Fremde Welten

  • Hallöchen @Shiralya,


    nach deinem "kurzen Kommentar" in meinem Thema, wollte ich dir auch einmal ein paar Worte hinterlassen. :)
    Dann fange ich gleich mit dem Titel an, der in meinen Augen gut gewählt wurde.
    Er fängt gleich mit einer Frage an, die auch von der Philosophie behandelt wird.
    Zum Text kann ich sagen, dass mir die äußere Form sehr gut gefällt.
    Die Einschiebung der Gedankensplitter empfinde ich als ein gutes Mittel, um Spannung aufzubauen.
    Allerdings geben diese dann wiederrum Fragen auf, z.B. was mit Jack geschehen ist.
    Vielleicht ist es denkbar, dass du dazu noch eine Geschichte schreiben würdest ... ?


    Manchmal hätte man ein paar Sätze verbinden können, damit es sich einfacher liest, wie z.B. ...

    Sie hatte ihrer Mutter gesagt, sie würde erst in zwei Stunden kommen. Also arbeitete sie noch. Ein erleichternder Gedanke.

    Sie wollte nicht hinaus in die Welt. Aber das verstand keiner. Sie alle ließen sich täuschen.

    Leider weiß man nicht, was du mit diesen einhunderprozentig ausdrücken wolltest.
    Wolltest du Unsicherheit ausdrücken, würde dieses Mittel, also die gekürzten Sätze, noch gut hineinpassen.
    Wenn du die Situation beschreiben wolltest, hätte man zu einem anderen Mittel greifen können; mehr ins Detail gehen und Gefühle näher beschreiben.


    Zusammengefasst kann ich sagen, dass ich das Thema gut beschrieben finde und auch die verschiedenen Mittel interessant finde.
    Das solltest du unbedingt beibehalten, wenn du wieder solche Arten von Geschichten schreiben willst!


    Ich freue mich schon auf mehr!
    ~ Galileo

  • XI


    Zählt der fünfzehnte noch als Anfang Oktober? Vermutlich eher nicht. Dabei war das meine persönliche Zielsetzung gewesen. Aber gut, ich hatte nur "irgendwann im Oktober" geschrieben und das habe ich definitiv geschafft. Und ich hoffe, ich werde mich demnächst auch wieder eines oder zwei Tabmenus annehmen. Jetzt gibt es aber endlich, nach über einem Jahr Wartezeit und zehn Tage nach meinem zweijährigen Topic-Jubiläum den dritten Teil Meereskinder.



    Meereskinder

    Zweiter Teil



    Ich starrte mit Tunnelblick auf die milchgläsernen, elektrischen Schiebetüren, die sich im unregelmäßigen Rhythmus der hindurchgehenden Passagiere öffneten und schlossen. Nachdem ich St. Sigmund auf der Staatsstraße verlassen hatte, hatte ich förmlich gespürt, wie sich mein Sichtfeld verkleinerte. In der kleinen Stadt hatte ich versucht, jedes einzelne Detail in mir aufzusaugen, hier wollte ich nur die anderen wiedersehen. Ich hoffte zumindest, dass ich das wollte.
    Die Tür öffnete sich erneut und eine ältere Frau mit zwei Mädchen im Teenageralter trat auf den Gang. Die jüngere der beiden, sie war vierzehn, ließ ihren Koffer an Ort und Stelle stehen, sobald sie mich erblickte. Sie schlüpfte unter dem Abtrennungsband hindurch Und lief auf mich zu. „Marie!“, rief sie voll Freude und schlang ihre Arme um mich. Ich lächelte, drückte sie an mich und strich ihr über das glatte, hellbraune Haar.
    Tessa hatte nun zwei Koffer zu ziehen, ließ es sich aber auch nicht nehmen, sich an einigen anderen Passagieren vorbei zu drängen. Sie stellte das Gepäck vor mir ab und schloss sich der Umarmung an. Ich hatte sie wiedersehen wollen. Man bemerkt gar nicht, wie sehr man etwas vermisst, bis man es wieder vor sich hat.
    Nur wenige Augenblicke später stand auch Großmutter vor mir. Ihre weißen Haare waren zu einem Dutt zusammengebunden und ihr faltiges Gesicht strahlte normalerweise immer ungemeine Lebensfreude aus. Heute allerdings war diese nur kurz zu erahnen, als Großmutter mich mit meinen Schwestern sah, bevor sie sich wieder daran erinnerte, warum wir hier waren. Es zerriss mir das Herz, sie so zu sehen.
    „Jetzt lasst eure Schwester doch auch mal atmen“, ermahnte sie freundlich. Ihr Lächeln war eines der ehrlichsten, das mir je begegnet war. Dafür hatte ich sie immer noch mehr geliebt. „Schön dich wiederzusehen, Marie.“ Als meine Schwestern von mir abgelassen hatten, umarmte mich auch Großmutter. Es war wie nach Hause zu kommen. Die erste warme und herzliche Umarmung, seit mich die Schreckensnachricht erreicht hatte.
    „Und? Was hast du heute schon so gemacht?“, fragte sie, während sie ihren Koffer wieder aufnahm und schon den Ausgang ansteuerte.
    „Ach, so dies und das“, sagte ich abweisend, um nicht auf die Kirche, den Pfarrer oder Christian, den Mitarbeiter des Bestattungsinstituts, zu sprechen zu kommen. „Da euer Flug ja so massig Verspätung hatte, hatte ich einige Zeit in Bozen. Ist eine ziemlich schöne Stadt. Ich hab einige Buchläden durchstöbert und ein bisschen Kaffee getrunken. Im Wagen hab ich Kuchen für euch.“
    „Kuchen?“, fragten Tessa und Jenny synchron. Die Zwei waren sich relativ selten einig, aber Naschkatzen waren sie beide gleichermaßen.
    Ich nickte lachend. Ich wusste nicht, wo die Gefühle waren, die die zwei in sich tragen mussten und vor deren Anblick ich noch immer solche Angst hatte. Jetzt gerade schienen sie irgendwo in den Schichten ihres Unterbewusstseins verschwunden zu sein. Ich wusste, sie würden wiederkommen, ich wusste nur nicht wann. Und ob ich sie ertragen könnte.
    Als die Türen des Flughafens sich öffneten und wir in die warme Luft hinaustraten, stöhnte Tessa kurz auf. „He, Tessa, was ist los?“, fragte Großmutter. Einen Moment lang starrte ich sie an. Es war das erste Mal, dass sie ihre Enkelin nicht bei ihrem vollen Namen nannte. Teresa war nach unserer früh verstorbenen Tante benannt. Wir hatten sie nie kennengelernt, aber Großmutter behauptete immer, sie hätte mit Tessa nicht nur den Namen gemein. Schnell sah ich wieder weg. Natürlich nutzte sie nicht diesen Namen, jetzt da sie hier war, um auch ihrer zweiten Tochter Lebwohl zu sagen. Ich hasste die Berge, die sie uns genommen hatten.
    „Es ist nur so … warm“, antwortete Tess auf die Frage und versuchte sich mit der Hand Luft zuzufächern.
    Ich kramte in meiner Tasche und hielt ihr dann den hellblauen Fächer entgegen. „Hier“, sagte ich auch an Jenny gewandt, „der ist wirklich praktisch.“ Aber der Jüngeren schien die Hitze wenig auszumachen. Sie liebte das Meer, genauso wie Tessa und ich, aber es war uns schon oft aufgefallen, dass sie am meisten von unserem Vater hatte, obwohl sie ihn kaum kannte. Er starb, als sie drei war. Auch die sechsjährige Tessa hatte noch nicht ganz verstanden, was damals passiert war; nur ich hatte tagelang geweint.
    Großmutter half mir, die Koffer im Auto zu verstauen, während sich Tessa und Jenny schon über den Kuchen hermachten. „Wie war euer Flug“, fragte ich mehr an meine Großmutter als an meine Schwestern gewand, da ich mir sicher war, dass sie mich sowieso nicht hörten.
    „Länger als mein ganzes Leben“, antwortete sie mit gedämpfter Stimme. Ich hielt inne und sah sie an. Ihre blauen Augen erwiderten den Blick so unglaublich müde, dass sich in meinen fast die Tränen sammelten.
    Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. „Es ist wunderschön dort“, flüsterte ich.
    Sie lächelte. „Ich weiß“, entgegnete sie und hob den letzten Koffer in den dunkelblauen Wagen. „Dein Vater war ein kluger Mann.“ Sie schloss die Kofferraumklappe und ließ mich alleine stehen. Ich brauchte eine Sekunde, um mich zu fangen, bevor ich mich hinters Steuer setzen konnte. Ich fuhr los, ohne noch ein Wort zu sagen.
    Wir alle schwiegen die gesamte Fahrt nach St. Sigmund. Und auch als ich vor dem Hotel hielt und wir kurz darauf den Empfangsbereich betraten, sprach keine einzige von uns. Es war das erste Mal, dass ich meine Schwestern so lange ohne ein Wort im Mund erlebte. Es war unheimlich. Hinter der Rezeption stand derselbe Mann, der mich gestern schon begrüßt hatte. Ich überlegte, ihm irgendetwas zu sagen, aber mir war nicht wohl bei dem Gedanken, die Stille zu durchbrechen, also ging ich nur schweigend an ihm vorbei und führte den Rest meiner Familie zu unseren Zimmern.
    „Wir haben zwei Doppelzimmer.“ Nun war doch ich es, die das Schweigen brach. „Habt ihr euch schon überlegt, wie wir uns aufteilen?“
    Jenny und Tess sahen mich an, als könnten sie nur etwas Falsches darauf erwidern. Großmutter antwortete: „Ich teile mir mir Jenny ein Zimmer und Tessa kommt zu dir.“ Ich wusste, warum sie das sagte. Es musste am einfachsten für sie sein, Jenny um sich zu haben, diejenige von uns, die unserer Mutter am wenigsten ähnelte.
    Ich nickte kurz und überreichte ihr den Schlüssel zum zweiten Zimmer. „Es gibt ein Buffet zum Abendbrot. In zwei Stunden. Treffen wir uns im Speisesaal?“
    „Gut“, entgegnete Großmutter. „Ich würde mich gerne noch ein wenig ausruhen.“ Mit diesen Worten schloss sie die Tür auf und verschwand in ihrem Zimmer. Zögernd folgte Jenny. Ich öffnete meinerseits die andere Zimmertür und führte Tessa in den Raum, der uns die nächsten Stunden beherbergen würde.
    „Wow“, sagte Tessa, als sie ihren Koffer neben dem kleinen Tisch abstellte und direkt auf die Fenster zuging, vor denen ich gestern eine gefühlte Ewigkeit gestanden hatte. „Warst du da schon draußen?“ Sie öffnete die Türen, trat auf den Balkon und ging sofort wieder zurück in die gekühlte Luft des Hotels.
    „Nein“, antwortete ich grinsend. „Und scheinbar weißt du auch schon, warum nicht.“
    Einen Moment blieb sie regungslos stehen und betrachtete die Berge. Es war ein Déjà-vu, es war, als sähe ich mich selber dort stehen. Dann drehte sie sich abrupt um. „Ich sollte mal duschen gehen.“ Sie holte einige Dinge aus ihrem Koffer und verschwand im Bad.
    Nun nahm ich wieder den Platz am Balkon ein. Hinter dem Hotel verlief ein kleiner Fluss. Er war mir gestern gar nicht aufgefallen. Seufzend lehnte ich mich gegen die Scheibe, als ich das Wasser in der Dusche laufen hörte. Es war bereits seltsam gewesen, gestern alleine hier zu sein. Tessa, Jenny und Großmutter aber auch hier zu haben, war einfach nur irreal. Vielleicht regnete es ja morgen. Ich wusste, dass Stürme hier sehr stark waren. Vielleicht schickte sie uns ja ihr Lieblingswetter und ließ den Wind mit dem Wasser spielen. Auch wenn die Tropfen keine Wellen schlagen konnten.



  • Hallo Shira,


    nun ist also der dritte Teil von Meereskinder online und ich hab das zum Anlass genommen, die ersten zwei Parts noch einmal zu lesen. Du hast bisher wirklich vielfältige Emotionen behandelt: Die Sehnsucht nach dem Meer, das Unwohlsein in den Alpen, Freude an der frischen Luft und auch die mehr oder weniger vorhandene Trauer wegen eines wohl bevorstehenden Begräbnisses. Wobei das bisher noch nicht so das Thema war, dürfte es jetzt mit Ankunft der weiteren Familie relevant werden. In Hinblick darauf, dass sie alle etwas mit dem Meer verbindet, bin ich schon gespannt, wie sich das in den nächsten Parts noch auswirken wird. Ich muss hier nämlich schon sagen, dass ich mir unter dem Titel vieles vorgestellt habe, was passieren könnte, aber dass es sich jetzt schlussendlich auch ganz anders entwickelt hat. Was in dem Fall aber positiv ist, weil du so für eine nette Überraschung bei der Umsetzung gesorgt hast.
    Es ist eine schöne Umsetzung mit vielen Metaphern, Gedanken, Wortspielereien und tollen Eindrücken, sowohl atmosphärisch als auch von der Wortwahl selbst. Im Großen und Ganzen freue ich mich auf die nächsten Parts, also sieh das hier mal als Push an, damit die Abstände etwas kürzer werden.


    Wir lesen uns!

  • XII


    Ein nächtliches Update mit einem recht alten Text, der mir aber sehr am Herzen liegt, denn er war nach langer kreativen Dürre der erste Spross einer neuen Schreibperiode, die glücklicherweise nie wieder so schlimm abegerissen ist. Bei mir werden übrigens jetzt gerade zeitweise die Abstände zwischen meinen Updates kleiner, denn ich habe ein paar Pläne, wie die nächsten aussehen sollen. Ich hoffe, ich kann sie auch so umsetzen. Aber jetzt wünsche ich erstmal viel Freude an meiner zweiten Klanggeschichte.



    Kiss the Rain - And never forget


    Kiss the Rain – And never forget


    Im Sommer konnte ich sie riechen. Sie roch nach Regen. Ich weiß nicht warum, aber es war immer das Schönste gewesen, was mir in die Nase kommen konnte. Doch jetzt, jetzt erinnert mich der Geruch nur noch an den Schmerz und an das Gefühl, dass sie nicht mehr da ist.


