Fremde Welten

  • Hey Shira, ich stolperte zufällig vorbei und sah dein Drabbleprojekt.


    Wie es der Zufall will, bin ich stolzer Besitzer jenes tollen Buches, allerdings habe ich es sicherlich bereits seit einem Jahr nicht mehr angeschaut und will es auch nicht sofort tun, um mich hier nicht zu spoilern.


    Ich finde deine Idee absolut gelungen. Auch wenn nicht immer klar wird, was das ursprüngliche Wort genau bedeuten soll, so ist das Werk, dass du hier geschaffen hast, wie ein grosses Haus mit vielen Fensterlein, durch die ich in ein kleines Zimmerlein einen Blick auf eine kleine Szene erhaschen kann. Dadurch, dass bekannte Figuren wiederkehren, gewinnt man als Leser schnell ein Attachment, man ist neugierig wie bei einem Adventskalender, was sich hinter dem nächsten Türchen befindet, man will wissen, wie es mit Maya und Erik etc weitergeht. Gleichzeitig ist es ein besonderer Spass, nicht zu wissen, an welcher Stelle das Türchen aufgeht, welche Personen drin mitspielen und an welchem Zeitpunkt der Handlung der Drabble situiert ist. Das kreiert ein neuartiges Spannungsfeld, das man von herkömmlichen Geschichten eher weniger kennt (foreshadowing bzw Flashbacks sind zwar bekannte Stilmittel, aber es kommt imo nie an die zeitliche Lückenhaftigkeit heran, die du hier zelebrierst). Wer ist Erik? Wer ist Halim? Was haben die mit Maya zu tun? Wie kommt Sabia von Afrika nach Schweden oder Norwegen oder wo auch immer der Fjord liegt? Man will als Leser unbedingt die nächsten Türchen lesen, um auf diese Fragen eine Antwort zu bekommen; eine Hoffnung, die wohl vergeblich ist, doch genau da liegt für mich der besondere Reiz, dass man eben nicht den vollständigen Überblick hat über die Leben der Figuren, sondern dass genügend Platz für eigene Fantasie bleibt.


    Es ist allerdings nicht ganz alles positiv, vom ein oder anderen Tipp- und Grammatikfehler abgesehen (zB in Ubuntu: "das ist das Schöne an Afrika" anstatt "das schöne", in Wabi-Sabi "sie Ame" statt "sieb Ame") finde ich, dass manche Drabbles etwas gar forciert um das Wort herumgebaut sind. Als schlechtestes Beispiel ist mir hierbei Wabi-Sabi aufgefallen, dass sich weder natürlich in die anderen Fensterchen einbettet (es ist Ames einziger Auftritt), was per se nicht so schlimm ist, vllt gibt's ja später mehr dazu, aber in Kombination mit dem plump wirkenden Einbau des Wortes selbst verliert dieser Drabble den leichten Zauber der Natürlichkeit, der den meisten anderen wie angeboren scheint. Auch Tiám leidet etwas an dieser Krankheit, wieso genau braucht Maya dieses Wort an der Hochzeitsfeier? Es scheint mir ja nicht die lokale Sprache zu sein, aber vielleicht täusche ich mich hier. Und wenn es in der Sprache von Manoj ist, so fühlt sich auch dieser Ausweg so an, als hätte man Manoj extra die Nationalität für dieses Wort verliehen und nicht umgekehrt.


    Alles in allem eine wirklich tolle Arbeit, auf deren Fortsetzung ich nicht kurz genug warten kann. Als Verbesserungspunkte für die Zukunft mitnehmem, dass die Worte in jedem Fall möglichst natürlich in die Welt eingebaut werden, und nicht die Welt um die Worte herumgebaut wird. Das gelingt dir schon in den meisten Fällen ausserordentlich gut, doch eine Quote von 100% wäre noch schöner.


    Gruss, Buxi

  • XIX d


    Fröhliche Weihnachten! An alle, die es noch heute am zweiten Feiertag lesen. Ansonsten einfach einen schönen Tag/Resttag/wann auch immer ihr hier seid. Ich hoffe ihr habt und hatte eine schöne Zeit!
    Heute sind wir schon beim vorletzten Teil meiner Drabbles angekommen. Geschrieben habe ich das letzte am 21. Dezember. Es war eine sehr interessante, häufig anstrengende, aber doch sehr schöne Erfahrung und ich danke @Buxi vielmals dafür, dass diese Drabbles, die teilweise um halb zwölf (nachts) innerhalb von zwanzig Minuten entstanden sind, zu seinen Lieblingswerken diesen Jahres zählen. Das ehrt mich sehr! Ich hoffe, dass auch alle, die mit vielleicht zu hohen Erwartungen aus diesem Topic hierher gefunden haben, nicht enttäuscht wurden. Und dass alle, die dies lesen, sich über weitere Ausschnitte aus Mayas Leben freuen. Wie gewohnt ist das Vorwort gleich. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen!



    Lost in Translation


    1. Dezember
    Poronkusema
    Die Sonne schien, doch die Hitze war verschwunden. Vielleicht lag es daran, dass der Sommer endete, wahrscheinlicher war, dass es in Finnland nicht so heiß wurde. Der Wald stand noch in voller Pracht und Maya lief einfach hindurch. Immer weiter. So lange sie konnte. Es war verrückt. Sie hatte es nicht glauben wollen, als ihr Gastgeber es vorschlug.
    „Das klingt gar nicht gut“, hatte er gesagt, als Maya ihm von ihrer Trennung erzählte. „Du solltest es machen wie die Rentiere. Du läufst einfach so lange, bis du eine Pause brauchst.“
    Genau das tat sie. Und es half ihr wirklich.



    2. Dezember
    Nunchi
    „Sie schaffen es einfach nicht.“
    Überrascht blickte Maya auf, als der Koreaner neben ihnen plötzlich Deutsch sprach.
    „Und was?“, fragte Halim ungeniert, als sei es ganz natürlich, dass er die Menschen überall verstand.
    „Das Paar dort.“ Der Mann zeigte auf einen Tisch etwas weiter hinten. „Sie hören einander nicht mehr zu“, erklärte er und fuhr seufzend fort: „Es ist eine unbeachtete Kunst.“
    Mit diesen Worten stand er auf, verließ das Lokal und ließ Maya und Halim mit dieser Aussage alleine.
    In Mayas Kopf hallten die Worte nach, bis sie den Mut fand, sich einzugestehen, dass sie nicht anders waren.



    3. Dezember
    ’akihi
    „Bin auf dem Weg. Bis gleich!“
    Als Maya auflegte, kam ein Mädchen, nicht älter als sie selbst, auf sie zu.
    „Gott sei Dank, jemand, den ich verstehe“, sagte es, als es Maya erreichte. „Ich hab’ mich verlaufen. Kannst du mir sagen, wie ich zu dem Fischrestaurant komme?“
    „Klar. Du folgst diesem Weg bis zur Kreuzung. Dann links und gleich wieder rechts. Da ist es auf der linken Seite.“
    „Kannst du mir das aufschreiben? Ich kenn’ mich, ich geh sonst ’akihi.”
    „Weißt du was? Ich muss auch dahin. Ich begleite dich, aber du musst mir erklären, was das bedeutete.”
    „Einverstanden.”



    4. Dezember
    Murr-ma
    „Was tust du da?“
    „Warte.“
    „Was?“
    „Warte!“
    Halim klang genervt, doch Maya war mir dieser Antwort alles andere als zufrieden. Skeptisch musterte sie ihren Freund, der durch den flachen Bach watete, als suchte er etwas. Er schaute sehr konzentriert; nur nicht nach unten.
    „Hab’s gleich“, sagte er und ging noch etwas weiter.
    Auf Mayas Gesicht blieben Fragezeichen. Eine seltsame Art, Australien zu erkunden.
    „Ja!“, rief Halim triumphierend und fischte einen hellen Stein aus dem Wasser. Dann reichte er ihn Maya und lächelte entschuldigend. „Für dich. Ich wollte einen perfekt runden Stein finden - hätte nur gedacht, dass es schneller geht.“



    5. Dezember
    Goya
    Strahlend schien die Sonne auf das Land, wo wilde Pferde noch frei waren. Soweit man sehen konnte, erstreckte sich die Prärie. Das junge Pferd galoppierte. Es lief mit dem Adler um die Wette und spürte den Wind in seiner Mähne. Es war wild und frei.


