until the day I die.

  • until the day I die.


    http://i.imgur.com/r1MSLre.jpg



    You remind me of the times
    When I knew who I was
    But still the second hand will catch us
    Like it always does


    - until the day I die (story of the year)


    Vorwort


    Willkommen, liebe Besucher dieses Topics!
    Nachdem meine Motivation, eine gesamte Fanfiction zu schreiben, im Moment nicht besonders hoch ist, ich zwischendurch aber gerne immer wieder kürzere Geschichten schreibe, habe ich beschlossen, dieses Topic hier zu eröffnen. Neben Texten, die ich aus Langeweile heraus geschrieben habe oder um etwas bestimmtes damit auszudrücken, werde ich hier im Übrigen auch Wettbewerbsabgaben meinerseits posten; ich freue mich bei beidem immer sehr über Feedback, da ich mein Können gerne verbessern würde.


    Den Titel habe ich übrigens gewählt, da der Song eine gewisse Bedeutung für mich hat und mich irgendwie auch an das Schreiben erinnert. Zumal ich das Schreiben vermutlich tatsächlich bis zu meinem letzten Tag lieben werde, als etwas, was einen besonderen Stellwert in meinem Leben eingenommen hat; ich liebe es einfach, meine Gedanken zu Papier zu bringen.


    Danksagung


    Bevor es nun weiter zu den Werken geht, möchte ich gerne einigen Menschen, welche mich teilweise sehr inspiriert haben, danken. Zuallererst wäre dies jeder Titankumpel/-dude und somit ganz besonders @Armin und @Kyurama, welche diese süße Gruppe ins Leben gerufen haben. Die Konvi mit euch ist so unglaublich toll und hat mir, um ganz ehrlich zu sein, schon die eine oder andere Idee für kommende Werke gegeben, die mit Shingeki no Kyojin zu tun haben!


    Ein riesiges Dankeschön geht außerdem an @Rusalka, der irgendwie eine Inspirationsquelle für alles ist und mit dem man gerade über das Schreiben und so manche Idee, so verrückt sie auch ist, so toll reden kann. ♥
    Und zu guter Letzt bedanke ich mich auch noch ganz herzlich bei @Eric Slingby, meiner Mentorin über lange Zeit, und bei @Feliciá, @Chess, @Canberra, @Sol und nochmals @Kyurama als diejenigen Personen, deren Werke ich am liebsten lese und die mich bei der einen oder anderen Sache durchaus inspiriert haben. Vielen lieben Dank. ♥



    Werke


    [tabmenu][tab=Kurzgeschichten][subtab=x]
    [subtab=Don't feed the trolls!]


    (dt.: Füttere keine Trolle!)


    Mit einem lauten Ächzen ließ ich den Rucksack, der geschätzt mehrere dutzend Kilo wiegen musste, von meinen Schultern gleiten. Ob es wirklich die beste Entscheidung war, dieses Monstrum mit in das weitläufige Waldstück zu nehmen, in dem mein Reaktionsvermögen zwischen Leben und Tod entscheiden konnte? Vermutlich nicht, aber dies war nun mal meine Aufgabe: den Rucksack, welcher bis obenhin bepackt war mit mysteriösen Paketen, in ein kleines Dorf inmitten des Waldes zu schaffen.
    Gut, „mysteriös“ war nicht das richtige Wort. Seit ich im Dienste des Königreichs stand, wusste ich schließlich nur allzu gut, was diese sorgsam abgepackten Kästchen beinhalteten: Mahnungen und Warnungen. Kaum zu glauben, dass diese Biester so schwer sein konnten – ja, Biester, Lebewesen, Waffen, die im Kampf gegen die bösen Trolle, welche in diesem Wald hausten, effektiv sein sollten, obgleich sie teils nur wenige Zentimeter groß waren. Normalerweise hielten sich die Trolle im Wald versteckt, doch mitunter geschah es, dass sie bis in die benachbarten Siedlungen vordrangen. In diesem Fall war es die Aufgabe von uns Untergebenen der Hochkönigin Akatsuki, dem Treiben dieser hinterhältigen Wesen ein Ende zu setzen. Zu dumm, dass ich kein Truppenführer war; Gerüchte besagen, dass diese durch eine besondere, von der Hochkönigin verliehenen Kraft in der Lage wären, sogar Verwarnungen – die größten Vertreter der Warnungen – aus dem nichts Erscheinen zu lassen. Gesehen oder gar versucht hatte ich so etwas allerdings noch nie mit selbst – aber vielleicht war das auch gut so, da sich Truppenführer im Kampf gegen die Trollwesen automatisch in eine höhere Gefahr begaben als wir kleinen, ehrenamtlichen Helferchen, die nur sehr selten zum Einsatz kamen. Doch nun war so ein Fall eingetroffen.


    Ich hetzte durch Wald, so gut es mir möglich war – schließlich wuchsen die Bäume hier dicht an dicht und versperrten mir die Sicht. Es dämmerte bereits; die Sonne schien immer mehr hinter dem Horizont zu verschwinden, was mir in dieser Situation nicht unbedingt behilflich war. Verflixt. Plante jetzt in diesem Moment ein Troll, mich anzugreifen, hatte ich wenige Chancen, ihn rechtzeitig zu bemerken. Sollte ich ein paar kleine Mahnungen aus dem Rucksack lassen? - Nein, wenn sie keinen Troll ausfindig machen konnten, verflüchtigten sie sich oftmals schnell. Es war ein Risiko, das ich nicht einzugehen wagte – immerhin sollte ich ja die volle Anzahl an Mahnungen und Warnungen in das vorgesehene Dorf bringen. Einen Fehlschlag konnte ich mir nicht erlauben! Aber wenn mich nun doch Trolle fanden? Was würden sie mit mir anstellen?
    Ich biss mir auf die Zunge.
    Gedanken lenkten ab. Ich durfte nicht über mögliche Konsequenzen nachdenken – das war nicht Teil meiner Aufgabe. „Augen zu und durch“, hieß es doch. Vermutlich war es das beste, was ich jetzt machen konnte.
    Und just in diesem Moment – als wäre die Situation nicht schon ironisch genug gewesen – geschah es, dass ich aus der Richtung, in die ich preschte, einen ohrenbetäubenden Laut vernahm, welcher durch Mark und Bein drang.


    „Solltest du jemals einen hohen, lauten Schrei hören, wenn du dich in einem Wald befindet, dann renne, so schnell dich deine Beine tragen. Dieses Geräusch deutet nämlich auf einen Troll in Rage hin – etwa, da bereits so viele Warnungen über ihn hergefallen sind, dass er bald vollständig gesperrt wird – und damit ist nicht zu spaßen. Du könntest dein Leben riskieren.“


    Wieso zur Hölle mussten mir die Worte meines damaligen Mentors ausgerechnet jetzt in den Sinn kommen? Weglaufen? Das war wohl ein Scherz. Ich hatte Hochkönigin Akatsuki Treue geschworen, würde meinen Auftrag erfolgreich ausführen und dabei keinerlei Verzögerungen dulden. Nachdem ich kurz innegehalten hatte, schoss ich schnell wie der geölte Blitz in den Westen, um einen möglichst großen Bogen um den Troll zu ziehen, den ich nördlich vermutete. Langsam, aber sicher machte sich Erschöpfung in mir breit; meine Beine wurden schwer wie Blei, Schweißperlen rannen meine Stirn herab und mein Rücken schmerzte aufgrund der Last der vielen kleinen Biester, die sicher im Rucksack verpackt waren. Immer wieder verfing sich mein langer Mantel im Gestrüpp und zerriss mehr und mehr, meine Haut war übersät von dunkelroten Striemen, die mir einige der über meine Route hängenden Zweige zugefügt hatten. Ich wurde langsamer, atmete tief ein und aus. Warum hatte ich damals nicht auf die Warnungen gehört und mein unbeschwertes Leben als Autor aufgegeben? Das Dorf, aus dem ich stammte, war bekannt für die zahlreichen Nachwuchstalente in Sachen Schreiben. „Fanfictionisten“, wie sich selbst nannten. Seit ich mich erinnern konnte, hatte ich dort meinen Alltag verbracht und war zwischendurch höchstens in benachbarten Dörfen zu Besuch; wie beispielsweise Video, welches vor langer Zeit ein Event veranstaltet hatte, bei dem wir Fanfictionisten mit dem Video-Bewohnern zusammenarbeiten. Aber ich hatte eine größere Herausforderung gesucht. Ich hielt den tristen Autorenalltag nicht mehr aus. Warum nur war ich so dumm gewesen?


