Fremde Welten

  • ...


    (c) me


    .Willkommen!
    Es freut mich wirklich sehr, dass es euch in mein kleines Topic verschlagen hat. :3
    Um mich einmal kurz vorzustellen: Ich bin Shira und habe mich 2011 hier als Misana angemeldet. Überhaupt erst zum Forum gekommen bin ich über die Wettbewerbe hier im Bereich und kurz nach meiner Registrierung habe ich schon an meinem ersten Wettbewerb teilgenommen und den fünften Platz gemacht. Nach zwei Saisonen intensiven Schreiben wurde es leider immer weniger und genau diesem Umstand möchte ich mit dem Topic hier entgegenwirken. Aber wundert euch nicht, wenn hier auch alte Werke ausgestellt werden.

    Jetzt, Jahre nachdem ich den ersten Teil geschrieben habe, stellt dieses Topic für mich eine Motivation zum Schreiben dar. Ich finde es schön, meine Werke mit anderen zu teilen, und natürlich noch schöner, wenn sie euch auch gefallen.


    .Über meine Werke
    Ihr werdet in diesem Topic hauptsächlich kurze Geschichten (viele davon mit Einflüssen aus der Musik) und auch ein paar Gedichte finden. Vielleicht auch ab und an ein anderes "Experiment", aber das eher seltener.
    Meine Gedichte schreibe ich eigentlich ziemlich konservativ; Reime und Rhythmus sind bei mir ein Muss und wenn euch formal etwas auffällt, dann dürft ihr es gerne anbringen. Leider habe ich insgesamt nur recht wenig "reine" Gedichte, die meisten sind Liedtexte. Wobei ich diese eher weniger hier ausstellen werde.
    Kurze Geschichten schreibe ich sehr gerne, weil dies die einzige Form der Epik ist, die ich beenden kann. Egal wie sehr ich es versuche, zu einer längeren Geschichte hat es bei mir noch nie gereicht. Aber gerade für Wettbewerbe habe ich früher sehr gerne geschrieben und tue es gelegentlich immer noch. Meine Größte Inspiration dabei ist die Musik. Ich bin immer noch verzaubert von den Klanggeschichten-Wettbewerben und auch an Geschichten mit Lyrics habe ich mich schon versucht. Musik vermittelt eine ganz eigene Stimmung, die man dann als Autor in seinem Text auffangen muss. Und genau das liebe ich so daran.


    .Über die Leute
    Ohne einen aktiven Fanfiction-Bereich wäre ich im Schreiben niemals so weit gekommen, dass ich ein Topic eröffnen könnte. Deshalb danke ich an dieser Stelle jedem, der jemals eines meiner Werke in einem Wettbewerb bewertet und/oder auch bepunktet hat.
    Und ich danke den wundervollen Leute sowohl aus dem FF- als auch aus dem RPG-Komitee, weil diese es sind, die mich immer wieder zum schreiben bringen bzw. gebracht haben. ;3
    Auch wenn sie dies vermutlich niemals lesen wird, möchte ich auch Faolin besonders danken, da sie mich in meiner Anfangszeit hier und auch bei meinen ersten Ideen zu einem solchen Topic sehr unterstützt hat.
    Last but not least nun die Person, bei der eine einfache Danksagung nicht reicht, weil ohne sie dieses Topic niemals entstanden wäre, da ich mich wahrscheinlich doch nicht dazu aufgerafft hätte, hier meine Werke zu posten. Aber versprochen ist versprochen und deshalb gibt es nun auch endlich dieses Topic, welches ich Caroit widmen möchte. Das permanente Nerven hat sich jetzt wohl ausgezahlt. :b Vielen Dank, einfach dafür, dass du immer da bist. Und viel Spaß in diesem Topic. ♥


    Seit Dezember 2016, genauer gesagt als Weihnachtsgeschenk an so viele tolle Menschen, die mein Leben bereichern und ihm Farbe schenken, gibt es in diesem Topic ein Gedicht, das euch in meine ganz persönliche Welt entführt, welches deshalb nur hier und nicht unten gelistet wird. Natürlich ist es nicht das erste persönliche Werk in diesem Topic, aber dennoch etwas anderes. Damit es aber trotzdem vom Startpost aus zu finden ist, folgt von hier aus der Spur des Regenbogens: Ich schenk euch einen Regenbogen


    .Und nun ...
    ... genug der Worte und auf in fremde Welten. Genießt eure Reise und scheut euch nicht, auch einmal inne zu halten und mir zu erzählen, was ihr denkt; egal auf welchem Weg. Ich freue mich über jede Rückmeldung. ^-^
    Wenn ihr gerne eine Benachrichtigung zu neuen Werken erhalten wollt, dann könnt ihr euch gerne bei mir melden. =3




    .Musikalische Welt

    .Pokémon-Welt

    .Ferne Welt

    .Bilder-Welt

    .Fantastische Welt










    Legende: fett = Erzählung/kurze Geschichte
                  kursiv = Gedicht
                  unterstrichen = Drabble

  • I

    Ich beginne mit zweien meiner Werke, damit mein Topic nicht ganz so leer aussieht. Beide stammen noch aus der Saison 2012, welche wohl meine Blütezeit war. Nun ja, ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen. :3



    Sad Violin - Rising Star


    Sad Violin - Rising Star


    Die Landschaft rauscht vor dem Fenster vorbei, doch ich habe nur Augen für den Himmel. Strahlend blau gibt er sich heute, lässt uns nicht erahnen, welche Weiten sich hinter ihm noch verbergen. Trotzdem suche ich nach dem Kometen, der mit konstanter Beschleunigung auf unsere Erde zurast. Obwohl mein Vater hoch anerkannter Astronom ist, habe ich keinen Drang dazu, den Weltraum genauestens zu erforschen. Mir reicht die Faszination, die die Größe auf mich auswirkt.
    „Neustadt“, dringt es monoton aus den Lautsprechern der Bahn; meine Haltestelle.
    Da ich nichts mitgenommen habe, kann ich einfach aussteigen. Auf dem offenen Bahnsteig schlägt mir die kalte Frühlingsluft wie eine Wand entgegen und zieht sich in meine Haut. Aber ich habe mich ja nicht wärmer anziehen wollen.
    Viel zu langsam gehe ich durch die Straßen. Gestern Abend hat mein Vater den Kometen entdeckt, der unumgänglich auf die Erde stoßen wird. Irgendwann während des heutigen Tages wird die Welt davon erfahren. Und morgen ist es zu spät. Mit jeder Sekunde, die verstreicht, kommt der Komet - oder inzwischen vielleicht schon eher Meteor - schneller auf die Erde zu. Eine Unruhe, eine eiserne Hektik, ummantelt von dem Bewusstsein, dass das alles nichts mehr bringt, legt sich um mein Herz. Um mich herum geht das Leben seinen normalen Lauf – die Ruhe vor dem Sturm. Wir haben kaum noch mehr als vierundzwanzig Stunden, von denen ich wieder zwei mit der Zugfahrt zurück vergeuden werde. Trotzdem beschleunige ich meinen Schritt nicht. Wenn ich Pech habe, ist er noch nicht einmal da.
    Hinter der nächsten Ecke ist es, das blaue Haus, in dessen Dachgeschoss Lukas seine Wohnung hat. Er muss einfach da sein! Ich kann nicht auf meinen Tod warten, ohne dass er mir verzeiht. Mein Handeln hat unsere Familie auseinander gebracht. Ich kann es mir ja selber nicht vergeben…
    Die Tür stand offen, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, geklingelt zu haben, als ich jetzt durch das alte Treppenhaus laufe. Einen Fahrstuhl gibt es nicht, man muss die hölzerne Treppe nehmen; das war immer eine Bedingung für seine Wohnung gewesen.
    Ich gehe immer noch so langsam und doch stehe ich viel zu schnell vor seiner Tür. Was soll ich denn bloß sagen?
    Ich klingele. Die Sekunden vergehen und ich spüre förmlich den Kometen näher kommen.
    Er öffnet, mustert mich eindinglich. Erkennt er mich nicht?
    Dann tritt er einen Schritt zur Seite und lässt mich so in die Wohnung. Es ist viel ordentlicher, als ich es mir vorgestellt hätte. Die Sofakissen liegen gerade auf der Couch und auf dem Tisch davor liegt keine einzige Chipstüte. Die kleine, offene Küche im Hintergrund strahlt förmlich vor Sauberkeit. Wow.
    „Was willst du hier, Malika?“ Abweisend, hart. Es tut weh ihn so zu hören, aber ich bin nun mal selbst schuld.
    „Ich möchte dich um Verzeihung bitten.“ Ich sehe ihm in die Augen, flehend, suche nach irgendetwas, nach irgendetwas… Aber sein Blick ist genauso hart, wie seine Stimme.
    „Warum sollte ich dir vergeben? Hast du eine Ahnung, was du mir angetan hast?“ Jetzt wird er laut, brüllt mich an mit all der Wut, die sich in den letzten Jahren in ihm angestaut hat. Ich kann es ihm nicht verdenken.
    Ich schweige und Lukas beruhigt sich wieder. Er war nie der Mensch, der schnell laut wird. So ist er nicht. Aber wer sollte es ihm jetzt verdenken?
    Wieder verstreichen wertvolle Sekunden, aber einfach wieder in seiner Nähe zu sein, lässt die Zukunft weniger grausam erscheinen. Ich sollte es ihm sagen.
    „Papa hat einen Kometen entdeckt, der geradewegs auf die Erde zurast. Morgen Abend.“ Seine Mine rührt sich kein Stück, mir allerdings steigen die Tränen in die Augen. „Bitte.“ Ich schluchze. „Bitte… Alles, was ich will, ist, dass du mir vergibst.“
    Eine Träne, feucht und salzig, erreicht meinen Mundwinkel, während ich auf seine Antwort warte. Wie gerne würde ich wissen, was er denkt. Wir waren doch unzertrennlich…
    „Ich muss darüber nachdenken.“ Erneut schwingt keinerlei Emotion in seiner Stimme mit. Wie kann er seine kleine Schwester hier nur so stehen lassen? Er kennt doch die Arbeit unseres Vaters. Er hat sich nie geirrt.
    Lukas hält mir die Tür auf; ein eindeutiges Zeichen, dass ich gehen soll. Warum nur? Neue Tränen laufen über meine Wangen, während ich ihn noch ein letztes Mal in meinem Leben betrachte. Er ist älter als in meiner Erinnerung - natürlich. Die braunen Haare sind nun korrekt frisiert und seine Gesichtszüge scheinen auch von sich aus härter zu sein. Seine blauen Augen wie Eis. Keinen Funken der Lebensfreude kann ich noch darin erkennen; ich habe sie ihm genommen.
    Ich brenne mir dieses Bild in mein Gedächtnis, ich will es nicht verlieren. Nach Sekunden der Stille schließt er die Tür und lässt mich alleine im Treppenhaus stehen. Alleine; das ist alles was ich fühle.
    Auf dem Weg zurück auf die Straße sind meine Tränen getrocknet. Die Hektik ist inzwischen komplett aus meinem Körper gewichen und ich spüre nur noch eine seltsame, unnatürliche Ruhe, die von der teilweise stechenden Kälte dieses frühen Nachmittages nur noch verstärkt wird. Um mich herum fangen die Menschen an, panisch herumzulaufen, in eine Schockstarre zu verfallen oder in ihren Emotionen zu versinken. Als ich an einem Schaufenster vorbeigehe, in welchem ein Fernseher läuft, erkenne ich den Pressesprecher meines Vaters. Sie wissen es. Doch irgendwie dringt nichts zu mir durch. Ich sehe das meiste nur noch verschwommen. Er wird mir nicht verzeihen. Wir werden nie wieder eine Familie sein… Ich werde ihn nie wiedersehen.
    Wie in Trance laufe ich zum Bahnhof. Ein Wunder, dass die Züge noch fahren.


    „Schatz, du kannst sowieso nichts mehr tun.“
    Überrascht sehe ich auf. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass meine Mutter in das Observatorium kam. Jetzt legt sie meinem Vater die Hände um die Hüfte und zwingt ihn mit einer sanften Bewegung, sich zu ihr umzudrehen.
    Stumm blicke ich zum Himmel. Ich habe das Gefühl für die Zeit verloren. Die ersten Sterne tauchen gerade am Firmament auf. Vielleicht sind einige von ihnen schon vor tausenden von Jahren verloschen… Ob man sich auch so lange an die Erde erinnern wird?
    „Wie viel Zeit bleibt uns noch?“, frage ich. Ich bin nicht ängstlich, nicht panisch. Die Ruhe von gestern lässt mich nicht mehr los, allerdings versinke ich immer mehr in meiner eigenen Schuld und der Verzweiflung, dass Lukas mir nie vergeben wird.
    „Nur noch ein paar Minuten.“ Mein Vater klingt, als wolle er noch das Beste aus der Situation herausholen. „Vielleicht sollten wir rausgehen, dann haben wir einen besseren Blick.“ Er lächelt und küsst meine Mutter sanft auf die Stirn. Ich werde nie die wahre Liebe finden, nie wieder dieses Gefühl spüren; nur noch wissen, dass ich im Leben vor allem als Schwester versagt habe.
    Ein letztes Mal werfe ich mich meinen Eltern um den Hals, küsse sie und vergieße nun doch Tränen. Vielleicht habe ich es verdient; sie nicht.
    Auf der Wiese vor dem Observatorium gehe ich ein paar Schritte weiter; ich will sie nicht sehen. Ich kann es nicht.
    Nachdem der letzte Tag wie die Landschaft im Zug an mir vorbeigerauscht ist, vergeht nun die Zeit wieder schleppend langsam. Und trotzdem spüre ich noch immer keine Angst. Die bleierne Ruhe lässt mein Herz nicht mehr frei.
    Plötzlich höre ich ein Schluchzen, einen Freudenschrei meiner Mutter, doch ich drehe mich nicht um, ich bin wie gelähmt. Der Himmel wird dunkler, die Sterne immer deutlicher zu erkennen. Kurz schließe ich die Augen. Bald ist es vorbei.
    „Es tut mir leid.“
    Allein der erste Laut reist mich aus meiner Trance. Schlagartig öffne ich die Augen wieder. Bilde ich mir das nur ein? Steht er da wirklich?
    „Ich hätte nicht so stur sein sollen, wirklich.“ Lukas hält mir seine Hand entgegen; er sieht völlig fertig aus. Langsam greife ich zu, während er die lang ersehnten Worte ausspricht: „Natürlich vergebe ich dir.“
    Seine Hand schließt sich um meine und ich umarme ihn. Es gibt doch noch Wunder. Die Tränen zurückzuhalten, ist einfach unmöglich, aber vielleicht ist das ja einfach meine Art.
    Zusammen mit Lukas stehe ich nun da und warte auf unseren Tod. Wie eine immer größer werdende Sternschnuppe taucht der Meteor am Himmel auf. Es ist, als würde die Sonne auf uns zufliegen, so hell und warm scheint der Feuerball.
    „Es ist unglaublich, oder?“
    Alles verläuft ganz schnell kaum ein paar Sekunden sind es und doch unendlich lang. Nur Sekunden verstreichen, wertvolle Sekunden. Ein letztes Mal sehe ich Lukas ins Gesicht, während der Meteor unser Umfeld schlagartig erhitzt.
    „Du hast Recht“, erwidere ich dann mit einem letzten Blick zum Himmel, einem letzten Atemzug, „er ist wunderschön.“



    Mein letzter Wunsch


    Sieh, wie ich am Boden lieg,
    und das nur für einen weitren Sieg,
    den ich nicht kann begreifen,
    nach immer diesem steifen,
    gleichen Ablauf wie bisher;
    ich kann einfach nicht mehr.


    Ein gleißend’ Licht mich blendet nun,
    doch was soll ich schon andres tun,
    als zusehn, wie man dich verehrt;
    und mir bleibt jeder Ruhm verwehrt,
    obwohl ich immer für dich litt.
    Mit jedem noch so kleinen Schritt.


    Eins frage ich mich immerzu,
    drum sage mir, warum hast du
    denn ausgerechnet mich gewählt?
    War’s, weil ich weiß, wie es dich quält,
    hier nicht als Bester wegzugehn?
    Ich möchte es doch nur verstehn.


    Zwar kämpf’ ich immer bis zum Schluss,
    doch ist dies nur noch Pflicht und Muss,
    was mich bald wird zerreißen,
    gebannt durch den rot-weißen
    Ball, der mich gefangen hält
    und jeden Tag mein Schicksal fällt.


    Nun kannst du mir noch etwas geben:
    Versprich mir, dass kein andres Leben
    so grausam wird wie meins;
    ich bitte nur um eins,
    dass endlich dir das Herz erweicht.
    Ich fleh’ dich an: Es reicht!

  • Hallo,


    ich hoff mal, es ist in Ordnung, wenn nun ausgerechnet ich mir den ersten Kommentar gammel. Hab mir schon viel zu lange vorgenommen, welche zu schreiben, und da hat mich dieses Thema gleich so angelacht...


    Zu der Geschichte halt ich mich mal kurz, da nicht wirklich mein Feld. Bin so ziemlich gar nicht überrascht, dass die gut abgeschnitten hat, so wie die unter die Haut geht (und die Musik ist auch sehr schön bzw. der perfekte Katalysator, im Falle dass die tatsächlich Teil der Abgabe war). Mir eröffnen sich da eigentlich nur zwei Fragen.... Die wohl eher irrelevante ist die Neugier danach, was die Schwester eigentlich angestellt hat, und die schon eher relevante wäre, warum denn "Rising" und nicht Falling Star (wohl ignorierend, dass man sich über fremdsprachige Titel für deutsche Texte eh streiten kann)?



    Damit dann auch zum Gedicht. Hab vor Kurzem erst ein anderes von 2012 kommentiert, da passt das gut. Das ist irgendwie das Jahr, indem ich hier vom Bereich gefallen bin für einen Augenblick... Womöglich war es eine schöne Zeit. ;D


    Meine Gedichte schreibe ich eigentlich ziemlich konservativ; Reime und Rhythmus sind bei mir ein Muss und wenn euch formal etwas auffällt, dann dürft ihr es gerne anbringen.

    Dazu gleich mal: Der Rhythmus ist mit diesen wahllos variierenden Verslängen ungeahnt "chaotisch". ;) Ist natürlich nicht verboten oder sowas, aber gemessen an dieser Aussage fällt es besonders auf.


    Abgegriffen keine Ahnung, geht. Ganz sicher nicht so wie Liebe oder sowas, haha. Ich muss zugeben, dass ich es in einem Wettbewerb auch nur mit (guten) Punkten bedenken würde, wenn die Konkurrenz nicht wirklich was hergäbe -- das jedoch, weil ich das Gedicht inhaltlich etwas zu einseitig/simplistisch finde. Zurück zu der BW-Sache, da könnte man meinen, das sei genau so ein Propagandatext von den Plasmatypen, haha. :P Ihr habt gemeinsam, eines nicht so wirklich zu beachten: Die Mons scheinen in der Regel irgendwie glücklich mit ihrer Rolle als Kampfmaschinen zu sein. Ob in der gegebenen Geschichte der Trainer jetzt wirklich ein Widerling ist oder nicht, nun ja, wir erfahren es nicht wirklich. Wir erfahren nur, dass das Mon, um das es geht, in Kämpfen womöglich besser abschneiden könnte, denn irgendwie wurde auch "ohne seine Leistung gewonnen"; das würde der Anwalt des Teufels jedenfalls sagen.