    „Wieso musst du gehen?“, fragte ich sie.
    Sie antwortete nicht, sondern sah mir bloß in die Augen. Ihre grüne Iris war von blauen Tupfen übersät wie von Regentropfen. Es war so schön in diese Augen zu sehen, und doch spürte ich nun, wie sich mein Herz verengte. Ich hasste Abschiede.
    Die Sonne beschien uns mit ihren warmen Strahlen, die mir das Gefühl gaben, genau an der richtigen Stelle zu stehen. Weiße Wolken wurden vom Wind über den Himmel getrieben, ließen uns aber weiterhin im Sonnenlicht stehen. Leise rauschten die Ähren um uns; sonst war nichts zu hören.
    „Ich komme nicht wieder“, sagte sie nun, was keine Antwort auf meine Frage war und mein Herz einen Schlag aussetzen ließ, obwohl ich es schon vorher gewusst hatte. „Vergiss mich nicht.“
    „Wie könnte ich dich jemals vergessen?“, entgegnete ich entrüstet. Ich liebte sie. Ich habe nie aufgehört, sie zu lieben, so wie ich es schon damals tat. Niemand wird mir jemals diese Liebe nehmen können.
    „Ist es der Sommer?“, zerbrach ich das Schweigen.
    „Aber nein.“ Sanft legte sie ihre Hand auf meine Wange. Ihre Wärme durchfloss meinen Körper. „Es ist unser Schicksal.“ Sie sah mir in die Augen, als suchte sie darin den Sinn der Welt, doch ihre blieben voller Trauer. Und voller Liebe. „Das Leben spielt ein seltsames Spiel.“ Sie machte eine Pause, ehe sie die Erklärung nannte, die mich niemals zufriedenstellen konnte und der ich mich dennoch beugen musste: „Sie brauchen uns.“
    Ihre Hand lag noch immer auf meiner Wange. Ich genoss die Berührung und vergrub meine Finger in ihrem wundervollen, hellbraunen Haar, mit dem der Wind schon die ganze Zeit spielte, als seinen sie alte Freunde. Und vielleicht waren sie das sogar. Ich spürte die Sommersonne in meinem Nacken. Sie unterstrich meine Gefühle und doch blendete ich meine Umwelt aus und sah nur noch ihre Regenaugen, versank in den blauen Tropfen, bis etwas Feuchtes auf meinem Arm landete. Im ersten Moment dachte ich, es sei eine Träne gewesen, ob von ihr oder von mir hätte ich nicht zu sagen vermocht. Aber dem ersten Tropfen folgten weitere; es wurden immer mehr und fast gleichzeitig wanderte unser Blick zum Himmel. Die sanften Wolken waren aufgebrochen und ein warmer, wunderbarer Regenschauer fiel auf uns herab.
    Da löste sie sich von mir und drehte sich aus purer Freunde am Regen inmitten des Weizenfeldes. Die Sonne, die noch immer zwischen den Wolken schien, spiegelte sich in ihren Haaren und in den fallenden Regentropfen und erzeugte beim Betrachter das Gefühl, sie seien schwerelos. Dieses Bild war perfekt.
    Ich atmete tief ein und genoss den wohligen Geruch des Sommerregens, bevor ich zu ihr rannte. Als sie es bemerkte, wurden ihre Drehungen langsamer, sodass ich sie leicht in ihrer Bewegung stoppen konnte. Ich schlang meine Arme um ihre Taille, zog sie sanft zu mir hin und küsste sie. Es war dieser eine Kuss, der mir alles bedeutet, damals wie heute. Wann immer ich an die wahre Liebe denke, spüre ich die lieblichen Regentropfen auf meiner Haut und die frische Luft in meiner Lunge, während ich mein ganzes Herz in diesen Kuss legte und spürte, dass sie dasselbe tat.
    Als sich unsere Lippen wieder voneinander lösten, schmeckte ich etwas Salziges. Sie weinte.
    „Ich werde dich auch nie vergessen“, flüsterte sie und schenkte mir noch einen letzten Blick aus ihren wundervollen Regenaugen.
    Dann drehte sie sich um und ging; verschwand hinter der Wand aus Regentropfen und ich konnte mich nicht rühren, obwohl mein Herz sich so sehr danach sehnte, ihr nachzulaufen. Ich stand einfach nur da, während die Wolken nun doch die Sonne verdeckten, und starrte auf die Stelle, an der sie im Regen verschwunden war.

  • Hallöchen @Shiralya,


    Dass du ein Video an deinen Text angefügt hast, hat mich sehr neugierig gemacht, den Text mit Musik im Hintergrund zu lesen und das habe ich, wie offentsichtlich es jetzt auch klingen mag, gemacht, und wie der Zufall es so will, habe ich außerdem die Zeit, dir einen mehr oder weniger kleineren Kommentar zu hinterlassen.


    Im Sommer konnte ich sie riechen. Sie roch nach Regen. Ich weiß nicht warum, aber es war immer das Schönste gewesen, was mir in die Nase kommen konnte. Doch jetzt, jetzt erinnert mich der Geruch nur noch an den Schmerz und an das Gefühl, dass sie nicht mehr da ist.

    Ich finde Einleitungssätze, die Lust auf das Lesen des Textes machen, meistens gut gewählt, da so gleich eine Spannung aufgebaut wird. Bei diesen finde ich, dass es dir ebenso gut gelungen ist, diese Spannung aufzubauen. Eventuell kann er mit der Stelle 'dass sie nicht mehr da ist.' gleich etwas vorweg genommen werden, worauf ich am Ende meines Kommantares nochmal zurückkommen werde.


    Den Dialog zwischen dem Ich-Erzähler und der Frau finde ich hier und da etwas verwirrend. Ein Beispiel wäre hierfür, dass sie keine Antwort gibt, als hinterfragt wird, wieso sie gehen muss, aber später offenbart, dass es das 'Schicksal' ist, was sie trennen wird und ihre weiteren Stellen, wo sie antwortet. Das klingt für mich etwas unschlüssig.
    Das Einsetzten des Regens als Symbol, dass die Handlung von der Spannung steiler wird, finde ich hier gut eingesetzt. Es zeigt die Unsicherheit, Verzweiflung und Unschlüssigkeit der beiden Menschen. Ich habe von Anfang an das Gefühl gehabt, dass sich beide nicht in Wirklichkeit trennen wollen, sondern durch irgendetwas getrennt werden. Das kann man auch wieder auf die >> komischen << Ausdrucksweisen der Frau zurückgreifen, indem sie meint, dass das Schicksal daran Schuld ist.


    Dann drehte sie sich um und ging; verschwand hinter der Wand aus Regentropfen und ich konnte mich nicht rühren, obwohl mein Herz sich so sehr danach sehnte, ihr nachzulaufen. Ich stand einfach nur da, während die Wolken nun doch die Sonne verdeckten, und starrte auf die Stelle, an der sie im Regen verschwunden war.

    Diese Stelle finde ich geheimnisvoll und lässt mich darüber nachdenken, was du wirklich mit der Geschichte ausdrücken wolltest. Im Anbetracht dieses Zitats, wo sie einfach so verschwindet und er sich nicht rühren kann, sowie das Bereitsgenannte von oben, lässt mich denken, dass sie eventuell schon tot ist. Das könnte man dann auch mit dem Schicksal gleichtun, dass sie einen Unfall hatte oder krank war. (Und jetzt habe ich ganz nebenbei leichte Kopfschmerzen bekommen ... am Wochenende nachdenken tut echt weh!)


    Aber allgemein kann ich sagen, dass du mit unter die Abschlussszene sehr schön beschrieben hast, sodass ich mir den Großteil der Geschichte sehr gut vorstellen konnte. Ich hätte mir beim Lesen so sehr ein Happy End gewünscht, da war ich am Ende etwas überrascht, dass du das nicht gemacht hast. Aber im Anbetracht meiner Interpretation finde ich das sogar recht gut eingesetzt.
    Und auch, wenn ich es nicht schreiben wollte, am Ende kamen mir fast die Tränen, die ich aber noch unterdrücken konnte, denn sonst hätte man mich hier im Wohnzimmer komisch von der Seite angeglotzt.


    Ich freu mich schon, wenn du mich das nächste Mal in fremde Welten entführst! :3

  • XIII


    Vor etwas weniger als einem Jahr startete die erste Runde des letztjährigen Sainsonfinales. Passend zum neuen Start und zur Laternenzeit kommt hier nun im dreizehnten Update mein geliebtes Windlichtel, das mit seiner Geschichte so knapp am Sieg vorbeischrammte, dass ich es bald darauf nicht mehr ausstehen konnte, Zweite zu werden. Aber wenigstens konnte es endlich zeigen, was es drauf hatte.



    Laterne, Laterne



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    Für Interessierte: Seine Entstehungsgeschichte



    „Ich geh mit meiner Laterne …“ Fröhlicher Kindergesang tönte die Dorfstraße entlang.
    „Und meine Laterne mit mir.“ Ein kleines Lichtel saß auf einer alten Eiche und wartete.
    „Dort oben leuchten die Sterne
    Und unten leuchten wir.“


    Ein Laternenumzug kam an dem kleinen Waldstück vorbei. Die Jungen und Mädchen hatten die schönsten Laternen gebastelt. Feurigel und Hoothoot, Mauzi und Glumanda waren zu erkennen. Alle leuchteten in den dunklen Abendstunden und die Kinder sangen fröhlich ihre Lieder. Von seinem Baum aus beobachtete Lichtel das bunte Treiben. Es saß gerne auf einem der niedrigen Äste und sah den Menschen bei ihren seltsamen Bräuchen zu. Sein sichtbares Auge schimmerte im Schein der Laternen. Das Lichtel mochte freundliche Kinder sehr. Aber nur aus der Ferne. Ganz geheuer waren ihm die Menschen nicht, vor denen es seine Eltern immer gewarnt hatten. Trotzdem schlich es sich jedes Jahr um diese Zeit auf die alte Eiche, um den lachenden, singenden Kindern zuzusehen.
    Nur eines der Kinder lachte und sang nicht. Ein Junge mit dunklem Haar blieb mitten im Laternenzug plötzlich stehen, sodass die Kinder hinter ihm beinahe in ihn hinein gelaufen wären. Doch das war dem Jungen egal. Er stampfte mit dem Fuß und fluchte auf eine Art, die man von einem Kind nie erwartet hätte. Seine Laterne leuchtete nicht mehr.
    „Ach komm schon, du blödes Teil!“, schrie er die kaputte Lampe an. „Das kann doch nicht wahr sein! Wieso funktioniert diese bedepperte Technik nie? Jetzt geh endlich wieder an!“
    Einige Kinder warfen dem Jungen ängstliche Blicke zu, andere versuchten auffällig, ihn nicht anzusehen. Die Erwachsenen, die diesen Zug begleiteten, schienen den Wutanfall des Jungen überhaupt nicht zu bemerken. Einer lief an der Spitze der Gruppe, einer in der Mitte, einer am Ende, aber keiner drehte sich auch nur für eine Sekunde zu dem Jungen um. Dem Lichtel gefiel dieser Anblick gar nicht. Die Menschen müssten ihre Kinder doch besser erziehen. Es selbst war schließlich auch gut von seinen Eltern erzogen worden. Es wusste, dass es sich von den Menschen fern halten musste, um in Frieden mit ihnen Leben zu können. Das war jedem Lichtel, Laternecto und Skelebara bewusst. Nur an diesem Tag machte das Lichtel eine Ausnahme. Nur zu diesem Laternenzug. Auch wenn die Regel immer galt.
    Der Junge stand immer noch an der gleichen Stelle und starrte seine Laterne böse an, als würde sie dadurch wieder zu leuchten beginnen. Doch das tat sie nicht. Das Kryppuk blieb dunkel. Der Junge hatte sich beim Basteln extra für sein Lieblingspokémon entschieden. Es hieß, die Geister, aus denen Kryppuk besteht, hätten viel Unsinn getrieben und wären deshalb gebannt worden. Aber nur dadurch waren sie zu diesem unglaublich starken Pokémon geworden. Und das hatte den Jungen schon immer fasziniert. Jetzt aber ließ ihn die Technik im Stich und am liebsten hätte er seine Laterne gegen den nächstbesten Baum geschleudert. Als er sich jedoch nach einem passenden Ziel umsah, entdeckte er das Lichtel, das still und unbeleuchtet auf der alten Eiche vor ihm saß. Das war die Lösung. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Dem Lichtel, welches jenes sah, wurde selbst als Pokémon vom Typ Feuer und Geist kalt. Dies war kein freundliches Lächeln. Es war eher eines, das Giovanni aufsetzten würde, wenn er wieder einen neuen finsteren Plan für Team Rocket ausgeheckt hatte. Entschlossen stapfte der Junge auf den Baum zu.
    Lichtel zog sich der Magen zusammen. Was sollte es nur tun? Es sollte sich von den Menschen fernhalten. Es sollte friedlich neben ihnen leben und den Wald nicht verlassen. Hätte es sich doch nur an die Warnungen gehalten! Dann müsste es jetzt nicht solche Angst haben.
    Immer noch lächelnd griff der Junge nach dem Geist und zog ihn vom Baum. Lichtel war immer schon sehr freundlich gewesen, aber das war zu viel. Die Finger des Jungen waren direkt vor seinem Mund, also biss es zu. Doch das schien den Jungen nicht zu stören, er verzog noch nicht einmal eine Miene. „Netter Versuch, Viech, aber so leicht wird das nicht“, kommentierte er, während er das Lichtel in die Laterne setzte. Zu gerne hätte Lichtel eine Attacke gegen ihn eingesetzt, aber das Risiko, dass seine Flamme zu brennen begann, war zu hoch. Es war ein gut erzogenes, freundliches Lichtel. Das würde es nicht tun.
    So saß das Pokémon in der Laterne. Es war ein unbehagliches Gefühl. Beinahe konnte es die Wände mit seinen Ärmchen berühren, so eng war es darin. Durch das Transparentpapier schimmerte alles in einem unheimlichen, dunklen Lila. Lichtel kannte die Legende von Kryppuk; sie wurde jungen Geisterpokémon erzählt, damit sie brav blieben. Es hatte immer daran geglaubt, gewusst, dass es keinen Unsinn machen sollte, um nicht gebannt zu werden. Doch dies fühlte sich genau so an.
    „Also, du dumme Kerze“, drang die Stimme des Jungen nun durch die Öffnung der Laterne. Sein Gesicht beugte er dabei so nahe darüber, dass es für Lichtel eher wie eine verzerrte Fratze aussah. „Jetzt leuchte endlich!“ Was immer dieser Junge auch sagen würde, Lichtel hatte sich fest vorgenommen, sich an seine Vorsätze zu halten. Doch davon wusste er nichts. Er wollte nur, dass seine Laterne wieder leuchtete, egal zu welchem Preis. Noch nie hatte dem Jungen irgendjemand etwas abgeschlagen. Und selbst wenn man es ihm nicht sofort gab, so holte er es sich eben selbst. Das war der Lauf der Welt. Er bekam, was er wollte. Andere waren dabei nicht wichtig.
    Das Lichtel schwieg, seine Flamme blieb erloschen. Noch immer drangen die Laternenlieder der anderen Kinder an sein Ohr. Es verstand nicht, wie sich niemand um diesen Jungen scheren konnte. Unter Pokémon wäre ein solches Verhalten schon längst aufgefallen. Und dennoch konnte es nicht zulassen, eines der Kinder durch seine Flamme zu gefährden. Auch wenn die Lieder für es inzwischen eher gruselig als fröhlich klangen.
    „Hörst du mich nicht?“, schrie der Junge nun das Lichtel an und begann seine Laterne mitsamt Pokémon hin und her zu schaukeln, sodass Lichtel schon Angst bekam, herauszufallen und schmerzhaft auf dem Boden aufzukommen. Doch das interessierte den Jungen nicht. Er wurde immer wütender und immer lauter. „Leuchte, verdammt!“
    Als das Schaukeln langsam weniger wurde, hatte Lichtel das Gefühl, sich übergeben zu müssen, aber auch jetzt entzündete es seine Flamme nicht. Es atmete ein paar Mal tief, um sowohl seinen Magen als auch sein Gemüt zu beruhigen. Es war ein gutes Lichtel. Gute Lichtel taten so etwas nicht. Und bald würde der Junge sicher auch aufgeben. Irgendwann wäre das Ende des Laternenzuges an der alten Eiche angekommen und er würde mit den anderen mitgehen müssen.
    Aber der Junge dachte nicht daran, aufzugeben. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, dieses Lichtel anzuzünden. Hätte er doch nur ein Feuerzeug oder so etwas. Das würde alles vereinfachen. Da erinnerte er sich, dass irgendjemand mal erwähnt hatte, dass Lichtel ihre Flamme entzünden, um Attacken auszuführen. Oder so ähnlich. Der Junge hörte eigentlich selten jemandem zu. Nur dieses Mal könnte es tatsächlich nützlich sein. Er musste also das Lichtel nur dazu bringen, eine Attacke einzusetzen. Also brach er einen Ast von der Eiche ab und begann, ihn dem Lichtel ins Gesicht zu stechen, als dieses gerade gehofft hatte, dass es endlich vorbei wäre. Der Schmerz brannte überall, wo sich das spitze Holz in Lichtels Körper fraß. Noch nie zuvor hatte das Lichtel solche Schmerzen gespürt. Es war allseits beliebt und hatte seine Attacken bisher nur in harmlosen Trainingskämpfen mit seinen Freunden eingesetzt. Warum wurde es also nun vom Schicksal in Gestalt dieses grausamen Jungen so misshandelt?
    „Na, du kleines Mistvieh? Wie sieht’s jetzt aus?“, zischte der Junge in einer etwas längeren Pause, nur um im nächsten Moment noch einmal zuzustechen. Er würde solange weitermachen, bis er hatte, was er wollte. Nur Geduld war nie seine Stärke gewesen. Gereizt verstärkte er den Druck, den er auf das Pokémon ausübte.
    Immer schwieriger wurde es für das Lichtel, ruhig zu bleiben. Der Schmerz pochte durch seinen gesamten Körper und ließ jede Alarmglocke läuten. Es musste etwas unternehmen. Es atmete schwer, als der Junge seine Tirade unterbrach, um die Laterne noch einmal heftig zu bewegen, als wollte er sie auf den Boden schlagen. „Jetzt mach schon!“, schrie er so laut und ungeduldig, dass es vermutlich jedes Pokémon im Wald gehört hatte. Als sich der Stock dann noch einmal auf Lichtels Kopf zu bewegte, hielt es das Pokémon nicht mehr aus.
    Mit einem leichten Zischen, entzündete sich eine lila-blaue Flamme und verbrannte den dünnen Ast in Sekunden, sodass ihn der Junge nicht mehr rechtzeitig fallen lassen konnte. Mit einem Aufschrei ließ er Stock und Laterne los, um sich die verbrannten Finger zu halten, wodurch Lichtel hart auf dem Boden aufschlug. Aber damit hatte es gerade erst begonnen.
    „Du unnützes Vieh!“, schrie der Junge. Sein Ärger vergrößerte sich noch, als er seine zerknitterte Laterne auf dem Boden liegen sah; ohne eine Spur von dem Lichtel. Wütend blickte er sich um und entdeckte es zwischen den Bäumen hocken. Seine Flamme leuchtete. Ohne seiner Laterne oder den anderen Kindern noch einen Blick zuzuwerfen, ging er auf das Pokémon zu. Alles andere war egal. Jetzt wollte er Rache. Doch als er nach dem kleinen Geist griff, fuhr er mit den Händen nur durch Luft und die Projektion des Lichtels löste sich auf. Stattdessen entdeckte der Junge einige Meter weiter ein erneutes Abbild der Kerze, welches, als er mit dem Fuß dagegen trat, ebenso verschwand. So ging das noch einige Meter weiter, bis die Dorfstraße und die anderen Kinder nicht mehr zu sehen waren. Nur ihre Stimmen bildeten noch immer eine leise Hintergrundmusik. Doch sie waren dem Jungen nicht wichtig. Er hatte die anderen Kinder noch nie gemocht, genauso wenig wie sie ihn. Die meisten hatten Angst vor ihm, während er sie einfach nur für Weicheier hielt, wenn sie so etwas sagten, wie dass Pokémon Gefühle hätten. Pokémon sollten den Menschen dienen. Und was passierte, wenn sie es nicht taten, würde er nun diesem elenden Lichtel zeigen.
    Das Lichtel saß währenddessen in einem hohlen Baum am Rande der Lichtung, auf die es den Jungen gelockt hatte, und konzentrierte sich, um erneut eine Doppelteam-Attacke einzusetzen. Sein Körper schmerzte noch immer, doch seine Flamme verlieh ihm neue Kraft. Es musste den Jungen nicht angreifen, um ihm zu zeigen, dass er falsch gehandelt hatte. Es musste ihn nur lange genug von sich selbst ablenken. Das bläuliche Flackern auf seinem Kopf würde den Rest übernehmen.
    Mit einem Mal war der Junge von einer ganzen Scharr Lichtel umringt. Sie tanzten um ihn herum und das Feuer, das auf dem Kopf jedes einzelnen brannte, schien ihn zu verspotten. Immer wieder trat und schlug er nach den Trugbildern, doch sie entstanden immer wieder erneut und mit jeder Bewegung schien dem Jungen die Kraft zu schwinden. Seine Tritte wurden langsamer und mit seinen Schlägen gelangte er nicht einmal mehr in die Nähe der Abbilder. Das Atmen fiel ihm mit jeder Runde, die die Lichtel um ihn drehten, schwerer, bis er schließlich zusammenbrach und kaum noch die Augen offen halten konnte.
    Wie sehr genoss Lichtel die Energie, die durch seinen Körper strömte und es die Stiche fast vergessen ließ. Die Flamme, die auf seinem Kopf thronte, war fast schon doppelt so groß, wie es selbst. „Du musst aufhören“, flüsterte eine kleine Stimme im Kopf des Geistes. Es war dieselbe Stimme, die sonst für jede seiner Handlungen verantwortlich war. Nur heute hatte sie der Schmerz übertönt. „Hör auf. Oder du tötest ihn.“
    Die tanzenden Lichtel verschwanden und gaben den Blick auf einen reglosen Körper frei. Ungläubig starrte das Lichtel darauf und konzentrierte sich auf seine Flamme. Als der Junge das Bewusstsein verlor, drehte es sich weg. Den Anblick seines Hasses konnte es nicht länger ertragen. Wenn es jetzt ging würde der Junge überleben. Und wenn er nach Sonnenaufgang immer noch hier lag, würde Lichtel den Menschen helfen, ihn zu finden; aber es konnte nicht bleiben. Die Gefahr, dass es noch mehr Schaden anrichtete, war zu groß. Niemals würde es das verzeihen, weder dem Jungen, noch sich selbst. Und trotzdem empfand es keine Reue. Dieser Junge hatte es verdient. Die Flamme eines Lichtels war das Gefährlichste, was es besaß. Aber auch die Quelle seiner Energie.