    Ein erneuter Schrei unterbrach meine Gedanken; ich blieb stehen.
    „Bisa, steh mir bei ...“, murmelte ich, als ich realisierte, aus welcher Richtung das Geräusch kam. Vermutlich war der Troll nicht mehr als zwanzig bis dreißig Meter entfernt von mir und befand sich auf der Route, die ich gewählt hatte. War es derselbe wie vorhin? Oder gab es gar zwei Trolle? Sollte letzteres der Fall sein, war Umkehren die einzige Lösung, wenn ich mein Leben nicht verlieren wollte. Handelte es sich jedoch um ein und denselben Troll, musste ich lediglich auf meine alte Spur zurückwechseln und auf schnellstem Wege ins Dorf gelangen.
    Ich spürte mein Herz schlagen, als ich mich für letzteren Plan entschied. Immerhin pokerte ich hoch und setzte alles auf eine Karte. Gab es zwei dieser Monster, war es um mich geschehen. Aber daran durfte ich nicht denken!
    Abermals preschte ich los in Richtung Nordosten, so lang mich meine Beine tragen konnten und länger. Irrte ich mich, oder konnte ich trotz des schwachen Dämmerlichts tatsächlich eine Lichtung hinter den Ästen eines wenige Meter entfernten Nadelbaumes sehen? Ich gab mir einen Ruck und beschleunigte. Mit meinen zerkratzten Armen stieß ich einige Zweige zur Seite und befreite mich aus den Klauen des tiefen Waldes.


    Ich hatte es geschafft.


    Die letzten Sonnenstrahlen warfen ihr spärliches Licht auf ein kleines Holzschild, welches kaum merklich am Beginn der Ebene stand - „Willkommen im Chat“, war darauf eingraviert. Das war also der Name dieses Dorfes, nein, dieses Gebietes, das augenscheinlich mein Ziel war.
    Müde bewegte ich ein Bein vor das andere, als ich gut zwanzig Meter weiter entfernt eine Person wahrnahm. Noch ein Troll? Schweißperlen rannen mir die Stirn herab, ich spürte mein Herz laut in meiner Brust schlagen.
    „Hierher!“, vernahm ich. Eine menschliche Stimme? Also doch keines dieser mutierten Wesen, wie es schien. Die Figur näherte sich mir und langsam konnte ich weitere, menschliche Züge entdecken. Augenblicklich entspannten sich meine Glieder.
    „Du trägst die Mahnungen und Warnungen mit dir, nicht wahr? Komm mit in unser Dorf, du bist selbstverständlich unser aller Gast!“


    Schon wenige Minuten später befand ich mich in einer geräumigen Holzhütte, schlürfte ein heißes Getränk und berichtete einigen der gespannten Bewohnern des Dorfes – welches glücklicherweise noch nicht von Trollen heimgesucht wurde – von den vergangenen Geschehnissen.
    „Eine Frage stellt sich mir trotzdem“, sagte ich, nachdem ich meine Erzählung abgeschlossen hatte. „Was ist mit den Truppenführern, die auf Chat achtgeben sollen? Wo ist Prinz Sakul? Ich habe vorhin mein Leben riskiert, um euch diese Waffen zu liefern, obwohl es besagten Bewohnern möglich wäre, sie einfach aus dem Hut zu zaubern. Wieso? Sind sie bereits ausgezogen? Wurden sie im Kampf gegen die Trolle geschlagen? Entführt? Getötet? Oder was ist sonst mit Sakul und seinen Leuten passiert?“


    „Tja“, erwiderte mein Gastgeber schulterzuckend.
    „Die sind gerade afk.“

    [subtab=Vom Schuldigsein]


    Song: "Guilty All The Same" (Linkin Park)

    You're guilty all the same
    too sick to be ashamed
    You want to point your finger
    But there's no one else to blame.


    Kaum hörbar setzte er einen Fuß vor den anderen und legte so abermals einige Meter zurück, bevor er sich schwer atmend gegen die frisch renovierte Mauer eines Hochhauses lehnte. „Es kann nicht mehr weit sein...“, flüsterte der Junge – vermutlich nicht mehr als neun, zehn Jahre alt – von seinem langen Marsch erschöpft; seine zerschundenen, schmutzigen Beine steckten in einer viel zu großen, mehrmals hochgekrempelten Hose, deren Stoff einen eigenartigen Grauton aufwies. War es Schmutz? Außenstehende konnten nur ahnen, dass dieses Kleidungsstück vermutlich schon ewig keine Waschmaschine mehr gesehen hatte. Das T-Shirt des Jungen schien so, als würde es nur noch aus vereinzelten Fetzen bestehend von seinem Körper hängen; hätte er darüber keine dicke Weste getragen, wäre dieser harte Winter für ihn wohl kaum zu überleben. Doch schon mit einem kurzen Blick auf die vorbeigehenden Passanten, die den Eindruck machten, als wären sie gerade eben neue Kleidung einkaufen gegangen, war festzustellen, dass auch dieses Kleidungsstück alles andere als modisch war: ausgeblichen, verschmutzt und löchrig zugleich. Passend zu seiner Hose, mochten die wenigen Menschen, die das Kind genauer musterten, abfällig denken. Aber dass der Junge völlig andere Sorgen hatte … Nun ja, darüber wollten wohl die wenigsten Bewohner dieses Viertels sinnieren.


    Show us all again
    That our hands are unclean
    That we're unprepared
    That you have what we need.


    Show us all again
    'Cause we cannot be saved
    Cause the end is near
    Now there's no other way.