    Hm, die Zitatrunde wird nicht so ergiebig, bietet sich nicht an. :( Von der Wortwahl her ist das Gedicht ziemlich direkt, eine entsprechend leichte Kost und zwischen den Zeilen gibt es maximal Spekulation. Es ist gut gemacht, wirkt an und für sich vollkommen glaubwürdig, und so beschränkt sich meine Kritik letztendlich nur auf den Inhalt. Kann man sich letztendlich aber auch rausreden, indem man einfach annimmt, dass das Mon, das spricht, einen eher schwierigen und womöglich egoistischen Charakter hat -- warum sonst würde es nichtmal die fünf andern im Team wahrnehmen und einbeziehen? In diesem Sinne weißt Du es wohl am besten, ob wir hier ein Missverständnis haben oder nicht. Gratuliere zum dritten Platz. ;D


    Vielleicht erzähl ich auch mal noch eine kleine Anekdote. Ich selber hatte das vorherige Wochenende eine mehr oder weniger wichtige Onlinebegegnung, so Pokémon XY aufm 3DS und so. :3 Und schwierig und knapp war's auch, ging zunächst mal bis ins dritte und damit definitiv letzte Spiel. Ich hab fang an mit Trikephalo Flunkifer gegen Zapdos Knakrack; diese Position ist quasi gleich mal russisches Roulette. Wir machen unsere Eingaben und ich fang mir gleich mal den 4-3er Rückstand nach dem ersten Zug, weil er mein auf ewig geliebtes Hydreigon abschießt, bevor es was machen kann. :( Kann nicht sagen, dass ich mich in dem Moment nicht geärgert hatte, weil es eigentlich wichtig war, aber trotzdem hab ich es irgendwie geschafft, trotz dieses nicht 100% beabsichtigten Blutopfers am Ende zu gewinnen. (Und wenn definitiv absichtlich Blutopfer gemacht werden, dann wissen's die Mons natürlich und folgen freiwillig, lal, alles Teil der Taktik.) Was ich allgemein sagen will: Zum erfolgreichen Trainer gehört neben Liebe und Respekt für seine animalischen Freunde auch ein gutes taktisches Bewusstsein, und Kämpfe zu gewinnen ohne dass (viel) Schaden eingesteckt wird ist bei ebenbürtigen Gegnern unrealistisch. Ist das nun grausam? Vielleicht, ja. Das liegt dann aber eher in der Tatsache, dass es überhaupt höchst seltsam ist, sich gegenseitig abzufackeln, ertränken usw. für einen freundschaftlichen Wettbewerb. ;D Pokémon ist schon ein makabres Kinderspiel... Deshalb hab ich auch so meine persönlichen Schwierigkeiten mit FFs dazu, keine Lüge.



    So. Ich weiß nicht, ob das jetzt wirklich der tollste Startkommentar ist, muh. Ich hab mir Mühe gegeben, was Nettes zu schreiben, und bin zuversichtlich, dass es hier in Zukunft auch noch Nettes zu lesen geben wird. ;D

  • Huhu,
    jetzt gibt es dieses Topic doch tatsächlich schon seit über zehn Tagen und obwohl ich dir schon länger immer wieder damit auf die Nerven gegangen bin, habe ich es noch nicht geschafft, einen Kommi zu schreiben. Ne, ne, das kann so natürlich nicht weiter gehen. Deswegen bekommst du jetzt einen kleinen, aber feinen Kommentar von mir ^-^


    Sad Violin - Rising Star
    Also, dieses Mal werde ich, anders als sonst, nicht gleichzeitig lesen und kommentieren, da ich glaube, dass dadurch ein bisschen die Atmosphäre verloren gehen würde, wenn ich zwischen drin immer wieder unterbrechen würde.
    Okay, so wie es momentan aussieht, wird dieser Kommi wohl nicht sehr lang werden, weil ich mich sonst ewig wiederholen müsste, wie wunderschön ich diesen Text finde. Tut mir Leid, wenn der Kommi wirklich nur so kurz wird, wie ich momentan vermute, nächstes Mal bekommst du dann einen Längeren =3
    Du schaffst es anscheinend nicht nur mit den tollsten Geburtstagstopics der Welt mich zum Weinen zu bringen. Ab der Stelle, an der sie ihn um Verzeihung gebeten hat, standen mir die Tränen in den Augen. Besonders diese Stelle war einfach so traurig, weil ihr Bruder trotz dem nahenden Weltuntergang hart geblieben ist und sie abgewiesen hat. Dazu kam dann noch diese schöne, aber ebenfalls traurige Musik und man musste als Leser einfach mit Malika mitfühlen.
    Das Ende war dann die schönste Stelle des ganzen Textes. Als ihr Bruder doch noch kam und ihr vergeben hat, konnte ich die Tränen einfach nicht zurück halten. Dieser Moment war einfach unglaublich emotional und obwohl sie kurz vor dem Tod stehen, ist das Ende doch positiv und lässt einen mit einem Lächeln zurück.
    Dieses Zusammenbringen von Traurigkeit und Glücklichsein im gleichen Moment fällt nicht nur in dieser Szene auf, auch der Titel weißt diesen Gegensatz auf und ist dadurch an sich ziemlich interessant. Einerseits klingt der erste Teil eher negative, aber andererseits klingt der zweite Teil eher positiv. Durch dieses Zusammenbringen zweier Gegensätze, bleibt der Titel auf jeden Fall gut in Erinnerung.
    Das Einzige, was mich während des Lesens ein bisschen ins Stocken gebracht hat, war der Schnitt zwischen dem ersten und dem zweiten Teil. Zuerst befindet man sich noch beim Bahnhof und plötzlich ist man im Observatorium zusammen mit anderen Personen. Trotz der Leerzeile, die eigentlich den Ortswechsel kenntlich macht, kam das ein bisschen überraschend und war am Anfang ein wenig verwirrend.
    Ansonsten passen Text und Musik übrigens wirklich gut zusammen. Die Musik ist ruhig und traurig und die meiste Zeit über hat man diesen Eindruck auch vom Inhalt des Textes. Das alle sterben werden, ist verdammt traurig, aber dadurch, dass sich in dieses unausweichliche Schicksal gefügt wird, entsteht auch der Eindruck von Ruhe.


    So, ich hoffe, du hast dich ein bisschen über diese kleinen Kommi gefreut und nachdem ich dir jetzt so lange damit auf die Nerven gegangen bin, dass du solch ein Topic brauchst (bzw. ich solch ein Topic von dir brauche, damit ich dir auch mal einen Kommi schreiben kann), bekommst du beim nächsten Update natürlich auf jeden Fall noch einen Kommentar von mir =*
    Liebe Grüße,
    Caroit

  • II


    Nun, bevor der Winter komplett einzug hält, möchte ich euch ein paar Herbstdrabble präsentieren. Sie alle sind zum Ende der Drabble-Kette entstanden. Das bedeutet, ihre Titel stammen nicht von mir. Ich hab nur versucht, mir etwas dazu zu überlegen.
    Vielleicht kommen irgendwann noch welche von meinen älteren Drabblen, wobei ich mit denen nicht ganz so zufrieden bin. Zunächst aber noch eines zum Winter, um diese Zeit einzuläuten. Genaueres findet ihr im entsprechenden Tab.
    Zudem werde ich ab jetzt ein neues System für die Liste des Startposts ausprobieren, damit ihr schneller herausfindet, um welche Art von Text es sich handelt. Dabei wird ab jetzt der erste Buchstande des Werkes in Schriftgröße 12 geschrieben und fett geschrieben, wenn es eine Erzählung ist, kursiv, handelt es sich um ein Gedicht, und bei Dinge wie diese Drabbles werden die ersten Buchstaben unterstrichen.
    Zudem dürft ihr natürlich jederzeit bescheid geben, möchtet ihr gerne eine Benachrichtigung zu neuen Werken erhalten. Eine entsprechende Liste wird bei Interessenten in den Startpost aufgenommen.
    Und nun viel Spaß beim Lesen. :3



    Herbst-Drabble


    Kastanienmädchen
    Mit geschlossenen Augen saß sie da. Ein leichtes Rauschen, ein kaum hörbares Brechen, ein schneller Fall, ein dumpfer Aufprall. Wieder war eine der Kastanien vom Baum gefallen. Im Rücken spürte sie die Rinde des alten Baumes; sie erzählte seine Geschichte. Die Augen geschlossen tastete sie nach der Kastanie. Ihr stachliger Panzer war aufgesprungen und offenbarte die wahre, glatte Schale. Genauso war sie selbst. Wenn sie unter diesem Kastanienbaum saß, legte sie alle Schutzhüllen, die sich über die Zeit gebildet hatten, beiseite, lauschte nur dem Wind, der an den Blättern und –
    Ein leichtes Rauschen, ein schneller Fall, ein dumpfer Aufprall.


    Herbstblattrauschen
    Ein Knistern und ein Knirschen. Mit jedem Schritt. Ein Rascheln und ein Rauschen. Mit jedem Lüftchen.
    Jeder verbindet mit dem Herbstlaub nur die bunten Farben. Oder das tote Braun. Ich aber brauche keine Farben zu sehen, um seine Schönheit zu erkennen. Jeder Windhauch bringt ein Lied; ein Sturm eine ganze Symphonie.
    Früher war ich traurig, dass ich ohne mein Augenlicht der Blätter Farbenspiel nicht mehr sehen konnte. Heute gehe ich blind durch meine Welt und bin dankbar für jedes Rauschen, das der Wind mir bringt.
    Und mit jedem Blatt, das fällt, wird es etwas leiser.
    Irgendwann kommt der Winter.


    Farbtanz
    Hast du schon den großen Baum gesehen, dessen Blätter sich im Oktober blutrot färben? Hast du schon die vielen so liebevoll gestalteten Laternen gesehen, die die dunklen Novembernächte erhellen? Hast du schon die kleinen Geister gesehen, die an Halloween so bunt geschminkt sind? Von wegen der Herbst ist der Beginn der grauen Zeit des Jahres. Überall ist Farbe. Und wenn der Wind nur stark genug durch die Wälder weht, beginnen die Farben, in Form von roten, gelben, braunen, goldenen Blättern, zu tanzen. Also mir kann keiner erzählen, der Herbst sei grau und trostlos. Denn das ist er sicher nicht.


    Lichtgold
    Der November ist blau-grau. Dunkel. Mit Braun. Der Oktober ist auch braun, geht aber sonst eher in Richtung beige. Seine Farbe leuchtet nicht, sie ist auch recht dunkel, hat aber noch Wärme. Der September, das Ende des Sommers, der Anfang des Herbstes, hat die Farbe der gelben Stoppelfelder, wie sie im Lied „Bunt sind schon die Wälder“ besungen werden. Die Farbe der Morgensonne, die ihren Weg durch die kahler werdenden Baumkronen sucht. Auch wenn es dunkel und kalt wird; der Herbst behält sich dieses Gold des Lichtes immer. Er vergisst nicht, dass man an solchen Tagen diesen Hoffnungsschimmer braucht.



    Wann


    Wann
    Ich habe Lust, über den Weihnachtsmarkt zu gehen, zwischen den vertrauten Ständen hindurchzuwandern und Muzen zu essen. Die kalte Luft in meiner Nase spüren. Ich will über nichts nachdenken. Einfach: „Bald ist Weihnachten.“ Nicht: „Morgen schreibe ich Mathe.“ Nicht immer an das denken, was ich noch machen muss. Und vermutlich nicht tue. Ich will mich auf Weihnachten freuen. Auf die schöne Zeit. Und dankbar sein, dass es sie gibt.
    Doch der Weihnachtsmarkt ist zwanzig Minuten entfernt.
    Ich werde nicht hinfahren. Ich werde keine Muzen essen. Aber ich kann die kalte Luft in meiner Nase spüren. Und das Frösteln genießen.

  • Hallo Shiralya. (:


    Als ich mich so durch den Bereich geklickt hab, bin ich über deinen Thread gestolpert und dachte mir, ich hinterlass dir gleich mal ein wenig Feedback.


    Kastanienmädchen

    Zitat

    Wenn sie unter diesem Kastanienbaum saß, legte sie alle Schutzhüllen, die sich über die Zeit gebildet hatten, beiseite, lauschte nur dem Wind, der an den Blättern (hier fehlt irgendwie ein Wörtchen) und –


    Ich mag dieses Drabble aus mehreren Gründen. Zum einen finde ich die dargestellte Szene herrlich in den wenigen Worten beschrieben. Zum anderen zeichnest du aber auch die vorkommende Person mit wenigen Worten doch deutlich. Das ist richtig faszinierend zu lesen, wie viel Inhalt du eigentlich in die wenigen Wörter gepackt hast. Deshalb werd ich das jetzt auch der Reihe nach Durchgehen.
    Du startest deine Szene gleich mit der Hauptperson. Sie ist wohl weiblich, aber mehr erfahren wir auch nicht, bis auf die Tatsache, dass sie mit geschlossenen Augen dasitzt. Find ich schon mal sehr gut zu wissen, weil das — im besten Falle — darauf hinweist, dass du im Folgenden den Sehsinn, der bei Menschen ja doch sehr gut ausgeprägt ist, nicht so sehr ansprechen wirst, wie die anderen vier Sinne. Gleich der nächste Satz zeigt, dass wohl der Hörsinn dir hier wichtig war, als du beschreibst, dass etwas herunterfällt: eine Kastanie. Die weibliche Hauptperson sitzt mit dem Rücken an den Baum gelehnt und hier gehst du über zum Tastsinn, denn sie spürt ja die Rinde in ihrem Rücken und diese erzählt die Geschichte des Kastanienbaums. Sehr passend, denn gerade die Rinde und der Stamm sind ja die Teile eines Baumes, die man als Mensch noch am ehesten berühren kann. Die Blätter hängen meist zu hoch und oft sind die Wurzeln tief in der Erde vergraben. Die weibliche Hauptperson öffnet aber die Augen nicht, sondern tastet nach der heruntergefallenen Kastanie. Man merkt, der Sehsinn ist hier wirklich zweitrangig. Einen interessanten Vergleich machst du hier zwischen der aufgesprungenen, stachligen Kastanienschale und der glatten Oberfläche der Kastanie selbst indem du deine Protagonistin damit vergleichst. Dadurch wirkt sie einerseits zerbrechlich, andererseits aber auch stark, ist schwer einzuschätzen. Stark, weil man sicherlich viel Kraft braucht, um solche Schutzhüllen aufrecht zu erhalten, aber auch zerbrechlich, weil es ja sicherlich etwas gibt, was sie so schützen muss. Aber irgendwie müssen wir uns ja alle ein dickes Fell zulegen, weil man selten fair behandelt wird. Zimperlich darf man nicht sein und Schwäche? Ja, die darf man heutzutage auch kaum noch zeigen. Ziemlich traurig.
    Umso schöner also, dass deine Protagonistin hier einen Rückzugsort gefunden hat, der ihr hilft zu entspannen und ruhig zu werden. Und schließlich ziehst du am Ende einen Kreis, indem du eine weitere Kastanie vom Baum fallen lässt.
    Ausgesprochen schön geschrieben, wirklich herrlich. (:



    Herbstblattrauschen
    Erneut ein Drabble, welches weniger die Augen, sondern mehr die Ohren anspricht. Finde ich sehr interessant, wie du dem Hörsinn hier erneut eine große Rolle zukommen lässt. Gerade, wenn man sehen kann, glaubt man oft gar nicht, wie es ist, es nicht zu können. Und deshalb hab ich es gern, wenn Texte sich mehr auf das Gehör oder den Tastsinn konzentrieren. Ist einfach eine andere Erfahrung, die ich gerne mache.
    Du beginnst mit knistern und knirschen, rascheln und rauschen und zusammen mit dem Titel weiß man gleich was gemeint ist. Dadurch zeichnest du ein Bild, ohne, dass du sagst, worum es geht. Das ist faszinierend. Dieses Mal schreibst du aus der Ich-Perspektive und zeigst gleich auf, dass die Person blind ist und deshalb nicht sehen kann, wie sich das Laub bunt verfärbt. Aber das braucht sie auch gar nicht, weil sie ja alles hören kann. Und da fand ich den Vergleich mit den Liedern und der Symphonie sehr gelungen. Ich persönlich beobachte ja gern, wie der Wind die Blätter umher weht und wie er an besonders windigen Tagen, beinahe ganze Bäume entkleidet. Die Bewegung der Blätter in der Luft ist wirklich schön anzusehen, deshalb geht das Geräusch, dass dabei entsteht bei mir wohl immer etwas unter. Aber ich kann mir vorstellen, wenn man die Zeit hätte inne zu halten und zu lauschen, dass es mit dem Anblick sicherlich von der Schönheit her vergleichbar wäre. Auch interessant, wie die Hauptperson sagt, dass es mit jedem Blatt etwas leiser wird. Denn daran kann man den Winter durchaus auch erkennen, nicht nur an der Kälte oder den fehlenden Farben wegen des Schnees. (Ach, hätten wir doch nur mal wieder Schnee … dieses graubraune Bayern nervt mich dieses Jahr irgendwie besonders.) Sondern auch wegen der Stille. Die fällt mir durchaus auf. Und deshalb schließt das Drabble hier auch sehr schön damit ab, dass auch der Herbst ein Ende haben wird.
    Gefällt mir sehr, dieses Drabble. (:


    Sou, das war’s soweit von meiner Seite. Bin ja gespannt, was du als nächstes hier zeigen wirst.
    Bis dahin: Happy Writing!


