Kommunikation, öffentlicher Dienst. Wir sind zwei Personen in der Abteilung, also die Mindestanzahl, die es für ein Team braucht. Daher sollte es auch eine Teamleitung für uns geben. Anfang letzten Jahres hieß es, dass die Stelle im zweiten Quartal ausgeschrieben werden soll und wir uns natürlich auch darauf bewerben könnten. Dann hieß es, bis September käme die Ausschreibung, sie wäre noch nicht ganz fertig geworden. Dann war November, und wir entdeckten im Kalender, dass für die Stelle ein Vorstellungsgespräch eingeplant war. Wir bekamen die Info, dass wir ab Dezember eine neue Kollegin bekommen würden. Zwei Wochen später hatte sie ihren ersten Tag.
Wir anderen? Wir durften uns gar nicht erst bewerben. Nicht, weil wir nicht wollten, sondern weil … so viel zu tun war, dass man sich nicht auch noch mit einem Bewerbungsverfahren beschäftigen wollte. Und weil sich die neue Kollegin eigentlich auf eine andere Stelle in der höheren Dienststelle beworben hatte, dort im Ranking ganz weit oben stand, aber dennoch nicht genommen wurde. Sie hatte sich also auf eine Stelle weit weg von zu Hause beworben und hätte bestimmt zwei Stunden Pendelweg gehabt. Gut, dass die Dienststelle wusste, dass bei uns eine Teamleitung gesucht wurde, und dass sie dafür eine passende Bewerberin hatte, die nur etwa 20 Minuten entfernt wohnt.
Ich hätte mich natürlich auch gefreut, wenn ich eine Chance auf diese Stelle bekommen hätte und mich einfach nur darauf hätte bewerben können … egal. Es wäre auch gut gewesen, wenn wir eine supererfahrene neue Kollegin bekommen hätten, die einen großen Mehrwert fürs Team bringt und interessante Perspektiven aus dem Berufsleben mitbringen würde. Aber nein: Das ist nicht der Fall. Daher habe ich mich bei unserer Chefin über die plötzliche Auswahl und Besetzung beschwert. Und sie sagte: „Sieh es als Chance, dass du dann auch Arbeit abgeben kannst, die du nicht machen willst.“ Ich will aber die Arbeit gern machen. Und weiter: „Dass es keine Bewerbungsphase gab, bedeutet auch, dass ich sie ganz genau beobachte und schaue, ob sie gut ins Team passt. Wir haben hohe Erwartungen an sie. Sie hat ein halbes Jahr Probezeit, also muss sie den Erwartungen auch gerecht werden, sonst habe ich auch kein Problem damit, sie wieder zu entlassen.“
Rein formal scheint es im öffentlichen Dienst ja Regelwerke zu geben, die Chancengleichheit, Transparenz, und Bestenauslese als Prinzipien vorsehen. Antikorruption, heißt auch, dass nicht bestimmte Leute bestimmte Jobs erhalten. War hier nicht der Fall, ich weiß. Der Personalrat hat das Verfahren abgesegnet. Das höhere Haus hat die Person erst vorgeschlagen. Eine Ausschreibungspflicht gibt es nicht. Alles gut, alles korrekt. Mehr hätte ich nicht tun können.
Die Chefin hat recht. Wir müssen uns alle in der Probezeit beweisen und zeigen, dass wir den Anforderungen gerecht werden und gut ins Team passen. Da führt eigentlich kein Weg dran vorbei. EIGENTLICH. Joker: Die Kollegin trug bei ihrem Vorstellungsgespräch eine nicht unerhebliche Menge an Schals um den Hals, schwarze Kleidung kaschiert ja den Körper auch ganz gut. Und sie hat es geschafft, an den Argusaugen des achtköpfigen Auswahlgremiums vorbeizukommen. Sie bekam den Arbeitsvertrag zur Signierung vorgelegt, und mit dem letzten Tintenstrich, während der Stift wieder in die waagerechte Position auf den Tisch gelegt wurde, sagte sie die drei Worte, die alles zur Nichte machten: „Ich bin schwanger.“
Und damit meinte sie nicht, dass sie in einigen Monaten, nach ihrer Einarbeitung, dem Beweisen ihres Könnens und der Aufwertung des Teams durch ihr Dasein, sie uns als Zweierteam zurücklassen würde, um in den Mutterschutz zu gehen. Nein, zu diesem Zeitpunkt war sie bereits irgendwo im fünften Monat, konnte im Dezember schon ihr fettes Teamleitungsgehalt einsacken, wobei sie zwei Wochen wegen der roten Tage gar nicht arbeiten musste, kann den Januar über chillen, weil es sich für die Einarbeitung kaum lohnt. So schnell bekommt sie weder die notwendigen Zugänge noch die noch notwendigeren Kurse. Und Anfang Februar hat sie schon ihren letzten Arbeitstag.
Für sie ist das selbstverständlich ein Lottoschein mit Superzahl, Spiel 77 und Super 6 – den sie wohl ohne Glücksspirale gespielt und gewonnen hat. Heimatnaher Job, Führungskraft, gutes Gehalt und so weiter. Wir hätten uns für uns selbst nichts anderes gewünscht, hätten womöglich dasselbe getan und uns gefreut.
Letztlich sind wir bald wieder zu zweit. Die Neue blockiert die Stelle. Sie will nicht so lange in Elternzeit gehen, dass eine Vertretung eingestellt werden könnte. Und alles, was mir meine Chefin als Baldrian mitgegeben hat, hat sich auch in Luft aufgelöst. Denn die Probezeit endet in der Elternzeit. Für die Chefs ist es totales Pech, für uns als Team ist es bitter. Und man fragt sich, ob sich das der Gesetzgeber eigentlich so vorgestellt hat.