    „Mein Licht ist aus …“ Eine Stimme erklang im Wald, die von überall und nirgends gleichzeitig zu kommen schien.
    „Ich geh’ nach Haus’.“ Ein einsames Lichtel verschwand im Wald. Seine Flamme war erloschen.
    „Rabimmel, Rabammel, Rabum.
    Bum bum.“



  • XIV

    Heute gibt es ein unkonventionelles Update ohne großes Vorwort, denn es sollte unbedingt noch an Heilig Abend erscheinen. Dieses Gedicht ist ein Geschenk an alle, die Farbe in mein Leben bringen. @Jumin, @Faolin, @Missy, @Caroit, @TiGiOh, @Rusalka, @Saeran und drei RL-Freundinnen, die nicht im BisaBoard sind, ist jeweils eine Strophe gewidmet - ich denke, ihr erkennt welches eure Strophe ist. ;3 @Nexy, @Tai, @Kiriki-chan, @Shiny Endivie, @Cáithlyn, @Lauriel, @Mikan, @Alyson und @Thrawn (die Reihenfolge hat nichts zu bedeuten), euch allen gilt die letzte Strophe. Ich hoffe ich verbringt alle eine wunderbare Zeit! Ich hab euch lieb und frohe Weihnachten! ♥



    Ich schenk euch einen Regenbogen

    Ich schenk euch einen Regenbogen


    Ein Farbenmeer erstreckt sich stets
    Egal, was für ein Wort man schreibt;
    Und ist's nur klein und grün "Wie geht's?",
    Denn eine Schwester immer bleibt.
    Ob Münsterfreude, Buttonnot,
    Im Regenbogen leuchtet Rot.


    Im Endeffekt war es nur Glück,
    Dass ich damals fragte dich,
    Doch lächelnd blicke ich zurück,
    So viel verbindet dich und mich.
    Denn, wenn ein Text Geschichten malt,
    Orange im Regenbogen strahlt.


    Ob Barbie, Disney oder Charmed
    Du hast die beste Theorie.
    Keksbeworfen und umarmt;
    Perchè batte batte batte qui?
    Nichts and'res hätte ich gewollt.
    Im Regenbogen leuchtet Gold.


    Ist's noch so weit von Ort zu Ort
    Und heißt es immer 'irgendwann',
    Dass ich nur singe "Life's too short"
    Und dennoch dir nur danken kann
    Dafür, dass wir zusamm'n erblüh'n,
    Dann schimmert alles Hoffnungsgrün.


    Wir mussten warten, oft zu lang,
    Dass wir nicht weiter wussten und
    Ich mit dir Kinderlieder sang;
    So schnell vergingen Stund' um Stund'.
    Stell dich ruhig meinen Blicken kühn.
    Im Regenbogen leuchtet Grün.


    So viele Stunden, unbeschwert:
    Junge, Mathe, Weihnachtsmarkt.
    Das Warten ist es immer wert;
    Denn, wenn die Freundschaft so erstarkt,
    Die durch kein Geld wär’ je bezahlt,
    Türkis im Regenbogen strahlt.


    So einfach kann es uns passier'n,
    Dass wir einander nicht versteh'n,
    Wir müssen einfach mehr probier'n;
    Und irgendwann wird es schon geh'n.
    Wenn ich es brauch', seh ich's genau,
    Im Regenbogen helles Blau.


    Ich kann es gar nicht recht erklär'n,
    Worauf sich uns're Freundschaft baut,
    Doch ich hab dich einfach gern
    Und wenn Reden unser Eis auftaut,
    So weiß ich, dass ich dir vetrau'.
    Im Regenbogen leuchtet Blau.


    Es ist zwar immer ab und zu
    Und leider nie so wirklich mehr,
    Doch wenn ich schreib, dann schreibst auch du,
    Und ich freu' mich immer sehr.
    Fast schon schwarz so strahlt es - Schau! -
    Im Regenbogen Kramurxblau.


    Wir kennen uns noch nicht sehr lang
    Und sehen uns auch nicht so oft,
    Doch hatte ich von Anfang an
    Auf jemanden wie dich gehofft.
    Es scheint so stark, wie du bist nett,
    Im Regenbogen Violett.


    Mein Regenbogenfarbenschatz
    Hat viel mehr kleine Farbnuancen
    Nicht alle finden hierin Platz,
    Doch kommen sicher and're Chancen;
    Dann zeig ich euch, wie toll ihr seid:
    Ob Enton, Mew, Caesurio,
    Euch zu kennen, macht mich froh.
    Ich danke für die schöne Zeit.


    Bleibt alle immer fröhlich und gesund,
    Denn ihr macht meine Welt so bunt!


  • XV

    Eigentlich sollte dieses Update im Januar kommen, spätestens im Februar. Wenigstens März bekomme ich noch hin und lasse euch nicht mehr weiter warten auf den vierten Teil Meereskinder. Wann es den letzten gibt, weiß ich noch nicht ... Spätestens im Oktober zum dreijährigen Jubiläum. Versprochen. Aber zumindest weiß ich schon, was als nächstes kommen soll. Es kann sich dabei also nur noch um Wochen handeln.