    „Verzeihung, können Sie mir vielleicht sagen, wo ich die reichste Person der Stadt finde?“
    Als die kindliche, erschöpfte – aber gleichzeitig auch hoffnungsvolle – Stimme in das Ohr der Passantin drang, vermutete sie im ersten Moment, sich verhört zu haben. Hatte sie dieser ... Straßenjunge denn tatsächlich angesprochen? Was meinte er mit dieser eigenartigen Frage? Suchte er diese „reiche Person“, damit er sie vielleicht ausrauben konnte – er und seine Bande, die sich vermutlich irgendwo außerhalb der Großstadt herumtrieb? Oder sollte diese Frage lediglich ein Ablenkungsmanöver sein, damit man sie bestehlen konnte? Wie auch immer, in solche Dinge verwickelt sein wollte die junge Angestellte auf gar keinen Fall.
    „Würdest du mich bitte in Ruhe lassen, ich habe noch zu tun“, antwortete die Frau schließlich unwirsch, als sie der Junge erwartungsvoll anblickte, bevor sie so schnell wie es nur möglich war an ihm vorbei eilte. Zwei Jugendliche hatten das Spektakel mit einer Tüte Chips in der Hand beobachtet und riefen dem Kind nun ein gelangweiltes „Geh' doch einfach dahin zurück, wo du hergekommen bist“ zu.
    „Ihr versteht nicht, ich ...“, setzte der Junge an, den Fremden seine Situation zu erklären, wurde jedoch von einem starken Hustenanfall unterbrochen. Die älteren Jungen wichen angeekelt einen Schritt zurück.
    „... und das bitte ein bisschen schnell, bevor du uns hier noch irgendwelche Seuchen aus dem Ghetto einbringst“, setzte einer der beiden fort, bevor er seine Chipstüte in einer Mülltonne versenkte und dem kleinen Jungen den Rücken kehrte, seinem Kumpel folgend.
    Mit einem kurzen Blick auf den Himmel konnte der Junge feststellen, dass es nur noch wenige Stunden bis Sonnenuntergang sein mussten – wenn überhaupt. Die Zeit wurde knapp und was er jetzt dringender als alles andere brauchte, war eine reiche Person. Ein einziger Mensch, der ihm den Bruchteil seines Vermögens überlassen könnte, um dieses leider verdammt teure Medikament zu besorgen. Diese Reichen hier hatten immerhin genug Geld – diese wenigen Scheine würde ihnen doch nicht fehlen, oder? Ein Mensch, der genug Kohle hatte, um darin baden zu können, musste auch etwas für todkranke Kinder übrig haben, war es nicht so? Auch, wenn der Junge noch nie einen solchen Menschen getroffen hatte, war er fest davon überzeugt. Aber wenn es nun doch nicht so wahr? Sollte er vielleicht lieber zu Plan B greifen?
    Auch, wenn er zusammen mit seiner kleinen Schwester immer wieder darüber sinniert hat, wie ein Leben als reicher Mensch wohl wäre, war es doch gar nicht so abwegig, auch die vollkommen „normalen“ Menschen um ein wenig Geld zu bitten. Das Betteln würde ihn zu viel Zeit kosten, aber wie wäre es nun, hätte er an Haustüren geklopft und um großzügige Spenden gebeten? Das dauerte vermutlich zwar noch immer länger als eine einzige, sehr reiche Person zu fragen, aber wäre diese Idee nicht vielleicht doch von größerem Erfolg gekrönt? Zeit zum Nachdenken blieb dem Jungen nicht, sodass er seine Idee schnellstmöglich in die Tat umsetzen wollte.

    All they think about is bank accounts, assets and realty
    Anybody's expense, no shame with a clear conscience.


    „Verzeihung, haben Sie vielleicht ein paar Dollar, die Sie mir borgen könnten? Ich verspreche, sie bald zurückzuzahlen!“ - „Ich benötige dringend Geld für ein bestimmtes Medikament...“ - „Haben Sie doch ein Herz und helfen Kindern, die sich nicht Ihren Lebensstandard leisten können!“ - „Ich bitte Sie, die Zeit läuft mir davon!“ - „Wenn ich es nicht bis heute Abend geschafft habe, dann … dann … vielleicht ist es dann schon zu spät ...“ - „Ich bitte Sie!“ - „Bitte ...“
    Wohnung für Wohnung, Satz für Satz, Absage für Absage. Manche Bewohner beließen es immerhin bei einem „Tut mir Leid, Kleiner, aber ich brauche mein Geld selbst. Vielleicht wirst du woanders fündig“, während andere gar damit drohten, die Polizei zu verständigen. Aus manchen Appartments war das leise, gleichmäßige Ticken einer Uhr zu vernehmen – die verbleibende Zeit verabschiedete sich langsam.


    Genauso wie die letzten Sonnenstrahlen, die hinter dem Horizont verschwanden.


    'Cause the end is near.


    Als der Junge vor seinem kleinen, bescheidenen Heim ankam, welches sich in einer verlassen Seitengasse etwas außerhalb der Stadt befand, und seine dreckige Hand auf die Türklinke legte, zögerte er. Er konnte seine Niederlage nicht in Kauf nehmen. Er wollte noch nicht Zuhause angekommen sein.
    Zuhause?
    War dies hier überhaupt sein Zuhause? Würde dieser Ort hier auch in wenigen Minuten noch den selben Wert für ihn besitzen, wie vor einigen Jahren? Als Mutter und Vater noch hier waren, als er mit seiner damals wenige Monate alten Schwester gespielt hatte, völlig ahnungslos, was ihn in seinem Leben noch erwarten würde? Ohne den Hass auf all jene, die auf ihren Geldbergen thronend abfällig auf die kleine Familie herabgesesehen hatten? Die jetzt die Macht hatten, Leben zu retten, deren Seele jedoch bereits zu verdorben war, die kein Gewissen besaßen? Menschen, die ihn in das Unglück gestürzt haben. Irgendwann würden sie dafür bestraft werden. Doch der Junge wollte vor ihren Taten nicht weglaufen.
    Mit einem leisen Knarren öffnete sich die morsche Holztür; der nur wenige Quadratmeter große Raum, der sich hinter dem Eingang befand, lag im Dunkeln. Der Lichtschalter war schon seit Jahren defekt, ebenso die Straßenlaternen, welche die heruntergekommene Seitengasse vor Jahrzehnten in Licht getaucht hatten. Mit wackeligen Beinen bewegte sich der Junge durch das Zimmer, geradewegs auf das schmale Holzbett unter dem Fenster zu. Der Mond, welcher hinter einigen Wolken auftauchte, warf sein Licht durch das winzige Fenster und beleuchtete das Bett für wenige Momente.
    „Es tut mir Leid, Schwesterherz ...“, flüsterte der Junge mit tränenerstickter Stimme, als er mit seinen schmutzigen Händen sanft den leblosen Körper des kleinen Mädchens berührte.
    „Richte Mutter und Vater einen schönen Gruß von mir aus ...“ Eine Träne landete auf den kalten, zarten Händen des Mädchens.
    „Und vergiss niemals, dass ich dich geliebt habe und immer lieben werde. Ich habe mein bestes getan. Ich bin nicht schuldig. Und ich werde dir bald folgen.“


    You're guilty all the same.

    [subtab='Collab: Von Ufos, Drogen und Sporttaschen']


    William White wusste rhetorische Stilmittel durchaus zu schätzen.
    Ob dies nun an dem Bachelor of Arts in Literaturwissenschaften lag oder an den frappierenden Ausmaßen der Ironie in seinem Leben, vermochte er nicht zu benennen.
    Bedauerlicherweise fand Williams Vorliebe für die bildenden Künste in seinem neuen Arbeitsumfeld herzlich wenig Anklang, obgleich es mit der Kundschaft wenig zu disputieren gab. William besaß ein sehr geringes Maß an Toleranz wenn Dilettanten involviert waren, wohl wechselte er nur wenige Worte mit den Kunden, verwandelte Schnee in Scheine und ging seines unglücklichen Weges, hinaus aus der dunklen Gasse.
    Hätte man noch vor zwei Jahren einem von Williams Kommilitonen erzählt, White würde seinen Lebensunterhalt mit Schnee verdienen – oh, man beachte allein die Referenz im Namen! - man wäre milde belächelt worden. Allem voran von William selbst, an dessen Brieftascheninhalt allerdings der Zahn der Zeit genagt und dem die Realität zu spät ins Auge geblickt und verdeutlicht hatte: Der zukünftige Arbeitgeber scherte sich bestürzend wenig um das Sprachniveau seiner Arbeitnehmer.
    Demzufolge sollte es den hageren Mann eigentlich nicht stören, mit einer bis zum bersten mit nicht schmelzbaren „Wasserkristallen“ gefüllten Sporttasche durch die beseelten Straßen der Innenstadt zu wandern.
    Es machte ihn dennoch etwas unstet, ein Gefühl der Nervosität welches nicht selten bei Neulingen anzutreffen war.
    Wer würde es William also exkulpieren, dass er die letzten sechs Stufen der Treppe am Eingang der Untergrundbahn ungewöhnlich geschwind hinauf jagte und dabei nolens volens einen korpulenten Herren zu Fall brachte.