    „Warum kann Tarachí nicht mit dem Adler zusammen fliegen?“
    Die helle Kinderstimme ließ das Bild der Prärie verblassen und Maya musste sich kurz orientieren, wo sie war.
    „Ist Tarachí ein so besonderes Pferd?“, fragte Manoj die kleine Lena, die nickte und ihr Spielzeugpferd durch die Luft galoppieren ließ.
    „Okay“, sagte er und erzählte weiter.



    6. Dezember
    Iktsuapok
    „Könntest du bitte endlich damit aufhören?“
    Halim saß ausgestreckt auf dem Sofa und sah genervt zu Ame, der im Wohnzimmer auf und ab lief. Gelegentlich sah er aus dem Fenster; einmal war er sogar vor die Tür gegangen. Er war sichtlich nervös.
    „Er ist halt aufgeregt“, nahm Maya Ame in Schutz, ehe sie ihn direkt ansprach: „Brauchst du aber nicht zu sein. Sie wird kommen.“
    Doch Ame lief weiter, als hätte er sie nicht gehört.
    „Inuit machen das auch“, meinte Halim plötzlich.
    „Ja?“
    „Hab ich irgendwo mal gelesen. Oder so.“
    „Oder so“, echote Maya.
    In diesem Moment klingelte es.



    7. Dezember
    Forelket
    „Du verwirrst mich, Maya.“
    „Tut mir leid“, sagte diese, konnte jedoch trotzdem nicht aufhören, zu grinsen.
    „Das sollte dir nicht leidtun müssen. Es ist ungewohnt, aber doch wundervoll, dass du wieder glücklich sein kannst.“ Von Mayas Euphorie angesteckt musste auch Svenja lächeln.
    Nachdem sie aus Norwegen zurückgekehrt war, war Maya sofort zu ihrer Schwester gefahren. Sie hatte das Gefühl gehabt, gleich platzen zu müssen, wenn sie nicht irgendwem von ihrem Glück erzählen würde.
    „Er ist wunderbar“, verfiel sie wieder ins Schwärmen. „Und es ist anders; aber es fühlt sich so richtig an.“
    „Maya“, betonte Svenja eindringlich, „es ist richtig.“



    8. Dezember
    Tretåg
    „Deine wievielte Tasse ist das?“
    Maya blickte auf, als sie Eriks Stimme hörte; er stand im Eingang zur Wohnküche und blickte fragend zu Svenja, die sich gerade Kaffee nachschenkte.
    „Das eben war påtåg, also tretåg“, antwortete diese und setzte sie wieder zu ihrer Schwester.
    „Und es war sicher nicht die letzte.“ Erik kannte sie gut genug, um nicht fragen zu müssen. Entschuldigend lächelte Maya ihm zu.
    „Lasst euch nicht aufhalten“, seufzte er. „Ich wird’ wohl ins Kino gehen.“
    „Ich liebe dich“, sagte Maya und Erik schenkte ihr einen Blick, in dem reines Verständnis lag.
    „Viel Spaß euch beiden noch.“



    9. Dezember
    Tsundoku
    „Und das ist mein Raum der ungelesenen Bücher“, präsentierte Ame sein Wohnzimmer, einen Raum mit einem gemütlichen Sofa, einem kleinen Fernseher und einem riesigen Bücherregal.
    „Hast du wirklich keins davon gelesen?“, fragte Maya, als sie noch weitere Bücherstapel entdeckte.
    „Doch, ein paar schon“, antwortete Ame, „aber ich komme nicht hinterher. Ich sehe ein Buch, das interessant klingt, und muss es einfach kaufen, egal wie viele Bücher ich sonst noch habe. Immer mehr tsundoku.“
    „Deutsche sagen Teufelskreis“, meinte Maya, auch wenn sie sich sicher war, dass Ames japanisches Wort genauer war.
    „Ja, das ist es auch“, stimmte Ame ihr zu.



    10. Dezember
    Sgríob
    „Das müssen wir feiern!“, meinte Helen und drückte Ame ein Whiskeyglas in die Hand. Dann schenkte sie auch den anderen ein.
    „Whiskey?“, fragte Luka wenig überzeugt.
    „Probier ihn“, war Helens schlichte Antwort.
    Doch als Luka zum Trinken ansetzte, hielt Helen ihn auf, noch bevor er den ersten Schluck nehmen konnte.
    „Was ist denn noch?“
    „Wir haben nicht angestoßen“, riet Erik.
    „Ja, das haben wir auch noch nicht“, sagte Helen, „aber ich meinte, du musst ihn genießen. Du musst Sgríob spüren.“
    Prüfend hob Maya nun selbst ihr Glas zum Mund und spürte, wie der Geruch ihre Oberlippe zu streifen schien.

  • XIX e

    So sind wir nun also am Ende meiner kleinen Drabblereihe angekommen. Ich hoffe, euch hat es gefallen und ihr hattet ein besseres Jahr 2017 als ich. Wenn nicht: Es ist bald vorbei.^^ Also guten Rutsch euch allen! Und ab morgen dann ein frohes neues Jahr!
    Ich werde übrigens das versprochene Nachwort erst nächstes Jahr nachtragen. Ich hab meine Zeit die letzten Tage einfach nicht vernünftig eingeteilt ... Aber ihr kriegt noch die Liste mit den Bedeutungen der Wörter und einer groben Reihenfolge der Drabbles, keine Sorge.
    Was ich hingegen geschafft habe (nach knapp zwei Jahren, aber das übergehen wir jetzt) ist die Entfernung der Tabmenus. Das bedeutet, dass sich in diesem Thema kein einziges mehr finden lässt. Ich tu so, als wäre das eine viel zu große Sache. xD Auf jeden Fall bin ich nun endlich damit fertig und kann es nicht mehr vor mir herschieben. Und es war so ziemlich das Produktivste, was ich die letzten Tage getan habe ...
    Also dann: Einmal noch das gleiche Vorwort, einmal noch eine Ladung an Drabbles rund um Maya und ihre Freunde. Ich hoffe, ihr habt Freude daran und wir sehen uns im neuen Jahr!



    Lost in Translation


    11. Dezember
    Naz
    Ruhige Musik ließ diesen wunderschönen Abend ausklingen, als Maya sich zu Erik setzte. Ihr Blick streifte die verbliebenen Tänzer und blieb am Brautpaar hängen. Lächelnd sah Maya, dass Svenja die Augen geschlossen hatte, sich ganz auf ihren Mann verließ. Die beiden gehörten zusammen und jetzt konnte sie nichts mehr trennen.
    Maya durchströmte das Gefühl, angekommen zu sein. Es gab keinen Ort, wo sie lieber wäre als genau hier. Und neben Erik.
    „Ich liebe dich“, flüsterte sie.
    „Ich liebe dich auch.“
    Das Gefühl der Vollkommenheit verstärkte sich und Maya legte ihren Kopf auf Eriks Schulter. Genau hier wollte sie sein.



    12. Dezember
    Luftmensch
    „Danke, dass du mitgekommen bist. Ein Paar Augen mehr kann nicht schaden.“
    „Mach ich gerne. So schlimm kann dein Bruder nicht sein.“
    „Überhaupt nicht. Aber er ist ein Chaot. – Na, bleib mir schön hier.“
    Helen hielt ihren kleinen Bruder an der Kapuze fest, ehe er einem Schmetterling in die Menschenmasse folgen konnte. An diesem schönen Sommertag hatten offensichtlich viele die Idee eines Zoobesuchs gehabt.
    „Aber ich will zu den Löwen!“, quengelte Toby und wandte sich stolz zu Maya: „Wenn ich groß bin, wird’ ich Löwendompteur.“
    „Ein Chaot und ein Luftmensch“, kommentierte Helen. „Dann gehen wir mal deine Kollegen suchen.“



    13. Dezember
    Saudade
    „Und wenn du sonst noch irgendwas brauchst, sag Bescheid.“
    Mit diesen Worten gab Maya Marcos die Decken, die sie gerade aus dem Schrank geholt hatte.
    „Vielen Dank. Ihr habt eine schöne Wohnung. Manchmal wünschte ich, ich hätte auch sowas.“
    „Eine Wohnung?“
    „Ein Zuhause. Ich reise immer nur herum.“
    „Ich dachte, du magst das“, wunderte sich Maya.
    „Ich liebe es. Aber ich habe nie etwas anderes gemacht. Durch die Arbeit meines Vaters mussten wir früher oft umziehen und als meine Eltern starben, habe ich einfach weitergemacht. Manchmal spüre ich diese Sehnsucht nach dem Ort, an dem ich niemals ankommen werde.“