    Meereskinder

    Dritter Teil



    Als die Sonnenstrahlen mir schon einige Minuten das Gesicht wärmten, öffnete ich die Augen. Hätte ich nicht das gleichmäßige Atmen meiner jüngeren Schwester neben mir gehört, hätte ich fast denken können, den gleichen Tag ein zweites Mal zu erleben. Allerdings war die Sonne nicht ganz so stark an diesem Morgen, sonst wäre ich bestimmt schon früher aufgewacht.
    Möglichst leise, um Tess nicht zu wecken, stand ich auf und ließ meinen Blick einen Moment auf der Siebzehnjährigen ruhen. Ihre braunen Locken verteilten sich über das Kissen, zu allen Seiten von ihrem Kopf abstehend. Uns trennten fünf Jahre. Manchmal erschienen sie mir wie nichts, manchmal wie eine Ewigkeit. Gestern Abend hatte ich mich in ihr wiedererkannt, wie sie unentschlossen die riesige Auswahl des Buffets betrachtet hatte, die noch immer nassen Locken glatt an ihrem Kopf anliegend. Irgendwie hoffte ich, dass sie mir heute nicht so ähnlich war, sondern eher auf ihre rebellische Art durch den Tag ging. Schon zu Tessas Grundschulzeit hatte unsere Mutter mit dem Sturkopf meiner Schwester zu kämpfen gehabt.
    Ich schluckte und drehte mich weg. Ich durfte nicht so viel denken. Nicht heute. Zielstrebig, als kannte ich den Weg zum Paradies, ging ich ins Badezimmer, zog mein Nachthemd aus und schlüpfte unter die Dusche. Ich stellte mir vor, ich stünde unter einem Wasserfall wie dem, den wir an der Westküste der USA vor drei Jahren gesehen hatten. Ich schloss die Augen und hatte vor mir das Bild des Pazifiks, der sich unendlich weit vor mir ausbreitete. Er ließ Raum zum Träumen.
    Als ich im schwarzen Kleid das Badezimmer wieder verließ, stand Tessa auf dem Balkon. Sie trug noch das weiße Top und die Jogginghose, die sie als Schlafanzug nutzte. Als sie merkte, wie ich hinter sie trat, drehte sie sich um. Ihre fuchsbraunen Augen waren gerötet. „Komm her“, flüsterte ich und breitete die Arme aus. Sie lag darin, scheinbar ohne sich zuvor bewegt zu haben. Ihr Gesicht in mein Kleid gedrückt, schluchzte sie so sehr, dass auch meine Augen sich mit Tränen füllten. Ich war schon immer sehr anfällig für die Gefühle meiner Schwestern gewesen.
    Nach ein paar Minuten, die sich für mich wie eine Ewigkeit anfühlten, drückte ich meine Schwester von mir ab, um ihr ins Gesicht zu sehen. „Hm?“, machte ich und sah sie fragend an. Sie lächelte, nickte und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln.
    „Ich hab' Angst“, flüsterte sie, ohne mich anzusehen.
    „Ich doch auch.“ Vorsichtig, fast als sei sie eine zerbrechliche Vase, strich ich ihr über den Oberarm. Sie war mir doch zu ähnlich. „Komm“, sagte ich und begann, mich zum Zimmer umzuwenden, „mit ein bisschen Frühstück im Magen wird es sicher gleich viel besser.“ Ich wusste, dass Frühstück mit das letzte war, was jetzt helfen würde, aber wir mussten wirklich etwas essen, bevor wir später keinen Bissen mehr herunter bekamen. Ich hoffte nur, dass Pfarrer Mente zu viel zu tun hatte, um auch heute zum Frühstücken in das Hotel zu kommen.
    Tessas Blick wurde starr, als sie sich die schwarze Kleidung anzog. Sie sah nur noch in eine Richtung, während wir in den Speisesaal gingen, und begrüßte noch nicht einmal Jenny und Großmutter. Sie starrte nur auf das Brötchen, das sie sich auf das Tablett gelegt hatte. Auch der Rest meiner Familie sah nicht gut aus. Es kam mir vor, als hätten sie in der Nacht kein Auge zugetan. Es gefiel mir nicht.
    Pfarrer Mente war nirgendwo zu entdecken. Als ich auf die Uhr sah, zeigte sie an, dass es neun Uhr morgens war. In anderthalb Stunden würde der Gottesdienst anfangen, der diesen Sonntag im Zeichen unserer Trauer stand. Ich verdrängte den Gedanken.
    Ich hatte das Bedürfnis, etwas zu sagen, ein Gespräch zu beginnen, um wenigstens eine ein klein wenig aufgelockertere Atmosphäre zu schaffen, aber ich wusste nicht wie. Meine Gedanken kreisten um den heutigen Tag. Wie würde es sein? Wie würden die Menschen hier reagieren auf eine Norddeutsche, die auf ihrem kleinen Friedhof begraben wird? Was würde ich fühlen?
    „Meint ihr, es wird regnen?“, durchbrach Jennys helle Stimme meine Gedanken. Die sonst so wunderschönen braunen Augen mit dem Grünstich wirkten heute matt und unbeteiligt.
    „Kann schon sein“, murmelte ich und stocherte in dem Obstsalat herum, der vor mir stand. Im Moment bezweifelte ich, dass ich heute überhaupt einen Bissen herunterbekommen würde. Den anderen schien es genauso zu gehen.
    Das Schweigen breitete sich wieder über uns aus. Wir hatten noch nie so viel geschwiegen; in all meinen zweiundzwanzig Jahren hatte ich noch nie so viel Schweigen erlebt. Und gerade als es absolut unerträglich zu werden begann, stand Großmutter auf.
    „Wir sollten los“, sagte sie bestimmt. Vor ihr lag ein angebissenes Brötchen. „Es gibt bestimmt noch etwas zu klären.“
    Ich hasste es, sie so zu sehen. Ich hasste es, zu wissen, dass sie nun ihre Tochter beisetzen musste. Keine Mutter sollte dies tun müssen. Warum diese dann gleich zweimal?
    Der Weg zur Kirche war länger als gestern, auch wenn wir nicht langsamer, vielleicht sogar schneller gingen. Jenny hatte sich an meinen Arm geklammert und sah beeindruckt zu den Bergen hinauf. Sie schien die Umgebung so sehr aufzusaugen, wie ich am Tag zuvor, doch jetzt bemerkte ich noch nicht einmal mehr, dass wir hier mitten in den Alpen waren. Ich bemerkte auch nicht die Hitze, die sich immer noch überall ausbreitete; ich sah nur das rote Kirchturmdach. Und musste an Christian denken. Aber das war immer noch besser, als an die folgenden Geschehnisse erinnert zu werden.
    Die Kirche war geschmückt mit Lilien. Überall standen die Lieblingsblumen unserer Mutter in ihren Vasen. Gelbe, rosafarbene, weiße, rote und ganz besonders viele orange Lilien. Orange war immer schon ihre Lieblingsfarbe gewesen. Und zwischen ihnen, vor dem Flügelaltar, der schon mehrere hundert Jahre alt war – ein kurzes Lächeln stahl sich auf mein Gesicht – stand Pfarrer Mente in seiner schwarzen Robe. Hier wirkte er noch um ein Vielfaches bedeutungsvoller, als er es schon im Hotel als der Ansprechpartner meines Vaters getan hatte. Als er uns sah, kam er lächelnd auf uns zu. „Fräulein Torrent“, begrüßte er mich und gab mir die Hand. Dann wandte er sich zu Tessa und Jenny. „Und das müssen dann wohl Ihre Schwestern Jennifer und Teresa sein.“ Da weder die eine noch die andere Anstalten machte, ihm ebenfalls die Hand zu schütteln, versuchte er es gar nicht erst. „Und Sie“, wandte er sich nun an unsere Großmutter, „sind dann Frau Mares. Es freut mich, Sie einmal kennenzulernen.“
    Da ich nichts von Vaters Telefonaten gewusst hatte, ging ich davon aus, dass dies bei Großmutter genauso war. Allerdings hatte ich ja auch schon mit dem Pfarrer gesprochen. Sie reichte ihm die Hand und die beiden gingen zur Seite, um scheinbar noch etwas zu besprechen. Ich blieb mit meinen Schwestern zurück.
    „Gefällt euch die Kirche?“, fragte ich, in der Hoffnung sie ein wenig von den Lilien abzulenken. „Früher war sie einmal aus Holz gewesen und erst nach Jahrzehnten in Stein gebaut worden.“ An die genauen Jahreszahlen erinnerte ich mich zwar nicht mehr, aber das war wenigstens etwas.
    Die beiden Mädchen sagten nichts, sondern starrten weiter auf die Lilien. Nach ein paar Augenblicken ging Tessa zu einer der Vasen und strich sanft über die Blütenblätter. Jenny klammerte sich noch immer an meinen linken Arm. Mit der Zeit spürte ich den Druck schon nicht mehr. Es war so normal geworden wie das Gewicht der Haare auf meinem Kopf.
    Als Großmutter und Pfarrer Mente nach einiger Zeit mit der Urne zurückkehrten und sie vorsichtig auf dem dafür aufgestellten Tisch vor dem Altar platzierten, war mir, als hätte jemand jegliche Luft aus der Kirche abgelassen. Mein Hals wurde zugeschnürt und ich spürte, wie sich der Druck um meinen Arm verstärkte. Ich hatte sie vor Monaten das letzte Mal gesehen und selbst für Jenny und Tessa, die noch zuhause wohnten, lag das letzte Bild unserer Mutter bereits zwei Wochen zurück. Wer hätte auch ahnen können, dass sie in ihrem ersten Urlaub in Südtirol so unglücklich stürzt?
    Etwas klirrte, als würde es zerbrechen, und entband meinen Blick von der Urne. Die Vase neben Tessa, die zuvor noch stolz einen Strauß Lilien getragen hatte, lag nun in hunderten weiß-blauen Einzelteilen zwischen den wunderschönen Blumen auf dem Kirchenboden. Das Blumenwasser breitete sich in alle Richtungen aus. Tessa hielt sich die Hände vor den Mund. „Oh, das tut mir so leid, ich wollte nicht -“, begann sie, doch schon stand ein Messediener mit Besen und Kehrblech neben ihr, kniete sich hin, hob die Lilien wieder auf den Tisch und fegte die Scherben zusammen. Er war jünger als Jenny und hatte kurze, schwarze Haare. Nachdem er die Scherben weggebracht hatte, kehrte er mit einem Tuch zurück, um das Wasser aufzuwischen. Dabei lächelte er Tessa beruhigend an. Es war das Lächeln eines kleinen Jungen, das sagte: „Macht doch nichts.“ Verlegen zog sich Tessa hinter mich zurück und blieb dort, bis wir unsere Plätze einnehmen mussten.
    Es kamen mehr Menschen, als ich vermutet hatte. Die wenigsten davon kannte ich. Von ein paar von ihnen hatte ich schon Bilder in einem alten Bilderalbum unseres Vaters gesehen. Und genau mit ihm begann die Predigt.
    „Wir alle kannten Markus Torrent, den unerschrockenen, jungen Mann, der in die Ferne zog, um das Glück zu machen. Und er hat sein Glück gefunden, in Maria, die sich schon vor elf Jahren von ihm hatte verabschieden müssen, auch wenn sie es nicht geschafft hatte, hierher zu kommen.“ Der Pfarrer hatte noch nicht einmal zwei Sätze gesprochen und schon standen mir die Tränen in den Augen. Ich wünschte mir, irgendwo anders zu sein. Egal wo, nur nicht hier. „Genau wie sie es damals von ihrem Mann tat, so nehmen auch wir heute Abschied von ihr. Maria war ein wunderbarer Mensch und für Markus die beste Ehefrau. In all den Jahren, in denen er mit mir in Kontakt geblieben war, hat er unentwegt von ihr gesprochen und als ich sie schließlich persönlich kennenlernen durfte, konnte ich all seinen Umschreibungen nur zustimmen. Maria war eine Frau, die man einfach ins Herz schließen musste und wer immer sie gekannt hat, wird dies nur bestätigen. Es ist uns eine Ehre, sie neben ihrem Mann beisetzen zu dürfen, doch wir hätten uns noch viele weitere Jahre für sie zusammen mit ihrer Familie gewünscht. ...“
    Wir sagen fünf Lieder mit nur fünfzehn verschiedenen Tönen und sechs verschiedenen Notenwerten. Ich begann, sie zu zählen, als ich aufhörte, auf die Texte zu achten. Nachdem der Pfarrer seine Trauerrede beendet hatte, hatten keine neuen Tränen mehr in mir aufkommen können. Als wir mit der Urne die Kirche verließen, zählte ich meine Schritte. Achtundfünfzig und ich stand an genau derselben Stelle wie am Tag zuvor. Ich ließ meinen Blick über die Trauergemeinde streifen und entdeckte Christian in einer der hinteren Reihen, nahe der Kirchentüren.
    Ich konnte mir nicht vorstellen, dass in der Urne, die gerade von zwei großen Männern in das Loch im Erdboden gelassen wurde, wirklich meine Mutter war. Konnte es nicht sein, dass sie sich doch irgendwie geirrt hatten? Konnte es nicht sein, dass ich es war, die dort verbrannt war? Das wäre doch viel einfacher. Dann hätten Tess und Jenny wenigstens noch eine Mutter.
    Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, woher ich die Lilie hatte, als ich mit der orangefarbenen Blume vor dem offenen Grab stand. Die gesamte Bestattung war in meinem Gedächtnis später nur noch ein Puzzle aus einzelnen Bildern, Geräuschen und Gefühlen, die scheinbar vollkommen unabhängig voneinander in meinem Kopf existierten. „Grüß Papa von mir“, flüsterte ich und hoffte so sehr, dass es niemand hörte. Ich wusste selbst nicht genau warum. Vielleicht wollte ich diesen Moment einfach mit niemandem teilen müssen. Eine Träne fiel auf die Lilie, bevor ich sie fallen ließ, auf die Urne, auf die sterblichen Überreste meiner Mutter, auf den letzten Teil einer glücklichen Kindheit.
    Als ich mich umdrehte, sah ich gerade noch Jenny und Großmutter hinter der Kirche verschwinden. Tessa, die vor mir ihre Lilie ins Grab geworfen hatte, stand so zusammengesunken und verloren da, wie ich mich fühlte. Ich nahm sie in den Arm und drückte sie ganz fest an mich, während scheinbar wildfremde Menschen ihrerseits ein paar Blütenblätter in das bodenlos wirkende Loch warfen. Sie bekundeten ihr Mitleid mal durch einen vielsagenden Blick, mal durch ein paar Worte an mich und Tessa gerichtet, die aber nie in meinem Kopf ankamen, als müssten sie noch irgendwo vor mir in der Luft hängen. Ich hoffte, Pfarrer Mente hatte wie abgesprochen im Gottesdienst den Aufruf zum Leichenschmaus im örtlichen Café gebracht. Jeder der kommen wollte, sollte dorthin kommen. Die Besitzer waren in der Hinsicht sehr entgegenkommend gewesen.
    Christian war der letzte in der Reihe und stand schließlich vor dem Grab, als gerade Großmutter und Jenny wiederkamen. Ich wusste, er würde es schließen. Für immer. Dann war sie wirklich fort.
    „Brauchen Sie noch einen Moment?“, fragte er und vermied es dabei mich anzusehen, als wollte er vermeiden, auch mich zu siezen. Meine Mundwinkel schmeckten salzig. Ich musste schrecklich aussehen.
    Großmutter sah uns alle fragend an. Ich wusste keine Antwort. Ich wusste nicht, ob ich es ertragen könnte noch länger an ihrem Grab zu stehen, oder ob es nicht schlimmer war, würde er es jetzt schließen.
    „Ich würde gerne noch etwas singen. Sie wollte immer, dass ich für sie singe.“ Ohne irgendeine Reaktion abzuwarten, stellte sich Jenny vor das Grab, als hätte sie Angst, es sich noch einmal anders zu überlegen. Schon bei diesen Worten flossen meine Tränen stärker, als zuvor an diesem Tag. Und als sie anfing zu singen, fühlte ich mich, als wenn sie nie wieder aufhören könnten.
    „Would you know my name if I saw you in heaven?“
    Während sie das Lied von Eric Clapton sang, kniete sie sich langsam nieder, als wollte sie so näher an ihre Mutter herankommen, als würde sie sie so besser hören. Aus dem Augenwinkel erkannte ich, wie Pfarrer Mente langsam vom Grab verschwand. Im letzten Refrain knieten sich Großmutter und Tessa rechts und links von Jenny hin und legten ihr die Hände auf den Rücken. Nur ich konnte mich nicht bewegen, bis ich einen leichten Druck auf meinem Oberarm spürte. Christian war zu mir gekommen und als ich sah, dass dieser Gesang auch seine Augen nicht trocken ließ, musste ich lächeln.
    Sie würde auch weinen. Sie beide. Aber hoffentlich vor Freude.



  • Hey Shira,

    Wir sagen fünf Lieder mit nur fünfzehn verschiedenen Tönen und sechs verschiedenen Notenwerten. Ich begann, sie zu zählen, als ich aufhörte, auf die Texte zu achten.

    Solche Details, dass neben dem eigentlichen Ereignis auf ganz andere Dinge geachtet wird, die einem normalerweise nicht einfallen würden, machen dich ja irgendwie schon aus. Hier passte es aber auch deswegen gut, um sich einfach von der Trauerfeier abzulenken und an etwas anderes denken zu können, nur eben nicht daran. Das sagt auch viel über Marinas Verbundenheit zu ihrer Mutter aus. Auch wenn sie bisher sehr gefasst wirkte, so nimmt sie das alles doch mehr mit, als ihr wahrscheinlich selbst lieb ist.


    Aber zum eigentlichen Kapitel. Ja, jetzt hast du den Höhepunkt erreicht und dich auch voll und ganz darauf konzentrieren können. Eine Trauerfeier zu beschreiben ist ziemlich schwierig, weil man hier generell einen bestimmten Ton wahren muss und darüber hinaus auch glaubwürdig auf alle Anwesenden eingehen muss. Den ein oder anderen trifft es vielleicht nicht so hart, aber besonders wenn man auf Tessa achtet, merkt man, dass du hier viel Wert auf die Ausarbeitung gelegt hast. Sie hatte davor ja schon gesagt, Angst zu haben und dass sie danach so abwesend wirkte, fand ich nachvollziehbar. Das ist so der Moment, wo man nicht wirklich weiß, wie es weitergehen soll und wo es einfach kein Zurück gibt. Insofern ist dir die Atmosphäre sehr gut gelungen.
    Was noch: Ein Lied am Ende ist vermutlich ungewohnt, hat die Szene aber aufgelockert. Und tatsächlich scheinen davon auch einige Leute eingenommen gewesen zu sein, was insofern ein passender Schluss war, dass Marina ein Lächeln über die Lippen gehuscht ist. So hast du doch noch ein wenig Hoffnung im Text verankert.


    Wir lesen uns!

  • XVI


    „Es kann sich also nur noch um Wochen handeln“, schrieb sie. So kann man sich irren ... Ja, ich wollte eigentlich schon vor Wochen, Monaten, Jahren wieder hier sein. Okay, Jahre ist ein wenig übertrieben, aber es könnte einem bei mir echt so vorkommen. Es sollte eigentlich auch etwas anderes kommen; ob mich nun Stress im BB, Stress in der Uni oder weniger Lust am Update davon abgehalten haben, hier zu posten, kann ich nicht mehr sagen. Das Update wie es hier jetzt ist, sollte auch schon gestern fertig sein, aber aktuell nimmt mich die BBO sehr ein. Deshalb gibt es jetzt auch, wie könnte es anders sein, BBO-Gedichte. Ich hatte vor, sie hier zu posten, bevor es die Gastbeiträge gab und deshalb mache ich das jetzt auch. Zu guter Letzt noch eine Kleinigkeit zu den Vorworten: Ich werde ein wenig zu den Ideen und zu den Entstehungsgeschichten schreiben, sodass sie Inhalte spoilern können. Wer sich also selbst überlegen möchte, worum es geht, sollte das Vorwort als Nachwort betrachten. Jetzt aber viel Spaß mit der Wanderlust!



    Gedankenzug


    Seh’ vor dem Fenster Blätter rauschen
    Spür’ fast, wie sie das Fernweh packt.
    Wie gern’ würd’ ich mit ihnen tauschen,
    Verlier’n den irdischen Kontakt.


    Würd’ oben drehen meine Kreise,
    Getragen werden nur vom Wind
    Und ihn begleiten auf der Reise,
    Die weder endet noch beginnt.


    Dann wär’ ich fast wie Vogelschwärme,
    Doch haben diese stets ein Ziel:
    Flieh’n in den Süden, in die Wärme,
    Umgeben von der Wolken Spiel.


    Wie hell sie in der Sonne strahlen,
    Die Wolken vor dem tiefen Blau
    Und in den Himmel Bilder malen -
    Da ist ein Wal, ich seh’s genau!


    Wenn diese durch die Meere gleiten,
    Gemächlich immer weiter zieh’n,
    Als schwömmen sie durch Ewigkeiten,
    Gehört die weite See nur ihn’n.


    Doch wird das Wasser selbst lebendig,
    So gibt es nichts mehr, was es hält.
    Ein jeder Fluss bewegt sich ständig,
    Das Wasser strömt, es fließt, es fällt.


    Die Wasserfälle zu erklimmen
    Noch immer weiter, Stück für Stück,
    Das ist es, wofür Lachse schwimmen,
    Zum Ort ihrer Geburt zurück.


    Auch Frösche spüren dies Verlangen,
    Bis jener Ort die Sehnsucht stillt,
    Wo alles einmal angefangen;
    Sah oft am Straßenrand ihr Schild.


    Die Straßen zeigen nur die Richtung
    In die sich rasend Autos quäl’n,
    Wie eine drängende Verpflichtung;
    Sind es doch Menschen, die sie wähl’n.


    Menschen suchen kurze Routen,
    Es geht nur um Geschwindigkeit.
    Los, vorwärts, los, du musst dich sputen!
    Für alles and’re fehlt die Zeit.


    Die Zeit läuft schneller, immer schneller
    Und niemand weiß, was kommen mag.
    Am Morgen wird der Himmel heller
    Und mit der Sonne kommt der Tag.


    Doch kommt der Tag, die Sonne wieder,
    Wenn sie auf Ewig stille steht?
    Sie geht nicht auf, sie sinkt nicht nieder,
    Es ist die Erde, die sich dreht.


    Wir brauchen nicht die kleinste Regung
    Und dennoch rasen wir durchs All.
    Wir alle sind stets in Bewegung,
    Doch scheint das hier g’rad nicht der Fall.


    Schon ewig geht es nicht mehr weiter,
    Der Zug blieb stehen und der Frust
    Ist meinem Denken ein Begleiter;
    Seh’ durch das Fenster Wanderlust.