    — Cynda

  • III


    Ja, mich gibt es auch noch. Ich wollte eigentlich Ende letzten Jahres etwas Neues schreiben, wie ich es @Rusalka versprochen habe. Zu der Idee gibt es inzwischen knapp zwanzig Sätze und das Wissen, dass sie möglicherweise noch etwas länger wird, als erwartet. Stattdessen bekommt ihr nun also den Anfang einer anderen Geschichte zu lesen. Ich hoffe, es gefällt euch. :3



    Meereskinder


    Meereskinder


    Ich spürte nichts, als ich aus dem Auto stieg. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich jegliche Gefühle unterdrückte, oder daran, dass mein Körper mir noch einem Moment die Hitze vorenthielt, die viel zu bald viel zu stark auf mich hinab fiel. Aber was hatte ich in einem Bergtal schon anderes erwartet? Obwohl ich glaubte, irgendwo gelesen zu haben, dass dieses Dorf doch erstaunlich hoch lag.
    Ein paar Sekunden lang blieb ich einfach nur stehen. Ich stand da und versuchte, mir alles zu erklären; meinen Aufenthalt hier, die schrecklichen Gründe, einfach den kompletten Verlauf meines Lebens in letzter Zeit. Ich kam zu keinem Ergebnis.
    „Kann ich Ihnen helfen?“, vernahm ich eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und stand einem älteren Mann mit schon leicht ergrautem Haar gegenüber. Er war relativ groß und stämmig, aber er lächelte mich freundlich und hilfsbereit an. Ich schüttelte den Kopf.
    „Nein, danke“, sagte ich, während ich mich auf den Weg zum Kofferraum machte. „Ich brauchte nur einen Augenblick, um hier anzukommen.“
    Jetzt lächelte der Mann verständnisvoll. „Ja“, erwiderte er mit einem Hauch von Sehnsucht in der Stimme, „es ist immer wieder aufs Neue faszinierend.“ Ich lud meine Koffer aus, während sein Blick über die Berge schweifte. „Willkommen in Südtirol!“
    Mit diesen Worten nickte er mir kurz zu und ging dann weiter die Straße entlang. Er war freundlich, das war nicht zu leugnen, aber ich sah ihm nur wortlos hinterher. Ich würde die Berge niemals so ansehen können, wie er es gerade getan hatte. So als seien sie Zuhause. Ich hingegen fühlte mich, als wäre ich soeben auf einem fremden Planeten gelandet. Dies war nicht meine Welt. Und doch kam ich nicht umhin, mich zu fragen, ob mein Vater die Berge mit dem gleichen Blick gesehen hatte.
    Erneut blickte ich hinauf. Ich fühlte mich eingeschlossen, erdrückt von ihrer Größe. Tief atmete ich ein und vermisste sofort die klare Luft der See. Aber hier ging es nicht um mich. Hier ging es um die Liebe, die stärker war als topographische Unterschiede. Ich wünschte mir, dass sie jetzt wieder zusammen waren.
    Viel zu langsam zog ich meinen Koffer über den tristen Parkplatz auf den Eingang des Hotels zu. Neben meinem stand nur ein weiteres Auto auf dem grauen Pflaster. Ein Wochenende im Mai war scheinbar nicht sehr gewinnbringend für die Hotelbranche.
    Als sich die elektrischen Schiebetüren öffneten, stieß mir ein Schwall kalter Luft entgegen, der mich beinahe erzittern ließ. Es war doch sehr unwahrscheinlich, dass ich mich jemals an diese Temperaturen gewöhnen könnte. Der Eingangsbereich war in hellen Brauntönen gehalten. Große Fenster ließen das warme Licht der Nachmittagssonne den weiten Raum erhellen. Ich stellte Koffer und Tasche neben eines der wirklich gemütlich aussehenden Sofas und ging hinüber zur Rezeption. Der junge Mitarbeiter lächelte mich freundlich an.
    „Guten Tag. Hatten Sie eine schöne Anfahrt?“, begrüßte er mich. Es klang standardisiert und doch aufrichtig interessiert. Ein wenig verwirrten mich die Leute hier schon.
    „Hallo. Ja, ich hatte einen guten Weg“, log ich, um freundlich zu sein. Ich würde einem Fremden bestimmt nicht einfach so von meinen Problemen und meinem Kummer erzählen. Damit er auch ja keine Gelegenheit bekam, weiter nachzufragen, ging ich sogleich zum geschäftlichen Teil über: „Mein Name ich Marina Torrent. Ich habe reserviert.“
    Er nickte nur kurz und tippte ein wenig auf dem Computer herum, der vor ihm stand. Ich versuchte währenddessen mir äußerst genau das Aussehen des Empfangs einzuprägen. Er bestand aus dunklem Holz mit einer wirklich schönen Musterung, aber es gelang mir nicht, mich darauf zu konzentrieren. Der einzige Gedanke, der mein Gehirn erreichte, war: „Ich bin hier.“
    Der junge Mann Anfang zwanzig zog zwei Schlüssel aus einer großen Schublade vor sich. „Hier stehen zwei Zimmer für Sie gebucht.“ Seine braunen Augen musterten mich, als wäre ich eine Schwerverbrecherin. Wahrscheinlich versuchte er nur seine Arbeit richtig zu machen, aber mir wurde er mit jeder Sekunde unsympathischer.
    „Der Rest meiner Familie reist morgen an“, erwiderte ich mit dem freundlichsten Lächeln, das ich zustande bringen konnte. Ich hoffte sehr, dass mein Gegenüber nicht auch morgen am Empfang arbeitete.
    Als mir der andere, noch viel breiter lächelnd, die Schlüssel überreicht hatte, nahm ich mein Gepäck auf und ging in mein Zimmer. Im Zimmer war es hell. Ein wenig Licht der Nachmittagssonne verirrte sich durch die hellen Gardinen; aber wirklich hell wurde es durch die Einrichtung. Weiße Betten, weiße Wände, weiße Decke. Es hätte dunkel sein sollen. Für mich fühlte es sich so an, als sei es schon weit nach Mitternacht. Ich wollte die Helligkeit aussperren mit den roten Vorhängen, dem einzigen in diesem Zimmer, das neben dem roten Teppich nicht weiß war. Weiß … Schwarz müsste es sein. Alles in mir war schwarz. Und ich war hier.
    Ich hatte mich immer davor gefürchtet, einmal hierher zu kommen. Und dies lag sogar weniger an der Tatsache, dass ich mich wahrscheinlich nie mit den Bergen anfreunden könnte, sondern viel mehr an den Gründen, aus denen ich hatte kommen müssen. Am liebsten wäre es mir gewesen, hätte diesen Ort niemals mit eigenen Augen sehen müssen. Doch jetzt ließ es sich nicht mehr ändern.
    Ich schluckte und ging zu den Festern, die zum Balkon führten. Man konnte die Berge sehen. Wie überdimensionale, grüne Deiche kamen sie mir vor. Ich versuchte sie mit seinen Augen zu sehen. Mein Vater hatte sie geliebt, doch ich fand diese Liebe nirgendwo in mir wieder. Vielleicht wollte sie ihn ja einfach nicht verlassen und ist deswegen nicht in seine Töchter übergegangen. Die Liebe, die hatten wir alle von unserer Mutter. Die Liebe zum Meer. Aber irgendetwas musste es doch geben, das diese Berge für so viele Leute so faszinierend machte. War es ihre Größe? Denn diese war schon irgendwie faszinierend. So riesig türmten sie sich auf, boten Platz für ganze Wälder und schienen mich dadurch zu erdrücken, wann immer ich zu ihnen aufsah. Ich brauchte einfach die endlosen Weiten, die der Ozean mir bot.
    Lange stand ich dort am Fenster, betrachtete die Berge und dachte an das Meer. Ich stellte mir vor, wie riesige Wassermassen sich über die Berge und durch die Täler schoben und alles und jeden unter sich begruben. Ich stellte mir vor, wie die kühle Brise von der Ostsee ihren Weg bis hierher, bis in dieses viel zu heiße Tal fand und mir ein wenige Trost und Zuversicht brachte. Ab und zu öffnete ich die Tür, nur um sie sofort wieder zu schließen. Die Luft drückte. Es war schon erstaunlich, wie verschieden die Luft doch sein konnte. Die Luft, die mich zuhause noch kräftiger, noch bewusster atmen ließ, schien hier zu versuchen, alle Erinnerungen daran auszulöschen. Es war keine schlechte Luft, nicht stickig oder schwül, aber es war einfach die falsche Luft für mich.
    Um halb sieben aß ich, anstatt zum Buffet zu gehen, das Brötchen, das ich mir von meiner Fahrt aufgehoben hatte, um mich direkt danach ins Bett zu legen. Ich starrte an die weiße Decke und wartete darauf, einschlafen zu können. Der Tag war anstrengend gewesen und die folgenden würden nicht besser werden, aber der Schlaf weigerte sich, zu mir zu kommen. Also lag ich einfach nur da und verschmolz gedanklich mit der weißen Zimmerdecke.
    Wenn man stirbt, wird dann alles weiß oder schwarz? Für die Angehörigen ist die Antwort ganz klar schwarz, aber was ist mit den Toten? Es wird so oft von einem Licht erzählt. So weiß wie diese Decke.
    Erst als ich leise begann, das Lied der Wellen zu summen, das meine Mutter früher immer gesungen hatte, als ich nicht hatte schlafen können, wurden meine Lider schwer. Mein Kopf befreite sich von allen überflüssigen Gedanken und ich schlief ein.



  • Na Shira,
    da du mir letztens (ok, letztes Jahr) einen Kommentar geschrieben hattest, dachte ich an dieser Stelle einfach mal, dass ich dir nun auch einen Kleinen schreibe! Ich finde so kann man einem auch Danken, immerhin haben wir somit beide etwas davon. Ach ja, ich gehe auf dein Drabble »Wann« ein, weil es auch jetzt noch einen sehr aktuellen Bezug hat. Wenn du verstehst was ich meine ( :rolleyes: ). Na ja, ich hoffe einfach mal, dass du dich über mein kurzes Feedback freust. :3


    Wann
    Ich weiß gar nicht... Satzzeichen dürften in Titeln (bzw. speziell in Drabbletiteln) ja nicht irgendwie extra zählen, oder? Na, wie auch immer. Ich finde es in der Art eigentlich wesentlich interessanter. Wann ist zwar eine Frage nach einer zeitlichen Einordnung, aber man kann es mit künstlerischer Freiheit ja auch anders interpreteieren - als Ausruf, als Wunsch, als einfache Aussage, dass man sich nach etwas Bestimmten sehnt. Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass das hier genau der Fall ist - eventuell der Wunsch nach Zeit? Anhand des Inhalts schließe ich nämlich teilweise darauf, aber dazu später mehr, haha. Im Grunde mag ich den Titel sehr, einfach weil man das Wort in so vielen verschiedenen Weisen verstehen kann. Und mal ehrlich: wer braucht schon ein Fragezeichen, wenn man sowieso weiß, dass es eine Frage ist? *lach* - aber zu deiner Frage: nein, ich finde keinen besseren Titel, weil ich ihn so eigentlich sehr gern habe. Weiß gar nicht so genau, warum du unzufrieden bist. Oder warst. Oftmals sind es im Übrigen die einfachen Namen, die die größte Wirkung zeigen (Einworttitel ftw!).
    Ja, ein sehr einfach zu verstehendes Drabble: der Erzähler will auf einen Weihnachtsmarkt. Keine Seltenheit im Winter oder besser gesagt im Dezember. Aber soll ich dir mal was sagen? Ich find das Drabble total toll und ich mich hätte wirklich interessiert, wie das Ganze mit den 160 Worten ausgesehen hat, weil ich mir vorstellen kann, dass da noch ein wenig mehr drin gesteckt hat (nein, ehrlich Liz?). Aber hey, ich finde es auch sehr aussagekräftig. Warum?
    ... zu aller erst einmal: Ich find es so genial, wie du die beiden Fragen eingebaut hast, haha. Das erinnert mich Original getreu an mich. Einfach mal an was anderen denken als Schule und was anderes machen, anstatt zu lernen. Und siehe da: wir sind bei der aktuellen Situation angekommen. Abitur und der fehlenden Zeit irgendwas anderes zu tun. Wahrscheinlich habe ich mich einfach direkt selbst in diesem Drabble wiedererkannt und habe aus diesem Grund kommentieren wollen, haha. Aber mal im Ernst, Schule hält einen wirklich extrem von anderen Dingen ab, die man eventuell einfach mal gerne tun wollen würde. Sei es auf einem Weihnachtsmarkt gehen (die hier beschriebene Situation) oder einfach die Seele baumeln lassen. Eine Frage der Zeit - genau der Grund, warum ich den Titel so passend finde!
    Übrigens kommen, wenngleich du mir das eventuell nicht glauben kannst, die weihnachtlichen Gefühle rüber. Ich weiß auch nicht warum, aber ich konnte mich direkt an die Zeit erinnern, als Weihnachten vor der Tür stand. Einfach weil man gerade die Vorweihnachtszeit meistens schön findet und sie daher auch genießen will (wer hat sich eigentlich ausgedacht, dass man kurz vor Weihnachten noch Klausuren schreibt?).
    Das Ende des Drabbles finde ich auch schön. Es ist ein schöner Umschwung der Gedanken. Ein Einwurf, der es unmöglich macht, zum Weihnachtsmarkt zu gehen: die Zeit (na, immernoch überzeugt davon, dass der Titel unpassend ist? Also bitte). Es ist natürlich schade, dass der oder die Erzähler/in nun nicht mehr dazu kommt, zum Markt zu gehen und Muzen zu essen - aber das positive Gefühl bleibt dennoch erhalten, da die Kälte (in der Nase) dennoch vorhanden ist. So, als wenn er oder sie auf dem Weihnachtsmarkt wäre. Empfinde ich wirklich als ein stimmiges und passende Ende.


    Aye, das wäre es an der Stelle auch von mir. Ich hoffe einfach mal, du hast dich über mein kurzes Statement gefreut (und glaubst mir nun, dass der Titel passend ist). Ich verbleibe an dieser Stelle dann noch mit vielen Grüßen. :3


    ~ Liz


    ________________ஜ۩۞۩ஜ________________

    »Be the chaos you want to see in the world.«

    - Mollymauk

  • IV


    Ich hab mal wieder ewig gebraucht, um hier was zu schreiben, aber ich gelobe Besserung. Vor allem, weil ich momentan mehr alte Texte ausstelle, aber ich habe wieder mit dem Schreiben begonnen. Wenn die fünfte BBO-Runde beendet ist, gibt es (hoffentlich) noch ein "Gut oder Böse?"-Update. Heute gibt es aber erstmal einen anderen Text, der nicht Meereskinder ist, zu dem ich aber auch gerne noch etwas Feedback hätte.



    Memories

    Memories

    Midnight.
    Geisterstunde.
    Es verwirrt mich immer noch, dass ich mich mitten in der Nacht auf den Friedhof traue. Ich blicke auf den Grabstein. Ich vermisse sie.
    Not a Sound from the Pavement.
    Es ist still hier. So unglaublich still. Es ist, als wollte nicht einmal der Wind diese Atmosphäre zerstören. Doch ich vermisse die Geräusche, vermisse das Lachen, das ich immer mit ihr teilen konnte. Sie war immer für mich da. Wo ist sie jetzt?
    Has the Moon lost her memory?
    She is smiling alone.
    Über mir thront der Mond. Er lächelt. Aber ich sehe keine Sterne. Zu stark ist das Licht der Laternen, in welchem der aufgewirbelte Staub tanzt, als das man mehr noch vom Gestirn erkennen könnte.
    Ein Auto rast einsam an mir vorbei.
    Ich frage mich, wie diese kühle Herbstnacht hätte sein können, wäre sie noch da. Was wäre passiert? Was nicht? Doch ich stehe alleine hier und zittere. Lächeln kann ich noch nicht; aber alleine bin ich; wie der Mond.
    In the lamplight the withered leaves collect at my feet
    Vor ihrem Grab, im sanften Licht der Laterne, hat sich ein kleiner Haufen bunter Blätter angesammelt. Das Laub ist eher braun und hatte jegliche Farbenpracht, die manch einer am Herbst so liebte, längst verloren. Verdorrt und vertrocknet, ein trostloser Anblick. Ich fühle mich, als gehörte ich zu ihm. Ich weine nicht, aber meine Augen sind noch nicht lange wieder trocken. Zu stark schmerzt noch immer der Verlust.
    And the wind begins to moan.
    Überraschend zerrt ein Windstoß an meinen Haaren, drückt mich von hinten näher an ihr Grab. Ich schaudere, während ich versuche, mein Gleichgewicht zu halten. Es ist, als wüsste jedes Detail dieser Nacht ganz genau über meine Stimmung Bescheid und wollte sie unterstreichen. Langsam wird es wirklich kalt und ich reibe über die Gänsehaut an meinen Armen.
    Warum ist sie fort?


    Memory.
    Kann sie mich sehen?
    So oft stelle ich mir diese Frage und habe noch nie eine Antwort. Manchmal hoffe ich es, manchmal bezweifle ich es und manchmal muss ich es einfach glauben, um mich nur ein kleines bisschen besser zu fühlen. Erinnerungen tun weh. Aber wenn ich weiß, sie ist hier irgendwo in der Gegenwart, dann wird es besser.
    All alone in the moonlight
    Vorsichtig gehe ich in die Knie und bin nun auf Augenhöhe mit ihrem Grabstein. In wunderschönen, geschwungenen Buchstaben steht dort ihr Name. Ich spüre, wie eine Träne sich den Weg in mein Auge sucht. Und ich habe so gehofft, es sei vorbei …
    I can smile at the old days,
    Life was beautiful then.
    All die Erinnerungen strömen nun auf mich ein. Jede wundervolle Sekunde, die ich mit ihr verbrachte … Die Tränen laufen von ganz alleine über meine Wangen, angezogen von der Schwerkraft, und landen eine nach der anderen auf der kalten, schwarzen Erde. Ein Lächeln stielt sich auf mein Gesicht, als ich daran denke, wie sehr sie den Garten liebte. Niemand könnte je ihr Grab so schön halten, wie sie es immer mit ihrem „Stückchen Leben“ tat, wie sie das Fleckchen Grün inmitten der Großstadt immer nannte.
    I remember the time I knew what happiness was,
    Mit schnellen Bewegungen wische ich das vertrocknete Laub von ihrem Grab. Sie würde nicht wollen, dass es verwahrlost. Morgen werde ich hier Blumenzwiebeln einsetzen, so wie sie es mir vor so vielen Jahren beigebracht hat.
    Let the memory live again.
    Wir hatten so viel Spaß im herbstlichen Garten und ich hoffe, dass ein wenig von dieser Freude wieder auflebt, wenn ich nur bei ihr tue, was sie geliebt hat. Vielleicht ist es dann zumindest ein bisschen so wie früher.


    Every street lamp seems to beat a fatalistic warning.
    Someone mutters and a street lamp gutters
    Unheilvoll flackert die Straßenlaterne. Ich weiß nicht, was es bedeuten soll; es kommt mir vor wie eine Warnung. Eine Warnung vor dem Ungewissen. Eine Warnung vor der Zukunft. Was wird sie mir bringen? Ich höre etwas. Ich höre jemanden. Aber ich blende alles aus. Diese Nacht gehört nur ihr.
    And soon it will be morning.
    Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier an ihrem Grab sitze, aber ich will es auch nicht wissen. Irgendein seltsamer Teil in mir möchte, dass diese Nacht nicht vergeht. Es ist das erste Mal, seit ihrem Tod, dass ich mich nicht mehr sofort in die Vergangenheit wünsche. Ich möchte nicht für immer diese Trauer spüren, aber noch weniger möchte ich sie im Alltagsstress vergessen.


    Daylight.
    Ich spüre, wie die Zeit verrinnt. Als fielen Körner aus einer Sanduhr auf meine Haut. Mit jeder Sekunde, die verstreicht kommt der Sonnenaufgang etwas näher. Der Sonnenaufgang und der neue Tag.
    I must wait fort he sunrise,
    So oft haben wir zusammen darauf gewartet, dass die Sonne ihre ersten Strahlen über den Horizont schickte. „So fängt das Leben an“, hat sie immer gesagt. Und so endet es auch.
    I must think of a new life
    And I mustn’t give in.
    Ich weiß, dass sie nie wollte, dass ich um sie trauere. So oft hat sie es mir gesagt. So oft hat sie mich angefehlt, dass sie nach ihrem Tod nicht mein weinendes Gesicht sehen wollte. Ich spüre, wie sich ein kleiner Fluss aus Tränen auf meiner Wange gebildet hat. Ich enttäusche sie. Jeden Tag zwinge ich mich dazu, dass ich an diesem ein neues Leben beginne. Und jedes Mal scheitere ich, weil ich nicht aufhören kann, an sie zu denken. Aber mit jedem Sonnenaufgang werde ich es wieder versuchen. Er soll doch Hoffnung schenken.
    When the dawn comes tonight will be a memory too
    Mit zitternden Fingern streiche ich über die Buchstaben. Sie scheinen sich bedrohend vor mir erheben. Ihr Name ist wie eine Bürde, die ich zu tragen habe, eine Erinnerung, die nur ich bewahren kann. Doch jede Erinnerung verblasst. Egal wie stark man sie hütet. Eines Tages ist diese Nacht nur noch verschwommen in meinem Gedächtnis. Schon mit dem ersten Morgenlicht ist diese Nacht nicht mehr die Gegenwart. Und ich weiß, dass es kommen wird. Und ich erwarte es.
    And a new day will begin.


    Und so sitze ich in der kalten Nacht. Ich sitze da und denke an dich. Ich warte darauf, zu wissen, was ich tun soll und weiß doch, dass es niemals so sein wird. Die einzige Person, die mir das jemals sagen konnte, ist nicht mehr da. Wo bist du? Und wieso bist du nicht hier bei mir? Wieso bist du fort? Wieso?
    Werden wir uns eines Tages wiedersehen? Werde ich eines Tages wieder dein Lachen hören dürfen? Dein Lachen hat mein Leben versüßt, wenn alles dunkel schien. Und ich danke dir dafür. Ich danke dir so sehr.
    Du hast mir schon so viel gegeben. Mein ganzes Leben verdanke ich nur dir. Und doch bitte ich dich um noch eine Sache: Hilf mir. Ich möchte nicht mehr, dass du mich weinen siehst. Hilf mir, damit abzuschließen. Hilf mir, ein neues Leben zu beginnen. Aber bitte, bitte hilf mir, dich niemals zu vergessen.