    14. Dezember
    Cotisuelto
    „Na, was gibt’s zum Frühstück?“
    „Guten Morgen auch dir. Ist dir klar, dass es acht ist?“, fragte Maya Halim, der plötzlich vor ihrer Tür aufgetaucht war.
    „Ich hab mein Portemonnaie gestern in Eriks Rucksack vergessen.“
    „Ach ja, ich hol’s schnell“, sagte Erik und verschwand.
    „Wer ist das?“ Halim deutete auf Marcos, der hinter Maya stand.
    „Oh, das ist Marcos. Er hat hier übernachtet. Marcos, das ist Halim.“
    „Ein Cotisuelto. Sehr erfreut“, begrüßte Marcos ihn.
    „Ein Cosi-was?“
    „Mir gefällt, dass du dein Hemd nicht in die Hose steckst.“
    Halim musterte ihn. Dann fällte er sein Urteil: „Ich mag den Typ.“



    15. Dezember
    Cafuné
    Es war ein ruhiger Abend. Maya saß neben Erik auf dem Sofa. Sie hatte ihren Kopf auf seine Brust gelegt und genoss es, dass er ihr sanft durchs Haar fuhr.
    „Marcos hat übrigens geschrieben.“, sagte Maya nach einer Weile. „Er ist in Brasilien und wünscht frohe Weihnachten.“
    „Er sagte, Brasilien gefällt ihm sehr. Schön, dass er jetzt da ist.“ Als er Mayas Zögern spürte, setzte Erik hinzu: „Marcos findet seinen Weg, das weiß ich.“
    Ohne klare Worte murmelte Maya ihre Zustimmung und konzentrierte sich auf Eriks Finger in ihrem Haar. Sie hatten es geschafft, also würde Marcos das auch.



    16. Dezember
    Kalpa
    „Und? Wie war die Reise?“
    Svenja und Manoj waren gerade aus ihren Flitterwochen in Rom zurück und Maya wollte natürlich alles wissen.
    „Unglaublich!“, fasste Svenja zusammen.
    „Und könntest du Luka bitte danken? Sein Tipp war Gold wert.“
    „Ja. Manoj redet kaum noch von was anderem.“
    „Dieser Uhrladen?“, hakte Maya nach.
    „Ja genau. Man entwickelt dort ein ganz anderes Zeitgefühl“, schwärmte Manoj. „Es gibt da keine Minuten oder Sekunden. Man erkennt, dass seine eigene Zeit nur ein Sandkorn ist im Verlauf des Universums. Das Sandkorn fällt und schon ist unsere Zeit vorbei. Es war unglaublich.“
    „Unglaublich“, wiederholte Svenja und lächelte.



    17. Dezember
    Kummerspeck
    Helen saß auf dem Sofa, als Maya und Halim eintrafen. Vor ihr stand ein großer Becher Eis.
    „Du hast schon ein bisschen zugenommen“, kommentierte Halim die Szene wenig gefühlvoll.
    „Halt die Klappe!“
    „Tut mir leid“, entschuldigte sich Maya für ihren Freund. „Wir waren halt gerade zusammen unterwegs. Ist es wirklich so schlimm?“
    „Mhm“, machte Helen und schob sich noch einen Löffel Eiscreme in den Mund.
    „Also gut“, meinte Maya, „wie wäre es, wenn wir den unsensiblen Idioten hier vor den Fernseher setzen und uns in deinem Zimmer etwas unterhalten, okay?“
    Langsam nickte Helen. „Aber das Eis nehmen wir mit.“



    18. Dezember
    Warmduscher
    Maya schreckte von ihrem Buch auf, als ein Schrei aus dem Badezimmer kam. „Alles in Ordnung?“, rief sie Richtung Flur.
    Eine Zeitlang konnte man nur Geraschel hören, dann kam Halim im Bademantel ins Wohnzimmer des Ferienhauses. Anklagend schaute er zu Erik: „Das Wasser ist eiskalt!“
    „Ich hätte dich nicht für einen Warmduscher gehalten“, kommentierte dieser.
    „Pass auf was du sagst!“
    „Du willst doch mit warmem Wasser duschen, oder? Ich hab’ ja nicht Weichei gesagt.“
    „Jungs! Friede!“, schritt Maya ein. „Ich zeig’ dir, wie du das Wasser warm kriegst.“ Im Gehen warf sie einen warnenden Blick zu ihrem grinsenden Freund.



    19. Dezember
    Drachenfutter
    „Ist das für Svenja?“ Maya deutete auf das Paket in Manojs Hand.
    „Ja“, antwortete er. „Drachenfutter.“
    „Woher hast du denn das Wort?“
    „Von eurer Mutter.“
    „Das passt zu ihr“, lachte Maya. „Und was hast du angestellt?“
    „Eigentlich gar nichts. Manchmal haben wir einfach etwas unterschiedliche Ansichten.“
    „Ihr hattet also Streit“, fasste Maya zusammen.
    „Nichts Schlimmes“, betonte Manoj, „aber du kennst doch deine Schwester. Versöhnung ist leichter, wenn man nicht mit leeren Händen kommt.“
    „Na dann wünsch’ ich dir viel Glück“, meinte Maya und fügte dann noch hinzu: „Lass dich nur niemals dabei erwischen, wie du Svenja als Drache bezeichnest.“



    20. Dezember
    Kabelsalat
    „Mann!“, stöhnte Erik.
    „Was hast du?“
    „Das hier.“ Genervt präsentiert Erik Maya einen großen Haufen Kabel – von keinem konnte man sagen, wo es begann oder endete. Es war das reinste Chaos. „Ich hab dir gesagt, du sollst sie nicht alle in eine Schublade schmeißen.“
    „Ja, hast du“, sagte Maya, „aber woher sollte ich wissen, dass es so schlimm wird?“
    „Hattest du noch nie Kopfhörer in deiner Hosentasche?“
    „Ich hab irgendwo mal gehört, man müsse nur an einem ziehen, dann löst sich alles wieder.“
    „Na dann“, meinte Erik und drückte ihr das Knäuel in die Hand, „viel Spaß beim Suchen.“



    21. Dezember
    Waldeinsamkeit
    Sanfter Wind wehte durch die grünen Blätter der Bäume und spielte mit den Mustern, die die Sonne auf den Waldboden malte. Maya atmete tief ein und genoss die frische Luft. Es kam ihr vor, als sei sie der einzige Mensch auf der Welt. Es gab nur sie und den Wald.
    Die Vögel zwitscherten ein fröhliches Lied und ein bisschen wirkte es für Maya so, als sängen sie nur für sie.
    Die letzten Tage waren anstrengend gewesen und Maya genoss diese Auszeit. Hier war niemand außer ihr. Niemand der mit ihr sprach, außer der Natur.
    Es war anders, aber wunderschön.

  • Na meine Liebe,
    ich hab jetzt ne ganze Weile rum überlegt, mit welchen Worten ich diesen Kommi beginnen soll. Aber letztendlich läuft es immer auf ein und die selbe Quintessenz hinaus: Ich hab dich unglaublich lieb und hoffe, dir hiermit eine Freude bereiten zu können <3


    Allgemein
    Mir gefallen diese kleinen Ausschnitte, aus Mayas Leben, auch wenn ich mich ein wenig mitten rein geworfen fühlte und anfangs etwas überfordert mit den zig Namen war (gut, das mag auch daran liegen, dass ich nur auszugsweise ein paar der Drabble gelesen hab). Mit jedem Drabble wird eine andere Szene beleuchtet und wie bei einem Puzzle hilft jedes Teil dabei das Gesamtwerk bzw. einen Gesamteindruck der Personen zu bekommen.
    Abgesehen davon sind so tägliche kleine Werke natürlich praktisch, um regelmäßig beim Schreiben zu bleiben. Mir gefällt die Idee sogar so gut, dass ich sie mir vielleicht von dir abgucke.