    Traum vom Fliegen


    Nimm mich mit und lass mich wandern
    So wie vor mir schon die andern
    Hilf mir endlich zu verstehen
    Zeig mir, was ich nie gesehen


    Lös mich von dem alten Leben
    Lass mich tanzen, fliegen, schweben
    Ja, ich werde es vermissen
    Denn was kommt, kann ich nicht wissen


    Lebte lang an ihrer Seite
    Trag mich dennoch in die Weite
    Weil ich an nichts andres dachte
    Seit im Frühling ich erwachte


    Wie weit führt wohl meine Reise?
    Dreh’ ich mich gar nur im Kreise?
    Treffe ich die andern wieder,
    Wenn ich schließlich sinke nieder?


    Denn wie man es dreht und wendet
    Jeder weiß doch wie es endet:
    Alles Laub
    Wird zu Staub …



    Aber vorher darf es fliegen
    Sich mit dir, dem Winde, wiegen
    Nimm mich mit und lass mich tanzen
    Dann werde ich Teil des Ganzen.






    Die letzte Reise


    Hörst du mich? So folge mir.
    Schließlich ist es deine Zeit,
    Fortzugehen, komm, komm mit,
    Komm mit mir, hinfort von dir.


    Sag mir doch, wo bin ich hier?
    Wandre durch die Dunkelheit,
    Sehe nicht den nächsten Schritt;
    Bitte, wohin gehen wir?


    Sag mir doch, was hier geschieht,
    Ich hör’ immer nur dies Lied,
    Das mich ruft und zu sich zieht.
    Ich weiß nimmer mehr wohin.


    Hörst du meine Stimme nicht?
    Folge ihr, ich kenn das Ziel,
    Wandre weiter, stets voran;
    Komm mit mir, ich führe dich.


    Sag mir, warum rufst du mich?
    Wandre ich doch eh zu viel,
    Bis ich nicht mehr weiter kann,
    Nur noch stolpre ohne Licht.


    Sag mir doch, wohin wir gehen,
    Sag mir doch, was wird geschehen?
    Seit ich einst das Licht gesehen,
    Weiß ich nicht mehr, wer ich bin.


    Hör’, ich singe für dich leise,
    Für die Sehnsucht, für die Weise,
    Überquere diese Schneise;
    Jeder geht die letzte Reise.

  • Salut! ♥
    Ich habe mir ganz fest vorgenommen, langsam wieder etwas aktiver zu werden und dein Topic stand auf meiner Liste gerade ohnehin ganz oben, weshalb ich dir jetzt direkt einen kurzen Kommentar dalassen möchte. Ich werde mich auf das letzte Gedicht deiner drei BBO-Ideen beziehen, also auf "Die letzte Reise", einfach weil es irgendwie herausgestochen ist. :3


    Die letzte Reise
    "Die letzte Reise" - der Titel klingt zumindest direkt nach dem Tod. Vielleicht geht es also um den Übergang vom Leben zum Tod.
    Dann fange ich mal an. Die erste Strophe ist, genau wie die vierte und siebte Strophe, in kursiver Schrift geschrieben, woraus ich erstmal schließe, dass hier zwei Sprecher vorhanden sind. Sprecher A fordert Sprecher B sehr nachdrücklich auf, ihm zu folgen. Dies wird an der starken Häufung von "komm" (3x) deutlich, ergänzt durch ein "folge". Es sei die "Zeit, Fortzugehen", A scheint also über mehr Wissen als B zu verfügen. Der Imperativ lässt darauf schließen, dass A zudem eine übergeordnete Stellung besitzt. In der zweiten Strophe wird deutlich, dass sich die beiden in absoluter "Dunkelheit" befinden. In der dritten Strophe ist von einem "Lied" die Rede. B ist orientierungslos und folgt der Stimme letztlich, da es ohnehin keine wirklichen anderen Optionen gibt. A wiederholt zu Beginn der vierten Strophe zunächst die Frage, ob B seine Stimme nicht höre und setzt anschließend die Imperative fort. Es stellt sich die Frage, ob es A gut oder böse mit B meint. Theoretisch wäre beides möglich; A könnte sich so oft wiederholen, weil er manipulieren will, oder weil er B tatsächlich helfen möchte und nicht glaubt, dass B ihm sonst folgen würde. Daraus ergibt sich die Frage, ob die Stimme auch gleichzeitig die des Liedes ist, das B "zu sich zieht".
    Auch B stellt sich die Frage, warum A nach ihm ruft. Auch die Frage, was überhaupt das Ziel sei, zieht sich konsequent durch den Dialog. Der Vers "Seit ich einst das Licht gesehen" stellt mich vor ein Rätsel. Welches Licht? Bislang war nur von der Dunkelheit die Rede. Ist B vorab durch ein Licht gegangen?
    In der letzten Strophe wird endgültig deutlich, dass es sich bei A gleichzeitig auch um die Stimme des Liedes gehandelt haben muss. Die letzten beiden Verse lassen darauf schließen, dass die ausgehende These des Todes stimmen könnte und dass sich B auf einer Art Irrweg befindet; sich dem Lied des Todes nicht hingeben will/kann, aber dennoch hineingezogen wird. A, der Tod, lockt B nachdrücklich und fordert ihn entsprechend auf, zu kommen. Auch der Vers "Für die Sehnsucht, für die Weise" ist mir nicht ganz klar. Sehnsucht könnte ich mir noch irgendwie herleiten, dass A das Ziel schmackhaft machen möchte, aber die Weise bleibt mir unklar. Vielleicht sollte das einfach ins Reimschema passen?
    Was mich zu einem interessanten Punkt bringt: diese völlig ungewohnte Struktur. Du beginnst mit abca in den ersten beiden Strophen. B befolgt auf Anhieb die Form, die von A vorgegeben wurde, selbst wenn sie irgendwie ungewohnt erscheinen mag. A scheint leichtes Spiel zu haben. Es folgt eine Strophe mit dem Schema ddde. B löst sich also zunächst wieder von dem vorgegebenen Schema, will vielleicht wieder etwas eigenwilliger werden. A reagiert scheinbar besorgt ("Hörst du meine Stimme nicht?") mit einem Muster fghi. Warum sich A nun von seiner eigenen ursprünglichen Form löst, ist mir nicht ganz klar. B folgt jedoch wieder, indem er zumindest die Reime übernimmt, wenn auch in unterschiedlicher Verteilung, ighf. Da sich das Gespräch wahrscheinlich in dem Kopf, bzw. dem Geist von B abspielt, zeugt das große Hin und her der Form von seiner Desorientierung und Unentschlossenheit. B will sich nicht einfach aufgeben. Dass das Reimschema in den letzten beiden Strophen sehr viel harmonischer wird (jjjk llll) könnte ein Hinweis sein, dass B letztendlich doch den Weg findet und damit seinen Frieden schließt. (Oh Gott, ich schreibe selber völlig durcheinander)


    Damit komme ich zu dem Schluss, dass sich das lyrische Ich kurz vor dem Tod befindet und bis zum Schluss Angst hat. Es redet sich selbst ein, dass es diesen Weg gehen muss, auch wenn der Weg und/oder das Ziel nicht ganz klar ist. Die Form unterstreicht diese Gedanken sehr gut. Vielleicht ließe sich in der letzten Strophe auch ein Vers komplett rausnehmen, um den Abschluss nochmal zu markieren.


    Wie gesagt, ich finde das Gedicht unglaublich interessant und spannend zu lesen. Die zwei Verse, die mir etwas unklar waren, habe ich genannt. Ansonsten wäre vielleicht ein anderer Titel, der einen etwas mehr in die Irre führen könnte, ganz schön. Aber vielleicht liege ich mit meiner Interpretation auch völlig neben dem, was du dir gedacht hattest, dann nehme ich das direkt zurück, haha.
    Übrigens lies es sich laut auf Anhieb super lesen!


    Au revoir! ♥

  • XVII


    Ursprünglich sollte dies mal das sechszehnte, also das vorherige Update werden. Also Meereskinder war fest geplant, aber dann sollten diese zwei Texte vom Anfang des Jahres aus der Aktion Am Anfang war das Wort kommen. Dann allerdings verging die Zeit und ich hab zuerst die BBO-Gedichte ausgestellt. Nun ja, so geht's auch. Deshalb jetzt (endlich) diese beiden im Topic und im Oktober dann den finalen Meereskinder-Teil. Das ist der Plan. Und bisher scheint er ja noch aufzugehen.



    Der Turm


    Der Turm




    Dunkel, Nacht


    Sternen aai'aaa - aai'aaaa pracht
    Winde aaaaaaaaaaaa'aaaaaaai geh'n


    Flaggen F Flaggen
    weh'n a weh'n
    h
    n
    e
    n
    m
    a
    s
    t

    Schwere Last
    Ein iiiiiiii Symbol
    Weiß iiiii es iiiii wohl
    Das i'Gewicht,i schwerer' nicht
    Unten ''ui trägt, u'uii unbewegt
    Jederi' Steini''' auchi diei sein'n
    Steht' es 'fest, i bleibt' der' Rest
    Fast'' geschafft,i'i letzte a' Kraft
    Dünneiii Luft, 'iii' Freiheitsduft
    Stein' auf 'Stein,i dass erschein'
    Großer' Traum,''' hoheri' Raum
    Himmel' spür'n, Mond' berür'n
    Hochii hinaus,'' höchstes' Haus
    Stein' auf 'Stein,i' so' soll's' sein
    Weiteri'i geht's,i'i' staplei'i stets
    Wolkenspiel, ii''a fernes aii Ziel
    Immer mehr, drückend schwer
    Stein auf Stein, ''' einzelni klein
    Baut' der' Mann, ' fing ii er ii an
    Wollt' das Herz ii himmelwärts
    Immer iiii zu, iiii keine iiii Ruh'
    Sand zu Stein, '' türm''' sie'' fein
    Erde aaaa'aaaaiaaa''''aa'' brennt
    Land Weites Fundament Land Weites
    Boden aaaaaaaaaa,aaaaaaaaaa Sand



    Zeremonie der Träumer


    Immer wieder schoben sich dunkle Wolken vor den Mond und ließen den geweihten Platz im Zwielicht liegen. Die uralten Zeichnungen und Schriftzeichen, welche durch die Anordnung der weißen Farbe große Kreise auf dem Boden bildeten, waren kaum zu erkennen. Am Rande dieser Kreise konnte man eine Silhouette ausmachen - es war ein Mädchen, gerade einmal vierzehn Jahre alt. Nur allzu leicht war sie in der Dunkelheit der Nacht mit einer Statue zu verwechseln, wie sie dort kniete und betete, unbewegt und wie in einer anderen Welt.
    Niemand konnte an diesem Ort sagen, ob die Zeit verging. Die einzigen Zeugen ihrer Existenz waren die stetig weiterziehenden Wolken. Aber auch diese zogen mal schneller, mal langsamer über den Himmel, nur um ab und zu auf ihrem Weg wie andächtig inne zu halten. Diese ewige Nacht war genau das: ewig. Und nicht einmal die Wolken vermochten zu sagen, wie lange das Mädchen regungslos am Rande des Kreises wartete.
    Worauf sie jedoch wartete, das wussten die Wolken nur allzu gut. Schon oft hatten sie die heiligen Zeremonien beobachten dürfen, jede war einzigartig und doch waren sie alle gleich. Nur diejenigen, deren Träume stark genug waren, fanden überhaupt den Weg hierher, doch nur jenen, deren Glaube stark genug war, zeigten sich die Heiligen. In jeder heiligen Nacht der Mondscheinwende beobachteten die Wolken die Auserwählten. Sie wussten nicht, dass sie beten mussten, um die Heiligen zu rufen, aber diejenigen, deren Herz die Wurzel ihrer Fantasie darstellte, spürten es. So hatte auch dieses Mädchen, in der Sekunde, da sie den geweihten Platz erblickt hatte, sich niedergekniet und zu beten begonnen.
    „Melody, erhebe dich.“
    Die tiefe, erhabene Stimme erklang auf der Ebene, noch bevor sich die nebelhaften Schemen zu Personen manifestierten. Wie aus dem Nichts erschienen die sieben Heiligen um den geweihten Platz herum, gerufen durch die Gebete des Mädchens. Die Kapuzen ihrer dunklen, violetten Umhänge ließen ihre Gesichter im Schatten verschwinden, doch ihre alten, weisen Augen leuchteten in der Dunkelheit und strahlten eine Wärme aus, wie sie jedem Menschen sofort ein Gefühl der Geborgenheit verschaffen kann.
    Das Mädchen, das auf den Namen Melody hörte, hob als erstes nur den Kopf, um ihn sofort wieder ehrfürchtig zu senken. Ihre langen, glatten Haare fielen ihr wie ein brauner Schleier über die Schultern. Noch in der Bewegung schien sich ihre Erscheinung zu verändern. Wo sie zuvor nur ein dunkler Schatten, kauernd am Rande des Kreises gewesen war, erhob sich nun ein bildhübsches, junges Mädchen in einem schlichten weißen Trägerkleid, welches sich am Saum in glitzernden Sternenstaub auflöste. Eine weitere Wolke schob sich vor den Mond und Melody war der hellste Schein in dieser Welt.
    „Tritt vor.“
    Wieder durchdrang die ruhige Stimme die Stille der Nacht, auch wenn man unmöglich sagen konnte, wer gerade gesprochen hatte. Die Heiligen standen allesamt unbeweglich dort, wie Säulen, die den Platz säumten. Nur ihre Augen waren einladend auf Melody gerichtet.
    Bedächtig ging das Mädchen den ersten Schritt auf die Mitte des Kreises zu. Beinahe vorsichtig hob es den Kopf und blickte auf den Mittelpunkt des geweihten Platzes. Diesen Punkt zu erreichen war die größte Ehre, die einem Träumer zuteilwerden kann.
    Ein weiterer Schritt folgte auf den ersten unter den wachsamen, aber gütigen Augen der Heiligen. Dann ein dritter. Das Mädchen atmete Nervosität, die Angst vor Fehlern oder dem Versagen, doch seine grünen Augen leuchteten vor Stolz. Melodys Herz schlug so laut, dass sie fürchtete, die Heiligen könnten es hören, doch diese standen weiter regungslos da und beobachteten bloß jeden ihrer Schritte. Etwa einen Meter vor dem Mittelpunkt blieb sie wie eingefroren stehen. Ob sie sich vor Ehrfurcht oder Nervosität nicht rührte, vermochte sie selbst nicht zu sagen, doch sie spürte, dass es falsch wäre, noch einen Schritt zu gehen. Und wie zur Bestätigung erhob sich wieder die Stimme der Heiligen. Auch in ihrer Mitte war es unmöglich zu erkennen, aus welcher Richtung das Gesagte an das Ohr des Mädchens drang. Am ehesten hätte man auf den Himmel tippen können.
    „Melody, Träumerin, Auserwählte der fünfhundertsten Mondscheinwende, bist du bereit für deine Zeremonie? Bist du bereit, aufgenommen zu werden in den Kreis der Traumwandler, egal was die Zukunft dir bringen wird?“
    „Ich bin bereit.“
    Die Stimme des Mädchens klang hoch im Vergleich zu der dunklen Männerstimme, welche die Frage gestellt hatte. Auch war es Melody nicht möglich gewesen, ein Zittern zu unterdrücken, doch wie zur Bestärkung blickten ihre grünen Augen auf jeden einzelnen der Heiligen. Sie bemerkte es selber nicht, doch ein jeder von ihnen schenkte ihr den Mut und die Kraft zum Träumen, welche sich als goldene Sprenkel in ihrer Iris zeigten. So nahmen die Heiligen das Mädchen in ihren Kreisen auf.
    „Versprichst du, Melody, deine Träume zu bewahren, die guten, wie die schlechten, und sie alle in deinem Herzen zu tragen?“
    „Ich verspreche es.“
    „Versprichst du, deine Träume in Ehren zu halten, sie zu stärken und die Realität zu verändern?“
    „Ich verspreche es.“
    „Versprichst du, egal was auch geschieht, niemals mit dem Träumen auszuhören?“
    „Ich verspreche es.“
    Und wie es sein drittes Versprechen gegeben hatte, ließen die Wolken den Mond frei, als hätten sie bloß auf ihr Stichwort gewartet, und eine Säule aus gleißendem Mondlicht ergoss sich vor dem Mädchen. Erstaunt riss es die Augen auf. Mit einem Mal war der geweihte Platz taghell erleuchtet, doch das Licht des Mondes blendete nicht. Mondlicht war nicht in der Lage zu blenden, nur zu führen.
    Niemand vermochte zu sagen, für wie lange Zeit diese ewige Nacht von reinem Mondlicht erhellt wurde, ehe es sich bündelte und festigte. Erneut schoben sich Wolken vor den Mond, doch auch in der Dunkelheit spürte man seine Macht. Sie kam nicht nur von dem Glanz hinter den grauen Schwaden, sondern genauso von dem Gegenstand, der nun langsam zu Boden schwebte, direkt über dem Mittelpunkt des geweihten Platzes.
    Das Mädchen konnte die Augen nicht mehr von ihm wenden. Der perfekte Holzkreis war mit violetter Wolle durchzogen, mit Maschen, die jeden Traum bewahren konnten. Auf einer Seite des umwickelten Kreises schwebten drei mit blassgelben Perlen und hellen Federn geschmückte Stücke desselben Fadens. Fast war dieses Zeichen der Träumer auf Melodys Augenhöhe angekommen, da ertönte ein letztes Mal die Stimme, die so stolz ist wie die Nacht.
    „Melody, Träumerin, Auserwählte der fünfhundertsten Mondscheinwende, wir danken, dass du das Geschenk des Träumens annimmst, und heißen dich herzlich im Kreis der Traumwandler willkommen!“
    Wo bei anderen, irdischen, realen Veranstaltungen Jubel oder Applaus aufgekommen wäre, ertönte auf dem geweihten Platz Glockenklang. Die Heiligen begrüßten das Mädchen auf diese Weise als ihre Schutzbefohlene. Nie zuvor hatte Melody schönere Laute vernommen als jene Glocken, die erhaben und in perfekter Harmonie erklangen.
    Behutsam streckte das Mädchen ihren Arm aus, um das Geschenk des Mondes entgegenzunehmen. Als sie das mit Wolle umwickelte Holz an ihren Fingerspitzen spürte, breitete sich ein gleißendes Licht von dem Berührungspunkt aus und schien die Glocken abzudämpfen und schließlich zu überlagern. Als es verlosch war alles wieder ruhig und dunkel. Das Mädchen war verschwunden und auch die Heiligen waren wieder dorthin zurückgekehrt, woher sie gekommen waren, so lange, bis der nächste auserwählte Träumer kam und sie rief. Und die Wolken schoben sich immer wieder vor den Mond, den Herren der Träume.