    Burnt out ends of smokey days, the stale cold smell of morning.
    Ein Geruch von verbrannter Kohle liegt in der Luft; die Fabrik muss schon mit ihrem Betrieb gestartet haben. Jeder Morgen ist gleich. Jeder Morgen verbrennt diese Stadt ein bisschen mehr.
    Die Kälte klammert sich an meinen Körper. Kalt und fahl ist die Morgenluft. Vor dem Sonnenaufgang ist dieser Augenblick, in dem man nichts Gutes in der Welt sieht. Mein Herz erfriert von innen heraus, doch meine Augen sind trocken. In diesem Augenblick kann man nicht weinen.
    The street lamp dies, another night is over,
    Ich zucke zusammen, als die Straßenlaterne erlischt. Sie kam mir in dieser Nacht wie die einzige Verbindung zu ihr vor. Doch die Nacht ist vorbei.
    Another day is dawning.
    Mit klopfendem Herzen beobachte ich, wie die sich die ersten Strahlen der Morgensonne über den Horizont schieben. Ich zittere, doch mein Herz beginnt zu tauen. „So fängt das Leben an.“


    Touch me
    Ich spüre eine Hand auf meiner Schulter.
    Nur für eine Sekunde denke ich, sie könnte es sein, dass alles nur ein böser Traum war. Und dann drehe ich mich um. Und ich danke ihr. Ich danke ihr, dass sie mich erhört hat. Dass sie mir mein neues Leben zeigt.
    It’s so easy to leave me
    All alone with the memory
    Of my days in the sun.
    Ich lächle, stehe auf und umarme ihn. Ich weiß nicht, wie sie es gemacht hat, aber irgendwie hat sie ihn hergeschickt. Seine Wärme breitet sich in meinem Körper aus. Es wäre so viel einfacher für ihn, wäre er nicht gekommen. Aber er ist hier und gibt mir den Halt, den ich gerade so dringend brauche.
    If you touch me you’ll understand what happiness is.
    Sanft schiebt er mich von sich weg, sodass er mir in die Augen sehen kann. Er legt mir die Hand auf die Wange und haucht mir einen Kuss auf die Stirn. Und ich weiß, dass er die Erinnerungen niemals verdrängen würde. Sie wird immer da sein. Die Erinnerungen an sie werden sie am Leben halten. Und er wird mich am Leben halten. Ein Leben, das es sich lohnt, zu leben. Ein Leben, das sie mir schenkt.
    Immer weiter vertreibt die Sonne die Nacht und mit einem Mal höre ich ihre Engelsstimme. Sie singt ihr Lieblingslied. Ein Lied voll Herzschmerz und Hoffnung. Ein Lied von Erinnerungen.

    „Look a new day has begun.“

  • V

    Etwas schade, dass es hier so leer ist, aber gut, das liegt auch an mir. Jetzt habe ich aber wieder etwas mehr geschrieben und hoffe, mal häufiger Updates machen zu können. Heute gibt es eine Kombination aus einem alten und einem neuen Werk, die beide irgendwo @Faolin zu verdanken sind, denn von ihr stammt die Inspiration.



    Verführende Schönheit



    Guilty von yumeii auf deviantart


    Sieh sie dort im klaren Blau,
    Sie schwimmt mit starkem Flossenschlag.
    So lebt sie heute für den Tag,
    Was morgen kommt, bleibt ungenau.


    Ja siehst du ihrer Haare Glanz?
    Es ist schon fast ein ölig' Ton.
    Doch gibt's nur dadurch ihren Lohn,
    Wenn sie auf Messers Schneide tanzt.


    Sieh nur die Flügel auf dem Rücken,
    Sind denen einer Möwe gleich.
    Es wirkt wie festgeschnürt, wenn weich
    Sie nun denn deinen Blick entzücken.


    Wie eine Haienflosse fast
    So wird sie oftmals hier erkannt,
    Sieh nur, wie sie sich galant
    An der Frauen Körper passt.


    So bleibt sie mächtig Tag und Nacht,
    Hält in der Hand des Meeres Leben
    Und will nur selten Gnade geben,
    Verfallen wir der Schönheit Macht.





    Unity



    Möge die Straße uns zusammen führen
    Und der Wind in deinem Rücken sein.
    Sanft falle Regen auf deine Felder
    Und warm auf dein Gesicht der Sonnenschein.


    So lass es doch geschehn,
    Dass wir uns wiedersehn.


    Rosane Blüten führn deine Wege,
    Deine Seele schwebe auf dem Wind.
    Deine Gedanken streifen die Erde,
    Ehe sie verweht, vergangen sind.


    Mögen die Sterne immer dich begleiten
    Und der Mond dir leuchten in der Nacht.
    Weit öffne sich dir das Universum
    Weiter noch als Menschen je gedacht.


    So lass es doch geschehn,
    Dass wir uns wiedersehn.


    In weißen Schnörkeln steht hier dein Name,
    Starke Wurzeln bilden dir dein Bett.
    Ich spür das Leben an diesem Morgen
    Und der Himmel leuchtet violett.


    Und sollten Blitze den Horizont erschrecken,
    Weiß ich doch, ich bin niemals allein;
    Ein Teil meines Herzens bleibt auf der Lichtung
    Und so wirst du nie vergessen sein.


    So lass es doch geschehn,
    Dass wir uns wiedersehn.


    Möge die Liebe unser Band erhalten
    Ohne Fragen, Aber oder Wenn.
    Leben und Tod sind Teil unsrer Reise.
    May the road arise until we meet again.



  • VI

    Am fünften Oktober letzten Jahres habe ich mein Topic eröffnet. Nun ist über ein Jahr vergangen und es ist sehr still hier geworden. Vielleicht stelle ich zu selten neue Werke online. Ich hatte ursprünglich überlegt (durch @Kiriki-chan angeregt) ein Jubiläum zu machen, aber dazu habe ich in letzter Zeit zu wenig geschrieben, was man dabei hätte ausstellen können. Deshalb kommt jetzt fast eine Woche später der zweite Teil von Meereskinder. Ich hoffe, er gefällt euch und ich würde mich unglaublich freuen, wenn ihr mir ein paar eurer Gedanken zu meinen Texten mitteilen würdet. Wenn ihr meint, es reiche nicht für einen Kommentar, steht euch immer meine Pinnwand oder eine Konversation jeder Zeit zur Verfügung.