    Kabelsalat
    Oh ja, das Problem mit verknoteten Kabeln dürfte so ziemlich allen nur allzu gut bekannt sein. Mir gefällt Mayas Gelassenheit hinsichtlich des Chaos, das sie aus Versehen verursacht hat. Aber auch dieses "viel Spaß beim Suchen" von Erik hat mir gut gefallen und mich zum Lachen gebracht.
    So sehr ich Erik auch verstehen kann, dass er es lieber hätte, dass man von Anfang an versucht solch ein Chaos zu vermeiden, meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass auch wenn ich versuche alle Kabel aufzurollen und irgendwie Ordnung in meiner Kabelkiste zu halten, es doch immer wieder in einem Knäul endet.


    Waldeinsamkeit
    Diese angenehme ruhige Stille, wenn mal der Lärm der Zivilisation oder auch anderer Menschen nicht da ist und man auf die schönen Melodien der Natur lauschen kann, hast du sehr schön eingefangen.
    Ein bisschen frage ich mich, worauf sich dieses "anders" im letzten Satz bezieht. Es könnte sich entweder darauf beziehen, dass nur die Natur mit ihr spricht und das anders ist als Gespräche mit Menschen. Oder aber es bezieht sich auf die Einsamkeit, die eben auch anders ist, da man zwar einsam ist, aber eben auch noch beispielsweise Vögel um sich hat und damit nicht ganz allein ist.


    Ich weiß, der Kommi ist kürzer als die, die ich bisher geschrieben hab. Aber ich dachte mir, ich passe meinen Kommi ein bisschen an deine Werke an, was bei Kabelsalat sogar auf Anhieb geklappt hat o/
    Liebe Grüße,
    Caroit

  • Hallo Shira. :)


    Also, ich wollte dir eigentlich schon die ganze Zeit einen Kommentar zu deinem Drabbleprojekt dalassen - irgendwann habe ich es leider vergessen, muss ich zugeben, aber es ist mir jetzt wieder eingefallen (wieso wohl?) und da wollte ich dann jetzt auch nicht zulassen, dass das wieder meinem Gedächtnis entgleitet.
    Zunächst einmal muss ich sagen, ich finde die den Drabbles zugrundeliegende Idee echt toll. Dieses Phänomen mit den Wörtern, die sich nicht übersetzen lassen, ist echt interessant - tatsächlich kannte ich sogar ein paar der Wörter aus einem Buch, das heißt: Dort werden ein paar davon leicht abgewandelt verwendet und machen sogar einen zentralen Bestandteil der Geschichte aus (das Buch heißt Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr - falls du es noch nicht kennst, ich glaube, es könnte dir gefallen).
    Jedenfalls, wenn man hier dann auch noch sieht, was du aus dieser Idee gemacht hast, kann man sich eigentlich schon richtig für dich freuen, dass du offenbar so eine gute Inspirationsquelle gefunden hast. Du bringst hier in den wenigen Worten, die ein Drabble naturgemäß haben kann, enorm viel rüber - es hat mich doch echt positiv überrascht, dass da immer so viel mitschwingt. Die Bedeutung der titelgebenden Worte kann ich mir vielleicht nicht immer zweifellos erschließen, aber das ist gar nicht notwendig, um sich von den Drabbles verzaubern zu lassen. Ich weiß ehrlich gesagt auch gar nicht, wie ich diese Wirkung genauer beschreiben soll. Alles ist irgendwie so vielfältig und doch scheint es mir fast, als würde es eine Art von gemeinsamem Grundton geben - was merkwürdig ist, weil manche Drabbles ein wenig lockerer anmuten und andere ein bisschen ernster. Vielleicht ist diese Gemeinsamkeit einfach dein schöner Schreibstil, ich weiß es nicht. Es ist ... seltsam, aber auf eine positive Art.
    Ein wenig unübersichtlich erscheint vielleicht die Anzahl der Personen, aber letztlich ist auch das hier nicht schlimm, da jedes Drabble für sich allein stehen kann und man auch hier nicht zwangsläufig alle Verbindungen aufdecken muss, um die kleinen Ausschnitte genießen zu können - auch wenn es hier und da natürlich Verbindungen gibt, die man entdecken kann, was sich schlussendlich ja auch lohnt. Ich mag es nämlich auch immer ganz gerne, wenn man sich aus mehreren kleinen Dingen ein größeres Gesamtbild zusammensetzen kann, was hier ja der Fall ist.
    Übrigens habe ich hierdurch wohl auch ein Wort meiner eigenen Sprache gelernt, oder vielmehr eine neue Bedeutung eines Wortes, weil ich Drachenfutter mit dem hier anscheinend verwendeten Sinn ehrlich gesagt gar nicht kannte. Nun, man lernt wohl in der Tat nie aus, haha.
    Und damit will ich dann elegant überleiten zu einzelnen Drabbles, auch wenn ich wohl nicht auf allzu viele einzeln eingehen werde. Ich finde irgendwie Kummerspeck und Kabelsalat gerade besonders interessant, weil mich bei beiden der letzte Satz sehr anspricht. Während das erste von diesen beiden natürlich generell etwas ernster ist, hat der letzte Satz auch dort für mich etwas Lustiges - nicht in dem Sinne, dass man laut lacht, sondern eher auf eine tragikomische Art. Das Drabble mit dem Kabelsalat geht da im Vergleich wohl schon eher in eine "lockerere" Richtung. Wobei hier wiederum wohl auch mit der humoristischen Dimension nur ein Teil des größeren und irgendwie niedlichen Moments zwischen den beiden Charakteren aufgezeigt ist. Andere Drabbles haben mir gefallen, weil ich da die Beschreibung von Mayas Eindrücken besonders stark fand - da wären wohl besonders Commouvere und Waldeinsamkeit zu nennen, wobei Letzteres eigentlich auch schon wieder ein Wort ist, das ich nicht kannte, jedenfalls nicht wirklich.
    Insgesamt - es war echt schön, all diese Drabbles zu lesen und man hat dabei auch deutlich gemerkt, dass es dir offenbar auch sehr viel Spaß gemacht hat, diese zu schreiben. Das schimmert einfach irgendwie durch, würde ich meinen.


    Bis demnächst!

  • XX


    Willkommen in 2018. Ja, ich weiß, dieses Jahr hat nur noch ein paar wenige Stunden, aber da ich vor fast genau einem Jahr von "nächstes Jahr" und nicht "übernächstes Jahr" sprach hatte ich eine gewisse Motivation es noch zu schaffen. Das führte allerdings dazu, dass ich die letzten beiden Tage viel machen musste, weil ich ja davor keine 363 Tage Zeit hatte ... Ich weiß, man sieht mich nicht mehr häufig hier, was an all den vielen Änderungen lag und liegt, mit denen ich erstmal umzugehen lernen muss. Außerdem hab ich bis gestern kaum wirklich geschrieben dieses Jahr. Das muss ich mal wieder ändern. Ich hab keine Ahnung, ob überhaupt irgendjemand außer mir noch ein Interesse an diesem Topic hat. Wenn ja, wäre es schön, wenn ihr das irgendwie zum Ausdruck bringen könntet. Wenn nein ... dann weiß ich auch nicht. Aber wer weiß, was 2019 uns so bringen wird. Jetzt wünsche ich denen, die noch hier sind, viel Spaß bei dem Werk, was schon vor (über) einem Jahr fertig sein sollte!



    Shine

    Irgendwo musste gerade der Mond aufgehen; ich spürte ihn, auch wenn ich ihn nicht sah. Die Lichter an unserem Pavillon erhellten die noch junge Nacht.

    „Darf ich bitten?“, hörte ich eine tiefe Stimme und sah Sven vor mir stehen. Meine Tanzpause war damit offiziell vorbei. Ich nahm seine Hand und ließ mich von ihm zur Tanzfläche führen. Das neue Lied begann und wir ließen uns vom Rhythmus führen.

    „Also, nochmal Willkommen in der Familie, kleine Schwester!“

    „Offiziell bin ich nicht deine Schwester“, erwiderte ich.

    „Offiziell ist dein Mann auch nicht mein Bruder, aber wir sind trotzdem eine Familie.

    Mein Mann. Das klang immer noch so neu und aufregend. Ungewohnt, aber irgendwie doch richtig.

    „Danke nochmal, dass du mich gefunden hast“, sagte Sven nun mitten in meinen Überlegungen.

    „Unsere Hochzeit schien unmöglich ohne dich. Wie du schon sagtest: Du gehörst zur Familie.“


    Es kann ziemlich nervenaufreibend sein, wenn man vor dem wohl größten Schritt seines Lebens alleine in einer riesigen Empfangshalle steht. Es war eine sehr schöne Empfangshalle, sehr hell und mit fast Antik wirkenden Säulen, aber selbst bei ihrer Größe hatte ich das Gefühl, kaum noch Luft zu bekommen.

