, erwiderte er und blickte in das faltige Gesicht einer grauhaarigen Dame. Sie trug ein einfaches Kleid und hatte einen Flechtkorb gefüllt mit ihren Einkäufen bei sich.

    „Ich möchte mich natürlich nicht einmischen, aber Sie sehen ein wenig erschöpft aus. Darf ich Ihnen ein gutes Gasthaus empfehlen? Oder sind Sie nur auf der Durchreise?“, wandte sie sich an ihn und blickte dabei aber auch erwartungsvoll zu Echo.

    „Ich ..., also wir ähm“, begann Manu etwas überfordert und fuhr sich durch die braunen Haare. Die Dame reagierte überhaupt nicht überrascht auf Echo, was ihn einfach nur verwirrte.

    „Ein Gasthaus wäre schön“, sagte die Harpyie an seiner Stelle, um die geduldige ältere Frau nicht zu lang auf eine Antwort warten zu lassen.

    „Dann kommen Sie gern mit, wissen Sie, meine Tochter hat vor kurzem eines eröffnet. Hat lang darauf gespart das alte Posthaus zu kaufen und für die Renovierung haben alle zusammen geholfen“, erzählte die Dame freundlich und Manu konnte deutlich hören, wie stolz sie auf ihre Tochter war. Er wechselte einen Blick mit Echo, die ihm ermunternd zunickte. Sie hatte scheinbar auch ein gutes Gefühl bei dieser Frau. Letztendlich blieb dem Matrosen ohnehin nichts übrig, also beschloss er, dass sie sich das Gasthaus auf jeden Fall anschauen konnten. Sollten sie sich doch nicht wohlfühlen, könnten sie ja immer noch etwas anderes suchen. Aber die Aussicht auf eine Bleibe ließ ihn seine Angst vor Zeppelins Wut erstmal ausblenden.


    Die Donau landete nach Vorschrift und im Zeitplan im Hafen von Molln; im offiziellen Protokoll für die Handelsgesellschaft wurde die Reise als eine von vielen ohne Zwischenfälle dokumentiert. Trotzdem blieb das große Handelsschiff länger als üblich im Hafen und die Matrosen, die auf Landgang waren, schienen etwas oder jemanden zu suchen. Schon bald hatte sich herumgesprochen, dass ein flüchtiger Matrose gesucht wurde. Die Gerüchte begannen sich in Molln zu überschlagen: er soll Wertsachen gestohlen, die Donau manipuliert haben und manch einem kam zu Ohren, er habe einen Mord begangen.

    Ein paar Journalisten griffen in den Kolumnen der Lokalblätter die Gerüchte auf, doch offizielle Ermittlungen wurden nie angestellt. Mit einer zweitätigen Verspätung ging die Donau wieder in die Luft, mit neuer Fracht auf den Weg zum nächsten Hafen, der in Wörgl lag.

  • Hallo,


    ich bezweifle ja, dass eine Feile anständige Ergebnisse bei den Metallstäben erzielt. Zumindest benötigt das eine Engelsgeduld und viel Zeit, die die beiden eher nicht haben. Mir gefällt, dass Torben Echo noch zu Gesicht bekommt und wie sich die Ereignisse überschlagen. Der Wettlauf auf dem Luftschiff gestaltet sich als eher kurz und ereignislos, was merkwürdig ist, da Manu aktiv gesucht wird. Das Ende lässt einige Fragen bewusst offen, was mir wiederum gefällt. Die Menschen in Molln scheinen sehr darauf bedacht, mit Fabelwesen harmonisch zu leben und das schreit direkt nach einer Fortsetzung. Danke für diese Geschichte.


    Wir lesen uns!