    Meereskinder

    Erster Teil



    Ich öffnete die Augen, als sich die ersten Strahlen der Sonne über die Berge und durch die Gardinen schoben. Für einen kurzen Moment hatte ich vergessen, wo ich war, in diesem einen Moment zwischen Schlafen und Erwachen, in dem man nur die Sonne auf seiner Haut spürt. Die Sonne, die mir manchmal die einzige Verbindung zwischen den vielen so verschiedenen Orten auf der Welt zu sein scheint. Die Sonne, die uns alle jeden Morgen weckt.
    Seufzend richtete ich mich in dem Bett auf. Wer wusste, was noch passieren würde, wenn die anderen heute hier ankamen? Wie würden sie die Berge sehen? Was würden sie denken, wenn sie endlich einmal hier waren?
    Ich hatte sie seit fast zwei Monaten nicht mehr gesehen und sie wussten noch nicht, dass ich meinen Job verloren hatte. Aber das würde ich ihnen bestimmt nicht sagen. Nicht heute, schon gar nicht morgen. Nicht hier.
    Ich zog mich an und betrachtete eingehend mein Spiegelbild, bevor ich mich auf den Weg zum Speisesaal machte. Obwohl ich sie schon zweimal gebürstet hatte, sahen meine eichelbraunen Haare noch immer recht wüst aus und auch der Zopf, den ich mir notgedrungen gemacht hatte, half nicht viel. An meinen Augen erkannte man, dass mich alles, was hier passierte, mitnahm. Meine Mutter hatte immer gesagt, sie leuchteten. Vielleicht hat das ja nur an ihr gelegen. Heute wirkten sie nur matt, umgeben von leichten Augenringen. Ich war mir sicher, dass es mit den nächsten Tagen noch schlimmer werden würde. Ich trug mein schwarzes Lieblingsoberteil, welches ich zuhause wahrscheinlich nie wieder anziehen könnte. Aber jetzt gerade brauchte ich dieses Gefühl von Geborgenheit.
    Auf dem Weg zum Frühstück begegnete ich keinem einzigen Menschen und auch der Speisesaal war kaum gefüllt. Ich hatte bisher vermieden, auf die Uhr zu sehen, aber ich vermutete nicht, dass es nur an der frühen Uhrzeit lag. Im Mai verirrte sich scheinbar wirklich niemand in diese ruhige Gegend.
    Von der Farbe her glich der große Saal dem Empfangsbereich. Die braunen Holzverzierungen an Decke und Wänden wurden von einigen grünen, pflanzlichen Dekorationen aufgelockert. Vor den Fenstern hingen die gleichen roten Vorhänge, wie ich sie in meinem Zimmer vorgefunden hatte und auf dem Schieferboden standen die sorgfältig gedeckten Tische. Ich durchquerte den Raum und ging auf den kleinen Tresen in der hinteren Ecke zu. Obwohl nur drei Leute vereinzelt in dem Raum saßen und frühstückten, gab es eine riesige Auswahl an Brötchen, Broten, Marmeladen, Müsli, Quark und frischem Obst. Wirklich jeder schien hier auf seine Kosten kommen zu können. Ich entschied mich für ein einfaches Brötchen, ein bisschen Erdbeermarmelade und einen Apfel. Mit meinem Tablett drehte ich mich wieder dem Speisesaal zu und wollte gerade einen der vielen freien Tische ansteuern, als ich meinen Namen hörte.
    „Fräulein Torrent!“, rief eine Stimme zu meiner Linken. Verwirrt wendete ich mich in Richtung des Klangs. Dort saß ein durchschnittlich anmutender Mann, dessen Haare schon begannen, sich grau zu färben. Nicht nur sein Mund, sondern auch seine blaugrünen Augen lächelten mich an, als bemerkte er nicht, dass ich ihn so seltsam musterte. Warum sprach mich ein völlig Fremder an? Und dann auch noch mit „Fräulein“. Aber in jeder Geschichte, die ich jemals über diese Region gehört hatte, wurden mir die Menschen als nett, freundlich und aufgeschlossen beschrieben. Also beschloss ich, dem fremden Mann eine Chance zu geben und ging zu seinem Tisch.
    „Guten Morgen“, sagte ich, ohne Anstalten zu machen, mich hinzusetzen. „Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“
    „Oh, Verzeihung, wo bleibt nur mein Benehmen?“ Er strich sich mit der Hand durch die grauen Strähnen seines Haares. „Ich bin Pfarrer Mente.“
    „Oh“, erwiderte ich nur und stellte nun doch mein Tablett auf den Tisch. Dennoch setzte ich mich noch nicht.
    „Möchten Sie sich nicht zu mir setzen?“, fragte der Pfarrer mit einer einladenden Bewegung. Ich stand noch eine Sekunde da, ohne mich zu rühren, bevor ich mich auf einen der Stühle gegenüber des Mannes setzte. „Ich esse jeden Morgen hier“, begann er zu erklären, „die Radmüllers sind gute Freunde von mir. Sie erwähnten auch, dass Sie gestern Nachmittag eingecheckt haben. Hatten Sie eine gute Anreise?“
    Schon wieder diese Frage. Gab es hier ein Handbuch für den Umgang mit Touristen? Aber ich lächelte und nickte wieder. Auch wenn er Pfarrer war, musste ich ihm nicht gleich alle meine Sorgen erzählen.
    „Ja, die Fahrt muss lang gewesen sein“, sagte er nun, als hätte ich von einer anstrengenden Fahrt berichtet. Wenn er weiterhin so viel von dem wusste, das ich ihm nicht erzählte, würde er mir wirklich Angst machen.
    „Und wie geht es Ihren Schwestern inzwischen? Kommen sie klar?“, wechselte er nun das Thema. Vielleicht waren mir die Leute hier ja schlichtweg zu freundlich und offen. Es hatte mich nie gestört, dass mich auf den Straßen in Grube kaum jemand grüßte. Das wäre mir sowieso zu viel.
    „Es wird leichter“, antwortete ich ihm und wandte mich meinem Brötchen zu. Schließlich wollte ich mir noch die Kirche ansehen, bevor ich mich auf den Weg nach Bozen machte. Auch wenn ich noch immer nicht wusste, wie spät es wirklich war. Lieber war ich früher fertig und konnte mich noch auf mein Zimmer zurückziehen oder mich in Bozen in ein Café setzen, als dass ich hier noch eine Stunde mit Pfarrer Mente sprach.
    „Ja …“ Er seufzte kurz und ich konnte nicht sagen, ob es aufrichtig oder Teil seiner Arbeit war. „Es ist schön, Sie einmal kennenzulernen, auch wenn die Umstände natürlich nicht die besten sind, aber ihr Vater hatte so viel von Ihnen und Ihren Schwestern erzählt.“
    Und wieder machte das Gespräch eine so starke Kurve, dass ich mich an dem Bissen, den ich gerade im Mund hatte, verschluckte. Ich hustete und die Erdbeermarmelade bekam einen so schrecklichen Beigeschmack, dass ich bezweifelte, sie jemals wieder essen zu können. Als meine Luftröhre wieder frei war und ich ein paar Mal tief geatmet hatte, starrte ich ihn an, mit einem Ausdruck, den man irgendwo zwischen verwundert und fassungslos hatte ansiedeln müssen. „Sie hatten Kontakt zu meinem Vater?“, fragte ich klanglos.
    „Aber ja“, antwortete er fröhlich, als wäre es das Normalste auf der Welt. „Wann immer er sich nach den guten, alten Bergen sehnte, hat er mich angerufen und wir haben oft stundenlang über alles und nichts geredet. Wir waren nach einiger Zeit wirklich gut befreundet. Hat er das nie erwähnt?“
    Ich schüttelte den Kopf und starrte auf das halbe Marmeladenbrötchen, welches ich bestimmt nicht mehr essen würde. Ich sagte nichts und auch Pfarrer Mente schwieg. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Ich saß einfach nur da und verlor mich in dem Erdbeerrot.
    „Fräulein Torrent?“ Seine Stimme schnitt in meinem Ohr und zog mich wieder in die Gegenwart. Ich konnte nicht sagen, wo ich gewesen war, ich wusste nur, dass es nicht hier war. Ganz bestimmt nicht hier. Oder vielleicht doch?
    „Entschuldigung.“ Ich sah kopfschüttelnd auf und blickte ihm in die Augen. „Ich war nur -“ Ja, was war ich? „… überrascht.“
    „Schon in Ordnung.“ Pfarrer Mente betrachtete kurz sein leeres Tablett und stand auf. „Ich denke, ich lasse Sie nun wieder in Ruhe frühstücken.“ Er legte die Hand auf meinen Arm und fügte hinzu: „Wenn Sie einmal reden wollen, werden Sie mich fast immer in der Kirche anfinden.“ Er nahm sein Tablett auf und fügte zwinkernd hinzu: „Wenn ich nicht gerade hier frühstücke.“
    Dann verschwand er aus meinem Blickfeld und ich saß alleine da, vor mir noch ein halbes Brötchen und ein unberührter Apfel. Ich hatte keinen Appetit mehr und überlegte, ob ich sofort aufstehen sollte, aber mein Körper machte nicht die Anstalten, sich zu rühren. Also saß ich da. Wen würde ich wohl anrufen, wenn ich Sehnsucht nach dem Meer hätte? Großmutter. Die Antwort war nicht schwer. Warum hatte er dann den Pfarrer und nicht seine Eltern angerufen? Vielleicht hatte es ja etwas mit dem Ort zu tun gehabt. Schließlich wohnten die Großeltern, die ich noch nie persönlich getroffen hatte, nicht mehr hier in St. Sigmund, sondern schon seit langem in Kurtatsch. Für mich sahen alle Berge hier irgendwie gleich aus, aber es musste doch Unterschiede geben. So wie jeder Abschnitt der Ostseeküste seine ganz besonderen Eigenarten hatte.
    Es brachte mir nichts, weiterhin hier zu sitzen. Absolut gar nichts. Also stand ich auf, schmiss das halbe Brötchen in den Müll und wickelte den unberührten Apfel in eine Serviette. Mit diesem Proviant, den ich in meiner Tasche verschwinden ließ, machte ich mich auf den Weg nach draußen, ohne das Hotel noch eines Blickes zu würdigen. Auf der anderen Straßenseite sah ich schon den Kirchturm aufragen. Er wirkte winzig vor den riesigen Bergen. Eigentlich mochte ich Kirchen. Sie waren beeindruckend. Wunderschöne Monumente. Hier aber kam sie mir eher wie ein verzierter Zahnstocher vor. Die Berge verschluckten ihre Schönheit.
    Ich folgte der „Strada statale 49“ nach rechts, vorbei an scheinbar immergrünen Wiesen. Bei dem Café, das morgen für uns reserviert war, bog ich links ab. Die meisten Bäume um mich standen schon in voller Pracht. Kurz blieb ich stehen und lauschte. Doch es war still. Es war so unglaublich still. Man merkt gar nicht, wie sehr etwas zu seinem Leben gehört, wie sehr man es braucht, bis es nicht mehr da ist. Ich vermisste den Wind, der mir durch die Haare fuhr und ein leises Rauschen der Bäume verursachte. Er war nicht mitgekommen in diese fremde Welt. Durch die windlose Stille fühlte ich mich noch ein wenig unwohler hier, als ich es ohnehin schon tat.
    Um dem Gefühl und der Hitze für ein paar Momente zu entkommen, betrat ich den kleinen Lebensmittelladen, der ebenfalls in dem weißen Eckhaus befand. Ziemlich dicht aneinander standen die Regale mit den verschiedensten Lebensmitteln. Der Verkäufer begrüßte mich freundlich und ich schenkte ihm ein Lächeln. Wirklich alle hier waren freundlich. Alle.
    Ich hatte keinen Hunger und brauchte auch sonst nichts, was ich in diesem Laden finden konnte, aber es erschien mir doch sehr unhöflich, ihn einfach wieder zu verlassen. Beim Verkäufer, einem älteren, fast komplett kahlköpfigen Mann, angekommen, hatte ich noch immer nichts Brauchbares gefunden. Ich könnte mir eine Packung Zigaretten kaufen, die sich um die Kasse stapelten, aber ich rauchte nicht. Da entdeckte ich, an einem kleinen Ständer hängend, einige bunte Magnete und Fächer, wahrscheinlich gedacht für die Touristen, die diesen Laden betraten. Und genau das war ich doch. Mehr oder weniger. Also nahm ich mir einen der Fächer und betrachtete ihn. Er war hellblau, verziert mit grünen Blätterranken. Er sah aus wie das Bild, das man sah, blickte man im Wald zum blauen Himmel hinauf. Neben dem schönen Aussehen würde er mir sicher auch in der Hitze hier weiterhin nützlich sein. Dementsprechend war der Abstecher sogar sehr sinnvoll gewesen. Jetzt konnte ich mir meinen eigenen Wind machen. Auch wenn er die Stille nicht vertreiben konnte.
    Nachdem ich dem Verkäufer das Geld gegeben und ihm noch einen schönen Tag gewünscht hatte, ging ich weiter die Straße entlang und nutzte dabei den neu erworbenen Fächer ununterbrochen. Dies war meine beste Anschaffung seit der Mikrowelle gewesen.
    Zwischen den Häusern des Dorfes versank der Kirchturm immer mehr. Vielleicht hatte ich den Bergen ja Unrecht getan und der Turm war wirklich so klein, wofür sie nichts konnten. Neben ein paar Weiden blieb ich stehen und betrachtete das rote Kirchturmdach. Abwesend strich ich mit der Hand durch die hängenden Äste und stellte mir vor, wie sie im Wasser endeten. Solange ich nicht hinsah auf die grüne Wiese inmitten der bewaldeten Berge, war es ein beruhigender Gedanke.
    Es war mir wichtig, mir heute schon die Kirche anzusehen, bevor der Rest meiner Familie kam. Kirchen waren etwas Besonderes, doch wenn die anderen da waren, wäre es traurig, vielleicht hektisch, aber die Magie, die ich möglicherweise verspüren würde, würde ich jetzt die Kirche betreten, in der mein Vater früher jeden Sonntag gegangen war, wäre verschwunden. Und dennoch fürchtete ich mich davor, weiter auf sie zuzugehen. Während ich so dastand, die rechte Hand zwischen den Ästen einer Weide, die linke fest um den Fächer geklammert, den Blick starr auf das Gotteshaus gerichtet, machte es mir Angst, auch nur daran zu denken, noch einen Schritt zu gehen. An dieser Stelle hatte sich ein kleiner Ruhepol eingerichtet; wer wusste schon, was geschah, wenn ich ihn verließ?
    Irgendwie fühlte ich mich beobachtet. Überall, wo ich gewesen war, war mir ein freundlicher Südtiroler begegnet. Es war unmöglich, dass hier keiner war, der nicht schon darauf wartete, mich zu begrüßen.
    „Jetzt hör schon auf, einen solchen Blödsinn zu denken“, ermahnte ich mich selbst. „Und geh verdammt noch mal zu dieser Kirche!“
    Wo auch immer diese Stimme in mir herkam, sie hatte recht. Was brachte es mir, hier in der Mittagssonne stehen zu bleiben? Auch wenn sie noch nicht so hoch stand, dass sie komplett an den Weiden vorbei scheinen konnte, so brannten ihre Strahlen doch heiß genug auf meiner Haut.
    Nach knapp fünfzig Metern stand ich wieder an einer Kreuzung. An einer Kreuzung mit Kruzifix. An sich war es ganz schön, hölzern mit roten Blumen, gepflanzt zu Jesus Füßen. Darunter stand eine kleine ebenfalls hölzerne Bank. Wäre dies nicht St. Sigmund, wäre ich vermutlich noch nicht einmal stehen geblieben. Aber jetzt musste ich nur daran denken, dass ich es nicht verstand. Ich verstand es in Kirchen, aber warum musste hier, so nahe an einer solchen, selbst wenn der Kirchturm inzwischen hinter den Bäumen und Häusern verschwunden war, ein Kruzifix stehen? Ich verstand es nicht und ich würde es wahrscheinlich nie verstehen. Oft genug war ich froh, evangelisch zu sein. Weil ich so etwas einfach nicht verstand.
    Ich ging weiter, bevor ich darüber nachdenken konnte, wie mein Vater an dieser Kreuzung vorbeigegangen sein musste. Das Kruzifix stand bestimmt schon lange genug da, um als Selbstverständlichkeit angesehen zu werden. Aber nur, wenn man es nicht anders kannte. Diese Straße, diese Stadt lernte ich gerade erst kennen. Dennoch erschien es mir nicht normal.
    In Gedanken, aber ohne ihnen nachzugeben, folgte ich der kleinen Straße. Ich wusste noch immer nicht, wie spät es war, aber glücklicherweise fuhren noch keine Autos und ich begegnete keinem Menschen. Als ich an einem weiteren Haus vorbeigegangen war, konnte man die komplette Kirche sehen. Sie war nicht groß. Die Berge überragten sie und auch die Häuser, die exakt so aussahen, wie ich sie mir in einem Alpendorf vorgestellt hatte, schienen nicht viel kleiner.
    Ich blieb nicht mehr stehen. Jetzt hatte ich mein Ziel deutlich vor Augen und jetzt wollte ich nur noch hin zu der kleinen, mausgrauen Kirche mit dem einprägsamen roten Kirchturmdach. An der linken Seite des Kirchenschiffs war eine bunte Zeichnung zu sehen, aber ich konnte nicht erkennen, was sie darstellte. Nur wenige Zentimeter über dem Dach des Schiffs, prangte die Uhr des Kirchturms. Zwanzig vor elf sagte sie. Ich hatte noch vier Stunden, bis ich spätestens losfahren müsste. Mit diesem Gedanken verlangsamten sich meine Schritte, nur damit ich mein Tempo danach bewusst anziehen konnte. Das war keine Ausrede für meine Angst. Und schließlich war da auch diese Neugierde in mir, die befriedigt werden wollte. Ich wollte endlich so nah an dieser Kirche sein, dass ich sie anfassen konnte. Ich wollte endlich hineingehen und mir die Bänke, die Orgel, den Altar mit eigenen Augen ansehen. Ich wollte –
    In der Mitte des Platzes vor der Kirche, an einem kleinen Brunnen blieb ich abrupt stehen, denn ich sah, was ich nicht hatte sehen wollen und was ich mir irgendwo ganz tief im Herzen immer gewünscht hatte, zu sehen. Hinter einer kleinen, weißen Mauer, zwischen Streifen aus strahlend grünem Gras standen die Kreuze. Dort waren die Menschen begraben, die zu früh hatten von uns gehen müssen. Dies war der Ort, der meinen Blick nicht mehr freigab. Wie von selbst setzten sich meine Füße in Bewegung und ehe ich mich versah, stand ich zwischen duzenden von Grabsteinen, Metall- und Holzkreuzen. Mit dem Kirchenschiff in meinem Rücken und den riesigen Bergen im Hintergrund fühlte ich mich noch viel winziger, als ich es je zuvor getan hatte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, bis mein Blick an einem schlichten Holzkreuz hängenblieb, neben dem bereits ein kleines Loch gehoben worden war. Auf der anderen Seite lag ein Grabstein, auf dem schon seit Jahren immer nur ein paar Zahlen gefehlt hatten. Abgesehen von der Beschriftung unterschied er sich kaum von all den anderen auf diesem Friedhof, aber ich brauchte nicht zu lesen, um ihn zu erkennen. Er war einzigartig und unverkennbar. Ich war wie in Trance und bemerkte gar nicht, wie ich auf ihn zuging, bis ich mich hinhockte und sanft über die trotz der Bearbeitung noch immer etwas raue Oberfläche strich. Ich spürte den Kloß in meinem Hals aufkommen, den ich hatte unterdrücken können, seit ich gestern in Hamburg losgefahren war. Er schien jetzt größer als je zuvor.
    „Was tun Sie da?“ Beim Klang der jungen Männerstimme zuckte ich zusammen, verlor das Gleichgewicht und fiel nach hinten, sodass ich nun auf dem Boden saß. Verwirrt drehte ich mich um und sah einen Mann mit kurzen, braunen Haaren auf mich zukommen. Er schien kräftig und gut gebaut und trug ein blau-weiß kariertes Hemd. Sein Gesicht jedoch wirkte nicht gerade einladend. Er war der erste hier, der mich nicht freudestrahlend begrüßte. Und irgendwie gefiel es mir.
    „Ich …“, begann ich mich zu erklären, während ich mich aufrappelte. Aber ich wusste keine Antwort. Ich wusste nicht, was ich hier tat. Ich wusste nur, dass ich nicht anders konnte.
    „Sehen Sie denn nicht, dass dies die Vorbereitungen für eine Beerdigung sind?“
    Hielt er mich denn für völlig blöd? Ich brauchte es nicht zu sehen. Ich wusste es. Denn schließlich … „Darum bin ich hier.“ Die Worte verließen meinen Mund, bevor ich über sie hatte nachdenken können.
    Der Fremde wirkte überrascht. Scheinbar hatte er nicht mit dieser Antwort gerechnet. Einen Moment stand er nur da und musterte mich, bevor er fragte: „Und Sie sind?“
    „Marina Torrent. Tochter.“ Ich weiß nicht, warum ich diesen Zusatz machte, aber ich wollte ihn irgendwie besänftigen. Und er schien zu verstehen.
    „Christian Thaler.“ Leicht verlegen streckte er mir die Hand entgegen. „Dann hatte ich mit Ihnen telefoniert.“
    Ein kleines Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, als ich seine Hand schüttelte. Erst stramm und jetzt schüchtern. Es wirkte seltsam. Aber na ja, es war sein Beruf, Trost zu spenden, und da war es bestimmt nicht hilfreich, die Tochter der Toten anzumeckern, warum sie denn am noch nicht ganz fertigen Grabe ihrer Eltern stand. Seinem Gesicht nach zu urteilen, scheinbar unsicher, was er nun mit dieser Situation anfangen sollte. Ich war es auch nicht. Ich war nicht dagewesen, als sie meinen Vater beerdigt hatten. Ich war noch nie hier gewesen. Aber wenn meine Mutter hier sein wollte, dann musste ich auch einmal kommen. Vor allem, wenn sie blieb.
    „Alles in Ordnung?“ Erst bei seiner Frage merkte ich, dass meine Augen feucht geworden waren.
    Ich lachte kurz. „Ja“, nickte ich, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob dies der Wahrheit entsprach.
    Er schien noch immer nicht zu wissen, was er tun sollte. Ganz offensichtlich war er auf eine solche Situation nicht vorbereitet gewesen. „Waren Sie schon einmal drinnen?“, fragte er, als sei ihm das Gotteshaus zur Hilfe gekommen.
    Ich schüttelte den Kopf. „Nein.“ Genau deshalb war ich eigentlich zur Kirche gegangen. Nicht um hier zu stehen und zu weinen. „Aber bitte“, fügte ich hinzu, als er gerade schon zu einer Antwort ansetzte, „ich bin Marina.“ Ständiges Siezen hielte ich momentan nicht aus.
    „Christian“, erwiderte er erneut mit einem kurzen Nicken und wies dann auf das Gebäude hinter mir. „Möchtest du, dass ich sie dir zeige?“
    Ich grinste, denn ich konnte mir nicht vorstellen, was es in dieser kleinen Kirche groß zu zeigen gab, aber ich nahm das Angebot dennoch dankend an. Es gab einen großen Teil in mir, der einfach froh war, diese Kirche nicht alleine betreten zu müssen.
    Der Eingang lag im Schatten und wirkte auf mich mehr wie das Tor zur Unterwelt mit der großen Schwärze, die sich hinter dem offenen rechten Flügel ausbreitete. Ich wollte nicht dort hinein. Und doch gab es nichts, was ich gerade lieber tun würde, als mich auf eine Reise in die wundersame Welt hinter der Dunkelheit zu begeben. Und die Neugierde hatte bei mir noch immer gesiegt.
    Hell schienen die warmen Sonnenstrahlen durch die östlich gelegenen Fenster und verliehen dem Flügelaltar am anderen Ende des Ganges eine noch heiligere Wirkung, als er ohnehin schon hatte. Durch eine Art kleines Gitter war er vor neugierigen Touristen geschützt. Rechts und links vor den hölzernen Bankreihen standen zwei weitere Altare. Jedenfalls würde ich als Laie sie als solche bezeichnen. Ich wusste nicht, ob Christian darauf eingehen würde, aber ich beschloss nicht zu fragen. Was er zu erzählen hatte, würde er mir erzählen. Der Rest blieb das Geheimnis dieser Mauern.
    „Früher stand hier eine Holzkirche“, begann er, während wir dem Gang zum Altar folgten. „Erst vor sechshundertfünfzig Jahren wurde sie in Stein errichtet.“
    „Erst“, wiederholte ich leise und blickte hinauf zur verzierten Decke. Bei solch eindrucksvollen, alten Gebäuden konnte ich es mir immer nur schwerlich vorstellen, dass man auch sie einmal hatte errichten müssen.
    Christian lächelte kurz. Und fuhr dann mit seiner Führung fort: „Der Flügelaltar dort vorne ist aus dem Jahr 1440 im Stil der sogenannten Donauschule, kam aber erst deutlich später in diese Gemeinde.“ Er sprach fasziniert von den Fakten, die er mir berichtete.
    Ich löste meinen Blick von den alten Steinen der Kirchenwände und blickte ihn an. „Kommst du auch von hier?“ Ich wusste nicht, wie er das auch interpretierte. Schließlich kam ich ja definitiv nicht aus den Bergen. Und auch meine Mutter nicht. Aber …
    „Nein“, antwortete er. „Ich komme aus Sand in Taufers, das liegt nördlich von Brunneck, etwa 30 km von hier. Aber ich bin vor einigen Jahren hergezogen.“
    Ich schwieg, denn ich wusste nicht, was ich noch sagen sollte. Sollte ich über mein schlechtes Gefühl gegenüber den Bergen sprechen? Sollte ich von meinen Eltern erzählen? Nichts schien wirklich richtig und so blieb ich stumm und strich geistesabwesend über eine der Banklehnen. Ich wusste nicht, was er sich dachte, aber auch er sagte nichts weiter. So standen wir da, inmitten dieser Kirche, inmitten der Berge und schwiegen, bis sich wieder Tränen auf mein Gesicht verirrten. Ich durfte nicht so viel nachdenken. Vor allem nicht über den Grund, wegen dem ich hier stand. Schnell wischte ich die salzige Flüssigkeit aus meinen Augen. Ob er sie gesehen hatte?
    Irgendwann – die Zeit schien irgendwie anders zu vergehen in diesem Tal - begann mein Magen zu knurren. Abgesehen von einem halben Brötchen hatte ich noch nichts gegessen und es war inzwischen sicherlich schon Mittag, denn das Licht, welches durch die Kirchenfenster strahlte, war nicht mehr so gleißend wie bei unserem Eintritt. Christian nahm dies als Anlass, das Wort zu ergreifen: „Wie mir scheint, hast du auch Hunger.“ Es war zwar eine Feststellung, aber dennoch ging seine Stimme am Ende des Satzes ein wenig nach oben, als wollte er mir die Möglichkeit geben, zu widersprechen. Als ich das nicht tat, fuhr er fort: „Also … Ich wohne nicht weit von hier, im Kleinen Dorfweg und, wenn du möchtest, dann könntest du ja, beziehungsweise ich könnte, nun, ich hätte ein wenig was zu Essen da. Also wenn du möchtest …“ Irgendwie war seine Unsicherheit süß. „Erwarte nur nicht zu viel.“
    „Das ist sehr nett. Danke.“ Ich lächelte. „Lädst du alle deine Klienten zu dir nach Hause ein?“, fragte ich dann mit der Hoffnung, die Stimmung wieder etwas zu lockern.
    „Wenn es sein muss.“ Nun grinste er mich an. So ganz verstand ich ihn nicht so schnell.
    Nach gerade einmal zwei Minuten standen wir vor seinem Haus. Na ja, nicht nur seinem. Auf dem Weg hatte er mir erklärt, dass er nur das unterste Stockwerk untermietete, während im oberen Teil eine ihm zufolge nette Familie wohnte. Rechts von uns ragte noch immer der rot gedeckte Kirchturm über den Häusern hervor. Aus dieser Perspektive schien er fast bis an die Bergspitzen zu reichen.
    Christian folgte meinem Blick. „Ich wollte immer die Kirche sehen können; jeden Morgen, wenn ich aus dem Haus trete“, sagte er, während er seine Schlüssel aus der Tasche zog und die kleine Tür unter dem mit bunten Blumen verzierten Balkon aufschloss.
    Wir kamen in einen engen Flur, wo Christian mir die Jacke abnahm und über eine schon ziemlich volle Garderobe hängte. „Tut mir leid“, sagte er mit einem Seitenblick auf eine unordentliche Kommode, „hätte ich mit Besuch gerechnet, hätte ich aufgeräumt.“
    Er führte mich an einigen geschlossenen Türen vorbei in die Wohnküche im Süden des Hauses. Sie war sehr spartanisch eingerichtet. Die kleine Kochzeile auf der rechten Seite war in grauen Farbtönen gehalten, während der Teppich des Wohnbereichs und die Vorhänge mit ihrem dunklen Rot dem Raum eine gewisse Wärme verliehen. Vor mir stand ein runder Esstisch, zu meiner Linken erstreckte sich ein großes, schwarzes Sofa vor einem kleinen Fernseher. Hier waren fast alle Räume vereint; nur das Schlafzimmer schien getrennt zu existieren. Christian begann in einem der Schränke unter der Arbeitsplatte zu kramen. „Chili oder Nudeln mit Tomatensauce?“, fragte er, ohne sich umzudrehen. „Ich weiß, die Auswahl an Dosengerichten könnte größer sein, aber es schmeckt echt gut.“
    Ich begann mich unwohl zu fühlen in der fremden Wohnung mit dem fremden Mann. In der Kirche war es mir noch wie eine gute Idee erschienen, aber inzwischen wusste ich nicht mehr, was ich mir dabei gedacht hatte, das Angebot anzunehmen. „Was immer“, begann ich zögerlich, „dir weniger Umstände macht.“
    Ich konnte sein Lächeln spüren, noch bevor er sich umdrehte. „Du scheinst mir eher der Nudeltyp zu sein.“
    Ich setzte mich an den Tisch, als er einen Kochtopf heraussuchte und mit dem Kochen begann. Verlegen knetete ich meine Hände, auch wenn er mit dem Rücken zu mir stand. Ich versuchte wieder in die Situation zu gelangen, als ich hierher wollte. Doch der Weg schien versperrt, riesige Berge drängten mich in der Wohnung zusammen. Wieso war hier unten nur alles so kompliziert?
    „Wusstest du, dass St. Sigmund auf einer Höhe von über 1600 Metern liegt?“, zerbrach Christian die Stille, als ich mich gerade an das Ticken der alten Standuhr gewöhnt hatte. „Bei anderen Bergen sind auf dieser Höhe nur noch Almen.“
    „Ach ja“, erwiderte ich und versuchte, interessiert zu klingen. Ich war mir ziemlich sicher, dass es mir nicht gelang, denn eigentlich interessierten mich diese Fakten gerade nicht. Ich wollte, wenn ich schon hier sein musste, die Stadt erleben und nicht solche Informationen sammeln.
    Bis er mich bat, zwei Teller aus der Kommode im Wohnzimmer zu holen, sagte mein Gastgeber kein Wort mehr. Ich fühlte mich furchtbar unhöflich. Er lud mich zum Essen ein, versuchte, sich nett mit mir zu unterhalten, und ich saß nur abwesend da und tat so, als wäre ich nur wegen des kostenlosen Essens mit ihm gegangen. Scheinbar hatte ich meine Manieren in Hamburg gelassen. Und auch den Grund meiner Anreise wollte ich nicht als Ausrede verwenden. „Entschuldige“, murmelte ich deshalb, als wir mit zwei grün verzierten Tellern mit Spaghetti und dickflüssiger Tomatensauce am Esstisch saßen. Eigentlich sollte noch eine Begründung folgen, aber mir fiel nichts ein, was ich sagen konnte, also nahm ich die Gabel in die Hand und wickelte, ohne ihm guten Appetit zu wünschen, die ersten Nudeln darauf.
    Christian tat es mir gleich. „Du brauchst dich nicht entschuldigen.“ Er hielt die volle Gabel vor dem Mund und sah mich noch einen Moment an, bevor er zu essen begann. Es war sein Job, den Leuten beizustehen und dabei nichts persönlich zu nehmen. Ich war mir nicht sicher, ob ich in dieser Situation darüber froh sein sollte oder nicht.
    Erneut herrschte Schweigen zwischen uns, während wir die Nudeln mit der Fertigsauce aßen, die erstaunlicherweise wirklich gut schmeckten. Immer wieder blickte ich zu ihm hoch, wie er mir gegenüber vor den zugezogenen Gardinen saß. Ich wusste nicht, was ich denken sollte; kein Thema schien zu passen. Ich wollte nicht an meinen Vater denken, der vor vielen Jahren einmal in einem dieser Häuser gewohnt hatte und dreimal täglich gegessen haben musste. Ich wollte nicht an meine Mutter denken, die keine zwei Woche in den Bergen hatte bleiben können, ehe sie sie uns nahmen und mich alleine in diese fremde Welt schickten. Ich wollte nicht an die Situation denken, in der ich mich befand, denn sie war zu seltsam, als dass ich sie hätte entschlüsseln können. Also dachte ich an meine Schwestern. An Tessa und Jenny, die jetzt gerade auf dem Weg in die fernen Berge waren. Wie würden sie diese Welt wohl erleben? Ich wusste nicht, ob ich es erfahren wollte. Obwohl ich mich so sehr danach sehnte, sie endlich wiederzusehen, hatte ich Angst davor, ihre Gesichter zu erblicken. Denn ich konnte mich noch genau daran erinnern, wie meines ausgesehen hatte, als ich den Anruf bekam. In dem großen Spiegel auf dem Flur meiner Wohnung hatte sich eine Maske auf mein Gesicht gelegt. Sie war verzehrt gewesen mit tiefroten Augen, noch bevor auch nur eine Träne mein Gesicht entlanggelaufen war. Der Mund, verzerrt zu einem Schrei, den ich niemals geschrien habe. Als unser Vater gestorben war, hatte ich mich in meinem Zimmer eingeschlossen. Damals hatte ich niemanden angesehen, bis keine einzige Träne mehr in meinem Körper geblieben zu sein schien. Damals waren sie zu jung, es wirklich zu verstehen. Und damals waren wir nicht hier gewesen. Dieser Ort war anders als alles, was ich kannte. Wer wusste schon, was hier passieren könnte?
    Erst als ich das Klirren meiner Gabel auf dem leeren Teller hörte, bemerkte ich, dass ich bereits alles gegessen hatte. Christian interpretierte meine gedankliche Abwesenheit als noch verbleibenden Hunger und sah mich entschuldigend an. „Tut mir leid, das war alles, aber ich könnte auch noch das Chili machen …“
    „Nein, nein, schon gut“, unterbrach ich ihn. „Es war einfach so lecker.“ Das war zwar allgemein betrachtet keine Lüge, aber in diesem Zusammenhang stimmte es nicht.
    Glücklicherweise kommentierte Christian dies mit einem Lächeln. „Freut mich sehr.“
    Einen Moment hielt ich seinem Blick stand. Als ich wegsah, entdeckte ich die Digitaluhr seines Sat-Receivers. Zwölf Uhr Fünfzehn war darauf zu lesen. Die Zeit verging in einer merkwürdigen Geschwindigkeit. Zwar hatte ich an sich noch eine Stunde, bis ich mich auf den Weg zum Bozener Flughafen machen musste, aber ich wollte Christians Gastfreundschaft nicht zu sehr strapazieren. Zudem freute ich mich auf die Autofahrt und damit auf ein bisschen Zeit, um mit meinen Gedanken wieder alleine zu sein, bis ich dazu wahrscheinlich keine Möglichkeit mehr haben würde.
    „Ähm“, ich wusste nicht, wie ich anfangen sollte, „ich … ich muss meine Schwestern und meine Großmutter vom Flughafen abholen. Also …“ Langsam, fast vorsichtig stand ich auf, als säße mir gegenüber ein scheues Tier, das ich mit auch nur einer zu schnellen Bewegung verscheuchen könnte. „Aber vielen Dank für das Essen.“ Einen Augenblick stand ich da und wartete darauf, dass er sich bewegte. Dann drehte ich mich um und ging auf die Haustür zu. Ich hörte seinen Stuhl auf dem Laminat schaben.
    „Wir sehen uns dann morgen.“ Er stand schneller hinter mir, als ich erwartet hatte. Und trotzdem zuckte ich beim Klang seiner Stimme an meinem Ohr nicht zusammen, denn so wie er sprach, klang es wie ein Versprechen, dass er morgen für mich da sein würde, am wahrscheinlich schwierigsten Tag meines Lebens.
    Mit meiner Jacke in der Hand drehte ich mich zu ihm um. Sein Lächeln spiegelte sich in seinen blaugrauen Augen wider, so ehrlich, dass es wahrscheinlich auch einen wild gewordenen Tiger hätte beruhigen können. Für einen kurzen Moment wünschte ich mir, dass er mich in seine Arme nahm und mir den Halt gäbe, den ich schon seit Wochen so dringend nötig hatte. Aber ich verscheuchte den Gedanken schnell wieder. „Ja“, sagte ich tonlos. Und drehte mich zur Tür. „Auf Wiedersehen.“ Ich drückte die Klinke hinunter und sofort umhüllte mich die warme Frühsommerluft. Ich hörte nicht, ob er mir noch antwortete, ich drehte mich nicht noch einmal um. Mein Blick war erneut starr auf das rote Kirchturmdach gerichtet. Die Kirche zu sehen, war ein gutes Kriterium für eine Wohnung.