    Plötzlich ging die Eingangstür auf und eine junge, dunkelhaarige Frau in einem grünen Kleid schlüpfte herein.

    „Hope!“ Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. „Ihr habt es doch noch geschafft!“ Alleine die Anwesenheit meiner Freundin sorgte dafür, dass ich wieder atmen konnte.

    „Das würden wir uns doch niemals entgehen lassen. Egal, welche Airline mal wieder Probleme macht“, erwiderte sie mit einem offenen Lachen.

    „Wo ist -?“

    „Er kommt gleich, parkt nur noch den Mietwagen. Keine Sorge!“

    Fast im gleichen Moment öffnete sich die Tür ein zweites Mal und Hopes Freund trat formvollendet in seinem besten Anzug herein.

    „Wow“, sagte ich. So schick hatte ich ihn noch nie gesehen.

    „Du solltest dich mal ansehen! Du bist eine wunderschöne Braut. Gott sei Dank sind wir nicht zu spät gekommen!“

    „Ich hab immer gesagt, wir schaffen es!“, mischte sich Hope ein.

    „Du hast aber auch dreimal gesagt, dass wir falsch abbiegen sollen.“

    „Darf ich um ein bisschen Frieden an meinem Hochzeitstag bitten?“, schaltete ich mich nun wieder ein. „Dort vorne, die erste Tür links. Das hat nicht viel Platz für ‘akihi und ihr könnt etwas unauffälliger in den Saal schleichen.“

    „Danke. Und viel Glück!“ Ame kannte mich einfach zu gut. Er winkte mir noch einmal zu und verschwand dann in dem Raum, in dem meine Zukunft wartete.

    „Entschuldige, entschuldige. Ich bin schon da, ich bin schon da“, hörte ich meine Mutter, noch bevor ich sie die Treppe herunter huschen sah.

    „Schon okay“, sagte ich und meinte es inzwischen auch wieder so, „so konnten unsere Nachzügler noch ankommen.“

    „Ach, da bin ich ja froh!“, sagte sie und nahm meinen Arm. „Bereit?“

    „Nicht wirklich“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

    „Ich weiß, dass es Mut braucht“, begann meine Mutter. „Und ich weiß, dass dein Vater ein viel leichteres Spiel gehabt hätte, ihn dir zu schenken, aber du darfst nicht vergessen, dass er immer bei dir ist. Und dass es sowieso nicht um ihn geht, sosehr wir ihn auch vermissen, sondern um dich. Und jetzt will ich, dass du tief einatmest, unser aller Liebe spürst und den ersten Schritt machst.“

    Wow. Meine Mutter verfiel normalerweise so leicht der Romantik, wodurch bei ihr alles nur noch rosarot leuchtete, dass ich ihr eine solche Rede gar nicht zugetraut hatte. Aber sie hatte recht. Also schloss ich die Augen, sog die Luft in meine Lunge und ließ mich von meinen Füßen – und meinem Herzen leiten.


    Ich war nicht darauf vorbereitet, als mein Schwager auf mich zukam.

    „Schickt Svenja dich?“

    „Ich bin selbst auf die Idee gekommen. Du solltest nicht auf diesen Tanz verzichten müssen.“

    Der Vater-Tochter-Tanz. Oder bei uns eher der Mutter-Sohn-Tanz. Ich wünschte, ich hätte mit meinem Vater tanzen können, verstand aber nicht ganz, was Manoj jetzt von mir wollte.

    „Abgesehen von deinem Bräutigam, der ja schon mit seiner Mutter tanzt, bin ich die einzige männliche Person in deiner Familie“, beantwortete er mir meine ungestellte Frage. „Also tanzen wir.“

    Und ehe ich noch irgendetwas hätte sagen können, zog er mich auf die Tanzfläche. Das Licht schien hell auf uns und ich wusste, dass alle uns sehen konntet, Schwager und Schwägerin bei einem Tanz, der für Eltern und Kinder bestimmt war. Doch das war nicht wichtig. Plötzlich war es völlig unwichtig, dass Manoj nicht mein Vater war. Meine Mutter hatte recht behalten. Ich vermisste ihn, aber er war immer bei mir. Und er freute sich für mich. Deshalb tanzte ich einfach.


    „Oh mein Gott, ich kann das nicht. Ich hätte das andere Kleid nehmen sollen ...“

    „Jetzt reiß dich mal zusammen!“

    „Sagt die Königin im Sich-Sorgen-Machen.“

    Wütend funkelte ich meine Schwester an. Aber es half, dass ich mich ein wenig beruhigte. Keine Ahnung, ob das ihre Absicht gewesen war.

    „Du siehst wundervoll aus. Wie eine Prinzessin“, mischte sich Helen ein.

    „Mach mir nur noch mehr Druck ...“

    „Keine Sorge, deine Hochzeit wird nicht im Fernsehen übertragen“, kommentierte Svenja trocken.

    „Aber sie könnte ...“

    „Ma!“ Jetzt funkelte ich meine Mutter wütend an. Brachte es auch Unglück, sich vor seiner Hochzeit mit seiner Familie zu streiten?

    „Jetzt beruhigen sich hier aber alle mal wieder, okay?“, versuchte Helen zu schlichten. „Hier wird nichts im Fernsehen übertragen. Und du“ – sie sah mich eindringlich an – „siehst perfekt aus. Ich würde mich freuen, wenn ich irgendwann zu meiner Hochzeit so schön aussähe und so strahlen würde. Es geht nur um dich. Na ja, fast. Dies ist dein Tag. Geh da runter und hau sie alle um, ja?“

    Ich atmete. Ein und aus. „Ja.“

    „Sehr schön“, sagte sie und auf ihrem Gesicht zeigte sich ein breites Grinsen. Dann nahm sie den Brautstrauß vom Bett und reichte ihn mir. „Scheine!“

    Ich lächelte zurück. Dafür liebte ich Helen.

    „Komm, wir sagen den anderen, dass es losgeht“, wandte sie sich dann an meine Schwester und verschwand.

    „Perfekt“, flüsterte Svenja mir zu, ehe auch sie durch die Tür ging.

    Perfekt ... perfekt war alles, was auf mich wartete. Wir würden scheinen.


    Die Welt drehte sich um mich. Ein Meer aus Farben und Gesichtern. Wobei genau genommen ich es war, die sich drehte und plötzlich nicht mehr Manoj, sondern meine Mutter als Tanzpartnerin hatte.

    „Wir sind alle da“, lächelte sie und ließ mich wieder drehen, sodass ich bei meiner Schwester landete.

    Ich wusste, was sie taten. Und ich genoss es, tanzte mit meiner Familie. Mit allen, ob anwesend oder nicht.

    So wundervoll dieser Tag auch gewesen war, das Fehlen meines Vaters hatte mich immer begleitet. Doch jetzt spürte ich, dass er nicht nur vom Ende der Mondstraße zusah, sondern genau hier war.


    „Meinst du, du könntest mir diesen Tanz schenken?“

    „Und du hast extra gewartet, bis ...“

    „... bis dein Herzallerliebster auf dem Klo ist, ja. Ich will ja nicht euer Glücklich-bis ans-Lebensende zerstören.“ Halim grinste mich an und streckte mir die Hand entgegen. So was konnte auch nur er bringen.

    Ich überlegte. Völlig daneben lag er nämlich nicht. Ich konnte nicht einfach so mit ihm tanzen. Ich weiß, es heißt, man solle keine Exe zu seiner Hochzeit einladen, aber Halim ist doch immer ein sehr guter Freund geblieben und es wäre falsch gewesen ohne ihn.

    „Warte kurz“, sagte ich und ging zu unserem DJ, um ihm meinen Liederwunsch zu nennen. Halims Augenbrauen wanderten höher als ich es je für möglich gehalten hatte, als die ersten Takte des Liedes erklangen.

    „Du willst ernsthaft auf deiner Hochzeit den Ententanz tanzen?“

    „Nein. Ich will auf meiner Hochzeit mit dir den Ententanz tanzen.“

    Und mit diesen Worten ergriff ich seine Hand und zog ihn auf die Tanzfläche.