    Den harten Asphalt konnte er noch deutlich unter seinen Füßen zu spüren, als ein junger Mann – seit er sich erinnern konnte, war er von leicht übergewichtiger Statur gewesen – den kurzen Weg von seiner Wohnung zur Straße hin entlangschritt. Peter Maier war sein Name; schon seit Generationen stand „Maier“ für den außerordentlichen Erfolg im Verkauf von Taschen jeglicher Art. Ob es nun Handtaschen oder Sporttaschen waren, Taschen aus Stoff oder aus Seide, neu oder gebraucht – all dies war nicht relevant, wobei die Familie Maier schon immer bekannt für ihre Vermarktung von Taschen aus zweiter Hand war. So kam es, dass auch der junge Peter im Taschengeschäft tätig war und an jenem schönen Morgen eine etwas ramponierte, graubraune Sporttasche von seiner Wohnung zu dem Laden am Stadtrand schleppte. Wer den Mann gut kannte, fand es wohl kaum verwunderlich, dass sich in jener Sporttasche noch zahlreiche andere, kleinere und frisch verpackte Taschen befanden – er fand dies ungemein praktisch, da „Platz sparen“ immer eines seiner höchsten Gebote war.
    Was heute doch für ein schöner Tag ist, dachte sich Peter immer wieder, als er seine kreisrunde Nickelbrille zurechtrückte und zum Himmel aufsah. Er liebte seinen Wohnort; neben dem immerzu schönen Wetter kannte er hier lediglich freundliche, zuvorkommende Menschen. Zwielichtige Gestalten hatte er in seiner Umgebung noch nie zu Gesicht bekommen und war auch überzeugt davon, dass sich dies niemals ändern würde.
    Voller Vorfreude, die in seinen Augen wunderschöne Sporttasche an einen glücklichen Kunden verkaufen zu dürfen, hüpfte er beinahe über den Asphalt, geradewegs in Richtung Untergrundbahn, während er ein fröhliches Lied trällerte. Ihren Blicken nach zu urteilen, musste es für die umstehenden Menschen ein merkwürdiges Schauspiel gewesen sein, als Peter einen besonders hohen Sprung machte und geradewegs vor einem jungen Mann in hellbraunem Mantel landete, der mit leicht verstörtem Blick die Treppe hoch hastete – und geradewegs gegen den Taschenverkäufer lief, welcher samt dem Unbekannten zu Boden ging. Verwirrt spürte Peter den kalten Asphalt unter seinem Körper, sah den Fremden neben sich liegen. Doch er hatte sich schnell wieder gefasst; höflich murmelte er einige entschuldigende Worte, erhob sich dann rasch, klopfte sich den Staub von seiner Hose und nahm seine Sporttasche wieder fest in die Hand, bevor er auch schon weitereilte.


    Williams Knie schmerzte.
    Die plötzliche Präsenz des Bodens hatte seine Haut gebrochen, Fremdkörper durch die leicht blutende Wunde eindringen lassen und seine Hose ruiniert.
    „Welcher Depp springt auch wie ein Besoffener durch die Stadt?!“ schoss es William durch den Kopf, während einige harmlose Flüche über seine Lippen drangen.
    Ächzend rappelte er sich auf und wollte dem Rüpel die Leviten lesen, aber der hatte sich bereits seine Besitztümer geschnappt und rücksichtslos aus dem Staub gemacht.
    Verdammt nochmal, die Hose war neu -
    Mit negativen Energien im Übermaß hob William seine Sporttasche vom Asphalt und warf sie sich über die Schulter, wobei ihm nicht entging, wie viel leichter sie doch schien.
    Die Temperatur des Dealers alternierte sprunghaft zwischen dem Siede- und Gefrierpunkt von H2O, sein Herz rutschte ihm in die metaphorische Hose. Umständlich knibbelten seine Finger am Reißverschluss des Gepäcks herum, die Synapsen in seinem Gehirn schienen kurzzuschließen.
    Williams Herz setzte einen entmutigenden Schlag aus.
    Seine Ware war futsch.
    Was ihm beim Anblick in die Sporttasche begrüßte, waren eine Menge kleiner, in Plastiktüten verpackter Baby-Sporttaschen, allesamt leer.
    Wenige Sekunden später hatte White sich schließlich gesammelt und sauste wie ein geölter Blitz dem Sporttaschenzüchter hinterher.
    Vor dem Eingang zu einem Schnellimbiss nietete er den – ehem – beleibten Mann beinahe abermals um, fing sich jedoch unbemerkt und ließ die Neuronen und Transmitter erarbeiten, wie er vorzugehen hatte. Eine direkte Ansprache stand außer Frage, sein Gegenüber bräuchte nur in seine Tasche schauen zu wollen und William dürfte sich für den Rest seines Lebens die Seife ans Handgelenk schnüren.
    Er benötigte ein Ablenkungsmanöver, ein Chichi – aber was für eins?
    Glücklicherweise hatte der junge White vor nicht allzu langer Zeit die Mitgliedschaft eines Schauspielvereines innegehabt, in dem eine Grundvoraussetzungen das Improvisationstheater gewesen war.
    Mit schweißnassem Haar stürzte er vor den Taschenmann auf den Gehweg, rang die Hände 'gen des Äthers Höhen und verkündete mit vor ungespielter Panik zitternder Stimme:
    „Ein Weltraumgefährt! Da! Schauen Sie doch, dort befindet sich ein Weltraumgefährt!“


    Nach dem Zusammenstoß hatte sich Peter auf seinem Weg besonders beeilt, in der Sorge, es würden schon dutzende Leute vor dem geschlossenen Geschäft auf seine Ankunft warten. Schließlich waren immerzu zufriedene Kunden von größter Wichtigkeit!
    Es war ihm nicht entgangen, dass sich seine Sporttasche etwas gewichtiger anfühlte, doch hatte er die Zeit, sich darüber Gedanken zu machen? Augenscheinlich nicht, da dem jungen Taschenverkäufer nicht einmal auffiel, von seiner neuen „Bekanntschaft“ verfolgt zu werden. Erst, als diese ihm genau vor die Nase lief, begann er, sich darüber Gedanken zu machen, um wen es sich bei diesem Mann wohl handelte. War er vielleicht betrunken?
    Doch er wollte nicht zu viel Zeit verschwenden; Peter versprach sich selbst, genauer über den Unbekannten nachzudenken, sobald er seine Kunden zufrieden gemacht hatte. Er überlegte angestrengt, ob auch seine Stammkunden wieder kommen würden und wie er diesen Freude bereiten konnte, weswegen es nicht verwunderlich war, dass es ihm nicht weiter auffiel, wie aufgeregt der Mann in dem hellbraunen Mantel mit den Händen fuchtelte. Dazu schrie er einige Worte, welche Peter allerdings nicht deutlich verstehen konnte; die Stimme des Mantelmannes überschlug sich beinahe. Aus diesem Grund schenkte ihm der Taschenverkäufer auch nur ein kurzes, mitleidiges Lächeln, bevor er geradewegs an ihm vorbeischritt.