  • Ahoy,





    mfg
    #shiprekt


    P.S.: Da steht "deshaöb" in deiner "VI"-Tab.

  • VII


    Neues Design, neues Glück. Es ist zwar nun etwas erzwungen, dass ich das Design ändern muss, aber ich wollte eh schon länger mal etwas Neues machen. Deshalb ist es jetzt so weit. Und ich komme endlich zu einem Update für @#shiprekt und @Molnija, die wissen sollten, warum. Eigentlich wollte ich hier schon häufiger updaten, aber ich hab mich mit dem Rekommi etwas schwer getan (er ist auch recht lang). Aber jetzt könnte es sein, dass ich in nächster Zeit häufigerhier poste, nachdem ich seit Jahren mal wieder häufiger geschrieben habe. Aber jetzt geht es erstmal um die beiden Werke, die jetzt auch schon seit Oktober auf ihre Veröffentlichung warten.



    Ewigkeiten


    Die Zeit vergeht. Jahrzehnte, Jahrhunderte. So viele Jahre, die ich auf dich warte, auf dich, wie ich dich früher einmal kannte, denn du hast dich verändert. In deinem Herzen ist nur noch Kälte. Wo früher einmal die Liebe regierte, überkam dich der Hass. Sein Stachel stach in deine Seele und ließ dich unseren Traum vergessen. Den Traum vom Frieden. Doch am Horizont zeigt sich Silber, es kommt, wird stärker. Noch ist die Hoffnung da.
    Die Zeit vergeht. Jahrhunderte, Jahrtausende. So viele Jahre, in denen meine Blume nicht welkt. Ich warte auf dich, Azett. Ich werde immer auf dich warten.



    Du kennst mich nicht


    Du sagst, das alles ergibt keinen Sinn,
    Du fragst, was soll das, das tut man so nicht,
    Du sagst mir, sieh es doch mal aus der Sicht,
    Doch so negierst du komplett, wer ich bin.


    Du sagst, das mit der Balance, es ist schwer,
    Du sagst mir, lass es doch weg, schneid‘ es raus,
    Du sagst, die Wahrheit sieht ganz anders aus,
    Tätest du’s nicht, fühlt‘ ich mich nicht so leer.


    Du sagst so vieles, was ich nicht versteh‘,
    Du sagst, man könnte, man sollte, man muss,
    Du fragst dich, wird es noch besser zum Schluss,
    Doch all die Dinge, sie tun mir nur weh.


    Du kannst reden, du kannst schrei’n,
    Deine Meinung sagen laut,
    Du kannst alles, jeder sein,
    So wie es dir ist vertraut,


    Doch sag mir nie mehr ins Gesicht,
    So wie ich bin, ist man nicht.


    Du kannst alles sagen hier,
    Die Gedanken deiner Sicht,
    Doch das eine sag‘ ich dir:
    Glaube mir, du kennst mich nicht.


    Du sagst, das alles ergibt keinen Sinn,
    Doch so negierst du komplett, wer ich bin.

  • Hallo Shira,


    nachdem dir das neue Design in meinen Augen wirklich gut geglückt ist, wollte ich dir gerne etwas Feedback da lassen. Ausgesucht habe ich mir gleichzeitig das Gedicht, das nominiert wurde: Du kennst mich nicht. Im ersten Moment fühlte ich mich an ein Lied erinnert; du hast es so im Vorwort geschrieben und allein der Klang des Titels erzeugt diesen Gedanken wie von selbst. Ich könnte mir somit auch vorstellen, dass du irgendwann einmal eine vertonte Version aufnimmst, wenn du die richtigen Noten dafür findest.


    Auf jeden Fall sprichst du in dem Gedicht auch eine recht gängige Thematik an. Das Verständnis gegenüber anderen Menschen ist meist nicht so vorhanden, wie man es sich selbst wünscht und wenn dich der andere zudem noch falsch versteht, ist Ärger meist vorprogrammiert. In dem Zusammenhang empfinde ich es als passend, wie du anfangs noch die vielen Unterschiede zwischen den beiden Charakteren auflistest und dabei die Aussagen des Gegenübers mit dem Gefühl, nicht verstanden zu werden, zurückwirfst. Es ist wie ein Geben und Nehmen und du antwortest dabei mit der Ehrlichkeit, die sich bisher noch zurückgehalten hat und so entwickelt sich der Ernst in kurzer Zeit weiter zu einem fast schon ablehnenden Gefühl dem anderen gegenüber. Ich kann mich damit aufgrund ähnlicher Situationen selbst recht gut identifizieren und verstehe daher auch die Direktheit, mit der du das Thema ansprichst und weitergibst. Schließlich ist auch das Vertrauen zwischen zwei Menschen eine Sache, die zerbrechlicher nicht sein könnte und Gefühle sind damit unweigerlich verbunden. Die Umsetzung des Inhalts gefällt mir auch ziemlich gut.
    Von der Umsetzung her spricht es mich, wie schon beim Titel, ebenfalls an. Das Gedicht liest sich rhythmisch und ich könnte es mir gut als Liedtext vorstellen. Die Reime sind dir gut gelungen und auch die Wortwahl passt zum Thema und unterstreicht eben diesen direkten Ansprechton.


    Ich hoffe, dass meine Gedanken zu dem Thema interessant zu lesen waren und ich denke, wir lesen uns sicher mal wieder. Bis dahin!

  • Hallo,


    ich glaube, ich hatte dir mal irgendwann einen Kommentar versprochen. :)


    Vorgestern hatte ich ja beide Teile von "Meereskinder" gelesen. Zunächst einmal musste ich über den Nachnamen der Protagonistin schmunzeln, weil ich im Skiurlaub immer nach Leukerbad in der Schweiz fahre und der Berg da "Torrenthorn" heißt. Schon ein lustiger Zufall.
    Jedenfalls habe ich die Geschichte schon allein deswegen gemocht, weil ich mich mit der Protagonistin ein bisschen identifizieren konnte. Nichts gegen die Berge, aber ich mag das Meer mehr. Irgendwie kann ich nicht genau sagen, warum mir die Geschichte gefällt, aber sie tut es. Man kann sich so wunderbar in Marina hineinversetzen, da du großen Fokus auf ihre Eindrücke und Gefühle legst. Obwohl die Situation im Grunde eine relativ alltägliche ist, hat das Werk dadurch etwas Außergewöhnliches an sich. Es wirkt einfach alles sehr lebendig. Und dabei zieht sich gleichzeitig eine leicht melancholische und nachdenkliche Stimmung durch die Geschichte, die ich einfach liebe. Vielleicht ist es das, was mich so daran fasziniert: Dieses Gefühl verbinde ich (in positiver Hinsicht) irgendwie mit dem Meer und so passt das für mich auch gut zum Titel und der Vorliebe zum Meer generell. Natürlich ist das Thema der Geschichte ja auch eher traurig, aber es kommt erst durch diesen schönen Stil so toll zur Geltung.
    Rechtschreibtechnisch habe ich mal geguckt, ob #shiprekt noch etwas übersehen hat, aber mir ist nichts aufgefallen. Ich kann aber nur noch einmal sagen, dass ich die Geschichte wirklich gerne gelesen habe und sollte sie noch weiter fortgesetzt werden, werde ich das sicher auch noch lesen. Nebenbei bemerkt war ich ja eigentlich am Voteschreiben, als ich diese Geschichte gelesen habe und muss auch zugeben, dass sie im positiven Sinne wirklich sehr ablenkend war. ;)


    Dann wollte ich auch kurz etwas zu "Du kennst mich nicht" schreiben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es komplett verstehe, aber ich versuche es mal. Es scheint darum zu gehen, dass das Du einfach nicht wirklich in der Lage ist, das Ich zu verstehen und sogar dazu neigt, diesem vorzuschreiben, was es zu denken oder sogar wie es zu sein habe. Dabei versteht es jedoch nicht, dass dies nur dazu führen würde, dass das Ich sich selbst verlieren würde und gar nicht mehr die Person wäre, die es eigentlich ist. Das Ich wird dadurch nur verletzt, was das Ich nicht zu begreifen scheint. Und dabei ist das Ich selbst aber auch deutlich toleranter, denn es gesteht ja dem Du ein, dass es ruhig sagen (bzw. schreien) kann, was es meint. Nur heißt das ja noch lange nicht, dass das Du auch recht hat. So erkennt man den Aufruf des Ich an das Du, doch bitte zu akzeptieren, wer und wie es ist oder vielmehr, das erst einmal zu verstehen. Ich würde mal vermuten, dass mich das Thema auch in Bezug auf meine Vorliebe zum Diskutieren angesprochen hat - es ist zwar nicht die exakt gleiche Situation, aber auch da ist gegenseitiges Verständnis sehr wichtig (was natürlich aber nicht auch zwangsläufig gegenseitige Zustimmung heißt).
    Leider bin ich nicht gut darin, ein Gedicht rein formal zu analysieren, aber ich konnte es recht flüssig lesen, wenn vielleicht einige wenige Stellen drin sind, die mich leicht haben stolpern lassen (wobei mir das jetzt ein bisschen penibel vorkommt, denn an sich war es schon flüssig).
    Ich würde vielleicht noch erwähnen, dass bei diesen Versen jeweils ein Komma nach dem "Du sagst" fehlen dürfte:


    Andererseits hatten wir ja schon über das klein geschriebene "perfektion" im Vorwort geredet und auf ähnliche Art könnten wohl dann auch diese Verse mit fehlenden Kommata zur Aussage des Gedichts passen. :P


    Und weil die bisherigen Werke von dir alle schon mindestens einmal kommentiert worden sind, habe ich noch kurz gestöbert und stieß auf "Verführende Schönheit". Du sagst im Vorwort, dass du dir denken kannst, was kritisiert werden würde, aber ich weiß nicht, ob man damit bei mir an der richtigen Adresse ist.^^
    Es schien mir erforderlich, das Gedicht auch in Verbindung mit dem Bild zu sehen. Nun, das Gedicht scheint das Bild erst einmal wiederzugeben. Wenn man sich das Bild ansieht, scheint es den zum Teil verantwortungslosen Umgang der Menschen mit dem Meer zu kritisieren. Nur... Ich weiß jetzt nicht, ob ich die Aussage im Gedicht so deutlich wiederfinde. Vielleicht liegt das an mir, vielleicht hast du auf diese Aussage auch nicht den Schwerpunkt legen wollen, das weiß ich jetzt nicht. Man hat mit dem "ölig" etwas, was ja eindeutig auf Meeresverschmutzung anspielen kann und auch das "festgeschnürt" kann man in diesem Kontext sehen.
    Andererseits scheint der Titel mit dieser Thematik auch nicht wirklich viel zu tun zu haben (wobei man den auch so interpretieren könnte; nur würde ich wohl ohne das Bild nicht auf diesen Gedanken kommen) und daher bin ich mir nicht sicher, ob es deine Absicht war, diese Problematik aufzugreifen. Sollte dies aber der Fall sein, wäre diese Aussage ohne das Bild wohl für mich zu versteckt enthalten. Das führt nun dazu, dass ich irgendwie zunächst keinen genauen Anhaltspunkt habe, was du mit dem Gedicht sagen willst. Das ist aber eigentlich kein Kritikpunkt, eher im Gegenteil: Ich mag vor allem Gedichte, die ich nicht gleich verstehe und die mich so zum Nachdenken anregen. Um aber weiter zu überlegen: Nun ist die Gestalt auf dem Bild ja an eine Nixe angelehnt und vielleicht geht es dir auch um den Mythos, der sich um diese Fabelwesen rankt. Diese werden ja oft als sehr schön und verführerisch, aber auch als gefährlich und bedrohlich dargestellt und dazu scheint das Gedicht sowohl vom Titel als auch vom Inhalt her in der Tat ganz gut zu passen, weshalb mir das jetzt als vielversprechendste Interpretation erscheint. Hätte dann einen weniger starken Bezug zum Bild, als ich zunächst annahm, aber das wäre ja auch nicht schlimm.
    Formal bin ich ja, wie schon erwähnt, nicht so fit, also kann ich wieder nur sagen, dass es sich ganz gut lesen ließ. Aber ich fand es halt sehr schön, wie das Gedicht mich zum Nachdenken und Interpretieren angeregt hat (auch wenn das manchmal dazu führt, dass ich viel Unsinn verzapfe^^). Ach ja: Nach dem "Ja" im ersten Vers der zweiten Strophe müsste vielleicht ein Komma hin, glaube ich.


    Ansonsten einen schönen Tag noch und ich hoffe, du schreibst so schön weiter. :)

  • VIII


    Lang, lang ist's her, dass ich das letzte Mal geupdatet habe; dabei hätte ich eigentlich genug Texte, um häufiger herzukommen. Ich weiß auch nicht, woran es liegt, dass ich so selten poste. Zumindest aber habe ich mich heute endlich dazu gebracht, nicht nur etwas Neues zu bringen, sondern auch das erste Tabmenu zu entfernen. Die anderen folgen irgendwann. Heute gibt es jetzt erstmal ein kleines Drabble, dass vom Nicht-Verstehen lebt, und meine bisher einzige Wettbewerbsabgabe diesen Jahres. Viel Spaß beim Lesen!



    (Im) Liederregen


    Was tut der Hamster, wenn er vor meinem Fenster tobt?
    Weshalb sollte man dem meisten einen folgen?
    Wieso heißt das Reinigungsgerät "Wasser"?
    Was ist ein 'Schnabelmasadu'?
    Warum ist man für mich nur Sommer, Herbst und Winter voll erreichbar?
    Warum ist Barnebas so einsam?
    Was macht ein Fort auf der Szene-Stadt Paris, wo man nicht hinter Höfen spielt?
    Und selbst wenn das eisige Feuer in den Bergen brennt, wie kann man von den Augen in seiner Seele eine Erkältung bekommen?


    Manchmal, ergibt das alles so überhaupt keinen Sinn. Aber das passiert halt, wenn der weiße Neger aus den Wiesen steigt. (Oder?)