    „Das sieht unglaublich elegant aus!“

    Ich wackelte gerade zum gefühlt tausendsten Mal mit den Flügeln und hatte einen Riesenspaß dabei, als diese Stimme mich völlig aus dem Konzept brachte. Mein Gehirn wollte sie noch nicht recht zuordnen und meine Augen konnten im Dunkel außerhalb der Tanzfläche kaum etwas erkennen. Dann traf es mich wie ein Schlag: „Marcos!“, rief ich und lief ihm entgegen. „Ich dachte, du kommst nicht!“

    „Na ja, dieses Ziel war dann doch wichtiger als die Reise“, antwortete Marcos, während er mich zur Begrüßung umarmte.

    „Es ist toll, dass du hier bist“, strahlte ich. „Und ich weiß auch schon, wie wir das feiern!“

    Und so kam es, dass auch er mit mir auf meiner Hochzeit den Ententanz tanzte. Und zwar unglaublich elegant.


    „Es ist gar nicht so lange her, dass die Rollen umgekehrt waren und meine kleine Schwester für mich eine Rede hielt. ‚Tiám‘, sagte sie damals. Tiám, das Leuchten in den Augen, wenn man jemanden zum ersten Mal sieht. Ich war nicht dabei, als sich unser Brautpaar zum ersten Mal begegnete, aber diese beiden haben seither nie aufgehört, zu leuchten. Plötzlich schien alles, was sie bedrückte als leuchtender Glitzer von ihnen abzufallen. Die Euphorie des Verliebens, ihr forelsket haben sie bis heute behalten. Und ehrlich gesagt kann ich mir auch nicht vorstellen, dass sie es irgendwann verlieren.“

    Ich strahlte Svenja an und unterstrich damit eigentlich nur, was sie gerade gesagt hatte. Ich erinnerte mich daran, wie verloren ich mich vor meiner Trauung gefühlt hatte, obwohl das überhaupt nicht nötig gewesen wäre. Meine Liebe hatte mich genau dorthin geführt, wo ich sein wollte: Zwischen meinen Schwestern, meiner echten Schwester Svenja und meiner Wahlschwester Helen, und dem Mann, den ich den Rest meines Lebens lieben würde. Und er mich genauso.

    Svenja hob ihr Glas. „Auf Maya und Erik!“


    „Hey.“

    Das Essen war beendet und ich hatte mir ein Kleid zum Tanzen angezogen. Die untergehende Sonne ließ alles in einem flammenden Licht erstrahlen, als ich Erik erreichte.

    „Hey“, erwiderte er und sein Lächeln umfing mich.

    „Schenkst du mir diesen Tanz?“

    „Es gibt nichts, was ich jetzt lieber täte.“

    In dem Moment, bevor die Musik einsetzte, war alles ruhig. Nichts um uns schien sich zu regen. Alles, was ich spürte, war Erik, bereit mit mir zu tanzen. Und ich wusste, dass es ihm genauso ging.

    Mit den ersten Tönen, die erklangen, und den ersten Tanzschritten, die wir machten, begannen auch die Lichter, die wir am Pavillon um die Tanzfläche angebracht hatten, zu leuchten. Ich musste an die Situation denken, als ich zum ersten Mal so gefühlt hatte, als mir zum ersten Mal klar wurde, dass Erik und mich nichts trennen konnte. Damals hatte meine Schwester mit ihrem frisch vermählten Mann getanzt. Nun war ich an ihrer Stelle. Und alles was zählte, waren wir. Erik und ich.

    Immer stärker erhellten die Lichter die Nacht, während allmählich die ersten Sterne zu funkeln begannen. Und jeder konnte uns beim Tanzen beobachten. Aber das war mir egal. Denn wir waren perfekt.


    Und wir tanzen und tanzen.

    Wir alle feiern die Liebe, die Erik und ich gefunden haben.

    Unsere Freunde, Hope und Ame, Luka, Marcos, Halim und Helen; seine Familie, seine Eltern, sein Ziehbruder Sven und dessen Frau sowie meine Familie, meine Tante und meine Cousine Lena, Svenja und Manoj, meine Ma – und auch die Anwesenheit meines Vaters kann ich spüren. Alle sind da. Alle leuchten.

    Aber am hellsten strahlen Erik und ich. Die ganze Welt kann es sehen. Dies ist wie der perfekte Abschluss zu unserer Geschichte. Doch liegt noch ein ganzes Leben vor uns.

    Aber jetzt, jetzt tanzen wir einfach.


  • XXI

    Dies ist mein goldenes Update. Ja, das meine ich ernst, denn das ist der Inhalt meiner Texte. Sie sind vermutlich beide etwas kryptisch, aber ich mag sie, vor allem den ersten, den man ja auch schon im Neujahrssprint betrachten konnte. Sie sind beide aus diesem Jahr, was mich, obwohl sie nicht so lang sind, hoffen lässt, dass ich wieder etwas mehr schreibe.

    An dieser Stelle noch einen besonderen Dank an Flocon ! Offensichtlich haben doch noch mehr Leute Interesse an meinem Topic. ^-^ Jetzt auf jeden Fall viel Spaß mit diesem Gold!



    Goldenes Weiß

    Ein Flügelschlag und sanft legten sich ihre Federn um die Bäume. Sie liebte es, wenn sie endlich zeigen durfte, was sie konnte. Wohlwollend sah ihr Vater ihr bei ihrer Arbeit zu. Sein fahles Licht ließ ihre weißen Federn leuchten, während sie sanft auf die Erde segelten. Manchmal war sie neidisch auf ihn gewesen. Er konnte seinen Kristall jede Nacht erleuchten lassen, während sie sich ihre Aufgabe mit ihrem Zwillingsbruder teilen musste und er in ihren Freundschaftskämpfen meistens gewann. Es war aber auch unfair, dass er von Natur aus viel agiler war als sie, wenn sie ihm sowieso schon den ganzen Sommer lang unterlag, weil sie sich in der Hitze kaum bewegen konnte. Bei besonders harten Kämpfen schaffte sie es manchmal, seine Tropfen mit ihren Federn zu umschließen - was nur leider nicht immer bedeutete, dass sie auch die Oberhand gewann.

    Heute aber schon und die weißen Kugeln wurden von ihren Federn abgelöst. Sie liebte ihre Brüder, auch wenn sie sie manchmal zur Weißglut trieben, aber sie war schon oft verärgert, wenn sie mal wieder von einem von ihnen übermannt wurde. Umso glücklicher war sie, dass sie nun freie Bahn hatte und sich auch ihr älterer Bruder nirgendwo zeigte. Diese Nacht war ihre Bühne. Sie erschuf ein Kunstwerk, komponierte das Grün der Tannen mit den hellen Federn, mit denen sie die Zweige umfing, und malte Bilder in den kahlen Ästen. Sie bedeckte das welke Laub, das von früheren Flügelschlägen von den Bäumen geweht wurde und besprenkelte das tapfere Gras.

    Die ganze Nacht hindurch arbeitete sie an ihrem Werk. Wenn sie das erste Mal in einem neuen Jahr gewann, war sie immer besonders gründlich, versuchte immer eine besonders schöne Landschaft zu gestalten. Sie war so beschäftigt mit ihrer Aufgabe, ihrer Leidenschaft, dass sie zunächst gar nicht merkte, wie ihr Vater sein Licht dimmte und der Himmel im Osten heller wurde.

    Gerade als sie die letzten Feder an den richtigen Platz gebracht hatte, spürte sie eine warme Berührung an ihrem Rücken. Lächelnd drehte sie sich um, legte ihren Hals um seinen und umschlang ihn mit ihren Flügeln, während seine Strahlen ihre Federn küssten und sie zum leuchten brachten, als wären die Bäume um sie in einer eisig glühenden Glut gefangen. Seine Aufgabe währte nicht lange, ehe seine Eltern das Licht übernahmen, aber das machte diesen Moment nur noch wertvoller, denn sie hatte das Gefühl, nur in seinem Glanz sei ihr Kunstwerk perfekt. Nur in diesem seinem goldenen Glanz ergab alles einen Sinn. Für diesen Moment lebte sie.

    Und sie liebte ihn. Seit sie das erste Mal seine goldenen Schwingen gesehen hatte, war sie von einer Faszination besessen gewesen, hatte ihn kennen lernen müssen. Es war ein Tag wie dieser gewesen. Ihre Mutter hatte sich zurückgezogen und sie zum ersten Mal alleine malen lassen - in der Nacht, damit ihr Vater ein Auge auf sie haben konnte. Es war etwas besonderes gewesen, ihre Federn in seinem Licht erstrahlen zu sehen, aber nichts gegen den Moment, in dem das Gold ihn ablöste. Noch nie hatte sie ein so perfektes Zusammenspiel gesehen. Alles in ihr kribbelte, als sie ihm endlich gegenüberstand. Sie hatte ihn kennengelernt und gewusst, dass sie nie wieder ohne ihn sein wollte.