    Unheilvolle Erwartung



    Ich spürte, dass etwas nicht stimmte. Vielleicht war es die Art, wie der Wind blies, vielleicht die Farbe der See. Dunkle Wolken türmten sich auf und ich spürte einen Druck auf meinem Herzen, wie ich ihn immer spürte, kurz bevor etwas Schreckliches geschah. Nur einen Moment erlaubte ich mir zu hoffen, dass es nichts mit ihm zu tun hatte. Erst vor wenigen Augenblicken, hatte ich in seinen Armen gelegen und ihn zum Abschied geküsst. Nun stand ich am Ufer und blickte aufs Meer. Wild wehte der Wind mir die Haare ins Gesicht, als ich zusehen musste, wie sein Schiff versank.

  • Hallo Shiralya, (:


    hab mir gedacht, für meinen Kommi heute schnapp ich mir einfach dein Update.


    Zeremonie der Träumer
    Der Titel ist schon mal sehr schön und macht mich richtig neugierig. Weil ich mich natürlich gleich frag: welche Zeremonie? Um welche Träumer geht es?

    Zitat

    „Melody, Träumerin, Auserwählte der fünfhundertsten Mondscheinwende, wir danken, dass du das Geschenk des Träumens annimmst, und heißen dich herzlich Kreis der Traumwandler willkommen!“

    Ich glaub da müsste ein „im“ rein. „herzlich im Kreis“


    Wow, das war ein beeindruckender Text! Du hast von Anfang an eine sehr passende Atmosphäre mit deinen Beschreibungen erzeugt. Das Spiel von Licht und Dunkel haben mir sehr gefallen und ich mag, wie du die Wolken personifiziert hast. Das Auftreten der sieben Heiligen hat mich ein wenig an eine Szene aus Zelda-Twilight Princess erinnert. Hatte bei dir aber einen anderen Kontext und war auch allgemein positiver. Interessant, wie die Heiligen sowohl Erhabenheit als auch Geborgenheit ausstrahlen — hatte ich hier irgendwie nicht vermutet. Aber das macht sie weniger unnahbar und einladender. Melody heißt das Mädchen also, welches da wartete, ein schöner Name. Vor allem, wenn man später an den Glockenklang denkt, passt das sehr gut.
    Die ganze Zeremonie hat mir von deinen Beschreibungen her sehr gut gefallen. Du hast einen guten Rundumblick gegeben, immer wieder die Umgebung einbezogen, aber auch Melodys Gefühlswelt nicht zu kurz kommen lassen. Das mochte ich, weil so doch klar wurde, dass die ganze Zeremonie für sie nichts selbstverständliches ist, sondern eine Ehre, mit der sie erstmal umgehen muss.
    Sehr schön auch, welche Rolle der Mond hier einnimmt! Gerade im letzten Satz wird das noch mal hervorgehoben.
    Das Geschenk des Träumens ist also ein Traumfänger und Melody ist nun eine Traumwandlerin. Was die wohl tun? Wandeln sie durch ihre eigenen Träume? Oder durch die Träume anderer? Bringen sie Träume? Das lässt du am Ende offen und das gefällt mir gut. So kann ich mir noch bissl selbst Gedanken machen, was Melodys Aufgaben als Traumwandlerin sein können. (:  
    Ein wirklich schöner Text, hat mir viel Spaß gemacht zu lesen!


    Unheilvolle Erwartung
    Und wenn ich schon mal hier bin, kann ich auch gleich noch bissl was zu deinem Drabble sagen.
    Mir gefällt hier, wie du genau den Moment des Bildes in deinem Drabble eingefangen hast. Wie du einen kurzen Einblick in die Gefühlswelt der Frau auf dem Ölgemälde gibst und somit den Untergang des Schiffes zu einer persönlichen Tragödie machst. Wird der Liebste sich an Land retten können? Oder haben sie sich vor wenigen Augenblicken das letzte Mal gesehen?
    Darüber nachzudenken ist schon recht grausam, weil man dem Bild allein eigentlich nicht ansieht, ob die Frau einen Bezug zu dem Schiff hat oder nicht. Und den hast du hier ganz geschickt hergestellt.
    Hier kann man nur das Beste hoffen — und sich auf das Schlimmste einstellen.


    So, das war’s für heute. (: Fröhliches Schreiben weiterhin!

  • Hallo Shira,


    an die Zeremonie der Träumer erinnere ich mich noch ziemlich gut. Mir gefällt da vor allem die dichte Atmosphäre, die du mitten in der Nacht und in dieser mystischen Umgebung aufbaust und sich quasi bis zum Ende durch zieht. Das so lange halten zu können ist eine Kunst und ich finde das durchaus bemerkenswert, dass es auch gar nicht langweilig wurde. Dadurch, dass du alles so sanft beschrieben hast und Melody selbst ja auch die Nervosität vor dem Kommenden verspürt hat, kann man mit ihr während des Lesens gut sympathisieren. Auch wenn es lediglich bei der Aufnahme der Geschehnisse bleibt und weniger um ihren Charakter geht, was ich doch etwas schade finde, weil da noch Potenzial vorhanden ist. So wirkte sie etwa bei der Frage, ob sie bereit für die Aufnahme sei, relativ selbstsicher, obwohl du davor noch die Nervosität erwähnt hast.
    Eine andere Sache kommt da aber noch hinzu: Ich weiß nicht, was sie mit ihrem neuen Objekt (ist wohl ein Traumfänger?) anstellen kann. Die Zeremonie hast du echt schön gestaltet und die Auflösung am Ende war überraschend und bot auch einen interessanten Ausklang, nur bleibt es halt irgendwie auf der Strecke, zu was sie jetzt imstande ist. Kann sie Träume erschaffen oder durch Träume wandern? Ist sie eine Beschützerin der Träume? Offenbar weiß sie es ja, wenn sie sich hier befindet und selbst wenn es nur ein kleiner Gedankengang ihrerseits gewesen wäre, hätte er hier etwas Aufklärung verschafft.
    Übrigens: Melody ist ein schöner Name für das Mädchen und ich würde mich glatt freuen, sie wieder zu sehen.


    Wir lesen uns!

  • XVIII


    Es sind tatsächlich schon mehr als drei Jahre vergangen, seit ich dieses Topic eröffnet habe. Wie schnell doch die Zeit vergeht. Auf jeden Fall werde ich euch jetzt nicht noch länger warten lassen: Es kommt der letzte Teil von Meereskinder! Es wird etwas seltsam sein, nicht mehr diese Möglichkeit zu haben. Ich weiß auch noch nicht, wie es weitergehen wird, aber vielleicht schaffe ich es ja, dieses Jahr noch ein neues Update zu machen. Wir werden sehen. Jetzt hoffe ich erstmal, dass euch das Finale nicht enttäuscht.



    Meereskinder


    Vierter Teil



    Es war voll im Café. Alle rot gepolsterten Stühle um die mit weißen Tischdecken versehenen Tische waren belegt. Fast alle Leute, die in der Kirche gewesen waren, waren auch hierher gekommen und unterhielten sich über unsere Eltern. Es war einer der unwirklichsten Momente in meinem Leben. Durch die große Fensterfront konnte man auf die grünen Berge sehen, über denen sich bedrohlich graue Wolken türmten. Sie würde es noch stürmen lassen.
    Immer wieder waren Augen auf unseren kleinen Tisch gerichtet. Großmutter saß gerade, fast in höfischer Manier zu meiner Linken, mir gegenüber Jenny, die gedankenverloren in ihrem Stück Sahnetorte stocherte. Tessa schien in sich zusammengesunken und völlig abgeschottet von allem, was um sie herum passierte. Mir selbst war in diesem Moment einfach nur schlecht. Ich konnte das Gedeck vor mir noch nicht einmal ansehen. Allerdings gab es auch sonst nichts in diesem Raum, was mich nicht verrückt gemacht hätte. Ich wusste, dass man den Leichenschmaus eigentlich dafür verwenden sollte, freundschaftliche Gespräche über die Verstorbene zu führen, aber mir war im Moment nicht nach reden; vor allem nicht mit Leuten, die ich eigentlich gar nicht kannte. Mir war auch nicht danach, hier zu sitzen und ihnen zuzuhören oder sie auch nur anzusehen. Ich musste an die frische Luft.
    „Entschuldigt ihr mich kurz?“, fragte ich an meine Familie gewand. Großmutter nickte zwar kurz, aber keine von ihnen schien mich wirklich gehört zu haben. Ihnen ging es also ähnlich wie mir.
    Ich wandte mich durch die fremden Leute, die Anekdoten über meinen Vater austauschten, von denen ich noch nicht einmal hätte vermuten können, dass es sie gibt. Als ich auf der Straße ankam, wusste ich nicht, wohin ich gehen sollte, und stand unentschlossen an der Kreuzung. Es kam mir vor, als wäre es schon Jahre her, dass ich in dem Laden hinter mir den Fächer gekauft hatte, der nun alleine auf Tessas Nachttisch lag. Ich könnte wieder zur Kirche gehen, doch das hielt ich für die verkehrteste Wahl, die ich treffen könnte. Ich könnte … zum Fluss. Das Wasser hatte mich noch immer getröstet.
    Ich wandte mich also nach rechts und folgte der Staatsstraße zurück in Richtung des Hotels. Aufgrund der Wolken, die sich vor die Sonne geschoben hatten, war es nicht mehr so unerträglich warm. Als ich das Hotel hinter den Bäumen, die am Rand des Grundstückes standen, erkennen konnte, begann ich zu laufen. Mir kam es vor, als liefe ich schon mein ganzes Leben lang immer auf der Stelle und wollte mich jetzt ich endlich vom Fleck bewegen. Ich lief, bis die Abzweigung nach links kam, die ich schon auf der Hinfahrt bemerkt hatte, und von dort aus weiter die Nebenstraße hinunter, bis ich vor einer kleinen Brücke stand. Hier hörte ich den Fluss rauschen und ein leichter Windhauch spielte mit meinen Haaren, dass ich lächeln musste. Links von mir führte ein Trampelpfad den Fluss entlang. Ich folgte ihm bis zu einer Stelle, an der ich bis ans Wasser konnte. Hier angekommen setzte ich mich auf einen Stein am Flussufer und ließ los. Die Tränen flossen eine endlose Zeit über meine Wangen und schienen nie wieder aufhören zu wollen. Obwohl sie das vorhin ja auch getan hatten.
    Ich saß schon eine ganze Weile so zusammengekauert am Flussufer, als ich ein Rascheln hinter mir hörte. Es war Christian, der zwischen den Bäumen auftauchte. „Alles in Ordnung?“, fragte er vorsichtig.
    Genervt und ein bisschen wütend blickte ich zu ihm hinüber, wie er in seinem Anzug dastand und mich besorgt musterte. „Hör auf damit!“, fuhr ich ihn an. Als ich sein verwirrtes Gesicht sah, setzte ich hinzu: „Hör auf damit, so schrecklich freundlich zu sein. Alle sind momentan so verdammt freundlich zu mir. Ich kann das nicht mehr.“ Ich schluchzte. „Als du mich vor der Kirche angemeckert hast, da …“ Ich ließ den Satz unbeendet.
    „Ist es besser, wenn ich dir sage, dass ich nicht wegen dir hier bin?“ Ich nickte. „Ich komme gerne zum Nachdenken her“, fuhr er fort. Einen Moment schien er nicht zu wissen, was er noch sagen sollte. „Kann ich mich zu dir setzen?“, fragte er dann und ich rückte ein Stück zur Seite. Als er neben mir Platz genommen hatte, drehte er sich zu mir und sah mir in die Augen. „Du hast gerade deine Mutter verloren, Marina. Da will man dich nicht noch mehr verletzen.“
    „Aber genau das erinnert mich doch immer wieder daran.“ Meine Augen füllten sich erneut mit Tränen; ich hatte das Gefühl, dass ich bald alles Wasser aus meinem Körper geweint haben musste. Und ehe ich irgendetwas dagegen hätte tun können, legte er seinen Arm um meine Schulter und drückte mich an sich. Und es tat so gut, dieses Gewicht endlich nicht mehr alleine tragen zu müssen.
    „Warum ist das Leben nur so schwer?“, murmelte ich nach einer Weile. Als ich keine Antwort bekam, drehte ich mich so, dass ich ihn ansehen konnte. „Ist es nicht dein Beruf, Leuten in so was beizustehen?“
    „Das hier ist anders.“
    Ich war mir nicht ganz sicher, was er meinte, aber ich erwiderte seinen Blick und verlor mich in seinen Augen. Nur wenige Sekunden verstrichen, bevor ich sie abrupt schloss, als zerschnitte ich den Faden, der sich zwischen uns zu bilden begonnen hatte. Ich drehte mich um und starrte ins Wasser. „Mein Leben geht den Bach runter“, sagte ich, bemerkte das Wortspiel und hoffte inständig, dass er nicht darauf einging. Und er tat es nicht. Er sagte gar nichts und schien darauf zu warten, dass ich von selber weiter sprach. Ich musste es endlich jemandem erzählen. „Ich hab meinen Job verloren“, sagte ich so leise, dass ich es selbst kaum hörte. „Es hat mir solchen Spaß gemacht, Artikel zu schreiben, und jetzt weiß ich nicht mehr, wovon ich leben soll. Und … und … na ja, das weißt du ja.“
    Christian sagte immer noch nichts, so lange, dass ich mich irgendwann zu ihm umdrehte. Er sah völlig konzentriert aus. „Vielleicht“, begann er nach einer Weile, „vielleicht könnte ich dir helfen, zumindest einen Job zu finden.“
    „Was?“ Ich starrte ihn fassungslos an, als hätte er mir erzählt, er schenke mir einen Goldbarren.
    „Mein Vater ist Chefredakteur der Dolomitenzweigstelle in Bruneck und momentan auf der Suche nach neuen Redakteuren.“
    Ich war so ungläubig, dass ich mich nicht bewegen konnte. Meinte er das wirklich ernst? „Ich -“, begann ich und brach ab. Ich konnte heute doch sowieso nicht denken.
    „Ich könnte dir ein Vorstellungsgespräch organisieren. Du kannst es ja einfach versuchen.“ Ich lachte. Jetzt war ich doch froh, dass er freundlich zu mir war. Es war so seltsam, mit dem Gedanken zu spielen, wirklich in den Bergen zu bleiben, und dann saß da Christian vor mir …
    Der erste Regentropfen fiel auf meinen Kopf und ich jauchzte kurz auf. Wie ein dichter Mantel legte sich immer mehr des fallenden Wassers um uns und platschte beruhigend auf alles um uns herum. Ich stand auf, streckte die Arme zu beiden Seiten von mir aus und drehte mich wie ein kleines Mädchen. Der Wind klatschte mir die nassen Haare ins Gesicht und mein Kleid, das ich extra für diesen Tag gekauft hatte, klebte an meinen Gliedern. Sie war hier. Sie war da für mich. Und sie würde mich unterstützen.
    Als ich bemerkte, wie Christian mich lächelnd beobachtete, nahm ich ihn an den Händen und zog ihn hoch, dass er mit mir tanzen konnte. Und gleich, gleich würde ich meine Schwestern holen. Denn jeder einzelne Regentropfen besteht aus der elterlichen Liebe. Ich schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Vielleicht war es ja doch nicht ganz so schlimm hier.