    Rote Rosen welken nicht

    Aus reiner Routine öffnete sie den Briefkasten. So wie jeden Tag. Die Tür war schon wieder halb geschlossen, ehe ihr der einzelne Brief auffiel, der in dem kalten Metallkasten lag. Ihr Leben hatte in letzter Zeit nicht mehr viel von einem Leben gehabt, doch dieser Brief änderte alles. Selbst wenn es nur eine Rechnung war, es war eine Veränderung.
    Mit dem Brief in der Hand stieg sie die Treppe hinauf, auf ihrem Stockwerk angekommen, öffnete sie ihre Tür und trat hinein in die Leere, die ihre Wohnung ausstrahlte. Ohne es wirklich zu bemerken, legte sie Tasche und Mantel ab; nur der Brief in ihrer Hand erhaschte immer wieder ihre Aufmerksamkeit. Er war wie ein Schneeglöckchen zum Frühlingsanfang. Etwas so Winziges, das man aber immer wieder sah, wenn man nur wusste, wo es war.
    Später würde sie es bereuen, wie unsanft sie den Brief öffnete, nachdem sie in ihrem Sessel platz genommen hatte. Aber wie hätte sie denn wissen sollen, wie wichtig dieser Brief war, hatte er doch keinen Absender, und auch die gedruckte Adresse gab keine Auskunft über die Handschrift.
    Sie zog den Brief aus dem Umschlag und faltete den Zettel auseinander:

    Liebe Jordan,

    Ihr Herz blieb stehen. Das konnte doch nicht – Aber diese leicht krakelige Handschrift war unverkennbar, auch wenn er sich bemüht hatte, sauber zu schreiben. Nur wie? Der Brief hatte kein Datum. Wann hatte er ihn geschrieben? Wieso …
    Sie atmete, als wäre sie gerade einen Marathon gelaufen. Sie konnte ihren Augen nicht trauen, aber es stand da, ganz unverkennbar.

    du wunderst dich vermutlich, dass du diesen Brief von mir erhältst, aber ich wollte dir wenigstens noch einen Wunsch erfüllen, nachdem dir so viele verwehrt bleiben mussten. Ich hätte sie dir so gerne alle erfüllt. Jeden einzelnen, denn du verdienst nichts mehr als das Beste. Manchmal wünschte ich, ich hätte dich einfach geheiratet, ohne an die Zukunft zu denken. Manchmal wünschte ich, ich hätte dir deinen Traum in weiß erfüllt, dir gegenüber gestanden und dir ewige Liebe geschworen. Ich werde dich auch so ewig lieben, aber ich wusste, dass das Glück nicht von langer Dauer gewesen wäre. Und ich dachte praktisch. Du kennst mich. Das Geld, das wir für die Hochzeit ausgegeben hätten, kannst du jetzt sicherlich gut gebrauchen.
    Manchmal tut es mir leid, dass ich dir nie etwas gesagt habe. Aber was hätte es dir gebracht außer noch mehr Kummer und Schmerz? Du wirst jetzt schon genug leiden. Du weißt, wie schlimm es für mich ist, dich traurig zu sehen. Ich wollte einfach, dass wir eine wundervolle Zeit zusammen erleben, ohne dass dieser Schatten über uns liegt. Ich hoffe, du bist mir deshalb nicht böse. Ich wollte immer nur das Beste für dich.
    Erinnerst du dich noch an den ersten Dezember, nachdem wir zusammengezogen sind? Damals war eine teure Stromrechnung in der Post gewesen und du hast mich gefragt, warum du eigentlich nie Liebesbriefe bekommst. Die seien doch viel schöner. Es war nie eine Aufforderung an mich gewesen, nur der Wunsch nach etwas Schönem in dieser grauen Welt. Ich kann dir nicht sagen, warum ich dir nie einen Liebesbrief geschrieben habe. Vielleicht weil ich immer schon ein Problem damit hatte, die Initiative zu ergreifen, aber heute möchte ich dir deinen Wunsch erfüllen. Ich möchte dir in diesem Brief schreiben, wie sehr ich dich liebe. Und wie unendlich ich dich vermissen werde, wenn ich nicht mehr in deiner Nähe sein kann.
    Du weißt, ich bin ein scheußlicher Dichter, deshalb probiere ich mich gar nicht erst an einer obligatorischen „Rosen sind rot“-Dichtung. Ich möchte ja, dass du dich an diesem Brief erfreuen kannst. Wie schön wäre es, könnte ich dich ohne Weiteres mit einem Sommertag vergleichen, aber bei Shakespeare zu klauen ist auch nicht das Wahre. Stattdessen möchte ich dir auf andere Art und Weise meine Liebe ausdrücken.
    Es ist jetzt Jahre her. Wir waren sechzehn und ich war schon damals Hals über Kopf in dich verliebt, ich hatte mich nur nie getraut, es dir auch zu sagen. Aber das weißt du ja schon. Du sagtest einmal, du hattest damals schon den Verdacht, dass ich dich mag; und deshalb hast du die Initiative ergriffen. So wie immer. Und ich liebe dich dafür, dass du meine kleinen Macken alle ausgleichst. Du bist damals auf mich zugegangen und strecktest mir eine einzelne rote Rose entgegen. „Fröhlichen Valentinstag“, hast du gesagt. Ich habe bestimmt eine Ewigkeit gebraucht, um die Blume zu nehmen - es hatte schon zur nächsten Stunde geklingelt. Eine Woche habe ich gebraucht, bis ich endlich den Mut fand, dich einzuladen, ein Jahr, bis ich mich dir vollkommen geöffnet hatte. Du kanntest alle meine Geheimnisse. Alle bis auf zwei. Das erste hat sich inzwischen selbst gelüftet. Ich wünschte, ich hätte bei dir sein können, hätte dich trösten können, denn es gibt nichts Schlimmeres für mich, als dich weinen zu sehen. Deshalb hoffe ich, dass mein zweites Geheimnis dir dein Lächeln zurückbringt. Denn wenn du lächelst, bleibt die Zeit stehen und alles was noch zählt, ist dein wunderschönes Selbst. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass du dein Lächeln wiederfindest. Egal, was dafür nötig ist.
    Weißt du, was meine Mutter immer gesagt hat, als ich sie nach meinem Vater fragte? Immer dann, wenn ich ihn so sehr vermisste, dass es fast wehtat, weil ich ihn nie wieder sehen konnte? Sie sagte, die Liebe sei wie eine rote Rose, die niemals welkt. Wenn die Rose welke, sei es keine Liebe.
    Ich habe an diesen Satz gedacht, damals als du mir die Rose schenktest. Ich habe sie in mein Lieblingsbuch gelegt, damit sie niemals verwelken würde. Ich weiß nicht, ob dieser Brief pünktlich zum Valentinstag bei dir ankommt, aber ich möchte diese Chance nutzen, dir zu zeigen, wie sehr ich dich liebe. Diese Rose, Jordan, ist unsere Liebe. Sie wird für immer bestehen bleiben. Ich weiß nicht, wohin ich gehe, ich weiß nicht, ob wir uns jemals wiedersehen können, ich weiß nur, dass Liebe nicht sterben kann. Nicht, wenn sie so stark ist.
    Ich wünsche mir, dass du glücklich bist; und wenn du eine neue Rose pflanzen möchtest, dann sollst du meinen Segen haben. Aber eines weiß ich: Unsere rote Rose wird niemals welken.
    Ich liebe dich.
    Ich werde dich immer lieben.

    David

    Der Name verschwamm, als eine Träne auf das Papier fiel. Schnell hielt sie es weg von sich, um diesen Schatz zu schützen, denn es fühlte sich nicht so an, als würden ihre Tränen bald versiegen. Viel mehr fühlte sie sich, als würde sie nie wieder aufhören können. Nur wusste sie dieses Mal nicht, ob sie aus Trauer oder aus Freude weinte.
    Langsam schob sie den Brief zurück in seinen Umschlag, doch irgendetwas war im Weg. Vorsichtig drehte sie den Umschlag um und es fiel eine getrocknete Rosenblüte in ihre Hand. Sie war zart wie Pergament durch den Lauf der Zeit, ihr Rot war matt geworden, aber noch deutlich zu erkennen. In diesem Moment war nichts wertvoller als die zerbrechliche Blume in ihrer Hand. Zu gerne hätte sie ihre Hand darum geschlossen, aber sie hatte Angst, dass sie so ihre Verbindung zu ihm zerstörte. Die Umrisse der Blütenblätter verschwammen in ihren Augen und ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht.
    „Ich werde dich auch immer lieben“, flüsterte sie in den Raum und spürte, dass er sie hörte.


  • Hallo Shira,


    ich dachte mir, ich sehe mir mal deinen Liederregen an und schlug nach deiner eigenene Empfehlung den letzten Satz nach. Da hat es dann Klick gemacht und ich wusste, worauf du mit dem Gedicht eigentlich hinaus wolltest. Mich hat schon der Schnabelmasadu stutzig gemacht, weil ich etwas ähnliches kannte (Schnabel-Masasu aus König der Löwen, hattest du das vielleicht im Sinn?). Ich erkenne die meisten Lieder hinter den Verhörern, die du da aufgeführt hast, gar nicht oder wenn, dann hab ich davon nur einmal flüchtig mitbekommen. Liegt wohl auch daran, weil ich Texte lieber gleich nachschlage, anstatt das mitzusprechen, was ich zu hören glaube.
    Und dabei sprichst du auch ein gängiges Problem an: Die Fähigkeit, bei Liedern den Text nicht zu verstehen und stattdessen andere Dinge in die Wörter zu interpretieren. Eben das, was man gerade versteht. Du kennst ja vielleicht auch die Agate Bauer (I got the power) und das Zahnweh (Zombie), die seit jeher die Texte unsicher machen. Und das finde ich echt kreativ umgesetzt. Nicht zu vergessen natürlich, dass Kinder eher davon betroffen sein können und dadurch erklären sich ja auch die beständigen Fragen, weil sie aus Neugierde am liebsten alles wissen sollen. Hier vereint sich so viel zu einem kleinen Text und ich mag die Idee. Danke.


    Wir lesen uns!

  • IX


    Ganz offensichtlich schaffe ich es nicht, hier häufiger zu updaten. Dabei ist der Re-Kommi seit bestimmt einem Monat, der Text seit bald drei fertig ... Ich mache irgendwas falsch. Aber heute, mit dem Hochgefühl meines vierten Wettbewerbssieges, komme ich endlich dazu, meine Hommage an Team Rocket und die Trainerin eines glücklichen Gengars zu veröffentlichen. An dieser Stelle geht Liebe an @Cassandra. ♥



    Wie ich zu Team Rocket kam


    Mein Kopf brannte. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Wäre ich nicht schon ein Geist gewesen, hätte ich wohl um mein Leben gefürchtet, da der Tod aber keine Option war, kam mir diese Erlösung von meinen Qualen plötzlich sehr verlockend vor. Andererseits fühlte es sich an, als würde mein Gehirn jede Sekunde platzen, sodass ich es kaum einen vernünftigen Gedanken formen konnte. Nur eines wusste ich: Lange hielt ich diese Schmerzen nicht mehr aus.
    Die Zeit verging endlos langsam. Ich wusste nicht mehr, ob sie mich vor einigen Tagen, Stunden oder Wochen in diese Apparatur gesteckt hatten, ich hörte sie nur ab und zu etwas über meine Vitalfunktionen und deren Relevanz für ihr Experiment reden, ohne wirklich etwas zu verstehen.
    Ich hasste mich dafür, dass ich die fremden Männer mit den roten Haaren unbedingt hatte erschrecken wollen. Aber das war nun mal meine Natur und normalerweise war es auch ein riesiger Spaß, zuzusehen, wie die Menschen vor Angst rannten. Es gab mir ein so wunderbares Gefühl von Macht. Doch diese Männer waren anders gewesen. Ich bemerkte zu spät, dass es eine Falle war, und noch ehe ich begriff, wie mir geschah, steckte ich völlig verkabelt in einer Apparatur und konnte mich nicht mehr bewegen und – kaum hatten sie ihr Experiment begonnen – auch nicht mehr denken. Es war, als wollten sie mein Gehirn mit Informationen vollstopfen, die es einfach nicht aufnehmen konnte; als versuchte man, einen Felsbrocken in eine Teetasse zu verfrachten: Die Teetasse zerbricht dabei unausweichlich.
    Am liebsten würde ich aufgeben. Gewehrt hatte ich mich eh kaum, dazu war der Druck auf meinen Kopf zu stark, auch das Bewusstsein hatte ich sicherlich schon mehr als einmal verloren, aber noch hatte ich mich dagegen gesträubt, einzusehen, dass dies hier mein Schicksal sein sollte. Doch vielleicht würde es leichter werden, würde ich nicht mehr versuchen, klare Gedanken zu fassen. Vielleicht sollte ich einfach …


    „Jetzt gibt es Ärger!“
    „Und es kommt noch härter!“
    „Müsst ihr echt euer bescheuertes Motto abziehen?“
    „Hat sie gerade ‚bescheuert’ gesagt?“
    „Dabei ist das das Original!“
    „Aber ohne Mauzi trotzdem nicht das gleiche …“
    „Kein Wunder, dass euch alleine nie etwas gelungen ist! Das Überraschungsmoment ist schon lange weg.“
    Ein lauter Knall und drei sich streitende Stimmen, die mir nicht wirklich bekannt vorkamen, hinderten mich daran, wieder in die Bewusstlosigkeit zu sinken. Dass dies nicht normal war, bemerkte ich sogar in meinem Zustand. Ich versuchte, die Augen zu öffnen, um etwas zu sehen, aber ich war zu schwach, meinen Lidern überhaupt erst den Befehl zu geben, sich zu heben.
    „Arbok, los, Wickel!“ Ohne wirklich zu wissen, wie der Gedanke in meinen Kopf gekommen war, wusste ich, dass sie die Effizienteste der drei Neuankömmlinge war. Sie hatte etwas Starkes in ihrer Stimme. „Ihr habt nur Glück, dass diese beiden hier offenbar noch größere Trottel sind als ihr.“
    „Hey!“
    „Wen nennst du hier Trottel?!“
    „Würdet ihr vielleicht mal endlich damit aufhören und stattdessen das arme Gengar befreien?“
    Ich mochte sie. Zwar versetzte es – trotz der Apparatur – meinem Stolz einen Stich, als „arm“ bezeichnet zu werden, aber zumindest dachte das Mädchen an die wirklich wichtigen Dinge.
    Mit einem Geräusch, dass klang, als würde man alle Luft aus einem vollen Reifen lassen, löste sich mit einem Mal der Druck auf meinen Körper und Geist. Ich fühlte mich, als hätte ich noch weniger Konsistenz, als der Körper eines Geistes ohnehin schon hat. Ich war noch immer zu schwach, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen.
    „Aber Mauzi ist hier immer noch nirgends zu sehen …“, erklang die fremde männliche Stimme, als stünde der Sprecher direkt über mir. Er schien traurig und nicht so ganz zu wissen, was er nun tun sollte. Zum Glück aber gab es eine denkende Person in dieser Gruppe.
    „Wie kann es nur sein, dass ich ausgerechnet mit euch beiden in einem Team stecke?“ Das Mädchen klang hörbar genervt, noch mehr als ohnehin schon. „Muss man euch auch das Atmen auftragen, damit ihr daran denkt?“ Ich hörte jemanden in meiner Nähe Luft holen, mehr als wollte er widersprechen, als zustimmend, aber das Mädchen redete einfach weiter: „Jetzt macht schon und fesselt den Mann, damit sich hier irgendjemand um das verletzte Pokémon kümmern kann.“
    Auch wenn die Kleine sympathisch auf mich wirkte, jetzt wurde es doch etwas zu viel. Man musste sich nicht um mich kümmern, ich kam sehr gut alleine zurecht!
    Bei einem letzten Versuch, mich zu bewegen, verlor ich das Bewusstsein.


    Mein Körper fühlte sich taub an; aber ich konnte ihn bewegen. Zu gerne hätte ich geglaubt, die Experimente wären nur ein böser Traum gewesen, doch zu sehr schmerzte mein Kopf noch immer. Ich wusste nicht, wo ich war, und ich war noch zu schwach, meine Augen zu öffnen, aber auch so fühlte sich meine Umgebung freundlicher an, wärmer. Ich hörte mein Stöhnen, als käme es von einem anderen Wesen.
    „Hey“, hörte ich eine Stimme. Sie klang nett und kam mir irgendwie bekannt vor, doch mein Kopf fühlte sich an wie in einer riesigen Wolke, die alle Gedanken dämpfte. Dennoch war das ein deutlich angenehmeres Gefühl als das, das ich in letzter Zeit hatte erleben müssen.
    Mühsam öffnete ich die Augen. Das Zimmer war dunkel, es hatte keine Fenster, also konnte ich nicht sagen, ob es Tag oder Nacht war. Ich lag auf einem Bett der Menschen. Normalerweise hätte ich dies als Beleidigung aufgefasst, aber es war erstaunlich weich und angenehm, darauf zu liegen. Neben meinem Lager saß eine junge Frau auf einem Stuhl und sah auf mich herab. Sie trug ein schwarzes Shirt, auf dem ein großes, rotes R prangte. Ihre hellen Haare fielen ihr lang über die Schultern und umrahmten ihr rundes Gesicht. In ihren braunen Augen sah man Erleichterung darüber, dass es mir besser ging, aber sie wirkten auch, als hätte sie nie daran gezweifelt. Und mit einem Mal wusste ich wieder, woher ich die Stimme kannte. Das Mädchen war mir noch immer sympathisch.
    „Mein Name ist Cassandra“, begann sie zu erklären, „und du bist hier bei Team Rocket. Ich will ganz ehrlich mit dir sein, denn du scheinst mir ein intelligentes Pokémon: Wir sähen es gerne, wenn du mit uns kämpfst. Wenn es freiwillig geschieht, macht es die Sache für dich um einiges leichter. Und wenn nicht, haben wir unsere Methoden.“
    Ja, das Mädchen gefiel mir wirklich. Sie kam direkt auf den Punkt, beschönigte nichts. Sie war die Art von Mensch, von denen ich mir vorstellen könnte, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Es stellte sich mir nur eine Frage: „Wer oder was ist Team Rocket?“
    Sie sah mich an, an hätte ich die Stimme eines Kussillas. Dabei hatte sich das ganz normal angehört. Eigentlich hatte ich nicht einmal geplant, es laut auszusprechen, allerdings merkte ich nun, dass ich noch nicht wieder hundertprozentig Herr meiner Sinne war.
    „Hast du das gerade gesagt?“, fragte Cassandra.
    Natürlich hatte ich das gesagt. „Natürlich …“ Dann traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz: „Du hast mich verstanden?“
    Es war, als hielte sie einen Moment die Luft an, ehe sie ansetzte: „Ja … ja, natürlich; deshalb hatte Team Flare Mauzi entführt!“ Der Ausdruck des Verstehens spiegelte sich in ihren Augen. „Sie haben einen Weg gefunden, wie Pokémon mit Menschen sprechen können!“
    „Wenn ich dazu etwas sagen dürfte“ – ich wollte die Hand heben, doch mein Körper war noch zu schwach und so sah der Versuch eher erbärmlich aus – „das ist kein sehr angenehmer Weg.“
    Cassandra lächelte bloß und überging meine Schwäche. Und ich war ihr sehr dankbar dafür. „Team Rocket ist eine Institution“, begann sie zu erklären, „wir halten zusammen, wir kämpfen, wir stehlen Pokémon und verbreiten Angst und Schrecken, um unserem wundervollen Boss Giovanni eine Freude zu bereiten. Und, ganz unter uns“, sie senkte die Stimme und beugte sich etwas näher zu mir herab, „es macht auch verdammt viel Spaß.“
    Nun musste auch ich lächeln. Ich erinnerte mich nicht daran, wann ich das letzte Mal gelächelt hatte oder ob überhaupt schon einmal, aber dieses Mädchen sprach meine Sprache. „Liebste Cassandra“, begann ich feierlich und mein Lächeln wurde zu einem düsteren Grinsen, wie es schon so manchen Menschen erschreckt hatte, doch sie hörte mir einfach weiter zu, „als neues Mitglied bei Team Rocket würde ich sehr gerne mit dir zusammenarbeiten.“
    „Sehr gerne“, erwiderte sie und ich sah die Verschlagenheit in ihren Augen aufblitzen, die sich gegen unsere zukünftigen Opfer richtete.
    Wir würden ein perfektes Team abgeben, das wusste ich schon jetzt. Ich würde schon wieder zu Kräften kommen und dann würden wir beide zusammen in Team Rockets Namen Angst und Schrecken verbreiten. Vielleicht waren diese grausamen Experimente ja das Beste, was mir hätte passieren können.

  • Beim Verfassen meines ersten richtigen Kommentars seit Jahren im Vote-Topic zum Thema Naturgewalten ist mir aufgefallen, dass ich doch ein wenig (sprich: exremst) eingerostet bin, was denn die Kunst des Kommentierens angeht, deswegen dachte ich mir kurzerhand, dass ich mir das doch wieder aneignen könnte. Und da hier in diesem Topic noch eine bis jetzt hier unkommentierte Geschichte lagert, werde ich mich dieser nun einfach so annehmen!