    Perplexität lähmte Williams Körperzellen für exakt 8 Sekunden, als sein Gegenüber seine Präsenz völlig negierte und in der Menge der gaffenden Passanten dahinschwand.
    Es genügte die Motivation, sich nicht noch mehr vor der Gesellschaft zu blamieren, um nicht auf der Stelle seine Wut kundzutun.
    Mittlerweile bildeten gewisse salzige Körperflüssigkeiten des Dealers schmale Flecken auf seinem Mantel, und er strich sich etliche Male nervös das Wasser von der Stirn. So drängte William sich durch die Menschen, sein Ziel nie aus den Augen lassend. Sobald der „Taschendieb“ seinen Bestimmungsort erreicht hätte, wäre alles verloren. Der Dealer wäre nicht mehr in der Lage, seine Ware zeitnahe zu erreichen, und er könnte seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten und die Sicherheitsbeamten würden ihn finden und …
    Er vermochte nicht, diesen Gedankengängen länger nachzugehen.
    Er benötigte noch eine weiteren, heimtückischen Plan.
    Pronto.
    William votierte gegen die ingeniöse Idee, die Rinde einer Musa geschickt auf den Pfad seines unwissenden Widersachers zu platzieren und ihm nach dem plötzlichen Einwirken vielfacher Gravitationskräfte – zugegeben, die Wissenschaft der Natur war nie Williams Stärke gewesen – den Schnee zu entreißen und weiter zu laufen, als seine Füße ihn je tragen würden.
    Der Bergtroll-artige Mensch würde ja wieder nur über sie hinwegtreten.
    Gerissenes Biest.
    Doch welcher Tätigkeit sollte William stattdessen nachgehen?
    Inspiration neigte dazu, einem an den Orten zu begegnen, an denen man sie am wenigstens erwartete, und so rannte sie in den Händler hinein, während er dem Schnee weiter in Richtung der Wohngebiete folgte. In Form einer lieblichen älteren Lady mit einem weißem, ungezähmten Chihuahua an der Leine.


    Peter Maier hatte Hunde nie gemocht. Im Normalfall mied er jegliche Arten dieser Tiere und machte – sollte er einem davon auf der Straße begegnen – stets einen großen Bogen um das Biest. So spürte er im selben Moment, als er einen schneeweißen Chihuahua zusammen mit einer etwas betagten Dame auf der anderen Straßenseite gehen sah, ein aufgeregtes Kribbeln in Magengegend.
    Nur wenige Augenblicke später sah er den mysteriösen Mann von vorhin um die Ecke einer Hauswand – ebenfalls auf der anderen Straßenseite liegend – lugen, beinahe so, als würde er auf die ältere Dame warten. Als sie an jener Ecke vorbeischlenderte, sprang der junge Mann tatsächlich schnell aus seinem Versteck und begann, auf die Frau einzureden. Bedauerlicherweise konnte Peter nicht hören, was sein Verfolger sprach, jedoch bekam er direkt ein mulmiges Gefühl, als die Hundebesitzerin dem Unbekannten die Leine in seine Hand drückte und an Ort und Stelle verweilte, als der Mantelmann mit dem Chihuahua über die Straße – geradewegs in Peters Richtung – lief. Vielleicht hatte er ihr versprochen, dem Hündchen eine Extraration Sport zu verpassen?
    Abermals drifteten Peters Gedanken leicht ab.
    Wenn die alte Dame sportbegeistert war, interessierte sie sich dann vielleicht für sein riesiges Sortiment an Sporttaschen? Sollte er sie ansprechen und fragen, ob sie einmal bei seinem Laden vorbeischauen wollte?
    Er sah zum Himmel auf und überlegte angestrengt, wie er dies anstellen sollte, ohne einen aufdringlichen Eindruck zu hinterlassen. So kam es, dass es ihm nicht weiter auffiel, als sein Verfolger die Hundeleine losließ und der Chihuahua mit eng angelegten Ohren und wütendem Gebell auf Peter zugeschossen kam. Nicht einmal Sekunden, bevor sich der Hund auf den Taschenverkäufer werfen konnte, realisierte dieser die Gefahr und schrie laut auf. Der langgezogene, hohe Ton irritierte den Chihuahua offenbar, so dass er mitten in seiner Bewegung innehielt und nicht mehr dazu kommen sollte, seine spitzen Zähne in dem Hosenbein Peters zu vergraben – denn im selben Moment blieb auf der Straße direkt neben ihnen ein LKW stehen, auf dem ein riesiges Paar Wiener Würstchen abgedruckt war; und genau danach roch der Wagen auch.
    „Der Ampel sei dank!“, dachte Peter erleichtert, als der Chihuahua laut kläffend auf den Wagen zulief. Der junge Mann rückte seine Brille zurecht und lief abermals weiter. Seine Kunden waren jetzt das Wichtigste für ihn.


    Die Wahrscheinlichkeit eines Geschehens sich genau in diese unglücklichen Konstellation abzuspielen war so gering, William würde eine Mängelrüge beim internationalen Komitee des Daseins und der Mathematik einreichen.
    Seit fünfzehn Minuten folgte er nun dem wandernden Törtchen durch die Stadt, aber sein Gegner gab sich nicht den Hauch einer Blöße. Schon seit White den kläffenden Fifi der Seniorin mit Hilfe eines freundlichen Händchens des Schwertransportfahrers wieder angeleint hatte. Dabei hatte William ihn innerlich angebrüllt, angezeigt, angegriffen und angefleht, mit einem steigenden Grad der Verzweiflung sogar für alle Umstehenden hörbar. Nur der vermaledeite Typ zuckte nicht mit der Wimper.
    Wie es jemandem mit einem so intensiv ausgeprägtem Aufmerksamkeitsdefizit gelang, sicher die Straße zu überqueren, grenzte an ein Wunder.
    Und während William bereits panisch und körperlich geschwächt schnaufte, behielten die Schritte des Mannes dieses merkwürdige Federn bei.
    Himmel nochmal, handelte es sich bei ihm wirklich um einen Menschen?
    Williams metaphorisches Herz zog sich zusammen und machte gleichzeitig einen Satz , als der Mann sich plötzlich um 90° drehte und durch eine Glastür im Inneren eines kleineren Geschäftes verschwand.
    Das war Williams Chance.
    Er sprintete die letzten Meter zwischen ihm und seinem Ziel auf wackeligen Beinen und wollte gerade mit einem finitem Laut der Erleichterung die Glastür aufstoßen, als sich eine Abbildung des genauen Ladeninneren auf seiner Retina bildete und in den omnipotenten Eiweißklumpen in seinem Kopf geleitet wurde.
    Vor ihm – auf zahllosen Regalen, Auslagen und Ständern – prangten hunderte Doppelgänger seiner Sporttasche.

    [tab=Drabbles]
    [subtab=Himmelsspiegelbild]


    Regentropfen rieselten von dem wolkenverhangenen Himmel herab, kleine, leichte, kristallklare Tropfen, welche sich in einer ungewöhnlich breiten Fuge inmitten zweier Pflastersteine sammelten und deren hässlichen, schmutzigen Grauton annahmen. Weitere kamen auf ihrem Weg von Himmel zu Erde hinzu, trafen auf ihresgleichen, ergaben nach und nach eine breite, schlammige Wasserlache. Ein Mädchen kniete daneben und warf einen sehnsüchtigen Blick hinab in das gräulich gefärbte Wasser. Wenn doch endlich die Sonne hervorkommen und ihr Licht auf die Pflastersteine strahlen ließe, dachte sich das Kind, dann würden sich der Himmel und die Wolken in dieser Pfütze spiegeln. Und vielleicht sogar der Regen.


    [tab=Sonstiges]
    [subtab=200 Zeichen]


    Ein fester Händedruck, vielleicht eine Umarmung, ein übertrieben freundlicher Gesichtsausdruck und auch die dazu ausgesprochenen Worte können viele Gesichter haben.