    Ende

  • Hey Shira,


    ich hab mich ja schon gefragt, was im letzten Teil von Meereskinder noch passieren wird und ich bin etwas zwiegespalten ob des Endes. Tatsächlich war das fünfte Kapitel eine konsequente Fortsetzung dessen, was du bisher geschrieben hast und sowohl die bedrückende Stimmung neben all den anderen Menschen im Gasthaus als auch ihre Flucht aus der Menge, um allein sein zu können und den Tag Revue passieren zu lassen, passen zusammen. Dementsprechend gestalten sich auch ihre Gefühle und ich find's gut gelöst, dass sie dazu zum nächsten Fluss geht, um die Nähe zum Wasser zu erlangen. Es wirkt dadurch so, als wolle sie mit ihren Tränen die Verbindung zum Wasser suchen.
    Dann kommt die Szene mit Christian und hier hab ich erst mal gestutzt, ob du tatsächlich schon mal erwähnt hast, dass Marina ihre Arbeit verloren hat. Mit ein bisschen Recherche: Ja, einmal, wenn ich richtig gesehen habe. Dadurch, dass so viel Abstand dazwischen war, geriet das bei mir in Vergessenheit und gepaart damit, dass Christian die Suche nach neuen Redakteuren erwähnt, ist das alles fast schon ein bisschen abwegig. Zufälle können natürlich immer passieren, aber es kam hier so plötzlich auf, dass ich mit der Begründung zum Fröhlichsein einfach nicht warm werde. Vielleicht, hätte sie schon früher mit ihm darüber gesprochen, wäre hier ein anderer Eindruck entstanden.
    Gelungen ist dir dafür die finale Szene, der Tanz im Regen. Das hat was unglaublich Befreiendes und gerade in Verbindung zum Wasser und der guten Botschaft scheint alle Sorge wie weggeblasen. So hat Marina nämlich einen Grund, hier zu bleiben und das ist schon ein angenehmes Gefühl. Danke für die Geschichte und ich freue mich auf mehr.


    Wir lesen uns!

  • Heyho, @Shiralya!


    Ich wollte dir auch mal einen klitzekleinen Kommi dalassen und habe mir dafür ein älteres Werk ausgesucht, wenn es dir nichts ausmacht - es geht um "Laterne, Laterne"!


    Zunächst einmal möchte ich sagen, dass ich deinen Schreibstil echt toll finde! So schön leicht und locker, dass es sich in null Komma nichts runterlesen lässt! Man stolpert auch über nichts, es ist einfach total flüssig und super geschrieben! *^*
    Überhaupt fand ich die Geschichte sehr schön. Die beiden hauptsächlichen Figuren, Lichtel und der verzogene Junge, sind in meinen Augen toll dargestellt worden. Man kann sich in die Figuren regelrecht hineinversetzen bzw. sich gut vorstellen, dass solches Verhalten realistisch ist. Auch die Handlung an sich hat mir sehr zugesagt - ich fand mich gut in dem Werk zurecht, außerdem hast du mich richtig mit dem kleinen Geist mitleiden lassen, das arme Ding ...
    Ich fand im Übrigen auch diverse Kleinigkeiten sehr gelungen, z.B. den Punkt, an dem davon berichtet wird, wie Geistereltern ihren Kindern Geschichten von Kryppuk erzählen, damit sie artig bleiben. Ein schöner Bogen zur Menschenwelt, du implizierst hier auch eine ganz eigene Kultur der Geistpokémon und vertiefst 'deine' Pokémonwelt damit ein ganzes Stück. Sehr schön!
    Und dieses Lied ... seid "Hannibal Rising" jagen mir viele Kinderlieder einen Schauer über den Rücken und auch "Laterne, Laterne" wird nie wieder das für mich sein, was es einmal war. Auch, wenn mir das in Zukunft Schauer über den Rücken jagen wird, finde ich es toll, wie du mit meinen Emotionen spielst!
    Eine Sache hätte ich noch: Ich hätte mir schon gewünscht, dass der Junge am Ende stirbt. Nicht, weil ich besonders sadistisch bin, sondern, weil es im Sinne der Handlung, Spannung und Dramatik wunderbar gepasst hätte. Und dann hätte der Schlussteil des Laternenliedes noch eine größere Schauerbedeutung.



    Ja, ein bisschen kurz, aber ich hoffe, du freust dich trotzdem! Mir hat diese Geschichte jedenfalls wahnsinnig gut gefallen!


    Schreib schön fleißig!


    ~ Deine Sheo

  • XIX a


    Ich sehe mich zu häufig schreiben, dass dieses oder jenes Update schon längst hätte kommen sollen. Ich hoffe, dass ich es in Zukunft bzw. bis Ende des Jahres zumindest etwas besser schaffe, denn aktuell mangelt es mir nicht an Stoff, den ich ausstellen kann. Deshalb wird es jetzt (hoffentlich) wöchentlich neue Drabbles von mir geben. Ich habe mir nämlich vorgenommen, jeden Tag ein Drabble zu schreiben. Damit das nicht in einem Riesenpost mit (mindestens) 51 Stück ausartet, gibt es sie häppchenweise. Allerdings hängen sie alle zusammen. Wenn ihr mehr über dieses Projekt wissen wollt, schaut ins Vorwort.
    Zusätzlich habe ich es endlich, endlich geschafft, mal wieder Tabmenüs zu entfernen. Es existieren also nur noch drei in diesem Topic und die krieg ich auch noch weg. Nur nicht heute. Ich hab keine Ahnung, ob euch das überhaupt interessiert, aber ich wollte es mal erwähnt haben.
    Jetzt also viel Spaß beim Lesen!



    Lost in Translation


    1. November
    Pålegg
    „Gibst du mit mal pålegg?“
    „Sehr witzig.“
    Maya hasste es, wenn er das tat. Zwar konnte sie genug Norwegisch, dass sie Erik verstand, aber was sollte sie damit anfangen?
    „Das ist nicht nur ein Wort, das ist eine Lebenseinstellung“, versuchte er sich zu rechtfertigen.
    „Für Vielfraße vielleicht.“
    „Nein, ich seh’ das so: Wenn du nach pålegg fragst, bist du offen für alles; egal was auf dein Brot kommt, du isst es.“
    „Da fühl’ ich mich aber toll …“ Maya schaute gerade so lange beleidigt, dass Erik sich schuldig fühlte. Dann reichte sie ihm ihre Lieblingsmarmelade. „Jetzt musst du damit leben.“



    2. November
    Commouvere
    Es war, als schwebte ein Geist über ihr. Dichte Nebelschwaden umschlossen sie, drückten auf ihren Körper wie eine dicke Decke. Die Worte schwebten um sie, verschmolzen zu Bildern, griffen nach ihrem Herz und ließen sie nicht wieder los.
    Gebannt lauschte Maya auf die Worte, war verloren in der Erzählung; Luka hatte sie in eine andere Welt entführt. Und doch war es eine wahre Begebenheit.
    Immer stärker spürte sie den Druck auf ihr und ihrem Herzen, aber sie genoss es, gefangen genommen zu werden. Und gleichzeitig empfand sie unendliches Mitgefühl. Diese Geschichte würde sie noch lange in ihrem Bann halten.



    3. November
    Mångata
    „Siehst du die Straße dort?“
    „Wo?“
    „Da vorne auf dem Wasser, die Straße, die direkt zum Mond führt. Das ist der Weg ins Zauberland. Vergiss das nie, meine Kleine.“


    Silbern schimmerte das Licht des Vollmondes in dieser klaren Herbstnacht. Man spürte, dass der Sommer ging. Kalte Luft umhüllte die junge Frau und immer wieder trug der Wind bunte Blätter über das Wasser, das sich vor ihr ausbreitete, führte sie ins Zauberreich.
    Lächelnd dachte Maya an die Zeit, als ihr Vater ihr Geschichten über Feen und Elfen erzählt hatte. Langsam ging sie zum Wasser. Irgendwann würde sie der Mondstraße folgen.



    4. November
    Sanar
    Leise knisterte das Lagerfeuer und warf Funken zum dunkler werdenden Himmel hinauf. Die Sommerluft war warm; dennoch hatten sie sich für ein Lagerfeuer entschieden – für die Atmosphäre. Halim spielte Gitarre und unterstrich mit seinen Liedern die gute Stimmung, Luka und Erik stießen im Takt ihre Bierflaschen aneinander.
    Glücklich lächelnd ließ Maya ihren Blick schweifen. „Hey Leute!“, meinte sie plötzlich, worauf die Musik verstummte. „Die Sonne geht unter!“
    „Tatsächlich“, staunte Ame, der das erste Mal in Norwegen war. „Also dann: Auf die Nacht!“
    „Auf die noch junge Nacht!“, korrigierte Erik und nahm einen Schluck Bier.
    „Auf die noch junge Nacht!“



    5. November
    Takalluf
    „Hast du nach dem Kuchen gesehen?“
    „Ja, der braucht noch etwas.“
    „Und der Salat?“
    „So gut wie fertig.“
    „Und …“
    „Svenja, jetzt beruhige dich doch mal.“
    Noch nie hatte Maya ihre Schwester so nervös erlebt. Seit Stunden lief sie in der Küche umher und bereitete das Essen vor. Nur einmal war sie ins Esszimmer verschwunden, um den Tisch zu decken.
    „Aber …“
    „Das sind deine Freunde“, versuchte Maya sie zu beruhigen, „es wird ein toller Abend.“
    „Ich weiß“, seufzte Svenja. „Ich will nur, dass er perfekt wird.“
    In diesem Moment klingelte es. „Sie sind da“, meinte Maya, „jetzt wird er perfekt.“



    6. November
    Glas wen
    „Was ist das Schlimmste, was dir je passiert ist?“
    Erwartungsvoll schaute Maya zu Helen, die unglücklich das Gesicht verzog. „Ich will doch Pflicht!“
    „Nein“, entgegnete Halim entschieden, „du wolltest Wahrheit, also kommt jetzt Wahrheit.“
    „Okay“, seufzte Helen. „Das war in Wales, ich war vierzehn, wir hatten so einen Schultanz und ich war verknallt in John Clove, aber der war ein totaler Idiot. Er hat mich unter ein Fenster gelockt, aus dem mich einer seiner Kumpel mit Punsch übergoss.“
    „Das ist ja furchtbar“, meinte Ame entsetzt.
    „Aber das Schlimmste war sein Lachen. Ich habe noch nie ein so blaues Lachen gesehen.“



    7. November
    Meraki
    In regelmäßigen Abständen flackerte die Lampe über dem Arbeitstisch, doch Maya hatte sie schon lange ausgeblendet. Auch wenn sie immer schon davon fasziniert war, arbeitete sie heute zum ersten Mal selbst an einem Holzspielzeug.
    „Ach hier bist du!“ Die Stimme ihres Freundes durchbrach die Stille. „Arbeitest du immer noch daran?“
    „Es soll etwas Besonderes werden.“ Tatsächlich hatte Maya die Zeit vergessen, während sie an dem Geschenk für ihre kleine Cousine bastelte.
    Lächelnd blickte Erik zu ihr. „Soll ich dein Essen warm stellen?“
    „Nein danke, ich bin fertig.“ Gedankenverloren strich Maya über das hölzerne Pferdchen, ehe sie zu Erik ging.



    8. November
    Kilig
    „Kilig“, sagte Maya und dachte daran, wie ihr der alte Philippiner die Bedeutung erklärt hatte, als sie sie schon fast nicht mehr kannte.
    „Wie bitte?“
    Maya versuchte, nicht allzu rot zu werden, als Erik sie fragend ansah. Sie fühlte sich gut in seiner Gegenwart, doch mit ihm zu reden war noch neu und ungewohnt. Das Kribbeln in ihrem Bauch nahm zu und ihre Gedanken schlugen Purzelbäume. Dennoch bemühte sie sich, ruhig zu sprechen.
    „Kilig beschreibt, wie ich mich fühle. Ich weiß nicht, wie man es nutzt, aber ich fühle es endlich wieder. Und das ist wundervoll. Ich danke dir.“



    9. November
    Pisan Zapra
    „So“, sagte Halim und platzierte seine Ausbeute auf dem Tisch.
    „Wirklich? Wir sind in Malaysia und du möchtest Bananen essen?“
    „Nicht einfach nur essen, ich will sie schnell essen. Ich will zeigen, dass man es auch in unter zwei Minuten schaffen kann.“
    Seit einer der Einheimischen ihnen von diesem Ausdruck erzählt hatte, war Halim wie besessen davon. Langsam glaubte Maya, der alte Mann war eigentlich ein Bananenhändler, der nur seine Ware verkaufen wollte.
    „Natürlich schafft man das!“, entgegnete sie. „Niemand sagt, dass es immer nur zwei Minuten sind.“
    „Mir egal“, meinte Halim und schob sich eine Banane in den Mund.



    10. November
    Jugaad
    „Mist!“ Frustriert betrachtete Svenja die Tür, durch die ihr Sofa beim besten Willen nicht passen wollte.
    „Ach, das ist doch kein Rückschlag, das ist eine Herausforderung!“
    Manoj und Svenja ergänzten sich wunderbar. Während sie immer alles ordentlich haben wollte, mochte er es lieber spontan und beruhigte Svenja, wenn es einmal nicht perfekt lief.
    „Maya, hilfst du mir mal?“
    Nach Manojs Anleitung setzt Maya nun Teile zusammen, befestigte Seile an Sofa und Fenster und konnte auch nach Jahren nicht sagen, was sie dort eigentlich getan hatte.
    „Jugaad!“, sagte Manoj, wie andere „Tada!“ sagten, und präsentierte seiner Freundin den fertigen Flaschenzug.



    11. November
    Fika
    Seufzend ließ Maya sich in den weichen Sessel ihrer Schwester fallen, die gerade ein Tablett mit Kaffee und Kuchen ins Wohnzimmer balancierte. „Das war eine wunderbare Idee.“
    „Ich wusste, dass dich das auf andere Gedanken bringt“, meinte Svenja, stellte das Tablett ab und nahm neben Maya auf dem Sofa platz. Dann reichte sie ihr eine Tasse und ein Stück des selbstgemachten Kuchens.
    „Danke“, sagte diese und nahm Tasse und Teller entgegen. „Frei von Alltagssorgen.“
    „Und ich würde dir gerne noch etwas erzählen“, sagte Svenja verheißungsvoll. „Manoj hat mich gefragt. Ich bin verlobt!“ Ihr Lächeln nahm den gesamten Raum ein.

  • XIX b

    Klasse, noch nicht einmal wöchentlich kriege ich hin. Noch nicht einmal, wenn ich die Sachen hier nur ausstellen muss. Das mit dem Schreiben hat aber zumindest geklappt, dabei bin ich aktuell. Mal sehen, wann die nächsten Drabbles kommen werden. Irgendwann demnächst bestimmt. Ich hab den Willen, das jetzt durchzuziehen.
    Das Vorwort bleibt übrigens immer das Gleiche - vielleicht gibt es am Ende ein Nachwort. Mal sehen. Aber es ist erstaunlich, wie unterschiedlich zufrieden ich bin mit den Werken. Na ja. Ich hoffe, sie gefallen euch trotzdem!