    Wie ich zu Team Rocket kam




    Der Titel zusammen mit dem kurzen Vorwort macht Laune auf eine Geschichte der anderen Art, sozusagen eine Ansicht der Dinge auf der anderen Seite des Spiegels. Einmal Team Rockets Hintergründe und Motivationen entdecken und sich vielleicht sogar mit einem Mitglied der eigentlich Stereotyp-Bösen identifizieren. Insofern gehe ich in diese Geschichte mit einer offenen Einstellung und hochgradig interessiert hinein!


    Zitat

    Wäre ich nicht schon ein Geist gewesen, hätte ich wohl um mein Leben gefürchtet, da der Tod aber keine Option war, kam mir diese Erlösung von meinen Qualen plötzlich sehr verlockend vor.

    Direkt zu Anfang eine Überraschung! Nach einem Einstieg in die Geschichte, wie man sie wahrscheinlich schon viele Male in vielen verschiedenen Varianten lesen konnte, dreht sich hier im dritten Satz erst einmal alles um 180°. Hier hast du direkt wunderschön mit meiner Erwartungshaltung gespielt. Der Titel "Wie ich zu Team Rocket kam" hat mich von vornherein auf einen menschlichen Protagonisten schließen lassen. Zugegeben, im Vorwort war von "meiner lieben Trainerin" die Rede, aber aus irgendeinem Grund hat mich das nicht davon abgehalten, einen menschlichen Charakter zu erwarten. Vielleicht eine schlechte Angewohnheit, weil ich so lange keine Pokémon-Texte mehr gelesen habe. Im Nachhinein hätte man natürlich mit einem Gengar rechnen können.



    Zitat

    als versuchte man, einen Felsbrocken in eine Teetasse zu verfrachten: Die Teetasse zerbricht dabei unausweichlich.

    Mit Metaphern tue ich mich oft ein bisschen schwer, weil es in meinen Augen leider viel zu oft so rüberkommt, als würde der Autor es damit übertreiben und einfach zwanghaft besonders philosophisch zu wirken. Das ist an dieser Stelle gar nicht so, das ist ein nettes und simples Bild und ein Vergleich, über den der Leser nicht lange nachdenken muss. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass ich mir vorstellen könnte während so einer Folter selbst auf ein ähnliches Bild kommen zu können, daher ein Pluspunkt für einen realitätsgetreuen Gedankengang!



    Zitat

    auch das Bewusstsein hatte ich sicherlich schon mehr als einmal verloren

    Können Geister im traditionellen Sinne das Bewusstsein verlieren? Sicherlich gelten für Pokémon-Geister andere Voraussetzungen als für "normale" Geister, weswegen ich das inhaltlich hier gar nicht anzweifeln möchte. Auch, dass der Bewusstseinsverlust hier als Schutzreaktion während der Folter auftritt. Mir ist nur eben der Gedanke gekommen, dass ein normaler Bewusstseinsverlust bei Geistern gar nicht vorkommen könne, weil das meines Wissens nach ja daran liegt, dass nicht genug Blut ins Hirn kommt und ich denke nicht, dass Geister eine normale Blutzirkulation haben. Aber genug OT und weiter im Text.


    In dem ersten Abschnitt der Geschichte erfahren wir also etwas zu den Ereignissen, die zu der aktuellen Situation geführt haben. Besonders gelungen ist es, die grundlegenden Charakterzüge des Pokémon zu vermitteln, ohne sie plump und direkt anzusprechen. Das Pokémon ist zumindest leicht sadistisch veranlagt und liebt es, seinen Schabernack mit Menschen zu treiben und intelligent genug zu wissen, wann es sich nicht mehr lohnt sich zu wehren. Trotz sicherlich überraschender Notsituation instinktiv auf Selbsterhaltung gepolt.


    Die nächste Passage, in denen unsere (in diesem Falle) Helden von Team Rocket auf den Plan treten finde ich durch den kleinen, gewissermaßen fast schon spaßhaften, Streit am Anfang nett eingeleitet. Die Charakterisierung der teilnehmenden Personen durch die Interaktion untereinander, aber auch über die Beurteilung des angeschlagenen Gengars lässt schon darauf schließen, dass Jessie und James als Comic-Relief wohl nicht im Mittelpunkt der Story stehen werden, sondern eher die dritte, kompetentere Person, auf die hier der Fokus gelegt wird.


    Deine Befürchtung vom Anfang, dass ein wenig Verwirrung aufkommen könnte, wer gerade spricht ist zwar berechtigt, aber nur am Anfang vielleicht ein kleines Problem. In dem Moment in dem die Rollen etabliert sind, kann man, wenn man beim Lesen aufmerksam bleibt, die drei Mitglieder von Team Rocket gut auseinanderhalten. Ich finde diesen Abschnitt des Textes aber gerade in Hinblick auf die interne Fokalisierung am interessantesten (und auch am gelungensten). Bis auf die Geräusche des Umfeldes und den gehörten Dialog bekommt die Figur, um die sich er Text dreht keine weiteren Informationen und auch dem Leser bleibt nichts anderes als abzuwarten, wie sich die Handlung weiter entwickelt, bis sich Antworten auf die vielen Fragen ergeben. Hier hast es wunderbar geschafft, den Leser in die gleiche hilflose Situation wie das Gengar selbst zu bringen. Man kann sich noch nicht durch Beschreibungen von Äußerlichkeiten ein eigenes Bild machen und nimmt so unweigerlich die selbe Haltung wie das Gengar ein, wenn es Beispielweise denkt:



    Zitat

    Ohne wirklich zu wissen, wie der Gedanke in meinen Kopf gekommen war, wusste ich, dass sie die Effizienteste der drei Neuankömmlinge war. Sie hatte etwas Starkes in ihrer Stimme.


    Damit gehen wir in den letzten Abschnitt über, in dem jetzt wirklich alles aufgelöst wird. In wessen Händen sich das Gengar befand, zu welchem Zweck Team Rocket überhaupt vor Ort war und was weiter geschehen soll.
    Dabei hat mir gefallen, dass du - obwohl diese Geschichte ja auch einmal Team Rockets von einer besseren Seite zeigen soll - trotzdem nichts verherrlicht hast. Die skrupellosen Methoden von Team Rocket sind natürlich trotzdem noch vorhanden:



    Zitat

    Wenn es freiwillig geschieht, macht es die Sache für dich um einiges leichter. Und wenn nicht, haben wir unsere Methoden.

    Und dann natürlich der zweite Twist der ganzen Geschichte (zugegeben, der erste Twist, dass der Protagonist ein Pokémon ist, ist nicht so überraschend, wie ich es im ersten Moment empfunden habe, damit hätte man eigentlich rechnen sollen): Gengar und Cassandra können dank des grausamen Experimentes von Team Flare miteinander sprechen! Und damit ist auch der schnellste Weg gefunden, wie man dem Leser die Motivation von Team Rocket mitteilen kann. Gengar wird als Medium benutzt, um den Leser aufzuklären. Dass Team Rocket Angst und Schrecken verbreiten will ist für jeden Leser, der nicht gerade ein heimtückisches Geist-Pokémon ist, natürlich trotzdem alles andere als ein "gutes" Ziel, aber für Gengar klingt es wohl nach dem Paradies auf Erden. Motivation der Charaktere wunderbar umgesetzt!


    Abschließend kann ich sagen, dass mir "Wie ich zu Team Rocket kam" sehr gut gefallen hat, obwohl es etwas ganz anderes war, als ich ursprünglich gedacht hatte. Wo ich mit einer fundierten Begründung und einer durchdachten Rechtfertigung für Team Rockets Verhalten rechnete, bekam ich einfach brutale Ehrlichkeit, die aber im Kontext der Geschichte Team Rocket natürlich ansprechend aussehen lässt.
    Ich habe mich besonders darüber gefreut, dass mit dem Vorurteil, Team Rocket wolle allen Pokémon schaden und wissen nicht, wie man eine vernünftige Beziehung zu einem Pokémon ausbauen kann, aufgeräumt wird. Cassandra ist eben auch als Team Rocket Mitglied zu Empathie fähig und ist nicht grundlos böse gegenüber Pokémon. Natürlich steck auch ein wenig Eigennutz ihrerseits dahinter, aber ich bin mir sicher, dass sich alles zu der Zufriedenheit eines Gengars entwickeln wird.
    Alles in allem eine schöne Kurzgeschichte zu einem Thema, dass sich wahrscheinlich nicht jeder Pokémon-Fan so durch den Kopf gehen lassen hätte, ich habe das Lesen sehr genossen :)

  • X


    Keine zwei Monate - das ist ziemlich gut. Ich habe länger überlegt, welchen Text ich zu meinem zehnten Update hier ausstelle, habe mich nun aber nicht für einen neuen, sondern für einen meiner liebsten Texte entschieden. (Und ich mag ihn nicht nur so gerne, weil er gewonnen hat.) Als nächstes hoffe ich, irgendwann im Oktober endlich den dritten Teil Meereskinder hochzuladen, nachdem mir vor Kurzem auffiel, dass es schon seit fast einem Jahr nicht weiter ging. Es tut mir leid, euch immer noch ein wenig vertrösten zu müssen, aber er kommt als nächstes, versprochen.




    Ist die Welt gut oder böse, Jack?


    Sie starrte auf das Stück Papier, das in ihrer Hand lag. So fühlte es sich also an, wenn man die Trainerschule beendet hatte. Sie wusste nicht, wie sie es sich vorgestellt hatte, aber dies hier war anders; seltsam. Sie war nicht erleichtert oder froh, fertig zu sein. Immerhin hatte sie sich freiwillig dazu entschieden, diesen Weg zu gehen und nicht einfach mit zehn Jahren und einem jungen Pokémon die Welt zu erobern. Doch jetzt stand ihr diese wieder offen. Und das machte ihr Angst.
    Langsam ging sie auf die großen Türen zu, durch die sie dieses Gebäude so oft betreten hatte. Es fühlte sich an wie der Gang zum jüngsten Gericht. Dabei war nichts anders als sonst. In nichts unterschieden sich die blassen Gänge und die dunkelbraunen Türen von ihrem Aussehen an jedem anderen Tag der letzten Jahre. Und auch sie selbst konnte sich in den letzten zwei Stunden kaum verändert haben. War dieser Ort zu ihrem Feind geworden, jetzt da sie ihn verließ?
    Gleißendes Sonnenlicht erwartete sie, als sie das Gebäude verließ. Nie wieder. Überall standen die anderen Schüler. Sie feierten und spielten mit ihren Pokémon. Wenn man wollte, bekam man eines zusammen mit dem Abschlusszeugnis. Sie hatte keins genommen. Sie wusste noch nicht, was sie von der Welt halten sollte. Der Wind ließ die grünen Blätter der Bäume rauschen und trug ein nur allzu bekanntes Brummen an ihr Ohr. Gleich links neben den großen Treppen, die zu den Türen führten, wartete Bisaflor auf sie. Loyal, geduldig und pünktlich wie immer. Nach all der Zeit konnte sie lächeln, als sie seine Gestalt sah. Es waren nicht mehr nur Trauer und Schmerz.


    „Pass auf dich auf, Ellie. Bisasam und ich werden die Welt erobern. Denn es gibt nichts Besseres.“


    Sie warf einen letzten Blick zurück zum Schulgebäude. Es war wie eine zweite Heimat für sie geworden. Jeden Tag war sie hergekommen und hatte mit ihren Klassenkameraden gelernt. Dennoch war sie alleine geblieben. Aber das war schließlich ihre eigene Schuld. Vom Haus aus wanderte ihr Blick über die vielen Grüppchen, die sich gebildet hatten. Sie alle standen auf der anderen Seite der Treppen und bildeten eine seltsame Einheit. Eigentlich gehörte sie dazu. Aber sie ging nicht hin. Da traf ihr Blick den eines Jungen. Er war ihr Nachbar und immer schon offener ihr gegenüber gewesen, als andere es waren. Er lächelte sie an, löste sich aus der Einheit und kam zu ihr und Bisaflor.
    „Hey, ich hab dich noch gar nicht gefragt, wie dein Zeugnis war. Bist du zufrieden?“
    „Ja“, antwortete sie, auch wenn sie sich nicht ganz sicher war, ob das stimmte. Allerdings war es kein schlechtes Zeugnis. Im Gegenteil, es war wohl eines der besten, nachdem sie ihre ganze Zeit damit verbracht hatte, sich mit Lernen abzulenken.
    „Und? Gehst du jetzt auf Pokémonreise? Mit Bisaflor?“
    Er meinte es nicht böse. Ganz sicher nicht. Dennoch hätte sie ihm am liebsten ins Gesicht geschlagen. Wie konnte er nur so etwas sagen? Wie konnte er nur …?
    Sie atmete zweimal tief, um sich zu beruhigen. Er wusste es schließlich nicht.


    „Vergiss es nie Ellie, die Welt ist gut zu dir, wenn du auch gut zu ihr bist.“


    Sie war gut zur Welt gewesen. Und ihr Bruder genauso. Doch die Welt war nicht gut.
    Sie schwieg zu lange für eine so einfache Frage. Und als sie schließlich etwas sagte, beendete es das Gespräch. „Nein.“ Ein Nein, das keine Erklärungen brachte und keine Fragen duldete. Es war ein Nein, wie es sicherer nicht hätte klingen und unsicherer nicht hätte sein können.
    Sie drehte sich um und stieg auf Bisaflors Rücken. In seinem ruhigen Schritt ließ es das Schulgebäude und den Jungen hinter sich. Und mit ihnen sanken all die letzten Jahre in eine Erinnerung, die nie wieder real sein würde. Eine Zeit, die ihr etwas Sicherheit geschenkt hatte, war beendet und vor ihr breitete sich die Welt aus. Eine Welt und ein Leben. Gut oder böse?


    „Ellie, es war ein Unfall. Niemand hat daran Schuld.“
    „Doch! Die Welt! Das Leben! Was auch immer. Sie haben ihn umgebracht.“


    Die Welt war ein Mörder. Jeden Tag nahm sie unschuldigen Menschen das Leben. Und zahllose andere ließ sie einfach im Stich. Egal wie gut sie zu ihr waren. Ihr Bruder musste sich geirrt haben. Denn sonst wäre er jetzt hier.
    Die Welt zeigte sich von ihrer besten Seite. Sie lächelte Sonnenstrahlen. Sie lachte Windstöße und sang Gezwitscher und Rauschen. Sie ließ die alten Straßen, die Bisaflor entlang trottete, erstrahlen als hätte sie sich extra für diesen Tag herausgeputzt. Selbst die Häuser zu beiden Straßenseiten, von denen sie sich in den letzten Jahren auf ihren Wegen jeden Riss hatte einprägen können, ließ die Welt heute erscheinen wie neu. Sie tat so, als sei sie gut. Aber ihr konnte die Welt nichts vormachen. Sie wusste es besser.


    „Ellie hör doch auf zu weinen. Du solltest raus gehen und die Welt erkunden. Sie steht dir offen.“


    Sie hatte so viele Bücher gelesen und Filme gesehen, in denen die Hauptcharaktere nur darauf warteten, die Welt zu erkunden, in denen sie sich eingesperrt vorkommen, in ihrem Leben und alles dafür tun, endlich in die tolle Welt entfliehen zu können. Und jedes Jahr wieder konnte sie es bei den jungen Trainer beobachten. Jedes Jahr zog die Gruppe der Zehnjährigen los, um den weiten Weg zur nächsten Pokémonverteilung zu gehen. Zehn. Wie konnte man nur so junge Kinder in diese grausame Welt loslassen? In eine Welt die nur so tat, als sei sie gut, um im passenden Moment zuzuschlagen. Völlig überraschend, sodass man keine Chance hat, sich gegen sie zu wehren. Plötzlich ist da ein Abgrund. Du fällst. Du stirbst.


    „Ellie, freu dich, -“
    „Worüber?“


    Als Bisaflor vor ihrer Haustür hielt, lag das alte Haus leer und verlassen da. Die blassgelbe Frontseite lag im Schatten. Es war, als hätte zumindest ihr Haus verstanden, dass die Welt nur ein Trugbild zeigte. Hinter den rot umrahmten Fenstern brannte kein Licht. Nichts bewegte sich. Sie hatte ihrer Mutter gesagt, sie würde erst in zwei Stunden kommen. Also arbeitete sie noch. Ein erleichternder Gedanke.
    Sie schloss auf. Nach … waren sie hergezogen und hatten die Türen vergrößern lassen. Sie konnte nicht mal daran denken. Wenn sie daran dachte, würde sie nur wieder weinen. Auch wenn sich schon allein bei dem Gedanken daran, dass nun die Welt auf sie wartete, alles in ihr zusammen zog. Sie wollte nicht hinaus in die Welt. Aber das verstand keiner. Sie alle ließen sich täuschen.
    Sie stellte Bisaflor eine Schüssel Wasser hin. „Danke, mein Großer“, flüsterte sie und ließ ihn alleine. Dann starrte sie aus dem Fenster. Nach einer Weile öffnete sie die Tür und trat hinaus in den Garten. Sie wusste, wenn sie die Augen schloss, würde sie ihren Bruder vor sich sehen. Sie wusste, wenn sie die Augen nicht schloss, würde sie die Welt vor sich sehen. Sie wusste, dass sie eine Entscheidung fällen musste. Sie wusste, dass sie weinte. Aber was sollte sie nur tun?


    „Herr Lehrer? Ist die Welt gut oder böse?“
    „Nun ja, ich würde sagen, wir leben in einer ziemlich guten Welt, Ellie.“
    „Dann haben Sie sie noch nicht kennengelernt.“


    Ein Schatten verdeckte die Sonne. War sie eingeschlafen, nachdem sie sich ins Gras gelegt hatte? Hatte sie sich in ihren Gedanken verloren? Sie konnte nicht sagen, ob nur eine Minute oder eine Stunde vergangen war. Jetzt stand auf jeden Fall der Nachbarsjunge über ihr und hielt ihr die Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Ihre Augen fühlten sich noch feucht an, als sie nach der Hand griff. Hatte das Leben ihn geschickt, um sie zu demütigen?
    Sie beide standen nur schweigend da. Für eine Ewigkeit oder nur für zwei Sekunden. Im Moment war beides dasselbe. Sie sah nur in seine Augen und versuchte so, die Welt um sich herum auszublenden. Doch das hatte noch nie geklappt. Die Welt wartete darauf, dass sie sich entschied, wie sie ihr begegnete. Dabei wollte sie der Welt gar nicht begegnen. Die Welt war grausam.


    „Wenn Sie heute durch diese Tür gehen, dann liegt Ihnen die Welt zu Füßen.
    Vor allem Ihnen, Ellie.“


    „Die Welt kann dir gar nichts.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber seine Worte hallten lauter in ihr, als jeder Donner es je gekonnt hatte.
    Sie sagte nichts.
    „Ich habe das Bisaflor erkannt. Das beste Pokémon des Champs. Ich weiß von dem Unfall. Ich kenne die Geschichte.“
    Ihr Herz stockte. Erst als sich ein Druck um ihre zitternde Hand bildete, merkte sie, dass er sie noch nicht losgelassen hatte.
    „Du bist nicht alleine.“
    Sie würde eine Entscheidung treffen. Doch die Welt würde nicht siegen.


    „Ellie? Würdest du mich auf meinen Reisen begleiten?“
    „Ist die Welt gut oder böse?“
    „Jack, der Champ, sagte immer, die Welt sei gut zu dir, wenn du gut zu ihr bist. Aber das weißt du ja sicher.“
    „Mein Bruder ist in diesem Glauben gestorben.“
    „Ich glaube immer noch daran. Für mich. Für ihn. Und du?“
    „Ja, ich werde dich auf deiner Reise begleiten.“