    Direkte Interaktion, gemeinsames Leben, gleiche Sprache, selbe Traditionen, geteilte Erlebnisse, Teil einer Gesellschaft oder auch nicht - wer bestimmt dies schon?


    Das Leben ist ein Spiel, und wenn man Teil dieser Welt ist, in der Wahres mit Unwahrem verschmilzt, dann trifft dieser Spruch ganz besonders zu.




    "Freundschaft" ist lediglich ein simples Synonym für einen länger andauernden Kontakt zweier Individuen, welche ein auf Vertrauen basierendes Verhältnis zueinander pflegen.


    Und in diesem Moment, als ich mit der Maus über den "Registrieren"-Button fuhr, hatte ich einen Meilenstein für meine Zukunft gelegt.


    Arm beugen, Arm strecken, Fingerspitzen öffnen, Pokéball werfen, diesen Vorgang täglich unzählige Male wiederholen; ein Wunder, dass wir Pokémontrainer und keine Berufssportler wurden.
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    Timeline


    - 15.11.2014 - Eröffnung des Topics
    - 15.11.2014 - Update #1




    Ich wünsche euch viel Spaß beim Stöbern und würde mich über jede Form von Feedback freuen! ^_^/



  • Hass




    » Eigentlich war ich nie jemand, der sich über das Wohl anderer Menschen Gedanken machte. Ich verfolgte stets meine eigenen Ziele, die mich wachsen ließen; und wenn ich dabei zufälligerweise jemandem half, ohne es zu beabsichtigen, überkam mich dabei auch kein Gefühl der Freude. Es war mir schlichtweg egal, wie andere über mich dachten - ich dachte immerhin auch nicht über sie.


    Manchmal ließ ich es allerdings so aussehen, als wären mir meine Kameraden wichtig; so hatte ein Shinobi schließlich zu sein, wie es mir von klein auf gesagt wurde. Auch mein Sensei lehrte mir einst die Ansicht, welche ein ehemals guter Freund von ihm vertrat: "Diejenigen, welche die Regeln und Vorschriften nicht beachtet, sind Abschaum. Aber wer seine Kameraden im Stich lässt, ist noch viel schlimmerer Abschaum."
    Nun ja ... zumindest eine Zeit lang hatte ich mich wenigstens an die Regeln und Vorschriften gehalten. Und ich hatte versucht, so zu tun, als ob ich für mein Team durchs Feuer gehen würde; doch in Wahrheit waren Naruto, Sakura und Kakashi für mich nur ein Mittel zum Zweck. Menschen, denen ich auf meinem Weg nun einmal begegnete, die später allerdings an Relevanz verlieren sollten. In Naruto sah ich keinen echten Freund, sondern einen Trainingspartner. Bestenfalls einen Rivalen. Jemanden, der mich stärker machen sollte. Kakashi würde mir dabei helfen und all jenes beibringen, was in seiner Macht stand. "Vielleicht wird mir diese Kraft helfen, um mein Ziel zu erreichen", dachte ich mir damals wohl. Und Sakura fungierte vermutlich als Ruhepol zwischen mir und Naruto, als wir beide über das notwendige Können verfügt hätten, um den jeweils anderen umzubringen. Obgleich ich ihr heute dankbar bin, sah ich zu dem Zeitpunkt keinen Sinn hinter diesem Mädchen. Denn Haruno Sakura war mir keine Hilfe dabei, das Ziel zu erreichen, welches ich über Jahre hinweg anstrebte. Wer für mein Ziel irrelevant war, war es auch für mich.
    Dieses Ziel war alles für mich, der einzige Grund, weshalb ich lebte gar; welches ich verfolgte und für das ich bereit war, Alles aufs Spiel zu setzen: Ich wollte den Uchiha-Clan rächen und meinen Bruder töten, der das Ableben meiner Familie zu verantworten hatte. Wie oft tauchten in meiner Erinnerung die Bilder von jenem Abend auf, als ich von der Ninja-Akademie zurückkehrte und die Straßen des Uchiha-Viertels wie ausgestorben vor mir lagen. Als ich die Blutspritzer an den Fensterscheiben der Häuser entdeckte und schließlich die toten Körper; nur noch leblose Hüllen ihrer selbst. Als ich angsterfüllt nach Hause lief und meine ermordeten Eltern vorfand. Und inmitten des Massakers meinen großen Bruder, der mich als den von nun an einzigen Uchiha in Konoha am Leben gelassen hatte.


    Jahrelang hatte ich trainiert, für den Fall, ihm nach all der Zeit wieder zu begegnen. Doch als es letztendlich dazu kam, war ich zu schwach und wurde spielend einfach besiegt. Es schürte den Hass in mir; ein Gefühl, welches meinen Charakter über meine gesamte Kindheit hinweg formte. Er trieb mich an und kam in mir auf, wann immer ich im Inbegriff war, aufzugeben. Ein Begriff, der mich stärker werden ließ. Und der mir letztendlich dazu verhalf, mein Ziel zu erreichen.
    "Verzeih mir, Sasuke", waren die letzten Worte meines Bruders gewesen, als er mir nach unserem zweiten, lange andauernden Kampf wieder einmal auf die Stirn tippte, wie er es vor vielen Jahren beinahe tagtäglich gemacht hatte, bevor er verstarb.
    "Dies wird das letzte Mal sein."
    Und dann hatten sich meine Ziele geändert. Als ich von Tobi jene Wahrheit über Uchiha Itachi erfuhr, hatte ich schlagartig etwas vollkommen anderes vor Augen: Die Zerstörung Konohagakures und die Bestrafung der Bewohner, welche in meinen Augen die eigentlichen Täter waren. Diejenigen, welche die Uchiha ausgegrenzt und einen Putsch regelrecht herausgefordert hatten. Hätte mein Bruder damals nicht eingegriffen, würde womöglich ein Ninjaweltkrieg mehr in den Geschichtsbüchern beschrieben werden. Er hatte keine Wahl und doch wollte er seinen ahnungslosen, kleinen Bruder nicht töten. Stattdessen pflanzte er mir den Hass regelrecht ein, um mich zu stärken. Um sich selbst Gewissheit zu geben, dass ich in dieser grausamen Welt überleben würde. Und um später durch die Hand eines Uchiha zu sterben.
    Was ist ein Clan? Was ist ein Dorf? Welches hat die höhere Priorität?
    Nun war es doch schon von Beginn an mein Ziel, denjenigen zu bestrafen, der für das Aussterben des Uchiha-Clans verantwortlich sein musste. Und wenn dies mein eigenes Dorf war, meine eigenen Kameraden, diejenigen, welche mir die hohe Kunst des Ninjutsu beigebracht haben, würde ich davor auch nicht zurückschrecken. Man könnte meinen, dass dieses Denken jenes eines Psychopathen sei - einem Mörder, der auch Unschuldige töten möchte, wegen eines Geschehens, welches sich Jahre zuvor ereignet hat. Nein, das war es nicht. Vielmehr beschrieb es das Denken eines Shinobi, der zu viel dieses Hasses in sich trug und keine weiteren Antipathien vertragen konnte, ohne dass es das Fass zum Überlaufen brachte. Ein Ninja, der die schönen Seiten des Lebens nicht mehr erkennen konnte.