    Manchmal war es die Aufgabe ihrer Mutter, sein Licht zu verdecken. Aber sie war ihr nicht böse, denn sie wusste, dass sie es nur für ihre Kinder tat. Dennoch oder gerade deswegen war dieser Morgen etwas Besonderes. Spielerisch tat er ein paar Flügelschläge und schwebte ein paar Meter über ihr. Er forderte sie zum Tanzen auf. Nur zu gerne kam sie der Bitte nach und in einer unbeschreiblichen Eleganz umkreisten sie sich mit perfekt harmonischen Flügelschlägen. Ab und zu lachte sie vor Glück und ließ aus lauter Freude vereinzelte Federn fallen, die sein Licht zum Leuchten brachte.

    Viel zu bald kamen seine Eltern. Sie übernahmen sein Licht, machten es weiß. Ihre Federn glänzten noch immer, aber es würde niemals mit dem goldenen Schein vergleichbar sein. Dennoch zogen sich beide ohne Protest zurück. So war nun einmal der Lauf der Welt. Sie hatten ihre Arbeit getan, nun waren andere an der Reihe. Aber sie wusste, solange er konnte, würde er ihr Werk zum leuchten bringen. Und sie würde mit ihm tanzen. Bis sie nicht mehr konnte. Und vielleicht sogar noch länger.



    Der Schlüssel

    Das Gold verschwindet im Schwarz. Es ist, als wäre alles dunkel.

    Ein Drehen, ein Klacken und das mächtige Braun bewegt sich. Und plötzlich ist doch wieder alles gold. Trotz des Regenbogens, der mir entgegenschlägt.

    Ich nehme das Gold wieder an mich, wiege es mit dem Bunt in meiner Hand.

    Alles ist Farbe. Ich sehe, höre, schmecke und rieche das Gold, das so bunt leuchtet. Und ich fühle es. Es ist weich. Wie Federn und Hoffnung.

    "Oh Herr der Farben. Danke für das Gold und das Bunt, das ich in meiner Hand trage, damit ich dich mit der Welt versöhnen darf."

  • Hallo Shiralya ,


    Da hier schon länger keine Kommentare mehr geschrieben wurden, dachte ich, ich bin so frei und schaue mir die letzten paar Kurzgeschichten hier an.


    Zugegebenermaßen fällt es mir sehr schwer, die beiden Geschichten aus dem "goldenen Update" zu kommentieren, da mir halt ein wenig der Kontext fehlt und ich generell nicht besonders gut darin bin solche eher poetischen Texte zu bewerten. Ich bin und bleibe halt doch eher der Prosa-Mensch. :saint: Dennoch fand ich Goldenes Weiß sehr schön geschrieben, rein von der Wortmelodie her und allem, selbst wenn ich teilweise Probleme hatte mir vorzustellen, was da überhaupt passierte, da ich doch sehr einige Anhaltspunkte handelt, was da passiert. Magische Vögel mit Kristallen? Waren die eine Metapher für Sterne? Haha. Ich bin wirklich nicht dazu zu gebrauchen, so etwas zu interpretieren, fürchte ich. :biggrin: Da komme ich mir doch ein wenig dumm vor.


    Daher habe ich mir dann aber noch Shine vorgenommen. Ich gebe offen zu, dass ich etwas verwirrt war über einige Dinge, bis ich Vor- und Nachwort gelesen habe. Denn ein wenig kam es mir seltsam vor, wie wenig die Charaktere beschrieben wurden, so dass ich halt wenig vor Augen hatte, wie jemand aussieht. Betrachtet man es aber als Drabble-Sammlung beginnt es, Sinn zu machen. (zgm. muss ich dennoch sagen, dass es mir besser gefallen hätte, hätte es mehr Beschreibungen gegeben. Aber ich bin ja eh ein großer Fan von Beschreibungen, daher ...) Ich fand es auf jeden Fall sehr schön sehr viele diverse Charaktere zu sehen, also auch PoC. Gerade da man es eben im BB sonst sehr selten sieht. Daher war ich dahingehend sehr positiv überrascht! :)


    Ansonsten: Inhaltlich konnte ich gerade sehr wenig sagen, weil ich das Gefühl hatte, dass mir ein wenig der Hintergrund fehlt.


    Ich hatte aber noch vier Stellen rausgesucht, zu denen mir irgendwas aufgefallen war.


    Irgendwo musste gerade der Mond aufgehen; ich spürte ihn, auch wenn ich ihn nicht sah.

    Hier denke ich mir ohne Kontext: Okay, warum kann sie das spüren? Das kam mir irgendwie komisch vor. Ich habe schon mit Werwölfen gerechnet deswegen ;P


    „Darf ich bitten?“, hörte ich eine tiefe Stimme und sah Sven vor mir stehen

    Die Stelle ist mir aufgefallen, weil in einem Satz gleich zwei Mal Filter genutzt werden. Und ich bleibe dabei, dass ich Filterworte unschön finde. Gerade das "sah Sven vor mir stehen" fand ich ... Steht er vor ihr oder sieht sie ihn nur?

    Was ich an der Stelle schöner gefunden hätte, wäre eine Beschreibung ihrer Reaktion darauf, dass er da ist. Wie fühlt sie sich etc.


    Also sicher, wahrscheinlich wieder durch die Drabble Struktur bedingt, aber die Stelle ist mir wirklich unangenehm aufgefallen ^^"


    „Komm, wir sagen den anderen, dass es losgeht“, wandte sie sich dann an meine Schwester und verschwand.

    Hier ist das "wandte" wieder ein Fall von etwas, das ich gestern in einem anderen Kommentar angesprochen hatte. "zuwenden" ist ein unschönes Wort für eine Inquit-Formel. Zumal es hier auch im Rahmen von Drabble Struktur wenig Sinn in meinen Augen macht, da du durch das Umstellen von Inquit-Formel auf Hauptsatz keinen Unterschied an Worten hättest. :confused:


    Viel mehr fällt mir an der Stelle allerdings auch nicht ein.


    Prinzipiell finde ich aber diese Idee "Geschichten aus Drabbles" immer wieder cool!:thumbup:

  • Hallöchen Shiralya ,

    wie versprochen - ich habe mich nämlich noch dran erinnert! - möchte ich deine letzte Kurzgeschichte kommentieren.
    Zuerst, ich habe die ganzen ausführlich sowie recht emotional geschriebenen Beschreibungen sehr genossen und konnte mir dadurch im Kopf ein sehr detailliertes Bild von alldem machen. Ansonsten, ich finde es sehr interessant, wie du deine Kurzgeschichte gestaltet hast, denn nach mehrmaligen Lesen hab ich noch immer keine genaue Vorstellung davon, was ich da überhaupt gelesen habe, haha! Wie dem auch sei, beim ersten Lesen dachte ich tatsächlich an magisch-begabte Vögel, doch jetzt denke ich, dass du die Jahreszeiten beschrieben hast, sodass die Protagonistin womöglich die Manifestierung des Winters ist. Die Mutter stellt dann entweder die Sonne bzw. den Tag dar, während der Vater der Mond oder die Nacht ist. Die genannten anderen Brüder sind dann die anderen Jahreszeiten außerhalb des Winters. Ich hoffe, ich liege mit dieser Interpretation nicht allzu daneben … (':


    Heute aber schon

    Dieser Ausdruck hat mich kurz aus dem Lesefluss gerissen, weil ich nicht wusste, was damit jetzt gemeint ist. Zurückblickend, ja, dem Ganzen kann ich jetzt zwar schon folgen, hätte aber eventuell statt aber ein jedoch gesetzt, zumal du in der nächsten Zeile nochmals ein aber verwendest und es rein subjektiv gesehen besser klingt.


    ihre Brüder

    An dieser Stelle musste ich kurz überlegen, da bis dahin nur die Rede von einem Zwillingsbruder der Protagonistin gewesen ist - im Nachhinein macht das, wenn denn meine Interpretation stimmt, alles einen Sinn - es handelt sich um Frühling, Sommer und Herbst.