    Lost in Translation



    12. November
    Hiraeth
    „Und, was ist es für dich?“
    Fragend schaute Helen zu Maya, deren Gedanken noch um das alte Baumhaus kreisten, von dem Helen gerade erzählt hatte.
    „Nun“, sagte sie, um Zeit zu gewinnen, „ich hab’ da noch nie drüber nachgedacht, aber ich schätze, es wäre das Zauberreich. Davon hat mir mein Vater immer erzählt. Es ist gleich beim Mond und dort leben Feen und Elfen. Und manchmal ist er mit mir dorthin geflogen.“ Wehmütig lächelnd dachte Maya daran zurück. „Irgendwann ist er alleine dorthin gegangen und ich konnte ihm nicht mehr folgen. So sehr ich auch wollte. Ich vermisse ihn.“



    13. November
    Tíma
    „Ach komm, das wird sicher lustig.“ Halim stand vor dem isländischen Museum und versuchte, seine Freundin zu überreden, mit hineinzukommen.
    „Meinst du wirklich?“ Skeptisch beäugte Maya das graue Gebäude, das mehr Ähnlichkeit mit einem Bunker hatte als mit einem Museum. „Aber das kostet Zeit und Geld …“
    „Du bist doch diejenige, die so auf andere Länder steht; gerade die Skandinavischen.“
    Halim hatte ja recht, immerhin wusste Maya selbst nicht genau, warum sie sich so dagegen sträubte. Vielleicht war ihr das Museum nur suspekt. Vielleicht war es etwas anderes …
    „Später vielleicht“, vertröstete sie ihn, ohne sich dessen wirklich sicher zu sein.



    14. November
    Komorebi
    Sanft wehte der Wind durch das dichte Laubdach und ließ das Sonnenlicht glitzern.
    „Und? Gefällt es dir hier?“ Den ganzen Tag hatte Maya Ame herumgeführt und ihm alles gezeigt, nun lagen die beiden in einem kleinen Park im Gras und genossen den schönen Sommernachmittag.
    „Es gefällt mir sehr. Es war die richtige Entscheidung, herzukommen.“
    „Das freut mich sehr.“ Maya war erleichtert, nachdem sie Ame im Grunde überredet hatte, nach Deutschland zu kommen.
    „Danke. Für alles. Und den schönen Tag. Das ist ein wunderschönes Komorebi, nicht?“
    „Komorebi?“, fragte Maya verwundert, aber neugierig; sie liebte andere Sprachen.
    „Ja, sieh nach oben.“



    15. November
    Razliubit
    „Maya, was ist mit dir los?“
    Ihre gemeinsame Reise durch Ozeanien und Ostasien war fast zu Ende, als Halim schließlich fragte.
    „Ich liebe dich nicht mehr“, sprach Maya endlich aus, was sie schon so lange beschäftigte. „Ich mag dich, du bist ein toller Freund, aber es ist anders. Und ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass es dir genauso geht.“
    Halim sah sie nur an, ohne etwas zu erwidern, doch Maya sah in seinem Blick, dass er verstand, dass er ihre Gefühle teilte. Schweigend standen sie da in dem russischen Hotelzimmer; zwischen ihnen schwebte die bittersüße Wahrheit.



    16. November
    Boketto
    Schimmernd weitete sich der Ozean vor ihr aus. Er schien endlos. Maya hörte die Schritte nicht, die hinter ihr erklangen, sie sah nur in die Ferne.
    „Woran denkst du?“
    Eine männliche Stimme mit kaum hörbarem japanischen Akzent ließ sie aufblicken. Neben ihr stand ein Junge, vielleicht etwas jünger als sie; seine dünnen Augen schauten fragend.
    „Nichts“, erwiderte Maya und sah wieder zum Ozean.
    „Ah, boketto“, sagte er und folgte ihrem Blick.
    Da fiel Maya etwas auf: „Woher weißt du, dass ich Deutsch spreche?“
    „Ich hab dich im Hotel gesehen. Ich bin Ame.“
    „Maya.“
    Dann schauten beide schweigend aufs Meer.



    17. November
    Vacilando
    „Hey ihr, könnt ihr mir helfen?“ Freundlich lächelnd kam der junge Mann auf Maya und Erik zu. „Wisst ihr was, wo ich hier unterkommen kann?“, fragte er und rückte seinen großen Rucksack zurecht.
    „Ja, gleich dort die Straße runter.“ Maya deutete in die Richtung. „Woher kommst du?“
    „Ach, von überall. Ursprünglich aus jedem spanischsprachigen Land, aber jetzt reise ich.“
    „Und wohin?“, fragte Erik.
    „Ach nirgends, das Reisen macht mir Spaß, nicht das Ankommen. Ich bin übrigens Marcos.“
    „Ich bin Maya und das ist Erik.“ Dann wechselten die beiden einen kurzen Blick. „Wenn du willst, komm doch mit zu uns.“



    18. November
    Karelu
    „Das ist zu eng!“
    „Ja, es spannt, aber die Farbe ist schön“, meinte Svenja.
    Die beiden standen im dritten Modegeschäft, um Mayas Kleid für die Hochzeit zu finden.
    „Guck dir das an“ - Maya schob einen der Spagettiträger zur Seite - „da ist schon ein Abdruck.“
    „Mist!“
    „Was ist?“ Verwirrt sah Maya ihre Schwester an.
    „Es gibt ein Wort dafür. Manoj hat es mir gesagt, aber ich komm’ nicht drauf!“
    „Wir fragen ihn, aber darf ich das Kleid jetzt ausziehen?“


    Eine Stunde später schaute Maya zufrieden im Spiegel auf das himmelblaue Kleid. „Fast so schön wie deins.“
    „Und ganz ohne Karelu.“



    19. November
    Jayus
    „Was ist weiß und steht hinterm Baum?“
    „Was?“ Die Frage traf Maya vollkommen unvorbereitet. Sie wusste noch nicht einmal, was Halim ihr damit sagen wollte. „Keine Ahnung.“
    „Eine schüchterne Milch.“
    Maya lachte tatsächlich kurz auf, als sie verstand. „Ein Flachwitz“, kommentierte sie. „Indonesien hat einen schlechten Einfluss auf dich.“
    „Ach Quatsch! Was ist grün und tut weh, wenn man es ins Gesicht bekommt?“
    Dieses Mal machte sich Maya nicht die Mühe, nachzudenken, sondern wartete nur auf die Antwort.
    „Ein Billardtisch.“
    Jetzt musste sie wirklich lachen. Es war einfach zu absurd.
    „Was dampft und hüpft über die Wiese? – Ein Kaminchen.“

  • XIX c

    Wenn ich sonst schon nichts hinkriege, mache ich wenigstens hiermit weiter. Also ja, ich habe aktuell ziemlich wenig Zeit, aber trotzdem muss ich das hier einfach machen. Diese Drabbles sind aktuell mein Kontinuum. Oder so. Verurteilt mich nicht, weil ich sonst kaum etwas mache. Ich hab selbst hierfür kaum Zeit. Aber ich möchte das unbedingt machen. Ich verspüre den Drang, es zu tun. Und das ist gut. Das bringt mich zum Schreiben.
    Ansonsten wieder: gleiches Vorwort - wie gewohnt. Aber wisst ihr, was ich überlegt habe? Wenn das nicht alles Mayas Welt wäre, wäre bei vielen Drabbles etwas ganz, ganz anderes rausgekommen. Vielleicht mache ich ja irgendwann mal unabhängige Texte. Oder ihr versucht euch irgendwann daran. Wer weiß? Jetzt aber erstmal viel Spaß beim Lesen!



    Lost in Translation


    20. November
    Oppholdsvær
    Es war ein kühler Herbsttag. Der Himmel war eher grau als blau und man konnte von Glück reden, wenn man einmal die Sonne zu Gesicht bekam. Trotzdem blieb es trocken.
    „Ich liebe dieses Wetter.“
    „Wirklich?“
    Überrascht sah Maya zu Erik. Die beiden waren zum ersten Mal gemeinsam spazieren und Maya genoss jeden Schritt durch die kalte Nachmittagsluft. Dennoch hatte sie damit nicht gerechnet.
    „Ja, du nicht?“
    „Doch! Ich kenne nur sonst kaum jemanden, dem es genauso geht.“
    „Nun ja, jetzt kennst du noch einen mehr.“
    Lächelnd schaute Erik zu ihr und Maya konnte nicht anders, als es zu erwidern.



    21. November
    Ubuntu
    „Herzlich Willkommen!“
    Mit einem freundlichen Lächeln öffnete die junge Frau die Tür zu der alten Holzhütte.
    „Sabia! Wie schön, dich wiederzusehen!“, begrüßte Erik sie herzlich, dann stellte er ihr Maya vor.
    „Freut mich sehr, Maya.“
    „Mich auch. Danke, dass wir hier unterkommen können.“
    „Na selbstverständlich. Aber kommt erstmal rein.“
    Das Ferienhaus war von innen genauso gemütlich, wie es von außen wirkte. Die warme Einrichtung wurde von einem Kaminfeuer abgerundet.
    „Jeder ist hier willkommen. Ich lebe nach dem Ubuntu-Prinzip“, erklärte Sabia, als sie im Wohnzimmer Platz nahmen. „Das ist das schöne an Afrika, dass man sich diese Menschlichkeit bewahren kann.“



    22. November
    Gurfa
    „Warum muss das so heiß sein?“
    „Ach komm schon, so heiß ist es doch gar nicht.“
    Maya und Halim waren sich selten einig, wenn es um das perfekte Wetter ging. Während ihr Freund die warmen Temperaturen gewohnt war, fühlte Maya sich in Herbst und Winter am wohlsten.
    „Mein Schweiß sagt etwas anderes.“
    „Vielleicht fühlt er sich nur einsam“, überlegte Halim mit einem verschmitzen Lächeln, das Maya gar nicht gefiel. Dann schöpfte er eine Handvoll Wasser aus dem Bach, an dem sie gerade vorbeigingen, und spritzte es ihr ins Gesicht.
    „Hey!“, beschwerte sie sich, setzte aber sofort zum Gegenschlag an.



    23. November
    Kaapshjnurslis
    „Oh Mann, wo wollen die denn alle hin?“, beklagte sich Helen, als an der Haltestelle noch mehr Menschen in die ohnehin schon viel zu volle Bahn stiegen.
    „Keine Ahnung“, antwortete Maya, die noch enger zwischen Helen und die Haltestange gequetscht wurde, „aber das ist noch lange nicht das Maximum. Die vollste Bahn, in der ich je war, war in Lettland.“
    „Lettland?“, fragte Helen.
    „Seltsam, nicht? Aber so ist es.“
    „Die nächste müssen wir raus!“, ertönte Eriks Stimme von irgendwo in der Menschenmenge.
    „Na gut“, meinte Helen zu Maya, „aber erklär mir bitte noch, wie du da wieder rausgekommen bist.“



    24. November
    Hanyauku
    Warm schien die Sonne vom Himmel und ließ das Wasser des Fjords funkeln. Maya genoss den schönen Tag und das kühle Nass. Erik, Sabia und sie waren schon eine ganze Weile im Wasser und Sabia entschied als erste, es zu verlassen. Auf Zehenspitzen lief sie über den Sand zu ihren Sachen.
    „Ist es so kalt?“, fragte Erik, der neben Maya an Land ging.
    „Was? Ach so, nein, das ist so eine blöde Angewohnheit von mir“, erklärte Sabia. „Ich bin es einfach gewohnt, dass Sand immer heiß ist.“
    „Nun“, meinte Erik, „hier in Norwegen machen wir sowas höchstens auf Eis.“



    25. November
    Wabi-Sabi
    „Entschuldigst du mich kurz?“ Ein wenig schlecht fühlte Maya sich schon, als sie Halim stehen ließ, doch als sieb Ame gesehen hatte, musste sie einfach zu ihm. Er sah unglücklich aus.
    „Alles in Ordnung?“, fragte sie, als sie ihn erreichte.
    Verwirrt drehte er sich um. „Oh Maya, du bist es. Ich …“
    „Ja?“
    Seufzend suchte Ame nach den richtigen Worten. „Es gibt hier so ein Prinzip, eine Art Lebenseinstellung. Wabi-Sabi. Ich versuche das zu erreichen, aber …“
    „Unvollkommenheit ist schwer“, überlegte Maya zustimmend.
    Überrascht sah Ame sie an; dann nickte er.
    „Weißt du was? Ich helfe dir. Wir schaffen das zusammen.“



    26. November
    Mamihlapinatapai
    „Meine Tochter wird heiraten!“ Freudig betrachtete Svenjas Mutter den Verlobungsring ihrer Tochter. „Er hat doch dir den Antrag gemacht?“
    „Ja, Ma. Auch wenn es sowas wie Emanzipation gibt.“
    „Aber so ist es viel romantischer!“
    Hilfesuchend sah Svenja zu ihrer Schwester. Wann immer ihre Mutter der Romantik verfallen war, ließ sich wenig machen.
    „Wie hat Pa dich denn gefragt?“, versuchte Maya das Thema zu wechseln.
    „Hach, das war in Chile. Aber gefragt hat er mich nicht.“
    „Ach nein?“, fragte Svenja hellhörig.
    „Nein, wir wussten es einfach. Wir wussten, wir würden heiraten, aber keiner von uns traute sich, es zu sagen.“



    27. November
    Uitwaaien
    Maya spürte, wie der Wagen hielt.
    „Darf ich jetzt die Augenbinde abnehmen?“
    Nach den letzten stressvollen Wochen hatte Erik sie abgeholt und mit verbundenen Augen ins Auto gesetzt. Inzwischen hatte sie jedes Zeitgefühl verloren. Nun hörte Maya, wie Erik ausstieg und ihr die Tür öffnete. „Wir sind fast da.“
    Nach wenigen Schritten, die leicht bergan führten, blieben sie stehen.
    „Jetzt“, sagte Erik und im gleichen Moment wehte Maya eine Windböe entgegen.
    Als ihre Augen sich an das Licht gewöhnt hatten, fand sich Maya auf einer Klippe am Meer wieder. „Wo sind wir?“
    „In Holland. Du solltest mal richtig auswehen.“



    28. November
    Tiám
    „Tiám“, begann Maya. Etwas nervös stand sie vor der Hochzeitsgesellschaft; aber sie hatte Svenja versprochen, etwas zu sagen, also musste sie es auch durchziehen.
    „Ich erinnere mich noch genau daran, wie Manoj und Svenja sich kennengelernt haben. Es war tiefster Winter und wir waren gerade auf dem Weg, einen Weihnachtsbaum zu kaufen, da begegneten wir diesem jungen, gutaussehenden Mann.“ Lächelnd blickte Maya zum Brautpaar. „Ich werde nie vergessen, wie Svenjas Augen in diesem Moment geleuchtet haben. Und seine strahlten zurück. Da wusste ich, dass diese beiden etwas Besonderes verbindet.“
    Dann erhob Maya ihr Glas: „Auf Manoj und Svenja! Tiám!“



    29. November
    Ya’aburnee
    Es war ein warmer, sonniger Tag. Maya und Halim gingen spazieren und genossen das schöne Wetter. Da entdeckte Maya auf einer Bank ein älteres Pärchen, das sich unterhielt.
    „Die sprechen Arabisch, oder?“, fragte sie an Halim gewandt.
    „Du begräbst mich.“
    „Was?“
    „Oh, entschuldige, ich hab nur übersetzt.“
    „Und sie reden über ihre Beerdigung?“ Verständnislos sah Maya die beiden an.
    „Nein, nein“, lachte Halim, „das heißt, sie können nicht ohne einander leben.“
    „Okay“, meinte Maya nachdenklich, „das klingt schon romantisch.“
    Noch einmal blickte sie zu dem Pärchen und verspürte den Wunsch, wie sie alt zu werden mit ihrer großen Liebe.



    30. November
    Feuille-morte
    Der Wind streifte die kahlen Äste und ließ die letzten verbleibenden Blätter rauschen. Schweigend schritt Maya durch das gefallene Laub, das jede Bewegung mit einem Rascheln untermalte. Es war kühl geworden; so, dass man die Kälte schon spürte, aber noch nicht fror.
    Gedankenverloren folgten Mayas Blicke den Blättern, die der Wind mit sich trug. Ihre Farbe war vergangen, sie hatten sowohl ihr saftiges Grün als auch ihr buntes Herbstgewand verloren.
    Sie dachte an alles und nichts. Am meisten aber an das Ende. Es war das Ende der Blätter, das Ende ihres Lebens.
    Mit diesem Gedanken erreichte sie das Grab.