    "Hass."
    Wie kurz und prägnant dieses Wort doch war. Die Auswirkungen vermochten es jedoch nicht zu sein. «


  • Huhu Izanami!
    Ich habe noch nie eine Kurzgeschichte hier kommentiert. Hoffen wir also, dass das trotzdem gut gehen wird. Wie könnte es anders sein: Ich muss natürlich deine Abgabe für das dritte Special kommentieren, da ich dazu nie gekommen war, längst aber hätte kommentieren sollen. Wundere mich noch immer, wie nicht du den ersten Platz hast machen können, weil ich die Geschichte gerne gelesen habe.
    Du entführst mich schon im ersten Absatz in eine andere Welt, in der Warnungen, Mahnungen und Verwarnungen lebende Wesen sind, die an den Trollen nagen sollen. Dabei beschreibst du die Rolle als Mitglied eines Komitees subtil und dennoch klar verständlich, gibst dich als Autor und mit den Aufgaben durchaus bewanderte Person aber natürlich dabei nicht weiter zu erkennen. Die Schwere dieser Verantwortung wird illustriert durch die Angst vor einer möglichen großen Schar Trolle und durch die Wunden, den zerschlissenen Mantel, die durch den hindernisreichen Weg, die vielen Zweige, die sich gegen dich peitschen, verursacht worden sind.
    Trotz des fehlenden direkten Feindes und der bloßen Nennung der Antagonisten erzeugst du eine Spannungskurve, die mich in den Bann deiner Geschichte gezogen hat, die mich warten ließ auf durchaus realistisch erscheinenden Ärger, hoffen ließ auf ein heiles Ankommen des/der Protagonisten/Protagonistin. Denn selbst mit den kleinen Wesen geschützt, die wir hier als Mahnungen und Warnungen, Verwarnungen und in höchster Instanz Sperren bezeichnen, kann der Schaden, den ein solcher Troll anstellt, natürlich größer sein als gewünscht. Schnell ufert so etwas aus und es können sogar Köpfe rollen.
    Das hast du mit einem schönen Stil, der nur an wenigen Stellen ein wenig holperte, die ganze Geschichte über unterstrichen, der der Gesamtwirkung etwas Fantastisches verliehen hat. Ebenso die Zweifel und Überlegungen, die wohl jeder Mensch mit so einem Posten mal verspürt, haben dieses Werk für das Setting realistisch und menschlich gestaltet, ohne dabei dieses Mysteriöse zu brechen, das es mir so angetan hat.
    Mit dem Ende setzt du dann noch mal eine lustige und die Stimmung sehr lockernde Aussage, eine Situation, die die meisten Leute im Chat wohl kennen.
    Dennoch gibt es auch einen Punkt, den ich zu kritisieren habe; die vielen Einschübe zu Beginn. Einerseits schreibst du nämlich, dass der Charakter gehetzt ist, dass er/sie eilt, andererseits erzeugst du durch die vielen instinktiv als Leser gemachten Pausen eine Ruhe, die der Atmosphäre da leider etwas schadet. Man kann das natürlich als gedankenartig dargestellt sehen, es sei nicht genug Zeit, um fließend zu denken. Aber das war eben der Ersteindruck, der mich ein klein wenig an dieser sonst eben großartigen Geschichte gestört hat.
    Es war insgesamt genial und ich fühle mich geehrt, dass ich bei diesem Special gegen dich antreten konnte. Vielleicht wiederholt sich das in Zukunft ja mal wieder!


    Mit freundlichen Grüßen,
    Dusk

  • Salut. :3
    Ich hatte gerade spontan Lust dazu, jemanden eine weihnachtliche Freude in Form eines Kommentars zu machen und dein Topic hat mich da irgendwie leicht angelächelt. Konkret möchte ich mich mit deinem Drabble "Himmelsspiegelbild" aus dem Startpost befassen. Eigentlich hatte ich vor, ein paar der Sätze für den 200-Zeichen-Wetti zu kommentieren, aber mir fehlten da leider die Kategorien und zu dieser Uhrzeit bin ich nicht mehr in der Lage, die selbst herauszusuchen. Vielleicht hole ich das in der nächsten Zeit dann noch nach. (:


    "Himmelsspiegelbild" - Ein relativ langer Titel, der auf seine Art aber doch genau die Wunsch-Vorstellung des Mädchens wiedergibt. Wenn ich ehrlich bin, gefallen mir normalerweise eher kurze Titel, wobei ich den gewählten Titel gerade für einen Wettbewerb auch nachvollziehen kann, immerhin möchte man herausstechen. Vielleicht hätte man das "bild" am Ende aber auch weglassen können, wenn man sich lediglich auf die Pfütze an sich beziehen möchte.
    Was mir an deinem Drabble richtig gut gefällt, ist der entstehende Kontrast zwischen der aktuell schmutzigen Pfütze und der enormen Klarheit in der Wunschvorstellung des Mädchens. Besonders stark sticht meiner Meinung nach das Wort "sehnsüchtig[...]" heraus, einfach weil es die gesamte Atmosphäre unterstützt. Normalerweise sieht man sehnsüchtig in den Himmel, weil man an die Ferne denkt, aber hier wird die Sehnsucht direkt auf die Pfütze, also auf den Boden gelenkt. Ein ungewöhnliches Bild, und somit natürlich auch einprägsam.
    Und auch, wenn du schreibst, dass du dir dabei nicht viel gedacht hast, interpretiere ich da jetzt einfach mal etwas hinein. Die Pfütze könnte allgemein für die Gesellschaft stehen, welche verdreckt ist. Etwas scheint innerhalb der Gesellschaft nicht zu stimmen, nahelegend wären jetzt Umweltprobleme wie Klimaschutz, etc. Das Mädchen hingegen wünscht sich, dass diese Probleme behoben werden und strebt nach de Freiheit, also dem Himmel, welcher sich in der Gesellschaft (der Pfütze) wiederspiegeln soll. In diesem Fall wäre der Regen etwas Positives, denn vielleicht kann er die Pfütze ja noch "rein waschen". Doch wirklich ändern kann das Mädchen letztendlich nichts, sodass ihr nur die Sehnsucht, bzw. die Hoffnung bleibt.


    Insgesamt gefällt mir das Drabble wirklich gut, es hat zurecht so gut abgeschnitten. (:
    Eine Pfütze zu beschreiben kam mir auch schon häufiger in den Sinn, meistens jedoch, wenn ich gerade selber durch den Regen laufe und da habe ich dann eher keinen Block bei mir. Und wenn doch, dann würde der Regen wohl gleich alles wieder zerstören.
    Eine Kleinigkeit, die mir spontan noch auffällt: Ich persönlich hätte nach dem ersten "herab" einen Punkt gesetzt. Der zweite Satz wäre dann quasi nur eine Beschreibung der Tropfen, aber egal. Das ist nur so ein Gefühl, dass ich gerade hatte.


    Das wars dann auch schon von mir und meiner weihnachtlichen Kommi-Laune. Man liest sich bestimmt nochmal (:
    ~ Flocon

  • Hi Yuno ^-^
    Mein letzter Kommentar in diesem Jahr ist für dich bestimmt. Als ich mir das vor ein paar Wochen überlegt habe, sah dein Topic so leer aus, dass ich dachte, ein Kommi würde dich sicher freuen. In dieser Zeit ist zwar ein anderer Kommentar gekommen, allerdings nicht zu der Geschichte, die ich mir ausgeguckt hatte. Außerdem freust du dich bestimmt immer noch über einen Kommentar. Also los geht’s!


    Dein Topic ist sehr schlicht gehalten, was ich aber gar nicht schlimm finde. Seit du damals ins Komitee kamst, warst du für mich immer ein sehr heller Typ und bei meinem hellen BB-Stil passt das auch sehr gut. Auch die Tatsache, dass dein Topic nach einem Lied benannt wurde, gefällt mir. (Irgendwie hatte ich das gestern schon mal.) Es wirkt alles irgendwie stimmig, selbst die Tatsache, dass du ziemlich viele Werke im Startpost hast. Mir gefällt das Topic, es passt zu dir.