    Lächelnd drehte sie sich um, legte ihren Hals um seinen und umschlang ihn mit ihren Flügeln, während seine Strahlen ihre Federn küssten und sie zum leuchten brachten, als wären die Bäume um sie in einer eisig glühenden Glut gefangen.

    Ich hätte aus diesem einen längeren Satz tatsächlich zwei gemacht, einfach, weil die anderen nicht so ausführlich sind, d.h. im wahrsten Sinne des Wortes schnell auf den Punkt kommen, und sich dadurch die Lesedynamik besser anhören würde, als wenn zwischen kurzen, prägnanten Sätzen plötzlich ein recht komplexer wie dieser stehen würde.

    Ansonsten, es hat mir wirklich viel Freude bereitet, deine Kurzgeschichte zu lesen - gerne mehr davon! (:

  • XXII


    Ich fühle mich wie im Dezember. Ich wollte im April dieses Update machen und habe mal wieder nur zwei Tage übrig. Aber dieses Update gehört einfach in den April, weshalb ich das jetzt noch zusammensetzen muss. Ansonsten nochmal ein Dankeschön für die Kommentare! Es ist schön, mal wieder andere Leute hier zu sehen. :3 Und dann noch ein kleiner Hinweis zu den Texten: Beide Titel sind mehr Platzhalter als Titel. Genauere Infos dazu gibt es in den jeweiligen Vorworten. (P.S. Ich bin absolut unzufrieden mit der Farbwahl. Ich hab keine Ahnung, was es ist, aber ich kriege es gerade einfach nicht besser hin ...) Ohne weitere Umschweife beginnt nun mein 2019ter Post mit zwei Texten im April. Viel Spaß beim Lesen!



    Frühling lässt sein blaues Band – von wegen!

    Frühling lässt sein blaues Band – von wegen!

    Am Himmel über uns’rem Land schwebt Regen,

    In den dunklen Grauen Wolken gut versteckt,

    Dass man auch ja kein bisschen Blau entdeckt.


    Drauf warten, dass der Lenz uns grüßt? Vergebens.

    So sehr du, Sonne, dich bemühst, des Lebens

    Neubeginn war kaum erschienen und verschwand;

    Noch haben Wind und Kälte Überhand.


    Leise rieselt morgens Schnee hernieder

    Und dann die Sonne blendet, eh – schon wieder –

    Starker Wind das Wolkenbild verschiebt,

    Sodass es nunmehr Regenschauer gibt.


    Ach, komm doch, lieber Mai und mach vergessen,

    Wie lang uns hat des Winters Schmach besessen,

    Und mach die Welt um uns auch endlich grün,

    Auf dass die träumend Veilchen balde blüh’n.



    Herbst am See

    Sanft legt sich der Morgennebel auf den See, als wollte er das andere Ufer hinter einem Schleier verstecken. Ein heftiger Windstoß fegt durch die fast kahlen Bäume und lässt vereinzelt die trockenen Blätter rauschen, als wollte er uns wecken. Aber wir sind noch wach. Ich weiß nicht genau, wieso, aber wir beide stehen hier nach dieser langen Nacht. Eine dunkle Nacht, eine Feier – nur für wen?
    Es ist kalt. Viel zu kalt. Wir sind beide zu dünn angezogen für dieses Wetter. Und obwohl wir das wissen, trifft uns der Wind jedes Mal unvorbereitet. Manchmal glaube ich, wir hätten nichts machen können, um das alles zu verhindern. Als wäre es einfach immer schon eine Frage der Zeit gewesen. Und manchmal sehe ich in die Nachbarländer und frage mich, warum es bei ihnen so viel besser läuft, frage mich, was wir falsch gemacht haben. Ich friere nicht, weil ich die Sonne nicht sehen kann. Ich friere, weil ich dabei bin, die Hoffnung zu verlieren. Ich habe Angst, dass sie nie wieder schiene.
    Lautes Geschnatter löst mich aus meinen Gedanken. Fast gleichzeitig schauen wir nach oben und beobachten einen Gänseschwarm; es wirkte fast, als flöhen sie. Wer weiß wohin.
    „Warum bist du noch hier?“, frage ich unvermittelt in die Stille hinein.
    „Ich will nicht gehen.“
    Du wartest nicht mit deiner Antwort, du kanntest sie schon vorher. Und ich kann sie verstehen. Ich bin die Prinzessin, ich darf nicht gehen. Du könntest, aber du willst nicht. Und ich würde auch nicht wollen. Dies ist doch unsere Heimat. Trotz allem gehören wir doch hierher. Oder?
    Wieder weht der Wind etwas stärker, als wollte er uns daran erinnern, wo wir sind, wer wir sind, warum wir hier sind. Er trägt die lauten Rufe aus der Stadt zu uns, genauso wie er das tote Laub über das Wasser fliegen lässt. Er fegt den Boden frei und unsere Gedanken. Als könnten wir an etwas anderes Denken. Egal, was der Wald versucht, wir können uns nicht in seinem Anblick verlieren. Nicht dass die Kälte des Windes so etwas jemals zugelassen hätte. Wir können nicht so tun, als würden wir es nicht sehen. Es ist überall.
    Im Zwielicht des anbrechenden Tages wirkst du blass. Viel blasser als dich die Ereignisse der letzten Tage eh schon gemacht haben. Trotzdem wirkst du nicht eingeschüchtert, nur erschöpft. Manchmal glaube ich, wir haben vergessen, wofür wir kämpfen.
    „Warum bist du noch hier?“, fragst du, obwohl du die Antwort kennst.
    „Das Wetter ändert sich“, erwidere ich. „Sie lassen uns nicht die Zeit, uns auch zu ändern. Es ist zu Ende. Ich weiß nicht, warum ich bleibe. Aber ich will nicht, ich kann nicht gehen.“
    Ich habe nichts gesagt, was du nicht selbst schon wusstest, aber ich habe es aussprechen müssen. Der Druck in meinem Inneren war zu groß. Er ist immer noch da, aber es ist leichter, wenn man weiß, dass man nicht alleine ist. Und wir beide wissen, dass wir nicht gehen werden. Trotzdem tut es gut, es zu hören.
    „Wow.“ Du drehst dich um und ich tue es dir nach. „Wunderschön, nicht wahr?“
    „Ja.“
    Schweigend betrachten wir, wie sich die roten Flammen über der Stadt ausbreiten, in den Himmel züngeln und Funken sprühen. Alles brennt. Und trotzdem, obwohl alles, was wir kannten und liebten in Flammen aufgeht, ist es doch ein Anblick so voller Schönheit, dass wir fast vergessen wollen, was er bedeutet. ‚Nur der Rest.‘ Die Worte schießen durch meinen Kopf und eine Gänsehaut überzieht meinen Körper, die der Wind auch nicht mehr verstärken kann. Ich habe es verstanden, auch wenn ich es nicht wahrhaben will. Es wird nie mehr so sein, wie es einmal war.
    Wie ein Feuerwerk stieben die Funken Richtung Himmel. Ich kann nicht sagen, wie lange wir nur da stehen, und zusehen, wie der Nebel weniger und das Feuer immer deutlicher wird. Vielleicht hätten wir noch etwas machen können. Vielleicht auch nicht.
    Vor unseren Füßen zerrt der Wind an den hellen Blüten der Glockenblumen. Man konnte fast vergessen, dass Frühling ist.

  • Ähem, ein Gedicht - hi:blush:


    Ich mag diese "Kommentare" im Gedicht xD Das hat sowas von nem Poetry Slam Beitrag Man merkt wirklich die Frustration über das schlechte Wetter und in Anlehnung an das Gedicht "Er ist's" ist das wirklich cool gemacht ^^ In der ersten Zeile das altbekannte Gedicht und dann einfach nur noch Beschwerde und Bitten, dass doch endlich mal gutes Wetter kommen soll. Ich mag das! Und dann auch nochmal mit den Veilchen die Schleife zum Originalgedicht geschlagen, wirklich schön ^^


    Auch so förmlich finde ich es wirklich schön. Es liest sich leicht und flüssig runter und die "Kommentare" und Einwürfe einzelner Wörter am Ende des Verses brechen die Struktur schön auf und lassen es nicht zu monoton wirken ^^


    Also ja, mehr qualifiziertes kann ich an der Stelle auch nicht mehr sagen, außer dass ich dein Gedicht (wie so ziemlich alle deine Gedichte) wirklich mag! <3