    Und passend zum Titel deines Topics kommentiere ich nun deine Geschichte „Vom Schuldigsein“. Da ich damals ja leider nicht gevotet habe, kann ich das ja mal tun. ^^
    Ich kommentiere den Text beim Lesen. Das heißt, bei dir wahrscheinlich abschnittsweise, wie du die Textstücke eingefügt hast. Es sei denn, ich habe zwischendrin noch etwas zu sagen. Diese Kommentiervariante bedeutet aber auch, dass ich am Anfang Fragen stellen könnte, die sich im Laufe des Textes noch lösen. Also nicht wundern.


    Ich beginne mit dem Titel, habe aber auch schon den ersten Absatz gelesen. Der Titel passt zunächst einmal gut zum Songtitel und bringt doch etwas Eigenes in deine Geschichte; etwas was ich bei meiner Abgabe damals zum Beispiel nicht gemacht habe. Mir gefällt es auch, dass der Titel auf Deutsch ist.
    Der Titel lässt mich an die eine Abgabe aus dem FFxFF-Collab denken. Die, in der es um die zwei Frauen, beim Vollzug der Todesstrafe ging. Weißt du, welchen ich meine? Nun, dein Text scheint eine ganz andere Richtung einzuschlagen. Nach dem ersten Absatz vermute ich, dass es um die ganz alltägliche Schuld eines jeden geht, wie wir unsere Augen verschließen oder einfach wegsehen und uns dadurch schuldig machen. Ich werde mir jetzt erstmal das Lied anhören, um zu gucken, wie im Text mit dem Thema Schuld umgegangen wird.
    Du beginnst also mit dem Refrain. Ich muss sagen, das Lied klingt nach nur einmal hören für mich so, als sei es von Rebellen gesungen. Also so Aufständische gegen Diktatoren oder so. Aber ich bin auch nicht immer mit dem Text ganz hinterher gekommen. Du scheinst dich aber mit etwas anderem zu beschäftigen und genau das finde ich immer das Interessante bei solchen Texten, die zu Lyrics geschrieben werden; dass man sie auch einfach komplett anders interpretieren kann. Du entführst also in eine Großstadt, zu einem kleinen Jungen, der bereits einen langen Weg hinter sich hat. Er ist entweder ein Straßenkind oder ein Flüchtling, würde ich sagen. Mir gefällt es, wie du in der Geschichte einsetzt und dann die Beschreibungen nachreichst. Die Beschreibungen sind bisher in deiner Geschichte auch ziemlich wichtig, weil man nur durch sie bisher einen Eindruck von ihrem Geschehen erhält.
    Wenn ich mich richtig erinnere, führst du die Lyrics mit der zweiten Strophe fort. Sie besingt die Tatsache, dass andere das haben, was gebraucht wird. Und der Junge scheint keine andere Chance zu haben. Du erzählst nicht, welches der beiden Geschwister todkrank ist. Ober der Junge oder seine Schwester. Vielleicht ja sogar beide. Und der Junge setzt große Hoffnung in die Menschen, die mehr Geld haben als er, vermutlich überhaupt Geld haben. Das große Problem ist ja genau das, was du zu Beginn dieses Absatzes im Gespräch mit der Frau schilderst: Es gibt genug Leute, die Großzügigkeit auch ausnutzen und stehlen, sodass man als Passant nicht weiß, was man tun sollte und sich meistens eher gegen Hilfe entscheidet. Sehr zu Leiden eben solcher ehrlicher Menschen. Du zeigst aber gleichzeitig noch die zweite Variante, aus der nicht geholfen wird: Ignoranz. Diese Eigenschaft verkörpern die beiden Jungen mit der Chipstüte. In einem gar nicht mal so langen Absatz schaffst du es wunderbar, einen Rundumschlag zu machen, ohne dass es dem Leser irgendwie zu viel wird. Außerdem stellst du den Jungen sehr sympathisch dar. Wenn man so weiß, was er denkt, möchte man ihn einfach nur drücken, auch wenn er so schmutzig ist. Zumindest kommt bei mir dieses Gefühl auf. Ich muss allerdings sagen, dass ich wahrscheinlich, hätte ich ihn auf der Straße getroffen, ebenfalls nichts weiter getan hätte. Aus ähnlichen Gründen, wie sie die Frau hatte. Und es ist schlimm, wie einem das vor Augen geführt wird.
    Das ist ein sehr eindrucksvoller Absatz. Der Anfang stützt sich noch auf Beschreibungen, dieser Absatz braucht zunächst nur aneinandergereihte Sätze, um seine Wirkung zu erlangen. Ja, so ist unsere Welt, das fängst du wirklich gut ein. Es ist so wenig Erzählzeit, die du nutzt, um den gesamten Rest des Tages verstreichen zu lassen, doch jeder kann sich wahrscheinlich mehr als gut vorstellen, wie dieser kleine Junge die Stunden erlebt hat. Ich bin beeindruckt, wie gut du hier die schreiberischen Mittel einzusetzen weißt. Das klingt, als hätte ich das nicht von dir erwartet, dabei will ich darauf hinaus, dass ich es von niemandem erwartet habe. Interessant ist an diesem Absatz auch, dass du ihn so gesehen mit den Antworten auf die Fragen des Jungen einleitest. Denn genau das besagen die Lyrics an dieser Stelle. Mir gefällt es wirklich sehr gut. Und auch wie du die Zeit noch einmal mit einbeziehst ist wirklich sehr gut. Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einließ, als ich begann die Geschichte zu lesen, bisher hat es sich aber mehr als gelohnt.
    Gut, so sehr mir der letzte Absatz gefallen hat, so zwiespältig stehe ich nun diesem gegenüber. Ich kann verstehen, dass der Junge nun enttäuscht, wütend, sogar hasserfüllt ist, aber es ist doch irgendwie eine ziemlich starke Wendung. Du änderst die Stimmung in diesen Zeilen komplett. Es ist traurig, wie er dann am Bett seiner Schwester steht, aber du lässt keine wirkliche Trauer aufkommen. Zumindest ich war nicht in der Stimmung drin. Und dann kam dieser eine Satz: „Ich bin nicht schuldig.“ Ich finde ihn unpassend, jetzt ohne darauf hinauszuwollen, dass er doch etwas seltsam in dieser Situation aus dem Mund eines Zehnjährigen klingt. Obwohl, wahrscheinlich liegt es doch nur daran. Wenn du eine andere Möglichkeit hättest, ihn das gleiche aussagen zu lassen, würde es wahrscheinlich weicher klingen. Ich stolpere einfach immer wieder über diesen Satz.
    Es gefällt mir, dass du mit dem „Titelzitat“ endest. Das macht alles rund. Und bis auf diese seltsame Atmosphäre im letzten Absatz gefällt mir die Geschichte wirklich sehr. Wenn du es schaffen könntest, und ich habe keine Ahnung, ob das möglich ist oder ob du das überhaupt willst, dann wäre das eine sehr gute Geschichte. So musst du dich aber mit einem „gut“ zufrieden geben. Denn der Anfang ist toll. Ich weiß nicht, ob ich je viel von dir gelesen habe, ich glaube aber nicht. Daher war das eine nette Erfahrung. Und ja, du kannst schreiben. ^-^


    Ach ja, eine Sache ist mir noch aufgefallen:

    'Cause we cannot be saved
    Cause the end is near
    Now there's no other way.

    Da du bei allen anderen Satzbeginnen mit „Cause“ ein Apostroph davor setzt, solltest du es an dieser Stelle auch tun.


    Ich wünsche dir noch schöne Stunden im Jahr 2014 und einen guten Rutsch ins Jahr 2015!
    ~ShiraSeelentau